The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 5 February 1905, Berlin

20. Protokoll Zur Ausserordentlichen Generalversammlung Der Deutschen Theosophischen Gesellschaft (DTG)

Dr. Steiner: «Die reifliche Verfolgung der Linien, auf denen wir uns bewegten, zeigte mir doch, dass es notwendig ist, einiges zur Klärung der damals angeregten Dinge beizutragen. Deshalb habe ich Sie gebeten, zu dieser Generalversammlung zu erscheinen. Ich möchte dabei von vornherein betonen, dass es sich nicht darum wird handeln können, irgendwie die Schritte, zu welchen sich drei Mitglieder des Vorstandes bewogen gefühlt haben, in dem Sinne zu deuten, dass sie auch nur im Entferntesten gegen irgendjemand gerichtet sein könnten. Es handelt sich darum, durch eine völlige Klärung der Situation die Klärung herbeizuführen, welche auf eine andere Weise nicht bewirkt werden kann. Um das völlig klarzumachen, muss ich noch mit ein paar Worten auf das Wesentliche, auf die Geschichte der theosophischen Bewegung seit der Begründung der Deutschen Sektion zurückgreifen, namentlich insofern, als es sich um Vorstandsmitglieder handelt, welche vor allen Dingen darum in Betracht kommen.

Als damals die Deutsche Sektion begründet werden sollte, waren die Leiter der theosophischen Bewegung, insofern sie der Adyar-Gesellschaft angehörten, zu veranlassen, die Führung in andere Hände übergehen zu lassen. Die Persönlichkeiten, um die es sich gehandelt hat bei der Fortführung der theosophischen Arbeit, waren Fräulein von Sivers und ich. Ich selbst war noch wenige Monate bevor ich dazu berufen wurde, nicht nur [für] die Berliner Gruppe, sondern als Generalsekretär der Deutschen Sektion meinen Beitrag für die ganze Bewegung der Theosophischen Gesellschaft zu leisten, noch nicht so weit, in die Theosophische Gesellschaft einzutreten. Ich habe zwar zwei Winter hindurch, gerade im Berliner Zweig, bereits Vorträge gehalten. Zwei Kurse, die gedruckt worden sind, sodass ich in gewisser Beziehung mit der Theosophischen Gesellschaft in Berlin verknüpft bin, verknüpft bin lediglich persönlich.

Als Graf und Gräfin von Brockdorff Berlin verließen, war ich schon einige Monate Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, und als andere Maßnahmen scheiterten, kam man dazu, mich als Generalsekretär zu designieren. Ich habe damals der Aufforderung ein «Nein» nicht entgegengesetzt. Ich hatte damals kein Verdienst um die Theosophische Gesellschaft.

Berlin betrachtete man als eine Art von Zentrum in Deutschland. Berlin sollte eine Art Muttergesellschaft werden. Darauf baute sich auf die Deutsche Theosophische Gesellschaft (DTG). Es handelte sich darum, von Berlin aus die Gesellschaft zu führen. Damals haben sich Graf und Gräfin Brockdorff alle erdenkliche Mühe gegeben, Fräulein von Sivers, die in Bologna war, für ihre Berliner Loge zu gewinnen. Es lag ihr ziemlich fern, auch noch nachdem ihr die Anträge gemacht worden waren, darauf einzugehen. Erst als die Leiter der Theosophischen Gesellschaft es für notwendig hielten, hat sich Fräulein von Sivers entschlossen, sich nach Berlin zu begeben und unter den damals möglichen Verhältnissen die theosophische Bewegung mit mir zu führen.

Wir haben uns absolut konservativ in die Verhältnisse hineingefügt. Die Verhältnisse erforderten es selbstverständlich, dass wir die Initiative der deutschen Bewegung überhaupt in die Hand nahmen und die Intentionen in einer richtigen Weise zur Realisation zu bringen versuchten. Die Verhältnisse in Deutschland waren so gewesen, dass es ohne Initiative in sachlicher Beziehung damals überhaupt nicht gegangen wäre. Zu dieser sachlichen theosophischen Arbeit kamen noch manche andere Dinge, so zum Beispiel die Führung der Bibliothek, welche in einer losen Verbindung mit der Deutschen Theosophischen Gesellschaft, also dem späteren Berliner Zweig der Theosophischen Gesellschaft, war. Diese Führung der Bibliothek erforderte zunächst selbstverständlich doch eine gewisse Arbeit, die zwischen den Stunden geleistet werden musste. Die eigentliche theosophische Arbeit konnte nur in den freien Pausen verrichtet werden. Ich selbst konnte mich höchstens in beratender Weise dieser Bibliotheks-Angelegenheit widmen. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Außerdem hatte ich zwei Jahre hindurch die Art und Weise, wie der Zweig geführt worden war, studieren können, und ich hatte nicht vor, in der äußeren Verwaltung eine irgendwie geartete Änderung eintreten zu lassen. Was sachlich gegeben war, sollte erhalten werden.

