Supplements to Member Lectures
GA 246 — 2 November 1914, Hamburg
Über Den Krieg - Was Sich Hinter Dem Scheine Der Maja Abspielt. Erscheinen Des Christus Im Ätherischen
Unsere ersten Gedanken müssen in diesen schicksalschweren Zeiten gewidmet sein denen, die ... die in dieser schicksalschweren Zeit eintreten mit Blut und Leben ...
Unser Zusammensein stehe unter dem Schutze jenes großen Geistes, der unsere Entwicklung weiterführt und der durch das Mysterium von Golgatha hindurchgegangen ist.
Zuerst wollen wir derjenigen unserer Freunde gedenken, die draußen im Felde stehen, und uns dabei von unseren Sitzen erheben:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dass mit eurer Macht geeint
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Wenn wir von jemandem wissen, dass die physische Hülle schon verlassen worden ist, so ist dasselbe mit einer einzigen kleinen Veränderung zu sprechen; es muss dann anstatt «Erdenmenschen» «Sphärenmenschen» heißen.
Meine lieben Freunde!
Wir stehen in schicksalschweren Tagen und erleben einerseits eine Zeit, die unendliches Leid bringt über einen großen Teil der Erde, die andererseits groß ist, weil sie Großes in jeder Beziehung von den Menschen der Gegenwart fordert.
Uns geziemt es zunächst, dasjenige, was wir uns aus unserem geistigen Streben angeeignet haben für unsere Empfindungen und unsere Gefühle, auch für unsere Erkenntnis, das in dieser Zeit zum äußersten Ernst und zur äußersten Würde zu erheben und damit ganz unser Wesen zu durchdringen. Das können wir am besten, wenn wir uns treu bleiben im Streben nach Erkenntnis und nach Wahrheit. Das ist schwieriger als in anderen Tagen, weil die Ereignisse, die uns umgeben, so viel gewaltiger sprechen zu unseren Seelen, sodass die Erkenntniskräfte schwer aufkommen können. Schwerer ist es zu erreichen die innere Stille, die nötig ist[, um] zu durchdringen die große Maja, die große Täuschung und unterzutauchen in die Wahrheit, in die wahre, echte Wirklichkeit. Doch gerade davon wollen wir in unseren heutigen Betrachtungen ausgehen.
Wir können es ja ahnen, dass dasjenige, was jetzt auf dem physischen Plane sich abspielt, in Zusammenhang steht mit dem größten Ereignis unseres Jahrhunderts, mit dem Erscheinen des Christus, wie das ja auch angedeutet ist in der «Pforte der Einweihung».
Schwierig ist es für den heutigen Betrachter, die Ereignisse zu entwirren, da die Ereignisse sich so abspielen, dass sie sich gleichsam zuspitzen zu dem eben charakterisierten großen Ereignis. Ich will möglichst ungeschminkt erzählen von dem, was hinter dem Scheine der Maja sich abspielt. Viele Freunde werden sich erinnern, dass ich gesagt habe, der Krieg sei eine Frage der Zeit, nur kurzer Zeit. Er wurde nur zurückgehalten durch astralische Kräfte, zurückgehalten auf dem physischen Plan. Die Furcht der Menschen hielt ihn nur zurück; es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Furcht, die Angst es war, die ihn zurückhielt. Aber in der astralischen Welt war er eben da der Krieg. Und wie war er da? Er bereitete sich vor, als sich das Ereignis heranbildete, das eine große Entscheidung herbeiführen muss im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts.
Wir wissen es ja — einige Freunde werden sich erinnern -, dass gesagt worden ist, seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts kämpfe der Sonnengeist Michael, um herbeizuführen und im rechten Sinne vorzubereiten dasjenige, was kommen soll.
