Supplements to Member Lectures

GA 246 — 6 May 1912, Cologne

Götterbotschaften Empfangen

Einweihung des Zweigraumes

Meine lieben theosophischen Freunde!

Wir sind hier in dieser Stunde zusammengekommen, um unsere Augen und unsere Seelen zu wenden nach demjenigen, was liebevoller, verständnisvoller Sinn unserer Kölner Freunde und Mitglieder unseres theosophischen Strebens und unserer theosophischen Arbeit der Gegenwart gegeben haben. Unsere Kölner Mitglieder, dessen wollen wir in dieser Stunde eingedenk sein, sie haben dasjenige, was in den Jahren, seit der Giordano-Bruno-Zweig zu Köln besteht, in ihre Seelen eingezogen ist an Verständnis für unsere theosophische Weltanschauung und für die Impulse der Liebe und der Arbeit unter den Menschen, welche aus der theosophischen Weltanschauung folgen kann, hineinfließen lassen in die äußere Hülle, die sie dieser theosophischen Arbeit hier in Köln jetzt geschaffen haben. Alles, was eingezogen ist in ihre Herzen und Seelen aus dieser theosophischen Weltanschauung heraus hat sie veranlasst, dem Geiste, dem sie dienen, der Seele, der sie hingegeben sind, diese Hülle, die ihrer würdig sein soll, zu errichten, damit innerhalb dieser Hülle die theosophische Arbeit auch an diesem Ort immer besser und besser gedeihen könne.

Man hat ja zu allen Zeiten, meine lieben theosophischen Freunde, empfunden, wie das Äußere dem Innern angemessen sein sollte. Nur in unserer Gegenwart, in welcher so vielfach materialistischer Sinn alles durchzieht, hat man selbst ein uraltes Sprichwort, das von dem Entsprechen des Äußeren gegenüber dem Innern redet, missverstehen können. Einstmals wollte man ausdrücken, dass die Seele, der Geist das Ursprüngliche, das Wahrhafte, das Aktive ist, dass diese Seele und dieser Geist sich ihren entsprechenden Leib bauen und dass nur eine Seele, welche von einem richtigen geistigen Impuls geleitet ist, in der richtigen Art äußerlich sich zum Ausdruck bringen kann in ihrem Leibe, dass es ein Zeichen ist für eine schöne Seele, wenn der Leib als ihr äußerer Ausdruck durch seine schöne Form die innere Schönheit der Seele verraten darf. Das uralte Sprichwort «Eine schöne Seele in einem schönen Leibe» ist aus diesem Empfinden gestaltet; er kündet an, dieser Leib, dass diese Seele, die ihn geschaffen und die in ihm wohnt, durch ihre geistigen Impulse, durch ihre Wahrheit schön sei. In unserer Zeit allerdings ist man ja nahe daran zu glauben, dass man bloß den Leib recht pflegen, ihn recht schön machen brauche, dann macht sich dieser Leib von selbst eine schöne Seele. Auf den Kopf stellt. das materialistische Leben heutzutage alles!

Man merkt in der Außenwelt gar nicht, wie sehr man eigentlich die Dinge durch den materialistischen Sinn auf den Kopf stellt, denn die Leute sehen nicht das, was auf den Kopf gestellt ist, an und finden tatsächlich, dass es so recht ist in der Welt. Wir werden noch oft in der Beurteilung, die theosophisches Leben und Wirken in der Außenwelt findet, merken, dass die Leute davon sprechen, dass das materielle Sein das einzige Wahre und Reale sei in der Welt und dass der Geist nichts sei als ein Gedanke im Hirn der Menschen. Das werden die Leute als Wahrheit empfinden, dagegen werden sie als Fanatismus, als Schwärmerei dasjenige empfinden, was als wahre Realität geschaut wird im Gebiet des theosophischen Lebens. Das Einzige, was die Leute davon unterrichten wird, dass sie die Dinge auf den Kopf gestellt haben, wird sein, dass eine Zeit kommen wird, wo alles dies, was sie vom Obersten zum Untersten gekehrt haben, nicht mehr wird gehen können. Wenn der Geist fehlen wird unserer fortschreitenden Kulturströmung, da werden es die Menschen an der Verödung ihrer Seelen, an der Trostlosigkeit ihres Daseins immer mehr empfinden lernen, was Theosophie diesen trostlosen Seelen, diesem verödeten Dasein sein kann. Sie werden nach und nach einsehen, dass Theosophie da sein muss in der Welt, dass sie sie braucht zu ihrem Fortschritt.

