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GA 246 — 12 January 1912, St. Gallen

Glaube, Liebe, Hoffnung

Meine lieben Freunde!

Theosophie ist etwas, was uns Erkenntnisse bringen kann, die jeder Mensch braucht und die jedem Menschen abgehen, der sie nicht hat. Man kann sagen, noch ist nicht weit verbreitet Theosophie, und man kann die Frage aufwerfen, ob der Mensch in unserer heutigen Zeit, selbst wenn er Theosophie sogar hasst, sie doch braucht. Was bringt ihm die Theosophie? Man kann Dinge wissen durch Theosophie, die man sonst nicht weiß. Der Materialist wird sagen: Die braucht man wohl auch nicht zu wissen. - Man kann auch die Gegenfrage stellen! Kann man denn überhaupt nichts von Theosophie wissen?

Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Betrachten wir die vier Leiber des Menschen: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich. Es ist nicht richtig, dass man von den vier Leibern nichts weiß. Weil ihm der Name fremd ist, glaubt der Mensch, er weiß nichts von Ätherleib und Astralleib. Aber der Mensch wird ihrer gewahr, und dies kann sogar zu seinem Unglück werden.

Von der übersinnlichen Welt spricht Theosophie. Der Mensch will heute nicht mehr glauben, nur wissen. Ja, verträgt denn das der Mensch, dass ihm aller Glaube von einer übersinnlichen Welt geraubt wird und dass er nun nur noch wissen soll? Beantworten diese Frage kann man aus der Beobachtung heraus. Das geht nur eine gewisse Zeit so ohne allen Glauben an eine übersinnliche Welt; dann kommt es, dass der Mensch mit sich selbst zurate gehen muss. Der Mensch, der nichts mehr glauben kann, wenn der dann Augenblicke hat, wo er mit sich zurate gehen muss, dann kommt eine aus dem furchtbaren Einsamkeitsgefühl herausgeborene Verzweiflung über ihn. Der Mensch, der glauben kann, der hat etwas in einsamen Augenblicken. Die Zeit ist erst im Anfange, wo die Menschen immer mehr verfallen werden einer solchen Einsamkeitsempfindung und sie tiefe Verzweiflung und Finsternis überkommt. Und die Menschen kommen dann immer mehr in einen Zustand, wo sie nicht wissen, was sie mit sich und der Welt anfangen sollen. Woher kommt dieses?

Der Mensch ist [nicht] bloß der Träger des Verstandes, der nur wissen will. Wäre er nur das, dann wäre der Mensch nur ein Ich. Aber unter diesem Ich ist der Astralleib, und der braucht Kräfte, damit er nicht ausdörrt. Verzweiflung ist nur da, wo der Astralleib ausdörrt. Das Ich kann glauben, dass es die übersinnliche Welt entbehren kann, aber in den Tiefen unten, da ist der Astralleib, und der kann nie ohne Glauben bestehen - er dörrt aus. Er ist der Glaubensleib. In dem Astralleib sind die Kräfte, die den Glauben brauchen. Verzweiflung, Hunger des Astralleibes nach übersinnlicher Erkenntnis wird die Menschen befallen. Schlimm ist das, weil man ohne einen Einblick in die geistige Welt das nicht weiß. Man spürt den Ausdruck davon, das Krankhafte. Den Hunger des Astralleibes werden die Menschen dann erfahren lernen. Die Nahrung des Astralleibes entzünden, das ist eben der Eintritt in die übersinnliche Welt. Hunger - wie der physische Leib, der keine Nahrung bekommt - hat da der Astralleib. Die Glaubenskräfte sind die wichtigsten Kräfte des Astralleibes. Der Mensch entwickelt seinen Astralleib, das heißt: Er entwickelt die Kräfte, die ihn stark machen.

Der Ätherleib: Erfühlen kann der Mensch seinen Ätherleib und beobachten dazu. Wir können sagen, dass es Menschen gibt, die wie dazu veranlagt sind, an anderen Menschen Gefallen zu finden, Liebe zuzuwenden anderen Menschen. Menschen gibt es wieder, die ihre Liebe nicht nach außen ausstrahlen können. Das sind Menschen, die nur sich selbst lieben. Die Kraft der Liebe, sie hängt zusammen gewissermaßen mit der Kraft des Lebendigen.

