The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 25 June 1906, Berlin
30. Nachruf Auf Gräfin Von Brockdorff, Bericht Über Den Pariser Kongress, Zum Fall Leadbeater
Vor allen Dingen müssen Sie mich meine Befriedigung darüber ausdrücken lassen, dass ich Sie wieder einmal in Berlin versammelt begrüßen darf. Ich weiß ja wohl, dass meine Abwesenheit, meine so oft vorkommende Abwesenheit, einige Störungen verursacht. Allein Sie werden es vom theosophischen Standpunkte aus begreifen, dass die Arbeit heute an den verschiedensten Punkten der deutschen Sprachwelt notwendig ist - und auch sonst notwendig ist. Gerade heute stehen wir in einem sehr wichtigen Entwicklungsmomente der theosophischen Bewegung, und wirklich muss ein jeder Einzelne da beitragen zu der Entwicklung des Okkultismus und der Theosophie, wo er glaubt, etwas beitragen zu können. Ich hoffe, dass Sie daher auch verständnisvoll diese Sache auffassen, dass ich nicht immer bloß an dem Orte zu wirken in der Lage bin, der ja schließlich in gewisser Beziehung der Ausgangspunkt meiner theosophischen Wirksamkeit zwar ist; aber die Verhältnisse haben es notwendig gemacht, dass eine zeitweilige Abwesenheit wie die letzte öfter eintritt, und wir können hoffen, dass sich auch für Berlin in der Zukunft etwas andere Zeiten ergeben werden. Ich selbst werde auf der einen Seite darauf bedacht sein, so viel hier sein zu können, als es nur möglich ist. Ich darf aber die umfassende Aufgabe unserer theosophischen Entwicklung in dieser Zeit nicht versäumen und bitte Sie, dem mit Verständnis begegnen zu wollen.
Nachruf auf Gräfin Brockdorff
Das Nächste, was uns heute obliegt, ist, uns zu erinnern an den Weggang vom physischen Plane eines unserer sehr lieben Mitglieder. Die Gräfin von Brockdorff, die ja, wie namentlich die alten Mitglieder der theosophischen Bewegung in Deutschland wissen, so viel Kraft und Hingebung dieser theosophischen Bewegung in Deutschland gewidmet hat, ist am 8. Juni, nach einem physisch qualvollen Leiden, von dem physischen Plane abgegangen. Die älteren unserer Mitglieder - und insbesondere auch ich selbst -, sie wissen von der schönen und hingebungsvollen Tätigkeit der Gräfin von Brockdorff. In den Zeiten, in denen oftmals die theosophische Sache in Deutschland nahe daran war zu versiegen, war es das Paar Graf und Gräfin Brockdorff, [welches] immer wieder und wiederum in [seiner] liebevollen und zu gleicher Zeit für die weitesten Kreise so außerordentlich sympathischen Art diese theosophische Bewegung in Deutschland immer wieder und wieder über Wasser zu halten wusste. Derjenige, der sich noch erinnert an die stille und äußerst wirkungsvolle Art, wie die Gräfin in ihrem Hause einzelne Geister zu versammeln wusste, um einzelne Lichtstrahlen auszusenden, der wird ihre Tätigkeit in vollster Weise zu würdigen wissen.
Wenn ich zunächst selbst Ihnen mit einigen Worten sagen darf, wie ich in den Kreis hineingekommen bin, in welchem die Gräfin Brockdorff theosophisch und sonst geistig anregend im weitesten Sinne wirkte, so möchte ich nur sagen, dass eines Tages eine Dame zu mir sagte, ob ich nicht einen Vortrag über Nietzsche in dem Kreise von Brockdorff halten möchte. Ich habe zugesagt und einen Vortrag über Nietzsche gehalten. Die Gräfin nahm dann Veranlassung zu fragen, ob ich nicht einen zweiten Vortrag in demselben Winter-Zyklus halten möchte. Dieser zweite Vortrag - ich glaube es war die Winterserie 1901 - war über das Märchen von der «Grünen Schlange und der schönen Lilie». Schon damals ging der Gräfin der Wunsch auf, dasjenige, was damals ein wenig geschlummert hatte — die eigentliche theosophische Tätigkeit -, wiederum aufzunehmen.
Die Tätigkeit der Gräfin war allmählich, weil sie immer mehr und mehr im theosophischen Leben wurzelte, mit dem sie zu verschiedenen theosophischen Erlebnissen gekommen war, außerordentlich schwer. Es war schwer, unter dem Namen der Theosophie das geistige Leben weiterzuführen. Sie hatte sich daher zunächst beschränkt auf ihre Donnerstag-Nachmittage, hatte dann aber das Bedürfnis empfunden, wieder zur eigentlichen theosophischen Tätigkeit überzugehen, und forderte mich auf - ich war noch nicht einmal Mitglied der Gesellschaft damals -, in der Vereinigung Vorträge zu halten, die sich im ersten Winter ergingen über die deutsche Mystik bis Angelus Silesius. Ein Abriss davon ist gegeben im Buche «Die Mystik des neuzeitlichen Geisteslebens». Im nächsten Winter hielt ich die Vorträge über «Das Christentum als mystische Tatsache». Dadurch ist eine Art Mittelpunkt zur Sammlung der theosophischen Kräfte in Deutschland entstanden, von dem ausgegangen und eine Grundlage geschaffen worden ist für die eigentliche Sektionsgründung.
Nun muss, wenn man der lieben Gräfin Brockdorff gedenkt, insbesondere hervorgehoben werden, dass durch ihre außerordentlich sympathisch auf die Umgebung wirkende Art und Arbeit die theosophische Sache immer wieder über Wasser gehalten wurde. Für gewisse Organisationsfragen und Strömungen in der theosophischen Bewegung hatte die Gräfin weniger Sinn. Es lag ihr weniger. Sie hatte weniger Sympathie dafür. Aber es bildete sich eine gewisse Grundtendenz ihres Herzens, in der Richtung der theosophischen Bewegung zu wirken. Sie hat das wie wirklich selten ein Mensch in einer Weise getan, die von der vollsten Hingabe und von außerordentlicher Liebe getragen war.
