The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 2 October 1905, Berlin
22. Theosophie und Helena Petrovna Blavatsky
Wie Sie aus der Ankündigung ersehen haben, werden wir jeden Montag eine Wochenversammlung haben. Die ist zu betrachten als eine Versammlung des Besant-Zweiges. Die Notizen auf der Einladung sind zu berücksichtigen. Bei der letztjährigen Arbeit ist das Lokal zu eng geworden. Es liegt durchaus nicht in unserer Absicht, exklusiv zu sein und diese Montage für den Zweig allein abzuhalten. Wir möchten die Sache ausdehnen, aber anderseits erscheint es als eine gewisse Härte gegen die Mitglieder, wenn ohne Entschuldigung Nichtmitglieder das ganze Jahr hindurch Zurritt haben, insbesondere in diesem Jahre, wo in diesen Montagsversammlungen vielleicht noch intimere Dinge besprochen werden könnten als im vergangenen Jahr. Wir kommen immer tiefer und tiefer hinein. Die anderen Versammlungen sind dann im Architektenhaus. Es wird in diesem Jahr vor allem darauf Bedacht genommen werden, die Bedeutung der Theosophie und die Wichtigkeit derselben für die Gegenwart aufzuzeigen. Über wichtige Fragen in ihrer Bezichung zu den Angelegenheiten der Gegenwart werde ich sprechen. Nächsten Donnerstag werde ich sprechen über Haeckels Welträtsel, dann über unsere Weltlage, dann über die Frage der inneren Entwicklung. Der Zyklus wird dann beschlossen mit einer Betrachtung über Weihnachten.
Ich habe eine größere Vortragstour hinter mir. Eine solche Tour ist nicht bloß lehrreich für denjenigen, der sie unternimmt, sondern sie kann auch in den weitesten Kreisen derer, die an der Theosophie interessiert sind, lehrreich sein. Ich war in St. Gallen, Freiburg, Stuttgart, Heidelberg, Frankfurt am Main, Kassel, Weimar. An den meisten Orten konnte ich einen öffentlichen Vortrag halten, und darnach in den darauffolgenden Tagen mit denjenigen Zuhörern, die sich näher interessierten, eine Aussprache haben. Wir haben noch nicht an allen diesen Orten Zweige. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wir wollen nicht in stürmischer, agitatorischer Weise vorgehen. Derjenige, der zur Theosophischen Gesellschaft kommt, soll dazukommen, weil er den inneren Drang dazu hat. Deshalb wird es gut sein, möglichst die Theosophie zu pflegen und den Zuhörern zu sagen, um was es sich dabei handelt. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, welche vorherbestimmt sind, mitzuwirken, schon kommen werden. Ich konnte die Wahrnehmung machen, dass eine große Sehnsucht herrscht nach dem, was die Theosophische Gesellschaft der Menschheit zu bieten hat. Die Theosophen in derselben sind im tiefsten Sinn entgegenkommend gegenüber dem, was die Menschen heute verlangen und brauchen. Auf der anderen Seite ist eine gewisse Mutlosigkeit vorhanden, eine gewisse Summe von Vorurteilen, mit denen die Menschen behaftet sind, und sie wieder abhalten, sich gleich mit der Theosophie zu befassen. Es muss vieles überwunden werden. Das zeigt eine solche Reise, auf der man die verschiedensten Stimmungen kennenlernt. Eine solche Reise hat bei aller Mutlosigkeit doch einen gewissen befriedigenden Eindruck. Man sieht in Herzen der Menschen dasjenige leben, was leben muss, wenn wir der Zukunft entgegengehen wollen, welche von der theosophischen Bewegung angestrebt werden will.
