The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 25 September 1920, Dornach

1. Zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Anthroposophischen Bewegung

Ansprache von Rudolf Steiner am Vorabend des Beginns des ersten anthroposophischen Hochschulkurses im Goetheanum

Meine lieben Freunde!

Wir stehen zweifellos mit dem morgigen Tage, da wir unsern hiesigen Hochschulkursus beginnen, vor einer sehr wichtigen Etappe unserer Bewegung in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Und wenn es auch nur ganz kurz sein soll, so wird es mir gestattet sein, mit ein paar Worten auch heute wiederum einmal auf das Werden dieser Geisteswissenschaft hinzudeuten, nachdem es vor einiger Zeit, vor einigen Monaten hier - notgedrungen durch [gegnerische] Angriffe - schon innerhalb gewisser Grenzen geschehen ist. Trotzdem möchte ich heute Ihren Blick wiederum auf einiges gerade in dieser Richtung Liegende hinwenden.

Wir werden in einem zwar noch unvollendeten, aber doch schon so weit gediehenen Bau, sodass in den nächsten Wochen darinnen wird gearbeitet werden können, in dem Goetheanum selber, in dem Bau des Goetheanum, diesen Kursus für geisteswissenschaftliches Erkennen er‚öffnen. Und wenn ich nun den Namen «Goetheanum», der ja in der Ihnen bekannten Weise diesem Bau hier gegeben worden ist, ins Auge fasse, so muss ich eines der Ausgangspunkte dieser Bewegung gedenken. Diese unsere Bewegung geht ja - ich habe es öfter angedeutet, und auch mit ein paar Sätzen dann in der Einleitung meines Buches «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» drucken lassen - es geht ja diese Bewegung aus von den Vorträgen, die ich im Beginne des Jahrhunderts in Berlin vor einem engeren Kreise gehalten habe. Dieser engere Kreis in Berlin bestand zum Teil aus Leuten, die sich damals Theosophen nannten; aber es gehörten zu diesem Kreis auch solche Persönlichkeiten, die dem, was die andern Theosophie nannten, ganz fern standen. Dieser Kreis versammelte sich jede Woche einmal im Hause der Gräfin Brockdorff in Berlin, und es wurden da aus den verschiedensten Gebieten des Geisteslebens, des öffentlichen Lebens überhaupt, Vorträge gehalten; es wurde auch manches Künstlerische gepflegt. Ich wurde einmal aufgefordert, in diesem Kreise nun auch einen Vortrag zu halten. Und ich sagte zu, trotzdem ich vorher niemals in diesem Kreise gewesen war, auch durchaus nicht wusste, ob ich die eine oder andere Persönlichkeit dieses Kreises kennengelernt hatte; jedenfalls: Die Hausfrau und den Hausherrn kannte ich nicht. Nicht wahr, es gibt ja Momente im Leben, wo man höflich ist. Nachdem ich also durch eine Mittelsperson zugesagt hatte, den Vortrag, der gewünscht wurde, über Nietzsche zu halten - es war ja längere Zeit nach der Abfassung meiner Schrift «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» -, da fiel mir ein: Du musst doch höflich sein, du gehst jetzt zu der Hausfrau und dem Hausherrn. Also ich schrieb zunächst einen Brief an die Gräfin Brockdorff und bat sie in diesem Briefe, bevor ich in dem Hause den Vortrag halten solle, ihr einmal einen Anstandsbesuch machen zu dürfen. Da schrieb mir die Gräfin Brockdorff zurück: Das sei gar nicht nötig, ich solle nur zum Vortrag - ich weiß schon nicht mehr, an welchem Tage das war, am nächsten Vortrags[abend] eben - kommen. Und da kam ich denn in diesen Kreis und hielt einen Vortrag über Nietzsche. Man lud mich am Ende dieses Vortrags ein, in der Wintersaison bald noch einen Vortrag zu halten. Und ich sagte dann sogleich: Ja, ich würde einen Vortrag halten über dasselbe Thema, über das ich im «Magazin für Literatur», das ich damals redigierte, geschrieben hatte zu Goethes hundertfünfzigstem Geburtstage.

Ich hatte nämlich zu Goethes hundertfünfzigstem Geburtstag geschrieben: «Goethes geheime Offenbarung». Ich sagte: Ich wolle über dieses Thema «Goethes geheime Offenbarung» sprechen bei dem Vortragsabend, zu dem ich da eingeladen worden war. Der Vortrag kam zustande. Und ich versuchte alles dasjenige, was sich anschließen lässt an Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», in diesem Vortrag dazumal vorzubringen.

Das war eigentlich doch, ich möchte sagen, die Urzelle dieser Bewegung, meine lieben Freunde. Die Urzelle war jener Vortrag über Goethes geheime Offenbarung. Dessen muss ich gedenken, wenn wir nunmehr morgen beginnen mit einer wichtigen Etappe in unserer Bewegung hier im Goetheanum. Eigentlich ist es sehr schön, dass diese Bewegung damit zu ihrem Anfange - wenigstens für mich und dasjenige, was ich zu tun habe in der Bewegung - zurückkehrt.

Es ist mit Goethe begonnen worden, und nun beginnen wir morgen etwas außerordentlich Wichtiges in dem Bau, der von Goethe seinen Namen erhielt. Sie sehen also, es ist etwas von Konstanz, von Stetigkeit schon in dem ganzen Fortgange unserer Bewegung.

Der Vortrag, den ich [damals] gehalten habe über Goethes geheime Offenbarung, er hat dann dazu geführt, dass ich in jenem Kreise im Laufe des nächsten Winters vorzutragen hatte im Wesentlichen den Inhalt desjenigen, was nun in meiner Schrift «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» im Zusammenhang mit der neueren Naturwissenschaft enthalten ist. Also: Aus Goethe entsprungen, setzte sich das dann fort in jene Schrift hinein. Vor einem erweiterten Kreise trug ich dann dasjenige vor, was enthalten ist in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache».