Es hat wohl wirklich ihre Gesundheit es nötig gemacht, dass in dem Zeitpunkte, wo wir durch die Verhältnisse gezwungen waren, eine straffere und zusammengezogenere Organisation in Deutschland zu entfalten, dass sie sich nach ihrem Ruhesitz in Algund bei Meran zurückziehen musste. Und, wie oft, ist auch der guten Gräfin diese Ruhe nicht eine wirkliche Ruhe gewesen. Bald fing sie an zu kränkeln, und sie hat in gesundheitlicher Beziehung in den letzten Jahre schwere Zeiten durchgemacht.
Es ist objektiv gesprochen, wenn ich sage, dass die Geschichte der theosophischen Bewegung in Deutschland in den %er-Jahren und anfangs 1900 mit dem Namen Brockdorff verknüpft sein wird, da die Verdienste, die die Gräfin und der Graf sich erworben haben, gar nicht genug gewürdigt werden können. Die älteren Mitglieder werden noch unseres guten Grafen gedenken, als er noch an der Seite der Lebensgefährtin war, die er jetzt auf dem physischen Plane verloren hat. Aber die Mitglieder wissen auch, wie tief eingewurzelt die theosophische Gesinnung war, mit der der Friede wird gewonnen werden können aus der theosophischen Weltanschauung. Auch diejenigen aber, welche vielleicht als jüngere Mitglieder die Gräfin Brockdorff noch nicht gekannt haben, werden angesichts dessen, was sie für die theosophische Bewegung in Deutschland und besonders in Berlin geleistet hat, dankbar dessen gedenken, und mit einer gewissen - durch theosophische Gesinnung im wesentlichen gefärbte Bewegung - zurückblicken auf die letzten Tage, die dem so sehr verehrten und geliebten Mitglied den physischen Tod gebracht haben. Ich bitte Sie, das verehrte Mitglied dadurch zu ehren, dass wir uns von den Sitzen erheben.
Bericht über den Kongress in Paris
Nun will es mir obliegen, in einer kurzen, gedrängten Weise über den Kongress der europäischen Sektion, der zu Pfingsten in Paris stattgefunden hat, und der ja in die Zeit meiner Anwesenheit in Paris fällt, einiges zu sprechen. Es hat sich dabei nicht darum gehandelt, bloß an dem Kongress teilzunehmen, sondern ich habe auch vier Wochen in Paris Vorträge gehalten und versucht, die verschiedenen Gebiete der Theosophie und des Okkultismus in diesen Vorträgen abzuhandeln. Diese Vorträge - ich darf das objektiv sagen - haben einiges Interesse hervorgerufen. Zuletzt war es nicht mehr möglich, in dem kleinen Lokale die Vorträge zu Ende zu führen. Die französische Sektion hat sich unseren besonderen Dank dadurch verdient, dass sie uns ihr Vereinslokal für diese Vorträge zur Verfügung gestellt hat.
Meine besondere Befriedigung darf ich angesichts dieser Vorträge auch damit aussprechen, dass wirklich von Anfang bis zu Ende an diesen Vorträgen gerade ein Mann teilgenommen hat, der für die okkulte und spirituelle Bewegung in unserer Zeit außerordentliches geleistet hat: nämlich Edouard Schur&, den Sie auch aus «Luzifer» kennen.
Zu Pfingsten war also unser französischer Kongress. Dieser Kongress hat, wie alle Kongresse dieser Art, namentlich unsere französischen Genossen und Kollegen lange Zeit beschäftigt, und wer ein wenig in der Lage ist, hinter die Kulissen eines solchen Kongresses zu blicken, und zu sehen, was da zu tun ist, der wird wissen, dass es nicht ohne Grund ist, wenn wir dankbar auf alles zurückblicken, was lange Monate hindurch die französische Sektion - wie im vorigen Jahre die englische Sektion — geleistet hat. Allerdings muss ich Ihnen einen durch Freude versüßten Wermuttropfen beifügen, indem ich Ihnen mitteile, dass wir in dem nächsten Jahre den Kongress in Deutschland haben werden. Ich glaube, dass die Deutsche Sektion fähig sein wird - als die vierte dieser Sektionen -, die Last dieses Kongresses auf sich zu nehmen. Ich hoffe, dass wir im nächsten Jahre viele auswärtige Freunde hier werden begrüRen können.
Wenn ich von den Teilnehmern an dem Kongress sprechen soll, der begonnen hat am Sonnabend, dem 2. Juli, und geschlossen wurde Mittwoch, den 6. Juni, so habe ich zu gedenken des Präsident-Gründers Olcott, der vorzüglich wegen des Kongresses die weite Reise von Adyar nach Paris gemacht hat, und der Vorsitzender des Kongresses in diesem Jahre war. Dann kann ich Ihnen nur einige der Namen nennen als Teilnehmer dieses Kongresses, die Sie interessieren werden. Ich kann Ihnen sagen, dass vonseiten Amerikas nur ein Mitglied da war - das ist natürlich, denn Amerika gehört nicht zu der europäischen Sektion -, unser Mitglied [Bernard]. Von auswärtigen Mitgliedern möchte ich Ihnen nennen einen Inder, der gegenwärtig in England Vorträge halten will: [...]. Er wird Vorträge über die Vedanta-Philosophie halten. Dann war eine Persönlichkeit da, ein Vertreter des Gebietes, das nördlich von Indien liegt, und der in wenigen Worten, die ihm möglich waren, während des Kongresses zu sprechen, in jener Weise gesprochen hat, die eine Vorstellung gab, welche Schattierung der theosophischen Anschauung in dieser Gegend zu Hause ist.
Von europäischen Teilnehmern sind zu nennen: Mister Mead, Mister [Keightley] Generalsekretär der europäischen Sektion, [Kate Spink], dann Misses Cooper-Oakley, dann vonseiten der englischen Sektion Miss [Ward] und einige andere Mitglieder, die in Deutschland kaum dem Namen nach bekannt sein können.
Von der skandinavischen Sektion war vertreten unser Mitglied [Arvid Knös], der in außerordentlich sympathischer Weise die skandinavische Theosophie auf diesem Kongress vertreten hat. Die holländische Sektion war durch Freund [W. B. Fricke] vertreten. Die französische Sektion war selbst da. Dann Pascal, der Generalsekretär der französischen Sektion, der aber durch geschwächte Gesundheit wenig aktiv war und sich nur wenig der Arbeit der theosophischen Bewegung widmen kann. Die hauptsächlichste Arbeit der französischen Sektion liegt bei den drei Geschwistern: Monsieur und [Mesdames Blech], welche dafür gesorgt haben, dass in Frankreich jetzt ein schönes Hauptquartier ist, und die einen Löwenanteil an der Vorbereitung des Kongresses hatten. Daneben wirkte Monsieur Ostermann, der den größten Teil des Jahres im Elsass wohnt und durch seine Tätigkeit unsere Tätigkeit außerordentlich gefördert hat dadurch, dass er es möglich machte, in Strasbourg und in Colmar Vorträge zu halten. In Strasbourg hatte er ein Auditorium von zirka 700 Menschen. Er bringt, wo es geht, der theosophischen Sache sein Interesse entgegen.