So lassen Sie uns ohne Disposition einige Fragen berühren, die uns besonders interessieren können. Sie brauchen nur einen Umblick zu halten in der gegenwärtigen Weltlage, um sich in jedem Augenblick vor die Seele rufen zu können, wie notwendig die Theosophie und das theosophische Streben heute [sind]. Man kann in alle Weltteile blicken, überall sieht man die Völker und Stände in einem harten Daseinskampf. Rassen stehen gegeneinander im Kampf, Völker führen miteinander Krieg, einzelne Stände in den einzelnen Ländern stehen sich scharf gegenüber. Dagegen haben wir nicht viel anderes, als unseren ersten Grundsatz: Den Kern einer allgemeinen Brüderschaft zu begründen, ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Stand und Bekenntnis. Das ist ein mächtiger Grundsatz - sagen die Menschen. Viele berufen sich aber darauf, was schon Schopenhauer gesagt hat: Moral predigen ist leicht, Moral begründen aber ist schwer. Die theosophische Bewegung ist nicht eine Lehre, nicht eine Begründung. Sie unterscheidet sich von den anderen Bewegungen der neuen Zeit dadurch, dass sie wirkliches Leben ist. Und die Lehren, die wir verbreiten, sie sind nicht die Hauptsache. Nicht auf die Lehren kommt es bei uns an. Sie alle sind nur das Mittel zum Leben. Und was auch in den verschiedenen Zweigen, was auch bei den öffentlichen Veranstaltungen der Bewegung an Lehren verkündigt wird - ob wir diese Lehren glauben oder nicht glauben, ob wir sie wiederholen können oder nicht wiederholen können - nicht darauf kommt es an, sondern darauf, dass die Lehren etwas ganz anderes sind als andere Lehren der gegenwärtigen Wissenschaft oder als die Lehren selbst der hergebrachten Logosbegriffe. Solange sind die theosophischen Lehren nicht das, was sie sein sollen, solange sie dasselbe sind wie andere Dogmen, wie andere Lehren und Wissenschaften. Erst werden sie das, was sie sein sollen, wenn sie groß sind, wenn sie sich wie eine magnetische Kraft in die Seele hineinleben und in der Seele wirken. Das ist keine Loge, wo über Reinkarnation und Karma, über das Weltbild, über Menschenentstehung und Menschenziel bloß gelehrt wird und schöne Sätze geprägt werden, sondern das ist eine Loge, wo diese Gedanken lebendig durch den Raum schwirren und im tiefsten Herzen ergreifen, sodass der Mensch diese Lehren als im Innersten verwandt mit ihm empfindet, sodass es ist, als ob diese Lehren aus ihm hervorkommen. Wenn dann diese Dinge so kräftig werden, dass er nicht bloß weiser, sondern auch besser wird, so ist es das Richtige.
Dieser Unterschied wird nicht sogleich von vielen begriffen werden. Viele treten heute als Lehrer der Ethik, der Sittenlehre auf oder als Lehrer eines Glaubensbekenntnisses oder als Erzieher. Wir hören von monistischen Lehren sprechen, von einer Erneuerung dieser oder jener Lehre - alle diese Lehren treten in einer Weise auf, die sich tief unterscheidet von dem was der theosophische Lehrer will, was wir überhaupt wollen innerhalb der theosophischen Bewegung. Alle anderen predigen oder verkündigen ihre vermeintlichen Wahrheiten, sie treten hin und sagen, dies ist unser Bekenntnis, dies ist unsere Meinung, dies ist die Wahrheit, nach meiner Ansicht. Kein theosophischer Vortragender könnte so vor ein Publikum hintreten. Nicht um eine Meinung handelt es sich. Wir tragen das Bewusstsein in uns, dass die Wahrheit in uns selbst ist, dass sie in jeder Menschenbrust lebt, dass wir sie nicht hineinzubringen haben, sondern sie höchstens herauszuholen haben - dass wir unsere Mitmenschen anregen. So liegt in dem Gesagten dasjenige, was notwendig ist, in dem Band, das die theosophischen Mitglieder verbindet. Das, was im Zweige verhandelt wird, soll ein Anzünder des inneren Lebens in den Seelen sein. Wir holen die Gedanken heraus aus der geistigen Welt, aus dem übersinnlichen Dasein die großen Gesetze, welche die Welt gebildet haben, den Menschen hervorgebracht haben, die großen Gesetze, nach denen die weisen Lehrer und Meister vor Jahrtausenden unsere Vorfahren gelehrt haben, und uns heute noch lehren. Diese großen Gesetze holen wir heran, und sie sind zu gleicher Zeit dasjenige, was uns weiterträgt, was uns Sicherheit, Mut und Hoffnung gibt für das Leben. Diese Gesetze sollen die Räume durchschwirren, in denen wir leben. Und indem wir sie fühlen, diese Gesetze, erkennen wir die Welt und uns selbst. Dann sollen wir beim Alltäglichsten, was wir vollbringen, diese Gesetze in unseren täglichen Verrichtungen von Einfluss sein lassen. So werden dann die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft wie ein Sauerteig sein; sie werden überall draußen wie ein neuer Geist sein - wenn das so ist, werden wir wissen, dass der Geist etwas Wahrhaftes und Wirkliches ist.