Schon dasjenige, was in meinem Buche «Die Mystik» steht, hat dann dazu geführt, dass ein großer Teil dieser «Mystik» ins Englische übersetzt worden ist. Und das führte dann dazu, dass ich auch aufgefordert worden bin, für das, was in ihren verschiedensten Formen «Theosophische Gesellschaft», «Theosophical Society» war, Vorträge zu halten.

Nun werde ich mir niemals irgendwie das Recht nehmen lassen, die Vorträge zu halten, da hinzugeben dasjenige, was ich zu vertreten habe, um es zu vertreten, wo man mich dazu auffordert. Daher hielt ich auch für diejenigen, die sich Theosophen nannten, unter anderen Vorträgen solche, die aber, wie ich von vornherein jedem sagte, der es hören sollte oder hören wollte, nichts enthielten, was nicht meinen eigenen Forschungen entsprungen war.

Ich nahm dann teil an verschiedenen theosophischen Kongressen. Mittlerweile hatte diese Bewegung, die so entstanden war, innerhalb Mitteleuropas Mitglieder erhalten, Mitglieder, die im Wesentlichen durch die Weltanschauung zusammenhielten, welche schon dazumal von mir vertreten worden war. Als ich den Vortrag hielt über Goethes geheime Offenbarung, bedeutete es nicht sonderlich viel, dass dasjenige, was so vertreten wurde, auf Einladung der Theosophical Society hin vertreten worden ist.

Bei einem der Kongresse in London sah ich dann auch Olcott, den Präsidenten der Theosophical Society. Er sagte mir dazumal ungefähr: Ja, mit dieser Deutschen Sektion, da ist es doch eine missliche Sache. - Ich meinte: Warum? - Ja, die Mitgliederlisten, die laufen bei uns so schlecht ein. — Ich sagte: Mich interessieren die Mitgliederlisten nicht, mich interessieren mehr die Mitglieder; und wenn die Mitglieder nur da sind, dann ist es mir ziemlich gleichgültig, ob sie auf der Liste stehen. - Nun, ähnliche Bemerkungen kamen noch öfter vor.

Nachdem wir verschiedene Stadien durchgemacht [hatten, fand dann einmal in München - es war 1907 - ein Kongress statt] mit den anderen Theosophen zusammen. Und damals wunderte man sich sehr, dass diese Bewegung so schnell innerhalb Mitteleuropas, wie man sich ausdrückte, aus dem Boden herausgeschossen sei. Denn es war ein Diktum, welches von einem zum andern immer mitgeteilt worden war unter Mitgliedern der Theosophical Society, insbesondere in den Kreisen derjenigen, die «advanced» waren - so nannte man diejenigen, die da oder dort etwas dirigierten; und dieses Diktum, das da und dort unter diesen Leuten immerfort ausgesprochen worden ist, das war: Germany is not ripe for this. - Deutschland ist nicht reif für die Theosophie.

Nun, dieses Diktum, das wurde dann in München damals ein bisschen unterdrückt. Aber eigentlich kam mir dieses Diktum doch nicht ganz unberechtigt vor; denn für dasjenige, was die Theosophical [Society] in ihrem Schoße barg, waren wir allerdings nicht reif, sind es auch heute nicht, und machen uns, denke ich, gar nichts daraus.

Wozu dann diese «Unreife» geführt hat, war ja dieses, dass wir nicht reif geworden sind, diesen Hinduknaben, Alcyone - oder so ähnlich hieß er - anzuerkennen, der ausersehen worden war - als andere, in denen eine Zeit lang die Christus-Jesus-Seele inkarniert sein sollte, sich als nicht geeignete Kandidaten erwiesen hatten -, der ausersehen worden war, die Christus-Jesus-Seele in sich zu tragen. Und wir erwiesen uns gänzlich unreif. Und daher kam es ja, dass wir dann herausgeworfen wurden.

Und so bildete sich immer mehr und mehr dasjenige aus zu äußerer Klarheit, was heute anthroposophische Bewegung ist. Es bildete sich aber damit einfach nur dasjenige, was ursprünglich, ganz ursprünglich da war.

Denn, sehen Sie, ich hatte eben gewiss in der Theosophical Society vorzutragen, und gründete eben auch 1902 eine Deutsche Sektion in Berlin; aber während der Gründung, Gründungsverhandlungen, Gründungsversammlung musste ich weggehen; denn ich hatte in einem anderen Lokal einen Vortrag zu halten, der einem Zyklus angehörte, der sich nannte «Anthroposophische Betrachtung der Weltgeschichte». Und so sehen Sie, dass ich, während die Theosophical Society ihre Deutsche Sektion gegründet hat, über Anthroposophie gesprochen habe.

Es ist heute nichts anderes da als dasjenige, was aus dieser Urzelle «Die geheime Offenbarung Goethes» eigentlich entstanden ist. Und Anthroposophische Gesellschaft ist eben nur dasjenige, auch dem äußeren Namen nach, was von mir immer gewollt worden ist.

Es war 1909, da war in Budapest der Theosophische Kongress. Damals brodelten in dem Zentrum, in dem Adyar-Zentrum der Theosophical Society schon allerlei kuriose Dinge. Es hatte sich ein Teil der, wie ich glaube - aber das ist eine subjektive Meinung — der vernünftigeren Leute dazumal von der Theosophical Society abgespalten, und dieser Teil brauchte einen Namen. Er wandte sich an mich. Ich hielt den Zeitpunkt noch nicht für gekommen dazumal, um unmittelbar unter der wirklichen Flagge der anthroposophischen Bewegung hervorzutreten. Und so sagte ich denn dazumal: Ich wüsste schon einen Namen, den man geben müsste, wenn einmal diese Bewegung eine vernünftige Form annehmen sollte; aber den brauche ich einmal später, den will ich jetzt noch nicht missbraucht haben. - So sagte ich 1909. Ich meinte den Namen «Anthroposophische Gesellschaft».