Von Spanien, war da Monsieur [Rafael Urbano]. Von Italien war da unser Freund Professor Penzig, Professor in Genua, der zu gleicher Zeit Generalsekretär der italienischen Sektion ist. Die deutschen Mitglieder räulein von Sivers, Baronin v. Bredow, Herr Kiem; außerdem von Köln Fräulein Scholl, Herr und Frau Künstler, Fräulein Noss, Fräulein Link - Köln, jetzt Bonn. In der letzten Zeit hat sich in Bonn eine Loge begründet. Aus Hamburg waren da: Fräulein Wagner, die Schwester von Günther Wagner, der nicht anwesend sein konnte. Dann aus Darmstadt: Herr Kull, aus München: Gräfin Kalckreuth, Fräulein Stinde und [Fräulein Stucky]. Aus Stuttgart: [Carl Kieser], aus Regensburg: Herr [Feldner]. Das sind so ziemlich die deutschen Mitglieder, die anwesend sein konnten. Das würden also die Teilnehmer gewesen sein.
Eröffnet wurde der Kongress durch eine Ausstellung, die in den Räumen des französischen Hauptquartiers in der [Avenue de la Bourdonnais 59] veranstaltet worden ist - am Nachmittag des 2. Juni. In einer Reihe zum Teil symbolischer, zum Teil anderer Bilder hat die französische Sektion sich bemüht, das Bildnerisch-Künstlerische zu einem Teil unseres Kongresses werden zu lassen. Es steht zu hoffen, dass gerade dieser Teil immer mehr ausgebaut werden möge. Es ist wohl richtig, dass die französische Sektion es gut gemacht hat, dass sie nur Werke von französischen Künstlern hat zugelassen. Ob das in diesem Umfange weiterhin so aufgefasst werden kann, das wird Gegenstand sorgfältiger Erwägungen sein müssen. Das künstlerische Element kam zu einer bloßen Nebenbedeutung dadurch, dass der Kongress in einem großen Lokale der [Rue Magellan 14] war, aber die kleinere Ausstellung in den Räumen, die etwas entfernt waren, konnte nur für diejenigen in Betracht kommen, die eine Viertelstunde Zeit gewinnen konnten, um sich die Bilder anzuschauen. Dennoch - überdenken Sie nur, was es kostet, einem solchen Kongress-Komitee, eine größere Anzahl Bilder zusammenzukriegen aus allen Teilen Frankreichs, um nach dieser Seite hin den Kongress zu einiger Befriedigung der Mitglieder zustande zu bringen.
Dann folgte am nächsten Tage morgens die Eröffnung des Kongresses durch Präsident Olcott, die zunächst mit einer sehr sympathischen Leistung begonnen wurde, mit der «Ode an die Sonne», die von unserem französischen Mitgliede [Edmond Bailly] gedichtet und komponiert ist, und die in recht schöner und würdiger Weise den Kongress einleitete. Dann folgte eine Ansprache unseres Freundes Doktor Pascal, des Generalsekretärs der französischen Sektion, eine Ansprache, in der er die Versammelten (über 400 an der Zahl) willkommen hieß. Natürlich lieferten den Hauptstock die Mitglieder des [betroffenen] Landes. Die Zahl der deutschen Mitglieder ist gegenüber der Zahl, die vertreten sein konnte in Amsterdam und in London, etwas gewachsen. Ich darf sagen, dass wir eine ganz günstige Zahl in Paris hatten.
Dann folgte die Rede unseres Präsidenten Olcott, die er zunächst in englischer Sprache hielt und die dann in französischer Sprache wiederholt worden ist. Diese Eröffnungsrede - gestatten Sie mir, dass ich Ihnen einen objektiven Bericht gebe - gehört gegenwärtig wohl einer Strömung in der theosophischen Bewegung an, die eigentlich, ich möchte sagen, nicht mehr auf dem Boden der ursprünglichen Intention der theosophischen Bewegung steht. Ich möchte nicht irgendwie meine Auffassung und Überzeugung den Mitgliedern der Deutschen Sektion verbergen, sondern ich bitte zu gestatten, dass ich in einer verhältnismäßig schwierigen Epoche unserer Entwicklung offen über die Dinge rede, um die es sich handelt. Es handelt sich nicht darum, die Verdienste und Vorzüge des Präsidenten Olcott irgendwie anzutasten, sondern es handelt sich für mich nur darum, ganz unbefangen und in aufrichtiger Weise zu den deutschen Mitgliedern zu sprechen.
Die Rede, die unser Präsident gehalten hat, gipfelt mehr oder weniger darin, das Streben auszudrücken, das in einem großen Teil unserer Gesellschaft sich heute geltend macht, das Streben, den Okkultismus zurückzudrängen. Innerhalb der Gesellschaft wurde dafür ein mehr äuRerliches Studium, wie man es sonst heute finden kann und namentlich, wie man beliebt zu betonen, die ethische Richtung, die moralisierende Richtung in den Vordergrund treten [gelassen]. Ich will nicht sagen, dass die theosophische Bewegung heute schon sich damit ähnlich gestalten würde wie eine Gesellschaft für ethische Kultur. Aber es ist deutlich wahrnehmbar eine gewisses Abziehen von dem eigentlichen Okkultismus und ein Sich-Beschränken auf das, was im ersten Grundsatz steht, auf ein Beschränken auf ein äußeres Studium, auf Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungsresultate, wie Hypnotismus, Suggestion und so weiter; wie gesagt, es besteht eine Scheu, die großen okkulten Probleme zu pflegen, die wir uns in Deutschland bemühten, in den Mittelpunkt der Bewegung zu stellen. Man ist geneigt, sie mehr in den Hintergrund zu drängen.