Es war unser Bestreben, den Rahmen zu benützen und das, was wir zu geben haben, hineinzuwerfen in den Rahmen der theosophischen Bewegung. Das war unser Bestreben. Die Grundvoraussetzung dafür, dass Fräulein von Sivers die Leitung der verschiedenen Agentien der Theosophischen Gesellschaft in Berlin übernehmen konnte, war ja, dass ein völliges Vertrauen herrschte. In dem sachlichen Teil der theosophischen Bewegung ist ohne dieses Vertrauen überhaupt nichts zu machen. Das Vertrauen in den sachlichen Teil der Bewegung selbst ist notwendig. Die Verwaltung ist eine Art Anhängsel. Da wir uns auf keine besonderen Pedanterien einlassen konnten, war es natürlich, dass wir darauf rechneten, dass [in Bezug auf] das, was Grundvoraussetzung des Zusammenwirkens auf theosophischem Gebiete ist, völliges Vertrauen bei uns herrsche. Dieses Vertrauen ist, wie es scheint, nicht in dem Maße entgegengebracht worden, wie wir es zu einer ruhigen und objektiven Führung der Geschäfte brauchen würden. Wir machen nur noch den Schlusspunkt, indem wir die Versammlung vor vierzehn Tagen damit in Zusammenhang bringen und sie damit kontrastieren. Diese Versammlung hat sich auf Dinge aufgebaut, die sogar als Klatsch bezeichnet worden sind; sie sind auf öffentliche Erscheinungen aufgebaut worden. Alles soll öffentlich verhandelt werden. Dass Unzufriedenheiten vorhanden sind, wurde in der Versammlung zugegeben und der Ausdruck einer Missstimmung ist allein schon genügend, um einen solchen Schritt herbeizuführen, wie er heute vollzogen werden soll. Ich bin - lassen Sie sich das als eine absolut wahre Interpretation gelten -, ich bin, nicht nur, weil das jeder Okkultist ist, sondern aus noch viel esoterischeren Grundsätzen heraus, Gegner jeder Aggression. Jede Aggression hindert die Tätigkeit, die ich zu entfalten vermöchte. Fassen Sie diesen Schritt auf als etwas, was lediglich hervorgeht, aus dem Grundsatze, nicht aggressiv vorzugehen. Jeder muss sich so verhalten, dass die Wünsche aller absolut zum Ausdruck kommen können. Jeder muss seine persönlichen Wünsche so unterdrücken, dass unsere Arbeit vor sich gehen kann. Es kann sonst der Berliner Zweig nicht verwaltet werden, wie es gewünscht wird. Das ist es, was ich herbeiführen möchte. Wenn sich da Anschauungen gegenüberstehen, ist es unmöglich zusammenzuarbeiten.

Wenn wir in einer solchen Weise arbeiten, wie es von verschiedenen Seiten gewünscht wird, so ist es meiner Meinung nach so, dass wir die theosophische Bewegung verflachen würden, wir würden sie auf das Niveau eines Klubs herabdrücken.