Jeder, der hierherkommt und nur Lehren hören will, kommt umsonst hierher, denn er hat nicht die richtige Gesinnung. Und auf diese kommt es an gegenüber dem Geist. Es kommt darauf an, dass der, welcher hierherkommt, weiß, dass der Geist eine Wirklichkeit ist, eine Wahrheit, dass ich nicht bloß von [einer] Arznei, nicht bloß von Wind und Wetter gesund und krank werde, sondern dass dasjenige, was unser Körper und unsere Wirklichkeit überhaupt ist, ebenso ausgeht von dem, was ich denke, fühle und will, dass Gesundheit nur von einem gesund wirkenden Geist kommen kann. Noch wichtiger, als dass unsere Gedanken wahr sind, ist es, dass unsere Gedanken gesund sind. Nicht morgen und nicht übermorgen werden Sie es bemerken können, dass von dem, was in der theosophischen Loge gemacht wird, ein Quell von Gesundheit ausgeht. Denken Sie falsch in der Welt, dann bringen Sie zu gleicher Zeit, nicht morgen oder übermorgen, aber sicher einmal Krankheit in die Welt. Alles Übel rührt her von einer Unwahrheit, von einem unrichtigen inneren Leben. Dieser Zusammenhang wird Ihnen klar werden in dem nächsten Montag-Vortrag. Der Menschheit eine neue Gesundheit zu geben, ein neues harmonisches Leben, das ist es, was unser hauptsächliches Ziel ist. Daher sind unsere Gedanken nicht bloß Lehren, sondern Kräfte, sie wirken nicht bloß aufklärend, sondern gesundend und harmonisierend, gesundend auf den Körper und gesundend auf das rechtliche und soziale menschliche Zusammenleben. Wer dies nun so tief fasst, der hat den Kern der theosophischen Bewegung. Wer bloß fragt, wie verhält sich dies oder jenes, der weiß nichts von Theosophie. Aber von Theosophie weiß derjenige, der voraussetzt, wenn er im Zweige zusammensitzt mit den anderen und für eine Stunde die großen Gedanken der Weltordnung durch seine Seele ziehen, dass er sich zum Resonanzboden eines neuen, gesunden und harmonischen Lebens macht. Nun, verehrte Anwesende, dass ein solches Leben doch in der theosophischen Bewegung quillt und vorhanden ist, das zeigt sich in einigen Erscheinungen. Wir gingen aus davon, dass wir sagten: Nicht predigen könne man Moral, begründen müsse man sie. Aber es scheint doch, als ob die Theosophische Gesellschaft doch schon so etwas zustande gebracht hätte, was dem Grundsatz der Völkerverbrüderung entspricht und dient. Es war ein schöner Moment bei der Eröffnung des diesjährigen Kongresses. Man hatte beschlossen, dass jeder Delegierte in seiner Muttersprache eine kurze Ansprache halte. Da standen Leute nebeneinander, die in den politischen äußeren Verhältnissen in hartem Kampf einander gegenüberstehen. Ein Vorspiel für das, was werden kann, wenn das geistige Leben die Seelen ergreift, spielte sich da ab bei der Eröffnung des Londoner Kongresses. In folgenden Sprachen konnte man sprechen hören, als ein Sinnbild unseres Grundsatzes: Holländisch, Englisch, Schwedisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Ungarisch, Finnisch, Russisch. Da haben Sie ein Sinnbild dafür, dass in den verschiedenen Sprachen der gleiche Wille und das gleiche Gefühl strömen. Das ist das Leben, zu dem es die theosophische Bewegung während