The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 20 October 1907, Berlin
37. Fünfte Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
Bericht in den «Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar) herausgegeben von Mathilde Scholl», Nr. V1/1908
Um ½11 Uhr eröffnete der General-Sekretär der Deutschen Sektion, Herr Dr. Rudolf Steiner, die fünfte ordentliche Generalversammlung.
Als Punkt I wurde das Stimmenverhältnis der verschiedenen Logen und ihrer Vertreter festgestellt.


Nicht vertreten waren: Basel, Charlottenburg, Düsseldorf (Blavatsky-Zweig), Esslingen a.N., Frankfurt a.M., Regensburg. - Desgleichen hatten die einem Zweige nicht angehörenden Sektionsmitglieder von ihrem Rechte, Vertreter zu ernennen, keinen Gebrauch gemacht.
Die Stimmen sind also wie folgt verteilt:
Herr Dr. Steiner 1
Herr Kiem 6
Fräulein von Sivers 5
Frau von Bredow 1
Herr Tessmar 1
Herr Korth 1
Fräulein Mücke 1
Herr Bedrnicek-Chlumsky 2
Frau Peelen 2
Herr Dr. Noll 2
Fräulein Scholl 3
Herr Dr. Peipers 2
Herr Ahner 2
Frau Wolfram 1
Herr Jahn 1
Herr Dr. Vollrath 1
Herr Wagner 4
Fräulein Stinde 2
Gräfin Kalckreuth 2
Baronin Gumppenberg 4
err Arenson 5
Fräulein Völker 5
Herr von Damnitz 2
Herr Eggers 1
Frau Knoch 1
Fräulein Stryczek 1
Herr Kolbe 1
Herr Walter 1
Scharlau 1
[gesamt] 62
Der Schriftführer der Versammlung, Herr Selling, verliest das Protokoll der Generalversammlung vom 21. Oktober 1906, das von der Versammlung genehmigt wird.
Punkt II:
- Bericht des Generalsekretärs [Dr. Steiner]: «Die fünfte Generalversammlung ist hiermit eröffnet. Bevor wir in die Verhandlungen des heutigen Vormittags eintreten, die natürlich von dem strengen Geiste des Gesetzes der Statuten beherrscht sein müssen, mag es gestattet sein, Sie alle im Namen des Geistes der Harmonie und wirklichen theosophischen Eintracht aufs Herzlichste zu begrüßen.
Sie haben sich nach einem Jahre wieder zusammengefunden, um diesen Geist der Harmonie und der aus der Theosophie fließenden geistigen, inneren Eintracht zu bekräftigen und einmal wiederum in einigen gemeinsam zu verlebenden Tagen durch zu empfinden. Nicht nur, was wir bei solchen Gelegenheiten [geschäftlich] verhandeln, kommt in Betracht, sondern, dass wir überhaupt beisammen sind, dass unsere Gedanken sich auch durch den unmittelbaren Verkehr noch inniger berühren, als sie sich sonst berühren können. Das muss auch zu den Dingen gerechnet werden, die bei einer solchen Versammlung, wie die unsrige es ist, in Anschlag kommen. Wir müssen aus solchen Zusammenkünften die Kraft gewinnen, in allen Teilen des Gebietes, auf dem es uns gelungen ist, innerhalb des Bereiches der deutschen Sprache das theosophische Leben und den theosophischen Gedanken zu verbreiten, immer verstärkter, immer kräftiger und immer richtiger arbeiten zu können.
Wir dürfen sagen, dass sich in den Jahren, seitdem wir eine Deutsche Sektion haben, der theosophische Gedanke und das theosophische Leben innerhalb unseres mitteleuropäischen Gebietes in einer ganz erfreulichen und, wenn man die entgegenstrebenden Faktoren betrachtet, in einer auBerordentlich befriedigenden Weise verbreitet haben. Es ist keineswegs ganz unnötig mit wachsamem Auge zu sehen, wie nicht nur an der Oberfläche unseres gegenwärtigen Lebens, sondern man möchte sagen, in denjenigen Regionen, die heute von manchen für die tieferen gehalten werden, genau die den unsrigen entgegengesetzten Kräfte und Mächte walten und wie feindliche Wogen an unsere theosophische Tätigkeit heranschlagen.