Und dann kam es eben 1913 auch zu dieser Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Die dann da waren als die Mitglieder, die, insofern sie noch Mitglieder dieser Theosophical Society waren, wurden von dieser Letzteren herausgeworfen, gleich in Bausch und Bogen, alle.

Diese Dinge muss man wirklich ins Auge fassen, wenn man die ganze Kontinuität dessen, was heute vor uns steht, meine lieben Freunde, übersehen will; denn da hängen wirklich Anfang und Ende zusammen. Und auch im Laufe der Entwicklung werden Sie Brüche im Grunde genommen nicht wahrnehmen, wenn Sie sie nicht künstlich konstruieren.

Dann kam die Zeit, auf welche innerhalb unserer anthroposophischen Vorträge ja oftmals aufmerksam gemacht worden war, die Zeit, wo sich innerhalb der neueren Zivilisation der Niedergang im eminentesten Sinne zeigte: Es kamen die furchtbaren Jahre seit dem Jahre 1914, und es kam der mitteleuropäische Zusammenbruch, der aber in Wirklichkeit ein Zusammenbruch der ganzen modernen Zivilisation ist. Und es musste notwendigerweise hineingenommen werden in die Strömung unserer anthroposophischen Bewegung dasjenige, was jetzt, ich möchte sagen, als ein sozialer Flügel innerhalb dieser Bewegung sich bewegt.

Wer die Bewegung innerlich verfolgt, der sieht ja, wie ganz organisch herausgewachsen ist auch die Dreigliederungsbewegung aus dieser anthroposophischen Bewegung.

Durch die Dreigliederungsbewegung kamen allerlei neue Elemente in die anthroposophische Bewegung mit hinein. Allerdings, die Persönlichkeiten, welche die Träger dieser Elemente sind, sie waren zu gleicher Zeit schon da; es kamen allerdings auch andere hinzu, aber wie gesagt: Die Persönlichkeiten, die die Träger dieser Elemente waren, sie waren zu gleichen Zeiten da. Aber bei einer Anzahl von Persönlichkeiten wirkte eben der Dreigliederungsgedanke so, dass in ihnen ein neuer Impetus, ein neuer Impuls aufging. Es ist mir nicht recht ersichtlich, wie dieser Impetus hätte aufgehen können etwa aus der Theosophical Society heraus. Denn, sehen Sie, wenn ich diese wirklichen, realen Momente des Werdens, der Genesis der anthroposophischen Bewegung ins Auge fasse, da muss ich doch immer an solche Dinge denken, wie ich sie auch schon öfter erwähnt habe.

Ich war einmal auf einer theosophischen Veranstaltung in Paris. Da redeten zum großen Teil die Leute, die «advanced» waren. Und hinterher sprach man dann so seine Urteile aus über dasjenige, was da - ich kann nicht sagen - geredet worden war; denn man redete nicht über dasjenige, was geredet worden war, sondern die «advanced», namentlich Damen, die bewegten sich zum Teil behende, zum Teil aber auch etwas schläfrig umher und erklärten überall: Da waren so wunderbare Vibrationen in diesem Raume, während der oder jener sprach! - Und man hörte überall loben diese ganz brillanten «vibrations».

Und aus alledem, was da geredet worden war hinter den verschiedenen Vorträgen, da konnte ich mir nur die Vorstellung bilden, dass man ja eigentlich bei demjenigen, was vorging im Saale, nicht die Ohren gebrauchte als Vermittler, sondern mir schien die Nase gebraucht zu werden. Denn die Art, wie man da redete hinterher, die war eigentlich doch so, als ob man diese «vibrations» eben gerochen hätte. Sodass da eigentlich Theosophie gerochen werden musste.

Aber ich muss schon sagen: Ich glaube nicht, dass aus diesen Berichten, aus diesen Reden viel Soziales hätte herausgerochen werden können! Denn es lag in alledem, was da heimisch war, durchaus nichts von einer Stoßkraft, die dahin gegangen wäre, das lebendige Dasein, das volle Menschentum unmittelbar zu ergreifen.

Die Notwendigkeit, dieses volle Menschentum zu ergreifen, die kam allerdings im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts ganz gewaltig herauf. Und hätte die anthroposophische Bewegung nicht verspürt, dass sie soziale Elemente in sich aufnehmen müsse, besser gesagt: aus sich hervorgehen lassen müsse, dann hätte sie sich eben als irgendeine in der Ecke stehende Sekte erwiesen, aber nicht als dasjenige, [als] das sie von allem Anfänge an gemeint war: die Wiedererneuerung des geistigen Lebens aus dem geistigen Urquell heraus für die Entwicklungsnotwendigkeiten der neueren Menschheit.

Das sollte innerhalb unserer Bewegung durchaus verstanden werden. Und vor allen Dingen sollte verstanden werden, dass, wenn Anthroposophie ihre Aufgabe erfüllen soll, dass sie dann tatsächlich ihre Strömungen hineinergießen muss in alle einzelnen Zweige des modernen Erkennens, dass sie ergreifen müsse alle Wissenschaft.

In dieser Beziehung war ja in alledem, was auf anthroposophischem Boden erstrebt war, nichts Ähnliches dem, was etwa auf dem Boden der Theosophical Society erstrebt worden ist. Denn, sehen Sie, da hatte man auch allerlei Kompromisse mit der Wissenschaft geschlossen, aber es waren Kompromisse. Wenn man wiederum in Italien oder in England ‚oder sonst irgendwo glänzen konnte mit einer professoralen Eroberung, die man gemacht hatte in dem oder jenem, selbstverständlich glänzenden, Namen, dann - dann war man froh: Der Professor so und so ist Mitglied der Theosophical Society geworden - eine glänzende Errungenschaft! So hat man die Linie hin gezogen zu den Wissenschaften.

