The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 18 October 1902, Berlin

3. Die Bildung Der Deutschen Sektion Der Theosophischen Gesellschaft

Bericht von Richard Bresch «Der Vâhan», Jahrgang IV, Nr. 5 und Nr. 6, November, Dezember 1902

Nachdem bereits am Abend des 18. Oktober zwischen einzelnen Delegierten Vorbesprechungen stattgefunden hatten, begannen die Verhandlungen programmmäßig mittags um halb eins Uhr im Saale der Theosophischen Bibliothek und ehemaligen Wohnung des nach Meran übergesiedelten Grafen Brockdorff, [Berlin] Charlottenburg, KaiserFriedrich-Str. 54a. Eingeleitet wurden dieselben durch eine passende Ansprache des Vorsitzenden Dr. Steiner. Wer die Zeichen der Zeit verstehe, dem könne es nicht entgehen, dass wir vor einer neuen Geistesepoche ständen, dass sich eine neue Wende vorbereite, die ebenso wichtig und bedeutsam sei wie die zu Zeiten Augustins oder etwa des 16. Jahrhunderts, ein Wandel, in dem speziell Deutschland zu etwas ganz Großem berufen sei; der deutschen Wissenschaft falle dem Materialismus gegenüber die wichtigste Aufgabe zu, nur Hand in Hand mit ihr würden wir wirken können ...

Vertreten waren die mit dem Sektions-Charter bedachten zehn Logen wie folgt:

Diese kamen zunächst darin überein, dass den Satzungen der europäischen Sektion entsprechend bei den Abstimmungen die mehr als 25 Mitglieder zählende Loge Berlin drei, alle übrigen Logen aber nur zwei Stimmen haben sollten. Auf die einzelnen Paragrafen der neuen Satzungen ausführlich einzugehen ist, da Letztere demnächst separat im Druck erscheinen dürften, hier nicht der Ort, bemerkt sei hier nur, dass, damit möglichst alle Logen im Vorstande vertreten wären, beschlossen wurde, außer den, den Satzungen der europäischen Sektion entsprechend, in oder bei Berlin als Hauptquartier wohnenden vier noch zehn weitere, im ganzen also vierzehn Vorstandsmitglieder zu wählen. Die Wahl fiel nun auf Dr. Steiner als Generalsekretär, auf Frau von Holten als Schatzmeister, auf Julius Engel, Fräulein von Sivers und Herrn Rüdiger (Charlottenburg) als in oder bei Berlin wohnenden, und ferner auf die Herren Dr. Hübbe-Schleiden, Ludwig Deinhard, Günther Wagner, Bernhard Hubo, Adolf Kolbe (Hamburg), Bruno Berg, Dr. Noll (Kassel), Oppel (Stuttgart), Richard Bresch. Alle wurden auf drei Jahre gewählt. Das Rechnungsjahr schließt mit dem 30. September, und es wurde beschlossen, keine für das laufende Jahr bereits nach London gezahlten Beiträge zurückzuerbitten, sodass also für das bereits begonnene Rechnungsjahr die für jedes Mitglied mit drei Mark festgesetzten Beitragsgebühren von den Zweigen jetzt einzuziehen und an den neuen Schatzmeister abzuliefern sind. Die, abgesehen von außerordentlichen, jährlich stattzufindende Generalversammlung soll am 19. Oktober tagen. Mitzustimmen auf derselben haben außer den Logen-Delegierten nur der Generalsekretär und Schatzmeister. Die von Dr. Steiner beabsichtigte Herausgabe einer Zeitschrift unter dem Namen «Lucifer», deren erstes Heft etwa im Januar 1903 erscheinen wird, soll die Tendenz haben, alle Fäden und Richtlinien, die aus Natur, Kunst, Philosophie, Wissenschaft und sozialem Leben zum Geistigen hinführen, bloßzulegen und zu sammeln, also zur Theosophie hinüberzuleiten. Dieses Unternehmen wurde allerseits als ein durchaus zweckmäßiges, ebenso mühevolles wie verdienstliches begrüßt, ein eigenes Sektionsorgan solle nicht bestehen, jedoch auch der «Vâhan» die Sektionsnachrichten veröffentlichen.

An Glückwünschen ist ein schriftlicher seitens der italienischen Sektion, ein telegrafischer seitens der französischen, ein mündlicher von der skandinavischen durch einen anwesenden Herrn aus Dänemark und von der britischen Sektion durch Frau Besant zu erwähnen, ferner noch einige Glückwunschtelegramme seitens einzelner Mitglieder.

