Supplements to Member Lectures

GA 246 — 6 December 1914, Stuttgart

Erlösung Dem Erlöser

Die Innere Mission Von Richard Wagners Parsifal Im Zusammenhang Mit Der Aufgabe Der Fünften Kulturepoche

Aus der Dichtung Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen» kann man erkennen, wie aus der ursprünglichen Weisheit der atlantischen Zeit herausgeboren wurde das Ich, das Selbstbewusstsein des fünften Zeitalters, unseres Zeitalters, und mit diesem verknüpft die Aufgabe, ein freies, selbstständiges, tüchtiges Ich zu werden und den Intellekt zur höchsten Entfaltung zu bringen. An den Intellekt muss sich zunächst der Egoismus knüpfen, das Sondersein, welches andererseits dem Menschen die persönliche Freiheit gibt, was ihn stark macht für den physischen Plan. Den Freiheitsimpuls erhielt der Mensch ursprünglich durch den Willen der Götter. Wotan, die Götter führten in entsagender Liebe den Menschen. Im «Ring» heißt es: «Wen ich liebe, lass’ ich für sich gewähren, er steh’ oder fall’, sein Herr ist er.»

Das Freiheitsprinzip muss da sein, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, aus vollständig freier Willensentschließung heraus den Weg zur Gottheit wieder zurückzufinden, ganz unabhängig von jeglichem höheren göttlichen Willen oder irgendwelcher göttlichen Beeinflussung. Herausgeboren wurde aus der Weisheit, aus der ursprünglich reinen Flamme, was dargestellt ist im Rheinstrom, das Verstandeswissen. Der Intellekt ist dargestellt im Gold, das aber ursprünglich bei den Rheintöchtern noch reine, lautere Kraft war. Herausgeboren ist das Ich des Menschen mit seinem Denken, Fühlen und Wollen aus dem Rheinstrom, aus dem Seelischen: Der Mensch war immer ein Teil des Gottes.

Im [Es]-Dur-Akkord stellt uns Richard Wagner hin das Schaffen und Wirken der Gottheit in der Welt der seelischen Kräfte. In dem Grundton der Terz, der Quint, die schon in Bewegung ist, in dem Dreiklang haben wir das, was in figurierter Bewegung schafft, webt und wirkt. In diesem Dreiklang lebt und wirkt das Göttliche und in dieser göttlichen Dreiheit lebt das göttliche Ich selbst wirkend; was zugrunde liegt, ist Weisheit, ist heiliger Geist. Göttliche Weisheit durchzieht den Astralplan. Und heute wirkt sie vom Mittelpunkt der Erde aus in den dichtesten Kräften, um die Erde wieder zu vergeistigen, aufzulösen das, was zusammengepresst, eingeengt ist durch das Sondersein. Aufgelöst wird der Ring des Egoismus wieder durch jene Liebeskräfte, die hereinkamen durch die Liebestat, die sich vollzog im Mysterium von Golgatha. Davon weiß Brunhilde. Sie weiß, dass das Liebesfeuer des Geistes den Ring vom Fluche reinigt, dass dieses Feuer den Egoismus verbrennt, dass das Gold, der Intellekt geläutert wird vom Egoismus, dass er aufgelöst werden muss in Weisheit. Herausgeboren aber aus der Weisheit wird die selbstlose Liebe. Erlöst vom Zwange des irdischen Reiches wird das Ich im Wasser und Feuer der reinen astralischen Kräfte, der Kräfte des Geistes, und es muss wieder zurückgegeben werden dem ursprünglich reinen Feuer- und Wasserelemente.