Ich gehe nicht zu weit, wenn ich bemerke, dass in der Rede ein Zug war, das esoterische Element in der Gesellschaft etwas zurücktreten zu lassen. Es ist selbstverständlich, dass innerhalb der Gesellschaft jeder Mensch seine eigene Meinung haben kann, und dass auch der Präsident seine eigene Meinung haben muss und sie haben kann. Ich muss aber doch sagen, dass für viele Mitglieder das, was der Präsident sagte, mehr Gewicht hat als das, was ein anderer sagt. Es darf aber das, was er sagt, nicht demokratisch genommen werden. Ich selbst würde mich in keinem einzigen Augenblicke auch nur um einen Schritt abbringen lassen von der Bahn, die ich eingeschlagen habe, und die eigentlich wirklich nicht in der Richtung geht, die scheinbar offiziell ist, aber als Meinung eines Einzelnen in der Eröffnungsrede des Kongresses zutage getreten ist. Ich will nicht sagen, — dasjenige, was ich sage, will ich eigentlich nicht sagen -, dass ich es selbst [...] für richtig halte, wenn die theosophische Bewegung allmählich von dem Okkultismus abgedrängt würde, sondern, dass ich gerade die Pflege der großen Gesichtspunkte des Okkultismus und der Esoterik für den Grundnerv halte, der die theosophische Bewegung ausmachen soll.
Ich kann auch sagen, dass ich im Kongress, da wo ich Gelegenheit dazu hatte, in keinem Augenblick zurückgehalten habe, über diese Anschauung zu sprechen. Ich habe gesagt, dass es sich in Deutschland um nichts anderes handeln könne als um die Pflege des Esoterismus und des Okkultismus, obgleich ich manchmal ganz allein stand. Es schien mir aber notwendig, nicht zurückzuhalten mit dem, was ich für die Hauptsache der Bewegung ansehe.
In der letzten Zeit sind unserer Deutschen Sektion - auch von Deutschland-Mitgliedern - Rückgratlosigkeit und allerlei andere Dinge vorgeworfen worden, weil wir uns auf ihre Dinge, die nicht der Mühe wert gewesen waren, nicht einließen, weil wir auf diese Linie nicht eingehen konnten. Da, wo es sich um eine sachliche Opposition handeln wird, werden wir hoffentlich nicht zurückschrecken, diese Opposition zu machen. Ich will durchaus nichts sagen [dagegen], dass unser Präsident seine persönliche Meinung ausgesprochen hat als Präsident, sondern dass er den Usus eigentlich nicht ganz eingehalten hat, den ein Präsident einhalten sollte: Nämlich im Allgemeinen und in einer Art von BegrüRung zu sprechen, also in einer umfassenden Weise zu sprechen, sodass er vielleicht zu weit gegangen ist in der Weise, die sehr leicht die Gefahr hervorrufen kann, dass in der Gesellschaft auch eine bestimmte Prägung gegeben wird. Das müsste durchaus vermieden werden.
Den nächsten Punkt des Kongresses bildeten die einzelnen Ansprachen der Generalsekretäre und dann auch der Vertreter sonstiger einzelner Nationen. Es war ein buntes Gemisch in Bezug auf die Sprachen, da ein jeder seine Begrüßung in seiner eigenen Sprache in Gemäßheit einer richtigen Auffassung eines internationalen Kongresses hielt.
Für Frankreich sprach Doktor Pascal, für Holland sprach [W. B. Fricke], für Schweden und Norwegen [Arvid Knös], für Italien Penzig, für Deutschland ich, für die britische Sektion - das war eine niedliche Szene: Der Generalsekretär der englischen Sektion ist unser Mitglied [Kate Spink], die in der Weise sprach, dass sich Miss [Ward], die eine gute Stimme hat und gut reden kann, hinter sie stellte und diejenigen Worte sprach, die als die Begrüßung der englischen Sektion zu gelten hatten.
Das Letzte war die Mitteilung, dass uns in mehr gemeinschaftlichem Sinn unser Freund Johan van Manen, der seit Jahren als der eigentliche Sekretär des Kongresses der Föderation die Arbeit leistete und in einer außerordentlich geschäftigen und viele betätigenden Weise diesen Kongress immer zustande gebracht hat, und der sich so intensiv dieser Arbeit gewidmet hat, dass er sich im nächsten Jahre einen Erholungsurlaub erlauben musste, sodass wir einen ständigen Sekretär werden entbehren müssen. Es ist daher Fräulein Stinde aus München als Sekretär für die deutsche Arbeit gewählt worden, die im nächsten Jahre also Johann van Manen vertreten wird.
Das war der erste Vormittag. Dann kam der erste Nachmittag, der gewidmet war einer der zwei Diskussionen, die veranstaltet worden sind. Die Fragen dabei waren die folgenden. Die erste Frage war: «In welchem Maße ist die Theosophische Gesellschaft rein eine Gruppe von Suchern nach der Wahrheit? Und eine Gruppe von Studenten? Oder ist sie eine Gruppe von Propagandisten oder von Teilnehmern irgendeines Systems?».
Die zweite Frage war diese: «Ob die Theosophische Gesellschaft keine Dogmen habe oder ob darin irgendwelche Autorität existiere, und welches der Wert dieser Autorität sei?»
Die dritte Frage war: «Ob der moralische Charakter der Individuen beeinflussen soll die Zulassung zur Theosophischen Gesellschaft?»
Dieser letzte Punkt wegen Zulassung [moralisch fraglicher] Individuen wurde gar nicht in die Tagesordnung aufgenommen. Dieser Frage näherzutreten wäre ein schwieriges Experiment. Es würde dann so kommen, dass man Mitglieder unter irgendeiner Form herausgeworfen schen würde aus der Gesellschaft. Wir würden Ketzergerichte damit machen.
Zur ersten Frage sprachen eine Anzahl von Persönlichkeiten, und hier traten insbesondere zwei Stufen deutlich in der Diskussion hervor. Wenn ich charakterisieren soll, was im Schoße unserer Gesellschaft schlummert, so möchte ich das in folgenden Worten sagen: Da ist eine Gruppe, die eingedenk des Zweckes der ursprünglichen Gesellschaft ist und die wünscht, dass wahrer Okkultismus getrieben wird. Dann ist es aber notwendig, dass die, welche etwas wissen, es in irgendeiner Weise sagen können. Dann werden die anderen zunächst zuhören. Es liegt in der Natur der Tatsachen, dass man nicht alles gleich kontrollieren und prüfen kann, was irgendjemand, der es weiter gebracht hat, als Lehrer verkündigt. Immer werden sich solche finden, die sagen: Das ist unkontrollierbar, da kann uns jeder etwas aufbinden.