Die Verhandlungen zogen sich bis auf den nächsten Tag hinüber, mussten nämlich um sechs Uhr abends des ersten Verhandlungstages abgebrochen werden, da Frau Besants Ankunft um sieben Uhr auf dem Bahnhof Friedrichstraße erwartet wurde. Sie war eigens aus London nach Berlin gekommen und hat damit bekundet, wie großes Gewicht sie und mit ihr die britische Sektion auf die Bildung der deutschen legt. Durch ihre Anwesenheit in diesen Berliner Tagen hat sie deren Bedeutung wesentlich erhöht und uns deutsche Theosophen zu Danke verpflichtet. Pünktlich fuhr der Zug in die Halle und es fand hier von etwa 25 Mitgliedern ein kurzer, aber herzlicher Empfang statt.

Am folgenden Tage trat, von Dr. Steiner begrüßt, Frau Besant während der Verhandlungen in den Saal und wurde ihr durch allgemeines Erheben von den Sitzen eine Ovation dargebracht; sie wohnte den Verhandlungen etwa eine halbe Stunde bei. Nachdem Letztere dank der geschickten und taktvollen Leitung Herrn Dr. Steiners einen wohl allseitig befriedigenden Abschluss gefunden, überreichte sie ihm, als dem Generalsekretär, den Charter der Deutschen Sektion und hielt nach einer Pause, in der dank der liebenswürdigen und reichlichen Bewirtung seitens Fräulein von Sivers auch das Leibliche seine Rechnung fand, vor 50 bis 60 Personen eine Ansprache. Sie führte aus, wie die europäische (jetzt wieder britische) Sektion bisher die Logen aller europäischen Nationen umfasst habe, wie schwerfällig und kompliziert aber ihre Verwaltung dadurch gewesen sei, ein Zustand, der natürlich nur ein provisorischer sein konnte, bis nach und nach eine nationale Sektion nach der anderen auf eigenen Füßen stehen und sich von der Muttersektion loslösen konnte; so sei die skandinavische, holländische, französische und italienische Sektion entstanden und es gereiche ihr zur besonderen Genugtuung, dass nun auch das deutsche theosophische Werk von Deutschen in deutscher Weise in Angriff genommen werde. Alle Völker seien verschieden und eine jede Nation betreibe die Theosophie in anderer, in ihrer Weise, doch die Völker seien wie die Töne einer Harmonie, ein jedes trage seinen Teil zur großen Harmonie bei, ihr Zusammenklang bilde die Harmonie, verwirkliche die allgemeine Bruderheit, so sei auch die deutsche theosophische Arbeit ein notwendiger Bestandteil der den Erdball umspannenden theosophischen Gesamtbewegung. Die theosophische Bewegung bedürfe des deutschen Geistes, bedürfe der Mitarbeit des deutschen Volkes, um von ihm bereichert zu werden. Im weiteren führte Frau Besant den Unterschied aus, der zwischen der theosophischen und anderen Gesellschaften bestehe (vergleiche Februar-«Vâhan», S. 129), und dass der nunmehrige Zusammenschluss der Logen zur Sektion der Formung eines Gefäßes aus Ton vergleichbar sei, es werde so ein Reservoir für das göttliche Leben geschaffen, von wo aus sich Letzteres über die Menschheit ergießen könne. Gegenüber den Religionsstiftungen früherer Zeiten durch je einen großen Lehrer, der dies göttliche Leben übermittelte, stelle die theosophische Bewegung einen erheblichen Fortschritt dar, nicht eine neue Religion sei sie, sondern sie erstrebe die große Einheit aller Religionen. Doch mit dem Hinabströmen des göttlichen Lebens in das Reservoir, mit dem Empfangen des Privilegs wachse für die Mitglieder auch die Verantwortung, und sei ein harmonisches Zusammenwirken ein unerlässliches Erfordernis. Wenn im Alltagsleben jedweder Gewinn und Fortschritt nur des eigenen persönlichen Vorteils wegen gesucht werde, so müsse dies nun anders werden, es gelte, sich zu reinigen und alle persönlichen Wünsche und Abneigungen fallen zu lassen, so erst werde man aus einem bloßen Mitgliede der Gesellschaft ein Theosoph. Zur Duldung aller Meinungsunterschiede gelange man aber durch die Erwägung, dass in allen zwar ein Leben wohne, dieses sich aber in jedem anders manifestiere und ein jeder die Wahrheit nur von anderem Standpunkt, in anderer Weise erblicke. Der eine besitze poetische, der andere organisatorische, der dritte intellektuelle, rednerische oder literarische Begabung. Im Zusammenwirken nun aller, in der gegenseitigen Duldung, Wertschätzung und Förderung liege das Geheimnis des Erfolges.