Das persönliche Ich soll dazu kommen, sich dem Göttlichen wie eine Blüte zu erschließen, wie eine Blüte sich dem Sonnenstrahle erschließt. Das fünfte Zeitalter, das das reife Ich hervorbringt, muss Anschluss finden wiederum an das Göttliche, soll die Fortentwicklung der Menschheit nicht zur Verhärtung des Ich führen. Wir sind in der jetzigen Zeitentwicklung da angelangt, wo durch die ernste Zeit, in der wir jetzt stehen, die Prüfungen einsetzen, die uns durch Läuterungen führen, die uns so führen müssen, dass das Sondersein nach und nach wiederum sich auflöst. Wenn wir unsere kleinen Sonderinteressen, unsere selbstsüchtigen Ich-Interessen ein wenig opfern können den großen Weltinteressen, dann wird das geschehen können, was geschehen muss. Die fünfte Kulturepoche soll ein verinnerlichtes Christentum zeitigen, das frei ist von jenen Einflüssen, die egoistischer Natur sind. Das wahre Christentum soll zeigen, dass es der menschlichen Seele möglich ist, sich über das zu erheben, was die Seele im Denken, Fühlen und Wollen erniedrigt. Denn der wahre Mensch ist erniedrigt von Begierden und Leidenschaften der niederen Natur einerseits; der Mensch erniedrigt sich aber auch selbst, wenn er das Beste, das er besitzt, den Geist, erniedrigt, wenn er ihn zu niedrigen Zwecken missbraucht, zu Zwecken, die nur persönlicher Machtvergrößerung dienen. Das Töten einer SiegfriedNatur, das Spirituelle eines Baldur, wurde als tiefe Tragik von unseren germanischen Vorfahren empfunden. Siegfried-Baldur konnte noch nicht gewappnet sein, diejenigen finsteren Mächte zu besiegen, die in der Götterdämmerung geschildert sind, die dieselbe herbeiführen. Er konnte noch nicht das Ahrimanische, das ihm in Hagen entgegentritt, besiegen, durchschauen; er konnte noch nicht in sich besiegen das Egoistisch-Luziferische. Denn Siegfried hätte erkennen müssen, dass er den Ring den Rheintöchtern hätte zurückgeben müssen; er hätte Loge-Luzifer zu Ende hören müssen, der sagte, dass der Ring zurückgegeben werden müsse. Zu Ende hören wir ihn, wenn wir gelernt haben, Gutes und Böses zu unterscheiden, und wenn der Intellekt wieder einmündet in Weisheit. Aber der Mensch soll lernen, Luzifer widerstehen zu können in seinen Versuchen. Luzifer führt allerdings in negativer Weise - dadurch, dass der Mensch sich an ihm erkraftet, dass der Mensch ihn durchschauen lernt, den Menschen wieder zu erkennender Weisheit zurück. Luzifer ist gefährlich da, wo die menschlichen Leidenschaften sprechen: im Denken, Fühlen und Wollen; der Mensch muss ihn überwinden. Überwinden muss er das egoistische Ich-Verlangen im Denken, Fühlen und Wollen.

Warum schützte das Schwert Nothung Siegfried nicht vor Hagens Tücke? In den vier Einzelwerken - «Rheingold», «Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung» — hat man einen Abstieg bis zur verfestigten Erde, bis der Mensch persönliches Ich wurde. Siegfried stieg ab bis zur letzten Phase, bis zum persönlichen Ich. Die alte Weisheit ging ihm verloren, eine neue besaß er noch nicht, darum konnte er die Gewalten noch nicht besiegen, die gerade dem persönlichen Ich Gefahr bringen. Er hatte sozusagen die letzten Reste alter Weisheit, die man beim Übergang vom Stammesbewusstsein zum persönlichen Ich noch hatte - auch diese geht ihm verloren, die nützt ihm nichts mehr. Die Menschen, die die vierte Phase voll durcherlebt haben voll erlebte Siegfried die vierte Phase nicht, er ist ein Mensch der Übergangszeit -, haben dieses Bewusstsein nicht mehr, in uns ist es finster geworden. Zwar haben wir Grane, das Ross, die Erdenklugheit. Aber diese schützt nicht genügend vor den finsteren Mächten. Und auch das Schwert alter Einweihungskräfte, alter Weisheit und Erkenntnis, die jetzt bei Siegfried zurückgehen, kann Siegfried nicht schützen vor dem, was der jetzt aufkommende Intellekt an Gefahren bringt — daher musste er den finsteren Mächten erliegen. Das Spiritwuelle und Lichtvolle alter Zeiten geht unter - die tückischen Ränke des Hagen siegen. Aber auch diesen ereilt sein Schicksal, auch er muss durch die Rheintöchter, die ihn in die Tiefe ziehen, den Weg zur Katharsis, zur Läuterung zurück einschlagen, und dieser führt in die Tiefen seiner eigenen Seele. Baldur-Siegfried muss überwunden werden durch die finsteren Mächte, die im Egoismus ihren Sitz haben. Und schlimm wäre es der Menschheit ergangen, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eingetreten wäre, wenn nicht eingezogen wäre in die wunderbare reine Hülle des Jesus von Nazareth, die der große Meister Zarathustra-Jesus durcharbeitete und vergeistigte, der Christus-Jesus. Der Christus-Jesus musste sterben wie Baldur, wie Siegfried gestorben sind. Aber er, der Christus, überwand die finsteren Gewalten. Daher haben wir für alle Zeiten der Entwicklung durch das Mysterium von Golgatha jetzt die Gewähr durch die Kräfte, die seitdem in uns gelegt sind, die finsteren Mächte, die im Egoismus ihren Sitz haben, zu überwinden durch die Kräfte des höheren Ich, das in uns gelegt ward, keimhaft, indem wir es wecken - Herr zu werden über den Egoismus. Nur der unberechtigte Egoismus ist es, der uns furchtbar wird, wie er sich zeigt als Sinnlichkeit, Machtgier, Größenwahn oder Eitelkeit des persönlichen Ich.

