Supplements to Member Lectures

GA 246 — 2 December 1910, Kassel

Über Lektüre, Neid und Lügenhaftigkeit

Es wird sich das als richtig erweisen, wenn wir heute einiges besprechen über praktische Lebensfragen und Ausdrücke in der Entwicklung des Menschen. Was wir lernen über physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, sollte nicht eine bloße Theorie bleiben wie gesammelte Notizen, sondern sie sollte lebendig werden in unserer Seele. Da ist es am besten, wenn wir das, was wir zuerst lernen, nur als Plan, als Kohlezeichnung ansehen. Es hängen von dem Zusammenhang dieser vier Glieder ab Lebensfreudigkeit, Gesundheit, Glück im moralischen wie im physischen Sinne. - Hiergegen wird viel gesündigt in der heutigen Zeit.

Wir leben wirklich in einem Übergangszeitalter; das ist keine Phrase. Es ist noch nicht lange her, da wusste man noch etwas von dem Wirken des Astralleibes. In der Erziehung betrachtete man noch instinktiv das Wirken des Ätherleibes, des Astralleibes, instinktiv. Und was nun kommen muss, ist ein richtiges Wissen, um diese Instinkte zu ersetzen; dazu muss theosophisches Wissen verbreitet werden. Zur Zeit unserer Väter und Großväter wusste man noch instinktiv von dem Wirken des Astralleibes.

Aristoteles hat das Wesen des Dramas damals charakterisiert. Lessing hat sich noch damit gequält, diese Erklärung des Dramas zu verstehen. Aristoteles sagt, wie die Geschehnisse in einer Tragödie sich abspielen, wie sie Furcht und Mitleid in uns erregen sollen, in uns auslösen sollen; Katharsis, das heißt Läuterung, soll diese Empfindung beim Zuhörer ergeben. Abgequält hat sich Lessing, um das Wort Katharsis zu verstehen. Eine ganze Bibliothek ist seitdem darüber geschrieben worden. Man setzte also bei den alten Griechen voraus, dass nicht nur zur Unterhaltung des Publikums die Dramen sich abspielten, sondern erleben sollte der Zuhörer die Furcht; zum Beispiel: Wie wird es uns ergehen, diesem oder jenem?

Zur Gesundung, als ein Heilmittel der Menschen war damals das Drama gedacht, dass die Seele gewissermaßen harmonisch gestimmt war gegenüber Furcht und Mitleid, dass die Menschen draußen im Leben auch der Furcht und dem Mitleid gegenüber das richtige Verhältnis bekämen. So war es gegeben im alten Griechenland, nicht wie heute Theaterstücke gegeben werden.

Der «dumme August» war früher in den herumziehenden Zirkussen derjenige, der nur Dummes tut. Das ist ein letzter Abglanz jenes in der griechischen Tragödie Gewollten. Dies Dumme löste dann in der Seele aus, was der Mensch im Leben gebrauchen konnte: ein gesundes Lachen. In einem gewissen Lebensalter und auf einer gewissen Bildungsstufe wirkt es sehr gut, wenn zum Beispiel dem dummen August, der die Zeitung liest, von jemandem Mehl auf die Zeitung gestreut wird, und nun der dumme August niest und ihm das ganze Mehl ins Gesicht fliegt. Das wirkt außerordentlich gut. Auf das Astrale wirkt das. Alles, was wir erleben, übt seine Wirkung aus auf den Ätherleib und den Astralleib. Der hellsehende Beobachter kann betrachten - und das ist sehr interessant -, wie dieses oder jenes als Lieblingsbeschäftigung oder als Pflichtbeschäftigung wirkt. Man würde, wenn man das wüsste, manches ganz anders machen, zum Beispiel: Lektüre. Einer zum Beispiel liest möglichst schnell einen spannenden Roman; er liest so, dass er möglichst viel überschlägt. Dabei ist der Astralleib in fortwährender Beweglichkeit, während der Ätherleib ganz ruhig ist. Der Astralleib legt sich gleichsam über das Buch hin, während der Ätherleib ganz zurückbleibt.