Die Worte, die in der letzten Versammlung gefallen sind, müssen schon gehört werden, die Worte: dass ich mich in diametralem Gegensatz befinde zu denen, die ein klubmäßiges Zusammenleben wünschen. Ich beabsichtige, niemanden anzugreifen. Ich kann nur nicht dabei sein. Wer das richtig erwägt, der wird sagen müssen, dass das die Abwesenheit jeder Aggressivität ist. Auf diesen Ton möchte ich die Sache stimmen. Das ist das, was ich betont habe bei der Generalversammlung, die im Oktober stattfand, wo ich betont habe, dass ich mich solcher Form nicht füge, dass ich mich in eine klubmäßige Gesellschaft nicht fügen kann. Diejenigen, welche wünschen, dass der Berliner Zweig anders verwaltet wird, sodass die Mitglieder in anderer Weise miteinander verkehren, müssen dementsprechend handeln. Für sie ist es notwendig, dass sie die Angelegenheit in die Hand nehmen und für sich durchführen, sodass es selbstverständlich erscheint, dass niemand etwas dagegen haben kann, wenn ihre Wünsche in der erwähnten Weise erfüllt werden. Ich konnte diese Wünsche nicht erfüllen. Wünsche habe ich immer zu befriedigen gesucht, so gut ich konnte. Damit der ruhige Fortgang der Entwicklung der Theosophischen Gesellschaft möglich ist, muss ich diesen Schritt tun. Ich habe die Aufgabe, die Kontinuität der Bewegung in Deutschland zu wahren. Es ist mir klar, dass nur auf okkulter Basis - bei unseren verworrenen Verhältnissen in der Welt - diese Bewegung weitergebracht werden kann. Eine Bewegung auf sozialer Grundlage braucht nicht Theosophie zu sein, deren Leute können schon ideale Bestrebungen haben und sich lieb gewinnen, und das braucht nicht Theosophie zu sein. Wir brauchen aber eine theosophische Bewegung, und deshalb kann ich bei einer klubmäßigen Führung nicht Führer sein. Fassen Sie es so auf, dass ich selbst verpflichtet bin, die ganze Tiefe der theosophischen Bewegung, die auf Okkultismus aufgebaut ist, dahin zu bringen. Nur derjenige ist heute wirklich berufen, innerhalb der Theosophischen Gesellschaft tätig mitzuwirken, der nach dem aristotelischen Grundsatze lebt: Wer Wahrheit sucht, darf keine Meinung achten.

Vielleicht könnte es mir auch lieb sein, in einer anderen Weise zu wirken. Aber hier handelt es sich um eine Pflicht, und deshalb werde ich diesen Schritt vollziehen, weil ich diese Verpflichtung habe, die theosophische Bewegung auf einer wirklich tieferen Grundlage aufzubauen, und bei dem Aufbau wird jeder Versuch, die Gesellschaft in klubmäßiger Weise zu führen, eine Verflachung herbeiführen. Niemand kann besser einsehen, dass solche Dinge für manche notwendig sind, und gegenüber niemandem soll das Verhältnis zu mir sich ändern. Jeder wird bei mir jederzeit willkommen sein. Die Geschäfte werden von mir, soweit sie sich auf das Sachliche der Theosophie beziehen, in derselben Weise fortgeführt werden, sodass in Zukunft alles so gefunden werden kann, wie es gefunden worden ist. Aber gerade deshalb muss ich mich zurückziehen.

Die Konsequenz ist natürlich in den Linien gelegen, die ich ausgeführt habe. Es kann und darf nicht von mir die theosophische Bewegung an irgendeinem Orte aus dem Auge verloren werden. Deshalb habe ich diejenigen Mitglieder unserer theosophischen Sozietät - alle übrigen Gliederungen sind sekundärer Natur -, einzelne Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft, gebeten, mit mir eine Sitzung abzuhalten und sie gefragt, ob sie mit mir zugleich bereit sein werden, die theosophische Bewegung in der Weise fortzuführen, wie ich sie geführt habe, gegen welche eine Missstimmung aufgetreten und Unzufriedenheit ausgesprochen, worden ist. Das musste so sein, weil ich die Kontinuität fortführen muss. Ich will nur anführen den Fall, den ich in München habe. Da gibt es eine streng geschlossene Loge, die nur diejenigen aufnimmt, welche der Gesamtheit entsprechen. Wir werden aber jetzt eine zweite Loge haben, in der alle anderen aufgenommen werden können. Ich habe mich da bemüht, aufmerksam zu machen auf das, was die Bedingungen der Logenarbeit sind, die zum täglichen Brot einer Loge gehören. Ich will auch demnächst eine Besant-Loge gründen, für deren Name ich Annie Besant demnächst um Erlaubnis bitten werde. Daneben wird völlig freie Tätigkeit sein, von der niemand im Entferntesten ausgeschlossen sein kann. Das ist das, was vorliegt als das Motiv und als dessen Konsequenz: der Zurücktritt.»

