Supplements to Member Lectures
GA 246 — 27 March 1910, Vienna
Osterhoffnung, Ostererwartung, Osterideal
Meine verehrten Anwesenden!
In unserer Zeit sehen wir in der äußeren Welt die von alters her gewohnten Feste und Feiern, wir sehen sozusagen alte Erinnerungen in diesen Festen und Feiern sich fortsetzen, und wenn wir dann fragen: Was fühlen heute die Herzen, wenn sie Feste des Jahres begehen? Wenn wir insbesondere darum fragen: Von welcher Wärme des Herzens werden die Seelen durchzogen, wenn die Jahresfeste in der Gegenwart gefeiert werden? - Dann werden wir im Allgemeinen finden, dass die Herzen gar sehr erkaltet sind gegenüber dem, was Gebräuche und Einrichtungen und Gewohnheiten an solchen Festtagen sind, und wir werden namentlich finden, dass ein rechtes und echtes Verständnis für solche alten Gewohnheiten in unserer Gegenwart ziemlich geschwunden sind. Wenn Geisteswissenschaft wiederum ihre Einkehr halten wird in die Seelen und Herzen der Menschen, dann werden diese letzteren mit vollem Anteil wiederum sein können bei demjenigen, was wir Jahresfeste nennen.
Es sind schon, meine verehrten Anwesenden, Feste der Erinnerung; es sind aber kraftvolle und anfeuernde Feste für das menschliche Herz, für die menschliche Seele, es sind vor allen Dingen Feste der Hoffnung, Feste der Erwartung, Feste des Ideals. Und derjenige, der im rechten Sinne das zu fühlen versteht, was sich zum Beispiel hinter dem Osterfest verbirgt, der kann in diesem Gefühl haben ein Fest der Erwartung, ein Fest der Hoffnung, ein Fest des Ideals.
Man muss zunächst die äußeren Zeichen zu deuten wissen, aus denen heraus uns sozusagen Menschheitsverständnis anleiten will, was für uns das Osterfest sein kann. Wie feierte die Menschheit Ostern? Wie feiern selbst in unserer Zeit noch viele Ostern, ohne dass sie mit vollem Verständnis hinter diesem «Wie» eigentlich stehen? Abgewartet wird — so feiern die Menschen Ostern - die Zeit, in welcher allmählich sich löst die Schneedecke, das Winterkleid der Erde; abgewartet wird die Zeit, in welcher schlummerte der Pflanzensame in der Erde; gehofft wird durch Monate hindurch auf die Zeit, da hervorrufen die erneuerten wärmenden Sonnenstrahlen diese Pflanzensamen der Erde und wo sich unsere Erde statt mit dem Schnee des Winters wiederum bedeckt mit dem Grün des Frühlings. Da wird unser Herz, wird unsere Seele warm, da fühlen wir die aufkeimende, aufsprossende Natur, da tragen wir in unserer Seele Hoffnung und Erwartung für den kommenden Sommer. Denn die ersten Spuren der aus der Erde hervorsprossenden Pflanzensamen verkünden uns, dass wir diese Erde im Blütenschmuck und Herbstessegen die nächsten Monate hindurch um uns haben werden. Und es ist die Zeit der Frühlingstagundnachtgleiche [...], es ist der 21. März, auf den unsere Seele also wartet als auf den Tag, der herauslockt aus unserer Erde die sprießenden, sprossenden Keime, die uns so viel versprechen für die Sommer- und die Herbstzeit. Aber wenn wir auch mit Dank hinaufblicken zur erwärmenden und erleuchtenden Sonne, die uns den schlafenden Samen aus der Erde herauslockt, wir begehen, wenn wir Ostern verstehen, noch nicht mit dieser Frühlingssonnenwende unser Ostern. Wir warten von dieser Frühlingssonnenwende, von dem Tag des 21. März, wir warten ab, bis wieder der Vollmond leuchtend am Himmel steht. Wenn uns der Vollmond leuchtend am Himmel steht und wir zu ihm hinaufschauen, dann können wir fühlen herunterblicken zu uns das Licht der Sonne in einer anderen Form. Es sendet uns - der Vollmond — aus der Nacht zurück das Licht der Sonne; er sendet es uns zurück so, wie wir es, meine verehrten Anwesenden, heute etwa sehen, wenn wir hinblicken auf die hervorsprossenden Pflanzen. Der Vollmond sendet uns das Licht der Sonne so zu, dass wir es in seiner Abschwächung unmittelbar als Sonnenlicht, aber auch durch die Nacht hindurch sehen können. Und dann sagen wir uns, hinaufblickend zu dem Frühlingsvollmond nach dem 21. März: Hinweg von der Erde, hinaus in den Himmelsraum müssen wir den Blick richten, zu einer anderen Verkündigung der Sonne. Und wenn wir auch noch so sehr bewundern können die Wirkungen der Sonne, die sichtbaren Wirkungen der Sonne, die sich uns versprechen mit der Frühlingssonnenwende für das Jahr hindurch: Wir müssen als Menschen aufblicken können von demjenigen, was sich auf unserer Erde vollzieht, wir müssen in höheren Räumen eine aufgehende Hoffnung erschauen können mit dem Sonnenlicht. Und wir fühlen ein wenig, indem wir so aufblicken zu dem Vollmond, der uns die Frühlingsnacht durchleuchtet, wir fühlen ein wenig dasjenige in unseren Seelen, was wir etwa umgießen könnten in die Worte: O, schön ist es, was da aufkeimt aus dem schlafenden Samenkorn der Erde! Schön wird es sein, was als Blüten- und Früchteschmuck das Jahr über die Erde umgeben wird! Aber es wird die Zeit kommen im Jahre, wo das hinsterben wird, was die Frühlingssonne am Sonnwendtag uns gegeben hat. Ein Herbst wird ablösen den Frühling, ein Winter den Sommer.