Das ist, was wir lernen müssen von Richard Wagner: Nirgends in der okkulten Schulung ist Gefahr, seitdem sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, als dort, wo dieser Egoismus spricht. Wenn wir ihn überwinden, und wir können ihn überwinden, gehen wir gefahrlos durch die okkulte Schulung. Aber wir können uns frei entschließen, welche Wege wir einschlagen wollen. Wir haben das Denken bekommen, um frei aus eigener Einsicht handeln zu können.

Wir sollen aber das Denken auch in Bezug auf das moralische Element freihalten von ahrimanischen und luziferischen Einschlägen, dann kann es dazu gelangen, einzusehen in Erkenntnis diejenigen Wege, die einzuschlagen sind. Wenn wir das wahrhaft Menschliche verwirklichen wollen, müssen wir in Bezug auf das Moralische, von unserem Ich aus, unsere Seele lernen in ihren drei Gliedern zu betrachten in mutiger Selbsterkenntnis, und durchschauen lernen, was die Gefahren und das Gute in Denken, Fühlen und Wollen sind. Der Christus hat über die finsteren Mächte gesiegt im Mysterium von Golgatha, über alles, was durch den Sündenfall hereingekommen ist in den Menschen. Der Sündenfall war nötig, um den Menschen zur Freiheit zu führen und sich entweder der Gottheit zu erschließen oder das Sondersein weiterzuführen.

Die Gottheit hat das Denken gegeben, damit wir unterscheiden lernen das Gute und Böse. Aber dazu müssen wir das Denken zu Ende denken, wollen wir in Wirklichkeit das Gute und Böse unterscheiden lernen. Man denkt das Denken zu Ende, indem man sich bewusst wird, dass es sich aufschließen muss der Gottheit. Dazu muss das Denken geläutert werden; denn aus der Läuterung der Seelenkräfte geht hervor das Geistselbst, Manas. Die Gottes-Weisheit, die ein Teil des göttlichen Selbstes ist, geht hervor. Weisheit, die eine Einheit ist mit dem Lebensgeist, dem Geiste spiritueller Liebe und dem Geistesmenschen, der spiritueller Wille ist. Das ist es, was wir verstehen müssen, dass Gottesweisheit etwas ist, was wir erringen können, wenn wir die Wege wirklich gehen, die führen zunächst zu der Befreiung des Denkens vom Egoismus. Sonst gehen wir die Wege, die zur Ich-Verhärtung führen. Volle Gottes-Weisheit ist aber nur zu erlangen, indem wir die ganze Seele reinigen von Selbstsucht, auch im Fühlen und Wollen.

Aufgabe der fünften Kulturepoche ist, zunächst das Denken zu entwickeln und zweitens das Denken vom Egoismus zu befreien. Die Läuterung des Willens besteht darin, dass man sich den guten Willen erringt, der hinauf zur Gottes-Weisheit führt, denn: «Selig sind, die eines guten Willens sind.» Gottseligkeit ist das Ende dieses Weges, der allerdings den Willen mehr und mehr zu schweren Prüfungen hinführt. Aber schließlich wird sich aus der Läuterung des Denkens, Fühlens und Wollens ergeben müssen spirituelles Denken, spirituelles Wollen, die Gottseligkeit.

Gewinnen wir den guten Willen, mit dem schon jetzt begonnen werden sollte, dann reinigen wir das Ich vom Egoismus, dann werden wir selbst ein Teil der erbarmenden Liebe, indem wir uns verbinden mit dem, was selbst die erbarmende Liebe ist, indem wir unser kleines Ich werden lassen ein Abbild des großen Ich. Und diese spirituelle Liebe wird immer verbunden sein mit Weisheit.

Das ist alles gegeben im «Parsifal». Das wahre Christentum muss aufblühen aus der fünften, der germanischen Kulturepoche. Was sich aus den geistigen Welten immer tiefer heruntersenkt auf das gereifte Ich, was sich immer tiefer einsenkt, sich immer mehr mit dem gereiften Ich verbindet, das nennen wir Gnade. Der Unterschied zwischen Parsifal und Siegfried ist: Siegfried konnte sich nicht schützen gegen die finsteren Hagen-Mächte. Parsifal ist im ersten Teil ähnlich wie Siegfried. Parsifal kommt mit seiner Reinheit, seiner Unschuld in das Gebiet des Grals; der Menschheit erscheint er als ein Tor, denn wie sollte die Welt verstehen, dass dieser Tor weiser ist als sie? Vielleicht durfte solch ein Tor, mehr als die Welt es vermag, die tiefe Bedeutung der Worte wissen, die Wotan an Mime richtete dort, wo er als Wanderer Einkehr bei Mime hält: «Mancher wähnte weise zu sein, nur was ihm nottut, wusste er nicht.» Kindlich erscheint uns solch eine Parsifal-Seele. Parsifal hätte ohne diese Kindlichkeit, die der Welt Torheit ist, die ihr aber nottäte, nicht in das Gralsgebiet kommen können.

