The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 20 June 1904, Amsterdam
10. Der Kongress zu Amsterdam Am 19., 20. und 21. Juni 1904
Bericht von Ludwig Deinhard «Der Vâhan», Jahrgang VI, Nr. 1, Juli 1904
Es mögen etwa zwölf oder vierzehn Jahre her sein, da sprach man bei uns überall in allen literarischen Zirkeln von einem anonym erschienenen, «Rembrandt als Erzieher» betitelten Buch. In diesem Buch, das rasch mehrere Auflagen erlebte, wurde dem Deutschen in allen Tonarten empfohlen, er möge sich doch seinen niederdeutschen Landsmann, den genialen holländischen Meister in jeder Beziehung zum Muster nehmen. An jenes manchem Leser dieser Zeitschrift gewiss noch erinnerliche Buch oder wenigstens an seinen Titel möchte ich anknüpfen, wenn ich heute von Amsterdam zurückgekehrt über meine dortigen Kongress-Eindrücke Bericht erstatten soll. Streichen wir einmal aus diesem Titel den Namen Rembrandt weg - denn von ihm muss ich hier leider schweigen, so sauer dies jedem wird, der gerade von Amsterdam kommt - und setzen wir statt dessen die drei Worte: Unsere holländischen Kollegen, dann wäre der obige Buch-Titel umgeändert in: Unsere holländischen Kollegen als Erzieher. Als Erzieher zu was, wird man fragen, und meine Antwort lautet: als Erzieher zur Veranstaltung fruchtbringender Kongresse innerhalb der theosophischen Bewegung. Hierüber zunächst ein paar Worte.
Mindestens mit ebenso viel Recht, als man den Deutschen Rembrandt nachzueifern empfohlen hat, kann man heute jeder europäischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft den Rat erteilen, sich ihre holländische Schwester-Sektion in der Veranstaltung und Durchführung eines europäischen Theosophen-Kongresses zum Muster zu nehmen. Was sind dies nun für Eigenschaften, die gerade unsere holländischen Kollegen zu dieser Aufgabe ganz besonders befähigen?
In den Abschiedsworten, die Frau Besant als Präsidentin des Amsterdamer Kongresses an diesen richtete, sagte sie: «Es mag sein, dass es ein kleines Land ist, das unsere holländischen Brüder ihr Eigen nennen. Sicher aber ist, dass sie ein sehr weites Herz haben. Und es ist besser, ein kleines Land zu besitzen und dazu ein weites Herz, als ein großes Land und ein enges Herz.» Aber unsere Kollegen in Holland besitzen außer dieser Eigenschaft des Herzens, die ihnen Frau Besant nachrühmt, noch etwas, was sie zu obiger Aufgabe ganz besonders befähigt: nämlich ein ganz erstaunliches Sprachtalent, das frühzeitig entwickelt und kräftig ausgebildet ihnen ihre Rolle als Kongresswirte ausnehmend erleichterte, vermöge dessen sie mit jedem auswärtigen Kongressgast in seiner Landessprache fließend verkehren konnten.
Wenn so der Amsterdamer Kongress von Anfang bis zu Ende auf einen außerordentlich herzlichen Grundton gestimmt war, so wurde dort diese Grundstimmung noch erhöht und verstärkt durch die Einführung eines neuen und belebenden Elements.
«Das Element des Ästhetischen, der Schönheit in der Natur» - sagte Frau Besant in ihrer Präsidentialrede - «in die theosophische Bewegung einzuführen, bildet eine der Hauptaufgaben dieses Kongresses. Theosoph kann ebenso gut der Künstler sein wie der Denker. Unsere Bewegung, die dazu bestimmt ist, das ganze Geistesleben der Kulturwelt zu durchdringen, wird sicher auch dazu berufen sein, in der Musik und den bildenden Künsten eine neue Richtung hervorzurufen.»
