The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 5 July 1902, London
Zur zwölften Zusammenkunft der Europäischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, Juli 1902 (Ausführungen des Herausgebers)
Vom 5. bis 7. Juli fand 1902 in London die zwölfte, jährliche Zusammenkunft der Europäischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft Adyar statt. Marie von Sivers reiste bereits Mitte Juni nach London. Rudolf Steiner folgte am 1. Juli als designierter Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft und blieb dort bis zum 11. Juli. Von Bertram Keightley,1 dem damaligen Leiter der Europäischen Sektion wurde Rudolf Steiner zur Mitarbeit in der Kommission berufen, die sich mit der Frage der zukünftigen Zusammenarbeit der europäischen Sektionen auseinanderzusetzen hatte. Nachdem (unter Einbezug der zu diesem Zeitpunkt noch bevorstehenden Gründung der Deutschen Sektion) die verschiedenen Landessektionen als gegründet betrachtet werden konnten, wurde die vormalige Europäische Sektion aufgelöst. Es wurde beschlossen, für die zukünftige Zusammenarbeit der europäischen Landessektionen jährlich einen Kongress der Europäischen Föderation der Landessektionen durchzuführen.
In seinem Lebensgang schreibt Rudolf Steiner rückblickend: «Ich habe, als ich 1902 zum ersten Male in London auf dem Kongresse der Theosophischen Gesellschaft sprach, gesagt: Die Vereinigung, die die einzelnen Sektionen bilden, soll darin bestehen, dass eine jede nach dem Zentrum bringt, was sie in sich birgt; und ich betonte scharf, dass ich für die Deutsche Sektion dies vor allem beabsichtige. Ich machte deutlich, dass diese Sektion niemals sich als Trägerin festgesetzter Dogmen, sondern als Stätte selbstständiger geistiger Forschung betätigen werde, die sich bei den gemeinsamen Zusammenkünften der ganzen Gesellschaft über die Pflege echten Geisteslebens verständigen möchte» (GA 28, Dornach 2000, S. 415).
Im Oktober 1918 äußerte sich Rudolf Steiner wie folgt über diese erste Ansprache auf einem internationalen Treffen der Theosophischen Gesellschaft: «So zum Beispiel versuchte ich,2 als ich das erste Mal teilnahm an einem Kongress der ‹Theosophical Society› in London, einen gewissen Gesichtspunkt hineinzubringen. Ich hielt eine ganz kurze Rede. Es war in der Zeit, als eben die Entente cordiale geschlossen worden war, und als alles unter dem Eindrucke der eben abgeschlossenen Entente cordiale stand.3 Ich hatte versucht zu charakterisieren, dass es sich in der Bewegung, die die Theosophical Society» darstellen will, nicht darum handeln kann, von irgendeinem Zentrum aus irgendetwas als theosophische Weisheit zu verbreiten, sondern dass es sich lediglich darum handeln kann, dass das, was die neuere Zeit von allen Seiten der Welt heraufbringt, gewissermaßen an einer gemeinsamen Stätte eine Art Vereinigungspunkt hat. Und ich hatte dazumal geschlossen mit den Worten: Wenn wir auf den Geist bauen, wenn wir geistige Gemeinschaft in wirklich konkreter, positiver Weise suchen, sodass der Geist, der da und dort erzeugt wird, nach einem gemeinsamen Zentrum der (Theosophical Society» getragen wird, dann bauen wir eine andere Entente cordiale.
