The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 7 October 1907, Berlin
36. Worte für Annie Besant nach der Präsidentenwahl
Meine lieben theosophischen Freunde,
mit großer Befriedigung begrüße ich Sie wiederum, nach unserer längeren Pause, am heutigen Tage. Hoffentlich werden wir eine recht gute Winterkampagne mit dem heutigen Abend beginnen können.
Es ist die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, dass wir durch die Vergrößerung unseres Zweiges auch diesen Raum vergrößern mussten. Und es ist vor allen Dingen die noch erfreulichere Tatsache, dass wir ihn vergrößern konnten. Wenn Ihnen, während dieser Winter-Logen-Abende dadurch, dass die Räume etwas luftiger und vielleicht etwas sympathischer gestaltet worden sind, diese Abende ebenfalls noch sympathischer sein werden, so wird dasjenige erreicht werden, was ja im Interesse unserer geistigen Bewegung recht sehr zu wünschen ist.
Unsere geistige Bewegung soll tatsächlich mit jedem Jahr tiefer und intensiver eindringen in das gesamte Geistesleben unserer Zeit. Und je gröRer unsere Häuflein werden, die wir so versammelt sind in den einzelnen deutschen Städten, umso mehr wird es uns auch gelingen, theosophische Ideen nicht nur in uns selbst aufzunehmen, sondern auch einströmen zu lassen in unserer Zeitgenossen Herzen. Umso mehr werden wir die Aufgabe lösen, die wir als unsere schönste innerhalb unserer geistigen Bewegung erkennen können.
Heute brauche ich Ihnen nicht zu sprechen von diesen Aufgaben. Die kennen Sie alle. Nur ein uns allen gemeinsamer Wunsch ist es wohl, dem wir Ausdruck geben dürfen, dass es uns gelingen möge in diesem Winter wieder einiges in unserer Arbeit vorwärtszubringen.
Bevor wir zum Gegenstand unserer Betrachtung übergehen, darf ich vielleicht einiges aus der Bewegung kurz berühren, und zwar die eine Tatsache, die mittlerweile Ihnen aus den «Mitteilungen» bekannt geworden sein wird, dass Misses Annie Besant tatsächlich zum Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft gewählt worden ist. Wir können wohl diese Mitteilung zu gleicher Zeit verknüpfen, die wir einem anderen, mit unserem gegenwärtigen Präsidenten, Misses Besant, zusammengehörigen Ereignis widmen wollen: Am 1. Oktober ist unserer gegenwärtiger Präsident sechzig Jahre alt geworden. Es darf wohl gesagt werden, dass dieses Fest des sechzigsten Geburtstages unseres verehrten Präsidenten, nach dem unsere Loge ihren Namen trägt, auch in gewissem Sinne ein Fest unserer Loge sein muss. Wir denken gerade bei diesem Anlass daran, dass Misses Besant übernommen hat in diesem Zeitpunkt die im Grunde genommen recht schwere Bürde der Präsidialgeschäfte der Theosophischen Gesellschaft und dass sie, die ja immer, wo es nur sein konnte, ihre ganze Kraft ohnedies schon eingesetzt hat, sozusagen zum Einsatz dieser ihrer ganzen Kraft noch etwas hinzugenommen hat, was in diesem Augenblicke nötig war, gerade von ihr übernommen zu werden und was eine ganze Menschenkraft eigentlich für sich erfordert.
Dennoch müssen wir es mit aller Befriedigung begrüßen, dass es so gekommen ist im Sinne der Ausführungen, die ich Ihnen machen durfte vor der Wahl. Wir dürfen dabei denken an die Art und Weise, wie Misses Besant durch jetzt achtzehn Jahre hindurch ihre Kraft der Theosophischen Gesellschaft und Bewegung gewidmet hat. Wir verstehen diese Art des Wirkens am allerbesten, wenn wir uns erinnern daran, welches eigentlich die Fundamente dieser theosophischen Bewegung sind.
Wenn wir von diesen Fundamenten der theosophischen Bewegung sprechen, so fallen natürlich den Mitgliedern zunächst die drei Grundsätze unserer theosophischen Bewegung ins Auge. Erstens den Kern einer allgemeinen Bruderschaft zu begründen; zweitens den Weisheitskern in den verschiedenen Religionsbekenntnissen zu suchen; und endlich drittens beizutragen zur Verbreitung jener Erkenntnisse, welche die höheren geistigen Welten betreffen.