Aber diese anthroposophische Bewegung sollte ihre Linien so nicht ziehen. Gewiss, man könnte einigermaßen Erfolge haben, wenn man dienerte vor der gewöhnlichen Wissenschaft; aber das haben wir nicht getan. So habe ich mich, wenigstens nach jener Seite hin, unliebsam bemerkbar gemacht. Ich könnte viele Beispiele anführen, ich will nur eines anführen.

Da war ein an sich charmanter Mann [...] innerhalb der Theosophical Society. Der kam einmal in einen Ort, wo wir einen anthroposophischen Zweig hatten. Er war Botaniker. Mein Trachten war immer auf diejenigen Dinge gerichtet, von denen ich glaubte, dass sie zufällig interessieren könnten. Und so sprach ich denn mit dem Professor der Botanik, und ich sprach über einige Einzelheiten der botanischen Wissenschaft. Es interessierte ihn gar nicht, nicht im Mindesten. Er war sogar etwas unzufrieden, denn er liebte «Theosophie», und von der setzte er voraus, dass sie sich doch nicht einmische in seine Botanik. Er dachte sich: Botaniker - das ist man im Stile der modernen wissenschaftlichen Entwicklung. Das ist doch selbstverständlich, dass da alles in Ordnung ist. Und dann nimmt man, wenn man so nebenbei Bedürfnisse hat, auch die Theosophie auf. Aber da hat man zwei ordentlich voneinander gesonderte Schubfächer: hier Botanik, hier Theosophie. Und da redet das eine dem andern nicht hinein. Daher wurde es ihm höchst unbehaglich, vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus über Botanik zu hören. Ein Beispiel für viele.

Aber wir konnten das doch nicht unterlassen, überall dasjenige, was aus den Quellen anthroposophischer Forschung kommt, hineinzuergieRen in die spezielle Lebensbetätigung, in alles dasjenige, was eben der Welt angehört. Das wurde vielen Leuten unangenehm, recht unangenehm. Denn, nicht wahr, man konnte ein guter Botaniker sein im Sinne der Anforderungen der Zeit, denn man hatte sein Gymnasium absolviert, hatte dann seine Spezialstudien gemacht, hatte seine Dissertation geschrieben, war dann Privatdozent geworden, hatte sein Buch geschrieben, war Professor geworden - nun, man hatte auch seine botanische Sammlung -, es war alles in der Ordnung; das hatte man hinter sich. Wozu da irgendwie dreinreden? Aber man brauchte, weil das unbefriedigend war, etwas für die anderen Bedürfnisse des Menschen. Da nahm man die Theosophie. Leicht zu ergreifen war sie [im Verhältnis] zu den vielen Büchern, die man absolviert hatte, bis man endlich Universitätsprofessor geworden war. Da kaufte man nun noch ein paar andere, also theosophische, Bücher noch hinzu. Nun hatte man auch noch etwas für das andere. Da durften die Kreise nicht gestört werden.

Aber so konnten wir es eben nicht machen. So artig, meine lieben Freunde, konnte ich insbesondere nicht werden. Und so war ich denn genötigt, aus anthroposophischen Untergründen heraus in alle Wissenschaften hineinzureden, einfach den Leuten zu sagen: Nein, das geht nicht; mit einem Scheuleder brauchen wir nicht an die Sachen heranzutreten, sondern in jedem der anderen Fächer muss ordentlich aufgeräumt werden; da ist ja alles tot geworden und muss wiederum lebendig werden.

Die ganze Sache hängt zusammen mit unseren sozialen Forderungen. Denn hätten wir nicht dieses grässliche Sich-Spezialisieren in lebensfremde Einzelwissenschaften, hätten wir nicht dieses Unverständnis gegenüber dem Leben durch diese abgesonderten Einzel-Wissenschaften, dann wären wir in das Unglück der letzten Jahre nicht hineingetrieben worden. Und wir müssen dadurch wieder herauskommen, dass wir am rechten Ende anfangen, in die Schubfächer ordentlich hineinzudringen. Sodass der Geist, der allein die Entwicklung der Menschheit tragen kann, auch in allen einzelnen Betätigungen des Erkenntnislebens ist. Und alles dasjenige, was aus diesem Erkenntnisleben hervorgehen soll, das war drinnen in unserer anthroposophischen Bewegung. Und als nun die neuen Elemente kamen, die durch den Dreigliederungsgedanken und durch manches andere, was in der anthroposophischen Bewegung in den jüngsten Jahren vorging, sich angeregt fühlten, da kam auch der Anstoß dazu, jenen Weg zu gehen, der nunmehr führte zu dem, was morgen als unser anthroposophischer Hochschulkursus hier beginnen soll.

Doktor Boos, der Begründer, der Führer des schweizerischen Dreigliederungsbundes, der ist es vor allen Dingen, dem diese Stoßkraft innewohnte, die dann zu dem führen konnte, was wir morgen beginnen.

Man musste in einer gewissen Weise zunächst ganz darinnen stehen in der Einsicht in die Notwendigkeit, alles wissenschaftliche, alles künstlerische, soziale Leben von der Anthroposophie aus zu befruchten. Man musste mit der innerlichen Kühnheit ausgerüstet sein, wirklich zu verbinden absolut klares, scharf umrissenes Denken mit jener nötigen Intuition, die einsieht, dass dasjenige, was durch die Ströme des Anthroposophischen fließt, wirklich in die Wissenschaften hinein dasjenige liefern kann, was geliefert werden muss. Dann muss man jenes heilige Feuer haben, das sich eben einer solchen Arbeit widmet. Das ist in einer Weise, für die man nicht genug danken kann, durch unsern Freund Doktor Roman Boos geschehen, und ihm haben wir es eigentlich zu danken, dass wir dieses sein Werk vor uns haben, diesen anthroposophischen Hochschulkurs, der morgen beginnen soll.