Wenn der Theosoph mit seinen, wie es ja sein soll, für alles menschliche Leben verfeinerten geistigen Sinnen in seine Umwelt blickt, dann sieht er bald diese dem eigentlichen theosophischen Leben und der theosophischen Weltanschauung entgegenstrebenden Gedanken. Aber es ist vielleicht nichts besser, als wenn wir imstande sind die Wogen dieser feindlichen Mächte an uns herankommen zu lassen, wo wir sie dann wachsamen Auges verfolgen können, und ohne weiter auf sie einzugehen, ohne uns um sie zu kümmern, unsere Arbeit zu tun vermögen. Es ist gerade das in befriedigender Weise zu verzeichnen, dass in den fünf Jahren des Wirkens der Deutschen Sektion dieser wahrhaft friedliche und Frieden wirkende, ja einzig Frieden wirkende Gedanke, wenigstens ein wenig an Ausbreitung gewonnen hat. Nicht dadurch kann die Theosophische Gesellschaft ihre Arbeit tun, dass man immer fort und fort sagt, sie sei dazu da, Bruderschaft zu begründen, Frieden zu stiften, das Gute in die Welt einzuführen, nicht dadurch, dass sie feindliche Mächte bekämpft, sondern indem sie eine positive Arbeit leistet, indem sie das, was ihr aus geistigen Welten zufließt, rein aufnimmt und wiederum in die Welt einströmen lässt.
Es ist auch ein viel schöneres Gefühl, wenn ringsherum feindliche Mächte sind, und man gar nichts zu diesen feindlichen Mächten sagt, sondern einfach innerhalb der brandenden Wogen dasjenige geltend macht, was man selbst zu tun vermag. Nicht um zu kämpfen sind wir eigentlich da, auch nicht um mit Worten zu kämpfen, sondern um zu tun, zu schaffen, und solange die Theosophische Gesellschaft im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung ist, werden noch lange die einzigen Taten und vielleicht auch die besten Taten, die wir tun können, unsere vom innersten Wesen des Geistes durchdrungenen Worte sein. Immer mehr werden wir dann aber das Bewusstsein in uns aufnehmen, dass solche Worte, die wir sprechen, solche Gedanken, die wir hegen, solches scheinbar äußerlich unsichtbare Tun der Same für wirkliche künftige Taten, für wirkliches künftiges Geschehen ist.
Viele Parteien, viele Strömungen und Gesellschaften gibt es zur Beförderung dieses oder jenes Guten. Sie alle können kaum umhin, das nach ihrem Glauben Gute zu verbreiten, das dem entgegenströmende Schlechte zu bekämpfen. Dadurch gerade sollte sich die Theosophische Gesellschaft von den anderen Gesellschaften unterscheiden, dass sie es aushalten kann, wenn auch die feindlichen Mächte von allen Seiten an sie herankommen, dass die Mitglieder der Gesellschaft sich nicht um sie kümmern, auch nicht in Worten, sondern ruhig die Arbeit tun.
Es ist möglich, dass wir nicht immer imstande sind, es so zu halten; es ist möglich, dass namentlich der Geist, der in manche okkulten Kreise, auch in solche, die sich theosophisch nennen, eingedrungen ist, uns zuweilen zwingt, Stellung zu nehmen. Man kann in der Außenwelt nicht immer dasjenige genau realisieren, was höchstes Ideal ist; aber wir werden uns auch keinen Augenblick darüber im Unklaren sein, dass, wenn wir genötigt sein sollten, für unsere geistige Weltanschauung zu kämpfen, dieser Kampf verlorene Zeit bedeutet. Vielleicht sind wir genötigt, verlorene Zeit zu opfern, verlorene Arbeit zu leisten; wir haben aber dann das Bewusstsein, dass diese Dinge nicht zu den Hauptsachen unseres Strebens gehören.
Das ist dasjenige, was nach den Intentionen der geistigen Welt immer mehr und mehr in unsere deutsche, mitteleuropäische, theosophische Bewegung einfließen sollte; das ist gerade, womit ich wie mit einem Geistesgruß den Wunsch durchdringen möchte, den Wunsch, [den ich in Sie lege] dass wir im Einklang mit solcher Gesinnung im Rahmen der Gesellschaft, innerhalb welcher wir die theosophische Weltanschauung zu verbreiten suchen möchten, wirken können.
Es kann uns aber geschehen, und es ist uns vielfach im Laufe dieser fünfjährigen Arbeit geschehen, dass Leute, die sich vielleicht Theosophen nennen, uns angegriffen und wirklichen Unfrieden gestiftet haben. Wir haben es immer wieder erlebt, und es ist in den weitaus meisten Fällen vorgekommen, dass wir zu allen solchen Angriffen geschwiegen haben, wie das schon im Vorjahre von derselben Stelle und zur selben Zeit betont worden ist; und wir haben es immer wieder erleben müssen, dass gerade diejenigen, welche uns angriffen, die, welche uns selbst von theosophischer Seite entgegenwirkten, nachher uns vorhielten: Ja, was ist denn das, dass so viel Unfriede in der Gesellschaft herrscht? Die Theosophie ist doch dazu da, Frieden zu stiften. Am meisten reden davon die, welche vorher den Unfrieden gestiftet haben. Das ist tatsächlich eine Erfahrung, die wir gemacht haben.
