The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 7 June 1906, Berlin

29. Aussprache zum Fall Leadbeater der Deutschen Teilnehmenden am Theosophischen Kongress

[Rudolf Steiner:] «Die erste Bedingung für den Okkultisten, der Kräfte erlangt, um andere zu leiten, ist Opferwilligkeit. Das Gute, was ein solcher opferwilliger Okkultist geleistet hat, ist nicht auszulöschen. Es wirkt fort, es bleibt. Und es wäre höchst unchristlich und erst recht untheosophisch, über einen gefallenen Okkultisten lieblos zu richten. Auf brüderliche Gesinnung muss ein jeder rechnen können, der sich der Theosophischen Gesellschaft anschließt. Wer in die Gesellschaft tritt, nur um zu lernen, der legt einen falschen Maßstab an. Wer sein Bestes hergibt, um den Brüdern zu helfen und dadurch der brüderlichen Gesinnung zu helfen, hat den Zweck der Gesellschaft richtig erkannt.

Nun liegt der Fall vor, dass ein Mitglied, das viel Gutes gewirkt hat, verworfen worden ist. Was ist es, [das] verwirft?

Es ist sehr schwierig, in der Öffentlichkeit über diese Sache zu sprechen. Es handelt sich hier um Ansichten. Indem Leadbeater Dinge getrieben, die von der gewöhnlichen Moral nicht zu billigen sind, hat ihm das Ideal vorgeschwebt, gerade diesem sexuellen Übel entgegenzuwirken. Er meinte, nichts Unrechtes getan zu haben, er sah die Sache an als ein Heilmittel.

Man kann nicht sagen: «Leadbeater will sich nicht bessern.»

Die Gesellschaft hat ihn ausgeschlossen. Sie hat sich damit zum Richter über eine Idee gemacht. Damit hat sie sich selbst zu einer Unfehlbarkeit bekannt. Es ist im Kongress mal vom Common Sense - Gemeinsinn die Rede gewesen. Hier ist ein okkulter Fall vor das Forum des «gesunden Menschenverstandes» gebracht worden. Die Möglichkeit ist damit gegeben, dass jeder Okkultist vor dieses Forum gestellt werden kann.

Der Fall ist geschaffen und die Gesellschaft muss sehen, wie sie damit fertig wird.» Fr. fragte nach der näheren Ursache und Art des Ausschlusses.

Dr. Steiner: «Uns ist nur die Tatsache mitgeteilt. Wir haben kein Recht, über die Handlungen der andern zu richten; tun wir das, so machen wir Ketzer. Jeder soll sein Wirken selbst verantworten.

Die exoterische Leitung der Gesellschaft hat sich nur mit den Verwaltungssachen zu beschäftigen. Das Übrige haben sie in die Hände derjenigen zu legen, die dahinterstehen. Sie soll keine Polizeigewalt ausüben.

Wenn sie anfangen will, über die Fehler der Mitglieder zu urteilen, so schlägt sie sich selbst ins Gesicht. Da gibt es scheinbar ganz harmlose Dinge, die aber nicht so harmlos sind, wie sie scheinen. Zu diesen gehören zum Beispiel der Kaffeeklatsch der Damen und der Früh- oder Dämmerschoppen der Herren. Da wird die Wollust gefördert. Und die Betroffenen betreiben gewissermaßen Unzucht auf dem astralen Plan. Sie führen dort einen wahren Hexensabbat auf. Von diesem Klatsch nähren sich gewisse astrale Wesen.

Nur die Absicht des Täters bedingt den Unterschied zwischen der weißen und schwarzen Magie.

Die Frage, um die es sich hier handelt, ist also die: Ist das, was geschehen ist, zur eigenen Wollust geschehen?»

Kieser, Stuttgart: «Wie hat Leadbeater sich benommen bei dem Verhör? Hat er gestanden?»

Miss Bright: «Ja. Er hat es voll zugestanden und hat sich zum Besten der Gesellschaft zurückgezogen von derselben. Er will sein Karma nicht an das der Gesellschaft ketten, deshalb tritt er zurück. Er hat entschieden erklärt, dass er es nicht getan, um seine Lust zu befriedigen.»

Dr. Steiner: «Leadbeater handelte also in gutem Glauben. Ist die Methode, die er anwandte, um das Übel zu bekämpfen, falsch, so zeigt sich das an den Früchten, die sie zeitigt. Ist sie richtig, so kann das ebenfalls auch nur an den Früchten erkannt werden.

Ein ähnlicher Fall liegt im Zölibat vor. Die Gesellschaft hat nicht das Recht, okkulte Sachen zu richten. Tut sie es, so macht sie sich zu einer Sekte, die Dogmen aufstellt. Das Dogma ist die Aufstellung einer Lehre, deren Sinn man nicht versteht. Die Trinität zum Beispiel ist ein Dogma, so lange man sie nicht versteht. Versteht man sie, so hört sie auf, Dogma zu sein.