Wenn wir uns nun fragen, ob unsere Gesellschaft mit der Pflege des ersten Satzes, mit der Pflege der allgemeinen Menschenbrüderschaft irgendetwas Auszeichnendes hat gegenüber den anderen Gesellschaften, so müssen wir sagen, wer unbefangenen Blickes sich umsieht in der Welt, der wird wissen, dass diese Pflege der Humanität, im weitesten Sinne des Wortes, einen Programmpunkt vieler Gegenwartsgesellschaften bildet und dass sozusagen heute in den allerweitesten Kreisen dieses Ideal als ein solches anerkannt wird, dass jeder edle Mensch anstreben muss. Und wenn man dieses Ideal auf seine Fahne schreibt als eine besondere Gesellschaft, dann werden viele sich in der Welt fragen: Warum sollen wir uns dieser Gesellschaft anschließen, da wir dieses Ideal in ganz anderer Weise und in anderen Gemeinschaften befriedigen können? Und der zweite Punkt, den Kern der Weisheitslehren in den verschiedenen Religionsbekenntnissen zu suchen, das ist ein Ideal, das heute schon von vielen Gelehrten-Kreisen und von vielen einzelnen Gelehrten gepflegt wird. Wenn wir vom rein gelehrtenhaften Standpunkte aus die Sache betrachten wollen, dann dürfen wir nicht anders sagen, als dass wenigstens in den Kreisen mit Gelehrtenbildung dieses Ideal auch angestrebt wird, und zwar mit den Mitteln der Gelehrten-Forschung, die der Natur der Sache nach, im Grunde genommen nicht der Pflege einer Gesellschaft eigen sein soll. Dennoch würden wir den eigentlichen Grundnerv unserer Gesellschaft verkennen, wenn wir nicht an diesen zwei großen Idealen festhalten wollten. Wenn wir uns nicht klar darüber wären, dass im Sinne dessen, was wir als esoterisches Christentum kennengelernt haben, gerade das allumfassende Brüderschaftsideal uns die Theosophische Gesellschaft vorschreibt und auf der anderen Seite, dass wir den großen, tiefen, eingreifenden Frieden, der wie ein Ausfluss dieser allgemeinen Brüderschaft die Welt als eine neue soziale Kraft umspinnen soll, wir diesen Frieden am besten erreichen, wenn wir Frieden stiften bis in den Kern der Seele hinein, bis in die Herzen der Menschen hinein. Solange aber wir nicht Frieden stiften können in Bezug auf die äußeren Einrichtungen, in Bezug auf die äußeren Taten, in Bezug auf Recht und Sittlichkeit, so lange werden wir niemals ernsthaft diesen allgemeinen Frieden in der Welt erreichen, denn was im tiefsten Grunde die Menschen auseinanderbringt, das sind ihre Gedanken, ihre Bekenntnisse und das, was wir allgemeine Brüderschaft nennen, werden Sie niemals erreichen, wenn wir nicht Frieden stiften in den Bekenntnissen? Und wie sollten wir Frieden stiften, wenn wir nicht einsehen könnten, welcher gemeinsame Wahrheitskern in den verschiedensten Religionsbekenntnissen ist. Dadurch, dass wir in unseren Bekenntnissen den Einklang finden, werden wir auch den großen Weltfrieden stiften. Daraus ist also ersichtlich, dass das unser großes Ideal sein muss.
Aber diese Ideale werden auch außerhalb der Theosophischen Gesellschaft anerkannt. Sie werden anerkannt von allen denjenigen, welche einigermaßen das Leben unbefangen betrachten. Wenigstens der erste Grundsatz wird von allen heute mehr oder weniger edel denkenden Menschen anerkannt in seiner Fassung, wie er auch uns vorliegt. Und der zweite Grundsatz wird bei denen, die hinausgekommen sind über einen begrenzten Fanatismus, auch anerkannt. Was unterscheidet uns also von ihnen, und was berechtigt uns, eine besondere Gesellschaft zu sein, wenn diese Ideale nichts Besonderes sind? Das Folgende: Wahr ist, dass die allgemeine Brüderschaft das höchste Humanitätsideal ist; wahr ist es, dass man bis in die Bekenntnisse hinein Frieden und Einklang stiften soll. Aber es gibt nur ein Mittel zu diesem großen Ziel. Dieses Mittel, dieser Weg, diese Bahn ist dasjenige, was die Theosophische Gesellschaft als ihr Besonderes hat. Und nur weil sie der Meinung ist, dass man diese zwei großen Ideale mit diesem Wege allein erreichen kann, deshalb hat sie ihre Daseinsberechtigung. Und dieses Mittel ist, den Menschen die Geheimnisse der höheren geistigen Welt zugänglich zu machen.
