The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 21 October 1906, Berlin
31. Vierte Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
Bericht in den «Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar), herausgegeben von Mathilde Scholl», Nr. IV/1907
Um ½11 Uhr eröffnete der General-Sekretär der Deutschen Sektion Herr Dr. Rudolf Steiner die vierte ordentliche Generalversammlung. Als Punkt I erfolgte [die] Feststellung der Stimmen. Vertreten waren:


Nicht vertreten waren: Bremen, Stuttgart I, Charlottenburg. Desgleichen hatten die einem Zweige nicht angehörenden Sektionsmitglieder von ihrem Rechte, Vertreter zu ernennen, keinen Gebrauch gemacht.
Zum Schriftführer wird Herr Selling gewählt. Derselbe verliest das Protokoll der Generalversammlung vom 22. Oktober 1905; dieses wird von der Versammlung genehmigt.
Zu Punkt II, Bericht des Generalsekretärs, begrüßt Dr. Rudolf Steiner zunächst die anwesenden Mitglieder aufs Herzlichste im theosophischen Sinne und führt über den Lauf der Bewegung des verflossenen Jahres etwa Folgendes aus:
«Es hat sich bei meinen Reisen und Vorträgen gezeigt, dass die eigentliche wirksame Grundlage unserer theosophischen Bewegung nicht in dem bloßen Reden von allgemeiner Menschenliebe und dergleichen liegt, sondern der wirkliche Grund, der die meisten zur Theosophie treibt, besteht in dem Wunsche nach Kenntnisnahme des Weisheitsschatzes der Theosophie. Und dies ist ganz berechtigt. Die Moral ist das Ergebnis der Weisheit. So gewiss es ist, dass im Menschen die Sehnsucht lebt, sich zu edler Menschlichkeit zu entwickeln, so gewiss ist es, dass die abgebrauchten Redensarten von Pflichten, die bloßen moralischen Ermahnungen sich als unwirksam erwiesen haben. - So, wie ein Ofen nicht Ermahnung, sondern wirkliche Feuerung braucht, um Wärme auszustrahlen, so muss auch der Mensch, um moralisch zu handeln, einen solchen Antrieb empfangen. Diese wirkliche Feuerung ist die okkulte Weisheit.
Bei dem Verbreiten dieser Weisheit konnte es natürlich an Widerständen, an Hemmnissen der verschiedensten Art, nicht fehlen. - Das, was als Opposition beim Heraustragen dieser Weisheit sich entgegenstellte, lässt sich als Unverständnis auf der einen, als Selbstzufriedenheit auf der anderen Seite charakterisieren. Wenn viele von dem, was sie nicht gleich selbst sehen, überhaupt nichts wissen wollen, so ist es andererseits gewiss richtig, dass die Menschen sich fragen: Können wir mit der gewöhnlichen Logik diese okkulten Dinge begreifen? Sie würden aber, wenn sie sich nur wirklich damit beschäftigen wollten, gar bald einsehen, dass die Lehren der Theosophie ebenso wenig der Logik widersprechen als etwa die Lehren der gewöhnlichen Naturwissenschaften.
Andere möchten sich wohl beteiligen an der Veredelung der Moral, aber sie wollen dabei auf derselben Stelle bleiben, auf der sie gerade stehen, sie wollen helfen mit dem, was sie gerade schon erreicht haben. Die Theosophie aber besteht in dem Streben nach Selbstvervollkommnung. Das einzuschen, dazu gehört jener Takt, der sich nicht berufen fühlt, cher helfen zu wollen, che er wirklich etwas zu geben hat.
Wenige Gelehrte gehören heute noch der theosophischen Bewegung an, also wenig aus dem Kreise jener Leute, die von der Unfehlbarkeit ihrer eigenen Anschauung überzeugt sind; denn etwas der eigenen Meinung nach Unfehlbareres als die heutige Wissenschaft kann es gar nicht geben. Meist sind es Menschen, die mitten im Leben stehen, die die Sehnsucht nach den Kräften, die der Weisheitslehre entströmen, zur theosophischen Bewegung treibt. Diese Sehnsucht nach Sicherheit und Kraft ist trotz aller Widerstände, die in unserer Zeit liegen, im Wachsen, das zeigt uns die erfreuliche Zunahme der Mitgliederzahl. - Wenn sich die Gelehrsamkeit jetzt noch ablehnend verhält, so soll uns das nicht ungerecht machen gegen die Verdienste dieser Gelehrsamkeit, sondern uns anspornen, die Kultur der Gegenwart und ihre Gelehrsamkeit für unsere theosophische Bewegung zu erobern. Unter dem Einflusse unserer heutigen Kultur denken fast alle unsere Gelehrten viel materialistischer, als sie selbst ahnen.