Wir Menschen aber, wir blicken auf von diesem Bild des Schönen, aber des vergänglichen Schönen, das sich uns in seiner Vergänglichkeit in so kurzer Zeit vor das Auge hinstellt, wir blicken auf von diesem Gleichnis des Vergänglichen in höhere Welten; wir tragen die Hoffnung ins uns, dass uns die Sonne zu verkündigen hat noch etwas anderes als das, was uns in dem Bild der Vergänglichkeit des Jahres vor Augen stehen kann, wir blicken von der Erde weg zu dem Sohn der Erde, der sich ausgesondert hat von der Erde einstmals, der einstmals zur Erdensubstanz gehört hat, der sich von ihr ausgesondert hat, der sie nun umkreist. Wir blicken zu ihm auf und suchen in dem Vollmond nach der Frühlingssonnenwende den Sohn der Erde, der uns zurückwirft das Licht der Sonne, um uns außerhalb des Bildes der Vergänglichkeit der Erde ein Bild davon machen zu können, von dem, was von dem Licht der Sonne Gleichnis sein kann für das Ewige, für eine Hoffnung, die nicht ein Herbst in so unmittelbarer Nähe ablösen kann. Und wenn wir dann mit vollem Verständnis also zu dem Gleichnis, das uns aus dem Weltenraum entgegenschaut, hinaufgeblickt haben, zu dem Vollmond nach der Frühlingssonnenwende, dann, dann behalten wir diesen Gegensatz des Ewigen und des Vergänglichen in unserem Herzen und warten bis zu dem nächsten Tag, den Menschengeist geweiht hat dem Sonnenlicht, und begehen an dem ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond den Ostersonntag und geloben es uns in unserem Herzen, dass wir verstanden haben: O, wir werden, wenn wir das Sonnenlicht im Geiste heute auch nur widergespiegelt sehen, wenn wir auch nur einen Abglanz des Geistes der Welt heute sehen können, wir werden die Hoffnung niemals in unseren Herzen ersterben lassen, dass aus uns selber etwas hervorgehen kann, etwas erweckt werden kann, was ein Ewiges ist gegenüber aller Vergänglichkeit. So blicken wir von der Erde in die Himmelsräume hinaus, um Verständnis zu haben für den Ostersonntag.
Es ist sinnig und tief, dass das Osterfest so eingesetzt worden ist, dass cs fallen soll auf den ersten Sonntag nach dem Vollmond, der auf den 21. März, auf den Frühlingssonnenwendtag folgt. Und solang die Menschheit nur einen Funken des Verständnisses sich bewahren wird für das, was dieser Sonntag in unseren Herzen wachrufen soll, wird sie sich kaum nehmen lassen diese Festsetzung des Ostersonntages, die herausgeholt ist aus den Geheimnissen des Weltalls, und die uns, wenn wir sie verstehen, immer hinwegführen kann mit unserer Hoffnung, mit unserer Erwartung, mit unserem Ideal, von dem Zeitlichen zu dem Ewigen.
Und dann, wenn wir uns dieses Gefühl aus dem Makrokosmos, aus der großen Welt heraus in ihren Zeichen angeeignet haben, dann blicken wir wohl auf den Menschen selber zurück, wir blicken auf diesen Menschen, wie sein Leben abläuft, abläuft von Tag zu Tag, sich wiederholend von Tag zu Tag, sodass der Mensch allerdings in dieser Wiederholung fortschreitet, dass er eine Entwicklung durchmacht vom Niederen zum Höheren. Wenn der Mensch nun in diese seine eigene Entwicklung schaut, wenn er sozusagen den Blick abwendend mit demjenigen Gefühl, das er sich aus dem Weltall geholt hat, auf sich selber blickt, dann kann er sich sagen, geistig sein Dasein verstehend sich sagen: Es wiederholt sich in meinem Leben Tag für Tag, wie sich draußen in der Welt wiederholt Jahr für Jahr, es bringt mir jeder neue Morgen Erfrischung meiner Kräfte für mein Tagwerk, sodass ich arbeiten kann vom Morgen bis zum Abend; es bringt mir jeder Abend eine Art von Herbst. Die Ermüdung jeden Abend zwingt mich dazu, zurückzukehren mit meiner Seele in Regionen des Weltalls, schlafend zu verarbeiten die Kräfte, die ich während des Tagwachens, während der Tagesarbeit in mich aufgenommen habe, um sie am Morgen wiederum aus dem unbestimmten Dunkel meiner Seele heraus aufzuerwecken. Und unsere Seele kann sich sagen: Ich erlebe gleichsam jeden Tag in mir ein Bild des Frühlings, des Sommers, des Herbstes, des Winters. So wie das Samenkorn der Erde schläft während des Winters in der Erde, so wie es begrüßt wird von der Frühlingssonne zum Aufwachen, wie es sich entfaltet zur Blüte und Frucht im Sommer (und im Herbst) und wieder einschlummert während des Winters, um zu neuem Leben zu erwachen, so ist es im Grunde genommen von Tag zu Tag mit unserer Seele, und wir leben nur mit Verständnis, wenn wir uns dieses Leben unserer Seele von Tag zu Tag sozusagen vorstellen wie ein Bild, wie ein Gleichnis des Jahrlaufes der Pflanze. Wir eignen uns an während unseres Tages-Sommers diejenigen Kräfte, die uns weiterführen sollen in der Entwicklung der Welt. Wir legen diese Kräfte des Abends in unser schlummerndes Bewusstsein hinein. Wie das schlafende Samenkorn in der Erde ruht den Winter hindurch, so schlummern unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Willensimpulse im Untergrund unserer Seele während der Schlafenszeit. Und wie das Samenkorn im Frühling hervorgerufen wird von der es grüßenden Sonne zu neuem Leben, so ruft uns jeder neue Morgen, jeder Tagesfrühling unserer Seele durch die Sonne hervor zu neuem Schaffen, zu neuer Arbeit. Und es wiederholt sich Tag für Tag unser Leben.