Dann ist die andere Strömung, die sagt: Es darf in der Theosophischen Gesellschaft keine Autorität geben, keine Dogmen geben, es darf nur gelehrt werden, was ein jeder - und das Wort ist in allen Variationen wiederholt worden -, was jeder in des Wortes common sense verstehen kann.
In Deutschland lebt einer, der alles auf den common sense zurückführen wollte. Sogar Fichte hat sich zu einem Pamphlet aufgeschwungen, denn wer hat den, der Götter tötet. [...] Man könnte ja auch im Reichstag abstimmen lassen, was als allgemeiner Menschenverstand gültig sein soll. Dann könnte man auch dazu kommen, über die Mathematik abstimmen zu lassen und so weiter.
Es gibt also solche, die wissen, worauf es ankommt, und dass das, was wahr ist, nicht der Zustimmung der anderen Menschen bedarf. Es gibt solche, welche die Lehren einsehen und solche, die sie noch nicht verstehen. Deshalb ist es notwendig, dass ein gewisses Vertrauen, eine gewisse persönliche Beziehung besteht zwischen denjenigen, die lehren in der Gesellschaft, und denen, die aufnehmen. Das ist so selbstverständlich, dass man gar nicht darüber diskutieren sollte. Es ist aber eine Strömung in der Gesellschaft, nur darüber zu reden, was jeder weiß und jeder darüber reden kann. Um diese Frage hat es sich gedreht an jenem Nachmittag und um die Autorität in dem Sinne, dass ein gewisses Feld geschaffen werden muss in der theosophischen Bewegung für die, welche aus eigener Erfahrung, aus höherer Erfahrung okkult lehren können. Dafür trat die russische Freundin Miss Kamensky ein, dann Miss Winters, dann ich selbst. Dann sind wir aber so ziemlich mit denen fertig, die für diese Anschauung eintreten. Tatsächlich ist aber eine sehr große Stimmung für die andere [Strömung] innerhalb der theosophischen Bewegung vorhanden, und Mister Mead und Mister [Keightley] sind in energischer Weise für diese Richtung eingetreten. Das ist ein wahrheitsgemäßer Bericht, und ich denke, dass ich Ihnen einen solchen wahrheitsgemäßen Bericht hiermit gegeben habe.
Der Abend war ausgefüllt durch zwei Vorträge. Mister Mead sprach über das Religiöse des Geistes. Was er ausgeführt hat, war aus dem Kreise seiner Studien, die sich seit Jahren bewegen auf dem Gebiete der esoterischen Brüderschaften, welche in den ersten Jahrhunderten des Christentums sich außerhalb des Christentums entwickelten, namentlich der großen Brüderschaften Ägyptens, die den Namen des Hermes Trismegistus tragen, und er suchte zu zeigen, dass die Aufnahmefähigkeit jener großen Brüderschaften es verstanden hat, eine Weisheit zu erreichen, welche einen vollständigen Einklang zu bilden vermag zwischen der Forschung auf der einen Seite und den Anforderungen der Vernunft auf der anderen Seite. Er zeigte, wie damals neben dem Christentum [Strömungen] vorhanden waren, und seine Tendenz ging dahin zu zeigen, wie diese ausgeschaltet haben einen persönlichen Meister, wie sie sich darauf beschränkt haben, den eigentlichen Geist als den eigentlichen Inspirator anzusehen und anstelle dessen, was man als Initiation auffasst, nämlich als Befruchtung eines Geistes durch einen anderen, der weiter ist, die SelbstInitiation zu setzen, die in diesem Sinne die eigentliche Initiation sei.
An demselben Abend hielt Monsieur Bernard, der zwei Jahre in Indien war, einen Vortrag über «Die Probleme der gegenwärtigen Stunde», über diejenigen Probleme, die die Theosophie in den gegenwärtigen Stunden beschäftigen, wie das Ziel der Bruderschaft zum Hochziel der theosophischen Bewegung gemacht ist, wie es schwierig ist, diese richtig zu verstehen und auszulegen, wie die, welche glauben, diese Bruderschaft auszuleben, in allerlei Verirrungen verfallen können. In mehr moralisierender Art suchte er darzulegen, wie diese moralisch-ethische Art der Bewegung zu erfüllen ist.
Am Montag-Morgen begann die eigentliche Sektionsarbeit. Nun hatten wir in zwei Sälen nebeneinander wirkende Sektionen. Ich kann darüber nur wenig berichten. Das Hauptsächliche war ein Vortrag von Frau [von Ulrich], Mitglied der italienischen Sektion. Sie sprach über alte [slawische] Mythen und Sagen; sie versuchte den Okkultismus solcher ursprünglichen Völker herauszuschälen.
Dann habe ich selbst gesprochen über «Theosophie in Deutschland vor 100 Jahren». Es kommt mir nicht zu, über den eigenen Vortrag weitere Mitteilungen zu machen. Von der spanischen Sektion wurde über [Louis Desaint] gesprochen.
Ein anderes Beispiel: Man hielt einen Vortrag über [Henri Bergson], um das Verhältnis der modernen Gelehrten mit dem indischen Okkultismus in Beziehung zu setzen. Mister Whyte aus England hielt einen Vortrag, in dem er auseinandersetzte interessante Beziehungen innerhalb derjenigen orientalischen Esoterik, die man mit dem Namen Mahayana bezeichnet. Dann ist noch etwas vorgelesen worden über eine Gruppe unter dem Titel «Yoga aus Algier». Dann ist vorgelesen worden über ... das war eine Logenarbeit, das Resultat von allen Mitgliedern zusammen.
Der Nachmittag dieses Montages war ausgefüllt durch Fragen. Durch die Frage: Inwiefern die Propaganda ein Ziel für die Bewegung sein könnte, und ob man den einzelnen Logen Direktiven geben solle für eine gemeinschaftliche Arbeit. Das Letztere könnte nützlich sein, wenn Zeit da ist für diejenigen, die so etwas machen können.