Als ein Symptom der Hindernisse, welche diese materialistische Denkungsweise unseren Anschauungen entgegenstellt, möchte ich auf eine Darstellung hinweisen, die vor Kurzem ein Biologe, der von der Ansicht ausgeht, dass alles in der Welt auf materialistischer Grundlage beruhe, über die Natur der Bewegung gegeben hat. Der betreffende Gelehrte meinte, dass er sich die tieferen Ursachen der Bewegung einer Billardkugel nicht anders vorstellen könne, als dass bei dem Zusammenstoß ganz kleine Teilchen der einen Kugel auf die andere übertragen würden und dadurch die Fortbewegung verursachten. - So stellt sich also einem modernen Gelehrten das Problem der Bewegung dar als eine Art von winzigem Passagier, der von einem Zug in den andern übergeht. - In einem Zeitalter, wo solche materialistische Anschauungsweise die Wissenschaft beherrscht, ist es begreiflich, dass eine geistige Bewegung es ganz besonders schwer hat.
Ohne noch weiter auf alle diese Dinge einzugehen, möchte ich nur noch betonen, dass die theosophische Bewegung die einzige Bewegung ist, die ganz auf Freiheit gebaut ist.
Ganz ohne Autorität geht es jedoch auch dabei nicht; aber Autorität wird in keinem anderen Sinne verstanden, wie im Laboratorium derjenige eine Autorität ist, der etwas von Chemie versteht.
Gegenüber allen früheren geistigen Bewegungen, die äußere Machtmittel benutzten, um sich durchzusetzen - ich erinnere nur an die Kirche -, ist die theosophische Bewegung eine ganz freie Bewegung, die nur auf den Geist gebaut ist. Ohne äußere Mächte zur Unterstützung anzurufen, die für eine geistige Bewegung heute versagen müssen, ohne Propaganda im gewöhnlichen Sinne, denn die theosophische Bewegung agitiert nicht, stellt sie sich dar. Jeder muss aus eigenem freiem Entschluss an sie herantreten. Bei dem, was sie dem Menschen darbietet, handelt es sich nicht um äußere Organisation, um Agitation im Sinn der alten Machtorganisationen. In der Theosophie kann es sich nur um eine Organisation handeln, um die Menschen das finden zu lassen, was sie selbst in sich suchen. Ohne Polemik, selbst ohne Polemik gegen die, die uns angreifen, lassen Sie uns positive Arbeit leisten.
Wenn uns manchmal gesagt wurde, dass wir doch die Angriffe gegen uns zurückweisen müssten, so ist gewiss manchmal eine Richtigstellung notwendig, im Allgemeinen aber lässt sich jedes Ding aus seinen Früchten erkennen. Positive Arbeit wollen wir leisten, positive Arbeit, die hinaufführt bis zu den höheren Welten; der Kampf fördert nichts, er kann auf dem physischen Plane allenfalls etwas zurechtrücken. Aber auf den höheren Planen kann nur positive Arbeit helfen.
Über den internationalen Kongress dieses Jahres in Paris haben Sie ja Bericht erhalten. Das Wesentlichste, was wir mit heimgebracht haben für die Deutsche Sektion, ist ein großes Stück Arbeit: die Vorbereitung zum nächsten Kongress in Deutschland. Wir werden im nächsten Jahre die Vertreter der einzelnen Sektionen in Deutschland begrüßen. Die Verhandlungen über den nächsten Kongress bilden ja einen Teil des Programms der heutigen Generalversammlung.
Zu den Vorträgen, die überall gehalten wurden, hat sich noch etwas Neues hinzugesellt: Vortragszyklen - außer in Paris auch in Leipzig und Stuttgart; in München wird demnächst einer beginnen. Solche Zyklen sind von großem Wert; sie lassen die Grundlagen der theosophischen Weltanschauung an der Seele vorüberziehen.