Den Schluss des Abends bildete ein Vortrag Dr. Steiners über praktische Karmastudien, auf den einzugehen wir uns versagen müssen.

Ein gesellig-anregender Verkehr im vegetarischen Restaurant vis-a-vis dem Central-Hotel hielt viele Mitglieder bis zu später Stunde zusammen.

Auf den Dienstag, den 21. Oktober, mittags zwischen 11 und I Uhr hatte Frau von Holten die Mitglieder in ihr gastfreundliches, vornehmes Heim geladen, und in lebhafter Unterhaltung war die Zeit verflogen, als mittels der neuen Hoch- bzw. Untergrundbahn nach Charlottenburg aufgebrochen werden musste, wo in den schon benutzten Räumen vor etwa 50 Mitgliedern seitens Frau Besant gar mannigfache Fragen beantwortet wurden:

Betreffs der Christian Science meinte sie, man unterscheide die christlichen und die mentalen Heiler. Die Ersteren leugneten alle Krankheit, nur Gott besitze Realität, alles sonst sei unwirklich, Täuschung - die Letzteren aber erkennen die Krankheit an und ständen damit jedenfalls auf rationellerem Standpunkt, sie suchten die durch falsches Denken entstandene Disharmonie durch richtiges Wollen und Denken wieder in Harmonie (Gesundheit) überzuleiten. Indes bestehe bei all solchen Heilungen die Gefahr, das Übel zwar von der niederen Ebene wegzubringen, es dafür aber in höhere hinaufzuziehen, von wo aus es dann in anderer schlimmerer Form einst wieder hinabsteigen müsste; physische Leiden sollten daher nur mit physischen Mitteln behandelt werden. Heilungen durch Beten etc. sollten eigentlich nur Schauende bewirken. Solche sehen, woran es fehlt, und beobachten die Wirkung ihres Tuns. Wenn die Heiligen Heilungen bewirken, so handeln sie aus dem Schauen heraus, dass das betreffende Karma des Kranken sich ausgewirkt habe, und sie stellen dann die erwünschte Harmonie mittels ihrer eigenen Lebensenergien wieder her.

Ferner wurde gefragt: Wie verträgt sich, dass Jesus mit seinen Jüngern Fische gegessen, mit dem Gebote reiner Nahrung? Auch hätte der Heiligen Schrift zufolge Jesus Fisch gegessen, nachdem er seinen Jüngern erschienen. Ist der Astralleib überhaupt in der Lage, Speise zu sich zu nehmen? Antwort: Letzteres deute darauf, dass die Stelle symbolisch verstanden sein will. Für die christlichen wie auch für die heiligen Schriften des Ostens gelte, dass gleichzeitig drei Auffassungen möglich sind. Die erste ist, dass man es mit historischen oder tatsächlichen Angaben zu tun habe, die die große Masse des Volkes Moral und Ethik lehren sollen; die zweite Auffassung ist für die Entwickelteren, die intellektuelle, die dritte die tiefste, mystische. Der Entwickeltere, wie ja auch der jetzige Fragesteller, findet in den Aussprüchen einen inneren Widerspruch, der ihn dazu drängt, eine höhere Erklärung zu suchen; Fische bedeuten in okkultem Sinne Esoterik; wenn also Jesus mit seinen Jüngern Fische gegessen, so bedeute dies, dass er sie im Geheimwissen unterwiesen habe. Übrigens aber könne der Heilige ohne Schaden auch unreine Nahrung genießen, da er die schädlichen Säfte unschädlich zu machen oder auszuscheiden wisse, wie die Legende vom heiligen Sankharacharya beweise, dem einer seiner Jünger unreine Nahrung zum Vorwurf gemacht hatte. Am nächsten Tage kamen sie an eine Schmiede, wo der Lehrer ein glühendes Stück Eisen ergriff und es dem Jünger in die Hand geben wollte. Als dieser aber zu rückwich, ward er belehrt, dass er, der Lehrer, ebenso unreine Nahrung ‚ohne Schaden genießen könne, der Schüler aber nicht. - Auf die Frage: «Welches Karma zieht der sich zu, der über sein theosophisches Wirken seine Familie vernachlässigt?», kam der Bescheid, dass ein jeder da seine Pflicht zu tun habe, wo sein Karma ihn hineingestellt, dass also auch ein jeder in erster Linie für seine Familie zu sorgen habe, im Übrigen müsste jeder selbst wissen, wie viel Zeit er der Berufspflicht zu widmen habe und wie viel er für Theosophie verwenden dürfe.