der dreißig Jahre ihres Bestehens gebracht hat. Es gab auf diesem Kongress einen der schönsten, einen der wunderbarsten Momente - nicht im Kongresse selbst, sondern an einem Vorabende - für einige Mitglieder, die sich hier im Laufe des Sommers versammelten. Sie waren eingeladen, an einer Sitzung der Blavatsky-Loge teilzunehmen. Da hielt Annie Besant einen Vortrag über die Erfordernisse der Schülerschaft. Sie wissen, Schülerschaft ist schon etwas sehr Hohes. An jenem Abende handelte es sich weniger darum, im Allgemeinen die Erfordernisse der Schülerschaft zu besprechen, sondern darum, dass die größte der Schülerinnen von Helena Petrovna Blavatsky sich einmal ausspreche über die kritischen Geister. Lassen Sie mich da ein paar Worte dem eigentlichen Gegenstande vorausschicken. Ich brauche es hier nur zu erwähnen: Alles, was die Theosophische Gesellschaft ist, wird verdankt dem Grundwerke von Helena Petrovna Blavatsky. Ganz erfasst zu haben, was in Helena Petrovna Blavatsky lebte, das vermisst sich von den Jüngern wohl keiner zu sagen. Wer sich hineinvertieft in das, was von Helena Petrovna Blavatsky gekommen ist, der sieht immer mehr und mehr, dass er in unergründliche Tiefen kommt, und dass damals die Wahrheit durch diese einzigartige Persönlichkeit geflossen ist, wie sie nur durch die größten Religionsstifter und Führer der Menschheit geflossen ist. Ich kann es verstehen, dass man im Anfange, wenn man nun an Helena Petrovna Blavatskys Leistungen herantritt, glaubt, manches verstanden zu haben. So kann es jedem gehen. Dann aber kommt eine Zeit, wo man merkt, dass in dem Inhalt der «Secret Doctrine» Schriften des geistigen Lebens liegen, die überhaupt noch keiner, ausnahmslos keiner nach Helena Petrovna Blavatsky vollständig wiederum begriffen hat. Diese Worte würden Sie auch von Frau Annie Besant jederzeit hören können.
Es ist die Möglichkeit vorhanden, auch für die allergrößten führenden Geister der Menschheit, niemals stehen zu bleiben. Wenigstens hat noch keiner den Endpunkt gefunden. Immer tiefere Urgründe der Wahrheit werden gefunden, wenn man tiefer geht. Das ist es, was zuletzt für denjenigen, der den Willen hat einzudringen, in eine spirituelle Verbindung mit Helena Petrovna Blavatsky bringt. Helena Petrovna Blavatsky ist heute noch in Verbindung mit der theosophischen Bewegung. Sie ist noch heute eine der Hilfen für die Theosophische Gesellschaft. Wenn wir eine Berechtigung haben, uns an sie zu wenden, dann hilft sie. Man braucht nur geschichtlich zu betrachten, was sie getan hat. Sehen Sie sich ihre Schriften an. Da finden Sie Dinge darin, von denen mancher Gelehrte sagt: Das hat man zusammenstoppeln können aus allen Büchern der Welt. Ja, aber es hat niemals einer das an den verschiedenen Orten der Erde Vorhandene zusammengefunden. Manche Dinge stehen an den verborgensten Orten, an Orten, die keiner anderen Seele bis dahin zugänglich waren; genaue Zitate aus Schriften, auf denen seit Jahrhunderten kein menschliches Auge geruht hat, finden Sie in Blavatskys Schriften. Sie hat so viele in [Würzburg] geschrieben, während die Bücher [in Wahrheit] im Vatikan lagen.
