The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 23 October 1904, Berlin
14. Protokoll der Jahresversammlung der Deutschen Theosophischen Gesellschaft (DTG)
Die Jahresversammlung wurde zirka um halb vier Uhr von dem Ersten Vorsitzenden Herrn Dr. Rudolf Steiner eröffnet. Nach Verlesung des Protokolls der vorjährigen Jahresversammlung, gegen das Einwendungen nicht erhoben wurden, nahm Dr. Steiner wieder das Wort, um einen kurzen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres zu werfen. Er führte in kurzer Wiedergabe etwa folgendes aus:
Verlegung der Vorträge von Wilhelmstr. 118 nach dem Architektenhaus. Die Räume sind angenehmer und der theosophischen Sache würdiger. Trotzdem hat eine Erhöhung des Besuches nicht stattgefunden.
Mitgliederabende des Montags: Die Montagszusammenkünfte möchten sich zu rechten Mitgliederabenden ausbilden, bei welchen eine rege Diskussion und richtiges Aussprechen der Mitglieder untereinander stattfinden sollten.
Besuch und Vortrag von Mrs Annie Besant: «Das hierüber Gesagte ist als eine Art Geschäftsbericht aufzufassen, denn der Theosoph kann nicht von Erfolg oder Nichterfolg sprechen, nicht bloß die Vergrößerung der Mitgliederzahl im Auge haben. Das Berliner Publikum hat sich in verschiedener Weise zu dieser bedeutungsvollen Kundgebung verhalten. Nur über ein Faktum möchte ich referieren, das in blitzartiger Beleuchtung zeigen wird, wie man in vielen bedeutungsvollen Stellen Berlins über die theosophische Bewegung denkt. Der Vorsitzende des Giordano-Bruno-Bundes, Herr Wolfgang Kirchbach, hat in seinem den Winter 1904/5 einleitenden Vortrag Stellung gegen Theosophie genommen, die in den Mitteilungen des Bundes mit folgenden Worten gekennzeichnet ist: [Lücke in der Mitschrift]
Diese Worte zeigen so recht deutlich, wie wenig man Theosophie kennt und wie man sich sträubt, sich mit den Lehren derselben zu befassen. Man geht aber wohl nicht irre, wenn man annimmt, dass diese Äußerung fast ausnahmslos die Stellung der Führer kennzeichnet, nicht aber die der Mitglieder.» Sodann berichtete Fräulein von Sivers über die Mitgliederbewegung. Trotz großer Tätigkeit ist die Mitgliederzahl des Zweiges verhältnismäßig wenig gewachsen. Der Berliner Zweig zählte im letzten Jahre 58 Mitglieder. Heute ist die Mitgliederzahl 88, sodass eine Zunahme von 30 Mitgliedern zu verzeichnen ist (14 Damen, 16 Herren).
Hierauf folgte der Kassenbericht durch Fräulein von Rosen. Die Kasse des Zweiges Berlin wies am [Lücke in der Mitschrift] 1903 einen Bestand von 576,67 Mark auf. Der Kassenbestand am 20. Oktober 1904 beträgt 653 Mark, mithin 76,33 Mark mehr.
Die Einnahmen bestehen aus:
Kassenbestand 1903: 576,67 Mark
Mitgliederbeiträgen: 626,45 Mark
[Lücke in der Mitschrift): 691,56 Mark
Summe: 1894,68 Mark Die Ausgaben betragen 1241,68 Mark
Mithin Kassenbestand 20. Oktober 1904: 653 Mark.
Die Bibliothekskasse hatte im vorigen Jahre einen Kassenbestand von Mark ...
eingegangen sind an Leihgebühren Mark ...
eingegangen sind an Abonnements Mark ...
zusammen
[Zahlen fehlen in der Mitschrift] Ausgegeben wurden: 1. für Miete des Zimmers 300 Mark
2. Bücheranschaffungen 218,66 Mark
[zusammen also Mark 518,66]
Daher in diesem Jahre eine Unterbilanz von 124,15 Mark.