Frage: Haben die Märtyrer ihre furchtbaren Leiden in einem früheren Leben verschuldet oder nicht?

Antwort: Die Märtyrer nehmen zum Wohle der Menschheit solche Leiden meist aus freien Stücken auf sich, dadurch von einer sich ihnen bietenden Gelegenheit rascheren Fortschritts profitierend bzw. sich so ein gutes Karma für die Zukunft schaffend.

Frage: Lazarus solle am vierten Tage nach dem Tode von Christus wieder zum Leben erweckt sein. Müsste nicht nach vier Tagen der Körper begonnen haben in Verwesung überzugehen, und sei die Erweckung trotzdem möglich?

Antwort: Zunächst hätten wir keinen Beweis dafür, dass es wirklich so gewesen wäre. Wenn eine Verwesung schon eingetreten sei, sei eine Erweckung zum physischen Leben nicht mehr möglich. Die magnetische Verbindung des astralen mit dem physischen Körper müsse noch vorhanden sein, sonst sei es selbst einem Heiligen unmöglich, jemanden wieder ins Leben zurückzurufen. Diese Verbindung aber könne noch Wochen nach dem scheinbaren Tode vorhanden sein.

Frage: Wenn diese Verbindung, noch so lange existieren könne, kann es dann nicht häufig vorkommen, dass Menschen lebendig begraben würden?

Antwort: Wir wollen hoffen und wünschen, dass dies nicht so häufig vorkommt, doch sei die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, ja es sind Lagenänderungen in den Gräbern beobachtet und daher Fälle des Wiedererwachens nachgewiesen worden, jedenfalls sei die in Frankreich bis zum Begräbnis vorgeschriebene kurze Frist nicht zu billigen.

Frage: Ob es richtig sei, sich nach dem Tode verbrennen zu lassen?

Antwort: Sie (Besant) habe stets die Ansicht vertreten, die beste Art der Bestattung sei das Verbrennen, weil dadurch jegliche Verbindung mit der physischen Welt am schnellsten und gründlichsten abgebrochen würde. Eine weitere Frage betraf die alle Jahrhundert aus höheren Ebenen hinabsteigende geistige Flutwelle, die sich mit Schluss des Jahrhunderts von der physischen Ebene wieder zurückziehe. Frau Besant bestätigte diese Angabe, doch sei das Sich-Zurückziehen der Flutwelle kein Grund, das theosophische Wirken nachher einzustellen, andernfalls die nächste geistige Flutwelle um so viel tiefer einsetzen müsse.

Eine Frage, die Mantras betreffend, wurde dahin beantwortet, selbst der Unwissende erziele, wenn er ein Mantra zitiere, eine wenn auch nur geringe Wirkung. Weit wirksamer aber seien sie, wenn sie sachverständig mit bewusstem Willen und Erkenntnis hergesagt würden. - Erwähnung geschah auch des neuerlich von einem Londoner Sekten-Geistlichen erhobenen Anspruchs, der inkarnierte Jesus zu sein, dem mit Vorsicht zu begegnen man alle Ursache habe; dem aber, dass sich Jesus, wie einst seinen Jüngern, auch heute noch einem Kreise seiner Anhänger im Astralen zeigen könne, sei wenigstens die Möglichkeit nicht abzustreiten, nur wäre äußerste Reinheit der Aspirationen solcher Anhänger unerlässliche Vorbedingung.

Schließlich wurde von Frau Besant auch noch der schon oft gegen das Karmagesetz erhobene Vorwurf, dass es alle Wohltätigkeit und Barmherzigkeit unterbinde, widerlegt. Wer eine sich ihm darbietende Gelegenheit, einem Notleidenden Hilfe zu bringen, unter dem Vorwande unbenutzt lässt, zu leiden sei des Hilfsbedürftigen Karma, der bedenkt nicht, dass eben er ja vom Karma als Werkzeug erwählt war, Abhilfe in der Not zu schaffen. Unterlässt er es, so wird in ähnlicher Not auch er im Stiche gelassen werden, das Karmagesetz aber sucht und findet dann einen anderen Vollstrecker seines Bedürfnisses und kann nicht unerfüllt bleiben oder gebrochen werden.