Zuerst wollen wir uns eine Frage beantworten: Wo findet der Geist, der zunächst vorzubereiten hat, gleichsam das geistige Terrain für die nächsten Jahrzehnte; wo findet er einen großen Teil der Seelen, die er braucht? Einen großen Teil der Seelen, die er braucht, findet er in den Seelen der russischen Menschen. Jene Seelen der russischen Menschen, die die Eigentümlichkeit haben, aufgenommen zu werden in den Schoß ihres Angelos, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, die zuerst ein Stadium von Unselbstständigkeit durchgemacht haben, ein Stadium von Behütetsein, von einer geistigen Macht Behüterwerden, von einem Wesen, wie der Angelos ist; sodass, wenn wir hinaufblicken in die geistige Welt, wir einen großen Teil der russischen Seelen sich scharen sehen um den großen Kämpfer, der die Entscheidung in der nächsten Zeit herbeizuführen hat. Und dadurch, dass das so ist, richtet sich der große astrale Kampf der russischen Seelen gegen die französischen Seelen, die aus französischen Leibern aufsteigen in die geistige Welt.
Einen heftigen Kampf von Ost nach West kann man sich abspielen sehen im Geistigen. Es ist ein furchtbarer Geisterkrieg, der sich abspielt zwischen dem geistigen Russland und dem geistigen Frankreich, der russischen Seelen gegen die französischen Seelen.
Woher kommt dieser Kampf? Verhindern will das Heil des Ereignisses, auf das ich hingedeutet habe selbstverständlich die Genossenschaft von Luzifer und Ahriman. Luzifer und Ahriman wollen verhindern, dass in richtiger Weise vorbereitet wird das Ereignis des Erscheinens des Christus [im Ätherischen]. Dazu brauchen Luzifer und Ahriman Seelen, die das tragische Geschick haben, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, mitzubringen gewisse Momente, die Angriffsmomente bilden für Luzifer und Ahriman. (Es macht uns unsere Weltanschauung möglich, zu überschauen die Menschheit, die Seelen, ohne Unterschied von Nationalität und Rasse.)
Wenn eine Seele inkarniert war in französischem Leibe und durch die Pforte des Todes ging, dann hat sie zunächst zu kämpfen zwischen Tod und neuer Geburt mit etwas, was sie mitbrachte. Das ist ein gewisses Phantasiebild von sich selber; es waltet in den Seelen, die in französischen Leibern inkarniert waren, die Tendenz, eine Vorstellung zu haben davon, was eigentlich ein rechter Franzose ist; und dieses Bild - «Ich bin ein rechter Franzose» - aufzubauen mit Hilfe der Phantasie, aufzubauen das, was entsprechen soll dem Phantasiebild der französischen Seele, das die französische Seele aus sich selber machen wollte, das waren eigentlich die Kämpfe, welche im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die französische Nation gekämpft hat: auf dem physischen Plane etwas aufzubauen, was aufbauen wollte aus den Phantasiebildern heraus die französische Nation. Der Ruf nach «Gloire», das war der Ruf nicht dessen, was der Franzose war, sondern nach dem, was er aus sich selbst machen wollte. Jeder Franzose trägt einen anderen Menschen in sich, mit dem hat er nach dem Tode zu kämpfen. Dieser, gleichsam vorgestellte Mensch bildet einen Angriffspunkt für Ahriman. Das ist im Ätherleib, das sind ätherische Schatten und Schemen. Wenn sie in genügender Anzahl vorhanden sind, dann kann Luzifer sie gebrauchen, um falsche Bilder da und dort erscheinen zu lassen von dem, was der Christus im zwanzigsten Jahrhundert auf der Erde sein soll.
Das ist das Bestreben von Luzifer und Ahriman. Daher bildet sich die intensivste Feindschaft heraus zwischen Osten und Westen, der heftige Kampf zwischen russischen und französischen Seelen, was in der physischen Welt zwar nicht so benannt wird, wo man ein Bündnis schloss, aber im Geistigen wahr ist.
Das, was in der geistigen Welt geschieht, das hat in der physischen Welt sein Symbolum, wenn ces auch nicht erkannt wird. Wenn nun Ahriman hiermit etwas zu tun hat, so müsste man den Ausdruck dafür im Physischen finden. Und das ist auch der Fall, indem zwanzig Milliarden bezahlt worden sind an Russland von Frankreich zur Ausrüstung des russischen Heeres, der russischen Wehrkraft. Auf dem physischen Plan spiegelt sich als Waffenbruderschaft, als Freundschaft, was Kampf ist im Geistigen.