Wir wissen aber, dass diesem Leben eine Grenze gesetzt ist, wir wissen, dass diese Wiederholung dem Reiche der Vergänglichkeit angehört, und wir wissen auch, wenn wir ein wenig Geisteswissenschaft auf uns wirken haben lassen, dass wir nur dann aufblicken dürfen von der Vergänglichkeit des Tages zu einem Ewigen, das in uns des Morgens aufwacht, das tagsüber arbeitet, des Nachts schlummert, dass wir nur dann aufblicken dürfen in unserer Entwicklung zu einem solchen Ewigen, wenn wir dieses Ewige uns suchen hinter den vergänglichen Eindrücken, hinter den vergänglichen Arbeiten des Tages. Als Menschen blicken wir von all dem, was uns der Tag bringen kann, was uns der Tag bringen kann von Freuden, was uns der Tag bringen kann auch von Schmerzen, was uns der Tag bringen kann an Erkenntnis, was uns der Tag bringen kann von Irrtümern, von all dem blicken wir zu etwas auf, was im Grunde genommen für viele, viele Seelen durch lange, lange Entwicklungszeiten hindurch wie ein ausgestoßener Sohn des Seelenlebens ist. Ja, meine verehrten Anwesenden, wie ein ausgestoßener Sohn des Seelenlebens! Denn es gibt lange, lange Entwicklungszeiten für die menschliche Seele, da lebt sie hin, des Tages Freud und Leid genießend, in sich hereinnehmend das, was der Tag bringt. Zufrieden mit dem, was der Tag bringt, lebt diese Seele mit dem Glauben, dass sie nur Erkenntnisse und ein Wissen sich erwerben könne, welche diesem Tag entnommen sind. In vielen, vielen Seelen ist auch heute noch, ist auch die Gegenwart noch nur die Veranlassung, hinzuschauen auf dasjenige, was mit dem Morgen entsteht, was mit dem Abend vergeht. Ein kleiner Aufblick in das Menschenleben, er kann uns lehren, wie wir, wenn wir so in die Welt schauen, dennoch nur ein Bild der Vergänglichkeit vor uns haben, so wie wir ein Bild der Vergänglichkeit vor uns hätten, wenn wir uns nur freuen könnten zur Zeit der Frühlingssonnenwende am 21. März. Wir können selbst unsere Seele hinrichten zu den größten Freuden, zu den größten Erfahrungen, zu den höchsten Begeisterungen, welche uns werden kommen aus dem, was uns unserer Seele entsteht durch den Lauf des Tages.
Und wenn wir hinblicken auf die größten der Menschen, was ihnen aus dem Lauf des Tages werden konnte an ihren Entwicklungskräften, es gibt uns das nur ein Bild der Vergänglichkeit. Gewiss werden wir Menschen schon Hoffnungen und Erwartungen und Ideale haben können, wenn wir aufblicken zu dem, was sozusagen Menschen erreicht haben, die eine höhere Stufe des Daseins erklommen haben. Blicken wir hin zu dem, was solche Menschen geschaffen haben für die Entwicklung des Geistigen! Blicken wir hin zum Beispiel zu dem, was - sagen wir - ein Raffael, ein Michelangelo, ein Leonardo da Vinci oder sonstigen Größen der Menschheit geschaffen haben mit den Mitteln der Vergänglichkeit! Da werden wir uns sagen können: Unzählige Seelen haben sich entzückt und werden sich entzücken an demjenigen, was geschaffen haben diese Menschen mit den Kräften, die sie aus dem Reich der Vergänglichkeit gesogen haben. O, wie viele Menschen erfreuen sich an den Bildern Raffaels, Michelangelos, Leonardo da Vincis! Blicken mit Dank hin zu dem, was ihnen diese großen Persönlichkeiten der Menschheit geliefert haben! Aber es wird der Augenblick kommen, wo unsere Seele sich sagt: Viel, viel haben uns diese großen Persönlichkeiten gegeben; aber eine Zeit wird kommen - sicher wird eine Zeit kommen -, da alles das, was hingezaubert haben in das Reich der Vergänglichkeit die Persönlichkeiten von Raffael, Michelangelo, Leonardo da Vinci, da alles das, was von den Wänden (der Galerien) herunter entzückt Menschenseelen und erhebt Menschenseelen, da alles das zerstoben sein wird zu Staub, da nichts mehr uns herunter erfreuen wird von den Wänden von den Werken dieser Persönlichkeiten.