Dieser neue Aspekt der theosophischen Bewegung, das Element des Ästhetischen, war es denn auch in der Tat, der dem Amsterdamer Kongress seinen besonderen Charakter verlieh. Vokalkonzerte wechselten dort mit Orgelkonzerten ab, zum Schluss wurden auch noch Werke holländischer Poesie, wie die eines Multatuli, rezitiert. Dazu gesellte sich eine von Mitgliedern der «Theosofische Vereeniging» veranstaltete Ausstellung von allerhand Kunstgegenständen, Gemälden, Plastiken und kunstgewerblichen Arbeiten, wie Stickereien, kostbaren Bucheinbänden usw., denen man größtenteils sofort ansah, in welchen Gedankenkreisen ihre Schöpfer leben. Und das Verdienst, diesen neuen Aspekt, diese neue Auffassung in die theosophische Bewegung hineingetragen zu haben, gebührt niemand anders als unseren Kollegen in Holland.
Es wird wohl nötig sein, dem Bericht über die Kongress-Verhandlungen ein paar Worte über die holländische Sektion vorauszuschicken, die am 18. Juni unter dem Vorsitz ihres rührigen und erprobten Generalsekretärs W. B. Fricke ihre Jahresversammlung abhielt. Mitglieder zählt dieselbe gegenwärtig 727. Davon sind 130 im letzten Jahre zugegangen. Besonders hervorgehoben zu werden verdient auch wohl die Propaganda-Reise, die der Ehrensekretär des Kongresses, Johan van Manen, letztes Jahr nach der holländischen Kolonie Java unternommen hat, wo er während sechs Monaten nicht weniger als fünfzig Vorträge hielt. Das Hauptquartier der Sektion befindet sich in einem der schönsten Stadtbezirke Amsterdams und umfasst drei Häuser (Amsteldijk No. 76, 79 und 80) mit geräumigen Lesezimmern, Versammlungshalle, Bureau, Wohnungen und großem Garten.
Zum Kongress erschienen sind im Ganzen etwa 600 Personen, darunter circa 150 Ausländer, unter denen die britische Sektion mit ihrem Generalsekretär B. Keightley das stärkste Kontingent stellte. Die Deutsche Sektion repräsentierten unser Generalsekretär Dr. Steiner und etwa ein Dutzend Mitglieder. Desgleichen war der Generalsekretär der französischen Sektion Dr. Pascal mit einer größeren Zahl französischer Theosophen erschienen. Noch stärker war das benachbarte Belgien vertreten. Ob auch aus Italien, Spanien, Skandinavien, Russland und so weiter Mitglieder erschienen waren, entzieht sich meiner Beurteilung.
Eröffnet wurde der Kongress in dem prachtvollen und geräumigen Konzertsaal des Amsterdamer «Concertgebouw». Die Sektionssitzungen fanden in kleineren Sälen desselben Gebäudes statt.
Die mit bekannter Meisterschaft gehaltenen Reden und Vorträge von Frau Besant bildeten naturgemäß das Hauptinteresse des ganzen Kongresses. Das Verständnis dieser Vorträge wird durch die mächtige von der Rednerin ausgehende geistige Energie, durch die starken mentalen Schwingungen unterstützt, die von ihr ausstrahlen. Dabei spricht Frau Besant jedes ihrer Worte außerordentlich deutlich aus und macht sich dadurch auch denjenigen nicht-englischen Hörern leicht verständlich, die sonst einer englischen Rede nicht gut zu folgen imstande sind. Hierauf hinzuweisen, möchte ich hier nicht unterlassen, da es für die im kommenden September von Frau Besant geplante Vortragsreise durch Deutschland von Wichtigkeit ist, dies zu wissen, damit sich dann ja niemand aus dem naheliegenden Grund vom Besuch dieser Vorträge abhalten lässt, weil er schlecht Englisch versteht. Da Frau Besant dann nur in einigen wenigen deutschen Großstädten öffentliche Vorträge halten wird, so sei schon hier bemerkt, dass es sich zweifellos lohnt, eine kleine Reise zu machen, um diese in der ganzen Welt bewunderte Rednerin einmal sprechen zu hören, deren Schriften ja auch bei uns in Deutschland eine wachsende Verbreitung finden.