Es gibt Leute, die sagen, sie hätten das beste Bestreben, eine sektenlose Theosophie zu begründen. Wenn wirklich eine Gesellschaft bestrebt war, eine ganz sektenfreie Theosophie zu verbreiten, so ist es gewiss diejenige, die in unserem Rahmen das versucht. Dennoch spricht man häufig davon, dass die Theosophie, wenn sie in energischer Weise für das okkulte Leben von irgendeiner Seite eintritt, eine Sekte stiften wolle. Und Leute, die gar kein Verständnis haben für den Unterschied zwischen Sekten und Sektiererei und wahrer hoher Freiheit, die gerade innerhalb des Rahmens einer solchen Gesellschaft herrschen muss, sprechen sehr häufig von Sektenbildung, und zwar in einer Weise, als ob sie gerade das Privilegium, das Patent dafür hätten, sektenlos aufzutreten.
Wie gesagt, wenn auch manche Auswüchse in der Theosophischen Gesellschaft eintraten oder eintreten werden, unsere Gesinnung, unsere Erkenntnis sollte sein, dass wir auch dann jede Gegenwehr als verlorene Zeit betrachten, wenn wir genötigt sind, uns zu wehren. Das einzig und allein Fruchtbringende ist, positive theosophische Arbeit zu leisten. Der Gedanke hat sich immer mehr verbreitet, dass die Theosophie eine Tatsache ist. Betonen wir es wohl, dass sie eine Tatsache ist und nicht eine Summe von Prinzipien, nicht eine Summe von Programmpunkten sein kann. Nicht das ist Theosophie, dass man sagt, man will eine Gesellschaft gründen, die so und so geartet ist; nicht das ist Theosophie, dass man sagt, diesen oder jenen Grundsatz haben wir, sondern das, was Tatsache ist, ist Theosophie, das geistige Leben, das durch eine Anzahl von Menschen, die vereinigt sind, heute in die Welt ergossen wird. Dieses Positive, das uns aus den höheren Planen zuströmt, ist es, worauf es ankommt. Das ist das Bild, und alles andere ist Rahmen. Wir mögen uns noch so sehr streiten über die beste Konstitution der Gesellschaft; es ist alles Streit um den besten Rahmen. Aber nicht auf den Rahmen kommt es an, sondern darauf, dass in dem Rahmen auch ein Bild ist, und dass wir lernen, nicht zuerst den Rahmen, sondern erst das Bild zu haben. Diesen ein wenig von künstlerischem Empfinden angehauchten Gedanken möchte man in der Theosophischen Gesellschaft verbreitet sehen. Es wird sich von selbst im Laufe der Zeit der beste Rahmen ergeben, wenn man es bei der Rahmengestaltung so macht wie bei der Rahmenwahl für ein gutes Bild. Derjenige, der einen schönen Rahmen haben will und sich dann ein Bild dazu verschafft, wird in der Regel in die Irre gehen; derjenige aber, der aus dem Inhalt des Bildes den Gedanken des Rahmens zu gewinnen imstande ist, wird den richtigen Weg gehen.
Deshalb brauchen wir auch keine Angst zu haben, wenn sich die theosophische Konstitution da oder dort einmal ändern muss. So lange Leben, Bild da ist, wird sich der Rahmen dem Bilde entsprechend gestalten und ändern. Es unterscheidet sich dadurch von anderen Bildern, dass es ein lebendiges und nicht ein totes Bild ist, und als solch lebendiges Bild wird es auch immerfort seinen Rahmen erneuern müssen.