Hüllen dem Geiste zu geben, das hat man immer angestrebt in der Menschheit, und wir haben im Verlauf unserer theosophischen Bestrebungen darauf hinweisen können, wie man im Gange der Menschheitsentwicklung verfolgen kann, wie sie gestrebt hat, dem Geiste Hüllen zu geben. Wir haben hingewiesen auf den griechischen Tempel, dessen äußerer Form man etwas ansieht, sodass man sagen kann: Dieser griechische Tempel konnte nur innerhalb einer Weltanschauung entstehen, in welcher aus vollstem, intimstem Gefühl heraus gesprochen werden konnte das Wort, das da bezeugt, wie innig vereint [die Griechen sich fühlten] mit allem, was auf dem physischen Plan ist. Das Wort, das ihre Liebe zum physischen Plan ganz ausdrückte, so, dass sie lieber als Bettler hier, denn als König dort verweilen wollten.

So viel die Götter ausströmen konnten an Leben auf den physischen Plan herab, so viel haben die Griechen in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum empfangen und sie haben sich mit diesem Göttlichen auf dem physischen Plan innig vereinigt und das Leben als ein Göttliches empfunden und diesen unter ihnen auf dem physischen Plan lebenden Göttern, denen haben sie ihre Tempel errichtet. So haben wir empfunden einen solchen griechischen Tempel, dass wir sagen konnten, darinnen wohne ein Gott und dass seine äußere Form dasjenige zum Ausdruck bringe, dass Menschen weit fort sein könnten von diesem Tempel, und dass man es ihm doch ansehe, dass ein Gott in ihm wohne und die äußere Form nur seine Hülle sei. Das ist die Idee des griechischen Tempels.

Dann sehen wir eine weitere Etappe in der Entwicklung der Menschheit im gotischen Dom, den man sich nicht anders denken kann als einschließend die Gemeinde der Menschen, die empfangen die Kraft des Gottes durch die Macht des Wortes. Während der griechische Tempel vollständig ist, wenn auch niemand darinnen ist, als allein der Gott, so ist der Dom unvollständig, wenn niemand darinnen ist. Er muss die Gemeinde umschließen. Das liegt schon im Wort: Dom = Tum. Diese Silbe drückt aus das Zusammenwirken von menschlichen Seelen: «Volkstum», «Duma» und so weiter. So hat der Dom seinen Namen von dem, was wie eine zweite Seite zu seinem Wesen gehört, von der Gemeinde, von dem, was zuhört dem göttlichen Worte. Eine Wohnstätte des göttlichen Geistes ist der griechische Tempel, eine Wohnstätte der hörenden Menschen ist der gotische Dom. Denn vom Griechentum bis hinein in das christliche Mittelalter ist die Menschheitsentwicklung weitergeschritten. Geklungen hat mehr oder weniger deutlich vernehmbar der Spruch: «Im Urbeginne war das Wort und das Wort war bei Gott und ein Gott war das Wort.» - Aber dieser Verkündigung des Wortes, ihm stand beim Herannahen des fünften nachatlantischen Zeitraumes wahrlich entgegen der andere Spruch: «Und nun sei geneigt dem Worte das Ohr, und das Ohr sei in der heiligen Stätte und lausche dem Worte, das da birgt, indem es zum Ohr sich drängt, den göttlichen Geist.» Dem ertönenden göttlichen Wort müssen gegenüberstehen das lauschende, empfangende Ohr und das Herz des Menschen. So war das Geistige fortgeschritten - und ein Verständnis dafür haben gehabt diejenigen, die zu schaffen vermochten aus dem Geiste heraus eine Hülle diesem fortgeschrittenen Geiste.