Was ist das Gralsgebiet? Es ist in gewisser Weise dasselbe, was jener Wald ist, in dem Siegfried den Drachen erlegt. Es ist die elementarisch-astralische Welt, in der die Gralsburg gesucht wird. Klingsor, der Gegner der Gralsbruderschaft, ist eine Wesenheit, die ähnlich ist den Mächten, die im Egoismus des Menschen ihre Wirksamkeit entfalten können, und wie es Alberich und Hagen auch waren.

Amfortas ist zunächst nicht so weit fortgeschritten, dass er imstande wäre, Klingsor zu besiegen. Große Heiligtümer werden in der Gralsburg verwahrt, deren Hüter Amfortas ist. Der heilige Speer wird beim Kampfe Amfortas von Klingsor entrissen, dadurch dass Amfortas unterliegt der verführerischen Frau, die eine schlimme Wesenheit ist, die als schlimme Kraft in der Seele wirksam sein kann auch sie wirkt im Egoismus des Menschen. Man kann sie Venus oder Paradies nennen, denn Luzifer und Ahriman sind in ihr verwoben, vermengt. Diese Kundry wird uns von Richard Wagner so geschildert, dass sie bei Tagesbewusstsein den Gralsrittern dient, bei nächtlichem Bewusstsein, da, wo ihr Ich nicht frei ist, durch die Unlauterkeit ihres Ich im Zwange Klingsors steht, ungewollt ist sie nächtlicherweise Klingsor verfallen. So erscheint sie wie die Seele, die zwischen Gut und Böse hin- und herschwankt und nicht mehr Herr wird über das Böse. Amfortas wollte den Zauberer, den Schwarzmagier mit den göttlichen Kräften des Speeres besiegen, verfiel aber der Gewalt der Kundry. Er war also nicht reif, nicht zur vollen Höhe der Läuterung des Ich gelangt. Er konnte den Egoismus, der seinen Sitz in der Begehrlichkeit hat, noch nicht überwinden. Es fehlte an der Reinheit des Ich.

Einer sollte kommen, «der reine Tor, durch Mitleid wissend». Dieser sollte aber die volle Kraft und Reife des Ich bringen. Parsifal hatte einen Schwan getötet. Diese Schwanen-Tötung hat viel zu sagen. Hat doch das persönliche Ich noch immer durch seinen Egoismus das Spirituelle, das sich im Schwan darstellt, getötet. Parsifal lernt im brechenden Blick des Schwans, was es heißt, zu töten. Er lernt, Mitleid und Liebe zu haben gegenüber der Tierwelt, der der Mensch verschuldet ist; er erkennt, was es heißt, Schmerz zu verursachen.

Eine zweite Lektion muss er lernen durch die Fragen, die ihm Gurnemanz stellt. Parsifal weiß keine zu beantworten. Doch auf das «Melde, was du weißt, denn etwas musst du doch wissen», antwortet er: «Ich habe eine Mutter, Herzeleide sie heißt.» Ohne diese Mutter kommt der Mensch nicht in das Gralsgebiet, ja, er kommt auch nicht hin, ohne dass er Prüfungen durchmacht, die ihm Herzeleid bringen. Was ist also Herzeleide, die Mutter? Kundry kennt sie, sie teilt ihm mit, dass seine Mutter aus Gram über sein Weggehen gestorben ist. Es ist dies etwas, was jeder Mensch tut, unwissenderweise. Jeder von uns ist dieser Mutter entlaufen. In der ursprünglichen Sage wird erzählt, wie Parsifal beim Einsiedler lernt, dass einer seine Mutter nicht verlassen habe. Parsifal hat die Mutter Sophia verlassen, die göttliche Weisheit, die immer zusammenhängt mit Herzeleide. Letztere ist die alte vorchristliche Weisheit, die Mutter des persönlichen Ich. Diese göttliche Weisheit erstirbt, wenn der Mensch das persönliche Ich gewinnt. Die alte göttliche Weisheit haben wir verlassen, die neue Gottesweisheit haben wir noch nicht zu uns genommen; die müssen wir erst erlangen. In neuer Weise müssen wir die Mutter zu uns nehmen. Dies wird gesagt von Johannes, dem Jünger, den der Herr lieb hatte. Am Kreuz nimmt er die Mutter zu sich, die göttliche Weisheit, die jetzt eine neue, verchristete Weisheit ist, die aber mit Herzeleid wiedergewonnen wird. Siegfried erlebte die persönliche Ich-Werdung nicht voll und ganz. Dagegen hat Parsifal, obschon er auf ein Haar dem Siegfried gleicht, dieses persönliche Ich. Er kommt in Bezug auf diese neue Weisheit zunächst gänzlich unwissend in das Gralsgebiet. Parsifal steht im fünften Unterzeitalter. Siegfried im Übergang von der dritten zur vierten Kulturepoche. Parsifal musste die Mutter, die alte Weisheit, verlassen, um selbstständig zu werden. Herausgeführt wird der Mensch aus der alten Weisheit zum persönlichen Ich. Parsifal hatte viele Namen, doch weiß er deren keinen mehr. Er hatte viele Inkarnationen durchgemacht, in welchen er immer andere Namen hatte, er weiß aber nichts mehr davon. Der persönliche Mensch weiß nichts mehr davon, dass er schon viele Male da war und immer andere Namen getragen hat.