Beispiel: Wenn der Mensch Mitleid hat einem wilden Tier gegenüber, das verwundet ist, oder einem Menschen gegenüber, der verwundet ist, und er dann fühlt, dass das Wesen dasselbe ist wie in ihm. — Mitgefühl hat nur einen Sinn, wenn wir von einem Wesen ein Innenleben voraussetzen. Mitgefühl ist eine Form der Liebe, die erkennt, dass das, was in uns lebt, auch in anderen Wesen lebt. Wer diese Liebe schwach entwickelt hat, für den mag das eine Zeit lang gehen, aber ohne Liebe geht es nicht auf die Dauer. Liebe muss der Mensch haben für seine Mitwelt. Ein Mensch ohne Liebe, ohne Wärme, ohne Mitgefühl, der erkaltet innerlich. Das ist ein Zustand, der noch schlimmer ist als der der Verzweiflung, der innerlichen Ödigkeit, der geht über in das Leibliche. Der Mensch bekommt krankhaftes, blasses Aussehen, fühlt, dass es mit seinen Kräften äußerlich abwärtsgeht. Wie Arznei ist es dann für ihn, ihm Liebe zu geben, dann wird es anders mit ihm werden. Liebe wirkt auf die andern und auf uns zurück als Wärme auf den Ätherleib. Der Ätherleib ist der Liebeleib, denn die wichtigsten Kräfte, die der Ätherleib braucht, das sind die Kräfte des Liebens, des Mitgefühls, die helfen ihm. Wir müssen uns vorstellen einen Leib, wie einen Menschen geformt, aber nur aus den Kräften der Liebe bestehend, dann haben wir uns den Ätherleib richtig vorgestellt. Die Liebe in der Welt beweist das Ätherleibdasein. Durch dieselbe Kraft, die der Mensch in sich als Liebe fühlt, wird die Pflanze aufgebaut. Da baut diese Kraft physisch auf, was sie im Menschen seelisch-geistig aufbaut.

Physischer Leib: «Die Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.» Sie wurde bisher aus den oberen Welten der göttlich-geistigen Kräfte geschaffen bis zum physischen Ebenbilde der Gottheit, in dem der Mensch den Geist ausdrückt - denn Gott ist Geist. Und die Körperlichkeit verleugnet das Ziel der Gottheit. Dass der Mensch hereingestellt ist in die Körperlichkeit, ganz unvollkommen, das einzusehen, ist das, was man tun kann von der Geburt bis zum Tode, um sich dem zu nähern. In dem aber, dass der Mensch das empfindet, zeigt sich auch der Drang nach Vervollkommnung.

Der Leib zerfällt zu Staub. Er musste unvollkommen sein einerseits, sonst kann andererseits der Mensch die Erkenntnis nicht erlangen, dass, wenn der physische Leib zerbricht zu Staub, die Seele dann beginnt, einen neuen Leib aufzubauen, an dem er ausbessern kann, was er gefehlt hat.

Die Hoffnung hat er, immer wieder und wieder, den physischen Leib aufzubauen, damit das, was in einem Leben nicht getan werden kann, in vielen Leben gut gemacht wird. Wir durchdringen uns mit der Kraft der Hoffnung, wenn wir immer wieder einen neuen Leib aufbauen wollen. Schließlich werden wir am Ende kommen zu einem wirklichen Ebenbilde Gottes.

Nicht die volle Kraft und Tätigkeit würden wir entfalten in diesem Leben, wenn wir nur zum Zerfall aufbauen würden. Übersinnlich ist unserem physischen Leib notwendig das Hoffnungsgefühl, dass er immer wieder aufgebaut werden kann. Jetzt sind noch Kräfte da ohne der Menschen Verdienst. Wenn wir dann aber nichts mehr wissen wollen von dem Gedanken der Hoffnung, dann verdorrt des Menschen [physischer Leib]. Tatsache ist, dass der astralische Leib austrocknet ohne Glauben, der Ätherleib erkaltet ohne Liebe, der physische Leib würde ausdörren ohne Hoffnung.