Wenn wir unseren Blick wenden zu den Britischen Inseln, so haben wir die Möglichkeit durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis uns aufzuklären darüber, was die wirkliche Mission dieses Volkes ist als Volk. Wir dürfen gar keine Nuance von Sympathie oder Antipathie verbinden damit. Die neuere Zeit hat die Aufgabe, den Materialismus, den Mechanismus hineinzustellen in die Weltentwicklung. Der Materialismus musste kommen. Dadurch wird die Welt geprüft. Und die Aufgabe, den Materialismus zu pflegen, hat das britische Volk. Das Volk, das den Materialismus in Bezug auf reine wissenschaftliche Erfahrung zur Geltung bringt im wirklichen praktischen Sinne, das ist das britische Volk. Kein Volk würde fähig gewesen sein, so die Mission zu erfüllen wie das britische Volk. Dadurch, dass in der nationalen Hülle lebt der Impuls des Materialismus, bildet sich ein gründlicher Angriffspunkt für Ahriman. Wie oft habe ich davon gesprochen, wie Ahriman in Verbindung mit allem Materialismus steht. Ich habe oft in anderen Vorträgen gesagt: Warum ist man Materialist? Weil man geheime Furcht hat, Furcht vor dem Geistigen. Das ist leicht zu sehen heute, wo Entscheidungen fallen, wie der Repräsentant des Materialismus, das britische Volk, wie von Furchtwahn befallen ist. Suchen Sie in der Furcht die Gründe für dasjenige, was sich jenseits des Kanals abspielt.
Wenn wir die Konstellation betrachten, die da besteht zwischen den Kämpfen im Osten und den Kämpfen im Westen, so finden wir in den Seelen, die durch britische Leiber gehen (ich meine jetzt den geistigen Kampf), wie da alles getan wird, zu entzweien den Westen mit dem Osten, um den Kampf zu schüren, um den Kampf immer größer zu machen. In der physischen Welt spielt es sich ab so, dass man es Einkreisungspolitik genannt hat, im Geistgebiet ist es ein Sich-Auseinandersetzen, ein Sich-Verfeinden. Ganz begreiflich ist es natürlich, dass es so stattfindet, denn Ahriman hat alles Interesse, dass da, wo man kämpft um das Materielle und sich wiederholt, was sich auf Golgatha abgespielt hat, dass da die Menschen hängen bleiben am Äußerlichen, dass wir Reiche begründen, die sich möglichst auf viele Territorien erstrecken, dass womöglich wegbleibe die Erscheinung des Christus [im Ätherischen].
Nun gibt es Friedenstifter in der geistigen Welt, deren Beruf es ist, die Seelen zusammenzubringen. Das sind die Seelen, die gehen durch mitteleuropäische Leiber, die jetzt in den Kampf geführt werden gegen Ost und West und Nordwest. Ich darf Ihnen das Geständnis machen, meine lieben Freunde, viel unvergessliches Leid hat diese letzte Zeit dem okkulten Betrachter gebracht, und es gehört mit zu dem Erschütterndsten, von dem ich vorher nichts ahnte, zu erblicken, dass diejenigen, die jetzt ihr Blut unten gelassen haben und hinaufgegangen sind in die geistige Welt, dass sie Friedensseelen werden, dass sie das Opfer, das sie bringen, darbringen für ihre Friedenssendung in der geistigen Welt. Woher die Kühnheit der Heere Deutschlands? Woher der Kampfesmut? Weil die Kühnheit und der Kampf mit das Abbild sind des Friedens, der in den Seelen schon liegt und den sie hinauftragen durch die Pforte des Todes in die geistige Welt, damit dem Christus gebahnt werden die Wege. Und auch in denjenigen waltet es, die für weiteres Wirken bewahrt werden auf dem physischen Plan. In ihnen waltet dieser Geist des Friedens. Sogar auf dem physischen Plan kann uns entgegentreten, wie in den Seelen waltet dieser Friede, ob sie es wissen oder nicht, unter denen, die in den Schützengräben liegen, wenn es ihnen auch nicht zum Bewusstsein kommt.