Dann kam die Frage: Warum die Theosophische Gesellschaft es nicht über 13000 Mitglieder gebracht hat. In Bezug auf diese Frage werden die recht haben, welche glauben, dass 13000 Mitglieder für die geistige Strömung schon eine ganz ansehnliche Zahl auf der ganzen Welt ist. Und wenn wir den okkulten Charakter der theosophischen Bewegung allmählich abstreifen würden, die Mitgliederzahl auch beträchtlich zurückgehen würde, dass aber unsere Kultur es selbstverständlich macht, dass mit den erweiterten Begriffen des okkulten Wissens die Mitgliederzahl der theosophischen Bewegung immer mehr wachsen wird.
Der Abend des Montags war ausgefüllt mit musikalischen Soireen, die von Mitgliedern der Gesellschaft in Frankreich veranstaltet waren, und die bei reichhaltigem Programm alle Anerkennung verdienten für die musikalische Leistung unserer französischen Genossen. Dann wurde der Abend geschlossen mit einer [r&ception du soir], eine Art Bewirtung mit Tee und anderen Dingen.
Von dem nächsten Tag - Dienstag - möchte ich von den Arbeiten, die gegeben worden sind, nur hervorheben eine Abhandlung von [Edmond Bailly, von dem auch die «Ode an die Sonne»] stammt, mit Auseinandersetzungen gewisser [mantrischer Art, vom Anglophon der Götter [...1]- Dann, hörten wir eine Abhandlung über Mozarts «Zauberflöte», dann eine Anregung von Doktor Pascal (Frankreich) und ferner eine Anregung, welche Miss [Ward] gegeben hat, dass in den verschiedenen Ländern Leute sammeln sollen, um Belege zu erhalten für das, was in der «secret doctrin» von Blavatsky steht und es durch neue wissenschaftliche Entdeckungen zu bestätigen. Sie versprach sich viel davon, dass in diesem ungeheuren Schatz der Wissenschaft, der im Laufe der Zeit geschaffen worden ist, gesammelt wird und als Stütze der Geheimlehre benutzt wird.
Dann hat ein Mitglied der französischen Gesellschaft, [Commandant D. A. Courmes], gesprochen über dasjenige, was zu tun ist in der theosophischen Bewegung, um die materielle Seite der Theosophie zu pflegen, die gegenseitigen Unterstützungen in geistigem und materiellem Sinne. Es sind besondere Vorschläge nicht gemacht worden. Aber es sollte nach dieser Richtung eine Anregung gegeben werden, zu prüfen, wieweit die Mitglieder in dieser Frage sich Hilfe leisten können.
Dann ist hervorzuheben ein Vortrag, den [Frederick Bligh Bond] gehalten hat, der die interessieren wird, die für eine mehr materialistische Ausgestaltung der theosophischen Grundideen sind. Er hat versucht, durch Zusammenstellung gewisser Pendelbewegungen Figuren zu zeichnen [...], die dadurch zustande kommen, dass ein Pendel nach der einen Seite ausschlägt und ein anderes Pendel dasselbe kreuzt. Dadurch entstehen interessante Schwingungsverhältnisse. Unser Freund Gysi in Zürich hat versucht, ein gewöhnliches Stück eines Baumes herauszuschneiden, und einen Tropfen Flüssigkeit eines Farbstoffes darauf fallen zu lassen und den dann in den Kanälen verrinnen zu lassen. Da hat sich herausgestellt, dass ein Stück Holz die Figur eines Schmetterlings gibt, ein anderes Stück die Form einer Blüte. Man kann wunderschöne Formen da 'herausbekommen. Das ist besser, weil es sich da um Wirklichkeit handelt, die auf dem Astralplan lebt, während es sich bei der Pendelbewegung mehr um Spielerei handelt.
Am Dienstag-Nachmittag wurde der Kongress um vier Uhr geschlossen. Der Präsident war unpässlich geworden und konnte nicht am Schlusse des Kongresses teilnehmen. Der Kongress wurde geschlossen durch eine Ansprache unseres französischen Freundes Pascal und durch Ansprachen der verschiedenen Generalsekretäre. Bei der Eröffnung haben nicht nur Generalsekretäre gesprochen, sondern auch die anderen. Es war interessant, Indien und Persien zu hören, dann das Mitglied aus Spanien sprechen zu hören, ich kann fast sagen, sprechen zu sehen. Ich erinnerte mich da an den Wiener Universitätslehrer Unger. Der sagte einmal: Die einzelnen Nationen unterscheiden sich durch vieles, unter anderem auch durch ihre Redner. - Und während die romanischen Seelen Reden haben, die einen Einklang haben zwischen Gebärde und Rede, haben die Germanen keine Gebärden. Der Spanier hat mit Kopf, mit Händen und Füßen geredet. Dabei hat er schr warmherzig gesprochen. Er sprach auch in einer Diskussion; da sagte er, dass man die Theosophie im Herzen und im Kopfe haben muss, dann kann man sie auch hinaustragen mit den entsprechenden Gesten dazu. Kamensky sprach in der russischen Sprache. Dann kam ein tschechischer Redner. Die zirka zehn Mitglieder in Prag waren durch ihn vertreten. Sie gehören zu uns in Deutschland. Am nächsten Tage versammelte man sich zu einer Exkursion nach Meudon. Man [sieht] die Stadt von einem in der Nähe liegenden Punkt von auswärts. Damit war der Kongress geschlossen.
Es ist beschlossen worden, im nächsten Jahre den Kongress in Deutschland zu machen, und wir haben uns bemüht, die Freunde der Welt zu uns einzuladen.
Zum Fall Leadbeater
Wir haben uns zwar schon etwas zu lange damit aufgehalten, aber dennoch muss ich noch eine Angelegenheit besprechen, die zu besprechen mir notwendig scheint, die etwas zusammenhängt mit den Dingen, von denen ich Ihnen als Schwierigkeit der theosophischen Bewegung gesprochen habe. Ich erinnere diejenigen, die bei unserer Generalversammlung waren, dass unser Freund Hübbe-Schleiden vereint mit Herrn Deinhard davon sprach, dass unsere Bewegung durch eine schwere Krisis durchgeht. Ich habe schon gesagt, dass diese Krisis nicht in einer Aktion Hensoldt und Bresch besteht, sondern dass wir in diese Krisis jetzt voll eingetreten sind durch ein gewisses Ereignis.