Dann, wenn wir mit einer gewissen Wehmut hinblicken auf die Vergänglichkeit selbst derjenigen Werke, die man im gewöhnlichen Leben so oft die unsterblichen Werke nennt, wenn wir mit Wehmut hinblicken auf die Vergänglichkeit des Daseins auf diesem Gebiete, dann fühlen wir wohl die Nötigung, auf etwas anderes zu blicken, dann fühlen wir die Nötigung zu blicken auf die Seele, die in Raffael verkörpert war, auf die Seele, die verkörpert war in Michelangelo, auf die Seele, die verkörpert war in Leonardo da Vinci, und auf die Seelen, die verkörpert waren in den anderen Persönlichkeiten bis herunter zu der kleinsten menschlichen Persönlichkeit. Und wir sagen uns dann: Das, was diese Seelen hineingezaubert haben in das Reich der Persönlichkeit: Es wird ganz gewiss vergehen, ganz gewiss bis zum Staub zermalmt sein eines Tages, aber das, was diese Persönlichkeiten geschaffen haben, das erschöpft sich nicht in demjenigen, was sie dem Erdenreich gegeben haben. Das, was Raffael, was Leonardo da Vinci, was Michelangelo hingezaubert haben auf die Leinwand, das, das sandte auch einen Strahl zurück in die eigenen Seelen dieser Menschen - und mehr waren die Seelen dieser Menschen, nachdem sie diese Werke geschaffen hatten, als sie vorher waren. Ein erhöhtes Dasein hatten die Seelen dieser Menschen nachher. Und wir blicken wohl von dem, was die Seele des Raffael hinausgeschickt hat auf die Leinenwand, wir blicken von dem, wenn es uns auch noch so sehr erfreut, zu der Seele des Raffael selber, zu dem, was da von dem Reich der Vergänglichkeit hineingegossen worden ist in diese Seele. Und wenn wir dann mit Verständnis blicken auf das, was aus seinen Bildern in Raffael selber sich hineinergossen hat, dann können wir die Erwartung in unserer Seele aufkeimen fühlen, dass dasjenige, was in diese Seele hineingegangen ist, dass das überdauern wird nicht nur, sondern als ein Ewiges erstrahlen wird gegenüber dem, was sie hinaus auf die Leinwand hat zaubern können. Auf der Leinwand ist das Vergängliche, in der Seele des Raffael ist das Ewige, das überdauert das Vergängliche.
So erheben wir uns von alledem, was im Menschenleben erworben werden kann im Tagesfrühling, im Tagessommer, im Tagesherbst, am Morgen, am Mittag, am Abend, was wie Pflanzenform schlummert im Tageswinter, in der Nacht, im Schlafzustand, so erheben wir uns zu dem, was in uns die Ahnung weckt, die Hoffnung und Erwartung erweckt, dass aus jedem Tag heraus in unserer Seele selber erwacht etwas, was hinwegführt über alles Zeitliche, über alles Vergängliche. Wenn wir dieses, meine verehrten Anwesenden, in der Seele fühlen, dann haben wir in Bezug auf den Menschen etwas vollzogen, was ähnlich ist dem Anblick von der Frühlingssonnenwende zum leuchtenden ersten Vollmond durch die Frühlingsnacht. Erst haben wir geblickt auf dasjenige, was uns die Menschen in die Zeitlichkeit, in die Vergänglichkeit hereinstellen, dann aber ist uns aufgegangen die Vergänglichkeit dieses in der Zeit Geschaffenen; dann aber blicken wir hin auf die unendliche Seele selber, auf das, was sich uns bisher entzogen hat, wie der Mond sich uns entzieht, ehe er von sich aus uns das Sonnenlicht zusendet: dann blicken wir zu dem im Menschen, was uns entgegenschickt ein Ewiges, wie uns der leuchtende Vollmond durch die Frühlingsnacht hindurch sendet das Licht der Sonne. Und es erscheint uns ein Abglanz aus der Menschenseele von dem Ewigen, von dem geistigen Sonnenlicht.