(Es folgt die Aufzählung einer Reihe von Mitgliedern.)

Krojanker: «Nach diesen Ausführungen von Herrn Doktor Steiner werden diejenigen, welche in der letzten Sitzung nicht zugegen sein konnten, ein Bild bekommen haben von dem, wodurch eigentlich die Missstimmungen hervorgebracht worden sind, und auch davon, in welchen Linien sich die Sache bewegt, dass drei Vorstandsmitglieder zu diesem erwähnten Schritte sich bewegt fühlten. Es muss schon rumort haben, lange bevor die Beteiligten etwas davon gewusst haben. Seitdem ich etwas weiß von diesen Dingen, war es für mich unmöglich, darüber hinwegzukommen. Es war für mich zunächst unmöglich einzusehen, dass diese Dinge die Herrschaften zu diesem Schluss treiben konnten. Was war es nun eigentlich? Zum Ausgangspunkt für mich wurde einfach der Entschluss von Frau Stadtrat Eberty und Fräulein Schwiebs, welche sich vorgenommen hatten, die Mitglieder zu freien Aussprachen in zwangloser Weise bei sich zu sehen. Dass daraus solche Schlüsse gezogen werden können, war ja nicht vorauszuschen. Die Anregung ist von Fräulein von Sivers ausgegangen; gegenseitig sich näherzutreten, sollte bei den Mitgliedern angeregt werden, und es sollte das Gefühl nicht aufkommen, dass man sich nicht recht zu Hause fühlt, sodass alles nach dem Vortrage gleich nach Hause stürzt. Aber selbst bei Fräulein von Sivers war das in gewisser Weise zu bemerken. Solange wir kein Hauptquartier hatten, musste sie sich eben in anderer Weise helfen, Freunde besuchen und mit ihnen sprechen. Das sind Dinge, die rein persönlicher und privater Natur waren, von denen ich in der vorigen Sitzung gewünscht hatte, dass sie uns nicht berühren. Von diesen Dingen habe ich auch heute noch dieselbe Meinung, die Meinung, dass sie nicht berührt werden dürfen. Der Zweig war bei dem höflichen Ehepaar, das uns eingeladen hatte, [noch] nicht vorhanden. Zu unterscheiden ist da zwischen Vereinsarbeit, Vereinsmeierei und theosophischer Arbeit. Es werden aber doch nicht umsonst Komitees gebildet und Komitees gewählt, nicht Vorstandsmitglieder gewählt, damit diese sich nicht um die Vereinsleitung kümmern. Sie sind gewählt und werden dann auch eine Berechtigung haben, über geschäftliche Dinge sprechen zu können, um sich dann auch einmal ein Urteil zu erlauben. Wenn eine selbstherrliche Verwaltung [...] gewünscht wird, dann wären ja auch Statuten und so weiter nicht notwendig. Hätte Doktor Steiner dazumal gesagt: Wir müssen abschen von einer solchen Form, hätte er gezeigt oder gesagt, nur unter den und den Bedingungen ist es mir möglich zu arbeiten und mitzuwirken, dann hätten sich die Sachen sofort und ganz natürlich ergeben. Diejenigen, denen es gefallen hätte, würden mitgegangen sein, und die übrigen wären draußen geblieben. Ich verstehe nicht, warum man einen ganzen geschäftlichen Apparat gründet und es übelnimmt, wenn man als Mitglied eines Zweiges, wie ich, sich auch dafür interessiert. Ich meine, dann wird es einem nicht als Verbrechen angerechnet werden können, wenn man sich einmal nach diesen Dingen erkundigt. Ich möchte die Einrichtung von Wunschzetteln empfehlen. Ich muss Protest erheben dagegen, dass wir aggressiv sind. Wir haben zwei Jahre Doktor Steiner gehört, um zu wissen, was Theosophie ist, und was zum theosophischen Leben gehört. Es hätten sich sicher andere Wege finden können, um die Auseinandersetzungen in andere Bahnen zu lenken. Da es nun aber so weit ist, müssen die Konsequenzen unter allen Umständen gezogen werden. Ich stelle sie mir so vor - ich weiß zwar nicht, ob ich richtig verstanden habe -, dass dieser Zweig Berlin als Fortsetzung des Zweiges Berlin der Deutschen Theosophischen Gesellschaft weiter existiert, und dass nun die drei Vorstandsmitglieder und die anderen Herrschaften, die Doktor Steiner verlesen hat, eine neue Loge gründen.