Gesund wird der Mensch in der Zukunft nur sein können, wenn er hoffen kann. Er wird auch dem kommenden Zeitalter nur dann mit den rechten Gefühlen entgegengehen. Ausprobieren kann das der Mensch an sich, wenn er eine bis eineinhalb Stunden nach dem Aufstehen Gedanken sich hingibt von [der Fortdauer der Seele von Leben zu Leben]. Dann wird er etwas erfühlen, das wie ein zweiter Mensch ihn durchströmt. Hoffnungskräfte gehen davon aus bis in den physischen Leib hinein. Hoffnungskräfte liegen übersinnlich dem physischen Leib zugrunde.

Die Tatsache liegt vor, dass dieser physische Leib durch Hoffnungskräfte aufgebaut ist, - früher waren da diese Kräfte und am stärksten zwischen Tod und neuer Geburt. Wie Salz im Wasser zum Kristall sich formt, so sind beigegeben dem Menschen diese Kräfte. Schwach wird der Mensch sein im Leben, wenn er wenig Hoffnungskräfte im vorigen Leben entwickelt hat, stark, wenn er viele entwickelt hat. Eine schwache Konstitution wird er in einem späteren Leben haben. Starke Materialisten in einer Inkarnation werden fast gelähmt sein müssen in der nächsten. Das Erfahren dieser Tatsachen ist die Seelsorge der Theosophie.

Der physische Leib ist ein Hoffnungsleib. Glaube, Liebe, Hoffnung braucht der Mensch zum Leben. Er ist aus Weltenweisheit heraus entstanden und braucht zum Leben Glaube, Liebe, Hoffnung.

Wenn der Mensch sich nicht abgeben will mit diesen Tatsachen, dann kann er es in solcher Weise in der nächsten Inkarnation erleben. - Eine gewisse Summe von Glaubens-, Liebes- und Hoffnungskräften hat der Mensch mitbekommen. Wenn nun die Zinsen und das Kapital aufgebraucht sind, muss neucs Kapital geschaffen werden; darum [besteht] heute die dringende Notwendigkeit für den Menschen, neue Quellen zu bekommen für Glaube, Liebe, Hoffnung und die soll uns die Theosophie geben.

Der Mensch ändert sich in seiner Entwicklung, und seine Kräfte ändern sich auch. Auftreten wird eine neue Fähigkeit bei ihm in dem nächsten, dem dritten Jahrtausend: Abwenden werden wir den Blick von dem, was wir getan haben - innerlich den Blick abwenden und nachsinnen -, dann sieht der Mensch das, was später geschieht durch das, was er eben getan hat. Er sieht den karmischen Ausgleich der Tat, die er eben getan hat. Karmisch zu sehen, das wird eine Fähigkeit des Menschen in der Zukunft sein. «Ändert die Gemütsverfassung ...» gilt auch für unser Zeitalter heute. «Ändert den Sinn», denn ihr werdet sehr bald sehen müssen in den geistigen Welten den Christus mit ungeheurem Schmerz in den Zügen, voll Mitgefühl und Liebe.

Vereinsamt fühlen wird sich der Mensch, wenn er nicht ausbildet Glaube, Liebe, Hoffnung. Ein Freund aus der übersinnlichen Welt wird der Christus den Menschen sein, mit dem ungeheuren Schmerz in den Zügen voll Mitgefühl und Liebe, so wird er sich zeigen.

Wer glauben gelernt hat an die übersinnliche Welt, dessen Liebe wird als Kraft der geistigen Welt zuteilwerden, den Christus zu schauen, ätherisch als eine Liebe-Gestalt.

Große Umgestaltungen werden in der Welt geschehen im zwanzigsten Jahrhundert. Christus wird das Karma der Menschen ausgleichen, der Menschheit, wie ihm das übergeben ist. Zuerst wird der Mensch auf der Erde davon erfahren müssen und die Vorbereitung dazu hier auf der Erde bekommen müssen, dass Christus der Herr des Karmas geworden ist. Wo [Christus] gebraucht werden wird, wird er gleichzeitig fast sein können - jetzt, ohne Trennung von Nation, von Rasse und Farbe, für alle Menschen, so wird jetzt bei der geistigen Wiederkunft der Christus da sein.

German original of Faith, Love and Hope · ← Previous · Next →