Es mag jemand anerkennen das allgemeine Brüderschaftsideal. Aber er versucht es in die Welt einzuführen mit unzureichenden Mitteln, wenn er nicht auf dem Boden der Erforschung der geistigen Geheimnisse der Welt steht, und auch erforscht das Unzulängliche in den Religionsbekenntnissen, wenn er nicht das, was ihnen zugrunde liegt in den geistigen Welten, als Grund ansieht, sagen wir, des ganz Richtigen in der Aufstellung und Formulierung dieser Ideale. Ihr würdet euch aber überzeugen, wenn ihr nur der Zeiten Lauf verfolgen könntet, wie mit den Mitteln, die außerhalb der theosophischen Strömung verwendet werden, niemals dieses Ideal erreicht wird. Dagegen wird durch die Erforschung der geistigen Welt selbst, sich von selbst die Erfüllung der beiden ersten Ideale ergeben, als eine Selbstverständlichkeit.
Daher hat auch die Geschichte unserer Bewegung seit dem Jahre 1875 gezeigt, dass die, welche zu ihr gekommen sind, im Wesentlichen immer dazu gekommen sind, weil sie gewusst haben, dass sie innerhalb dieser Gesellschaft etwas von den Tatsachen der geistigen Welten ihrer wahren Gestalt nach finden können. Diese Erforschung der okkulten Welt stand an der Wiege der Theosophischen Gesellschaft. Sie macht dasjenige, was die Mitglieder immer zusammenhalten wird. Würden wir diese Erforschung der übersinnlichen Welt aus unserem Gesichtskreis verlieren, dann hätten wir als theosophische Gesellschaft keine Daseinsberechtigung. Daher muss unsere Hauptaufgabe sein, die Pflege des Okkultismus. Eine große Summe von okkulten Wahrheiten ist durch die theosophische Bewegung in die Welt gekommen und kommt noch fortwährend in die Welt.
Der allein versteht richtig diese theosophische Bewegung, welcher in diesem Sinne arbeitet. Mag er im Einzelnen diesen oder jenen Weg, mit dieser oder jener Methode gehen, gleich geartet sind sich diejenigen, welche die Pflege des Okkultismus in der Gesellschaft als die Hauptsache ansehen. Das nur konnte der Gesichtspunkt sein, von dem aus die Präsidentschaft von Misses Besant gerechtfertigt war. Sie haben diesen Gesichtspunkt von Anfang an gehabt, und es wird sich darum handeln, innerhalb der Gesellschaft zu lernen, dass der Okkultismus selbst etwas ist, was uns verbindet. Dasjenige, was in der mannigfaltigsten Weise hat eingewendet werden können gegen Misses Besants Präsidentschaft, wurde im Grunde genommen hinweggefegt für den Okkult-Einsichtigen, wie es von mir schon gesagt worden ist, durch den einzigen Satz, den sie in den verschiedenen Schriftstücken finden, die sie vor der Wahl in die Öffentlichkeit geschickt hat. Dieser Satz war so echt im Sinne der okkultistischen Gesinnung gehalten, dass man sieht, - was man sonst auch von ihr halten mag - dieser Satz ist aus dem Herzen und aus der Gesinnung eines Okkultisten geschrieben. Und das war der Satz, der freilich heute nur von Leuten mit okkulter Gesinnung verstanden werden kann, dass sie sich berufen darf auf die Zustimmung ihres Meisters und dass sie diese einzige Zustimmung ihres Meisters zur Wahl vorziehe der gesamten Majorität, die sich etwa ergeben könnte aus der Abstimmung im demokratischen Sinne. Das ist okkultistische Gesinnung, das ist ein Stehen auf dem Boden der Wahrheit. Die Wahrheit wird erkannt und nicht dadurch gefunden, dass man darüber abstimmt.