Sonntag, 19. Juni, 10 Uhr vormittags wurde der Kongress feierlich eröffnet. Zunächst ein Chorgesang von Damen, dann Ansprachen von W. B. Fricke, Annie Besant und J. van Manen. Abends 8 Uhr folgte hierauf ein öffentlicher Vortrag von Frau Besant in einem kirchenartigen Gebäude, das für «de vrije Gemeente» (die freie Gemeinde) bestimmt ist. Sie sprach über «die neue Psychologie», unter welchem Titel sie die Forschungs-Ergebnisse der Society for psychical research, die interessanten psychologischen Untersuchungen von Professor Pierre Janet und Colonel A. de Rochas in Paris entrollte und zum Schluss die Frage des Fortlebens nach dem Tode und der Wiederverkörperung berührte.
Am Montag, dem 20. und Dienstag, dem 21. Juni fanden dann die Sektionssitzungen statt. Der Fortgang dieser Sitzungen wurde leider dadurch fortwährend etwas verzögert, dass man die gehaltenen Vorträge noch in holländischer, zuweilen auch noch englischer Sprache resümierte. Auf dem Programm war folgende Sektions-Einteilung vorgesehen:
A. Brüderschaft; B. Vergleichende Religionskunde; C. Philosophie; D. Wissenschaft mit Einschluss der okkulten Psychologie; E. Kunst; F. Propaganda und Arbeitsmethoden; G. Okkultismus.
Die vom Kongress-Komitee eingeforderten Abhandlungen über die ‚oben bezeichneten Themata bildeten das Material, über das in den Sektionssitzungen vorgetragen wurde. Da nur sehr wenige der Autoren dieser Arbeiten persönlich erschienen waren, so mussten die meisten dieser Abhandlungen von den Vorsitzenden verlesen oder wenigstens im Auszug wiedergegeben werden. Der in einigen Monaten voraussichtlich erscheinende offizielle Bericht des Kongress-Komitees wird dann alle diese Arbeiten, von denen hier nur kurz der Inhalt oder auch nur der Titel angegeben werden kann, in vollem Umfang enthalten.
In Sektion A behandelte:
- Emma Weise (Paris) das Thema: Fraternity as found in the totemic laws of primitive races. Mme Weise ist der Ansicht, dass die Gebräuche des Totemismus gewisser Urrassen den Beweis lieferten, dass sie ein wohldurchdachtes, zu dem Zweck geschaffenes religiöses System bilden, um dadurch primitive Rassen vor dem Untergang zu schützen, und zwar ein System, das nicht als Erzeugnis dieser Rassen selbst betrachtet werden kann. Es ist daraus zu schließen, dass die primitiven Menschenrassen der Urzeit Lehrmeister von hoher Weisheit besaßen, die durch Aufstellung dieser weitblickenden und subtilen Vorschriften die Entwicklung der einzelnen Individualitäten leiteten - was ja mit den Lehren der Theosophie übereinstimmt.
- Kommandant Courmes (Paris): Le droit de suffrage dans les nations. Es wird in dieser Abhandlung darauf hingewiesen, dass die eine Nation bildenden Individuen Seelen oder Individualitäten von äußerst verschiedener Entwicklungsstufe darstellen und dass diese große Verschiedenheit auch in der Erteilung des Stimmrechts berücksichtigt werden sollte. Nur wird es sehr schwierig sein, ein Kriterium der Entwicklungsstufe festzustellen, das im praktischen Leben Anwendung finden könnte, was auch der Verfasser einzusehen scheint.
- S. Edgar Aldermann (Sacramento, Cal.): Practical Brotherhood. Eine Verteidigung der Demokratie als einzig mögliche und wünschenswerte Grundlage für den Aufbau wahrer Brüderlichkeit.