Abends endlich hielt Frau Besant im Hotel Prinz Albrecht den öffentlichen Vortrag, zu dem etwa 400 Personen erschienen waren. Eingeleitet wurde er durch eine Ansprache Dr. Steiners: Viele möchten, so sagte er, überrascht gewesen sein, als er sich vor etwa 14 Tagen im Giordano-Bruno-Bunde öffentlich zur Theosophie bekannt habe. Aber wie Giordano Bruno damals, sich auf Keplers Entdeckungen stützend, die Anerkennung einer neuen Weltanschauung forderte, so bringe die Theosophie heute eine neue Weltanschauung und ständen wir heute genau wie damals an einem welthistorischen Wendepunkte. Heute nun sei die Deutsche Sektion gegründet worden und aus diesem Grunde die hervorragendste Vertreterin in der theosophischen Bewegung nach hier gekommen, um die ersten Worte öffentlich zu sprechen. Frau Besants Vortrag über Theosophie, ihre Bedeutung und Zweck lautete nun etwa folgendermaßen:

In den letzten 100 Jahren, so begann Frau Besant ihren öffentlichen Vortrag über Theosophie, ist uns die Welt gleichsam kleiner geworden, weil wir sie leichter und vollständiger überschauen, andererseits aber erscheint sie uns auch größer, wenn wir erwägen, was die Forschung in mühevoller Arbeit Erstaunliches ans Licht gebracht hat. Die Länder, die Völker sind einander näher gerückt, mit Leichtigkeit durchkreuzen wir nach allen Richtungen die Ozeane; wozu man früher Jahre bedurfte, dazu genügen heut Wochen und Monate, wozu man sonst Tage brauchte, dazu reichen heut Minuten oder Stunden. Doch nicht allein die räumlichen Entfernungen schwinden, sondern auch die zeitlichen. Während man vor 100 Jahren nur einige 1000 Jahre in der Menschheit Vergangenheit rückwärts schauen konnte, vermag unser Blick heute weiter und weiter zurückzublicken. Die alten Bauten und sonstigen Überreste längst entschwundener Zivilisationen treten zutage, verschollene Nationen und tote Sprachen werden erweckt, sodass sie gleichsam vor unseren Augen zu neuem Leben und Treiben erwachen. Wir erblicken sie vor uns in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten, ja schriftliche Aufzeichnungen gewähren uns sogar Kunde von ihren religiösen Anschauungen und bei einem Vergleiche zwischen den sonst so verschiedenen Überlieferungen der verschiedensten Völker ergab sich zu unserem Erstaunen, dass alle Religionen der untergegangenen Völker in den Hauptpunkten übereinstimmten, dass ihnen also eine gemeinsame Wurzel zugrunde liegen müsse. Aus dem Schoße der Erde, aus Gräbern und uraltem Gemäuer kommen Schriften zum Vorschein, die dieses bestätigen. In Mexiko zeugen alte Baudenkmäler von einer längst entschwundenen Zivilisation, die die Spanier, die zuerst dort hingekommen waren, in Erstaunen gesetzt hatte. Rund herum um das Mittelmeerbecken, in Zentral-Asien, Mazedonien, bei den alten Etruskern etc., fand man beim Öffnen der Gräber Schriften, aus denen sich über die Natur, über den Menschengeist und seine ewige Dauer dieselben Gedanken ergaben, ja bei den Chaldäern, den Persern und anderen Nationen hat die vergleichende Mythologie für gewisse Prinzipien sogar den gleichen Ausdruck gefunden, nirgends fand sie eine von den anderen gänzlich verschiedene religiöse Lehre, sondern allüberall dieselben Doktrinen, dieselbe Ethik, dieselben Symbole; da drängte sich ihr denn die Frage auf, wo die Wurzel liege, der diese auffallende Übereinstimmung zu verdanken ist. Viele Forscher haben ja freilich diese Übereinstimmung damit zu erklären gesucht, die Religionen und ersten rohen Gottesbegriffe der Wilden seien aus Furcht vor den Naturgewalten und dem Tode, also überall aus den gleichen Motiven entstanden und hätten sich allmählich mit wachsender Intelligenz und Kultur entwickelt und veredelt. Die bedeutendsten Denker außerhalb der Kirche waren es, die diese Ansicht vertraten, unter ihnen insbesondere auch Huxley, sie nannten sie den Agnostizismus, das heißt die Meinung, dass wir Menschen über Religion und übersinnliche Dinge nichts wissen könnten und hierin alles lediglich Glaubens- und Gefühlssache sei. Allein die Erfahrungen stimmen mit jener Ansicht nicht überein, denn statt sich allmählich entwickelnder vervollkommnender Religionen finden wir vielmehr stets von vornherein hoch vollkommene reine, hochgeistige Religionen gegründet, die erst im Verlaufe der Zeit degenerieren, materialisieren - also gerade den entgegengesetzten Vorgang. Aus den alten Schriften besonders der Inder ergibt sich, dass die Begriffe über Gott, Jenseits, ewige Gerechtigkeit etc, je weiter wir in der Zeit zurückgreifen, statt gröber und roher, immer feiner und höher werden.1