Gewiss hat sie auch Fehler gemacht. Aber wenn sie diesen nachgehen, so finden Sie, dass die Fehler auf etwas Bestimmtem beruhen, nämlich auf einer gewissen Unsicherheit des Lesens, die immer eintritt, wenn man tastend im Astrallicht zu lesen hat. Wir leben nicht bloß in der physischen Welt, wir leben auch in den höheren Welten. Wir sehen nicht bloß Physisches, sondern auch Geistiges. Wir sehen nicht bloß physisch, sondern auch geistig, und da kann man auch Bücher lesen, die im Vatikan in Rom liegen, man liest aber leicht verkehrt, man liest leicht 136 statt 631. Wo Fehler gemacht wurden, da zeigt es sich, dass sie immer in dieser Weise gemacht worden sind. Es wird jeder Einwand, der gemacht wird gegen das wahrhaft Wertvolle, gegen das Große und Bedeutungsvolle dieser Persönlichkeit, für den, der sich wirklich darauf einlässt, leicht zu widerlegen sein. Aber es scheinen nicht viele, trotz allem und allem sich auf diese Tiefen der Sache einzulassen, sonst wäre es doch nicht möglich gewesen, dass kleine Fehler von Helena Petrovna Blavatsky in der letzten Zeit, da und dort - selbst im englischen «Vâhan» - verspottet worden sind, dass Helena Petrovna Blavatsky manchmal leidenschaftlich erregt war, ein hartes, leidenschaftliches Wort gebraucht hat, Zigaretten geraucht hat. Es wurde gefragt, ob das wirklich ein großer Mensch sein könne, der Zigaretten raucht, manchmal erregt sein könne. Das gab die Veranlassung zu dem Vortrage von Frau Besant über Helena Petrovna Blavatsky. Nun sprach diese größte Schülerin von Helena Petrovna Blavatsky aus ihrem Persönlichen heraus. Jeder, der dabei war, wird gefunden haben, dass da etwas Gewaltiges aus dem Inneren hervorgetreten ist, jeder musste fühlen, dass da etwas Tiefes lebte. Sie hat auseinandergesetzt, dass es vielleicht Menschen gibt, die nicht verirrt sind - aber [sie hat auch] gefragt, ob sie auch die großen Eigenschaften Helena Petrovna Blavatskys haben. Gewiss, es gibt auch viele, die nicht Zigaretten rauchen, aber ob die die großen Eigenschaften der Helena Petrovna Blavatsky haben? Die Sonne habe auch Sonnenflecken, aber diese erleuchten nicht die Erde. Das Licht ist es, das wirkt erwärmend und befruchtend. Derjenige, der das haben will, welcher das erreichen will, was Helena Petrovna Blavatsky der Menschheit hat sein können, der muss auch das nachsehen können -und es sich genügen lassen an dem, was Großes und Gewaltiges dabei ist. Dann wird er immer tiefer und tiefer an den unpersönlichen Quell von Weisheit, Wahrheit und Leben herankommen.
Dass das aus einer tiefernsten Erfahrung heraus gesprochen war, darauf kam es an, und gesprochen war von einer Persönlichkeit, die an jenem Abend selbst zugab, dass [Helena Petrovna Blavatsky] für sie die Lichtbringerin selbst war. Dann kamen die schönen, tiefen Worte, in denen Annie Besant sich, wie jeder fühlen konnte, ganz im Einklang befand mit allen Schülern der großen Lehrerin Helena Petrovna Blavatsky, an deren Spitze sie diejenigen stellte, die da besagten, dass man bedenken sollte, dass der Jünger, der Anfänger vor allen Dingen, bevor er die Größe der Großen begreifen kann, sich selbst schädigt, wenn er durch eine voreilige, unverständige Kritik sich den Weg zu diesen Großen verlegt. Eine solche Gesinnung zu haben, in eine solche Stimmung zu kommen, wirklich das Gefühl in sich zu tragen, was das Rechte ist gegenüber dem Großen, das ist Gewinn des Lebens, das ist der Anfang der höchsten spirituellen Erkenntnis. Keiner braucht jemand anderen zu verehren, ein jeglicher mag, so viel er will kritisieren in der Welt, aber am meisten schadet er dadurch sich selbst vor allen Dingen dann, wenn er zur Erkenntnis kommen will. Dann legt er sich selbst die größten Hindernisse in den Weg.
Hier ist ein Ding, das man nicht missverstehen darf. Oft wird in den theosophischen Schriften gesagt: Kritisiert nicht, sucht zuerst zu verstehen, bevor ihr das eigene Urteil anlegt. - Und das wird so aufgefasst, als wenn es eine Vorschrift für alle Welt wäre. Die Theosophische Gesellschaft verpflichtet nicht, eine solche Vorschrift zu befolgen. Aber etwas anderes ist notwendig zu wissen, und das ist, dass man in dieser Stimmung des unbefangenen Hinnehmens sein muss, wenn diese Wahrheiten in uns einfließen sollen. Man kann das eine nicht ohne das andere wollen, und wer das eine ohne das andere will, ist gleich einem der eine Glasstange hat und will, dass sie elektrisch wird. Will er, dass sie elektrisch wird, so muss er sie reiben. Will er sie nicht reiben, so wird sie nicht elektrisch. Wer Erkenntnis will, der soll und muss diese Stimmung haben. Es ist das eine nicht ohne das andere zu erreichen. Es ist ein Widerspruch in sich selbst, das eine ohne das andere erreichen zu wollen.