Sektion B
- Purnendu Narayana Sinha (India): The religion of the future - An aspect of Vaishnavism. Dem Vaishnavismus liegt die Idee zugrunde, das Gefühl der Liebe zu erwecken und zu kräftigen, als sicherster Weg zur religiösen Entwicklung. Es bedarf dazu einer ganz systematischen Pflege der auf Liebe gegründeten Verbände, die bis zur schließlichen Umfassung der ganzen Menschheit auszudehnen sind. Auszüge aus zahlreichen Sanskrit-Schriften aus der Vaishnava-Literatur werden angeführt, die diese Anschauung begründen.
- C. Jinarajadasa (Milano): The Bhagavad Gita. Eine kritische Betrachtung über dieses altindische Lehrgedicht hinsichtlich seines Alters, seiner Sprache, wie seines Inhalts.
- D. van Hinloopen Labberton (Buitenzorg): Gazzhalis «Kitab Tasaoep». Gazzhali, der ungefähr 1400 n. Chr. gelebt hat, gilt als Begründer der orthodox-islamitischen Mystik. Seine Sittenlehre wurde in Niederländisch-Indien in zahlreichen Bearbeitungen veröffentlicht. Sie deckt sich in vieler Hinsicht mit den Lehren der heutigen Theosophie.
Sektion C
- Dr. R. Steiner (Berlin): Mathematik und Okkultismus. Die Mathesis, das Wissen, ist nach den Gnostikern jene reine Weisheit nach dem Muster der Mathematik. Die Gnostiker verlangten nicht, dass man Mathematiker werden sollte, um Okkultist zu werden, also nicht eigentliche Mathematik, sondern ein mathematikartiges Wissen. Sie verlangten, dass man in seinem eigenen Wesen frei werden solle von dem, was dem gewöhnlichen Menschen anhängt, von aller Begehrlichkeit, allem Emotionellen.
- Bhagavän Däs (Benares): The relation of the self and the not-self. Der bekannte Verfasser von «The Science of the emotions» stellt hier Hegels dreifache Stufe der Welterkenntnis jener altindischen Welterkenntnis gegenüber, die in der Zusammenstellung der drei Buchstaben a, u und m zum Ausdruck kommt.
- Gaston Polak (Bruxelles): Symetrie et rythme dans la nature. Die Erforschung der sinnlich wahrnehmbaren Welt ergibt, soweit sie sich innerhalb der Grenzen der Naturwissenschaft bewegt, auf allen Gebieten Erscheinungen von Symmetrie und Rhythmus. Dieselben Erscheinungen auch auf dem Gebiet des Gemüts- und Geisteslebens nachzuweisen, ist der Zweck dieser wohldurchdachten Arbeit. Auch die Lehre der Reinkarnation birgt einen solchen Rhythmus.
- Decio Calvari (Roma): Un filosofo ermetico italiano del Secolo XVII.
- G.R.S. Mead (London): As above so below.
Diese letztgenannten beiden Arbeiten wurden nur im Titel verlesen.
Sektion D
- Dr. Th. Pascal (Paris): Conscience, subconscience et superconscience. Der Generalsekretär der französischen Sektion gibt hier eine übersichtliche Zusammenstellung der heutigen psychologischen Anschauungen über das Gewissen, das ihm zufolge nur in der Lehre der Reinkarnation eine wirklich befriedigende Erklärung finder.
- Ludwig Deinhard (München): «Multiplex Personality», eine Anregung. Die Anregung des Referenten besteht darin, dass er an die mit supernormalen Fähigkeiten begabten Mitglieder der Theosophical Society die Bitte richtet, sie möchten die so interessanten Erscheinungen der «multiplex personality» einer näheren Untersuchung würdigen, da sich aus denselben die Tatsache der Wiederverkörperung direkt nachweisen lässt, wie die jüngsten Forschungen von A. de Rochas ergeben haben.
- Ludwig L. Lindemann (Köln): Zwei psychische Erfahrungen. Wurde nur im Titel verlesen.
Ebenso ist [der] Referent auch leider nicht in der Lage, über die drei folgenden Abhandlungen nähere Angaben machen zu können. Sie beziehen sich alle auf die vierte Dimension.