Um diesen Schritt durchzuführen, wird es doch wohl noch weiterer Verhandlungen und Beratungen bedürfen. Es wird sich da zunächst noch darum handeln müssen, einen Vorstand für jetzt zu wählen, denn gegenwärtig ist der Berliner Zweig ohne Vorstand und ohne Leitung. Man wird also ein provisorisches Komitee bilden müssen, um zu beraten, in welcher Weise das zu geschehen hat. Ich möchte Ihnen anheimstellen, nach dieser Richtung hin Anträge zu stellen. Wir jedenfalls bedauern unendlich die Art und Weise, in der die Sache bis jetzt erledigt worden ist. Es liegt in der Tat, wenn Doktor Steiner immer von Missstimmung und Seelenströmungen spricht, nichts vor, als was ich weiß und vielleicht einige persönliche Dinge, die nie zur Sache des Berliner Zweiges gemacht werden dürfen.»

Dr. Steiner: «Ich selbst hatte guten Grund, das Persönliche zu berücksichtigen. Bei der Generalversammlung wurden auf Antrag 300 Mark für meine vorjährige Tätigkeit bewilligt. Ich habe dazumal schon Bedenken geltend gemacht, aber mich außerdem bald danach gezwungen gesehen, diese 300 Mark wegen der herrschenden Stimmung wieder in die Kasse zurückzulegen, weil ich nicht hätte arbeiten wollen auf der Grundlage von Missstimmungen. Sie sehen, dass ich lange genug geschwiegen habe. ‚Auch diese Sache wollte ich einfach unter der Hand vorübergehen lassen, um die Sache durch positive Arbeit zu überbrücken. Das ist auf die Dauer sus gutem Grunde nicht gegangen. Wir haben hier selbstverständlich nicht über private Dinge zu verhandeln, Auch das Gespräch über das berufliche Leben ist durchaus nicht am Platze. Ich habe gesagt, dass von mir aus das, was verlangt worden ist, in weitgchendem Maße befriedigt wurde. Es war der Wunsch aufgetreten, dass wir noch woanders als hier oder im Architektenhaus Vorträge haben sollten, und ich habe eingewilligt, auch in der Wilhelmstraße 118 Vorträge zu halten. Nun aber müssen wir doch gerade an eine solche Sache einige Bemerkungen knüpfen. Die Dinge sind nicht so grob, wie es zunächst scheinen mag, sondern sie hängen feiner zusammen. Ich bin dazumal ohne Weiteres auf die Erfüllung dieses Wunsches eingegangen, und im Verfolge dieser Sache habe ich gebeten, ein Exekutiv-Komitee zu bilden. Nicht träumen lassen habe ich mir, was daraus geworden ist. Wir haben noch keinen Zweig im Norden, im Süden und im Osten. Das war von mir in Aussicht genommen, nicht nur im Westen, sondern in allen Teilen der Stadt zu arbeiten. Wenn im Berliner Zweig ein Exekutiv-Komitee gebildet wurde, so war das so gedacht, dass dieses Komitee die wirkliche Agitation in die Hand zu nehmen hat. Nie ist jemand hier verwehrt worden, sich um die geschäftlichen Sachen zu kümmern, aber die Auffassung ist die, dass jeder, der etwas tun will, sich den Platz zu schaffen hat. Niemand konnte von uns etwas verlangen. Wenn man mit positiven Vorschlägen gekommen wäre, so würden wir darauf eingegangen sein. Wenn nun aber gesagt wird, dass unsere Tätigkeit nicht angegriffen worden sei, so sage ich darauf, dass in dieser Woche erst ich schriftlich den Vorwurf erhalten habe, dass wir die Bibliothek in einer solchen Weise verwalten, dass man demgegenüber mit dem Gericht drohen kann. Wir können uns keine versteckten Vorwürfe machen lassen. Auch die Bibliothek werden wir abgeben. Wenn ich diese Dinge vorgebracht habe, so können Sie annehmen, dass sie auf der denkbar festesten Grundlage ruhen. Die Statuten und so weiter hätten eingehalten werden können bei gutem Willen. Wenn man über Geschäfte spricht, so müssen sie praktisch sein. Was damals gemacht worden ist war unpraktisch. Dreimal habe ich in verhältnismäßig schönen Sälen gesprochen, dann aber in einem Saal, der als Stall bezeichnet worden ist, und zuletzt in einem Raum, wo das Sprechen fast unmöglich war. Ich musste sprechen, wo hinter mir Glaser klopften und so weiter. Das war keine Atmosphäre für Theosophie. Ich musste daran denken, die Sache in einer praktischen Weise vorzunehmen. Dies lag zu Grunde meinem Entschluss, die Vorträge im Architektenhaus abzuhalten. Solche Maßregeln waren zugunsten des Berliner Zweiges. Trotzdem wurde mir entgegengehalten: Diese Vorträge sind solche, die wir besuchen können oder nicht besuchen können. - Also Sie sehen, dass das ein stummes Diskompliment ist. Es ist nichts getan worden, gerade weil die andere Auffassung über geschäftliche Sachen, über Statuten und Komitee, die Möglichkeit gab, einmal zu probieren, wie das geht. Ein Brief von einem Theosophen lautet: «Ich möchte haben, dass der Berliner Zweig einmal flott arbeitet. Am meisten würde es mich freuen, wenn er in günstiger Weise wirken würde.» Dann aber ist auch ein Wunschzettel ausgearbeitet worden, denken Sie - auf dem Wunschzettel stand: «Der Vorsitzende hat eine halbe Stunde vor Beginn da zu sein» - Das hat den Schritt so geartet gemacht.» Frau Eberty: «Finden Sie diese Zersplitterung nicht sehr traurig?»