Ein anderer vertieft sich mit großer Liebe in die einzelnen Personen, denkt nach: Wie kenne ich solche Personen? Wie müsste sich das Schicksal gestalten? Wie würde ich das gestalten? Und so weiter. - Ebenso bei Lektüre, die nicht erzählend ist, sondern belehrend und so weiter. Hier ist der Astralleib weniger fluktuierend, während der Ätherleib sich den einzelnen Bewegungen des Astralleibes anschmiegt. Das hat ganz andere Wirkungen. Nicht vorübergehend ist diese Art, sondern sie wird zur Gewohnheit.

Die meisten Menschen vergessen die Menschen; es ist heute schon so: Lebensbeobachtung ist etwas sehr Seltenes. Die Menschen sind sogar froh, wenn sie vergessen können. Theosophen sollten nicht so sein.

Schon in einem Leben kann man beobachten, wie Karma wirkt, man kann verfolgen, wie Karma wirkt in 15, 20, 50 Jahren.

Wir sehen einen Menschen, der nicht gerade geneigt ist, tiefere Empfindungen in sich aufzunehmen; es ist das die Folge von Karma. Aber solche Menschen finden sich nicht zurecht im Leben. Ein solches Lesen, obenhin, schnell, hat zur Folge, dass ein so gearteter Leser nicht geneigt ist, tiefere Ideen in sich aufzunehmen. Auch physische Wirkungen hat es. Ein solcher Mensch ist nie recht zufrieden, kränkelt oder ist nur eingebildet krank. Also man tut einem jungen Menschen eine große Wohltat, wenn man ihn dazu führt, an Einzelheiten hängen zu bleiben, sie liebevoll zu betrachten beim Lesen.

Man trifft im Leben Menschen, die eine gewisse Fertigkeit haben, hingegen andere, die nie recht wissen, was sie tun sollen. Wenn sie einen Brief geschrieben haben, wollen sie ihn wieder zerreißen; haben sie einen Hut gekauft, gefällt er ihnen gleich darauf nicht mehr.

Ein Mensch, der für sich selbst und für andere sich im Leben zurechtfindet, bei einem solchen kann man betrachten, dass er schon als Schulkind ganz anders sich verhielt als die anderen Kinder. So ist es mir selbst passiert, wie Kinder in der Geschichtsstunde zugehört haben, zum Beispiel wenn von Cäsar die Rede war. Dann suchten sie alles zusammen, was von diesem Thema handelt, indem sie angliedern alles, was sie selbst dazu beitragen können.

Solche, die alles an sich heranbringen lassen, nichts selbst suchen, die zerreißen später ihren Beruf, haben heute andere Vorsätze als morgen. Dies alles wird man später einmal wissen. Das ist viel wichtiger als Lehrplan und so weiter. Deshalb ist Theosophie so wichtig.

Man sollte lernen, über Lektüre bedeutsam zu denken. Was ist denn Lektüre? Der Theosoph hat die Pflicht, darüber zu denken, wie tief wichtig eine solche Frage ist für das Leben, und wie tief wichtig gerade so etwas ist wie das Lesen.

Im Umlauf von vierundzwanzig Stunden kehren wir alle einmal dahin zurück, woher wir gekommen sind - ins Geistige. Ohne Schlafen könnten wir nicht leben. Waches Leben ist ein Zerstörungswerk, Schlafen ist ein Untertauchen in die Lebensquellen. Im Schlaf sind der Astralleib und das Ich weit, weit ausgebreitet in den Makrokosmos. Daraus allein könnte der Mensch lernen, dass er nicht nur das ist, was eben sein physischer Körper ist.

In der babylonischen Schule wurde Gewicht darauf gelegt, dass ein Mensch mit gesunder Konstitution, nicht zu schnell, nicht zu langsam gehend, in 365,5 Tagen um die Erde herumkäme. Wenn der Mensch gesund, normal lebte, dann würde er in demselben Maße, in derselben Schnelligkeit wie die Sonne gehen und leben. Bis zur Sonne reicht der Astralleib wirklich hinauf beim Schlafen.