Wenn wir also hinblicken auf das, was diese Seele sich bewahrt aus dem Zeitlichen, so erscheint uns ein Abglanz des Ewigen, des Geistigen, der geistigen Sonne selber. Es leuchtet uns aus dem Dunkel des Menschendaseins wie aus der Frühlingsnacht etwas entgegen, was wir vergleichen dürfen mit dem Bild des Vollmonds nach der Frühlingssonnenwende. Wenn wir uns erfreuen an den Werken der Menschen in der Vergänglichkeit, dann können wir warten, warten, bis unsere Seele sagt: Alles das, woran wir uns da freuen, das gehört der Vergänglichkeit an. Und wenn wir dann so warten, warten, aber jetzt mit Verständnis deutend die Zeichen der Seele - mit Verständnis, wie wir uns bemühten, die Zeichen des Himmelsraumes mit Verständnis zu deuten -, dann sagen wir uns jedes Mal, wenn wir aufblicken von dem, was von Menschen geschaffen werden kann im Reiche der Vergänglichkeit: Blicken wir auf etwas im Menschen, was uns erscheint wie ein ausgestoßener Sohn des Menschenlebens - ein ausgestoßener Sohn des Menschenlebens, weil das menschliche Bewusstsein in der Regel gar nicht auf ihn richtet den Blick zunächst. Solang der Mensch nur weilen kann in der Freude über das Vergängliche, hingerissen ist von dem Schmerz, der ihm wird von dem Vergänglichen, so lang wird er betäubt, und er kann nicht hinblicken auf den Widerschein des Ewigen aus der Menschenseele selbst heraus. Daher kann es kommen, dass viele Menschen, die ganz hingegeben sind dem, was der Tag bringt, leugnen dieses Ewige in der Menschenseele, dass sie nicht sehen, wie das Licht zurückgestrahlt wird von dem ausgestoßenen Sohn des Menschenlebens, von dem, was tief verborgen in der Nacht des Menschenlebens ruht, das wir nur erreichen können, wenn wir die Möglichkeit finden, hinzublicken zu dem, was uns aus der Menschenseele heraus widerstrahlt den Glanz des ewigen Lichtes. Und dann sind wir so weit, dass wir wie den Frühlingsvollmond diese menschliche Seele selber erblicken und sagen: Du bist in diesem Leben so, dass du ohne Licht bist, wie der Mond ohne Licht ist; du bist angewiesen, wie der Mond auf das Sonnenlicht, so bist du angewiesen auf dasjenige, was dir von außen Glanz und Leuchtkraft und erwärmende Kraft entgegenbringen kann. Aber wenn du aufnimmst diese erwärmende und diese Leuchtkraft, dann darfst du hoffen, dass ein Tag kommt für deine Seele, der sich unterscheidet von allen anderen Tagen, über denen die Sonne auf- und untergeht. Ein Tag muss kommen für die Seele, da in deiner Seele erwacht etwas, was dir unmittelbar sagt aus deinem Bewusstsein heraus: Es ist in jeder Menschenseele etwas von höherer, von ewiger Natur! - Ein Tag muss kommen, über den die Sonne so aufgeht, dass du weißt in deiner Seele: Du trägst in dir ein Ewiges, das alle Vergänglichkeit überdauert.
Und so feiern wir alljährlich den Ostertag - den Ostertag als eine Mahnung unserer Seele, als ein Fest der Erwartung, als ein Fest der Hoffnung, als ein Fest des Ideals. Wir feiern es so, dass wir uns an diesem Tag in die Seele mahnend einrücken: Ja, es wird! Tag um Tag vergeht für dich, Tag um Tag so, dass über ihnen die Sonne auf- und untergeht und dass du in deinem unentwickelten Bewusstsein nur das Vergängliche schaust und noch nichts weißt von dem unmittelbaren Aufschauen zum Ewigen; aber ein Tag wird kommen, der sich von allen Tagen unterscheidet. In der Fülle der Tage, die da folgen werden, wird deiner Seele Ostertag sein! Deiner Seele Ostertag aber wird das sein, wo du nicht mehr bloß in Hoffnung hinschaust auf das Ewige, auf das Unvergängliche in dir selbst, sondern wo du dieses Ewige, Unvergängliche schauend in dir gewahr wirst. Und dass wir niemals vergessen, dass zu unserem Höchsten, zu unserem Schönsten, zu unserem Weisesten in der Welt diese Erwartung eines Ostertags der Seele, diese Hoffnung auf einen Ostertag der Seele, dieses Ideal des auferstehenden ewigen Menschen in dem vergänglichen und zeitlichen Menschen sein soll, dass wir das niemals vergessen, dazu sollen wir die Erinnerung an diese Hoffnung, an diese Erwartung, an dieses Ideal jedes Jahr erneuern, wenn uns Veranlassung gegeben ist, aufzublicken von dem Bild des Zeitlichen zu dem Bild des Ewigen, des Dauernden, wenn uns die Natur sagt: Das Zeitliche lässt hervorreifen aus seinem Schoß das schlummernde Samenkorn; es wird aufgerufen zu einem zeitlichen Blühen und zeitlichen Fruchttragen; wenn dann aber in uns einzieht gegenüber der Freude des Frühlings die Wehmut, die uns sagt: Über alledem, was da aus der Erde herausdringt, wird sich ausbreiten die Zerstörung, das Vergehen, wenn wir dann sagen: Aber in den Gleichnissen der Erde, in den Tatsachen der Erde ruht nicht das, was der Mensch als das Höchste anstreben kann. Der Tag, der sagt: In unserer heutigen Zeit lebt noch nicht allein das, was wir brauchen zu unserem Leben; wir warten, nach dem uns der Frühlingssonnenwendtag ein Bild des Entzückens in der Vergänglichkeit in die Seele gegossen hat, wir warten die Vollmondsnacht ab, wir warten, bis uns aus der Dunkelheit und Finsternis der Widerglanz des Sonnenlichts erscheint, (der Sonne), die mit ihrem Licht dauert gegenüber aller Vergänglichkeit, die aufgehen wird allen Jahren, die ein Dauerndes ist gegenüber der Vergänglichkeit der Jahre. Und wir erinnern uns dann, dass wir dafür zunächst kein Bild haben - (dafür,) was uns die Sonne sagen kann über das Ewige, über das Dauernde -, kein Bild in der äußeren Welt, dass wir aber ein Bild gewinnen für dieses Ewige, das den Raum durchpulst und durchwebt, wenn wir das Aufblicken von dem Irdischen des Frühlingssommersonnwendtages, wenn wir das Aufblicken hinaus in den Weltenraum aufnehmen in unsere Seele und warten bis zu dem Tag, den der Menschengeist selber der Sonne geweiht hat, und an diesem Tag die Erinnerung daran in uns erneuern, dass in uns die Hoffnung, die Erwartung, das Ideal des Ewigen ruhen muss. Dann verstehen wir - wenn wir mit diesem vollen Gefühl, mit dieser vollen Empfindung unsere Seele erfüllen -, dann verstehen wir solche Monumentalworte, wie sie zum Beispiel der große Zarathustra gesprochen hat zu denen, die ihn verstehen konnten.