Ich möchte über dieses zu einer großen Krisis führende Ereignis jetzt sprechen. Es war etwas wie ein schwarzer Schatten wirksam im Untergrunde der ganzen Kongress-Stimmung, und diejenigen, welche sich, wie die Generalsekretäre, befassen mussten mit dem, was zu den Untergründen gehört, sie hatten - der eine mehr als der andere - mit diesen schwierigen Verhältnissen zu tun. Sie wissen, dass zu denjenigen Persönlichkeiten, zu Persönlichkeiten, welche von einer großen Anzahl von Theosophen in aller Welt in den Jahren bisher am meisten geschätzt worden sind, auch Mister Leadbeater gehört, und dass die Leadbeater-Bücher zu den beliebtesten Literaturmitteln der theosophischen Bewegung gehören, in der letzten Zeit hatte Leadbeater durch Amerika und Australien hindurch wirkungsvolle Vorträge für die theosophische Bewegung gehalten. Sie wissen auch - die Mitglieder der Berliner Zweige wissen das am besten -, dass diese Verehrung Leadbeaters außerhalb Deutschlands noch eine gröRere war als innerhalb Deutschlands. Sie wissen, dass manche, die von außen kamen, wie [Schouten Beek] immer sagten: Aber Leadbeater sagt das anders. - Sie können sich also denken, dass es für gewisse Mitglieder bedeutsam war - wenn auch für Okkultisten nicht überraschend -, als nach dem 16. Mai die verschiedenen Generalsekretäre die Mitteilung bekamen, dass am 16. Mai der Präsident Olcott sich bemüßigt gesehen hat, ein Komitee zusammenzuberufen, bestehend aus englischen, amerikanischen und französischen Mitgliedern, um über Leadbeater zu beraten, sodass Leadbeater jetzt ausgetreten ist, respektive den Ausschluss bewirkt haben würde. Es ist ein harter Schlag, wenn eine der Säulen der Theosophischen Gesellschaft auf schwere Anklagen derjenigen Sektion hin, in der er in sonst erfolgreicher Weise gewirkt hat, jetzt ausgeschlossen wird.
Nun ist es, ich möchte fast sagen, eine ganz unüberwindliche Schwierigkeit, über die Gründe zu sprechen, die zum Ausschluss von Leadbeater geführt haben. Sie wissen - es handelt sich hier um ein Problem, wie es von mir immer wieder betont worden ist -, dass zwischen dem, was man schwarze und weiße Magie nennt, eine Grenze ist, die so leicht zu durchbrechen ist wie ein Spinngewebe, und dass ein Abfall bei weit entwickelten Persönlichkeiten durch allerlei unmögliche Künste sehr leicht möglich ist.
Hier liegt tatsächlich eine Tatsache vor, die für den Okkultisten zwar verständlich, selbstverständlich aber keinesfalls in irgendeiner Weise zu verteidigen ist - die ja gegenwärtig gar keine andere Lösung hat finden können als die, welche im Ausschlusse von Leadbeater liegt. Wenn ich andeutungsweise sprechen soll, um den schweren Fall, um den es sich hier handelt, etwas zu klären, so muss ich ihn in Zusammenhang bringen mit mancherlei Zeitverhältnissen.
Sie müssen nicht vergessen, dass der Okkultismus den Menschen hinaufführt in höhere Stufen des geistigen Lebens, dass in bewusster Weise der Mensch durchschreiten muss dasjenige, was er in unbewusster Weise in vergangenen Zeiten durchlebt hat.
Ich habe Sie in der verschiedensten Weise geführt durch die erhabenen Mysterien der Vorzeit. Ich habe bis jetzt, weil ich es nicht für notwendig hielt, noch nicht von den Ausartungen der Mysterien gesprochen. Aber es gibt auch ausgeartete Mysterien, welche die heiligen Lehren, welche in die Tiefen des Weltenalls hineinleuchten, zu dem Niedrigsten heruntergezogen haben. Es gibt Mysterien, welche zum wüstesten Geschlechtskultus und zu dem wüstesten Missbrauch der Geschlechtsorgane ausgeartet sind, und dasjenige, das auf der einen Seite zu dem Erhabensten führt, kann, wenn es missbraucht wird, tatsächlich zu dem Furchtbarsten führen. Oftmals werden Sie gehört haben, dass das bei den großen Lehrern der alten Ägypter symbolisch zum Ausdrucke kommt, dass man es vergleicht mit Worten - Osiris, das männliche; Isis, das weibliche Prinzip -, dass man geschlechtliche Vorstellungen herbeiruft, um dasjenige zu bezeichnen, was in die höchste Region des Geistes hinaufgeht. Ebenso ist es beim Menschen, der über alle Lehren hinauskommt. Ebenso leicht ist es wieder, dass er in den Sumpf hineinfallen kann.
Nun liegt es bei Leadbeater noch so, dass er zu Ausschreitungen gekommen ist, die außerordentlich von der Moral verurteilt werden. Er ist ausgegangen von Priestern, die ihm die Schwierigkeiten des Lebens bei erwachendem Geschlechtstrieb schilderten und Hilfe anboten, sodass die Ansicht sich herausgebildet hat, dass man demjenigen, was es an Ausschreitungen auf diesem Gebiete gab, entgegenarbeiten muss. Das verband sich bei ihm mit allerlei Praktiken, die man /unleserliches Wort] Praktiken nennt, die sich in sein Erziehungssystem mischen. Es ist schwer, da weiterzureden. Es handelt sich hier um einen hässlichen Fall von Abgleiten, den der Okkultist zu verstehen hat, der sich verurteilt nur innerhalb des eigenen Karma des Lebens.
Man muss nicht vergessen, dass er unendlich viel geleistet hat. Was er geleistet hat, wird gewonnen sein. Was er verbrochen hat, wird durch ihn wieder abgearbeitet werden müssen. Der Außenstehende hat nicht zu richten über den Mitmenschen, weil Karma der unbestechliche und gerechte Richter ist. Deshalb mischen wir uns auch in persönliche Angelegenheiten nicht hinein.
Olcott hat es für gut befunden, den Generalsekretär der Deutschen Sektion in dieser Frage nicht zu befragen. Es ist also die deutsche Stimme nicht infrage gekommen. Das möchte ich nicht als Unglück bezeichnen, weil es dem Okkultisten schwer gewesen wäre, eine bestimmte Stellung einzunehmen. Leadbeater hat die Anschauung, dass er recht gehandelt hat, und die Meinung, dass er mit dem, was er verbrochen hat, im Sinne der Kulturentwicklung gut gewirkt hat. Diejenigen aber, die über ihn geurteilt haben, sind der Meinung, dass er etwas Schlimmes getan hat, das nach den Gesetzbüchern der verschiedensten Staaten - mit Ausnahme Italiens - in schwerster Weise bestraft wird.
