The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 4 March 1907, Berlin

32. Nachruf Auf Henry Steel Olcott Gestorben am 17. Februar 1907

Ich will mit dem, was ich heute sagen werde, keine Würdigung der unschätzbaren Verdienste Olcotts geben. Er war ja nicht nur langjähriger Präsident der Theosophischen Gesellschaft, sondern auch Mitbegründer der theosophischen Bewegung. Durch sein großes organisatorisches Talent und durch sein administratives Talent, das außerordentlich war, hat er die Gesellschaft zu dem gemacht, was sie heute ist. Die geistige Strömung ist allerdings zurückzuführen auf H. P. Blavatsky, die durch die eigentümliche Organisation ihrer Seele die Möglichkeit bot, den großen Meistern der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen die Weisheiten in die Bewegung einfließen zu lassen. Olcott war ihr treuer Gefährte und das war die wirkliche Hälfte der Arbeit in diesem Falle.

Sie müssen sich klar sein, wie eigentlich die Arbeit um die ganze Bewegung, die wir die theosophische nennen, aufzufassen ist. Notwendig wurde sie in einem gewissen Zeitpunkte des neunzehnten Jahrhunderts. Es wurde notwendig, dass ein Teil von jener spirituellen Weisheit, die eigentlich vorher nur in den engsten Kreisen, in eng geschlossenen okkulten Brüderschaften zu Hause war, der allgemeinen menschlichen Kultur zugeführt wurde.

Die Meister können nicht unmittelbar vor die Menschheit hintreten; und zwar aus Gründen, die hier nicht erörtert werden können. Sie brauchen Werkzeuge. Und H. P. Blavatsky war ein solches brauchbares Werkzeug.

Dankbarkeit wird das Gefühl sein, welches die Mitglieder der Gesellschaft Colonel Olcott werden bewahren müssen. Die selbstlose Liebe, die über den Tod hinaus bewahrt wird, beschwingt ihn wie mit Flügeln und erleichtert ihm den Aufstieg.

Es ist dem Präsident-Gründer als solchem das Recht zugestanden worden, aus seiner persönlichen Willensmeinung heraus einen Vorschlag zu machen bezüglich seines Nachfolgers. Der Vize-Präsident übernimmt inzwischen die Geschäfte und leitet den Wahlakt ein. Jeder kann wählen, wen er will. Der Vorschlag des Präsidenten ist nicht bindend. Der Wahlakt wird nicht vor dem 1. Mai beginnen. Kein Stimmzettel, der vor dem I. Mai eingeliefert wird, hat also Gültigkeit. Im Laufe des Monats Mai haben alle Mitglieder den neuen Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft zu wählen. Sinnett ist der amtierende Vize-Präsident bis zur Neuwahl.

Ich werde keinen Gebrauch machen von dem, was ich jetzt sagen will, ich werde also nichts darüber sagen, obwohl in anderen Sektionen davon gesprochen worden ist.

Wenn uns von Olcott die Mitteilung gemacht worden wäre, dass er Annie Besant vorschlägt, so würden wir alle Annie Besant gewählt haben. Der Vorschlag des Colonel Olcott tritt aber im Zusammenhang mit psychischen Erscheinungen auf. Es ist da mitgeteilt worden in einem Kommuniqué, das an alle Generalsekretäre geschickt worden ist, dass am letzten Lebenstage Olcotts am Sterbebette erschienen wären die zwei Meister und dass sie ihren Wunsch ausgedrückt haben, dahingehend, dass Misses Besant die Nachfolgerin des Colonel Olcott werden soll.

Sie überlassen es mir wohl, diese Sache zu besprechen, gerade weil ich etwas Genaues über diese Dinge zu wissen glaube. Ich bin aber trotzdem in der besonderen Lage, über diese Dinge mich nicht weiter aussprechen zu können. Wir würden in eine schwierige Lage kommen, wenn wir uns berufen würden auf dieses Kommuniqué. Wir müssen es daher so behandeln, als wenn es nicht da wäre. Wir müssen es so auffassen, als ‚ob nur der persönliche Wunsch des Colonel Olcott da wäre. Wir wollen von dem Inhalte der Sache absehen und nur rein das Formelle der Sache besprechen. Es muss uns gleichgültig sein, ob Olcott von einem Schulze ‚oder einem Müller oder von einem Mahatma beraten worden ist. Es mag ihm ja der Rat von einem Mahatma gegeben worden sein. Es handelt sich hier ja um eine administrative Handlung, und es ist wahr, dass die Meister sich nicht um administrative Angelegenheiten auf dem physischen Plan kümmern. Wir kämen anderseits in eine sonderbare Lage, wenn wir uns zu dem Ausspruche der Meister in einen Gegensatz stellten. Wir müssen also einfach den Namen auf den Stimmzettel schreiben, den wir wollen. Für denjenigen, der im okkulten Leben steht, wäre der Ausspruch des Meisters absolut bindend. Olcott mag sich haben beraten lassen. Das geht ihn als Esoteriker an, nicht aber die Gesellschaft. Es besteht also für uns nur ein Wunsch des verdienstvollen Präsidenten der Gesellschaft. Wenn wir es als Meisterwunsch auffassten, so würden wir als Theosophen in die schwierigste Lage kommen.

Wenn das Kommuniqué von Adyar richtig wäre, dann würde der Präsident bestimmt sein; und dann brauchten wir ihn nicht zu wählen. Ich möchte Sie dringend bitten, was an Ihnen liegt, dazu beizutragen, dass von dieser Sache überhaupt wenig oder gar nicht gesprochen wird. Man soll aber erkennen, dass die Deutsche Sektion wenigstens versteht, dass diese Dinge nicht vor die Öffentlichkeit gehören, und dass, wenn sie schon behandelt werden müssen, sie wie eine intime Familienangelegenheit in der Gesellschaft betrachtet werden. Wir können der wahren, großen Sache nur dienen, wenn wir über diese Angelegenheit nicht nur zu schweigen versuchen, sondern wenn wir auch versuchen, das Schweigen so zu bewahren, dass die Angelegenheit nicht in die Öffentlichkeit kommt, sodass sie niemals in unsere Zeitungen kommen kann. Denken Sie nur, welcher Schock unserer Gesellschaft versetzt werden könnte, wenn es in der Welt bekannt würde, dass sich die Theosophische Gesellschaft durch übersinnliche Art und Weise den Präsidenten bestimmen lässt. Diese Bestimmung ist als nicht daseiend zu betrachten. Es ist dies ja schwer, weil sie überall gelesen werden kann und weil darüber diskutiert wird, ob man sie als wertvoll oder nicht wertvoll betrachten soll. Das Einzige, was man tun kann, ist, sich nicht darum zu kümmern. Die hohen [Weisheitslehrer] haben ja nichts mit den administrativen Angelegenheiten der Gesellschaft zu tun. Den Inhalt liefert die Weisheit, den Rahmen dazu haben die Menschen zu liefern und zu bilden.

Nicht nur aus meinem Gewissen, sondern auch aus meinem Wissen heraus musste ich Ihnen diesen Ratschlag geben: das Kommuniqué zu ignorieren.

German original of Obituary of Henry Steel Olcott · ← Previous · Next →