Gedacht soll aber auch an dieser Stelle der Mitglieder werden, die in diesem Jahre den physischen Plan verlassen haben. Ganz besonders wollen wir hierbei unseres allverehrten Mitgliedes, der Gräfin Brockdorff, gedenken, an deren anspruchsloses, aber umso mehr anzuerkennendes Wirken, zu einer Zeit, wo nur wenige in Deutschland für die Theosophie einzutreten bereit waren. Zu Ehren der Verstorbenen wollen wir uns von unseren Sitzen erheben.
Unserer Bewegung sind im letzten Jahre gute Mitarbeiter zugewachsen, insbesondere durch Frau Wolfram, Leipzig. Es ist das zu betonen, weil wir in ihr eine Mitarbeiterin haben, wie sie sich die Theosophische Gesellschaft nur wünschen kann. Ferner darf ich zur Kenntnis bringen, dass sich unser altes bewährtes Mitglied Herr Günther Wagner entschlossen hat, seinen Wohnsitz in Lugano mit dem in Berlin zu vertauschen, um hier hilfeleistend mitzuwirken. Es wird uns durch seine Kraft möglich sein, manches zu tun, was in den letzten Jahren unterbleiben musste.
Wollen wir hoffen, dass durch das Zusammenwirken aller Kräfte die theosophische Bewegung im kommenden Jahre sich gedeihlich ein gut Stück weiterentwickeln möge.» Fräulein von Sivers als Sekretär der Deutschen Sektion gibt hierauf folgenden Bericht über den Gang des theosophischen Lebens im verflossenen Jahre:
Es bestehen 24 Zweige gegen 18 im Vorjahre, ferner 3 Zentren: Regensburg, Elberfeld und Esslingen.
Ausgetreten sind 11, gestorben 7 Mitglieder, neu eingetreten 232, gegen 131 im Vorjahre, Zuwachs 214. Im Ganzen beträgt die Mitgliederzahl 591, gegen 377 im Vorjahre.
Die Namen der neuen Zweige sind: Basel, Bonn, Bremen, Frankfurt a.M., Heidelberg, München II, St. Gallen. Die DTG (Zweig Berlin) hat sich aufgelöst.
Nunmehr folgt der Rechenschaftsbericht des Kassenwarts Herrn Seiler:

Nach dem Berichte des Kassenrevisors Herrn Tessmar wird dem Kassierer Decharge erteilt.
Es folgt die Verlesung und die Übersetzung eines Begrüßungsschreibens des englischen Generalsekretärs Miss Kate Spink durch Fräulein von Sivers.
Da Berichte von Delegierten über Arbeit in den Zweigen nicht vorliegen, bemerkte der Generalsekretär zu diesem Punkte, es sei wünschenswert, dass seitens der Zweige als Pflicht erkannt werden sollte, solche Berichte in den «Mitteilungen» von Fräulein Scholl zu veröffentlichen.
Hierauf erfolgte die Wahl eines neuen Vorstandsmitgliedes anstelle von Frau Lübke, die wegen Übersiedelung nach England der dortigen Sektion beigetreten ist. Frau Wolfram, Leipzig, wird hierzu vorgeschlagen und einstimmig per Akklamation gewählt.
Punkt III bildet die Besprechung über den nächstjährigen Kongress der Föderation europäischer Sektionen. Hierzu ergreift Dr. Steiner das Wort und führt etwa Folgendes aus: «Das Generalsekretariat und der Vorstand schlagen vor, den Kongress in München abzuhalten. Die Beweggründe hierzu seien rein praktischer Natur, da die geeigneten Kräfte für die lange und viel Hingebung erfordernde Arbeit nur in München zur Verfügung stehen. Als Zeitpunkt erscheine Pfingsten als der geeignetste.»