Man muss die theosophische Anschauung nur recht verstehen. Sie ist nichts anderes als eine Erzählung. Niemals wird etwas gefordert von irgendwelchen Mitgliedern. Das ist etwas, wovon wir ganz weit entfernt sind, wovon namentlich diejenigen weit entfernt sind, welche wissen, worauf es ankommt, in der theosophischen Bewegung. Es wird nicht verlangt, dass wir irgendwelcher Autorität glauben, dass wir irgendwelchen Personenkult treiben. Je weniger wird Personenkult verlangt, je höher die Betreffenden stehen, denen er entgegengebracht wird. Alles Sprechen gegen Personenkult ist ein Sprechen gegen Dinge, die nicht da sind. Der große Moment, den ich charakterisieren wollte, war der, eine Persönlichkeit zu sehen, die hinaufschaut. Und der ganze Vortrag war ein Hinaufschauen. Das war das Bedeutungsvolle dabei.
Diese zwei Momente habe ich Ihnen hervorheben wollen, weil sie sinnbildlich etwas von jenem Lebensgewinn zeigen, den man heute haben kann innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Zwei Dinge sind es, auf die es immer mehr und mehr ankommen wird. Das eine ist die Verwirklichung unseres ersten Grundsatzes: Den Kern einer Menschenbruderschaft zu begründen, den großen Humanitätskern hinzustellen, und das zweite ist, ohne Autoritätsglaube, ohne Personenkultus verehren lernen, verehren lernen aus Freiheit, aus Erkenntnis. Entgegenbringen die Verehrung als eine Gabe, die frei ist, ohne Zwang. Solches kann erreicht werden. Dazu haben wir es gebracht in den dreißig Jahren. Wenn wir das tun, dann ist es, wie wenn ein Geist anderer Art durch den Raum ginge und alle erfüllte. Nach und nach gelangt der Theosoph zu dem Bewusstsein, dass das etwas viel Wirklicheres ist als das, was man mit Händen greifen kann. Bei der Eingangspforte zur Theosophischen Gesellschaft müsste jedem Mitglied der Gedanke auftauchen: Hier trittst du in eine Gesellschaft ein, in der geglaubt wird an die Wahrheiten und Wirklichkeiten des Geistes, in der geglaubt wird, dass in dir selbst Geist lebt. Das hängt zusammen mit der Mittelpunktserscheinung unserer Gesellschaft.
Wir erkennen die großen Fortschritte des äußeren Lebens an, wir sind keine Reaktionäre, wir wissen, was es heißt, als Errungenschaft der äuReren Wissenschaft, dass im achtzehnten Jahrhundert in einer der großen Städte von 1000 Menschen 77 gestorben sind, während jetzt von 1000 nur noch 22 sterben. Wir wissen, was es heißt, dass unsere Industrie den Erdkreis errungen hat. Gegenüber allen diesen Errungenschaften gibt es eines innerhalb dieser modernen Wissenschaft, die Autorität in Anspruch nimmt, eines, was Ihnen immer wieder begegnen wird, und das ist eine Unsicherheit gegenüber den großen Fragen nach dem Göttlichen, gegenüber den großen Fragen nach den unsterblichen Mächten im Menschen. Und da hören Sie von denjenigen, welche am gelehrtesten am wissenschaftlichsten sind: Wir wissen nichts, wir können nichts wissen. Und das ist nur natürlich, denn das liegt in der gegenwärtigen Entwicklung. Aber, was für ein Wissen haben wir uns erworben? Um das so recht zu verstehen, was damit gesagt werden soll, müssen wir ein wenig zurückblicken in der Geschichte.