Wir haben hier einen Fall, der eine Krisis, eine Schwierigkeit innerhalb der theosophischen Bewegung bedeutet. Und vielleicht [diejenigen], die heute erst zutreten wollen zur theosophischen Bewegung oder erst kurze Zeit dabei sind und oberflächlich bekannt sind mit dem, was in der theosophischen Bewegung vorgeht, die werden sich sagen: Wenn in der theosophischen Bewegung solche Dinge vorkommen können, wenn ein Mensch, der Bücher schrieb, die unzählige Schüler gebracht haben, der Unmoral verfallen kann und angeklagt werden kann, [dann] bleibt uns fern, wenn das eine so gefährliche Sache ist. - Andere werden Angst bekommen, wenn sie hören, dass ein Weitvorgeschrittener in einen solchen Fall kommen kann. Wer weiter vorgeschritten ist, der wird sich sagen: Wie viele Leute auch abfallen mögen, das kann der theosophischen Bewegung nicht schaden. Gerade darin wird sich zeigen, wer in die theosophische Bewegung nur hineingeregnet ist, wenn sie wegen solcher Ereignisse abfallen. Diejenigen aber, welche die Bedeutung und Größe und den Wert der theosophischen Gesellschaft erkennen, werden sich besser zusammenschließen. Sie werden gerade auf dem Gebiete des Okkultismus und des esoterischen Lebens die sonderbarsten Dinge erleben. Nicht nur der geht aus der Bewegung heraus, der für den ethisch denkenden Menschen etwas nicht ganz Richtiges [getan] hat. Grund dazu kann es auch geben, wenn über die theosophische Bewegung und über die Mitglieder der theosophischen Bewegung gesprochen wird, wenn von Standpunkten geurteilt wird, die die theosophische Bewegung nur in ein jämmerliches Licht zu stellen vermögen, - vermöge ihrer Voraussetzungen. Unsere Kultur leidet an einem Übel, das das Übel vieler abscheulicher Schattenseiten der Kultur ist. Es ist das Übel, das mit dem sexuellen Leben zusammenhängt. Derjenige, der offene Augen hat und sehen kann, in welch jammervollen Sumpf die Menschheit hineinsegelt, der ein Vielseitiges ist, der kann bis zu einem gewissen Grade ein Guter und bis zu einem gewissen Grade ein Böser sein. Diejenigen, die den weißen Pfad betreten haben, steigen die guten Seiten der Kultur hinan, diejenigen, die den schwarzen Pfad betreten haben, besteigen die verwerfliche Seite, die schlimme Seite, sodass alles, was sie hören können von irgendeiner Seite, über schlimme Seiten des Okkultismus, nichts anderes ist als das ins Groteske, ins Karikaturhafte Verzerrte des Okkultismus.
Freilich können die Leute sagen, was unsere Dichter und Dichterinnen, was unsere Künstler und Künstlerinnen leisten, was nach diesen Richtungen hin an Scheußlichkeiten geleistet wird, ist schon groß genug. Man braucht den Okkultismus nicht mehr zu verbieten. Sie müssten den Okkultismus einfach streichen, trotzdem [er] so notwendig ist, da [die Menschheit] zugrunde gehen müsste, wenn sie denselben nicht hätte. Ich habe schon in Paris zu unseren Mitgliedern gesagt: Durch ein einfaches Gleichnis lässt sich der Fall Leadbeater erledigen. Er soll nicht entschuldigt und auch nicht verteidigt sein: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten; wo starkes Licht ist, ist auch schwarzer Schatten. Nun braucht der Okkultismus das Licht der Kulturbewegung. Er hat aber schwarze Schatten. Es wird sich also darum handeln, dass allmählich die theosophische Bewegung, trotz ihrer schweren Krisis, trotz ihrer schweren Beeinträchtigungen, über die Schatten hinwegkommt zu einer wirklichen Fruchtbarmachung des Lichtes, das sie zu üben hat.
Es konnte nicht meine Aufgabe sein, Ihnen, nur um einen Tag länger hier zu sein, dieses etwas schmerzliche Ereignis der theosophischen Bewegung zu erzählen. Aber ich habe Ihnen zu gleicher Zeit zu sagen gehabt - und das ist meine Aufgabe -, dass auch meiner eigenen Auffassung nach ein solches Ereignis die Stoßkraft und den Impuls der theosophischen Bewegung nicht beeinträchtigen kann. Selbst wenn es sich in verschiedenen Krisen, die die theosophische Bewegung erlebt in der nächsten Zeit, ergeben würde, dass aus einem Verkennen des eigentlichen Kernpunktes und aus einem bloßen Hinschauen auf die Schattenseiten Verfolgungen sich ergeben könnten derjenigen, die die Sache führen, so dürften wir keinen Augenblick wanken, wenn wir die Größe und die Kulturbedeutung der theosophischen Bewegung einsehen. Wir werden auch über die Leadbeater-Krisis hinwegkommen. Diejenigen aber, die nicht wissen, um was es sich handelt, die werden abfallen. Sie wissen, dass große Aufgaben von allen Seiten an die Pforten klopfen, die wir als die Pforten der Kultur der Zukunft kennen. Sehen Sie, wie die Welt physisch und moralisch in Flammen steht. Bedenken Sie, wie der Boden unter den Füßen zu wanken beginnt, nicht nur im Osten, sondern auch in Europa, und verstehen Sie die tiefe Rolle, welche die Erkenntnis der Geisteskräfte bedingt. Wer so denkt, wird auch den Fall Leadbeater anders ansehen. Es rast der Sturm und fordert seine Opfer. Es ist ein großes Opfer, wie es sich noch herausstellen wird in den Konsequenzen, die der Fall Leadbeater nach sich ziehen wird. In der nächsten Nummer des «Luzifer» werde ich eine Darstellung des Falles Leadbeater und alles dessen, was mit dieser Sache zusammenhängt, geben. Ich bitte zu gleicher Zeit zu entschuldigen, dass der «Luzifer» so unregelmäßig erscheint, aber die nächste Nummer wird am 31. erscheinen. Sie werden sich dann aus der Lektüre noch ein genaues Urteil bilden können über den Fall, dessen Besprechung sich fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzen.
Damit wäre ich an das Ende meiner Auseinandersetzungen [gekommen].