In der Gotik gaben sie eine Hülle dem Lauschen des göttlichen Wortes. Auch diese Zeit ist vorbei, in welcher diese Stimmung in den geistigen Strömungen die zeitlich allein richtige war. Wiederum sind wir als menschliche Seelen ein wenig weiter geschritten in der Evolution, und unserer Zeit ist eine neue Aufgabe gesetzt. Wir verstehen diese Aufgabe des geistigen Lebens, in das wir selber sollen hineinverwoben sein, wenn wir die beiden Worte im geistigsten, im gemütvollsten Sinne zu vernehmen in der Lage sind, die beiden Worte «Vergessen» und «Gedenken». Diese beiden Worte können uns über vieles belehren, was wir lernen sollen aufzunehmen in unsere Gefühle und Empfindungen, in unser Denken und in unsere Willensimpulse, die in der Entfaltung des Menschengeistes im Sinne theosophischen Fühlens, Denkens und Wollens erreicht werden sollen!

Die Motive, die uns hier in diesem neu errichteten Raume für unsere Arbeit entgegentreten, die Farben und Formen - aus welchem Geiste stammen sie? Aus demselben Geiste, der auch in der Hülle, die unserer Arbeit dienen soll, noch reicher zu uns sprechen soll, in unserm Bau in München. Erreicht werden soll durch die ganze Art und Weise, wie da der Geist sich eine Hülle gibt, ein richtiges Verständnis der Worte «Vergessen» und «Gedenken». Aber man muss vieles empfinden und fühlen in seiner Seele, wenn man in der richtigen Art empfinden und fühlen will diese beiden Worte: «Vergessen» und «Gedenken».

Wir haben immer wieder und wieder klarzumachen versucht, in welchem Sinne wir von der uns umgebenden Welt als einer Maja, einer großen Illusion sprechen können. Aber haben wir jemals von der uns umgebenden Welt gesprochen nur und allein als einer großen Illusion? Haben wir nicht immer dieser Maja gegenübergestellt dasjenige, dass wir die Welt gewürdigt haben, insofern sie ist eine Offenbarung göttlich geistigen Lebens? Niemals dürfte der Ausdruck «die Welt ist Maja» uns dazu verleiten, uns abzuwenden von dieser heiligen Natur, die in den Farben und Formen lebender Wesen uns in unendlicher Schönheit und unendlicher Weisheit entgegentritt! Das würde sein die größte Sünde gegen den heiligen Geist des Daseins, wenn wir nicht fühlen könnten die Natur als Offenbarung göttlichen Lebens und uns hinwegfinden wollten von ihr dadurch, dass wir gedankenlos das Wort prägen, dass sie ja doch nur Maja, die große Illusion sei! Ebenso wenig dürften wir daran denken, dass wir uns in unserem moralischen Leben zurückziehen wollten vom Miterleben in Liebe alles dessen, was an Leid und Schmerz in den Herzen unserer Mitmenschen lebt. Ein grandioser Egoismus würde es sein, wenn wir da denken wollten, das sei ja doch nur Maja, Illusion! Nur dann fühlen wir den Sinn dieses Ausdruckes recht, wenn wir sogleich zurückdenken an uns selbst und uns sagen: Maja ist unsere eigene Schwäche und [unser eigenes] Missverständnis gegenüber der heiligen Natur.

Nur weil wir sie mit unseren schwachen menschlichen Anschauungen schauen, daher enthüllen sich uns nicht alle Schönheiten des Daseins. Wenn wir aber loskommen von uns selber, wenn wir aus unserer eigenen engen Persönlichkeit herauskönnen - dann werden wir sehen, dass Götter sich uns offenbaren wollen in allen Dingen der Natur und dass wir selber eine Nebeldecke hinbreiten über die Dinge.