Der Zarathustra, der Zoroaster, er hat zu seiner Gemeinde gesprochen von einer Sonne, die nicht im äußeren Raume erscheint, von der die Sonne im äußeren Raum nur ein Bild und Gleichnis ist; von einer Sonne hat er gesprochen, die leuchten soll als Geistessonne allen Menschenseelen in einer Zukunft, die wir erwarten, die wir erhoffen, die uns als Ideal vorschwebt, und hingewiesen hat er auf diese Geistessonne seine gläubige Gemeinde mit den schönen Worten: «Ich will reden! Nun kommt und hört mir zu, Ihr, die Ihr von fern, Ihr, die Ihr von nah Verlangen darnach tragt! Ich will reden von dem, was in der Welt das Höchste ist; was Er mir geoffenbart hat, der große Ahura Mazdao - das ist der Geist der Sonne - und was allein den Menschen bringen kann jenen Tag, an dem das Ewige in ihrer Seele alles Zeitliche besiegt.» - Wenn wir so ablenken die Gefühle von der Natur auf das Geistige, wenn wir uns selber erwarmen und uns sagen: Rings um uns ist die Natur, auf sie blicken wir hin, und wir blicken nicht bloß auf sie hin, wir sind als Menschen dazu berufen, ihr ihre Geheimnisse abzulocken, die sie uns enthüllt dann, wenn wir aufblicken aus dem Zeitlichen in das Ewige, wir sind dazu berufen damit, dass wir in das Ewige aufblicken, das Ewige in uns selber aufzuerwecken: Dann haben wir in unserem Herzen Ostern begangen.
Solche Dinge, meine verehrten Anwesenden, werden zu einem gewissen Verständnis wiederum in der Menschenseele erwachen, wenn Geisteswissenschaft durchleuchten wird dasjenige, was die gewöhnliche Wissenschaft, das gewöhnliche Erkennen des Tages der Menschheit in so reichem Maße gebracht hat. Gewiss, wir blicken heute hin auf ein reiches Menschenwissen, auf reiche Menschenerkenntnis, auf die reichen Erfolge, welche die Menschheit im Lauf der Zeit in Bezug auf all dasjenige errungen hat, was der Tag bringen kann; aber der Mensch wird, wenn er ein klein wenig in sich selber einkehrt, sich sagen gegenüber all dem, was das äußere Wissen, die äußere Erkenntnis, was Verstand und äußere Kultur den Menschen gebracht haben, er wird sich sagen: Das alles sind doch auch nur Güter der Vergänglichkeit, das alles ist nur etwas Vorübergehendes. Aber es lebt, es lebt durch die Menschheit selber ein ausgestoßener Sohn, ein Sohn, der insbesondere auch heute recht sehr ausgestoßen ist; es lebt in der menschlichen Seele etwas, von dem heute viele Menschen sagen: Ach, da kommen einzelne Träumer, einzelne Phantasten, die erzählen uns allerlei Geheimnisse von den geistigen Welten; die gibt es aber gar nicht. Wir wollen leben in dem, was unsere herrliche, äußere, materielle Kultur durch die Jahrhunderte geschaffen hat.
Da gibt es wohl auch andere, die ganz bedeutend hingegeben sind gegenüber dieser materiellen Kultur und die gar nicht einmal sehen können, dass so etwas wie ein in der menschlichen Seele schlummerndes Ewiges vorhanden ist. Da sehen wir die Menschen, die ihre Tage zubringen (damit), nur den Blick hinzurichten auf das, was ihnen dieser Tag geben kann; da sehen wir vielleicht auch solche, die mit Hohn und Spott blicken auf das, was als eine Botschaft vom Ewigen sich gerade jetzt wiederum hereinstellt in unsere Zeit als Geisteswissenschaft oder Theosophie. Diejenigen aber, welche nur ein klein wenig sich angeeignet haben von der Empfindung des Weisheits- und Wahrheitsgehaltes dieser Geisteswissenschaft oder Theosophie, die werden blicken auf all diejenigen, die mit äußerem Wissen, mit äußerer Kultur entweder nichtsahnend von dem Ewigen sprechen oder aber mit Hohn und Spott es übergießen. Diejenigen, die gefühlt haben die Wahrheit und Weisheit der neuen Verkündigung, die werden auch empfinden können, wie in dieser neuen Verkündigung etwas in die Nacht unserer heutigen rein äußeren materiellen Kultur hineingesetzt ist.