Dr. Steiner: «Ich habe den Dingen entgegengearbeitet. Ob eine Zersplitterung daraus kommen wird, das wird sich zeigen. Wenn die Mitglieder des Berliner Zweiges verstehen werden, theosophisch zu handeln, so wird nicht im Geringsten eine Zersplitterung eintreten brauchen. Von einer Zersplitterung braucht nicht die Rede zu sein, ich werde nichts tun, um sie zu fördern.»

Frau Eberty: «Wenn sie etwas gegen die Zusammenkünfte gehabt hätten, so wäre nichts nötig gewesen, als zu sagen: Es sind Gründe da, weshalb die Zusammenkünfte nicht stattfinden können. Wir haben die besten Absichten damit gehabt. Wir haben es nur getan, um der Sache der Theosophie zu dienen. Uns ist nicht im Entferntesten der Gedanke gekommen, dass das gegen Ihre Absichten sei, auch nicht als [es] vor acht Tagen auf der Tagesordnung stand, und darin manches darauf hindeutete, es könnte unser Nachmittag damit gemeint sein.»

Dr. Steiner: «Wenn die Form wegfällt, ist nichts gegen die privaten Zusammenkünfte einzuwenden. Was ist auf meinen Wunsch geschehen? Dass die Tees bei Fräulein von Sivers abgeschafft worden sind, weil ich in einer solchen Art von Tee-Zusammenkünften keinen Segen für die Theosophie geschen habe. Es war mir schwer, dass die Gräfin Brockdorff es übel genommen hat. Aber trotzdem habe ich es eben gesagt. Wir selbst würden die Sache nicht anders führen können.»

Krojanker: «Es scheint das Exekutiv-Komitee der Sündenbock werden zu müssen. Wenn man im Exekutiv-Komitee sitzt, so ist eine ersprießliche Arbeit doch nur möglich, wenn man über die ganze Geschäftslage orientiert ist. Wenn Sie nun keinen Einblick haben und keine Gelegenheit finden, einen Einblick zu nehmen, wofür wollen Sie dann Vorschläge machen? Das Exekutiv-Komitee benötigt diese Kenntnis, weil es dem Vorstande Mitteilung machen muss. Es fehlen mir immer mehr und mehr die greifbaren Unterlagen, welche die Veranlassung gegeben haben zu diesen Dingen.

Nun kommt die Bibliotheks-Frage. Es kam zur Bildung einer Bibliotheks-Kommission. Warum die Mitglieder des Zweiges dafür verantwortlich gemacht werden sollen, ist nicht recht verständlich.»