Und wenn wir uns selber mit unserer Seele abmatten mit den tiefen Rätselfragen des Daseins und uns fragen: Warum ist denn so viel Leid und Schmerz im Dasein, das nicht entsprechend scheinen könnte einem göttlich durchgeistigten Dasein? Wenn wir ernstlich ringen würden, zu schauen dasjenige, was von uns selber als unsere Schuld, unsere Verfehlung, unsere Egoismen hineingemischt ist in die Welt der göttlichen Offenbarungen, wenn auf das hingeschaut würde als den Quell, aus dem Leiden und Schmerzen im Leben entspringen - wenn wir alles das sehen würden im Dasein, dann wäre die Welt nicht mehr Maja.

Warum denn ist die Welt den Menschen zunächst Maja, Illusion? Diesen Ausdruck muss man fühlen und empfinden, nicht bloß aussprechen. Fühlt man das Wort Maja in dem Sinne, wie er eben angedeutet [worden] ist, dann ist man zerknirscht, dann schämt man sich vor sich selber, dann ist man wie in einen Abgrund des Elends und der Scham gestürzt. Da weiß man sich als Mensch als das elende Wesen, das nicht vermag durch seine Kleinheit und Unvollkommenheit die Größe und Herrlichkeit der Schöpfung zu durchschauen. Das muss man fühlen!

[Und solange man dies nicht fühlt in seiner ganzen Schwere, solange wird die Menschheit nicht mehr weiterleben können!] Alle, alle müssen dies fühlen lernen in irgendeiner Inkarnation - dann werden sie zur Theosophie kommen und dann werden sie das andere Gefühl erlangen, das Antwort gibt auf die Frage: Warum ist die Welt Maja, Illusion?

Und diese Antwort wird dem Menschen gegeben! Die Frage muss im Menschen erstehen, damit die Götter Antwort auf diese Frage geben können. Und die Götter sprechen also: O Mensch, wandle du um in Realität und Wirklichkeit diese Maja, trage du hinein in alle Zukunft diese Realität! Wäre dir nicht der Schein, die Illusion gegeben, dann wäre dir auch nicht diese Aufgabe von den Göttern zuerteilt, den Schein in Wirklichkeit zu wandeln! Du sollst die Maja in Realität wandeln! - Alles, was im Irdisch-Physischen da ist, ist wie ein Spiegelbild des Wirkens der Götter. Was aber im Spiegel erscheint, ist nur der Widerschein der Realität.

Wenn aber der Mensch die Realität, das Wirken der Götter, in sich aufnimmt, dann mag der Spiegel zerschlagen - durch das, was der Mensch nun in sich trägt, was er in seiner Seele aufgenommen hat, wirkt er weiter dasjenige, was die Götter vor ihm geschaffen haben. Die Götter haben die Welt in Jahrmillionen geschaffen, sie haben ein Spiegelbild ihrer selbst in dieser Welt geschaffen, und der Mensch hat dies Spiegelbild in seiner Seele. Mag auch nun der äußere Spiegel der Gottheit, die Welt, zerschellen und zersplittern - der Mensch hat das Göttliche in sich in die Zukunft hineinzutragen! Fühlt er das, dann trägt er das Bewusstsein in sich, was er mit der Maja zu machen hat, dann fühlt er, wie er, der Mensch, der Umweg ist zur Rettung der intimsten Angelegenheiten der Welt in die Zukunft hinein. Und aus dem Bewusstsein dieser Aufgabe heraus wird die Theosophie die Menschenseelen aufrichten, wenn sie getrieben von dem Leid und Schmerz, von dem Elend des Lebens in der bloßen Maja zu ihr sich retten.