Selbstverständlich dürfen ja nicht vergessen werden alle diejenigen, die in reichlichem Maße mitgearbeitet, mitgewirkt haben; aber eine treibende Kraft muss in all solchem stecken. Und diese treibende Kraft muss, ich möchte sagen, ein sozialer Impetus sein. Das war vor allen Dingen notwendig. Das haben wir in Bezug auf diese Unternehmungen gehabt, und ich möchte nur wünschen, dass wir mit Doktor Boos noch recht viele Unternehmungen hätten; dann werden wir schon vorwärtskommen.

Und so können wir dasjenige, was ich mir erlaubte, Ihnen heute in der Urzelle vorzuführen, in seinem Wachstum verfolgen, wie es sich verzweigte zu dem Leben in den einzelnen Wissenschaften, wie es herbeirief alle die Freunde, die wir nicht warm genug begrüßen können, die sich nun als Vortragende widmen werden der Ausgestaltung der Anthroposophie in die einzelnen Wissenschaften und Lebenszweige hinein. Gerade wenn wir imstande sind, dies vor die Welt hinzustellen, wie Anthroposophie in die einzelnen Wissenschaftszweige hineinwirkt, werden wir auch die nötige Stoßkraft für das soziale Wirken der Anthroposophie bekommen.

Das aber, meine lieben Freunde, ist dasjenige, was uns beseelen soll, indem wir miterleben diesen Kursus des anthroposophischen Hochschulwesens. Wünschen möchte man, dass recht, recht viele neue Keime aus allem Einzelnen, was hier getan, gesprochen, gezeigt werden wird, hervorgehen mögen.

[ Es folgen Ausführungen, die nicht unmittelbar in Bezug zur Gesellschaftsgeschichte 1902 bis 1913 stehen:]

«Wir werden also dem Programm gemäß morgen beginnen mit diesem anthroposophischen Hochschulkursus. Wir werden als erste Veranstaltung morgen die haben, welche gewissermaßen der Ausgangspunkt sein soll. Zuerst werden wir beginnen morgen um fünf Uhr mit einem musikalischen Vorspiel von unserem Freunde Stuten. Dann werden Ansprachen folgen, unter denen meine sein soll über Wissenschaft, Kunst und Religion, die aber hoffentlich eine ganze Reihe von Ansprachen anführen wird, durch die in der verschiedensten Weise kurz hingedeutet wird auf die Bedeutung des Momentes, der sich in die Gegenwart so hineinstellt, dass von hier aus, von diesem Goetheanum aus wirklich versucht wird, jenen Impuls in die Welt zu leiten, der vor allen Dingen auf eine Erneuerung des Wissenschaftslebens ausgeht.

Dann wird folgen eine Probe der Vertonungen unseres Freundes Schuurman, nämlich seine Vertonung eines poetischen Einzel-Einschiebsels in der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz. Dann wird eine Pause sein. Nach einer Pause werden Deklamationen, andere musikalischen Leistungen folgen. Dann wird diese Morgenfeier schließen mit einer eurythmischen Aufführung. Sodass wir zunächst hinweisen auf die verschiedenen Betätigungsrichtungen, die hier von diesem Goetheanum aus gepflegt werden sollen.

