Supplements to Member Lectures
GA 246 — 1 February 1911, Bonn
Menschheitsentwicklung und Geisteswissenschaft
Eine Frage, die sich uns heutzutage oft aufdrängt und eine Beantwortung sucht, ist die folgende: Weshalb findet bei einem Teil der Menschen, und zwar nur bei einem kleinen Bruchstück derselben, die Geisteswissenschaft sofort Eingang in ihr Innerstes, wohingegen dieselbe bei dem größten Teil der heutigen Menschheit gleichgültig hingenommen wird, ja oft sogar mit Abscheu zurückgewiesen wird? Um diese Frage nach dem Werte geisteswissenschaftlicher Forschungen klarzustellen, müssen wir uns nicht [nur] ins Gedächtnis rufen, was uns die Geisteswissenschaft über die verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit lehrt, sondern wir müssen uns auch die ganze Entwicklung, der diese sieben Glieder der Menschen durch Jahrtausende hindurch unterworfen sind, vor Augen führen.
Wenn wir, sagen wir, vor zirka 12000 Jahren diese sieben Glieder der Menschen betrachten könnten, so würden wir gewahr werden, dass dieselben in einer ganz anderen Verbindung untereinander standen, als wie sie es in dem heutigen Entwicklungszustand der Menschen tun. Der Ätherleib des damaligen Menschen war noch nicht so durchzogen mit dem Astralleib, wie es im gegenwärtigen Zeitalter der Fall ist; der Astralleib war noch mehr für sich abgesondert vom Ätherleib, er beeinflusste ihn nicht so, wie er es heute tut, wo er ihn fast gänzlich durchsetzt und dadurch die drei niederen Leiber gleichsam fester zusammenschmiedet, verhärtet. Die Ursache liegt in der Entwicklung des Verstandes, des Intellekts, wodurch das Astralische losgelöst wird, ja, man könnte sagen, das Seelenhafte von sich abstößt. Dadurch, dass die drei unteren Körper sich ineinander verdichten, verhärten, dadurch kann ein Teil der heutigen Menschen, deren ganze Erziehung auf die Ausbildung des Verstandes gerichtet wird, schwer die geistigen übersinnlichen Wahrheiten in sich aufnehmen; dieses ist jedoch ebenfalls eine karmische Folge, und daher können diese Menschen auch beim besten Willen der Geisteswissenschaft kein Interesse abgewinnen. Je tiefer ihr Astralleib sich in den Ätherleib hineingesenkt hat und dieser wieder in den physischen Leib, umso gleichgültiger oder feindlicher stellen sie sich der Geisteswissenschaft gegenüber. Die Folge dieser ganz anderen Zusammensetzung der drei unteren Körper oder Glieder hat auch noch eine besondere Bedeutung, nämlich in Bezug auf das Horoskop des Menschen. Der Mensch als Mikrokosmos steht ja, wie Sie wissen, im engsten Zusammenhang mit den Kräften des Makrokosmos. Das Horoskop, welches man vor Jahrtausenden für den einzelnen Menschen stellte, stimmte mit unfehlbarer Genauigkeit, was seine vier unteren Glieder betraf; doch die Menschheitsentwicklung ist in ewigem Fluss. Und wie wir gesehen haben, ist die Zusammensetzung der verschiedenen Glieder seit jener Zeit eine ganz andere geworden; sie haben eine große Veränderung durchgemacht, sodass sich durch ihre festere Substanz die Zusammenstellung des ganzen Menschen geändert hat. Daher kann für die unteren drei Glieder des Menschen das Horoskop nicht mehr mit absoluter Genauigkeit gestellt werden; nur noch bei den höheren Gliedern, die sich auf das Geistige im Menschen beziehen.