Niemand, der im Geiste der Theosophie lebt, wird zu irgendwelchen verkehrten Gedanken über den Rahmen kommen können. Es ist gut, wenn wir uns diese wahrhaft Frieden stiftende Gesinnung, die nicht aus der Forderung des Friedens, sondern aus dem selbstverständlichen Ergebnis des Friedens hervorgeht, dem Ergebnis der hohen Lehren, die durch die theosophische Bewegung strömen, vor die Seele rufen, und wenn wir uns alle im Beginne unseres Zusammenseins mit dem Gedanken durchdringen, dass die Theosophie eine Weisheit nicht abstrakter, sondern konkreter Natur sein soll, durch die wir die Welt im richtigen Sinne verstehen. Und warum nicht abstrakter, sondern konkreter Natur? Weil wir in der Theosophie die Weisheit suchen, durch die die Welt selbst entstanden ist, nicht Gedanken, die wir uns bilden, sondern Gedanken, die die göttlichen Wesenheiten gehabt haben, als sie die Welt aufbauten. Dieselbe Weisheit, aus der die Welt gebildet wurde, suchen wir uns anzueignen in der Theosophischen Gesellschaft. Die Götter haben nach den Begriffen, nach denen wir in der Theosophie suchen, erst die Welt gebildet. Deshalb ist die Theosophie eine wahre und berechtigte Trägerin ihres Namens. Durchdringen wir uns auf diesem Felde mit diesen Wahrheiten, dann sind wir nicht bloß theoretische Wahrheitssucher. Gottesgedanken suchen heißt, Gottes Gemüt selber suchen, Ruhe suchen in der Gottesseele, nicht jene Ruhe der Untätigkeit, sondern die, welche aus dem wahren Lebensrhythmus hervorgeht, und daher der wahre Urquell der Arbeit ist auf dem physischen Plane, der die Ausgestaltung der höheren Plane sein soll.
Das ist der Geist, in dessen Namen, wie im Anfange dieser Ausführungen gesagt worden ist, Sie heute begrüßt sein mögen. Dieser konkrete Geist war urewiger Gottesgedanke, der aufleuchten soll in den einzelnen Menschenscelen, die sich in der Theosophischen Gesellschaft vereinigen. Dieser Geist ist es, der in jeder Seele als ein Funke ersteht, und dem selbst mein Gruß gelte.»
Pause
«Meine lieben theosophischen Freunde! Unsere Bewegung innerhalb Mitteleuropas nahm in schr befriedigender Weise zu. Die jetzige Art der Arbeit, die in demselben Geiste weitergeführt worden ist wie früher, hat sich ohne Zweifel bewährt.
Das verflossene Jahr brachte uns nicht nur die Vortrags-Zyklen, die in München, Kassel, Hannover abgehalten wurden, sondern dazu noch eine reiche Tätigkeit, die mehr internationaler Natur war. Gelegentlich unseres Münchener Kongresses und schon vorher wurde eine Fülle von Besorgungen in administrativem Sinne dadurch notwendig, dass wir durch das Hinscheiden des Colonel Olcott in die Lage versetzt waren, einen neuen Präsidenten der Gesellschaft zu wählen.
Da viele der Mitglieder, die hier anwesend sind, auch in München versammelt waren, und wir dazumal der unermesslichen und unsagbaren Verdienste unseres Präsident-Gründers gedacht haben, so braucht wohl heute nur nochmals der Gedanke an ihn in die Erinnerung unserer lieben Freunde gebracht zu werden, an ihn, der mit Liebe und Hingebung die Theosophische Gesellschaft so lange administriert und geleitet hat. Es bedarf nicht wiederholter Worte, um jedem von uns zum Bewusstsein zu bringen, was Colonel Olcott im Laufe seiner Amtstätigkeit, die so lange gewährt, als die Gesellschaft besteht, an frucht- und segenbringender Arbeit geleistet hat.
Insbesondere die Deutsche Sektion, die eine gewisse Wegstrecke unter der Amtsführung Olcotts gehen sollte, die von vornherein den bestimmten Plan verfolgte, sich in vollständig freier Weise der allgemeinen Gesellschaft einzugliedern, konnte es so oft empfinden, wie der Geist wirklich theosophischer Freiheit durch Olcotts Art, seine Aufgabe als Präsident der Gesellschaft aufzufassen, in ihr gedeihen konnte.
Es wird in manchen Kreisen von Zentralisation in Adyar und gar von einer Tyrannisierung und autoritativen Beherrschung durch Adyar gesprochen. Der aber, welcher bei uns die Sache verfolgt hat, der wird sagen müssen, dass von irgendeiner Beeinflussung der freien Gesinnung und Denkweise hier in Deutschland gar nicht die Rede sein kann. Dass jedes theosophische Gebiet auf seinem Boden, aus seinen eigenen Bedingungen heraus gedeihen und wirken möge, das ist es, was auch Colonel Olcott als seine Devise betrachtet hat. Dieser Grundsatz, der vielleicht früher weniger ausgesprochen wurde, jetzt aber als Resümee ausgesprochen werden darf, ‹dass man das Rechte am rechten Orte geschehen lässt›, hat sich praktisch mehr und mehr unter der Amtsführung des Colonel Olcott eingebürgert.
