Supplements to Member Lectures
GA 246 — 25 November 1911, Tübingen
Ansprache Zur Einweihung Des Ludwig-Uhland-Zweiges In Tübingen
Wenn ein Kind zum ersten Mal nach eigenem Denken und Empfinden eine Frage des Vaters oder der Mutter beantwortet, welche freudigen und dankbaren Gefühle steigen da in der Eltern Herzen auf! Auf diese Weise können wir uns ein Bild davon machen, wie sich die geistigen Wesenheiten, die von höheren Welten auf uns herabwirken und uns leiten wollen, freuen, wenn sie auf ihre vielen Fragen endlich eine Antwort bekommen. Dies geschieht, wenn sich spirituell denkende Menschen - Menschen, welche hinter allem Äußerlichen noch eine verborgene Kraft suchen, welche sich in dem, was wir nur im Physischen erleben oder schauen können, noch nicht befriedigt fühlen -, zu einer Loge zusammenschließen und vereinen. Ist sie auch klein und treten sich da die Mitglieder auch noch nicht mit völligem Bewusstsein zur Erfüllung ihrer Aufgabe gegenüber, so wird doch durch ernsten Fleiß und durch Treue und durch hingebende Liebe die Arbeit gefördert, - und langsam, Schritt für Schritt steigen wir von einer Stufe zur anderen, vom Glauben zum Erkennen, vom Erkennen zum Schauen.
Betrachten wir einmal eine Pflanze in ihrem Wachstum. Nicht gleich in ihrer vollen Blüte steht sie vor uns, sondern langsam, ganz allmählich entwickelt sich aus dem Blatt die Blüte, aus der Blüte die Frucht. Will uns auch manchmal der Mut entsinken, die Arbeit schwer werden - wir dürfen versichert sein, dass uns helfende Mächte zur Seite stehen; und der Geist, der die ganze theosophische Bewegung durchdringt, auch uns nicht verlässt.
Immer wieder soll in eines jeden Theosophen Herzen der Ruf ertönen: «Es werde!» - «Es werde!», ruft es uns ja aus der ganzen Natur entgegen; wohin wir unsere Blicke wenden, überall erklingt ein: «Es werde». - Wie niederdrückend wäre die Herbststimmung für uns, wie ganz erfüllt von wehmütigen, traurigen Gedanken müssten wir sein beim Anblicke der absterbenden Natur, die nun schmucklos, ihrer ganzen Pracht beraubt, dasteht, wenn wir nicht im tiefsten Innern die Überzeugung, die feste Überzeugung hätten, dass zwar dieses Absterben kommen muss, damit neben diesem Absterben schon wieder umso lauter der Ruf «Es werde!» uns entgegentönen kann. Und welche trostreichen, erhebenden Gefühle ziehen dann in uns ein beim Gedanken, dass im Absterben der Pflanze schon wieder der Keim für das neue Erwachen und Erblühen derselben liegt und sie im Frühling wieder in der alten Pracht und Herrlichkeit vor uns stehen wird. Auf diese Weise dürfen wir, auch wenn es Menschenherbst geworden ist, schon den Keim für Weihnachten und für den Frühling darin erblicken. Und gerade in solchem Gedenken muss in jeder theosophischen Vereinigung stets eine fröhliche, selige Weihnachtsstimmung herrschen und der Christus immer wieder von Neuem in uns geboren werden.
Es gibt ja Materialisten, die das Göttlich-Geistige im Menschen leugnen und ihre Nebenmenschen nur als Maschinen, als Automaten betrachten. Im Leben verneinen aber diese Menschen nie den Geist; denn, wenn nun ein solcher Mensch zum Beispiel einen andern leiden sieht und ihm beispringt, regt sich da nicht in seinem Innern ein Gefühl, das er gewiss nicht hätte, wenn der Leidende nur eine bloße Maschine ohne jegliches Geistige in ihm wäre? Das Mitleiden, das Mitgefühl stellen sich auch selbst bei einem solchen Menschen ein! Ein Beweis dafür, dass in jedem Menschen, ob er es zugibt oder nicht, in seinem tiefsten Innern etwas schlummert, das geweckt werden kann - und dass unser physischer Körper nur die Hülle eines hohen geistigen Keimes ist.
Nun können natürlich viele Menschen einwenden: Ich lebe nun einmal so, wie ich es für gut und für recht halte; was dann nach dem Tode kommt und was ich dann weiterarbeiten muss, das werde ich schon sehen; die Gottheit, die mich in die Welt gestellt hat, wird mir schon weiterhelfen. - Dem ist entgegenzustellen, dass man zum Beispiel jedem Beruf, den man ergreifen will, nicht erst Liebe und Interesse entgegenbringt, wenn man an die Ausübung desselben denkt; sondern schon lange Zeit vorher mit großer Mühe und Sorgfalt darauf hinarbeitet. Und doch ist dies nicht zu vergleichen mit dem einen hohen Ziel, dem wir entgegenstreben!
Im Alten Testament lesen wir, der Mensch sei nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen worden. Aber wie weit hat sich der Mensch von seinem göttlichen Ursprung entfernt! Immer weiter ist er herabgestiegen in den Materialismus, und erst, wenn er sich wieder in aufsteigender Linie befindet, kann er sich seinem Ziele, seinem göttlichen Ausgangspunkt wieder nähern! Also, nach dem Ebenbilde Gottes sei der Mensch geschaffen worden. Aber, heißt es dann weiter im Neuen Testament: «Gott ist Geist». Können wir uns aber nun bei dem Worte «Geist» etwas Ruhendes, Untätiges denken? - Ganz gewiss nicht; sondern eine nie rastende, nie erlahmende Tätigkeit verbirgt sich in diesem Worte. Wir stehen jetzt auf einer Übergangsstufe; denn das, was wir von den Göttern mitbekommen haben, ist allmählich erloschen und vergessen - umso mehr, je weiter der Mensch herabsteigt; und von Neuem müssen die geistigen Fähigkeiten erweckt, erworben und errungen werden.
Im Jahre 1899 sind neue Tore in die geistige Welt geöffnet worden! Von Zeit zu Zeit dringen Fragen und Mahnungen höherer Wesenheiten ganz besonders stark an unsere Ohren. Eine Antwort auf solche Fragen war es, als sich in Rom einige Menschen aus den untersten Schichten der Bevölkerung, aus den Sklaven in den Katakomben, in den unterirdischen Grabkammern ihrer Toten heimlich zusammenfanden und so den Grund zum späteren Christentum legten. Nicht die sogenannten «Gebildeten» waren es, denn die saßen hoch oben auf ihren Galerien. Und jene Armen, nach Wahrheit Strebenden, die waren es, die zum Beispiel bei theatralischen Aufführungen im alten Rom tief drunten als Beute wilder Tiere dienen mussten. - Und doch! Unterdrückt werden konnte der in ihnen lebende Funke nicht; er hat sich immer weiter ausgebreitet und ist schließlich zum lodernden Feuer geworden. Eine Antwort auf Götterfragen aus höheren Welten war es, als Moses einst die Zehn Gebote schrieb; und eine neuerliche Antwort auf solche Himmelsfragen ist die ganze theosophische Bewegung!