Auf Anfrage des Herrn Hubo, wie die Ausgestaltung des Kongresses geplant sei, äußerte sich Dr. Steiner etwa dahin, dass alle bisherigen Kongresse als Versuche aufzufassen seien. Aufgabe des deutschen Kongresses soll sein, alles in innigen Einklang zu bringen miteinander, sodass Kunstwerke, Musik und Rede stimmungsvoll mit dem übrigen Arrangement zusammenwirken und klingen - in seiner gedachten Wirkung dahin strebend, an die alten Mysterien zu erinnern. Hierzu sei auch die Aufführung eines Mysteriums geplant. Wieweit dies alles sich verwirklichen lassen wird, ist natürlich von den Umständen abhängig. Dr. Steiner teilte ferner mit, dass als Sekretär des internationalen Kongress-Komitees anstelle des Herrn van Manen Fräulein Stinde für dieses Jahr gewählt worden ist, als Kassiererin für das internationale Kongress-Komitee Gräfin Kalckreuth und als Leiterin und Kassiererin für die Deutsche Sektion Fräulein von Sivers. Alle Anfragen der deutschen Mitglieder, auch Zahlungen, sind also ausschließlich an Fräulein von Sivers zu richten, und diese nur setzt sich mit Fräulein Stinde in Verbindung.
Als weitere Mitglieder des deutschen Komitees sind gewählt:
Fräulein Scholl,
Baronin von Gumppenberg,
Herr Günther Wagner,
Herr Arenson.
Zur Deckung der etwa 4000 bis 5000 Mark betragenden Kosten des Kongresses wird noch vorgeschlagen, eine Liste für freiwillige Beiträge alsbald in Umlauf zu setzen, und Herr Selling ermächtigt, Einzahlungen in Empfang zu nehmen.
Hierauf erbittet der Generalsekretär den Auftrag, die Generalsekretäre der übrigen Sektionen namens der Generalversammlung zu begrüßen. Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden.
Zu Punkt IV, «Endgültige Erledigung der Angelegenheit der Bibliothek der Deutschen Theosophischen Gesellschaft», berichtet der Generalsekretär, dass die Angelegenheit eine erfreuliche Wendung genommen habe; Graf Brockdorff habe nämlich sämtliche Rechte, die ihm an der Bibliothek zustehen, Herrn Günther Wagner übertragen. Nach längerer Debatte überträgt Herr Günther Wagner seinerseits diese Rechte auf die Deutsche Sektion.
Folgender Beschluss wird von der Generalversammlung hierzu gefasst:
«Die Deutsche Sektion übernimmt die Bibliothek der ehemaligen Deutschen Theosophischen Gesellschaft auf Grundlage der Übertragung der Rechte, die Graf Brockdorff an ihr besaß, an Herrn Günther Wagner. Der Vorstand der Sektion will sich als Bibliothekkommission betrachten und überträgt Herrn Günther Wagner die Maßnahmen zur wünschenswerten Installierung der Bibliothek und zu deren weiterer Verwaltung.» Auf Antrag des Herrn Tessmar wird Herr Günther Wagner aus Anerkennung seiner hochherzigen Handlungsweise von der Deutschen Sektion zum lebenslänglichen Verwalter der Bibliothek ernannt.
Punkt V: Anträge aus dem Plenum.
Herr Hubo: Die Kosten für die «Mitteilungen» sollen gedeckt werden durch einen jährlichen Beitrag von 50 Pfennig pro Mitglied.
Dr. Steiner stellt fest, dass der Antrag in dieser Form nicht möglich sei, da die vorjährige Generalversammlung die kostenlose obligatorische Zustellung der «Mitteilungen» beschlossen habe. Es müsste also eventuell der Beschluss gefasst werden, den Beitrag zu erhöhen. Nach einer längeren Debatte, an der die Mitglieder Scholl, Wolfram, Hubo, Ahner, Wagner sich beteiligen, zieht Herr Hubo seinen Antrag zurück. Herr Hubo schlägt darauf vor: In Anbetracht dessen, dass sich die Kosten des deutschen Kongresses nach bisherigen Erfahrungen auf mindestens 4500 Mark belaufen werden, sind freiwillige Zeichnungen erforderlich und eine Eintragungsliste sogleich in Umlauf zu setzen. Es wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, dass Einsendungen von gezeichneten Beträgen nur an Fräulein von Sivers gemacht werden können.
Zu dem Punkt VI, «Verschiedenes», liegt kein Material vor, worauf Herr Dr. Steiner den geschäftlichen Teil schließt und bekannt gibt, dass um vier Uhr der sachliche theosophische Teil der Generalversammlung beginnt.