Diejenigen, welche die tiefe Befriedigung hatten, die Persönlichkeit Olcotts zu kennen, wussten, dass er sozusagen der selbstverständliche Präsident der Gesellschaft war. Die Selbstverständlichkeit, die niemandem sein Recht bestreitet, weil niemandem der Gedanke auftaucht, dass es anders sein könnte, ist ein schöner Zug, der sich immer mehr in der Gesellschaft herausbilden wird.
Auch als Deutsche Sektion fühlen wir bei unserer ersten Generalversammlung nach dem Hingange unseres Präsident-Gründers, wie unsere Gedanken und unsere Liebe auch ferner dem Geiste dieses außerordentlichen Mannes gehören werden. Wir fühlen, dass wir immer mit ihm zusammengehören werden, denn theosophische Gemeinschaften sind Gemeinschaften, die weit über den physischen Plan hinausreichen. Wir fühlen uns mit ihm vereint und drücken diese unsere Empfindungen als Deutsche Sektion durch Erheben von den Sitzen aus.
Der Tod von Colonel H. S. Olcott hatte zur Folge, dass ein neuer Präsident gewählt werden musste. Es kann nicht meine Aufgabe sein, die vielen Debatten und Resolutionen zu resümieren, die sich in der Vorbereitungszeit und während der Präsidentenwahl abgespielt haben. Wir verzeichnen das befriedigende Resultat, dass Mrs Annie Besant mit überwältigender Majorität aus der Wahl hervorgegangen ist.
Wenn aber auch die auf ihre Wahl bezüglichen Diskussionen langwierig waren, [wenn sie auch viel Zeit von derjenigen Art, wie sie vorhin im nicht-geschäftlichen Teil der Generalversammlung als verschwendete Zeit bezeichnet wurde, beansprucht haben, innerhalb des geschäftlichen Teiles soll es mir fern liegen, diese Worte zu wiederholen] - so müsste doch ein Resümee gegeben werden, wenn nicht die erfreuliche Tatsache vorläge, dass im Grunde genommen diese Diskussionen gerade in unsere Deutsche Sektion nicht hineingespielt haben. Die Wahl ist in Deutschland in ruhiger und geschäftsordnungsmäßiger Weise verlaufen und hat ein fast einstimmiges Resultat gebracht. Nur 20 Stimmen von 600 wurden gegen Misses Besant abgegeben.
[Die anderen haben nicht mitgestimmt.
So dürfen wir wohl absehen von den Dingen, die außerhalb unserer Sektion stattgefunden haben, und uns der Befriedigung hingeben, dass Misses Besant, deren Tätigkeit viele Jahre hindurch in hingebungsvoller Weise der Gesellschaft gewidmet war, auch noch in der neuen Form des Präsidialamtes ihre Tätigkeit der Theosophischen Gesellschaft zukommen lassen wird. Die Theosophische Gesellschaft wird damit auf der einen Seite in ihrer historischen Tradition erhalten werden. Dafür gibt die Persönlichkeit von Misses Besant eine genügende Garantie und Grundlage. Sie tritt auch insofern in ein neues Stadium, als sich durch die Diskussion gezeigt hat, wie notwendig es ist, die Gesellschaft in die richtigen Bahnen zu lenken.]
Im letzten Jahre haben wir in Bezug auf Misses Besant nicht nur ihre Wahl zum Präsidenten, sondern auch ihren 60. Geburtstag zu verzeichnen gehabt.
Da es nicht möglich war, bei solcher Gelegenheit eine außerordentliche Versammlung zusammenzurufen, gestattete ich mir, Misses Besant im Namen der Sektion zu begrüßen und zu beglückwünschen, in der Absicht, von der heutigen Versammlung die Indemnität einzuholen.
Ich schrieb damals an Misses Besant, was in deutscher Übersetzung ungefähr folgendermaßen lautet:
«Es sei der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gestattet, den Ausdruck inniger Liebe und Hochschätzung zu übersenden. Die Mitglieder sehen in Ihrer unermüdlichen Hingabe an die Ideale der Gesellschaft, in Ihrer edlen Pflege der Motive des Geisteslebens ein geistiges Vorbild, das dahin wirkt, dass der Gegenwart ein spirituelles Ferment gegeben werde. Die Gesellschaft hat eine solche Richtung genommen, dass die Mitglieder es sich zur Ehre anrechnen werden, wenn sie im Einklang mit dem Präsidenten arbeiten können. Es ist deren innigster Wunsch, dass sie so viel wie möglich dazu beitragen könnten, Ihr hohes Amt so zu gestalten, wie es Ihrer Anschauung entspricht. Aus dem Herzen der Mitglieder möchte dies zum Ausdruck bringen der General-Sekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft.»