Zu bemerken ist dabei, dass die Miete bis Mai 1905 bezahlt ist, bei deren Abrechnung per 1. Oktober der Fehlbetrag nur 24,14 Mark wäre.
Abrechnung über den Vortrag von Mrs Annie Besant. Als Fräulein von Sivers die Abrechnung geben wollte, bemerkt der Vorsitzende Dr. Steiner, dass dies Sektions-Angelegenheit sei, weil Mrs Annie Besant den Ertrag zugunsten der Sektions-Kasse gestiftet habe.
Damit waren die Berichte zu Ende.
Auf die Frage Dr. Steiners, ob Bemerkungen zu den Berichten zu machen oder Fragen zu stellen seien, erbat das Wort Herr Krojanker und stellte bezüglich der Bibliothek die Frage: «Wem gehört die Bibliothek? Dem Zweig Berlin, der Deutschen Sektion oder wem sonst?» Worauf Herr Dr. Steiner antwortete: «Die Bibliothek ist eine Sache für sich und wurde seinerzeit als eine Art Annex zur «Deutschen Theosophischen Gesellschaft» gegründet. Dann ist aus freiwilligen Stiftungen und aus den Überschüssen aus einem Vortrag von Emanuel Reicher ein Bibliotheksfonds gebildet und gleichzeitig die Bibliothek der DTG emanzipiert worden. Aufsicht, Verwaltung und Eigentumsrecht sei einem Komitee übertragen. Der Berliner Zweig hat durch die Bibliothek weder Einkünfte zu verzeichnen noch Lasten zu tragen. Die Bibliothek wurde uns im Privatwege übergeben. Ich hätte schon Ordnung in die Sache gebracht, aber es war mir nicht möglich, einen Weg zu finden und eine Behörde ‚oder Stelle, mit der ich mich auseinandersetzen kann.»
Julius Engel ergänzte diesen Bericht noch wie folgt: «Ursprünglich gehörte die Bibliothek der DTG; dann kam Emanuel Reicher, aus dessen Vortrag der Bibliothek ein großer Betrag zufloss. Da Reicher der theosophischen Bewegung nicht beitreten wollte und zugunsten der Bibliothek unter dem Namen einer theosophischen Bibliothek keine Vorträge halten wolle, so wurde der Name der Bibliothek in: «Bibliothek für vergleichende Religionswissenschafb abgeändert und das Eigentumsrecht und die Verwaltung einer Kommission übertragen, welche damals aus Graf und Gräfin Brockdorff, Krecke, Reicher, Hübbe-Schleiden bestand.»
Fräulein Motzkus bemerkte noch, dass das Zimmer für die Bibliothek gemietet worden sei, um ein eigenes Heim zu haben. Fräulein von Sivers erwiderte: «Ja, wenn wir ein eigenes Hauptquartier haben, so ließe sich das machen, nicht aber, wenn wir uns in Privaträumen befinden.»
Schließlich einigte sich die Versammlung dahin, zur Prüfung der Sachlage und Dokumente eine Kommission zu ernennen, nach deren Bericht dann weitere Schritte unternommen werden sollen.
In diese Prüfungskommission wurden gewählt: Herr Krojanker, Herr Engel, Herr [Quaas.