In den [Upanishaden] zum Beispiel, die, wie angenommen wird, etwa 5000 vor Christus geschrieben wurden, finden wir die erhabensten Begriffe von Gott und dem Menschengeiste niedergelegt, hinter denen selbst unsere größten Philosophen zurückbleiben, wie dies zum Beispiel Schopenhauer anerkannte, indem er von den [Upanishaden] sagte, dass sie seinen Geist erleuchtet hätten und beim Sterben sein Trost sein würden. Da nun die Religionen sich also nicht aus der Wild- und Unwissenheit entwickelt haben, vielmehr, soweit die Geschichte reicht, von Weisen wie Laotse, Zoroaster, Moses, Krishna, Buddha, Jesus, Mohammed gegründet wurden, so beantwortet die Theosophie die Frage nach dem Grunde der sich bei allen Religionen, auch denen der grauen Vorzeit, zeigenden Übereinstimmung dahin: Es gibt eine Bruderschaft göttlicher Menschen, die sich weit über die Entwicklung der gewöhnlichen Menschen erhoben haben; diese Bruderschaft sendet von Zeit zu Zeit einen Bruder aus, der, sei es als König oder Führer und Lehrer, ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Rasse behütet, überwacht, belehrt und erzieht. All? diese Meister nun haben der Welt die gleichen Wahrheiten verkündet, und die Geschichte lehrt, dass jeder neuen Religion auch eine neue Entwicklungsära folgt. Alle Haupt-Ideen der alten Religionen treten wieder in den modernen Religionen auf, so fand sich die Idee der Fortentwicklung ein und derselben menschlichen Wesenheit viele Lebensläufe hindurch (Reinkarnation) auch bei den Hebräern und im Urchristentum; später, im sechsten Jahrhundert n. Chr. freilich wurde sie als Ketzerei erklärt und lebte nur noch in einigen Sekten fort. Aber die Religion braucht sich nicht notwendig auf solch’ einen göttlichen Lehrer, also auf den Glauben an eine Autorität zu gründen, sondern sie kann auch ein Wissen, eine Erkenntnis sein. Es vermag der Mensch, sich von seinen Körpern zu trennen und die höheren Ebenen des Bewusstseins zu betreten, das ist längst wissenschaftlich bewiesen, das Christentum, der Islam, auch viele Mystiker bis in die neueste Zeit bezeugen diese Möglichkeit, wir sehen Beweise dafür im Somnambulismus, in der Telepathie, der Suggestion, dem Hypnotismus, in allen Arten des Hellsehens [und so weiter], sodass selbst die hartnäckigsten Skeptiker sich diesen Tatsachen nicht mehr verschließen können. Freilich versuchen sie derartige Kundgebungen damit zu diskreditieren, dass diese Kundgebungen nur bei Hysterie, bei Nervenanomalien, also einem krankhaften Zustande,2 aufträten.