Von dieser anderen Entente cordiale sprach ich dazumal in London. Es war meine erste Rede, die ich in der Die Zusammenkunft fand in einem Anbau der renommierten St. James Hall statt. In einem zwar gedruckten, aber nicht publizierten Bericht über das Treffen wird auch kurz der Vortrag Rudolf Steiners referiert. Steiner sprach in Deutsch und Marie von Sivers übersetzte ins Englische. Der Bericht lautet wie folgt: «He said that he had been sent over by the Berlin Lodge to learn something of the Theosophical Movement at its fountain-head. In Germany they were about to found a new Section, and he would endeavour to give an idea of the state of things there. They had but few people at present who had the least idea of theosophical teachings, but there were some diligent workers in several large cities, and there was much latent power in Germany and a strong desire to seek for further spiritual understanding, Rationalistic philosophy possessed a great influence among the classes it was most desirable to reach, and this philosophy might be made the greatest enemy if not encountered properly, or, on the other hand, it could be of greatest assistance if the foundation of Theosophy in Germany were laid on the writings of the great German philosophers. Such men as Leibniz, Schelling, Fichte and Hegel were real theosophists and they should attach themselves to the teaching these men had left» (Zitiert nach Crispian Villeneuve: Rudolf Steiner in Britain, A Documentation of his Ten Visits, Vol I, 1902-1921, Forest Row 2004, S. 29-30. Ein öglicherweise sogar nur «das» - Exemplar des gedruckten, aber nicht publizierten «Report of Proceedings» befindet sich laut Aussage von Crispian Villeneuve in der Zentrale der Theosophischen Gesellschaft in England am Gloucester Place in London). In deutscher Übersetzung vom Herausgeber: «Er sagte, er sei von der Berliner Loge herübergeschickt worden, um etwas über die theosophische Bewegung an ihrem Quelltopf zu erfahren. In Deutschland sollten sie eine neue Sektion gründen, und er würde sich bemühen, eine Vorstellung vom Stand der Dinge dort zu geben. Gegenwärtig hätten sie nur wenige Menschen, die eine gewisse Ahnung von theosophischen Lehren hätten, aber es gäbe einige fleißige Arbeiter in mehreren großen Städten, und cs gäbe in Deutschland genügend latente Kraft und einen starken Wunsch nach weiterem spirituellem Verständnis. Die rationalistische Philosophie habe einen großen Einfluss auf jene Klassen ausgeübt, die am wünschenswertesten zu erreichen wären, und diese Philosophie könnte zum größten Feind gemacht werden, wenn sie nicht richtig angetroffen würde; oder sie könnte andererseits von größter Hilfe sein, wenn die Begründung der Theosophie in Deutschland auf die Schriften der großen deutschen Philosophen fuße. Solche Männer wie Leibniz,5 Schelling,6 Fichte,7 und Hegel8 seien echte Theosophen und man solle sich an die Lehre halten, die diese Männer hinterlassen hätten.» Weitere Dokumente zu Rudolf Steiners Darstellungen auf diesem zwölften Kongress der europäischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) liegen nicht vor. Außer Rudolf Steiner und Marie von Sivers nahmen aus Deutschland teil: Henriette von Holten,9 Adolf Kolbe,10 Ludwig Deinhard.11 Bemerkenswert ist noch, dass es hier wohl auch zu ersten Begegnungen mit Elisabeth Vreede12 und Daniel Nicole Dunlop13 kam.