Des Weiteren stellte Herr Krojanker den Antrag: Herrn Dr. Rudolf Steiner für die im verflossenen Jahre (1903) gehaltenen Vorträge einen Betrag von 300 Mark auszusetzen. Nachdem Dr. Steiner den Vorsitz an den zweiten Vorsitzenden, Fräulein von Sivers, abgetreten hatte, da es sich um eine persönliche Sache für ihn handelte, ergriff er das Wort, um zu diesem Antrage Folgendes zu sprechen: «Es würde mehr im Sinne theosophischer Denkweise gehandelt sein, wenn Sie den Betrag nicht als Honorar für Vorträge, sondern vielleicht zu dem Zwecke zur Verfügung stellten, eine wirksamere Propaganda für Theosophie machen zu können, sodass ich, wenn manchmal etwas getan werden sollte, 40 bis 50 Mark zur Verfügung habe, ohne mir dafür besondere Indemnität geben lassen zu müssen. Außerdem habe ich auch prinzipielle Bedenken. Es ist allgemein Usus in der Theosophischen Gesellschaft, dass die hauptsächlichsten Beamten, ganz besonders aber diejenigen, welche für den Inhalt der Bewegung tätig sind (Redner, Generalsekretäre) nicht eigentlich von der Gesellschaft oder den Zweigen honoriert werden. Aus diesen Gründen kann ich eine Honorierung der Vorträge nicht annehmen.»
Hlerr] Werner: «Von unserer Gesellschaft weiß man wenig, es müsste eine viel umfangreichere Propaganda betrieben werden. Wenn Sie dem Vorsitzenden nur mit gutem Rate entgegenkommen wollen, so ist das kleinlich. Die Tätigkeit des Herrn Doktor Steiner ist überhaupt nicht zu besolden. [unleserlich] Sie dürfen ihm die Flügel in keiner Weise beschneiden, und deshalb beantrage ich, dem Vorsitzenden freie Hand zu lassen in Bezug auf Propaganda und Kassensachen.»
Herr Krojanker antwortete, dass hier eine irrige Auffassung vorliege. Es wolle niemand Dr. Steiner Fesseln anlegen, sondern ihn lediglich von der Last untergeordneter Arbeit möglichst befreien und ihm eine freiere Disposition über beschränkte Geldbeträge ermöglichen.
Wahlen:
Vorstand: Anstelle des bisherigen Schatzmeisters, Fräulein von Rosen, wird Herr Kiem einstimmig in den Vorstand gewählt; anstelle des erkrankten Baron von Reisner Fräulein Schwiebs als Vertrauensperson.
Exekutiv-Komitee: Anstelle von Baron von Reisner Fräulein Frölich. Vorsitzender und Schriftführer sind vom Komitee selbst zu wählen. Herr Krojanker wird die erste Versammlung einberufen.
Revisoren: Als Revisoren wurden ernannt: Herr Rechnungsrat Tessmar und Herr Georgi. Als Delegierte zur Generalversammlung der Deutschen Sektion wurden gewählt die Herren Kiem, Krojanker und Seiler, wozu noch der Erste Vorsitzende Dr. Steiner und der Zweite Vorsitzende Fräulein von Sivers kommen.
Bücherverkauf: Es erklärten sich zur Beihilfe bereit die Damen: Frölich, Mücke, [Voigt].
Antrag für Generalversammlung der Sektion:
Da Frau von Holten ihr Amt als Schatzmeister niedergelegt hat, so muss ein neuer Kassier gewählt werden. Der Zweig Berlin schlägt vor: Fräulein von Sivers als Kassenstelle, Herrn Seiler zur Führung der Bücher.
Dr. Steiner nahm dann nochmals das Wort, um seinen Standpunkt eingehender zu begründen: «Die Theosophische Gesellschaft ist», so fährt er weiter fort, «in Bezug auf solche Dinge nicht in derselben Lage wie irgendeine andere Gesellschaft. Eine andere Gesellschaft würde den Antrag Krojanker annehmen können. Bei der Theosophischen Gesellschaft ist aber notwendig, das Folgende festzuhalten: Wir haben es mit zwei verschiedenen Dingen zu tun; wir haben zu unterscheiden zwischen der Theosophischen Gesellschaft und der okkulten Bewegung, der wir angehören. Für mich ist das Verhältnis so, dass ich einerseits dem Berliner Zweig der Theosophischen Gesellschaft angehöre, für Mitglieder des Berliner Zweiges rede, andererseits aber in allen Maßnahmen in einer okkulten Bewegung stehe und als Okkultist rede. Es gibt da keine Möglichkeit, irgendwie über dasjenige im Voraus Bestimmungen von Vereins wegen zu treffen, was ich an dieser Stelle tue.