Wie vieles kommt uns aus Briefen von den Schlachtfeldern gegenwärtig zu, was davon zeugt. Junge Anthroposophen, die mit ins Feld gezogen sind, haben die «Theosophie» oder ein anderes unserer Bücher mitgenommen und lesen sie! Von einem österreichischen Soldaten ist ein Feldbrief gedruckt worden in einer Zeitschrift, die ich an einem österreichischen Bahnhof kaufte, in welchem dieser Soldat etwa Folgendes schreibt: Wir ziehen hinaus und werden unser Möglichstes tun; diejenigen, welche zu Hause bleiben müssen, sollten beten, dann sind sie auch dabei; die Kraft des Betens kommt zu uns. Die nicht beten können, sie mögen ihre Gedanken auf den Willen zum Sieg konzentrieren, so wirken sie mit. - In diesem Momente lehrt die Zeit einen Soldaten spirituelle Weisheit.
Heute Morgen bekam ich zugeschickt von einem Freunde einen Brief, der aus dem Felde geschrieben worden ist. Lebendig stand in den letzten Tagen vor meiner Seele das Bild des Aufsteigens der Seelen, die Friedensseelen sind.
(Es folgt das Vorlesen des Briefes.)
Das ist so eine Seele, in der Friede lebte, Friede in der Art, von der eben gesprochen worden ist. Aus dem Gesagten können wir entnehmen, wie hinter dem Schleier der Maja Kräfte liegen. ...
Es ist wahr, dass der Mensch gerade gegen das sich wendet, was die Aufgabe seines höheren Geistes ist. Blicken wir hin nach dem Osten. Die russischen Seelen sind dazu bestimmt, sich anzuschließen dem führenden Geist des Zeitalters, und verführen lassen sie sich, im physischen Leibe genau das Gegenteil zu tun. Keinem Menschen liegt der Krieg ferner als dem russischen Menschen, nichts steht der russischen Seele schlechter an, als Krieg zu führen.
Wir alle im Westen können Friedensmenschen sein, aber nicht «Tolstojaner». Was der russischen Seele das Natürliche ist, Tolstoj hat es verraten: Nicht zu kämpfen, sondern zu warten, was ihr beschieden ist. Die Seelen sollen warten, einstmals zu empfangen, wie ehemals der Westen empfangen hat vom Griechentum und Römertum.
Eine Seele, die darbringt auf dem Opferalter der Zukunft dasjenige, was der Mensch im physischen Leben ist, verwendet es oftmals gegen das, was die Impressionen seines höheren Selbst sind. So ist es im Osten.
Diejenigen, die in Mitteleuropa die führenden Geister sind, die haben mit dem ganzen Volke zusammen eine Mission. Sie haben wirklich die Mission - ja, fast ist es unangenehm, das von dem eigenen Volk zu sagen, weil es wie ein Rühmen aussieht -, es haben die Geister die Aufgabe, in Mitteleuropa dasjenige herbeizuführen, was wirklich spirituelles Leben, spirituelles Erkennen ist. Und es warten die Seelen darauf, alle aufzunehmen (es gehören da auch die skandinavischen und verwandten Völker dazu), alle in Frieden aufzunehmen, die zum Geistigen kommen wollen. Es leben namentlich im Westen viele, die ganz was anderes äußerlich darstellen, es leben Seelen in britischen und französischen Leibern, die sich sehnen zu empfangen die Lehre derjenigen, die vorbereitet haben in Mitteleuropa den Impuls von dem Mysterium von Golgatha ... nicht die Kämpfer, die anderen Unter diesen Seelen sind solche, die da fühlen: Sie wollen hin, sie sollen hin zu der Geistigkeit in Mitteleuropa. Und da kommt ein Wüten gegen das, was in einem mitteleuropäischen Leibe inkarniert zu werden bestimmt ist. Weil sie sich darnach sehnen, in einem mitteleuropäischen Leib inkarniert zu werden, wüten sie dagegen, weil sich diese Inkarnation kämpfend wehrt gegen die nächste Inkarnation. Wenn man sie so beleuchtet sieht, dann fängt allerdings die Reinkarnationslehre an, eine größere Würde zu haben, als wenn man sie nur so als Lehre vor die Menschen bringt. Ein großer Lehrmeister ist dieser Krieg, er verändert jetzt schnell die Menschen, was sonst lange Zeiten gewährt hätte, wozu man sonst fünfzig Jahre gebraucht hätte. - Es weiß gar manche Seele unbewusst, was in diesen mitteleuropäischen Leibern steckt, und das versteht sich so, dass sie sagt: In diesen Leibern stecken nur «barbarische» Seelen. Sie will gerade in einem solch barbarischen Leibe inkarniert sein, und das bringt sie so zum Ausdruck.