Die Gesundung des Amfortas verquickt sich mit der Entwicklung des Parsifal. Es gibt zwei Wege, den Amfortas- und den Parsifal-Weg, welche die Menschheit vor sich hat. Beide müssen sich vereinigen, wenn die Gesundung der Seele erreicht werden soll.

Amfortas erscheint uns als ein Leidbehafteter, der seelisch krank ist vom Speer. Was ist der Speer? «Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreitet das Feuer nie.» Des Speeres Spitze ist zu fürchten für den, der die Waberlohe noch nicht durchschreiten kann. Ein solcher ist Amfortas. Er verfällt dem Begierdenelement, der Kundry, die im Reich des Verlangens wohnt. Er muss des Speeres Spitze fürchten, sie verletzt ihn. Er krankt an ihr seelisch und körperlich. Der Speer wird uns geschildert als der göttliche Liebespeer, als die Sonnenlanze der Gottheit. Wie Sonnenstrahlen, die den Menschen durchstechen, so wirkt geistig die Speeresspitze. Die Gottheit mit ihrem lichten Glanze beleuchtet dem Menschen das eigene Unvollkommene. Doch nicht die Gottheit ist es, die etwa den Menschen bestrafen würde, sondern der Mensch richtet sich selbst, er kommt durch die Lichtkräfte des Speeres zur Selbsterkenntnis. In dieser Lage ist Amfortas. Er muss erkennen, dass er, der auserwählte Hüter des Grales, das Göttliche nicht ertragen kann, weil er nicht genügend geläutert ist, weil er nicht die Waberlohe, das Feuer der Leidenschaft, gefahrlos durchschreiten kann. Das ist die Wunde, dass er sich sagen muss: Ich muss denjenigen, die rein sind in der Gralsburg, das Heiligtum enthüllen, und ich bin unwürdig dies zu tun. Klingsor benützte die schöpferischen Kräfte des Speeres in selbstsüchtiger Art, und das ist das Furchtbare. Der Egoismus darf nicht solche Kräfte besitzen, denn das wäre furchtbar für das Weltgeschehen. Dieser Kampf ist im Weltgeschehen noch nicht ausgefochten und wird so lange da sein, bis sich einst alle Menschen zum Guten entschieden haben werden.