In solchem Geiste des Elends (draußen), aber zugleich der Aufrichtung (drinnen) sitzen wir in unseren Logen, und alles, was wir darin an Theosophie in uns aufnehmen, was wird es uns dadurch? Wenn wir bloß etwas durch Theosophie erfahren wollen, dann stehen wir ihr nicht im richtigen Sinne gegenüber. Das ist Egoismus, dass die Menschen in die Loge kommen wollen, bloß um etwas Neues, Interessantes zu erfahren! Und leider ist das eine alte Gewohnheit, mit der aber gebrochen werden muss, wenn wir in richtigem Sinne theosophisch arbeiten und wirken wollen. Solche Menschen müssen wissen, dass alles dasjenige, was sie sich durch ihre sogenannte Erkenntnis als cin bloßes Wissen angeeignet haben von den geistigen Dingen, dass alles das nichts ist! Dies Wissen hat gar keine Bedeutung für eine geistige Zukunft. Der Mensch hat ein solches Wissen, das stirbt, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Nichts, gar nichts bleibt ihm für die Zukunft davon. Die Menschen haben sich angewöhnt, zuerst auch Theosophic so zu betreiben.

Das ist aber nicht das rechte Gefühl der Theosophie gegenüber. Dann erst habt ihr dies rechte Gefühl, meine lieben theosophischen Freunde, wenn ihr euch vorstellt, wenn Ihr in euren Logen euch zu eurer theosophischen Arbeit versammelt, dass da nicht nur ein Wissen errungen werden soll, sondern eine Kraft! Stellt euch vor, als ob ein Gott da anwesend wäre in diesen theosophischen Logen und seine Gaben euch geben würde, dass göttliche Kraft da hineinströmen würde in euch und dass ihr die Gefäße seid, diesen göttlichen Lebensstrom zu empfangen. Und dass ihr hinauszutragen habt in die Menschheit diesen geistigen Strom, der von jetzt ab sich ergießen wird innerhalb der ganzen Menschheitsentwicklung! Eine Götterbotschaft sollt ihr jedes Mal empfangen, wenn ihr in euren Logen zusammenkommt, nicht ein bloßes Wissen, das eure Neugierde befriedigt. Und ihr müsst empfinden lernen: Empfange ich nicht diese Botschaft, dann stehe ich doch nur rat- und tatenlos auch dem äußeren Leben gegenüber, dann fehlt mir alles das, was mir Kraft und Stärke gibt, mich innerhalb der Welt der Maja zurechtzufinden und sie in eine geistige Realität umzuwandeln! - Habt ihr dieses Gefühl, dann habt ihr ein rechtes Gefühl innerhalb der Loge! Dann werdet ihr auch wissen, dass Theosophie das Heiligste und Intimste eurer Seelen ist!

Und dann werdet ihr auch empfinden, in welcher Weise der Geist fortgeschritten ist seit der griechischen Zeit. Da haben wir den Gott, abgeschlossen für sich im griechischen Tempel, da braucht er keine Menschengemeinde um sich herum. Dann haben wir im gotischen Dom die Gemeinde, die das Wort des Gottes braucht. Und dann haben wir in unsrer Zeit die theosophische Loge: draußen die Welt, in der der Mensch selber vergessen kann alles dasjenige, was in die Welt gekommen ist von Anbeginn bis jetzt - und in der Loge, da haben wir den Menschen, der da weiß, dass ihm eine Aufgabe für die Zukunft zugeteilt wird, der in einer solchen Loge einen Geleitbrief in die Zukunft hinein empfängt. Das muss der Mensch fühlen, diesen Fortschritt in der geistigen Entwicklung der Menschheit.