Dies muss uns Veranlassung geben, auch die spirituellen Wahrheiten in vollem Ernste zu empfinden. Auch in Mitteleuropa lebt der Materialismus, (er) breitet sich auch aus in Mitteleuropa. Meinen Zyklus in Kristiania 1910 über die «Mission einzelner Volksseelen» habe ich gehalten wie eine Vorbereitung für die jetzige Zeit.
Bei dem französischen Volke lebt sich aus die Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele. Das italienisch-spanische Volk bringt die Kultur der Empfindungsseele zum Ausdruck, das englische Volk die Bewusstseinsseele, aber die russische Seele ist sozusagen nur erst eine Naturseele, da zum Empfangen. Die russische Seele ist dazu da, einstmals das Geistselbst oder Manas zu empfangen, wozu sie sich erst vorbereiten soll. Sie hat empfangen; was in ihr lebt, das ist die byzantinisch-katholische Religion, und daran hat sie nichts verändert, die ist geblieben, wie sie war.
Seit Peter 1. ist aus dem Westen nach Russland gekommen die äuRere materielle Kultur. - Alles das ist Vorbereitung zum Empfangen des Geistselbst. Wie es in meiner «Theosophic» dargestellt ist: Es senkt sich herab. Das Ich ringt sich heraus und erarbeitet sich das, was es empfangen soll (Faustnatur). Wie oft ist von mir ausgeführt worden, dass wir uns unseres Ich dadurch bewusst werden, dass wir uns morgens beim Aufwachen stoßen gegen die äußere Welt. Dadurch muss das Ich angefacht werden.
In der Zeit, als ich noch jung war, wurde viel geredet davon, dass Österreich auseinanderfiele. Aber wir, die Österreich kannten, konnten sagen: Österreich fällt nicht auseinander durch innere Ursachen, solange es von außen zusammengehalten wird. Deutschland ist von außen begründet worden, in Frankreich ist es begründet worden. Wenn die Menschen nur Geduld hätten, würden sie sehen: Bis in die geringsten Einzelheiten bewahrheitet sich alles.
Dadurch, dass die Nationen der italienischen und spanischen Halbinsel in der Kultur der Empfindungsseele sich ausleben, sind sie eine Wiederholung der ägyptisch-chaldäischen Kultur. Der charakteristische Ausdruck der ägyptisch-chaldäischen Kultur ist die Astrologie, geistig genommen. Wie könnte das (in der Wiederholung) besser und grandioser auftreten als in Dante. (In ihm ist) wiedergeboren die ganze ägyptisch-chaldäische Astrologie, aus der Seele wiedergeborener, verseligter, geistiger Himmel.
Die Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele hat das französische Volk auszubilden. Dadurch ist sie eine Wiederholung der griechischen Kultur. Corneille, Voltaire, Racine strebten darnach, in griechischer Form zu dichten, über die Form, die Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung ins Klare zu kommen.