Herr Werner: «Doktor Steiner ist ein Berufener von höherer Stelle. Jetzt ist es schwer, das, was nötig ist, an uns heranzubringen, um uns zu vervollkommnen. Wenn Sie jetzt an ihn herantreten mit Forderungen und Fragen, wie zum Beispiel: «Wo haben Sie das Geld gelassen, das Sie mit Ihren Vorträgen zusammengebracht haben? Geben Sie uns Aufschluss darüber, was Sie aus diesen Vorträgen herausgeschunden haben! Geben Sie uns Aufschluss darüber, wo diese Gelder geblieben sind. Wenn Sie sagen: Hier disponieren wir, denn wir haben vollständig freie Hand zu sagen: Was haben Sie zu vollziehen», dann ist das nicht der Weg zu einer harmonischen Zusammenarbeit. Ich meine, wenn man erst von jemand Lehren und Belehrungen entgegennimmt, dann dürfen die Forderungen und Fragen nicht so weit gehen, dass sie im Einzelnen nicht zu ertragen sind. Das würden Gedanken sein, die das Licht zu scheuen haben, und die führen zur Disharmonie. Disharmonien aber können wir abhalten, wenn wir es wollen. Ist das nicht der Fall, dann haben wir nicht das Recht, hierherzukommen und an dem Geschehenen 'herumzudeuteln.»

Krojanker: «Es ist zu unterscheiden zwischen der theosophischen Lehre und der Leitung des Zweiges Berlin. Damit wird es ermöglicht werden, dass ein Misstrauen nicht aufkommen kann.»

Dr. Steiner: «Die Harmonie muss möglicherweise erkauft werden mit dem Ausschluss einiger Mitglieder. Die arrangierten Vorträge waren zwar für den Berliner Zweig gedacht. Es ist richtig, dass wir die Tätigkeit nicht haben besser machen können. Ich bin der Meinung, dass wir vorläufig die Tätigkeit so gut gemacht haben, wie wir konnten, da uns von anderer Seite nichts Besseres entgegengebracht worden ist. In dem Augenblicke, wo uns von anderer Seite etwas Besseres entgegengebracht worden wäre, würden wir es nicht außer Acht gelassen haben. Was wir aber getan haben, das halte ich bis jetzt für das Beste.»

Fränkel: «Zwei Versammlungen sind einberufen worden, welche die Missstimmung hervorgerufen haben. Zweimal sind Vorwürfe gemacht worden, denen das Disharmonische folgte, sodass gleichsam ein Klub gegründet worden ist, und wir sozusagen aus zwei Klassen von Mitgliedern bestehen. Auf zweierlei Weise ist da vorzugehen. Es gibt einen Zivilprozess und einen Strafprozess. Es handelt sich hier um eine öffentliche Angelegenheit, nicht um eine private. Die Beschwerde müsste also vorgebracht werden. Es ist aber nicht klargestellt, was eigentlich vorliegt. Der eine Punkt ist der Tee bei den Damen, der zweite Punkt ist der, dass lediglich der Geschäftsausschuss falsche Maßregeln ergriffen hat. Der Fehler scheint daran zu liegen, dass bei der Gründung nicht geredet worden ist über die Art und Weise, wie die Geschäfte des Ausschusses gehandhabt werden sollen. Es ist noch keine richtige Missstimmung hervorgetreten, nur die Beschwerde einiger Herren, die sich auf sachliche Gründe stützen.»

Dr. Steiner: «Wenn wir gekommen wären, um jemanden etwas vorzuwerfen, dann könnten Sie uns etwas aufbürden. Wir geben denjenigen die Geschäftsführung zurück, die einen Wunschzettel haben. Die Denkweise, wie sie in dem Wunschzettel zum Ausdruck kommt, ist eine solche, dass sie in der Theosophischen Gesellschaft zu nichts führen kann.»

Krojanker: «Ein Herrschaftsstreben tritt auf von solchen, die vielleicht glauben, höher zu stehen. Ich habe aber von Doktor Steiner gehört, die Theosophie unterwirft sich keiner Autorität.»