Während dies in unserer Zeit schwer wird der großen Masse draußen - die gerade den entgegengesetzten Weg gehen muss -, muss das gerade immer mehr die Gesinnung des Okkultisten werden. Was wir erkannt haben als Wahrheit, das haben wir erkannt, und wenn uns die ganze Welt entgegentritt. Deshalb muss es gelten, dass unser eigenes Urteil, durch die Berufung auf die spirituellen Gewalten, die über uns stehen, mehr uns gilt als jedes andere. Zu gleicher Zeit gehört gerade heute zur Bekennung dieser Gesinnung ein gewisser Mut, ein großer Mut. Auch innerhalb der Theosophischen Gesellschaft gehört Mut dazu. Wer diesen Mut nicht hätte, der könnte kein richtiger Okkultist sein. Wer allerdings diese Gesinnung im Hintergrunde hat, der weiß ganz klar, was sich auch für Hindernisse unserer Bewegung entgegenstellen mögen, was man uns auch immer tun möge, diese Bewegung muss ihren Weg finden und verfolgen.
Deshalb geziemt es uns am besten an unserer Strömung, die wir als die richtige erkennen, zu arbeiten, richtig zu arbeiten. Wichtiger, viel wichtiger ist für uns dasjenige, was wir vorzubringen vermögen, als das, was wir bekämpfen sollen, selbst das, was wir bekämpfen sollen innerhalb der Gesellschaft. Dass Misses Besant gerade auf diesem Boden steht, der sie als Okkultist charakterisiert, dafür ein kleines Beispiel, das immerhin doch symptomatisch sein dürfte. Gerade bei der letzten Jahrversammlung in London wurde Misses Besant, die den Vorsitz führte, von verschiedenen Seiten zusammen stark angegriffen.
Es konnte merkwürdig erscheinen, dass bei dieser Versammlung nur ihre Gegner sprachen und niemand von den Freunden sich erhob, um eine Verteidigung zu versuchen. Das konnte etwas sonderbar erscheinen. Es erscheint nicht mehr sonderbar, wenn es einem klar wird, dass Misses Besant ihre Freunde gebeten hatte, bei dieser Versammlung, was auch immer kommen mag, nicht ihre Verteidigung zu betreiben. Das ist ein Symptom wiederum für eine Okkultisten-Versammlung. Kurz können wir uns zusammenfassen: Darin, dass wir uns klar sind, dass Misses Besant auf dem Boden stand bei ihrem Eintritt in die Gesellschaft, der der Gesellschaft eine feste Basis gegeben hat bei ihrer Begründung; dass sie diesen Boden niemals verlassen hat und dass sie deshalb eine Gewähr dafür sein wird, dass sie als führende Persönlichkeit diesen Boden nicht verlassen wird, das ist wichtig. Deshalb dürfen wir es mit großer Befriedigung begrüßen, dass Misses Besant, so nahe am sechzigsten Geburtstage, die Bürde der Präsidentschaft auf sich genommen hat zu all den übrigen Arbeiten. Wir wollen hoffen, dass die theosophische Bewegung in den Bahnen forterhalten wird, in denen sie erhalten werden muss, wenn sie beitragen soll zur weiteren Entwicklung des Geisteslebens der Menschheit.
In diesem Sinne lassen wir uns den sechzigsten Geburtstag von Misses Annie Besant ein Fest sein. Und wir sind uns in einem solchen Momente klar, dass der Okkultist weiß, dass Gedanken, Gefühle und Empfindungen nicht etwas Unwirkliches sind, sondern etwas Wirkliches, dass sie Kräfte sind und dass jeder von uns durch seine Gedanken, Empfindungen und Gefühle wirken kann. Nehmen Sie von einem solchen Momente, wie der jetzige es ist, den Vorsatz an, wenn Sie können, Gedanken und Empfindungen, die Sie als Gedanken der Liebe, der Hingabe und der Freundschaft für unseren Präsidenten empfinden, hinzurichten auf diesen Präsidenten, dann werden Sie, jeder an seinem Platze, ein Helfer sein können, wie sie dieser Präsident gebraucht. So feiern wir am besten das Fest, wenn wir die Gedanken, die bei solchen Festen sonst nur ausgesprochen werden, zur Grundlage unseres Handelns machen. Sagen wir uns: Wir wollen ihr Gedanken, Gefühle und Empfindungen der Hilfe senden. Das ist etwas, was wir uns in der Besant-Loge vor die Seele führen mussten.