In diesem fünften Zeitraum nun konnte kommen die materielle Eroberung der Erde. Für den Italiener ist der andere der Fremde, er kämpft für seine Heimat, an der er so hängt, wie der Mensch an etwas mit seinem Gefühle hängt. Der Grieche nannte andere Menschen «Barbaren». Sein Nachfolger in der neueren Zeit tat das auch.
Derjenige, der in der Bewusstseinsseele lebt, empfindet die Fremden als Konkurrenten, als Rivalen. Der, der das Ich hat, sieht in dem Gegner den Feind, wo der andere den Barbaren, den Rivalen, den Fremden sieht. Der Feind ist auch der, dem man im Duell gegenübersteht. Der Grundcharakter des Deutschen ist, in dem anderen den Feind zu sehen, den man gleich achtet. Und der Russe sieht überall den Ketzer, überall sieht er Religiöses, daher muss ihm jeder Krieg umgedeutet werden in einen Religionskrieg. So war cs auf dem Balkan. Den Balkanvölkern will er das Christentum bringen. Die Russen im heutigen Krieg haben das Bewusstsein, sie kämpfen gegen das Böse.
Die Geisteswissenschaft wirkt Licht verbreitend. Dass wir Täuschung, Maja sehen, das liegt nur an uns. Wenn man in die geistige Welt eintritt, so stellt es sich in seiner wahren Gestalt dar. In der Natur der mitteleuropäischen Seele liegt es, Frieden zu stiften. Wir haben es miterlebt, von woher uns Ahriman schwer entgegengetreten ist, wo Ahriman am stärksten lebt. Dem heutigen Kampf musste unser Kampf (mit A. Besant) vorangehen und auf unserem Felde bedeutet er schon dasselbe.
Die Zeit wollte es, dass auch der Materialismus über uns hinzog. Wie hat Goethe versucht zu zeigen, wie eine Evolution vorhanden ist! Aber derjenige, der nicht in die Tiefen dringt, der versteht das erst dann, wenn aus der Bewusstseinsseele heraus umgedeutet wird die Evolution in den Kampf ums Dasein.
Goethes Farbenlehre, diese Physik aus dem Ich heraus, ist bisher immer zurückgewiesen worden; sie nehmen an die Farbenlehre Newtons. Es liegen tiefe, tiefe Kräfte in den mitteleuropäischen Menschen. Man hat von Menschen gehört, welche ihre englischen Orden, die sie als Auszeichnungen erhalten hatten, zurückgeschickt haben. Goethe hat mehr zurückgeschickt! Er hat Newton zurückgeschickt! Und es werden für noch bessere Deutsche gehalten werden, die den Darwinismus zurückschicken, der aus der Bewusstseinsseele heraus geschaffen worden ist. Natürlich ist hiermit nichts dagegen gesagt, dass auch Darwin großen Verdienst gehabt hat.
Dasjenige, was die führenden Elemente sein können, ist korporiert in den beiden Mächten, die eingeklemmt sind von beiden Seiten. Das bedurfte einer Anfachung. Es musste das Böse hereinkommen. Das Böse wird auch gebraucht, das hat hervorzubringen das Gute. Auch Ahriman wird von der geistigen Welt gebraucht, Gutes zu bringen. Etwas wie ein Lebensfunke musste hineinkommen in den Materialismus von Mitteleuropa. Wie kam es hinein? Durch das Attentat von Sarajevo! Der Tod ist in der physischen Welt Tod, in der geistigen Welt ist er das Belebende. Wer hätte denken können, dass sich dem okkultistischen Betrachter das Attentat von Sarajevo so zeigt? So etwas Erschütterndes, wie sich dieses gezeigt, ist wohl noch nie sonst erlebt worden! - Ich selbst habe Ähnliches noch nicht erlebt! Auch andere Okkultisten haben mir nichts Derartiges erzählt.