Tessmar: «Es ist alles viel zu materialistisch. Wir sind in der Theosophischen Gesellschaft als Mitglieder, aber der ganze Zweig Berlin kann nach Hause gehen, wenn Doktor Steiner sagt: Ich halte hier keine Vorträge mehr. - Doktor Steiner hält theosophische Vorträge und nicht solche über Fragen von Rednern. Ich selbst wünsche keine Rechenschaftsablage, ich wünsche Theosophie zu hören, um dadurch weiterzukommen. Und nun kommt noch die Beschwerde über Autorität herauf. Die theosophischen Vorträge sind mir Autorität. Vertrauen bringe ich dadurch entgegen, dass ich nicht frage: Was macht die Bibliothek, was machen die sechs Dreier, die hereinkommen?»

Krojanker: «Ich sehe nun, wohin uns heute die Debatte führt. Wir haben uns mit den Tatsachen abzufinden. Aus der Erwiderung des Doktor Steiner ersehe ich, dass er in keiner Weise zu überzeugen ist, und dass vielleicht die Zeit erst Verständnis über die einzelnen Dinge herbeiführen kann. Wir stehen vor dem Faktum, dass diese Trennung stattfindet. Was muss jetzt geschehen? Vielleicht widmen wir dieser Frage noch einmal eine Stunde.»

(Es wird Schluss der Debatte beantragt und angenommen.)

(Es folgt die Resignation von Dr. Steiner, von Fräulein von Sivers und Herrn Kiem.)

Dr. Steiner: «Meine Pflicht ist nur noch zu empfehlen, sich vorläufig einen Geschäftsführer zu wählen. Der Vorgang wird der folgende sein: Der Geschäftsführer wird die Aufgabe haben, von der Resignation den andern Mitgliedern Mitteilung zu machen. Ich selbst werde den auswärtigen Mitgliedern auch mitteilen, dass ich meinerseits resigniert habe.» Krojanker: «Kann nicht eine allgemeine Erklärung an die Mitglieder von beiden Seiten mitgeteilt werden über das, was sich hier vollzogen hat?»

(Eine Anzahl von Mitgliedern erklären den Austritt aus dem Berliner Zweig.)

Krojanker: Frägt, was man ihm vorzuwerfen habe, und erhält die Antwort, dass er mit der Geschäftsführung nicht einig sei.

Dr. Steiner: «Warum ich die Sache im Allgemeinen gemacht habe? Sie ist deshalb so gemacht, weil es nicht anders ging. Der Berliner Zweig kann jetzt experimentieren und so weiter, und seine eigenen Sachen machen.»

Frau Eberty: «Wir haben alle eingeladen.»

Dr. Steiner: «Ich habe einige eingeladen mit meinem Namen und mit persönlichem Gruß. Die Liste ist aber nicht abgeschlossen.»

Frau [Johannesson]: «Wir haben uns getrennt gefühlt durch den Ton von Ihnen. Wir fühlten uns so, als ob Sie eine Trennung vollzogen hätten.»

Fräulein [Voigt]: «Die Damen könnten ja gefragt werden, über welches Thema gesprochen wurde? Und auch über die Frage, von welcher Herr Fränkel ausging. Es ist das vielleicht von Interesse.»

Tessmar: «Ich gehöre zu Doktor Steiner. Ich lasse mich nicht beeinflussen. Das bitte ich zur Notiz zu nehmen. Ich fühle mich wirklich gekränkt. Als alter Seemann würde ich andere Worte dafür wählen. Ich verbitte mir persönliche Anzapfungen.»

Dr. Steiner: «Es ist also ein Geschäftsleiter für die Deutsche Theosophische Gesellschaft zu wählen. Es wäre mir unmöglich gewesen, ohne diesen Schritt meine Aufgabe weiterzuführen. Ich kann nicht intime Vorträge halten mit dieser Stimmung. Ich habe nur die Wahl gehabt, wegzugehen von Berlin oder diesen Schritt zu machen. Die Kontinuität aufrechtzuerhalten, das war der Grund dafür. Frau Annie Besant sagte, als sie die Strömung hier sah, ich solle nach München gehen, wo die Tätigkeit, die Fräulein von Sivers ausgeführt hat, fortgesetzt werden kann. Aber mein ganzes Verhältnis werde ich auch nicht in einem Pünktchen ändern. Es handelt sich hier gerade um Äußerlichkeiten, nicht um Innerlichkeit.»

Anwesend waren: zirka 30 Mitglieder. Schluss der Versammlung acht Uhr [abends].

German original of Protocol of the Extraordinary General Assembly of the German Theosophical Society (DTG) · ← Previous · Next →