Die Saturn-, die Sonnen-, die Mondenentwicklung und ein Teil der Erdenentwicklung ist hinter uns. Kunde ist uns davon geworden, diese Kunde empfangen wir in unsren Logen. Und diese Kunde ist eingehüllt in die Erden-Maja. Wir müssen uns klar sein darüber, dass wir alles dasjenige, was wie cin Rest alter Zeiten geblieben ist, müssen vergessen können, dass das alles sich ausnimmt wie ein Testament der Götter, die gewirkt haben in alten Zeiten. Unsere Zweigarbeit enthüllt uns das Testament dieser Götter; der Mensch darf es entsiegeln, aber was soll er daraus lesen? - Nichts soll er daraus lesen, was nur seine Neugierde, seinen Egoismus befriedigt, sondern das soll er daraus lesen: Wie er mitschaffen soll an dem göttlichen Bau der Welt! Vergessen können müssen wir das Alte; Gedenken, dass wir nur der neuen Weisheit zugetan sein müssen, dem, was hineinschafft in die Zukunft. Vergessen müssen wir auch alles dasjenige, was als materialistische Kultur uns draußen umgibt; Gedenken, dass wir in einem solchen Raum in allem, was uns an Farben und Formen entgegentritt, Symbole haben, in denen der Geist, der in einem solchen Raum lebt, sich ausdrückt. Dass dieser Geist in uns lebendig werde, uns durchglühe und unseren geistigen Blick weite in eine geistige Welt hinein, das sei unser Grundgefühl - so müssen wir in einem solchen Raume leben!

Der griechische Gott schloss um sich die Hülle. Im Mittelalter fühlte man die Hülle als das Wort in sich bergend. Wir aber müssen unsere Umhüllung in unseren Logen so empfinden, wie wenn wir in einem Raum wären und in Farben und Formen etwas wäre, was, indem wir es anblicken, beginnt, immer weiter und weiter zu werden, immer mehr sich zu dehnen, dem Blick gegenüber zu wachsen. Aber was da hinauswächst, das ist nicht leer, nicht geistlos. Es enthält den Geist, den wir empfinden, indem wir das Testament der Götter in diesem Raum empfangen, und der uns anfeuert zu dem, was unsere Aufgabe für die Zukunft ist. Zu einer wirkenden Welt erweitern sich so unsere Symbole! Zu der Welt, in der wir Mitschaffende sind. Wenn wir so, vergessend die äußere Welt und gedenkend der geistigen Welt, in unseren Räumen sind, dann leben wir theosophisch in unseren Räumen!

Und wenn an irgendeinem Orte solch ein Raum mit unseren ausgesprochen rosenkreuzerischen Symbolen erscheint und unsre Mitglieder darinnen arbeiten, wenn sie den Gedanken fassen, mit einem solchen Raum ihre Arbeit zu umkleiden, so ist das ein Zeichen, dass etwas von jenem heiligen Pflichtgefühl, wenn auch vielleicht unterbewusst, in den Menschen dieses Zweiges vorhanden ist. Dann fühlen diese Menschen Theosophie nicht mehr als bloße Begierde, etwas, was sie haben möchten, sondern als Pflicht. Und daher ist jedes Mal dann, wenn eine solche Hüllenbildung erscheint, eine Etappe der theosophischen Entwicklung überschritten, und insofern hat so etwas eine große, tiefe, wahre Bedeutung innerhalb unsrer Arbeit.

Unsere Freunde hier an diesem Ort, die vermocht haben diese heilige Pflicht in ihre Herzen aufzunehmen, lassen sich gesagt sein in der heutigen Stunde, dass in der Art und Weise, wie sie cs können und wollen, die geistigen Mächte auf ihre Arbeit herabschauen, dass sie das geistige Leben, das sich hier entfalten soll, mit ihrer Kraft durchtränken, dass theosophisches Geistesleben aus einer solchen opferwilligen Tat heraus den Segen findet aus den spirituellen Welten. Dankbar sind wir den lieben Kölner Freunden und Mitgliedern, weil sie dies Opfer bringen wollen, das sich hier zum Ausdruck bringt. Dies Opfer! Wir wollen ihnen nicht, wie man es sonst tut in der materiellen Welt, entgegenhalten das Wort: Es wird euch Vergeltung kommen für dies Opfer. Oder: Es wird wohl angesehen werden bei den Meistern der Weisheit, die da Lenker sind unserer spirituellen Bewegung!