Sie kennen ja alle, wie beschrieben ist das «Durch-die-Pforte-desTodes-Gehen». Nun tritt hier das Einzigartige ein. Diese Seele des Ermordeten, wie sie durch die Pforte des Todes geht, und noch ehe sie aufwacht, wird sie wie ein Zentrum, das an sich heransammelt die Furchtelemente, von denen ich vorher gesprochen habe, dass sie da waren, die den Krieg auf dem physischen Plan zurückgehalten haben; und eine kosmische Macht wird diese Seele von Sarajevo. Das war plötzlich etwas Kosmisches, das eine Riesengröße hat gegenüber allen anderen Verstorbenen, an das nun wie an einen Kristall anschließt (die ausgebreitete Furcht) und nach allen Seiten erstrahlen Impulse, die den Krieg entfachten. ... indem es sich kristallisiert in diese Seele des Franz Ferdinand. ...
Diejenigen, die auf den Schlachtfeldern ihr heiliges Opferblut vergießen - ich sage absichtlich: heiliges Blut -, sie werden in einem noch viel höheren Sinne Helden, als in Worten der gewöhnlichen Sprache damit ausgedrückt ist. Die [führenden Seelen] Europas - Goethe, Fichte und so weiter - in ihrer geistigen Tätigkeit zwischen Tod und neuer Geburt, warten auf Kräfte, die ihnen kommen. Sie kommen ihnen aus den Kräften der jungen ätherischen Leiber, der auf dem Schlachtfeld Gefallenen. Die Ereignisse, in denen wir jetzt stehen, gehören zu den größten der Weltgeschichte. Vieles wiederholt sich, vieles. Wir wissen, dass es sich zyklisch wiederholt. ...
Das ist es, dass der Krieg zum Lehrmeister wird für die Nachwelt. Eine Summe von Un-Egoismus muss aufgebracht werden, damit die geistige Führung ihr Ziel erreicht. Da kommt zu dem Wort, durch das man heutzutage nicht genug an die Menschen herankommen kann, der andere Lehrmeister, der Krieg! Wenn wir die Herzen und die Seelen vergleichen, wie sie waren etwa am 25. Juli noch und wie sie anders waren am 15. August? Welch ein Auflodern in den Seelen als Kampfesmut, als Opfermut, Heldentum, Hingabe und Pflegemut! Wahrhaftig, die Welt hatte sich verändert. Was in fünfzig Jahren nicht durch das bloße Wort gewirkt hätte werden können, das geschah in diesen Tagen.
Da waltet auch der große Meister, der die Welt vorwärtsbringt. Wenn da einmal sein wird Friede oder etwas anderes - ich sage das absichtlich, meine lieben Freunde -, Friede oder etwas anderes ... Wahrhaftig, ich könnte Ihnen nicht schildern, was ich erleben musste in den letzten Wochen in der geistigen Welt. Es ist furchtbar schwierig, jetzt in der geistigen Welt zu beobachten. Wie alles da hin und her rüttelt und schüttelt ... wie tumultarisch es in der geistigen Welt ist... das ist aber eine Realität, das ist da. Je mehr Geister da sind, die wahres Verständnis diesen Dingen entgegenbringen, desto mehr Früchte werden die Opfer des Krieges tragen ... hinein in das Streben, das in der Ausgleichung des Kampfes stattfindet.
Mit einer einzigen Bitte möchte ich an Ihre Herzen herantreten, in Form der Fürbitte, aber auch in allgemeiner Weise. ...
Diese Zeit ist eine Zeit der Prüfung, auch für die Anthroposophen. Jetzt wird es sich zeigen bei jedem Einzelnen, ob er es mit der Anthroposophie genügend ernst genommen hat. Wenn er es genügend ernst genommen hat, dann wird aus seiner Seele aufsteigen ... Dann wird er dasjenige aus seiner Seele hervorbringen, was würdige geistige Frucht sein kann ... für das Opferblut, das im Osten und im Westen fließt.
Es sind in dem Folgenden die beiden letzten der sieben Zeilen als Bedingungssatz anzusehen. Das Wort «wenn» fehlt davor aus metrischen Gründen:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht,
Lenken Seelen geistbewusst
Ihren Sinn ins Geisterreich.