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Bertram Keightley: 1860-1944, Mitarbeiter Helena Petrovna Blavatskys und später Annie Besants, war 1891 bis 1893 Generalsekretär der Indischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Benarcs; 1901-1905 Generalsekretär der Britischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft Adyar. In seinem Lebensgang schreibt Rudolf Steiner: «Ich wurde schr befreundet mit ihm» (GA 28, Dornach 2000, 5. 397). Rudolf Steiner wohnte vom 1. bis 11. Juli 1902 bei Bertram Keightley in London Bayswater. Im Brief vom 1. Juli 1902 schreibt Rudolf Steiner an seine erste Ehefrau Anna Eunike (1853-1911): «Frl. von Sivers führt mich zu Mr Keightley. Ein reiner Segen: In England muss man in solchen Häusern jeden Morgen baden. Also erste Londoner Erfahrung: ein Bad. Dann Frühstück bei Mr Keightley. Das ist ein recht sympathischer, durchaus liebenswürdiger Mensch. Mittag wollte ich heute nicht mitessen. Denn es scheint mir doch das Beste, wenn ich mich nicht so an Zeiten binde. Also sitze ich denn da mittags 2 Uhr — da ist es aber in Berlin schon 3 Uhr - und habe eben gegessen: Stewed kidney Lyonais. Du würdest das Ding geröstete Niere nennen. Heute Abend für 7 Uhr habe ich mit Keightley dann eine Konferenz, wo er einmal hören soll, wie es sich mit den deutschen Theosophen verhält.» Zitiert aus: Briefe, Bd. II, GA 39, Dornach 1989, 8. 412. ↩
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So zum Beispiel versuchte ich ... nicht auf meiner Seite: Aus dem Vortrag vom 27. Oktober 1918, in: Geschichtliche Symptomatologie, Dornach 1982, GA 185, S.145. Von der Rede selbst in London am 5. Juli 1902 ist keine Mitschrift überliefert. ↩
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NoteText ↩
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Leibniz: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), deutscher Philosoph, Mathematiker, Universalgelehrter der Aufklärung. ↩
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Schelling: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), deutscher Philosoph und Anthropologe, Nachfolger auf dem Lehrstuhl Hegels in Berlin. ↩
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Fichte: Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), deutscher Philosoph des Idealismus. ↩
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Hegel: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), deutscher Philosoph, Vertreter des deutschen Idealismus. - zu Fichte, Schelling, Flegel: Siehe hierzu u.a. Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie, GA 18. Die erste Ausgabe hiervon erschien unter dem Titel Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert, Band 1 im Jahr 1900 und Band II im Jahr 1902, beide in Berlin. - Siehe insbesondere auch: Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchener Kongress Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen, GA 284. Auf dem Kongress der Föderation Europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft 1907 in München ließ Rudolf Steiner vor der Bühne die Büsten von Fichte, Schelling und Hegel aufstellen. ↩
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Henriette von Holten: 1845-2, geb. Borchert; keine näheren Angaben bekannt. ↩
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Adolf Kolbe: ?-1934, Mitglied der Theosophischen Gesellschaft seit 1897, gründete 1898 mit Bernhard Hubo den Hamburger Pythagoras-Zweig, der zu den Zweigen gehörte, die 1902 die Deutsche Sektion bildeten. Von 1905 bis 1913 im Vorstand der Deutschen Sektion, esoterischer Schüler Rudolf Steiners. ↩
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Ludwig Deinhard: 1847-1917, Ingenieur und Industrieller, 1894-1896 Leiter eines der ersten theosophischen Zweige in München. Wirkte seit 1900 für die Bildung einer Deutschen Sektion und gehörte von 1902 bis 1908 zu deren Vorstand. Sein Buch Das Mysterium des Menschen im Lichte der psychischen Forschung. Eine Einführung in den Okkultismus, Berlin 1910, wurde von Rudolf Steiner sehr geschätzt. Vgl. dazu auch den Vortrag vom 19. Mai 1917 in Mitteleuropa zwischen Ost und West, GA 1744, 2. Aufl. Dornach 1982, 8. 155-175 und Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914, GA 264. - Gehörte anfänglich dem Kreis um Karl du Prel an, später zum Kreis um Hübbe-Schleiden, schloss sich dann aber ganz Rudolf Steiner an. ↩
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Elisabeth Vreede: 1879-1943, Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. Seit 1914 Mitarbeiterin am Goetheanum, wo sie ab 1919 das Rudolf Steiner Vortragsarchiv einrichtete. 1920 Gründungsmitglied und dann Sekretärin des Zweiges am Goetheanum. Von 1923 bis 1935 Mitglied des Gründungsvorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und Leiterin der mathematisch-astronomischen Sektion der Freien Hochschule am Goetheanum. ↩
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Daniel Nicole Dunlop: 1868-1935, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in England von 1930 bis 1935, Organisator der International Summerschools 1923 (in Penmaenmawr) und 1924 (in Torquay). Gründer der British Weleda Company. ↩