Nun, ich sage nicht, dass es so ist, aber gesetzt selbst, es verhielte sich so, dass ein Herausgehen aus dem Körper nur solchen Personen von hyperfeinen Nerven möglich wäre, so wäre dies doch kein Zeugnis gegen das Vorhandensein dieser Tatsache, was kümmert uns auch das Werkzeug, wenn nur seine Leistungen groß, wertvoll sind. Lombroso, ein italienischer Psychiater, sagt, dass Genie und Wahnsinn sehr nahe beieinanderwohnen. Gesetzt, er hätte recht, so ist es doch ein Glück für die Menschheit, dass es solche Genies gibt, die uns durch ihre Schöpfungen beglücken. Oder meinen Sie etwa, dass die Beaf-essenden, Biertrinkenden, muskelfesten Dutzendmenschen eher imstande wären, solche Kunstwerke hervorzubringen? Betrachten wir unsere großen Genies, einen Genius wie Beethoven, einen Bildner wie Michelangelo, einen Goethe, einen Shakespeare! Woher bekamen sie ihre großen Ideen? Bekamen sie sie nicht dadurch, dass sie sie auf höherer Ebene im Geiste erschauten? Wie manche Mitteilung ist uns von Menschen gemacht worden von dem, was sie im Trance oder in der Verzückung gesehen und gehört haben! In diesem Zustande verlässt der geistige Mensch seinen Körper, schlüpft gleichsam aus seiner Hülle heraus und kann sich dann auf höhere als die physische Ebene erheben, er sieht dort, ist hellsehend. Diese Fähigkeit kann auch durch Übung und eine gewisse Schulung erworben werden; das, was dort sieht oder erkennt, ist unser geistiger Wesenskern und da dieser ein Ausfluss des einen großen Lebens ist, das in allen lebt, so kann es auch diese Einheit in allen nicht allein anerkennen, theoretisch für wahr halten, sondern, wenn der Mensch erst imstande ist, das Bewusstsein ununterbrochen in sein zeitliches Tagesbewusstsein mit hinüberzunehmen, so sieht, weiß und empfindet er diese Einheit, das eine Leben, das in allen pulsiert, so versteht er seinen Bruder, weil er mit ihm fühlt, mit ihm denkt und ihn liebt, nicht als einen anderen, sondern als einen Teil seines eigenen Ichs. Weil er nun alle versteht, so umfasst er auch alle mit gleicher Liebe. Dieses Wissen sollen wir alle erlernen. Die Theosophie gibt uns dazu die Möglichkeit, sie bietet ihre Schätze an.

Stehen wir erst alle auf dieser Höhe des Erkennens und Wissens, dann wird ein jeder auch die Verschiedenheit des anderen achten. Der Hass aber und die Gegnerschaft, wie sie heute noch zwischen den Nationen herrschen - der Franzose hasst den Engländer, der Engländer den Deutschen, der Deutsche den Franzosen und so weiter -, beruhen darauf, dass jedes Volk sein Verhältnis zu jedem anderen Volk durch die Brille seiner selbst geschaffenen Gedanken- und Empfindungsatmosphäre betrachtet, im Lichte der ewigen Wirklichkeit sind alle diese Antagonismen zwischen den Völkern wie Individuen Unverstand und Torheit; nur einen Wettstreit zwischen ihnen sollte es geben, nämlich den, welches Volk sich um das Wohl der Gesamtheit die größten Verdienste erwirbt. Es kommt die Zeit, wo ein jeder den Ton und die Farbe erkennt, die in einer jeden Nation, einem jeden Individuum zum Ausdruck kommt, wo ein jeder die aus diesen Tönen und Farben fließende Harmonie erfasst, sich ihrer freut, in ihnen eine Ergänzung des eigenen Tons, der eigenen Farbe findet; diese Klang- und Farben-Harmonie aber wird uns zu jenem ewigen seligen Frieden führen, wie er eben der göttlichen Weisheit, Theosophie, dereinst entsprießen wird.»

Soweit Frau Besants öffentlicher Vortrag, welcher auf die selbst wenig Englisch verstehenden Zuhörer sichtbar einen tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht hatte; da war nichts Effekthaschendes, Theatralisches, nichts Schreiendes, Aufdringliches; in kurzen, wuchtigen, kraftvoll betonten Sätzen erhielt selbst der Nichtversteher den Eindruck des Würdevollen, Bedeutsamen. Frau Besant sprach mit vollendeter Rhetorik, trotz des noch nicht lange überwundenen schweren Fiebers ohne eine Spur der Ermüdung, ohne nur einmal zu stocken, ohne nur einmal ein Wort zu verbessern oder eine begonnene Phrase zu verändern, und der letzte Satz ihrer Rede kam so frisch heraus wie der erste. Herr Dr. Steiner hatte es zum Schluss übernommen, die Hauptideen dieses Vortrags auch den nicht Englisch verstehenden Zuhörern zu verdolmetschen, nicht wörtlich zwar, sondern in seiner Eigenart, doch eine Wiedergabe seiner Ausführungen würde zu viel des Obigen wiederholen müssen, weshalb hier von einer solchen abgesehen werden muss.