Die Theosophische Gesellschaft verdankt ihr Dasein dem Umstande, dass seit ihrer Gründung durch Vermittlung Annie Besants eine große Summe okkulter Weisheit in die gebildete Welt eingeströmt ist. Als Misses Besant das Präsidenten-Amt in einem so vorgerückten Alter zu den sonst mehrere Menschen in Anspruch nehmenden anderen Aufgaben, die sie in der Zeit bisher reichlich versehen hat, noch hinzunahm, da mussten diejenigen, welche einsahen, um was es sich beim Fortgang der Gesellschaft handelt, dies als eine befriedigende Tatsache begrüßen.
Was uns ferner oblag, in internationaler Beziehung, das war die Abhaltung des Münchener Kongresses. Sie haben sich durch die Ausgestaltung des Kongressraumes, die Bilder der Siegel und Säulen, mit denen der Saal ausgeschmückt war, und durch die Natur des ganzen Programms ein Bild von den Intentionen machen können, die wir gehabt haben. Sie gingen dahin, einen Anfang zu machen, die Theosophie nicht bloß eine Summe abstrakter Dogmen sein zu lassen, sondern diesen Einfluss zu verschaffen auf das Leben, das uns umgibt. Niemand kann sich der Illusion hingeben, dass die Art und Weise, wie uns die Harmonie in Bezug auf die ganze Ausgestaltung des Kongresses gelungen ist, verglichen mit dem, was als theosophischer Gedanke lebt, mehr war als ein schwacher Anfang. Aber alles muss einmal anfangen. Wenn die Deutsche Sektion dabei nur gezeigt hat, welche Absichten etwa obwalten könnten bei einem solchen Kongresse, gezeigt hat, wie man das Leben, das in der Seele lebt, auch in der Form, in der Kunst und im Zusammensein ausprägen kann, dann ist dasjenige getan, was die Deutsche Sektion gerade bei dieser Gelegenheit dazu hat beitragen können. Aus solcher Anregung kann die Kraft erwachsen, die es der Theosophischen Gesellschaft nach und nach möglich macht, nicht nur eine Stätte zur Verbreitung von diesen oder jenen Dogmen zu sein, sondern tief einzugreifen in das ganze Leben des Menschen. [Die genauere Beschreibung des Kongresses braucht ja nicht gegeben zu werden. Sie ist in den «Mitteilungen» hinlänglich gegeben worden. Das Einzige,] was noch zu bemerken ist, ist der Umstand, dass die für den Kongress normierte Ausgabe in Höhe von 4500 Mark, mit welchen wir durchzukommen glaubten, weit überschritten ist. Der Kongress ist dadurch umso schöner geworden. Es ist hier in tief dankenswerter Weise zu erwähnen, dass sich gerade bei dieser Gelegenheit ein so gründliches Verständnis, insbesondere in der Deutschen Sektion, gezeigt hat. Wir haben viel Geld gebraucht; es hat sich aber gezeigt, dass da, wo es darauf ankommt, theosophisches Leben zu haben, auch Verständnis und Geneigtheit vorhanden ist, Opfer zu bringen. Ein Defizit ist daher nicht zu verzeichnen. [Es ist also so, dass er sich vollständig ausbalanciert hat, was in Anbetracht des Umstandes, dass der Voranschlag um sehr viel überschritten werden musste, sehr erfreulich war.]
Nicht minder stark betont darf werden die tief befriedigende Tatsache, dass gerade von denen, die es konnten, in ungeheuer hingebungsvoller Weise gearbeitet worden ist. Alles, was da zu leisten war, wurde von unseren lieben Münchener Freunden in einer nicht nur hingebungsvollen, sondern geradezu umfassend verständnisvollen Weise geleistet, sodass sich in dieser Arbeit am schönsten auslebte, was man theosophische Einheit und Harmonie nennt. Da war keiner, der nicht bereit war, die höchste geistige Arbeit neben der - was auf solchem Kongresse notwendig ist - kleinsten Handlangerarbeit zu leisten. Leute, die in ihrem ganzen Leben nicht gewohnt waren, solche Arbeit zu verrichten, schleppten große Dinge heran, die zu diesem oder jenem Zwecke bestimmt waren; andere hämmerten, andere strichen große Säulen an; kurz, es war alles hingebungsvolle Arbeit. Einkassiert konnten werden Gaben vom Tausendmarkschein bis zum Zehnpfennigstück. Umsichtig war die Verwaltung, die von München übernommen worden war bis zu jener Arbeit, die gezeigt hat, wie die wirkliche Leistung, das wirkliche Zusammenarbeiten, die Menschen harmonisch macht. Wir haben es dahin gebracht, dass die tief befriedigende Aufführung des Mysteriendramas von Eleusis stattfinden konnte. Wenn Sie bedenken, was dazu alles gemacht werden musste, von der Übersetzung aus dem Französischen bis zu den Sandalen an den Füßen der Darsteller, die sämtlich Mitglieder waren und durch Wochen hindurch Proben mitmachen mussten; wenn Sie wüssten, wie es da zugegangen ist, wie schön und harmonisch alles vonstattenging, wie die Arbeit von dem gemeinschaftlichen Gedanken und der Hingebung der Empfindung getragen war, dann könnten Sie den praktischen Wert ermessen, der sich ergibt, wenn ein gemeinsames Band der Arbeit alle umschlingt. So wie die Pflanze harmonisch der Sonne entgegenstrebt, so werden die Menschen harmonisch, wenn sie von den gleichen Empfindungen beherrscht werden.
