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GA 246 — 17 December 1910, Hanover

Neid und Lüge als Karmische Wirkungen

Es soll heute einiges besprochen werden aus dem unmittelbaren Leben, von den Beziehungen der Theosophie zum menschlichen Leben im Allgemeinen und wie theosophisches Denken und Fühlen Einfluss gewinnt auf das Leben.

Es wird vielfach gefragt: Wie lassen sich die theosophischen Anschauungen beweisen? Wenn die Menschen nur wirklich achtgeben würden, so würden sie schon Beweise finden. Es ist ein starker Unglaube vorhanden, dass dem, was in unserer Seele sich abspielt, überhaupt eine Bedeutung zukomme. Die Menschen wollen immer nur sogenannte logische Beweise.

Da können zum Beispiel zwei Parteien darüber streiten, ob ein Eisenstück magnetisch ist. Einige glauben es auf Autorität hin, andere wollen nur ihren eigenen Augen trauen und so weiter. Wer aber einen Versuch mit einem Magneten macht, würde bald die Wahrheit erfahren. So sollte man auch das Leben messen an den theosophischen Wahrheiten. Doch man muss sich schon etwas mehr Zeit lassen zur Betrachtung des Lebens, als man heute geneigt ist zu tun.

Während meiner Erzieher-Laufbahn konnte ich Folgendes beobachten. Es war damals Mode, den kleinen Kindern zur Stärkung ein Gläschen Rotwein zu geben zu den Mahlzeiten; solche Erfahrungen muss man sich für das Leben notieren. Heute kann man von den großen Menschen, die damals als Kinder regelmäßig das Gläschen Rotwein bekamen, den Unterschied mit anderen beobachten, die ohne diese Stärkung aufgewachsen sind. Alle, die damals das Gläschen Rotwein bekamen, sind heute zappelige und nervöse Menschen! - Es kann natürlich auch andere Ursachen für Nervosität geben, aber ich rede hier nur von den Fällen, wo keine anderen Ursachen vorlagen.

Solche Wirkungen kann man nun nicht in fünf Jahren erkennen wie bei den neuen Heilmitteln, der Glaube an diese hält gewöhnlich nur fünf Jahre an -, man muss schon mehr Geduld haben. Aber auf diese Weise mit sorgfältiger, geduldiger Beobachtung kann man erkennen, wie Karma schon in einer Inkarnation und wie es zwischen zwei Inkarnationen wirkt.

Neid und Lüge sind zwei Eigenschaften, die der Mensch mit allen Kräften zu überwinden sucht. Wir wissen, dass auf den astralischen Leib des Menschen nach einigen Inkarnationen die luziferischen Wesen wirkten, während Lüge und Irrtum dem Einfluss des ahrimanischen Prinzips auf den Ätherleib zuzuschreiben sind. Unserer gescheiten, sich monistisch nennenden Bevölkerung könnte man zurufen: «Den Teufel merkt das Völkchen nie und wenn er es beim Kragen hätte.» - Sobald der Mensch fühlt, dass er solche Eigenschaften, wie Neid und Lügenhaftigkeit hat, ist er mit allen Kräften bemüht, sie mit der Wurzel auszurotten. Weil das aber sehr schwer ist, pflegt dann etwas anderes einzutreten.

Das ist überhaupt die Erklärung für alle Naturvorgänge, dass die Schädelknochen, und dass überhaupt alle unsere Knochen umgewandelte Wirbelknochen sind. In der demnächst erscheinenden «Anthroposophie» werde ich darauf hinweisen, dass zum Beispiel unsere Geschmacksorgane umgewandelte, zurückgebliebene Gesichtsorgane sind.

Der Neid nimmt eine Maske an und wandelt sich in Tadelsucht. Der Mensch meint dann, er darf doch nicht die Augen verschließen vor den Fehlern der andern. Der meisten Kritikasterei, Tadelsucht und so weiter liegt umgewandelter Neid zugrunde; als berechtigte Kritik erscheint das dann. - Der Luzifer, der mit dem Menschen, der den Neid überwunden hat, nichts mehr anfangen kann, überträgt gleichsam das Regiment an Ahriman, der sich dann über den Ätherleib hermacht und Klatschsucht und so weiter erregt.