Seiner selbst vergessen, hingegeben sein an die geistige Welt, das ist Schlafen. Das Lesen, das Anhören eines Dramas, eines Musikwerkes, ist in kleiner Weise dasselbe wie das selbstvergessene Hingegebensein im Schlaf. So auch denkt man im Lesen nicht viel an sich. Würden wir im Schlafen an uns selber denken, dann ginge das Wirken des Geistigen verloren. Jedes Mal, wenn wir ein Musikwerk und so weiter gehört haben, bringen wir etwas in unsern Astralleib und damit in unseren Ätherleib hinein, und damit bleiben wir verbunden, sozusagen für das Leben damit verbunden. Eine ganze Welt liegt in jeder Menschenseele durch all die Eindrücke im Leben. Deshalb ist die Lektüre so ungeheuer wichtig.

Angenommen, wir täten nichts dazu, unsere Anteilslosigkeit oder gar unsere Hassgefühle einem Menschen gegenüber zu überwinden. Lieblosigkeit, Anteilslosigkeit tritt im anderen Leben in der Form einer gewissen Ängstlichkeit, Furcht auf.

Gern-hingegeben-Sein bedeutet ein sicheres Stehen im Leben und auch ein Hoffen, dass alles gut geht. Hoffnungslosigkeit wird der nicht haben, der in der Kindheit angeleitet worden ist, liebevoll zu sein.

Für Neid und Lügenhaftigkeit hat auch der einfachste Mensch ein Gefühl. An Neid und Lügenhaftigkeit können wir viel von Karma beobachten. Goethe sagt, Neid kenne er doch nicht, wenn er sich auch noch so sehr beobachte. Und Benvenuto Cellini sagt, verlogen sei er nie gewesen, wenn er auch sonst noch so viel getan habe.

Neid und Lügenhaftigkeit sind dasjenige, was durchbricht das Mitfühlen und Miterleben im ganzen menschlichen Geschlecht. Wenn wir einen Menschen beneiden, so stellen wir uns gegenüber, wir fühlen nicht mehr mit ihm. Und so ist es bei der Lügenhaftigkeit erst recht. Wenn Neid und Lügenhaftigkeit tief in der Seele sitzen, so ist es nicht leicht, sie zu überwinden.

Wir waren ehedem zum ersten Mal verkörpert, und dann - beim zweiten Male - haben Luzifer und Ahriman auf uns gewirkt. Neid — Luzifer; Ahriman - Lüge; Neid - Luzifer - Astralleib; Lügenhaftigkeit - Ahriman - Ätherleib.

Jede nicht ganz verdorbene Seele kämpft an gegen Neid und Lügenhaftigkeit. Untereinander sind Luzifer und Ahriman gute Freunde. Sie geben das Regiment einander ab. Wenn jemand den Neid bekämpft, dann sagt Luzifer: Der bekämpft den Neid, da kann ich nichts machen. Nimm du ihn, sagt er zu Ahriman. - Und dann verwandelt sich der Neid; unter einer Maske tritt der Neid dann auf. Dann sagt der Mensch, der da glaubt, den Neid überwunden zu haben: Der oder der hat diese schlechte Eigenschaft und so weiter. In der Maske der Tadelsucht tritt der Neid dann auf. Er meint, dass es richtig ist, dass er tadelt, aber er weiß nicht, dass es maskierter Neid ist, dass Eigenschaften gesehen und bekrittelt werden, die nicht so sind, wie sie sich diesem Menschen darstellen.

Einerlei, ob diese Eigenschaft als Neid oder als Tadelsucht auftritt, sie hat doch dieselbe karmische Folge. Diese Menschen werden dann so, dass sie kein Verhältnis gewinnen können zu anderen Menschen. Sie können nichts anfangen, aber auch nichts zu Ende bringen. - Und mit der Lügenhaftigkeit tritt eine gewisse Scheu ein, sie können den Menschen nicht gerade in die Augen sehen.

In einem Leben treten diese Wirkungen so auf, dass sie als seelische Wirkungen auftreten. Aber indem wir durch den Tod gegangen sind und zu einer neuen Geburt schreiten, zeigen sich jene Eigenschaften physisch. Das Seelische ist der Architekt des physischen Leibes. Ein seelisch schwacher, haltloser Mensch wird in der nächsten Inkarnation ein hilfloses Kind, das sich nicht helfen kann und so weiter.