O, wir können auch in der Zeit eine Art Frühling feiern. Wir können in unsere Zeit hineinblicken, so, dass wir, wenn wir ein wenig Gefühl haben für das Geistige, uns sagen: Da draußen ist eine herrliche materielle Kultur, eine Kultur, die stolz auf sich selber ist und auf die die Menschen es sind; da draußen ist eine äußere Wissenschaft, die stolz auf ihre Erfolge ist in Bezug auf das, was sie mit physischen Organen erfassen kann und mit physischem Verstand begreifen kann. Aber dann, dann blicken wir wohl in die eigene Seele mit unserem Verständnis für das Geistige und warten ab, was dieser Blick uns, in der Seele wandelnd, gibt. Dieser Blick gibt uns, in der Seele wandelnd, dasjenige, was sich ausbreitet von Finsternis und Schwärze; denn wir wissen, dass Vergänglichkeit das Los ist alles dessen, was der Mensch mit seiner äußeren Erkenntnis erringt, mit seiner äußeren Kultur erringt. Das wissen wir. Und dann schauen wir hinein gegenüber dieser äußeren Kultur in etwas wie in eine Nacht; dann dürfen wir aber vielleicht auch, wenn wir also in die Nacht hineinschauen, da dürfen wir wohl auch eine Empfindung, ein Gefühl erwecken in uns für das, was uns Geisteswissenschaft oder Theosophie heute in unserer geistarmen Gegenwart sein soll. Wie ist es uns dann? Dann ist es uns so, dass wir uns sagen: Gewiss, wir blicken mit vollem Anteil zu all dem, was Menschengeist und Menschenseele geschaffen haben für den Tag, wir blicken auf die hohen Werke der äußeren Kultur und die höheren Werke der äuReren Wissenschaft und können uns an ihnen erfreuen, wie wir uns erfreuen können an dem aufwachenden Samenkorn, das die Erde verlässt zur Blüten- und zur Fruchtbildung. Wir sind nicht stumpf gegenüber dem, was uns äußere Kunst und Wissenschaft bieten; wir nehmen alles das bereitwillig auf. Nicht weltenfremd sollen wir sein, wir sollen als Theosophen nicht vergessen, dass auch für uns der «Welten-21. März» ist der Frühlingssonnenwendtag, der freuen lassen will unsere Seele an alle dem, was im äußeren Leben Menschen geschaffen haben. Wir haben Verständnis für alles das, was äußere Kultur darbietet, für alles das, was äußere Wissenschaft darbietet, wie wir Verständnis haben für die aufsprießenden Frühlingspflanzen. Aber dieses Verständnis ist uns wie ein solches, das wir empfinden am Frühlingssonnenwendtag, wenn wir uns zugleich klarmachen: Vergänglichkeit ist ausgegossen über den Frühlingspflanzen. Also ist Vergänglichkeit ausgegossen über dasjenige, was äußere Kultur und Wissenschaft ist.
Dann aber warten wir, warten, bis unsere Seele die Sehnsucht und den Hang hat nach dem, was aus der Nacht, aus demjenigen, was vor allen Dingen als Nacht empfinden diejenigen, die ein Verständnis haben für das Ewige und Unvergängliche, was aus dieser Nacht heraus erglänzt: Da erglänzt - aus dieser Nacht heraus -, wenn wir warten mit richtigem Verständnis, dennoch das, was wir empfinden wie einen Widerschein eines geistigen Lichts. Wir können diese Empfindungen wohl haben, wenn wir uns unserer Menschenwürde ganz bewusst sind. Denn welche empfindende Menschenseele würde nicht einmal auch denjenigen Tag haben, wo sie sich sagt: Ja, ich kann mich freuen an all dem, was die äußere Kultur und Wissenschaft gebracht haben, kann befriedigt sein in gewisser Weise mit dem, was die äußere Kultur und Wissenschaft bringen. Dann aber, wenn ich auf die höheren Bedürfnisse meiner Seele blicke, dann wird es trotz dieser Kultur, trotz Telegrafen und trotz der Luftballonhoffnungen und trotz allem anderen, was die neueren Forscher mir sagen können, dann wird mir trotz alle dem die äußere Welt dunkel und finster.
Warten will ich. Aber ich warte nicht umsonst, ich brauche in der Gegenwart nicht umsonst zu warten und zu arbeiten: Es stellt sich in die Gegenwart etwas hinein, was die Verkündigung einer geistigen Welt ist. Und aus diesem in die Gegenwart sich Hineinstellenden, aus dieser Botschaft über eine geistige Welt glänzt mir etwas entgegen wie das geistige Licht selber. Da empfinde ich Geisteswissenschaft wie das Vollmondslicht, das der Widerglanz der Sonne ist, durch die Frühlingsnacht hindurch. Da bewahre ich diesen Eindruck in meiner Seele. Und wenn ich diesen Eindruck in meiner Seele bewahre, dann verwandelt sich mir dasjenige, was ich Geisteswissenschaft nenne, in ein Gefühl, in eine Empfindung, in eine Hoffnung, in eine Erwartung, in ein Ideal. Und dann wird mir aus der Geisteswissenschaft, wie sie sich zeigt als ein Widerglanz des Geisteslebens in der Nacht des gegenwärtigen Bewusstseins, dann wird mir aus ihr sich entwickeln dasjenige, was folgen soll aus der Menschenseele heraus auf den Frühlingsvollmond nach der Frühlingssonnenwende, dann wird mir der Ostertag meines Lebens daraus, dann wird mir aus dieser Geisteswissenschaft oder Theosophie selber Osterhoffnung, Ostererwartung, Osterideal. Dann weiß ich: Es gibt eine äußere Welt; über sie ist Vergänglichkeit ausgegossen. Es gibt noch eine Verkündigung, die heute noch wie durch das Dunkel einer Nacht redet zu den Menschen. Aber ich beginne zu fühlen dasjenige, was diese Verkündigung ist. Ich beginne zu fühlen, dass sie ist der Widerglanz des Geisteslebens, der Geistessonne selber, der sich einstmals über alles Menschliche ewig leuchtend und erwärmend ausbreiten wird.
