The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 18 January 1914, Berlin

7. Zweite Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft

BWilhelmstraße 92/93, Architektenhaus

Bericht in den «Mitteilungen für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (Theosophischen Gesellschaft), herausgegeben von Mathilde Scholl», Nr. 6/1914

Um 10.30 Uhr eröffnet Fräulein von Sivers die Generalversammlung mit folgenden Worten:

Meine lieben Freunde! Im Namen des Vorstandes heiße ich Sie anlässlich der zweiten Generalversammlung, der ersten ordentlichen Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft herzlich willkommen! Solange wir Generalversammlungen der Theosophischen Gesellschaft abgehalten haben, war es Usus, dass der Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft zugleich auch Vorsitzender der Generalversammlung war. Es ist aber das Recht der Generalversammlung, den Vorsitzenden zu wählen. Ich habe Ihnen im Namen des Vorstandes vorzuschlagen, Herrn Doktor Steiner zum Vorsitzenden dieser Generalversammlung zu wählen. Ich frage Sie, ob Sie damit einverstanden sind?

Die Versammlung nimmt diesen Vorschlag einstimmig an.

Herr Dr. Steiner: Meine lieben theosophischen Freunde! Wir sind zum ersten Male in einer ordentlichen Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft hier vereinigt, und es obliegt mir, Sie auf das Allerherzlichste zu begrüßen, und der Freude Ausdruck zu geben, dass Sie bei dieser Gelegenheit so zahlreich erschienen sind. Ich darf an diese Worte wohl auch die Hoffnung anknüpfen, dass diese erste Generalversammlung unserer Gesellschaft nach allen Seiten hin ein fruchtbares Resultat bringen möge. Sie haben ja gewiss, meine lieben Freunde, von anthroposophischer Gesinnung erfüllte Herzen zu diesem Tage mitgebracht, Herzen, durch welche pulst die Begeisterung, die notwendig ist, wenn eine geistige Strömung in der Welt zum Dasein gebracht werden soll, eine geistige Strömung, wie es die unsrige ist, von der ganz gewiss, ohne dass man sich der geringsten Übertreibung schuldig macht, gesagt werden kann, dass sie unter Schmerzen geboren werden muss. Und aus mancherlei Antezedenzien, die über uns ergangen sind in der letzten Zeit, wird sich ja ergeben dasjenige, was uns zeigen wird, wie nötig wir haben, mit großem Ernst und mit einer gewissen Eindringlichkeit gerade diesmal an unsere Aufgabe zu gehen.

Bevor ich versuchen werde, meine lieben Freunde, mit einigen Worten die Gedankengänge, die ich damit angeregt habe, fortzusetzen, sei das Wort gewidmet denjenigen, welche, seit wir das letzte Mal hier versammelt waren, den physischen Plan verlassen haben, und als Angehörige unserer uns so schr am Herzen liegenden Bewegung, nun aus geistigen Welten heute auf unsere Tätigkeit herunterschauen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch dieses Mal wiederum betonen, dass diejenigen, die vom physischen Plan hinweggegangen sind, auch des Weiteren für uns selbstverständlich als unsere im schönsten Sinne tätigen Mitglieder gelten, dass wir uns mit ihnen so vereint fühlen, wie wir es getan haben, als wir sie noch unter uns bei dieser oder jener Gelegenheit auf dem physischen Plan begrüßen durften.

Es sei zunächst gedacht - und es wird ja schwierig werden, da wir dieses Mal auf eine große Zahl von Freunden zu schen haben, alle Einzelnen anzuführen -, es sei zuerst gedacht einer alten theosophischen Persönlichkeit, alt in dem Sinne, dass sie am längsten von den meisten unserer Reihen verknüpft war mit demjenigen, was wir wahrhaftiges, echtes theosophisches Leben nennen, Frau Baronin Eveline von Hoffmann . Zu denen, die ihr ganzes Fühlen und tätiges Wollen durchdrungen haben mit demjenigen, was wir als theosophische Gesinnung bezeichnen, gehört sie. Viele wussten das tief liebevolle Herz dieser Frau schon aus dem Grunde zu schätzen, weil sie in Leid und Nöten unendliche Kräfte von diesem Herzen her sich zuströmen gefühlt haben. Ohne dass davon viel in die Außenwelt gedrungen ist, war Frau von Hoffmann eine treue, aufopferungsvolle Helferin für viele. Und wir dürfen es als etwas ganz besonders Wertvolles bezeichnen, dass sie, welche die theosophische Entwicklung seit langer Zeit mitgemacht hat, zuletzt in unserer Mitte gestanden hat. Und mit ihrer uns sehr lieben Tochter, welche in unserer Mitte weilt, werden wir der lieben, gesinnungstreuen, hilfsbereiten Frau ein treues Gedächtnis bewahren, welches mit der in der geistigen Welt weiter Lebenden vereint sein will.