Nein, solche Worte wollen wir innerhalb unserer theosophischen Bewegung uns abgewöhnen. Aber wir, die wir an den verschiedensten Orten theosophisch streben, und ihr alle, die ihr gekommen seid, heute Gast zu sein in diesen Räumen, wir werden dankbar fühlen, was unsere Kölner Freunde getan haben! Und die meisten werden es mehr oder weniger als eine selbstverständliche Tat empfinden, die anzeigt, dass wir eben einen Schritt weiter gekommen sind in unserer theosophischen Arbeit.

Aber eines dürft ihr von heute ab empfinden, das Wort: Ich habe nun wiederum um einen Grad besser verstanden, was eigentlich theosophisches Leben ist! - Indem die Menschen das immer besser verstehen werden, werden sie auch immer inniger und fester hineinwachsen in unsere heilige spirituelle Strömung.

Es liegt wohl nicht im Sinne derjenigen, deren Initiative und Opferwilligkeit wir diese Räume verdanken, sie mit Namen zu nennen. Wir danken ihnen im Namen derjenigen, die hinter dieser Arbeit stehen, die Größeres, als man bei einem oberflächlichen Überschauen meinen könnte, enthält. In dem Verständnis ihrer Liebestat vonseiten dieser Individualitäten, die wir die Meister der Weisheit nennen, mögen die Kölner Freunde sicher sein, dass ihnen ihre Opferwilligkeit immer tiefere geistige Befriedigung schaffen wird.

Aber gedenken will ich des einen unserer Freunde, der es verstanden hat, sein großes und bedeutungsvolles Können in den Dienst unserer Bewegung einlaufen zu lassen in der Ausstattung dieser Räume. Unser Freund Wildermann gehört zu denjenigen, die ganz gewiss immer zahlreicher sein werden, die da verstehen werden, dass alles dasjenige, was äußerlich in eine Form geprägt wird, durchströmt und durchflossen sein muss von einem geistigen Leben, und zwar nicht von irgendeinem beliebigen, abstrusen geistigen Leben, sondern von dem bestimmten, geistigen Leben der Epoche.

Die Leute streiten sich heute, ob es einen Homer gegeben habe ‚oder nicht. Warum können sich die in ihren Seelen wüsten Gelehrten über Homer streiten? Deshalb, weil er als Persönlichkeit bescheiden zurückgetreten ist, weil er der Künstler ist, der am allermeisten verstanden hat, sich selber zu verleugnen und eine geistige Strömung, die seiner Zeit angehörte, in einer äußeren Form zum Ausdruck zu bringen. Alles, was in der «Ilias» oder der «Odyssee» steht, hat gelebt vor Homer im griechischen Volksgeist. Dass es aber auch in der Nachwelt lebt, das verdankt man dem Umstande, dass Homer es verstanden hat, nicht sich selbst in sein Werk zu gießen, sondern diesen Geist in eine Form zu gießen.

Es wird eine Zeit kommen, wo man sich nicht beschäftigen wird mit dem, was gepredigt haben Kardinäle im fünfzehnten Jahrhundert in Rom von dem Christentum. Die haben hohe und schöne Worte gebraucht. Aber sehen wir auf ihre Taten, die sind wahrlich nicht immer schön gewesen!

Man wird vielleicht wenig reden in der Zukunft von dem, was dazumal diese Kardinäle als ihre theoretischen Anschauungen gepredigt haben. Aber man wird etwas anderes verstehen. Da gibt es ein Bild im Vatikan: die sogenannte «Schule von Athen» von Raffael. Selbst wenn einstmals das Bildnis selbst verschwunden sein wird — die Kunde von ihm wird weiterleben. Und dadurch wird sie weiterleben, dass der Schöpfer dieses Bildes, Raffael, in anderer Weise als Päpste und Kardinäle empfunden hat den Geist des christlichen Wortes. Vor unserer Seele stcht das Bild, das darstellt die Erzählung aus der Apostelgeschichte, wo die Athener versammelt sind mit all den Männern aus alten Zeiten. Da tritt Paulus unter sie und sagt: Ihr habt lange gesprochen von dem unbekannten Gotte, ihr habt lange angebetet die Gleichnisse der Götter in euren Tempeln und Statuen. Ich aber will euch sprechen von dem Geist, der in allem Dasein wirkt und lebt, den kein Äußerliches zum Ausdruck bringen kann, der aber in allem lebt und wirkt, der auch in uns lebendig ist! - Viele verstanden ihn nicht, sie wandten sich ab, nur wenige verstanden ihn.