Heute, meine lieben Freunde, würde es wohl zunächst unsere Aufgabe sein, zu denken an die Bewältigung der Arbeit, die uns zufällt, indem wir ja dafür zu sorgen haben, dass die ganze dreiwöchentliche Veranstaltung in würdiger, aber auch in praktischer Weise verläuft. Es ist dazu notwendig, dass die Herren von unserem schweizerischen Dreigliederungsbund, die Herren des Goetheanums, vom Verein des Goetheanismus und so weiter, die Damen und Herren unterstützt werden durch eine Reihe anderer Persönlichkeiten, welche - bitte, nehmen Sie mir die Dinge nicht übel, sie sind ja nicht immer so schlimm gemeint, wie sie sich ausnehmen - für Ordnung sorgen, nicht wahr, denn wenn sie schon vorher draußen vor dem Eingange gestanden sind, ist es wirklich nicht notwendig, dass man noch eine Stunde damit zubringt, bis alle auf ihren Plätzen sitzen, sondern dass man dafür sorgt, dass jeder möglichst rasch seinen Platz findet, dass also ausgeführt wird dasjenige, was höchst bald zum Stillsitzen und Zuhören führt. Ich muss sagen, dass es mir morgen eigentlich leidtut, dass ich just reden muss: Ich fände es viel reizvoller, ein Ordner zu sein; denn man kann da, wenn man ein Ordner ist, so schöne Talente entwickeln. Erstens nimmt sich ein Ordner so schön aus, wenn er recht behände ist, wenn er nicht ungeschickt ist, wenn er ein Billett in die Hand bekommt - verzeihen Sie, es ist ja nicht schlimm gemeint -, es erst von allen Seiten ansieht, so wie ein ungeschickter Postbeamter am Schalter mit dem Brief es macht, sodass man in Verzweiflung kommt, bis man seinen Zettel bekommt für einen Einschreibebrief etwa, sondern mit einer schnellen Bewegung sofort weiß: Da ist der Platz -, sodass der Betreffende laufen kann und sofort an seinen Sitz kommt. Also schnell anweisen, aber in gelassener Ruhe, und dabei noch charmant sein, nicht derb, sodass derjenige, der den Platz angewiesen bekommt, eine große Freude hat; sodass keiner die Meinung haben kann: Da wird man angeschnauzt. Das also finde ich eine gute Gelegenheit, seine schönsten Talente zu entwickeln; das ist eigentlich außerordentlich begehrenswert. Und so bitte ich denn namentlich die Herren, charmant zu sein. Ich glaube, es wird in diesem Falle gerade sehr schön sein, wenn die Herren sozusagen amtlich charmant sind; die Damen ohne Amt so zwischendrinnen charmant sind. Ich bitte die Herren nach zwei Gesichtspunkten hin zu streben, das blaue Bändchen hier, welches den Ordner auszeichnen soll, ins Knopfloch zu bekommen. Ich denke mir, dass es wirklich ein erstrebenswertes Ziel sein wird, besonders für diejenigen, die aus monarchischen Staaten kommen, wo ja jetzt nichts anderes mehr zu bekommen ist ins Knopfloch, ein zeitgemäßes Ideal sein wird. Wir werden also alle diejenigen, die bestrebt sein werden, die Eintrittskarten so schnell anzusehen, den Platz anzuweisen und charmant zu sein, mit einem blauen Bändchen schmücken - nicht mit einem roten etwa, damit die Schweizer nicht denken, wir seien Sozialisten ‚oder so etwas; nicht wahr, man kommt ja jetzt in alle möglichen üblen Reden durch den Pfarrer Kully vielleicht, wenn man den Leuten rote Bänder gibt; also Sie bekommen blaue Bändchen und werden alle charmante und behände Saalordner sein. Von diesen zwei Gesichtspunkten aus bitte ich das zu betrachten. Der eine Gesichtspunkt ist der, wenn man weiß, man ist einer von denen, die behände und charmant sein können, dann unterlasse man es ja nicht, sich an der Ordnung zu beteiligen. Und wenn man wissen sollte, dass man vielleicht im Laufe der letzten Jahre zu viel Militarismus in sich aufgenommen haben könnte, sodass man solche Eigenschaften nicht entwickeln könne - es ist aber nur in Parenthese gesagt und wirklich nicht schlimm gemeint -, also wenn jemand im Laufe der letzten Jahre zu starke militärische Neigungen in sich aufgenommen hätte, die dann nicht taugen dazu, charmant zu sein und dergleichen, also wenn man etwa zu stark zu kommandieren sich angewöhnt hat, dann möge man anthroposophische Selbstbescheidenheit üben und das unterlassen, sich am Ordnen zu beteiligen. Aber wie gesagt, das sage ich nur, wie man in der alten Wissenschaft gesagt hat: «der Wüstheit halber. Ich will gleich Alternativen vorbringen. Man muss in der Wissenschaft vollständig sein. Wir haben ja jetzt einen wissenschaftlichen Kursus. Nicht wahr, da braucht man nicht gleich so radikal zu sein, wie die eine Persönlichkeit von der Nachbarschaft hier, die, als sie das erste Mal hier heraufgekommen ist, nicht versäumen wollte, uns gleich zu tadeln, weil wir - die wir doch ein «Neuerer» sein wollten —, nun überall, wo man hinblicke, «olle Kamellem, wie der Berliner sagt, von Doktor-Titel und so weiter hätten; wenn man schon mit dem Erneuern anfange, meinte die Persönlichkeit, so solle man einmal solche Titel weglassen.

Nun, nicht wahr, darüber kann man ja verschiedener Meinung sein, wenn man das oder jenes machen wolle, sich einen neuen Rock anziehen solle; nur wollen wir nicht in Äußerlichkeiten unsere Ideale sehen, und deshalb habe ich auch der Vollständigkeit halber das zweite genannt, und hoffe im Ernste, dass es nicht nötig gewesen ist, dass ich es erwähnen musste.

Nun, damit würde ein Teil desjenigen, was wir heute zu absolvieren haben, erledigt sein, wenn uns die betreffenden Persönlichkeiten, die sich als Ordner nach dem voraus Gesagten nun ganz besonders berufen fühlen, uns kund und zu wissen tun, dass sie dieses blaue Bändchen für die nächsten Tage ins Knopfloch bekommen wollen, und besonders für morgen. Vielleicht könnte es so sein, dass Doktor Boos selber oder jemand, den er dazu ernennt, nachher die Namen derjenigen entgegennimmt am Schlusse, die sich zu solch hohem Amt berufen fühlen. Das wird das eine sein.

Das andere würde sein, dass ich bitte, dass diejenigen der verehrten Herren, welche vortragen werden und schon heute da sind, sich vielleicht am Schlusse des heutigen Abends bei mir melden, weil noch einiges besprochen werden muss.

Das wäre zunächst dasjenige, was ich zu sagen hätte. Und ich werde jetzt, da ich ja erst seit heute da bin und die ziemlich umfangreichen Vorbereitungen, die nötig waren, um diesen Kursus in die Weg zu leiten, nicht habe mitmachen können gerade in den letzten Tagen, Doktor Boos bitten, die Leitung des heutigen Abends zu übernehmen, und uns vorzuschlagen, was nach dieser Richtung noch weiter zu geschehen hat.

Wir werden aber dann, wenn wir die für morgen und die folgenden "Tage zu besprechenden Dinge absolviert haben, noch einige andere Dinge für den heutigen Abend zu besprechen haben, die sich auf einige andere Ereignisse beziehen. Aber zuerst wollen wir die Tagesordnung für den Kursus besprechen.

Dr. Boos bringt die notwendigen Maßnahmen und Einrichtungen zur Besprechung.