Ich habe weiter zu gedenken mancher alten Mitglieder, die uns gerade in diesem Jahre für den physischen Plan verlassen haben. Ich habe zu gedenken unseres lieben alten Freundes Edmund Eggert in Düsseldorf. Wenn einige von uns vielleicht wissen, mit welch großen inneren Schwierigkeiten dieser unser Freund zu kämpfen hatte, mit welch heroischer Kraft er sich einarbeitete in dasjenige, was wir unsere geistige Strömung nennen, so werden diejenigen, die den guten, lieben Mann kannten, gewiss mit mir unablässig sich bemühen, auch weiterhin für die geistigen Welten treue Freunde unseres lieben Eggert zu sein. Und diejenigen von den lieben Freunden, welche dieses hören, was ich aus bewegtem Herzen spreche, werden in Treue ihre Gedanken dem von dem physischen Plan Geschiedenen senden.

Ich habe weiter eines lieben, treuen Mitgliedes zu gedenken, eines Mitgliedes, das uns stets innige, aufrichtige Freude gemacht hat, wenn wir es immer wieder in unserer Mitte sehen konnten, unserer lieben Frau van Dam-Nieuwenhuisen aus Nimwegen, welche den physischen Plan verlassen hat in dieser letzten Zeit, und die gewiss bei denjenigen, die ihre näheren Freunde waren, zu den allergeliebtesten Persönlichkeiten gehört hat, die in Treue an unserer Sache gearbeitet hat, solange wir sie kannten, die insbesondere auch für eine entsprechende Vertretung unserer Sache im Kreise unserer holländischen lieben Freunde viel gewirkt hat.

Ich habe weiter zu gedenken eines treuen, wenn auch vielleicht stilleren Mitgliedes, das mir immer wiederum große Freude machte, wenn ich es sehen konnte im Kreise unserer lieben Nürnberger Freunde, Fräulein Sophie Ifftner. Sie war viel geschätzt im Kreise unserer Nürnberger Freunde, die dafür sorgen werden, dass durch ihre Empfindungen der Weg geschaffen werde, dass wir sie stets finden, wenn wir sie in geistigen Welten suchen.

Einer anderen treuen Freundin, die durch lange Jahre innerhalb des Kreises unserer Weltanschauung sich betätigt hat, habe ich zu gedenken. Sie ist in einer tragischen Weise von dem physischen Plan in die geistigen Welten abgerufen worden. gehören zu denjenigen, denen sie wert und teuer geworden ist, und die mit ihren Gedanken bei ihr sind und bleiben wollen, Fräulein Frieda Kurze.

Zu gedenken habe ich unseres Julius Bittmann, der von dem physischen Plan hinweggerissen von seiner lieben Familie und von uns, bis in seine letzten schweren Tage, den festen Richtpunkt seines inneren Lebens, trotz äußerer schwieriger Verhältnisse, in dem hatte, was wir Theosophie nennen. Es war für mich eine tiefe Freude, dass ich am Vorabend des Todes unseres lieben Bittmann noch einmal an seiner Seite weilen konnte, und ich bin sicher, dass diejenigen unserer Freunde, welche diesem Manne näherstanden, nicht ermangeln werden, auch hier den Weg zu bilden, auf welchem die theosophischen Gedanken mit dem Freunde in der geistigen Welt uns vereinen.