Wer lügenhaft war, der ist später scheu, er würde in der nächsten Inkarnation sein ein Mensch, der keinen Anschluss finden kann. Das ist physisch begründet, er ist schwach schon seiner physischen Konstitution nach, wodurch er nicht mit anderen Menschen gut zusammenkommen kann.

In eine ganz bestimmte Umgebung wird der Mensch hineingeboren; Edelweiß wächst nicht in der Ebene, sondern auf dem Berge. So ist es mit dem Menschen auch. Gerade die Menschen, die wir angelogen, beneidet, getadelt haben und so weiter, in deren Umgebung werden wir hineingeboren. Es handelt sich nicht [allein] darum, dass wir das wissen, sondern wir müssen dementsprechend leben.

Was ist da richtig im höheren moralischen Sinne, wenn man weiß: Jemand beneidet mich, klatscht über mich und so weiter? - Nicht rächen, sondern anderen helfen, das ist das Richtige. Man tut dem anderen das Beste, wenn man ihm verzeiht, wirklich verzeiht! Nicht sich anfechten lassen, nicht sagen: Ich will nicht verzeihen. Damit würde ich in des Betreffenden Karma eintreten. Nein, insofern wir helfen können, das Karma zum Guten zu wenden, sollten wir es tun. Das ist das Richtige, den anderen beschämen dadurch, dass wir besonders gut zu ihm sind. Das zeigt sich dadurch, dass wir ihm ungemein genützt haben. Er wird dann nicht hilflos im späteren Leben sein. Das können wir nur durch Verzeihen erreichen. Wird in unsere Mitte hineingeboren ein schwacher Mensch, dann versuchen wir, ihn mit dem positivem Gefühl des Verzeihens zu umgeben.

Nicht theoretisch sagen: Ja, ich verzeihe dir. - Sondern täglich das Gefühl auf das schwache Kind zum Beispiel hinlenken, dann werden wir sehen, dass das Kind gedeiht, dass die fahle Haut eine gesunde Haut wird und so weiter. Seinen physischen Zustand helfen wir ändern und fördern. - Erst wenn man so die Theosophie in die Praxis hineinlebt, wird sie eigentlich das, was sie sein soll. Wenn zum Beispiel in der Eisenbahn jemand eine bestimmte Äußerung tut, sollten wir darüber nachdenken, ob daraus nicht eine Pflicht für uns ersteht. Hinlenkung der seelischen Kräfte zu dem geistigen Ursprung - das ist die Aufgabe.

Vor vier- bis fünftausend Jahren konnte man noch den Menschen sagen: Ihr stammt aus dem Geistigen! - Dieses Wissen, dieses Empfinden ging immer mehr verloren. Am wenigsten vorhanden war es in der Zeit Christi. Aber seitdem kann es auf die Zukunft gerichtet werden, auf das, was den Menschen ähnlich macht dem, was in dem Ereignis von Golgatha geschah. Früher ging man in das Geistige zurück; nach Christus heißt es: Du musst in jedem Leben mehr und mehr aufnehmen von der Christuswesenheit. Wenn die Erde abfallen wird von dem Geistigen, dann wirst du mitgehen mit dem Geistigen. Mit dem Christus-Impuls nehmen wir etwas auf, das uns befähigt, so zu wirken auf den, der uns mit Neid umgibt, so zu wirken auf ihn, dass der Christus-Impuls einziehen kann in den anderen. Damit ist Wahrheit geworden das Wort: «Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» Das ist möglich durch den Christus-Jesus.

Buddha, 600 vor Christus, der wies noch hin zu dem alten geistigen Ursprung, wenn er sagt: Balken stürzen, Pfeiler krachen, der Tempel des Leibes stürzt ein, ich brauche nicht mehr in dieses irdische Leben zurück. - Christus dagegen sagt: «Zerstört diesen Tempel, so will ich ihn in drei Tagen wieder aufrichten.»

Wir müssen immer ähnlicher und ähnlicher werden dem Christus, und dazu müssen wir immer wieder und wieder auf die Erde zurückkommen. So wirkt inspirierend der Christus-Impuls bis in die fernste Zukunft.

German original of On Reading, Envy and Mendacity · ← Previous · Next →