In der zweiten Hälfte seines Lebens wird es sich dann zeigen, dass ein solcher Mensch nicht recht im Leben sich zurechtfinden kann, sich immer an andere um Rat wendet, nie etwas anzufangen weiß aus eigener Initiative. Wer in einer Epoche seines Lebens lügenhaft ist, wird in einer anderen scheu und zurückhaltend sein; er wird nicht imstande sein, andern offen ins Auge zu schauen. Tiefe Wahrheit liegt in dem Sprichwort, dass wir dem nicht trauen können, der uns nicht ruhig ins Auge schauen kann. Ohne die Hilfe der Hellsichtigkeit kann man solche Zusammenhänge beobachten.

Wenn ein Kind nicht zu richtigem Gleichmaß zwischen Geselligkeit und Einsamkeit angehalten wird - auch das Zusammensein mit unliebsamen Personen ist Einsamkeit -, so pflegt sich Streitsucht, Prozesslust, Querulanten-Wahnsinn und so weiter auszubilden im Alter. Rechthaberei, Widerspruchsgeist ist eine Wirkung von zu vieler Einsamkeit vor etwa zwanzig bis dreißig Jahren.

Das Gegenteil: Übergroße Geselligkeit, Mangel an Sammlung es gibt Menschen, denen es gleich langweilig ist, wenn sie mal allein sind - erzeugt eine gewisse Unfähigkeit, sich dauernd und gründlich mit einer Sache zu beschäftigen. Eine Folge solch unsteten Wesens ist ein reduziertes Gedächtnis. Wenn man das Gedächtnis der Menschen vor zwei Jahrtausenden, wo die Menschen gehörte Gesänge sofort wörtlich auswendig wussten, mit unserem heutigen Gedächtnis vergleicht, so muss man staunen. - Schon zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts würde man den Unterschied merken können; das Gedächtnis ist immer weniger verlässlich geworden. Falls Theosophie nicht eindringen sollte in die Menschheit, würden die Menschen bald gar kein Gedächtnis mehr haben. Ein fascliges Von-einem-zum-anderen-Eilen ist die Folge von einem Übermaß an Geselligkeit. Wir müssen schon bei dem Kinde Interesse zu wecken suchen für etwas, mit dem es sich wenigstens eine Stunde täglich beschäftigen kann. Rasches Urteil, Willensstärke, Wissen, was man will, wird nur durch die notwendige Einsamkeit errungen. - Alle Geselligkeit wirkt heute geradezu jammervoll; die Menschen, die zehn Jahre nebeneinander gelebt haben, wissen gar nichts voneinander, es geht nichts über von einem auf den anderen. Wie wenig Menschen haben heute einen Instinkt dafür, ob man einen Menschen vor sich hat, der sozusagen einem den Buckel volllügt.

Nur durch weise Einteilung von Geselligkeit und Einsamkeit kann man sich solche praktische Erfahrung aneignen. Wenn wir nicht mit verbundenen Augen durchs Leben gehen, dann sehen wir, wie sich die theosophischen Wahrheiten bestätigen.

In der nächsten Verkörperung kann sich nun die karmische Wirkung bis in die Leibes-Inkarnation zeigen. Unser Organismus wird als Wirkung der Scheuheit die Neigung zu ansteckenden Krankheiten mitbringen. Neid wird müde, blasse Menschen erzeugen. Wenn wir praktisch an Karma glauben - was gar nicht so schwer ist, wenn die Menschen nicht so starrköpfig wären -, so würden wir unsere Handlungsweise mit diesem Glauben in Einklang zu bringen suchen, und der Nutzen würde sich bald zeigen.

So wie Edelweiß immer auf dem Berge wächst, nie im Tal, so wird man immer mit den Menschen zusammengeführt, mit denen man karmische Ursachen auszugleichen hat. Wird in unsere Familie hinein ein schwaches Kind geboren, so kann man annehmen, dass dasselbe uns im früheren Leben verklatscht oder beneidet hat. Je mehr wir solchem Kinde positive Hilfe leisten durch Verzeihen und immer wieder Verzeihen, desto schneller wird es gesunden. Wenn eine solche Maxime angewendet wird zur rechten Zeit, so wird die fahle Haut Farbe bekommen, die Glieder werden sich runden. Das Kind kann dann sein Karma überwinden und Kräfte aufnehmen, durch die es gefördert wird.