Parsifal muss Gurnemanz eine Enttäuschung bereiten dadurch, dass er erst jetzt lernt, die Lehre vom Mitleid, den achtfachen Pfad zu gehen. Parsifal hätte an den Kranken eine wichtige Frage stellen sollen: «Was fehlt euch, Oheim?» Er hätte Mitleid haben sollen und zugleich (denn sonst hat die Frage keinen Sinn) die helfenden Kräfte besitzen, die im Speer liegen. Aber diesen besitzt er ja nicht. Er muss sich denselben erst erobern. «Der deine Wund’ durfte schließen, ihm sch’ ich heiliges Blut entfließen.» Der Speer trägt die helfenden, heilenden Kräfte in sich. Unter der Anrede «Oheim» soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Parsifal in der Gralsburg bei seinen geistigen Verwandten ist, das heißt bei seinen Geistesbrüdern. Er weiß aber nicht, dass Amfortas sein geistiger Bruder ist, ein Bruder, der höher steht im geistigen Range und daher mit Oheim angeredet werden soll. Er erkennt also seinen geistigen Bruder nicht. So weiß Parsifal auch nicht, dass Titurel sein Großvater ist, Titurel, der greise Erbauer der Gralsburg, der in den höheren Welten ja wirklich da ist, ja wirklich aufgefunden werden kann, wenn der Blick hellseherisch erkennend dorthin gelenkt wird; er ist immer den Gralsbrüdern der große Ahne, der große Meister. Parsifal darf durch seine Unschuld eingehen in die Gralsburg, darf die Mysterien erleben, den kranken König in seinen Schmerzen sehen. Es enthüllt sich ihm der heilige Gral: «Das heilige Blut erglüht». Er darf erleben die verjüngenden Kräfte, die sich auch auf ihn übertragen. So unwissend wie er ist, darf er doch schon die verjüngenden Kräfte erfahren, indem er schauen darf, wie der Kelch aufglüht, indem er mit empfangen darf das, was vom aufglühenden Kelch ausstrahlt. Das alles sieht er, aber er kann die Frage nicht stellen, er hat das Wissen nicht. Parsifal muss noch «Welterfahrung» lernen. Er muss durchschauen lernen, was Siegfried noch nicht konnte. Er muss die Tücke Klingsors und Kundrys besiegen: Ahriman- und Luzifer-Kräfte treten jetzt versuchend an ihn heran. Durch den Durchgang durch die Versuchung, durch die versuchenden Kräfte soll er erringen, was er noch nicht besitzt, aber nun erwerben soll. Kundry wird von Klingsor herbeibeschworen. Sie erscheint so, als wenn sie nicht recht physisch vorhanden wäre; fast durchsichtig erscheint sie, als wenn nur ihr Ich und Astralleib erschienen wären, traumhaft, schlafend, als wäre ihr Tagesbewusstsein nicht mit dabei. Dann wird sie künstlich wachgerufen unter dem Banne Klingsors. Man hat aber das Gefühl: Dieses alles, der gesamte zweite Akt spielt sich jetzt nicht auf dem physischen, sondern auf dem astralischen Plan ab. Es gelingt Klingsor, sie wachzurufen, sodass sie mit einem entsetzlichen Lachen in die Tiefe sinkt, um Parsifal zu versuchen. An diesem Lachen krankt Kundry. Dieses Lachen lachte sie einst, als der Heiland den Kreuzesgang ging. Wo Leichtsinn in der Seele wohnt, da ist dieses Lachen. Und immer lacht der Leichtsinn über das Reine, Unschuldige, Spirituelle. Den Blumenmädchen verfällt Parsifal nicht, und in dem Augenblick, als er Kundry verfallen könnte, die sich ihm in raffiniertester Weise naht, siegt Parsifal; in diesem Augenblick wird in ihm das Mitleid geboren. Jetzt fühlt er die entsetzlichen Schmerzen des Amfortas! Er versteht ihn, er fühlt sich jetzt hinein in die Seele des Gralskönigs, in die schmerzbehaftete Seele, und ruft aus: «Amfortas! Die Wunde, die Wunde, sie brennt in meinem Herzen!»

Kundry versucht Parsifal, indem sie ihm die Mutter ins Gedächtnis ruft. Sie macht ihm den Vorwurf, den Tod der Mutter veranlasst zu haben, sodass er ausruft: «Ha, was alles vergaß ich noch? Was war ich je noch eingedenk? Nur dumpfe Torheit lebt in mir!» Kundry antwortet die versuchenden Worte: «Bekenntnis wird Schuld in Reue wenden, Erkenntnis im Sinn die Torheit wenden!» Kundry meint nicht die göttliche Erkenntnis. Alles, was die Versucherin sagt, ist verdreht, ist herumgedreht in sophistischer Weise, ist von Weiß zu Schwarz verdreht. Sie siegt jedoch nicht; denn gerade da ist der Moment, wo der Sieg erfochten wird, wo Parsifal die Schmerzen des anderen am eigenen Leibe spürt; da, wo die göttliche, die erbarmende Liebe in ihm geboren wird. Diese Schmerzen anderer am eigenen Leibe zu fühlen, darauf werden wir in der Gegenwart der Kriegszeit hingeführt, indem wir das Mantra zu üben haben:

So lange du den Schmerz erfühlest,
Der mich meidet,
Ist Christus unerkannt
Im Weltenwesen wirkend.

Solange wir uns nicht einfühlen können in die Schmerzen anderer, so lange ist es nichts mit wahrem Christentum. So wird Parsifal durch Kundry in der Tat «welthellsichtig», aber so, wie das Kundry gewiss nicht wünscht. Jetzt hat er Welterfahrung gewonnen, jetzt durchschaut er die Seele der Kundry. Jetzt hat er die luziferische Versuchung besiegt, er hat Welterfahrung, Welthellsichtigkeit, jetzt erkennt er die Wunde, die im Herzen des Amfortas brennt. Klingsor begeht bei dem Hilferuf Kundrys eine Verblendung, das Unklügste, was er überhaupt tun kann: Er schleudert den Speer auf Parsifal, er gibt ihn aus der Hand. Parsifal ergreift ihn und schlägt damit das Kreuz. Durch dieses Zeichen werden Kundry und Klingsor besiegt, der ganze Zaubergarten fällt in Trümmer.