So haben wir denn in diesen denkwürdigen Berliner Tagen endlich den heiß und lange ersehnten Zusammenschluss gefunden, sodass es mir am nächsten Tage feierlich durch die Seele zog und ich leicht mich hätte überreden können, Berlin habe den festlichen Flaggenschmuck nicht der Kaiserin, sondern unserer Sektion wegen angelegt. Ist doch allem Stagnieren und Im-Sande-Verlaufen der theosophischen Bewegung in Deutschland, allem Zersplittern in illegitime Abspaltungen nun nach Möglichkeit vorgebeugt, haben wir doch für ein gedeihliches Wachstum eine lebensfähige organisatorische Grundlage geschaffen, ein gesundes Samenkorn in fruchtbaren Boden gesenkt. Die eigentliche Arbeit freilich, das Wachsen selbst, hat jetzt erst zu beginnen, mögen sich unter uns nun auch all' die dazu nötigen Tugenden und Fähigkeiten finden.



  1. Bestätigt wird dies unter anderem auch von Max Müller in seinen Essays zur allgemeinen Religionswissenschaft (S. 40ff.), wo er sagt: «Der Monotheismus ist dem Polytheismus vorausgegangen und durch den polytheistischen Nebel in den Vedas bricht die Erinnerung an den Einen unendlichen Gott hindurch. Ferner von Spiegel, einem der ersten Kenner der persischen Religion, wenn er sich in seiner «Eranische Altertumskunde», Bd. II, Vorrede, über Erstere wie folgt ausspricht: «Entgegen meiner früheren Ansicht, glaube ich jetzt nicht mehr, dass die eranische Religion aus dem Polytheismus in der Art hervorgegangen sei, dass man die Vielheit der Göuer auf eine Zweiheit beschränkte und zuletzt beim Monotheismus anlangte. Richtiger erscheint s mir vielmehr, dass ein kräftiger Monotheismus dem Dualismus vorausging.» Und auch die «Germania» vom 5. Nov. d.]. sagt in einem Artikel «Ursprüngliche Vielgöttereis: «Die Urreligion, sie soll einmal gewesen sein, wie sie will, muss in den ältesten Religionen irgendwelche Spuren, irgendwelchen Nachglanz hinterlassen haben. Diesen Spuren gilt cs nachzugehen, wenn man die Entwicklungsgeschichte der Religion erforschen will. - Was lehren nun die ältesten Religionen der Chinesen, Ägypter, Indogermanen in ihren schriftlichen Denkmälern von einer ursprünglichen Vielgötterei? Nicht das Allergeringste. Im Gegenteil. Je weiter die Forschung vordringt in die graue Vorzeit, je mehr sie durch die verschiedensten Entdeckungen in den Stand gesetzt wird, die frühesten Keime der Religion zu prüfen, desto mehr erweist sich das Bild einer, dem wüstesten Fetischismus und ausschweifendsten Polytheismus huldigenden, Urmenschheit als großartiger Humbug.... Die Geschichte ist vorgedrungen bis in die fernsten Zeiten. Sie kennt Völker, welche der Vielgötterei gehuldigt von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart in allen Weltteilen. In diesen langen Jahrhunderten müsste doch irgendwo der Punkt sich nachweisen lassen, wo die Umbiegung der Vielgötterei zum Monotheismus begänne, wenn auch in noch so schwachen Ansätzen. Warum bringt man keine solchen Tatsachen bei? Sehr einfach, weil man keine hat.» D.R. ↩

  2. Die heutigen Ärzte wissen aber zwischen Epilepsie und Ekstase sehr wohl zu unterscheiden; dies zeigt eine in der «Deutschen Revue» erschienene nachgelassene Arbeit Prof. Kußmauls. Die Behauptung, viele der größten Männer der Weltgeschichte, z.B. der Apostel Paulus, hätten an Epilepsie gelitten, finden wir hier abgewiesen. Bei Mohammed», sagt Kußmaul, «scheint es sich um ckstatische, nicht um epileptische Nervenzustände gehandelt zu haben; er diktierte aus seinen Anfällen heraus die Suren des Korans, was mit der Natur epileptischer Anfälle unvereinbar ist> Kußmaul fordert, die wissenschaftliche Pathologie müsse an die Diagnose der Epilepsie strenger Anforderungen stellen. D.R. ↩

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