Am Schluss ergreift Dr. Steiner nochmals das Wort:

«Ich möchte nur noch bemerken für diejenigen Freunde von auswärts, die als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gekommen sind, dass ja am Sonnabend und Sonntag anthroposophische Vorträge wie bisher, wenn ich in Dornach anwesend bin, stattfinden werden, und ich glaube auch Eurythmie-Vorstellungen am Samstag und Sonntag. Die Vorträge werden nach der Eurythmie um acht Uhr oder wenn keine Vorstellungen am Samstag und Sonntag sein sollten, um halb acht Uhr stattfinden, und zwar, wenn wir alle unterbringen können, hier in der Schreinerei, sonst drüben im Bau. Die Eurythmievorstellungen werden ja auch hier in der Schreinerei sein.» Dr. Boos macht Mitteilung von verschiedenen Umtrieben, die hetzerisch und verleumderisch wirken wollen, und fordert auf, sich zu äußern zu einem Vorschlag, der ihm gemacht worden sei, auch etwas in die Presse zu schicken von der Versammlung, die nun schon beisammen sei.

Dr. Schmiedel meint, man solle die Anzahl der Gäste angeben.

Dr. Boos, sagt, dass er es auch schon überlegt hatte, meint, durch eine Massenversammlung hier eine Resolution zu verfassen, in der dann auch die noch nicht hier Anwesenden inbegriffen sein können der Stimmung nach, man braucht nicht mit Zahlen aufzurücken; durch knappe, kurze Form wäre eine Resolution außerordentlich wirksam. Eine Annahme der Resolution wird vorgeschlagen. Da keine Abänderungen vorgeschlagen werden, will er nochmals fragen. - Es ist Einstimmigkeit zu konstatieren. Damit ist diese Angelegenheit auch zum Abschluss gebracht betreff dieser Resolution.

Rudolf Steiner: «Ich glaube, es ist nicht nötig, dass dasjenige, was durch die Presse gegangen ist über die Versammlung, die ja hier stattgefunden haben soll in Dornach, die offenbar einberufen worden war durch die Umtriebe von Pfarrer Kully und Pfarrer Arnet, ich glaube, es ist nicht notwendig nach dem Pressebericht viel zu reden über diese Versammlung.

Es sind gewisse Dinge mitgeteilt worden, die ja allerdings einem vielleicht nahelegen könnten, das oder jenes andere zu bemerken. So zum Beispiel ist es eine immerhin bemerkenswerte Tatsache, dass diese Herren, die nun aus dem absolut unwahren, verlogenen Sinn heraus alles Mögliche zusammentragen, was nicht wahr ist, dass diese Herren also in der Lage sind, oder wenigstens in der Lage sein sollen, genaue Berichte zu haben über sagen wir zum Beispiel die Feier unserer Grundsteinlegung und dergleichen. Es sind überhaupt alle Ansätze dafür vorhanden, dass den beiden Herren, die ja die Seele der Gegenaktion, der entstehenden Bewegung sind, im Grunde genommen vonseiten unserer Leute, unserer Mitglieder so ziemlich alles, was die Herren haben wollen, ausgeliefert wird.

Meine lieben Freunde, es ist dann natürlich schon bald ein Unsinn noch in geschlossenen Kreisen Versammlungen zu liefern, wenn gerade aus unserm Kreise heraus alles dann an Pfarrer Kully und ähnliche Leute getragen wird. Nicht wahr, es muss so etwas schon gesagt werden, weil ja eben durchaus die Dinge sich äußern. Die Versammlung selbst geht einen erstens nichts an; denn dasjenige, was die Leute unter sich ausmachen wollen, das mögen sie unter sich ausmachen, mögen sie so unanständig sein wie nur immer; unanständig genug waren sie ja, wie wir bereits wissen. Dasjenige, wogegen sich die Resolution, die wir soeben haben vorgeschlagen bekommen von Doktor Boos, wendet, ist eben das, was sie als Unrat nach außen ausgeschieden haben, und was durch eine Schweizer Presse sogar verbreitet worden ist. Gegen das müssen wir uns selbstverständlich wenden. Was sie unter sich ausmachen, das mögen sie unter sich selbst ausmachen. Wenn wir nicht gerade darüber hören, dass es durch geisteswissenschaftliche Mitteilungen vonseiten unserer Mitglieder geschieht, über Dinge, von denen man glauben sollte, dass sie innerhalb unserer Kreise bleiben. Es wird zum Beispiel gesagt, dass jener Herr, von dem wiederum mitgeteilt wird, dass er sich in Ur-Schwizerdütsch ausgedrückt haben soll, dass der solche Schweinereien geredet haben soll, dass nun die Leute sich bemüßigt gefunden haben sollen, nun einfach das Schweinische herauszulassen. Aber wie gesagt, die Leute mögen unter sich alles mögliche ausmachen, das geht uns ja vorläufig nichts an. Ich bemerke, dass sie es wirklich unter sich ausmachen sollten. Denn denjenigen, die nicht dazugehören und sich nach jener Versammlung begeben haben sollen, wurde ja in einer sehr unanständigen Weise gezeigt, dass sie nichts zu reden haben, und sie wurden in unanständiger Weise an die Luft gesetzt. Sodass also irgendwelche Nichtdazugehörige zu den Leuten zum Schlusse oder wenigstens bei einem Teil der Versammlung gar nicht anwesend gewesen zu sein scheinen. Es mögen einige wenige nur dort gewesen sein.

Aber auf der anderen Seite möchte ich davor warnen, dass gar zu sehr man sich wiederum einlullt und sich dem hier oftmals charakterisierten Schlaf wieder hingibt. Dieses Schlafen gegenüber den Gefahren, die uns von jener Seite kommen, das ist eben das Allerschlimmste, das eigentlich in unsern Reihen passieren könnte. Und geschlafen wird ja nach dieser Richtung viel.