Raffael stand diese Szene vor Augen, er malte sie an die Wand und bis auf die Handbewegung hin goss er hinein in die eine Gestalt den Geist, den er hineingießen wollte. Nicht Aristoteles ist diese Gestalt - nein, das ist derjenige, den Raffael im Geiste schaute: Paulus, sprechend zu den Menschen von dem Christus! Paulus steht da - nicht Aristoteles.

Da haben die Menschen Raffael so missverstanden, dass sie allerlei hineingedeutet haben in dies Bild, nur nicht dasjenige, was im Geiste des Raffael gelebt hat. Er hat verstanden, selbstlos in sein Schaffen das hineinzulegen, was mehr vom Geist des Christentums enthält als die Predigten der Kardinäle und Päpste - dasjenige, was der spezielle Geist seiner Epoche war. So etwas wird in Zukunft immer mehr erwachen unter den Menschen.

Und wenn ein Künstler unter uns ist, der durch die Tat zeigt, wie tief er mit den großen, spirituellen Idealen zusammengewachsen ist, so schaut mit rechtem Verständnis auf das Werk dieses Künstlers, das seine große Begabung und sein schönes Wollen zeigt, wenn Ihr nachher das Bild, das in der Wand dieser Loge eingelassen ist, betrachten werdet!

Durchdringen wir uns mit solchen Gefühlen und Empfindungen, dass diese im Einklang sind mit dem Geist unserer Epoche, dann wird dieser Geist in unserem theosophischen Streben, Sehnen und Arbeiten weiterwirken, und es wird sich für unsere Arbeit, für die ganze Menschheit das erfüllen, was durch Theosophie erfüllt werden soll. Ihr werdet fühlen können, wie ein heiliger Geist unsichtbar in diesem Raum waltet, und wenn ihr diesen guten Geist fragt, wer er ist, so wird die Antwort lauten: Das sind die liebevollen, aufmunternden, kraftverleihenden Gedanken unserer theosophischen Freunde draußen, die diesen Raum durchkraften. Und wenn ihr in besonders weihevollen Zeitpunkten besonders heilig diese Kräfte empfindet, die in diesem Raum walten - so als ob das Beste aus einer Welt geistigen Lebens in eure Seelen gegossen würde, das Tiefste, was Liebeskräfte und Weisheitsstreben der menschlichen Seele geben kann -, wenn ihr diese Kräfte empfindet, da sagt euch still und intim in eurer Seele: Die uns diese Kräfte senden, das sind diejenigen, die wir nennen die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen - fortgeschrittene Menschenseelen, deren Arbeit darin besteht, uns ihre Kräfte zuströmen zu lassen. Ihren Segen, ihren Beistand, ihre Hilfe flehe ich herab in diesem Augenblick auf die Arbeit hier an diesem Ort und in diesem Raum, und ich weiß, dies Gebet zu den uns Führenden ist nicht vergebens. Indem wir ehrlich und aus der Wahrheit heraus streben, geben die Meister uns ihre Kräfte, sie werden in diesem Raum walten und zu spüren sein, dessen können wir gewiss sein. Wir müssen uns ihnen in dieser Stunde angeloben in wahrer und opferwilliger Hingabe, und sie werden bei uns sein in unsrem Streben, Schaffen und Arbeiten in diesem Raum. Dann dürfen wir nicht mehr sagen: Möge hier ein guter Geist wirken. Dann wird der beste Geist hier walten und wirken.

German original of Receiving Messages from the Gods · ← Previous · Next →