Bei Kindern sollte man auch nicht versäumen, die nötige Gedankenbeweglichkeit zu erwecken, denn nur dadurch können sie eine gewisse Gewandtheit erlangen.

Leibestrainierung schützt nicht davor, ein ungeschickter Mensch zu werden. Es gibt Leute, die sich nicht mal einen Knopf selber annähen können; nicht mal einen Teller von einem Zimmer ins andere tragen können, ohne ihn fallen zu lassen. Was materiell an Fähigkeiten vorhanden sein soll, muss zuerst seelisch vorhanden sein.

In den letzten vier bis fünf Jahrhunderten haben die Menschen einen unglaublichen Materialismus herangeführt. Theosophie als Lebenspraxis wird zeigen, dass Geistiges und Seelisches die Ursachen sind von Physischem.

So viele kurzsichtige Menschen wie heute hat es gewiss vor vier bis fünf Jahrhunderten nicht gegeben. Wenn die Menschen nicht spiritueller werden, werden sie noch immer kurzsichtiger werden.

Das sind karmische Dinge, die durch die hellscherische Forschung bestätigt werden. Lange Inkarnationen vor der Erscheinung

des Christus-Jesus wirkte der Christus-Impuls noch nicht in den Seelen; jetzt aber wirkt er in ihnen. Ein Beispiel soll zeigen, welche tiefe Bedeutung es hat, ob der Christus-Impuls herein wirken kann oder nicht. Eine Persönlichkeit, die an der Grenze des Mittelalters und der Neuzeit gelebt hat und äußerst interessant ist, deren Name aber noch nicht genannt werden kann, soll uns jetzt beschäftigen. Bei dem Besuch unserer südlichsten Loge in Palermo fühlte ich schon während der Fahrt von Neapel nach Sizilien auf dem Schiff, dass ich hier etwas Bedeutsames finden müsse; in der geistigen Atmosphäre von Sizilien lebte eben etwas ganz Besonderes. - Man darf nur leidenschaftslos und ganz ohne Gier an solche Probleme herangehen. - Es stellte sich im Laufe der nächsten Tage heraus, dass diese eigenartigen Strömungen verursacht wurden durch das Schicksal einer früheren Verkörperung der oben genannten Persönlichkeit, des großen Philosophen Empedokles, der auch Architekt war und die Mysterien eingeführt hatte auf Sizilien. - Von anderen Philosophen würde das Gesagte als Wahnsinn angesehen werden. - Empedokles war seiner Zeit weit voraus; gewisse materialistische Ideen, die nach dem Christus-Impuls hatten kommen sollten, hatte er schon damals. Er fand gleichsam zuerst die vier Elemente.

Aber auch als Mysterienweiser war Empedokles seiner Zeit voraus, er hatte die Sehnsucht, mit den Elementen eins zu werden, und er stürzte sich in den Ätna. Was sich da geistig auflöste, das lebt heute noch in der Atmosphäre des Ätna.

Heute findet man innerhalb des Stofflichen überall den Christus-Impuls. Hätte Empedokles den finden können, so hätte er sich mit ihm verbunden. Er kam zu spät oder zu früh, sodass er voll auskosten musste den Schmerz der damaligen Eingeweihten, die zu der Urweisheit nicht mehr gelangen konnten und so durch die sie umgebende Finsternis in die Verzweiflung getrieben wurden, weil der Christus noch nicht zu finden war. Ohne die Kenntnis von dem Schicksal des Empedokles kann man seine spätere Inkarnation, die eine sehr problematische Persönlichkeit war, nicht verstehen.

Wenn man die Christus-Persönlichkeit mit dem Buddha vergleicht, so sieht man den Unterschied: Der Christus lehrte die Liebe zu dem physischen Leibestempel, um die Menschen hinanzuführen zur Verchristung des ganzen Erdballs, sodass die Seelen aufsteigen können zu höheren Daseinsstufen und die Erde als Leichnam hinter sich zurücklassen. - Der Buddha fühlt sich glücklich, dass er das letzte Mal in einem Leibestempel war. Wir können erkennen ein absteigendes Karma der Menschheit von Anfang bis zu der Erscheinung des Christus, von da an aber ein aufsteigendes bis zum Schluss.

German original of Envy and Lies as Karmic Effects · ← Previous · Next →