Wenn wir der Verhärtung dieser drei Glieder, welche in der Zukunft immer mehr zunehmen wird, entgegentreten wollen, so müssen wir unsere Denkgewohnheiten vergeistigen, das heißt uns erfüllen lassen mit den Wahrheiten der Geisteswissenschaft, damit das Denken über übersinnliche Dinge unseren Astralleib wieder freier macht und wir uns durch ihn mit dem Göttlichen verbinden können.
Doch muss hier betont werden, dass es hierbei nicht die Hauptsache ist, sich in das Wissen, in die Theorie allein zu vertiefen, denn nicht das Studium über die Dinge des Übersinnlichen treibt unseren Astralleib zur Verbindung mit dem Göttlichen; das Studium soll uns Mittel zum Zweck sein, denn durch dasselbe soll die Erhabenheit und Weisheit der Gottheit unser Innerstes ergreifen, damit sich unser Herz erwärme und ausfließe in unser Leben, in unsere Taten und in die Liebe zu allen Wesen fließe. Was hilft es uns, wenn wir die Bruderliebe in schönen Worten verkündigen; dieses führt uns nicht zur Geistigkeit, zur Entwicklung unserer Seele. Erfüllen wir aber unsere Seele mit den theosophischen Lehren, so werden wir die Bruderschaft von selbst üben, ohne darüber zu reden. Denn es würde ein Schamgefühl in uns hervorrufen, wenn wir sie so im Munde führen wollten, wie cs heute in vielen Vereinigungen geschieht.
Blicken wir zurück bis in die Zeit des Griechentums, so können wir uns den Gegensatz, der in der Zusammensetzung des heutigen und des damaligen Menschen besteht, so recht vor Augen führen. Damals stand der menschliche Körper eigentlich auf der Stufe seiner höchsten Vollendung; die Pflege desselben gehörte daher auch zur bedeutendsten Lebensfrage. Der Ätherkörper, der Kraftkörper durchdrang und beherrschte den physischen [Körper] fast ausschließlich. Die abgerundeten Formen, die Regelmäßigkeit der Gliedmaßen waren vollendet in ihrer Schönheit; der Verstand, das logische Denken, der Intellekt übte seinen Einfluss noch längst nicht so über den Menschen aus, wie es in unserem heutigen Jahrhundert der Fall ist, weil die Menschheit eben das Hauptgewicht auf die Pflege der physischen Schönheit legte, weil der Astralleib noch wenig in die Materie gedrungen war. Deshalb war diese noch plastischer, umbildungsfähiger, mit anderen Worten, sie war noch nicht so verhärtet, sondern weicher als sie in den Körpern der heutigen Menschen ist, deren Zusammenstellungen durch die Jahrhunderte, Jahrtausende hindurch jetzt ganz andere geworden sind. In ferner Zukunft wird die Menschheitsentwicklung noch wieder andere Menschenkörper hervorbringen; sie werden sich immer mehr verhärten, die Menschen werden hässlicher geboren werden.
Dahingegen wird die Seele des Menschen eine größere Kraft vom Inneren heraus auf die physischen Formen ausüben können. Die Physiognomie, die Gesten, die Redeweise, sie werden das Seelische im Menschen besser zum äußeren Ausdruck bringen; der Gesichtsausdruck des Menschen wird charaktervoller, ausdrucksvoller werden, dabei wird er das Seelenhafte ausstrahlen. Und die Menschheit wird auch ein längeres Leben dadurch erreichen können, dass die Körperlichkeit sich in einem verhärteten Zustand befindet.
Wir können uns dieses letztere durch ein kleines Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir einen jungen, von grünem Lebenssaft strotzenden Baum und setzen wir diesen verschiedenartigen Witterungsverhältnissen aus, so wird dieser viel eher der Unbill des Temperaturwechsels unterworfen sein als ein alter trockener Baum mit verhärteter Rinde. Heute konstatiert schon die Wissenschaft, dass durch die Register der Sterbeziffern der letzten Jahrzehnte sich eine zunehmende Lebensdauer der Menschen erwiesen hat. Im Anschluss hieran könnte noch erwähnt werden, dass der Grund, weshalb mehr Frauen als Männer sich zur Geisteswissenschaft hingezogen fühlen, darin zu suchen ist, dass ihr Gehirn noch weicher, für plastisches Umformen geschickter geblieben ist; es hat sich nicht so den wissenschaftlichen Verstandesübungen und dem Theoriebilden hingegeben, die das letzte Jahrhundert von den Männern gefordert hat.