Demjenigen, der heute vom Standpunkte der Schule, geschichtlich die Kulturwissenschaft studiert, dem wird gesagt, es habe ursprünglich primitive, ungebildete, rohe Völkerschaften gegeben. Sie leben noch in einzelnen Teilen der Erde. Von denen stammen wir ab. Wir wollen nicht prüfen, ob sich das so verhält. Aber wenn wir die religiösen Vorstellungen, die Sagen und Mythen, diese Weltenschriften prüfen, dann stehen wir und wissen nicht wie uns geschieht, wenn wir in die tiefen Weisheiten hineinschauen, für welche diese Mythen, diese Sagen der Ausdruck sind. Bei den scheinbar wildesten Völkerschaften können wir im sagenhaften Bilde die tiefste Weisheit erblicken. Nicht wir tragen sie hinein. Wer sie betrachtet, wird finden, dass eine viel größere Kunst dazugehört, sie hineinzutragen als herauszuholen. Jene Völker haben nicht unsere Verstandesmittel und unsere Instrumente gekannt. Es ist wie ein Wunder, dass das Geheimnis des Stoffes in einer ähnlichen Weise dargelegt wird, wie es uns die Wissenschaft heute gibt. Lesen Sie jetzt aber einen bei der Naturforscherversammlung gehaltenen Vortrag über die Gehirnverhältnisse. Alles erscheint Ihnen chaotisch gegenüber der alten Weisheit. Es ist ein Unterschied darin, wie unsere Menschen denken und wie unsere Vorfahren dachten. Was sagt der heutige Mensch? Ich habe die Wahrheit ausgedacht. - Die Vorfahren würden Sie verwiesen haben auf ihre Lehrer, auf höhere und höhere Lehrer. Ein Zug tiefernster Bescheidenheit ging durch das Ganze, eine Bescheidenheit, die hinhören kann, die sich sagt, der Mensch ist in einer Entwicklung, auch das Wissen, die Weisheit ist in Entwicklung, und will ich dasjenige wissen, was ich nicht selbst wissen kann, so muss ich zu anderen Lehrern aufschauen. Nicht auf die Autorität hin sollen wir das Wissen annehmen, nein, wenn wir die Wahrheit, das Wissen gehört haben, können wir sie selbst auch finden.
Es ist richtig, dass das Persönliche nichts wissen kann, über die Dinge, die über das Handgreifliche hinausgehen. Wollen wir darüber etwas wissen, so müssen wir uns an solche Lehrer wenden, die das Licht in sich entzündet haben, um uns zeigen zu können, wie es aussieht in den Welten, die über die physische Welt hinausragen. Das Lehrerprinzip werden sie uns nahebringen.
Der Mensch der Gegenwart, mit aller seiner Wissenschaft, was hat er erreicht? Er hat vermocht das äußere Haus zu zimmern und in der äußeren Sinnenwelt es zu den denkbar größten Fortschritten zu bringen. Eines muss man aber bedenken. Denken Sie, alle Wissenschaft und Kultur brachte es dahin, unsere Erde zu einem wahren Prunkhause für die auf der Erde lebende Menschheit zu machen. Sie lehrt uns aber noch etwas anderes, nämlich dass diese physische Erde nicht mehr da sein wird, weil all das Große und Unendliche, was die materielle Kultur geleistet hat, verschwinden wird, zerstieben wird in seine Atome. Was lehrt uns diese physische Wissenschaft, was wird dann sein mit alledem, was der Mensch hier gewesen ist, und was er errungen hat? Ein «Ich weiß es nicht», muss diese Wissenschaft sagen, die sich nur auf diese Erde beschränkt. Über diese Frage können nur die etwas wissen, welche mehr erfahren haben als das, was mit der Erde zusammenhängt - und die sprechen nicht so darüber. Wir müssen uns hinwenden zu den großen Lehrern. Daher führt die theosophische Lehre zuletzt zu den großen Meistern und Lehrern des Menschengeschlechts. Dann kommt man auf den Standpunkt, sich zu sagen, ein gewisses Menschenwissen ist eitel. Aber es gibt Menschenwesen, die über den Standpunkt hinaus sind, und erreicht haben etwas, was noch sein wird, wenn die Erde längst zerstoben sein wird. Wir müssen den Weg finden zu den höheren Individualitäten, die da sprechen zu den Menschen, die sie hören wollen. Nicht zu Sich-Überhebenden spricht der Meister, nur zu dem, der wirklich im höchsten Sinne bescheiden ist, der sich zu einem Gefäße und Werkzeug des Meisters macht.
Zu dem spricht der Meister im höchsten Sinne. Hatte diese Bescheidenheit auch die Begründerin der Theosophischen Gesellschaft, Helena Petrovna Blavatsky? Wie leicht hätte sie sagen können: Was in meinen Büchern steht, stammt aus meinem Wissen. — Aber stets hat sie sich auf die berufen, die hinter ihr standen, auf die erleuchteten Führer und Meister der Weisheit. So hat also Helena Petrovna Blavatsky jene große Bescheidenheit gehabt.