So erinnert die richtig verstandene Osterfeier einen Menschen, der in die Geisteswissenschaft seinen Eintritt gehalten hat, an seine eigenen Empfindungen. Und es kann seine Erneuerung des Osterfestes sein, wenn wir an diesem Ostertag des Jahres uns geloben: Wir wollen uns so in die äußere Welt hineinstellen, dass uns die äußere Wirklichkeit mit all ihrem Schönen ein Frühlingssonnwendtag ist, dass uns ist die geistige Verkündigung etwas, was uns Widerschein ist von geistigem Leben in das Dunkel des Lebens herein und dass wir in der Seele entzünden die Hoffnung, die Erwartung, das Ideal von dieser geistigen Sonne selber.
Dann aber auch, meine verehrten Anwesenden, wenn wir also Theosophie oder Geisteswissenschaft empfinden wie etwas, was sein Osterfest in unserer Seele entzünden kann, dann fühlen wir uns einig mit all denjenigen, welche solche Osterhoffnungen aus den besten Teilen ihres seelischen Erlebens herausgeholt haben. Wir wollen nachher einige Worte eines deutschen Dichters hören, aus denen heraus etwas erklingt wie ein Ruf, der befeuert ist aus solcher Osterhoffnung, aus solcher Ostererwartung, aus solchem Osterideal der Menschheit. Die besten haben immer gefühlt, dass über den Wolken der äußeren Welt die Sonne auf- und untergeht, dass aber die Erde mit der Menschheit entgegenlebt einem geistigen Leben, in dem aufbewahrt sein wird dasjenige, was sich in unserer Seele selber als ein Unvergängliches, als ein Ewiges aus dem Dunkel der Seelennacht zu dem Licht des geistigen Tages emporarbeitet. Dann, wenn wir so empfinden, dann dürfen wir auch, meine verehrten Anwesenden, in Geisteswissenschaft oder Theosophie sehen (etwas) wie Osterstimmung; Osterstimmung, die uns durch diese Geisteswissenschaft verwirklichen kann dasjenige, was vor Jahrtausenden ein großer Sohn der Menschheit zu dieser Menschheit gesprochen hat im Orient drüben: Zarathustra oder Zoroaster sprach von dem Licht der Sonne, der geistigen Sonne, das den Menschen kommen muss, wenn sie sich ernstlich zu ihm hinwenden.
So dürfen wir auch heute sagen von dem, was in der Geisteswissenschaft uns wie in einem Abglanz erglänzt: Es wird der Menschheit erscheinen, es wird ihr das Ewige der Menschenseele [aufgehen]. Jawohl! Geisteswissenschaft spricht zu uns so, wie einstmals der große Zarathustra vorherverkündend zu der Menschheit gesprochen hat, Geisteswissenschaft spricht zu uns so: Ich will euch künden, die Ihr von fern, die Ihr von nah herbeigekommen seid, von dem, was in der Welt das Höchste ist, was Er uns offenbaren kann, der Gott der Welt, der Geist der Welt, der als das Ewige in wahrer Weisheit erscheint und was die Menschenseelen hören, empfinden und wollen sollen, wenn sie vereinigen wollen ihr tiefstes Seelisches mit dem fortschreitenden Ewigen und nicht wollen, dass das Beste ihrer Seele sich vereinigt allein mit dem, was der Vergänglichkeit geweiht ist.
So breitet sich uns die Osterstimmung selber als eine Atmosphäre durch die ganze geistige Weisheit, durch die Geisteswissenschaft hindurch. Das Osterfest ist so recht ein Fest der Geisteswissenschaft, so ruht ein Fest jener menschlichen Seele, welche erleben will das, was uns aus der Geisteswissenschaft werden kann als Weisheitslicht und damit als Widerspiegelung des Geistes selber, was uns werden kann Ideal eines Lebens, wo der Mensch sich bewusst ist, in seinem Ewigen, in seinem Unvergänglichen zu stehen. Ostern empfinden wir damit geisteswissenschaftlich wiederum als ein Fest, an dem der Mensch das, was aus alten Traditionen, aus alten Erinnerungen zu ihm herübergekommen ist, mit seinen eigenen Empfindungen und Gefühlen und Willensimpulsen durchsetzen kann.
Und es gibt eine Möglichkeit, meine verehrten Anwesenden, dass wir am Ostersonntag wiederum hinaustreten in die Welt und fühlen aus der Zeit, wie das Osterfest eingesetzt ist. Jawohl, es gibt ein Erwachen auch der Menschenseele, wie es ein Erwachen der Natur im Frühling gibt. Aber über einem solchen Erwachen ruht zunächst Vergänglichkeit. Blicken wir auf von dem Vergänglichen zu dem Widerglanz des Ewigen, dann leuchtet das Ewige selber in unser Leben herein, dann werden wir teilhaftig eines solchen Lebens, das uns in unserem tiefsten inneren Wesen so aufnehmen kann, dass wir wandeln mit dem Bewusstsein: Wir gehören in unserer Entwicklung nicht nur dem Tag an, über dem die Sonne auf- und untergeht, wir gehören dieser Sonne im Geist selber an, die auf- und untergeht und damit als das Dauernde, als das Unvergängliche in dem Zeitlichen sich erweist. Das Frühlingsfest, das Frühlingssonnenwendfest, wir empfinden es als Vorbereitung zu Ostern, damit wir in rechtem Sinn nicht weltenfremd werden (sondern?) verwandt uns fühlen mit allem Keimenden und Lebenden im Reich der Vergänglichkeit. Wir warten von dem Frühlingssonnwendfest zum Osterfest, damit wir zu dem Fest der zeitlichen Freude hinzu haben ein Fest, das uns in unsere Seele gießt Ewigkeitsstimmung.