- Emilio Scalfaro (Bologna): Spazzio, forme e materia a più dimensioni.
- Arturo Reghini (Italia): II mecanismo della visione e la quarta dimensione.
- Mrs Sarah Corbett (Manchester): Regular four-dimensional hypersolids.
- Dr. Viriato Diaz-Perez (Madrid): El termino «Anitos» (Una clave para la mitologia arcaica filipina). Verfasser behauptet, dass in dem auf den Philippinen gebrauchten Wort «Anitos», das dort Geist oder Gespenst bedeutet, eine uralte Sprach-Wurzel stecke, die als ein Erbstück der untergegangenen Atlantis zu betrachten sei.
- Alfred R. Orage (Leeds): The development of a secondary personality. Der Autor liefert hier einen schr wertvollen Beitrag zur Veranschaulichung bekannter psychischer Erscheinungen wie Aufmerksamkeit, Zerstreutheit, Verstimmtheit und deckt die Verwandtschaft auf, die zwischen dem Prozess des Einschlafens und dem Auftreten einer zweiten Persönlichkeit besteht.
- Samuel van West (Haarlem): Criminality and Karma. [Der] Verfasser weist nach, dass sich aus den Ergebnissen der heutigen kriminalanthropologischen Forschung (Schule Lombrosos) mit Notwendigkeit die Begriffe Karma, Reinkarnation ergeben.
- Dr. Jules Grand (Paris): Le role respectif des differents regnes de la nature en ce qui concerne l’alimentation de I’homme. Eine Verteidigung des Vegetarismus aufgrund der Physiologie der Pflanze, des Tieres und des Menschen.
Sektion E
- Jean Delville (Bruxelles): The mission of art.
- Mrs Margaret Duncan (Manchester): A plea for symbolism in art.
- Mme Amélie André (Paris): Application de quelques enseignements théosophiques à l'art du chant.
- Fidus-Höppener (Berlin): Theosophie und Kunst. Der Einsender dieser Arbeit ist der vielgenannte und bewunderte ehemalige Illustrator der «Sphinx», Fidus, der überhaupt der erste Künstler war, welcher der theosophischen Bewegung seinen Zeichenstift zur Verfügung stellte.
Sektion F
Mrs Ivy Hooper (London): The faith to come. Einsenderin, eine in England hochgeschätzte Dichterin theosophischer Novellen - den Lesern der «Theosophical Review» unter dem Autornamen Michael Wood bekannt -, versteht unter dem kommenden Glauben ein vom heutigen Dogmatismus befreites und von esoterischen Anschauungen durchdrungenes Christentum.
Sektion G
- Annie Besant: Occultism. Die Rednerin schildert hier in großen Zügen den Werdegang des - wie man sich auf Englisch kurz ausdrückt - «would-be occultist», das heißt desjenigen, der ein Okkultist werden möchte. «Durch tiefes Studium und fortgesetzte Kontemplation» — sagte sie - «muss er seine mentalen Kräfte üben, muss er trachten, die Herrschaft über sie zu gewinnen. Ehe er dies Ziel erreicht hat, ist sein Intellekt zu okkulter Forschung nicht zu gebrauchen. Denn er wird umherwandern, indem er dabei seinen Eigentümer mit sich fortreißt, bis er ihn hinunterzieht in einen Zustand der Herabwürdigung, getrieben von dem, was auf ihn anziehend und abstoßend einwirkt und was den wahren Okkultisten doch vollkommen unberührt lassen sollte. Dieser erkennt das Walten des göttlichen Geistes in der ganzen Natur, und nichts vermag ihn abzustoßen. Ehe nun aber die Stufe des wahren Okkultisten erreicht werden kann, muss das Leben geläutert werden. Niemand, der nicht ganz lauter, der nicht ein ganz selbstloses Leben zu führen vermag, sollte wagen, dem Okkultismus nahezutreten; denn jeder Fehler, jede Schwäche, die er besitzt, wird sonst zu neuem Leben angefacht. Alle diese Mängel werden ihn überfallen und ihm überall und bei jeder Gelegenheit Fallgruben bereiten. Und solange er nicht gelernt hat, seine Sinne und Gemütsregungen zu beherrschen, werden die feineren Körper, in denen er zu arbeiten haben wird, weil sie so viel leichter und so viel beweglicher sind als der physische Körper, ihn selbst und die, die ihm nahe stehen, den schrecklichsten Versuchungen und Gefahren aussetzen.» ...