Auch heute, nachdem ich kaum zurückgekommen bin, hörte ich schon wiederum, dass in einer gewissen Behaglichkeit Nachrichten verbreitet werden, dass ja das Auftreten der Katholiken in einer solchen schmählichen Weise, wie es geschehen ist, uns überall unter den Nicht-Katholiken gute Freunde gebracht habe. Also es handelt sich bei einer großen Anzahl von unseren Mitgliedern nicht darum, den Sachen ins Auge zu schauen, sondern darum, dass man nun wiederum eine Ausrede für sich selber findet, um sich hübsch aufs andere Ohr, auf die andere Seite zu legen, wenn in das eine Ohr hineindringen will, was im Dornacher «Ochsen» verhandelt wird - in jener Versammlung, von der gesagt worden sein soll - ich weiß nicht, ob es wahr ist, ich betone das ausdrücklich -, von der gesagt worden sein soll: Eine so große «Ochsen»-Veranstaltung hat in Dornach noch niemals stattgefunden. - Aber das ist nur aus dem Grunde gewesen, weil die Versammlung im «Ochsen» war.

Aber denjenigen, die sich gleich wieder auf das bequeme Schlafohr legen möchten, denen möchte ich empfehlen, in jenem Bericht, der geschrieben worden ist über diese Versammlung, eine gewisse Mitteilung, die schon verstanden werden soll, und die zeigen könnte, wie bedeutsam die Angriffe eigentlich sind, zu beachten. Es wird da gesagt - ich finde es im Augenblick nicht wörtlich, aber es steht in einem der Berichte -, dass die Art und Weise, wie der Pfarrer Kully in jener Katholikenversammlung gesprochen hat, eine ganz merkwürdige gewesen sei. Derjenige, der das mitteilt, ist offenbar eigentümlich berührt gewesen, frappiert gewesen von der besonderen Redewendung des Pfarrers Kully. Der sagt nämlich: Ein einheitlicher Gedanke ging weiter nicht durch die Rede; viel Sinn hatte die Rede auch nicht; aber sie war aus lauter einzelnen Bildern, die in gewisser Weise vor die Leute hingestellt wurden, bestehend, die nur zusammengefasst waren durch alles dasjenige, was Hass bewirken konnte, dass diese Bilder, diese Imaginationen vor die Leute hingestellt wurden, die durch das Element des Hasses zusammengehalten wurden. Wer weiß, welcher Art die Methoden und Polemiken auf gewissen Seiten sind, der weiß auch, dass solch eine Mitteilung außerordentlich viel zu bedeuten hat, und dass diese Dinge wirksam sind.

Es ist schon notwendig, oder wäre wenigstens notwendig, dass schließlich auf unserer Seite gewusst werden könnte, nachdem Jahrzehnte lang Anthroposophie getrieben wird, dass über solches nicht ohne Weiteres hinwegegangen werden könne, und dass man sich nicht beruhige dadurch, nun, dass man sich sagt: Jetzt wird auf jener Seite gehetzt und in sehr schamloser Weise gehetzt ... Dadurch gewinnen wir gerade auf der anderen Seite wieder besondere Freunde. Es handelt sich darum, dass man schon versucht, den Dingen ganz unbefangen ins Auge zu sehen; denn die Leute - ich habe das schon öfter gesagt -, die Leute, die auf jener Seite kämpfen, die wissen ganz gut, was sie wollen, wissen ganz gut, wie sie wirken sollen, und wie sie die Dinge steigern sollen, und wie sie dann zuletzt zu ihrem Ziele durch diese geschickte Steigerung und Stimmung kommen.

Also es wäre besser, zu versuchen, der Sache ins Auge zu sehen und zu wissen, dass tatsächlich die Situation für uns eine sehr fatale ist, hier, wo wir gerade dasjenige hingestellt haben, was uns am heiligsten sein soll. Und es wäre notwendig, zu berücksichtigen, dass wir gerade aufwachen sollen, und zu berücksichtigen, dass es doch immer wieder und wiederum möglich ist, dass die Dinge, die unter uns bleiben sollten, sofort also auch dem Pfarrer Arnet zugetragen werden. Oder ist es denn nicht zum Beispiel sehr merkwürdig, wenn hier eine Mitteilung steht: Der Pfarrer Arnet habe gesprochen davon, wie viele Leute in schlimmer Weise in ihrer Gesundheit beeinflusst werden durch dasjenige, was von meinen Übungen ausgeht; wenn er weiter reden wollte über dasjenige, was ihm alles zugetragen wird, müsste er das Beichtgeheimnis übertreten.

Also, es wäre schon ein wenig notwendig, auch innerhalb unserer Reihen auf dasjenige zu sehen, was durch solche Dinge immer wieder an die Oberfläche kommt.

Im Übrigen halte ich es eben für unwürdig, dass wir uns mit der Versammlung beschäftigen; denn, nicht wahr, über gewisse Dinge lässt sich eben einfach nicht mehr verhandeln, wenn sie anfangen, ein gewisses Niveau unterhalb des Anstandes als das ihre zu betrachten, so kann man nicht mehr verhandeln, kann über die Sache gar nicht mehr im Ernste reden. Aber das soll nicht dazu auffordern, dass man eben gegenüber demjenigen, was von dort ausgeht, nicht wachsam sein sollte.

Ich glaube nicht, dass wir sonst noch etwas zu besprechen haben heute. Ich würde also bitten, dass sich diejenigen verehrten Freunde, welche das blaue Bändchen ins Knopfloch zu erwerben wünschen, dann bei Doktor Boos melden.

Und nach einigen Minuten werde ich auch wieder hier sein und werde bitten, diejenigen Freunde, welche in den nächsten Tagen vortragen und heute schon hier sind, sich zu einer ganz kurzen Besprechung über ein paar Punkte zusammenzufinden, über die wir uns verständigen müssen. Ich werde also in einigen Minuten wieder hier sein.

German original of The Origin and Development of the Anthroposophical Movement · ← Previous