[Das hat sich beim Einstudieren der eleusinischen Mysterien gezeigt. Diese befriedigende und praktische Erkenntnis haben wir mit nach Hause nehmen können, was es heißt, Leben und Arbeit praktisch zu begründen. Gemeinsame Arbeit bringt Sie zusammen, die macht die Menschen eines Geistes und einer Seele. Da streiten Sie nicht mehr.]
Dass alles so geworden ist, wie es geworden ist, das haben wir dem guten Geiste dieses Korps der Mitwirkenden an unserm Münchener Kongress zu verdanken. Es lebte bei allen diesen Vorbereitungen wirklich der Geist der Eintracht in der damaligen Münchener Arbeitsgesellschaft, die in dieser Beziehung gewissermaßen vorbildlich sein könnte für die Art und Weise, wie überhaupt in der Theosophischen Gesellschaft zusammengewirkt und gearbeitet werden kann. Es ist zu hoffen, dass diese etwas anders geartete Art der Arbeit, wie sie die Deutsche Sektion seit fünf Jahren zu leisten versuchte, auch in der internationalen Theosophischen Gesellschaft nicht nur Anerkennung findet [- die ist aber nicht notwendig -], sondern auch ein wenig befruchtend wirken wird. Nur dadurch kann die internationale Theosophische Gesellschaft gedeihen, dass jede Sektion das ihrige beiträgt auf dem Altare der gemeinschaftlichen, theosophischen, internationalen Wirksamkeit. [Die Arbeit muss fortgesetzt werden, die begonnen worden ist. Die Logen Basel und Nürnberg haben sich Vortragszyklen auserbeten.]
Da Edouard Schuré, dem Verfasser des Mysteriendramas, der tief gefühlteste Dank der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft herzlich zuströmt, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Ausdrücklich aber soll hervorgehoben werden, dass wir zu großem Danke verpflichtet sind Bernhard Stavenhagen, dem berühmten Pianisten und feinsinnigen Komponisten, der inmitten seiner reichen, drängenden Arbeitslast auf meine Bitte es übernommen hat, den musikalischen Teil der dramatischen Vorführung uns als Gabe zu schenken. Der tiefe Eindruck, den diese Komposition auf alle Anteilnehmer übte, wird diesen in bleibender Erinnerung sein. Es wurde allseits der schöne Einklang der musikalischen Schöpfung mit dem Mysterium empfunden.»
Rudolf Steiner gedenkt hierauf in schöner Weise der verstorbenen Mitglieder: Fräulein Eggert und Herrn Wirschmidt, deren Andenken die Versammlung durch Erheben von den Plätzen ehrt.
Zweitens: Fräulein von Sivers, der Sekretär der Deutschen Sektion, gibt hierauf folgenden Bericht über die Mitgliederbewegung und die organisatorische Gestaltung des theosophischen Lebens im verflossenen Jahre:
Anzahl der Mitglieder 872 gegen 591 im Vorjahre. Neu eingetreten sind 303 gegen 231 im Vorjahre. Ausgetreten sind 12, an andere Sektionen übergeführt 2, gestorben 4. Von 19 Mitgliedern konnten die Adressen nicht ermittelt werden, die infolgedessen auch nicht angeführt worden sind.
Die Mitglieder verteilen sich auf 28 Zweige gegen 24 im Vorjahre und 1 Zentrum. Die Namen der neuen Zweige sind: Kassel, Düsseldorf (Blavatsky-Zweig), Elberfeld, Esslingen a.N.
Drittens: Hierauf folgt der Rechenschaftsbericht des Kassenwarts, Herrn Seiler.