Das Kreuz, das Siegfried noch nicht auf sich nehmen konnte, von diesem Kreuze weiß Parsifal. Er weiß, dass man das Kreuz auf sich nehmen muss, das Kreuz. der Läuterung des gesamten Menschen, will man würdig werden des Speeres und will man wiederum teilhaftig werden der Liebe des Gottes, die sich darstellt in der Sonnenlanze, der Liebeslanze, dem heiligen Speer. Die Gottheit wendet ihre Sonnenstrahlen der Liebe jeglichem Wesen zu, aber diese Liebe, die wie Sonnenstrahlen in die menschliche Seele hineinscheint, wirkt auf die Natur des Menschen - obschon nicht sie es tut —, wie wenn der Mensch Wunden empfängt, wie wenn diese Wunden, die der Speer sozusagen schlägt, auch von ihm geheilt werden. «Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug.»

Es gibt gutmeinende, aber nicht erkennende Christen, die gern sprechen von der Liebe des Erlösers, die da sagen: Der Heiland ist immer lieb. - Doch darf man nicht vergessen, dass man zum Erlöser nicht ohne Weiteres kommen kann, nicht ohne entsprechende Vorbereitung. Deshalb muss von dem Weg, der vorbereitet, der zu ihm führt, gesprochen werden. Der Christus verlangt von uns-und muss es verlangen - die Anstrengung der Läuterung unseres Wesens. Und wenn wir unreif ihm nahen, so wirkt er in seiner Herrlichkeit auf uns wie ein uns Richtender, obschon er nie richtet. Er wirkt so auf uns allein durch die Herrlichkeit seiner Erscheinung, die wir zu vergleichen haben mit unserer Unvollkommenheit, von der wir oftmals gar nicht wissen, wie groß sie ist. Das, was Amfortas in solcher Weise durchzumachen hat, das ist dargelebt worden in der palästinischen Zeit, das ist in der Tat erlebt worden von einem Menschen, der zuerst in Unwissenheit den Heiland und dessen Nachfolger verfolgte: Saulus. Das Licht, in welchem die Stimme des Christus ertönt, das ihm Selbsterkenntnis bringt, wirkt in ihm wie der Speer, der die Wunde schlägt. Dadurch wusste er, dass er das Spirituelle verfolgte. Er wusste: Der Christus in uns, der verchristete Mensch darf sich vereinigen mit dem Christus außer uns. Dazu müssen wir aber unsererseits vieles, vieles tun. Der Christus kann nicht ohne Weiteres in einer getrübten Seele wohnen.

So wirkt er allein durch seine Erscheinung, dass er Gutes und Böses in uns trennt, obschon er nicht richtet wie ein Richter unserer geheimsten Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Aber wenn wir ihm ein lauteres Gemüt zuführen können, brauchen wir uns nicht zu fürchten vor dem Durchleuchtet-Werden der Christussonne, dem heiligen Speer. Der Christus ist sozusagen erzieherisch tätig in uns, indem er das Gute und Böse unserer Seele mit seiner göttlichen Lanze, dem Liebesspeer, beleuchtet. Wir müssen also das, was er in Ordnung zu halten hat, das göttliche Harmonie-Gesetz, in uns hereinnehmen, in uns verwirklichen, wollen wir den Speer ertragen lernen. Der Speer wird abgewonnen im Zeichen des Kreuzes. Parsifal ist imstande, den Speer zu erobern dadurch, dass er Kundry, die niedere Wunschnatur, besiegt hat. Dadurch gewinnt er wieder die helfenden, heilenden Kräfte, die der weißen, der selbstlosen Magie angehören, die nicht in der Hand der selbstsüchtigen, schwarzen Magier fallen dürfen. Aber Kundry sendet ihm den Fluch nach: «Irre, irre! Mir so vertraut — dich weih’ ich ihm zum Geleit’!» Dieser Fluch wirkt so, dass Parsifal noch viele Erfahrungen durchleben muss. Dann aber erscheint er in der Rüstung gewappnet. Da haben wir die Rüstung, den Panzer, den Lohengrin besitzt, die Rüstung, die Waffen des Geistes, die Rüstung, die darin besteht, Welt und Menschen gegenüber gewappnet zu sein, sie zu durchschauen und widerstehen zu können den niederen Leidenschaften: Diejenigen Erkenntniskräfte und Welthellsichtigkeit, die besiegen den Irrtum, dem die Seele ausgesetzt ist von außen und von innen, die besiegen und neue verchristete Weisheit erlangen konnten. Der Mensch weiß nicht, wann er zum ersten Male, und er weiß auch nicht, wann er zum zweiten Male gewürdigt wird, in den Gralstempel eintreten zu dürfen.