Werfen wir einen Blick auf die Kunst, dann werden wir auch hier wiederum einen Unterschied in Bezug auf das eben Gesagte bemerken. Wenn wir zum Beispiel die verschiedenen Madonnen aus den verschiedenen Zeitepochen betrachten, so fällt uns der große Unterschied sowohl der äußerlichen als auch der innerlichen Wiedergabe ins Auge. Betrachten wir die raffaelischen, die murilloschen Madonnen: Hier strahlt uns überall in der ganzen Figur die Schönheit entgegen. Stellen wir dahingegen daneben die Madonnen von Holbein: Dort sehen wir in ihrer äußeren und inneren Wiedergabe das Charaktervolle, die Frömmigkeit, da tritt zurück die Schönheit, dafür aber das Innere mehr nach außen.
Die Menschen unserer heutigen Kulturepoche wollen die alte griechische Kultur teilweise wieder heraufbeschwören in ihren Spielen, in ihren Gewohnheiten. Sie wissen nicht, dass man die Gewohnheiten der alten Zeit nicht in unsere Zeit hineinversetzen kann; sie passen nicht mehr zu der Zusammenstellung unserer Körper, sie sind für uns nicht zeitgemäß, weil unsere Körper anders geworden sind.
So entwickelt sich alles in der ganzen Menschheit hin zu einem bestimmten Ziel. Und damit wir uns wieder herüberretten können zum Geiste, ist uns gegeben worden die große, gewaltige kosmische Strömung, die wir den Christus-Impuls nennen. Auch das Horoskop des Christus kann nicht durch die Sternengesetze festgestellt werden. Er ist nicht dann gekommen, wo er nach der Sternenschrift am Himmel hätte kommen müssen; denn wäre er da gekommen, so hätte die Menschheit ihn blindlings aufgenommen -, es wäre alles nach vorgeschriebenen Gesetzen verlaufen. Automatenhaft, ohne inneren Drang hätten die Menschen den Christus empfangen. Er ist aber gekommen, als die Menschheit um eine ganze Entwicklungsperiode weiter war, um so viel weiter, als sie später immer tiefer in die Materie versunken ist; dann, in der Zeit ist er gekommen, als die Menschen durch die luziferischen Versuchungen Unterscheidungen machen konnten durch eigene Erkenntnisse und Erfahrungen zwischen Gut und Böse. Da durchbrach der Christus die vorgeschriebenen Gesetze: Es sollten die Menschen keine Automaten werden. Sie sollten aus eigener Kraft an ihn glauben, damit durch den Glauben an ihn die geistige Welt ihnen wieder zurückgegeben werden könne. Er hätte auch nicht später kommen dürfen, denn dann wäre es nicht mehr möglich gewesen, dass die Menschen sich noch hätten aufraffen können. Unmöglich hätten sie noch an ihn glauben können. Die an ihn glaubten, waren ja auch nur ein kleines Häuflein Menschen, diese ersten Christen.
Und dieser Christus soll nun so in uns weiterleben und wirken, wie Paulus es in seinen Worten zum Ausdruck bringt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Je mehr wir uns mit ihm erfüllen, umso mehr werden wir uns durch ihn vereinigen können mit der geistig-göttlichen Welt.
Es leuchten gleich Sternen
Am Himmel des ewigen Seins<
Die gottgesandten Geister.
Gelingen mög? es allen Menschenseelen
Im Reich des Erdenwerdens
Zu schauen ihrer Flammen Licht.