Viertens: Nach dem Berichte der Kassenrevisoren Herrn Tessmar und Fräulein Motzkus, wird dem Kassierer Decharge erteilt.
Punkt III: Der Rücktritt des Herrn Bernhard Hubo vom Vorstand hat die Wahl eines Ersatzmannes nötig gemacht. Nachdem Dr. Steiner die Hingabe und Aufopferung, mit der sich Herr Hubo der theosophischen Sache gewidmet, hervorgehoben hatte und mitteilte, dass sein Bemühen, ihn zur Beibehaltung des Amtes zu veranlassen, keinen Erfolg gehabt habe, schritt man zur Wahl eines neuen Vorstandsmitgliedes. Gewählt wurde Herr Tessmar.
Punkte IV und V: Anregungen der Zweige Heidelberg und Weimar, die zum Zwecke hatten, eine größere Propaganda für das, was die Theosophische Gesellschaft will, ins Leben zu rufen, gaben zu längerer Diskussion Veranlassung, an der sich die Mitglieder Wolfram, Arenson, Bedrnicek-Chlumsky, Stockmeyer, Ahner beteiligten.
Dr. Steiner bemerkte dazu:
«Ich kann es gut begreifen, dass Freunde, die der Sache etwas ferner stehen, glauben, durch die Presse etwas tun zu können, indem sie in derselben Artikel zum Abdruck bringen lassen. Wer aber im öffentlichen Leben Erfahrung hat und Beobachtungen machen kann, der weiß, was heute überhaupt «Presse heißt. Es ist mir schmerzlich, dass ich das sagen muss. [Ich selbst sehe die Presse als etwas an, das man lieben kann, das die eigenen Fehler korrigiert. Aber wir müssen auch unbefangen die Sache ansehen. [unleserlich] Manchmal haben sie uns Berichte gemacht nicht in der Hauptstadtpresse, sondern in den Provinzstädten. Wenn diese Blätter uns hätten etwas nützen sollen, dann wären wir auf einer sehr schlimmen Grundlage gestanden. [unleserlich] die Leute in der Presse gehören ja selbst zu denen, die erst begreifen müssen, was Theosophie will. [unleserlich] Bedenken Sie, dass in aller Welt, seit der neuzeitlichen Entdeckung und namentlich auf dem Gebiete des Geisteslebens ein ungeheurer Konkurrenzkampf herrscht. Das ist das Schlimmste, das Korrumpierendste, was es geben kann. Eine andere Frage ist aber diese, ob wir dabei irgendetwas als Theosophen zu gewinnen haben? Es ist versucht worden, nicht nur in die Tagespresse, sondern auch in Wochenzeitschriften unsere Artikel hineinzubringen. Es ist eine neue Zeitschrift erstanden. Die heißt «Der Morgen. [unleserlich] Warum die Herren eine Zeitschrift zu gründen notwendig fanden, ist nicht einzusehen. Nicht von der untergeordneten Presse will ich reden, aber gerade bei dieser Zeitschrift kann man Studien über die Moral der Zeitschriften machen. Sie brachte es fertig, dass sie in einer jetzt vielbesprochenen Angelegenheit einen kurzen Sensationsartikel brachte, Dinge brachte, die auf Personen hingedeutet wurden. Sie trat da sozusagen als Ankläger auf, so als ob sie eingreifen wollte. Ich will nichts da verurteilen, es kann jeder falsch berichten. Vor allem findet es die Zeitung nötig, sich eine Berichtigung schicken zu lassen, aus der hervorgeht, dass auch nicht ein Schatten von Wahrheit da ist. Punkt für Punkt wurde so widerlegt von dem Rechtsanwalt, dass die Tatsachen, die von der Zeitschrift berichtet worden sind, nicht nur erscheinen als unwahr, sondern als [unleserlich] erscheint. [unleserlich] Wenn also bei exklusiven Zeitschriften so etwas möglich ist, dann ist das ein Symptom. Und ich könnte ihnen vieler solcher [Beispiele] anführen.»
Nachdem Dr. Steiner in längerer Ausführung die Gründe auseinandergesetzt hatte, schließt er mit der Bitte, der theosophischen Bewegung wenigstens das Gute zu tun, dass man Besprechungen in Zeitungen und Zeitschriften nicht zu Propagandazwecken veröffentliche, da man dadurch nur verderben, nicht nützen könne, wie die Erfahrung gezeigt habe.
Da mit der Besprechung dieser Anregungen sämtliche Punkte der Tagesordnung erledigt waren, schließt Dr. Steiner den geschäftlichen Teil und gibt bekannt, dass um vier Uhr der sachliche, theosophische Teil der Generalversammlung beginnt.