Eine Erweckung darf Kundry durchmachen, durchmachen aus langem Winterschlaf ihrer Irrwege. Sie darf erleben die Umkehr ihrer Seele, die erwacht aus Finsternis und Irrtümern. «Dienen, dienen.»

Parsifal ist an der heiligen Quelle angelangt, die die Weisheit darstellt, die Gottes-Weisheit, die in der Tat ihn von Irrtum reinigt. Die Fußwaschung beginnt. Die Fußwaschung, die immer bedeutet das «Dienen-Wollen». Nachdem Parsifal gereinigt ist von langer Irrfahrt Staub, empfindet er im Karfreitagszauber ein neu gewonnenes Verhältnis, eine innere Beziehung zur Pflanzenwelt, zur pflanzlichen Natur, zur Seele des Menschen. So spricht der Waldvogel zu Siegfried, weil Siegfried diese Beziehung hatte zur Natur und ihrem Wesen, nachdem Fafner getötet war. Wenn wir diese Beziehungen zur Natur gewonnen haben, dann hören wir, was die Natur zu uns spricht, dann werden wir hellhörend. Wir finden die Gralsburg im eigenen Innern, aber nur, wenn wir den Tempel selbst erbauen, wenn wir in unserer Seele erstehen lassen von eigener Hand die tragenden Säulen. In der Götterdämmerung wird erzählt, wie Walhall vernichtet wird von dem Mondenfeuer des Loki. Das will sagen, dass das Feuer des Luzifer den Verfall des physischen Leibes bewirkt. Der Egoismus der Leidenschaften bringt dem Menschen den Verfall des Leibes, der zum Tod führt. Der Mensch aber soll fortan aus eigenen Kräften einen neuen Tempel schaffen dadurch, dass er diejenigen Kräfte verwendet, die seit dem Mysterium von Golgatha in ihn hineingelegt sind, indem er seine Ich-Aufgabe im rechten Sinne erkennt; dann ersteht der neue Tempel der verchristeten Seele. Parsifal darf zuerst Amfortas entsühnen, ihm die Vereinigung mit der Gottheit bringen. So gesundet die Seele in der Läuterung. Die Gottheit will unsere ganze Seele, unser ganzes Ich haben, und dieses Ich muss die verarbeiteten Kräfte, die man auf dem physischen Plan erringt, in sich tragen. Dieses auf der Erde tüchtig dastehende Ich, das durch die Läuterung gegangen ist, ist berufen, der Träger zu werden des höheren Ich. Dann allerdings müssen wir absterben, aber wir sterben, um zu werden. Wir sterben in den Christus hinein, in den heiligen Weisheitshort des Rheines, der ursprünglich bei der Gottheit war, der gegeben wurde der Menschheit im Mysterium von Golgatha, und der uns wieder neu ersteht, wie es Richard Wagner ausspricht, ein heiliger Gral in den Verjüngungskräften des Rosenkreuzes. Der Mensch ist der Tempel, den die Gottheit bewohnen will.

Jesus von Nazareth war ein solcher Tempel. Hinein wirkten in die Geisteshüllen des Jesus von Nazareth die Ich-Kräfte des Jesus-Zarathustra, die er sich auf der Erde in vielen Leben errungen hatte. Deshalb soll ein persönliches Ich sich bereiten, nachdem es die Seele durcharbeitet hat, Träger der Gottheit zu werden; denn von unten herauf, von der Erde muss ein solches reifes Ich der sich herabsenkenden Gottheit entgegengebracht werden. Das Ich des Jesus von Nazareth zog sich zurück, als der Christus einzog. Das persönliche Ich soll dem Persönlichen absterben, das heißt, dass wir hergeben sollen das, was an Vergänglichem, Persönlichem in uns lebt. Der Mensch muss wieder die Kindlichkeit der Seele erringen, um Ich-Träger sein zu können, was damit zusammenhängt, dass die Unkindlichkeit, der Egoismus fällt. Dann aber ist wahr das Wort des Paulus: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

Stand nicht der wahre Mensch, wahres, heiliges Menschentum vor der Menschheit, als diese den Christus kreuzigte? «Ecce homo!» «Sehet den Menschen!»

Ein herrliches Wort Nietzsches, das im Hinblick auf die große, innere kulturelle Mission Richard Wagners von ihm geprägt wurde, heißt:

«Und fragt euch selber, ihr Geschlechter jetzt lebender Menschen! Ward dies für euch gedichtet? Habt ihr den Mut, mit eurer Hand auf die Sterne dieses ganzen Himmelsgewölbes von Schönheit und Güte zu zeigen und zu sagen: «Es ist unser Leben, das Wagner unter die Sterne versetzt hat» — «Erlösung dem Erlöser!»

German original of Redemption to the Redeemer · ← Previous · Next →