Jakob Knotts in München habe ich zu gedenken, der ein Mann war, der aus den verschiedensten Kämpfen des Lebens heraus zuletzt seine feste Stütze und seinen bestimmten Richtpunkt in der Theosophie gefunden hat, sodass seine Freunde in derselben Weise die Vermittler zu ihm sein werden.

Eines anderen Freundes habe ich zu gedenken, der in dieser Zeit den physischen Plan verlassen hat, der den Weg gefunden hat von Holland zu uns, Herr Eduard Zalbin, den wir, schmerzlich betrauert von seiner Frau und seinen Kindern, von dem physischen Plane durch einen raschen Tod scheiden sahen. Kurze Zeit, bevor dieser eintrat, war Zalbin noch auf unserer letzten Generalversammlung, und es musste dabei schon auf sein Verlassen des physischen Planes hingedeutet werden.

Zu gedenken habe ich einer alten Freundin der Stuttgarter Loge, welche ihr engstes, innigstes Leben sich so eingerichtet hatte, dass sie alles, was sie dachte, mit der Theosophie in Verbindung brachte, und die jetzt von allen denjenigen, die sie gekannt haben, mit treuen Gedanken ganz gewiss umgeben sein wird, Fräulein Duttenhofer.

Zu gedenken habe ich Fräulein Oda Wallers, welche wir als mit ihrer ganzen Seele verbunden fühlten, lange Zeit hindurch, mit unserer Sache. Sie war eine dieser Sache so treu ergebene Seele, wie es eine Menschenseele auf Erden nur sein kann, so treu ergeben, dass wir nicht allein mit tiefem Schmerz scheiden sahen diese Seele vom physischen Plan — mit einem Schmerz, der in diesem Falle gar nicht besonders ausgesprochen zu werden braucht, weil ihn alle, die Fräulein Oda Waller gekannt haben, mit tiefstem Mitgefühl empfunden haben -, sondern wir sahen zugleich hinauf mit den schönsten Hoffnungen zu ihr in die Geisteswelten, mit jenen Hoffnungen, die berechtigt sind bei einer so treuen Seele, die so tief wie Oda Waller in ihrem Herzen festgesetzt hat, für alle Zeiten mit der theosophischen Sache verbunden zu bleiben. Es werden nicht wenige sein, welche, mit ihrer lieben Schwester Mieta Waller gedanklich vereint, in innigem Zusammenhang stehen werden mit unserem lieben Fräulein Oda Waller.

Zu gedenken habe ich unseres Münchener Freundes Georg Kollnberger. Diejenigen, die ihn gekannt haben, werden für uns die Vermittler sein, wenn wir mit unseren Gefühlen und Empfindungen ihm nachdenken.

Zu gedenken habe ich einer lieben Freundin in Bonn, die vor nicht langer Zeit den physischen Plan verlassen hat, Fräulein Marie von Schmid. Tief fühlen diejenigen, die sie gekannt haben, wie innig die Seele Fräulein von Schmids verbunden war mit dem geistigen Leben. Es haben viel verloren diejenigen, die sich im engeren Sinne mit Fräulein von Schmid verbunden fühlten, einer für das geistige Leben so offenen Seele, wie einer für das äußere Leben zugleich scheuen und in sich selbst sich zurückziehenden Natur. Einer solchen Natur, wie sie war, begegnet man im Leben so gerne. Gerade weil sie so wenig aus sich heraustrat, lernte man sie so wenig kennen. Diejenigen, die sie gekannt haben, wissen, was ich mit diesen Worten sagen will.

Zu gedenken haben wir eines Mitgliedes, das uns in Bezug auf seine physische Arbeitskraft leider allzu früh entrissen ist, eines Mannes, der gerne auch seine physischen Kräfte in den Dienst unserer Sache gestellt hat, der uns aber auch in der Form, in der er jetzt mit uns verbunden ist, ein teures Mitglied sein wird, Herr Otto Flamme in Hannover.