- C. W. Leadbeater: Occultism. Eine von diesem bekannten Theosophen aus Kalifornien eingesandte Darstellung der Eindrücke, die der Astralseher empfängt, wenn bestimmte Kompositionen von Beethoven, Wagner, Schumann usw. vorgetragen werden. Diese Ausführungen Leadbeaters bildeten den Abschluss der Sektions-Sitzungen.
Der Kongress wurde dann Dienstag abends fünf Uhr ebenso würdevoll und feierlich geschlossen, wie er eröffnet worden war. Wiederum Damenchorgesang, hierauf Dankreden der verschiedenen Generalsekretäre, jeder in seiner Landessprache, dann Feststellung des nächstjährigen Kongressortes (London) und Schlusswort von Frau Besant.
Abends acht Uhr fand noch einmal in «de vrije Gemeente» ein öffentlicher Vortrag statt, welchen der holländische Physiker Dr. J.J. Hallo hielt. Er sprach über die menschliche Aura, welche er durch Lichtbilder demonstrierte, die nach Leadbeaters bekanntem Werk hergestellt waren.
Am Mittwoch-Nachmittag trafen sich die Kongressteilnehmer zum gegenseitigen Abschiednehmen in den Räumen des Hauptquartiers.
Ich habe in obigem versucht, in möglichst kurzen Zügen ein ungefähres Bild vom Amsterdamer Kongress zu entwerfen. So lückenhaft auch diese Darstellung ausgefallen sein mag, so wird sie vielleicht doch bei dem einen oder anderen Leser den Eindruck hervorrufen, dass die Behauptung, die der Verfasser dieses Berichts am Eingang aufgestellt hat - die Behauptung, dass die Vertreter der Theosophie in allen Ländern von ihren Kollegen in Holland in Bezug auf Veranstaltung fruchtbringender Kongresse so manches lernen können, doch nicht so ganz unberechtigt war, als sie vielleicht dem Leser auf den ersten Blick erschienen sein dürfte. Fruchtbringend war dieser Kongress insofern, als damit die theosophische Bewegung einen neuen Aspekt, man könnte vielleicht sagen ein neues Gesicht bekommen hat - ein Gesicht, dessen Züge zukünftig manchem anmutender erscheinen dürften, als es bisher der Fall war, sobald einmal die Idee der Schönheit sie jetzt verklärt hat.
Ich möchte aber zum Schluss noch ein Wort anführen, das aus dem Munde von Frau Besant bei ihrer ersten Ansprache geflossen ist, und zwar ein Wort, das vielleicht für die Deutsche Sektion der Theosophical Society eine größere Bedeutung hat als für irgendeine andere Sektion. Es lautete: «Die theosophische Bewegung tritt an die Wissenschaft heran und sagt zu ihr, sie möge ihr Herz weiteren Möglichkeiten erschließen, als sie dies bisher getan hat.»
Gewiss tut dies die theosophische Bewegung. Nur hat sich die Wissenschaft bisher allem Zureden dieser Bewegung gegenüber taub verhalten. Hier das nötige gegenseitige Verständnis anzubahnen, mit anderen Worten, das wünschenswerte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Theosophie herzustellen, in ähnlicher Weise, wie dies auf dem Amsterdamer Kongress die holländische Sektion zwischen Kunst und Theosophie mit Erfolg angestrebt hat, diese Aufgabe wird vielleicht noch einmal der Deutschen Sektion zufallen. Denn in keinem Lande der Welt stellt die Wissenschaft einen so wichtigen, so ausschlaggebenden Kulturfaktor dar als bei uns in Deutschland.