Die Theosophische Gesellschaft lässt sich nicht ohne Weiteres verquicken mit der okkulten Bewegung. Es könnte der Fall eintreten, dass die Gesellschaft einen Vortragszyklus beschließt, den ich als Okkultist aus irgendwelchen Gründen, die oft nicht einmal zu sagen sind, nicht halten kann. Es ist zwar bei den Beziehungen der Theosophischen Gesellschaft zu der ihr zugrunde liegenden okkulten Bewegung nicht wahrscheinlich, dass Hindernisse eintreten, aber es ist dieser Umstand doch stets zu berücksichtigen. Andererseits ist es aber auch erwünscht, dass die Mitglieder des Berliner Zweiges sich propagandistisch betätigen.»
Herr Werner bittet, über seinen Antrag zuerst abstimmen zu lassen, da er der weitergehende sei. Derselbe lautet: Dem Vorstand respektive Herrn Dr. Steiner vollkommene Verfügungsfreiheit einzuräumen. Die Versammlung betrachtet indessen den Antrag Krojanker als den weitergehenden und nimmt denselben ohne weiteren Widerspruch an. Der Wortlaut war: Herrn Dr. Steiner außer der Verfügungsfreiheit noch 300 Mark zur freien persönlichen Verfügung zu übergeben.
Vorträge:
Krojanker: «Es ist notwendig zu unterscheiden, welche Vorträge für den Zweig Berlin gehalten werden und welche von Herrn Doktor Steiner selbst veranstaltet werden. Nur die Ersteren können hier in Betracht kommen. Wenn die Resultate nicht sehr günstige waren, so liegt das wohl in der Hauptsache daran, dass das Arrangement nicht sehr glücklich gehandhabt wurde. Es scheint mir besser, dass dem Berliner Zweig in dieser Beziehung mehr Selbstverwaltung eingeräumt wird, das heißt bei Arrangements zu Vorträgen der Vorstand respektive das Exekutiv-Komitee herangezogen werden, die dann die Propaganda für die Vorträge durchführen. Eintrittskarten könnten umgesetzt sein, lange bevor die Sache losgeht; es könnte beim Vertrieb der Karten geschäftsmäßiger verfahren werden. Dann würde man nicht mehr so sehr davon abhängig sein, wie viele von der Straße zufällig heraufkommen. Die einzelnen Maßnahmen sollten von dem Vorstand respektive Exekutiv-Komitee vorher beraten und beschlossen werden, um dann mithilfe aller zur Verfügung stehenden Kräfte die Propaganda zu betreiben. Die Mitglieder müssten sich dann mit Karten versehen und sie unterzubringen suchen.»
Private Studien-Zirkel:
Dr. Steiner ist durchaus damit einverstanden, dass sich unter den Mitgliedern Gruppen und Studienkurse bilden, an denen dann manchmal erfahrenere Theosophen teilnehmen können.
Kongress:
Fräulein von Sivers macht darauf aufmerksam, dass eventuell der Allgemeine theosophische Kongress nach Berlin verlegt werden könnte, dass dann viel Geld nötig sei und es vielleicht gut wäre, rechtzeitig mit einer Kollekte anzufangen.
Dr. Steiner erwiderte: «Solange wir noch nicht 700 Mitglieder haben, können wir den Kongress nicht übernehmen. Außerdem muss es dann auch ein theosophischer Kongress sein. Es darf infolge der Darbietungen den Teilnehmern kein Mühlrad im Kopf herumgehen; es muss eine Form gefunden werden, die solchen Missstand nicht enthält.»
Anwesend waren zirka 50 Personen, darunter Herr Julius Engel als Gast. Schluss der Sitzung: halb sieben Uhr.