Die Dinge, die hier infrage kommen, sind immer getrieben worden in okkulten Gesellschaften. - Der Okkultismus ist die Weisheit der Zukunft. Durch den Heldenmut der Okkultisten bereiten sich diese oft ein tragisches Ende. Der Okkultist lebt eben die Moral der Zukunft und die wird von den Mitmenschen nicht verstanden.

Dieser Fall wird uns klarer werden, wenn wir uns die Evolution des Menschen vor Augen halten. Die Weisheit lehrt uns, von unten nach oben zu schauen, vom Menschen zu Gott. Da sahen wir eine ganze Stufenfolge von geistigen Wesen, eine Hierarchie, einen Geisterstaat. In dieser Stufenfolge nimmt der Okkultist eine ganz bestimmte Stelle ein; es ist nicht angezeigt, dass ein weniger entwickelter Mensch einen Okkultisten anklagt, denn das hieße die Götter anklagen. Die Götter haben Krankheit und Sünde in die Welt gebracht. Wo viel Licht ist, ist auch viel schwarzer Schatten. Deshalb konnten uns die Götter nicht das Gute bringen, ohne zugleich das Böse zu verursachen. Den Schatten im Licht zu suchen, das ist Unsinn; aber der Schatten ist die Folge des Lichtes. Der Mensch musste erst vollständig heraustreten auf den physischen Plan, ehe er auf den höheren Planen selbstbewusst werden konnte. Erst sollte er den physischen Plan selbstständig durchforschen. Einstmals im alten Griechenland war der Mensch noch nicht selbstständig, er fühlte sich noch nicht als Individuum, das bildete sich erst in Rom aus. So drei- bis vierhundert Jahre vor Christus [bildeten] die Römer dieses Selbstständigkeitsgefühl aus. Den alten Römern verdanken wir in Wirklichkeit das selbstständige Denken. Mit der Ausbildung des Denkens hängt nun aber der Niedergang der sexuellen Moral zusammen. Das alles ist dem Okkultisten bekannt, [und hohen Okkultisten haben wir die Einrichtung der Prostitution zu verdanken]. Hier müssen wir anknüpfen, wenn wir nicht mit verbundenen Augen durch die Welt gehen wollen.

Ein großer Prozentsatz der Menschheit ist behaftet mit sexuellen Lastern. Das ist eine Tatsache und dagegen lässt sich wenig machen. Wer da glaubt, durch Moralpredigten dem Übel abhelfen zu können, irrt sich. Der Okkultist weiß, dass dazu andere Dinge nötig sind. Wenn diese Dinge auch stinken, sie sind notwendig und wir können uns ihnen nicht ganz entziehen, ebenso wenig wie wir uns dem Gestank der Fäkalien entziehen können, die wir selbst absondern. Der Mensch muss hindurch durch den Sumpf. Es fragt sich nur, ob er im Schmutze wühlt wie ein Schwein oder ob er sich in den Schmutz begibt, um ihn umzuwandeln, wie denn bekanntlich aus den Fäkalien die schönsten Wohlgerüche entwickelt werden können. Wer dieses für die Menschheit unternimmt, der handelt im apokalyptischen Sinne. Er nimmt etwas voraus, wohin die Menschheit als Ganzes erst in späteren Zeiten kommen wird. Was er ausrichten will im Blick auf die Zukunft, das muss er durchführen in einem physischen Leibe, der ihm besonders in seinem Gehirn nicht die nötigen Bedingungen bietet, um das durchzuführen, was er im Geiste schon vorweggenommen hat vor der übrigen Menschheit. Er ist im Fleische gekreuzigt. Er hat eine Stufe übersprungen und sein physischer Leib bietet ihm nicht die nötigen Bedingungen.

Lasst die Sache sprechen, wie sie durch die Persönlichkeit spricht. Lasst sie nicht zum Dogma werden, über das man diskutieren kann. Die Zusammengcehörigkeit der Menschen, die da alle wirken auf verschiedenen Menschheitsgraden, hat zur Folge, dass wenn ein Mensch fällt, viele mitfallen.

Hier (bei Leadbeater) handelt es sich darum, dass in der besten, edelsten Absicht etwas geschehen ist, das sich mit der jetzigen Ordnung der Dinge nicht verträgt.»

Frage: «Was sollen wir nun von diesem Fall sagen, wenn wir gefragt werden?»

Dr. Steiner: «Recht und Unrecht lässt sich nur unterscheiden nach der Gesinnung, aus welcher eine Tat geschieht.

Die höheren Wesen schicken uns Lehren zu durch die Gesellschaft. Wer die nicht will, hat in der Gesellschaft nichts zu suchen. Wenn ein Lehrer gefallen [ist], so wollen wir darum nicht Klagelieder singen, wir brauchen keine Furcht zu haben. Es gibt noch mehr geeignete Lehrer, um die gute Sache dem Siege entgegenzuführen. Es kommt auf den Menschen an, nicht auf eine Idee, die er hat; nicht auf die Organisation der Gesellschaft, sondern auf die spirituelle Individualität des Menschen, zu dem wir Vertrauen haben oder kein Vertrauen haben.»

German original of Discussion about the Leadbeater case to the German participants at the Theosophical Congress · ← Previous · Next →