Viele sind, die allerdings nicht hören wollen von den sogenannten höheren Welten, die die Theosophische Gesellschaft gerade deshalb meiden wollen, weil da gesprochen wird von einem Devachanplan und einem Astralplan. Aber nicht darauf kommt es an, ob man sich vor diesen Dingen scheut und fürchtet, sondern darauf, ob sie wahr sind. Die Meister haben uns mehr über diese Dinge mitgeteilt, weil wir sie im Leben brauchen. Gewiss, man kann durch äußere Beobachtung des Lebens viel erfahren, der Verstand kann uns viel sagen. Auch die Sittenlehre kann der Verstand begreifen. Über Neid, Feigheit, Lüge und so weiter kann mancher moralisiert werden von dem gewöhnlichen Standpunkte aus. Aber Neid, Feigheit, Lüge sind doch Dinge, die in Wahrheit in der höheren Welt beobachtet werden. In der physischen Welt ist die Lüge ein verhältnismäßig leichtes Vergehen. Aber nichts ist sie gegenüber dem, was sie schon auf dem Astralplan ist. In dem Augenblicke, wo Sie eine Lüge sagen, bewirken Sie etwas, was wie die Zerstörung eines lebendigen Wesens ist. Diese Tötung tragen Sie dann mit sich. Sie vermischt sich mit Ihrem eigenen Astralkörper. Was wir sonst von der Lüge nur als Außenwelt kennenlernen, das lernen wir dann in seiner Lebendigkeit kennen. Da wird das, was hier sinnlich ist, geistig. Heute haben wir es nötig, wieder in den Geist eingeführt zu werden, ihn wieder zuerst zu ahnen, um dann zum sicheren Wissen geführt zu werden. Das ist das Leben, das durch die theosophische Bewegung pulsieren muss. Wenn dieses Leben nicht durch die theosophische Bewegung geht, dann erreicht sie nicht das, wozu sie bestimmt ist. Diese führenden Meister, alle unsere schönen Lehren und unsere Theorien sind umsonst, wenn es nicht da und dort in der Welt eine Reihe von Menschen gibt, die sich zusammenfinden in der Stimmung, die wir geschildert haben, in der Stimmung, dass sie schon beim Toreingang sich sagen: Hier wird nur im Bewusstsein gelebt, dass der Geist eine Wirklichkeit ist. - Wenn jeden Zuhörer diese Stimmung erfüllt, dann hat unser Zweig einen Sinn, dann sind Sie selbst der Quell von etwas Lebendigem. Wenn wir in dem Bewusstsein der Wahrheit des Geistes zusammen sind, dann ist dieses Bewusstsein eine Kraft, und so viele da sind, die dieses Bewusstsein haben, bilden einen Auffänger, wie einen elektrischen Auffänger. Und wenn dann, sei es durch irgendjemanden, Gedanken ausgesprochen werden, die zusammenstimmen mit den harmonischen Weltgesetzen und von all den Seelen in uns erfasst und ein Mittelpunkt gebildet wird, dann gehen sie von da aus durch die ganze Stadt und beeinflussen die ganze Stadt, wenn wir das Bewusstsein des Geistes haben. Meine Worte haben keine Bedeutung, wenn sich nicht Leute finden, die sie so aufnehmen und sie hinausführen in die Welt. Deshalb kommen wir in der Gesellschaft zusammen. Wenn wir dieses Bewusstsein haben, dann erst sind wir wirklich eine theosophische Gesellschaft. Dass dieses Bewusstsein immer intensiver, immer stärker und kräftiger wird bei uns, dass wir wirklich durch den Glauben und durch das Wissen an den Geist und von dem Geist eine Kraft zeigen, das soll durch unsere Versammlungen bewirkt werden. Es kommt wirklich nicht darauf an, dass wir Bücher lesen, lehren hören, sondern dass wir dieses Bewusstsein vom Geist annehmen und aneignen und dann, wenn es möglichst viele der Zweige gibt, welche dieses Bewusstsein vom Geist haben, dann erst gibt es eine Theosophische Gesellschaft. So lange aber nicht. Nicht auf die Lehre, nicht auf das Dogma, sondern auf das Bewusstsein vom Geist kommt es an.