Zu gedenken habe ich der Persönlichkeit, die im Kreise unserer nordischen Freunde in unserer Mitte sich gefunden hat, und die nach langem, heldenmäßig ertragenem Krankheitsleben, trotz der sorgfältigsten liebevollsten Pflege, zuletzt doch den physischen Plan verlassen musste, Fräulein Munch. Vielleicht haben gerade diejenigen, die ihr nähergestanden haben, das Verständnis für das, was ich auch von dieser Seele aussprechen möchte, wenn wir des Umstandes gedenken, wie sie, ich möchte sagen mit inneren Kräften, an der theosophischen Sache gehangen hat und damit hindurchgegangen ist durch die Pforte des Todes.

Einer Freundin habe ich zu gedenken, welche auch unseren Berliner Freunden bekannt geworden ist, die nach langen schweren Leiden in der letzten Zeit den physischen Plan verlassen hat, Frau Augusta Bergh aus Kristiania. Sie war voll durchglüht von der Sehnsucht, auf dem physischen Plan ins praktische Leben umzusetzen, was ihr so schön für ihr Herz und ihre Seele entgegenleuchtete. Sie wird gewiss jetzt auf anderen Schauplätzen ihre Tätigkeit fortsetzen in einer Weise, wie wir das auch bei unserem lieben Freunde Flamme aus Hannover voraussetzten.

Aller, so von uns Gegangenen wie auch derjenigen, die weniger bekannt geworden sind in den Kreisen unserer Mitglieder, ihrer aller gedenken wir in dieser für uns feierlichen Stunde, des Herrn Brizio Aluigi aus Mailand, der Frau Julie Neumann aus Dresden, der Frau Emmy Etwein aus Köln, der Frau E. Harrold aus Manchester, und wir bekräftigen, dass wir in dem bezeichneten Sinne gedanklich mit ihnen leben wollen - mit diesen lieben verstorbenen Mitgliedern, die für uns ja nur die Form ihrer Lebensführung geändert haben -, dass wir sie umgeben wollen mit den Kräften und Gedanken, mit denen wir gewohnt sind, uns in Verbindung zu setzen mit denjenigen Freunden, die den physischen Plan verlassen haben; wir bekräftigen dieses Wollen und Gedenken, indem wir uns erheben von den Sitzen.

Herr Dr. Steiner fährt fort:

Meine lieben Freunde!

Zunächst habe ich einige Zuschriften zu verlesen, welche an die Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft geschickt worden sind.

An die Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft. Im Namen der schwedischen Mitglieder senden wir unsere brüderlichen Grüße und wünschen, dass das kommende Jahr für unser geistiges Streben möge guten Erfolg bringen. Auch sprechen wir von Herzen unsere Dankbarkeit gegen Herrn Dr. Steiner, Frl. von Sivers und unsere deutschen Brüder und Schwestern aus für alledem, was uns im vergangenen Jahre zuteil geworden ist. Stockholm, am 15. Januar 1914.
Der Vorstand: Gustav Kinell, Gustaf Ljungquist,
Anna Wager Gunnarsson. Zwolle, 17. Januar 1914.
Arbeitsgruppe Zwolle gibt herzliche Grüße und beste Wünsche für Ver sammlung.
[Gaston] Polak. Prag, 17. Januar 1914. Prager Arbeitsgruppe Studium grüßt die versammelten lieben Mitglieder aufs Herzlichste, und erbittet von den heiligen beschützenden Mächten, dass sie uns allen helfend beistehen mögen, damit wir fest vereint dasjenige zur lebensvollen harmonischen Entfaltung und Gedeihen bringen dürfen, was uns an hohen Enthüllungen und Lehren anvertraut. Möge die Gesellschaft innerlich gesund und stark bleibend allen lieben Menschen auf lange Zeit als ein Hilfe, Trost und Segen bringender Geistesbruderbund erhalten bleiben. Ptikryl

Ich bin überzeugt, dass Sie alle mit Dank diese uns sehr werten BegrüRungen entgegennehmen.

Meine lieben Freunde!

Vielleicht darf ich nach der Gepflogenheit früherer Jahre dieser Versammlung etwas vorausschicken; einiges, was wirklich nicht anders gemeint sein soll, als aus tiefstem Herzen heraus eine Art Begrüßung für Ihre Herzen und Seelen, eine Begrüßung, die ich gerade in diesem Jahre so tief empfinde, weil wir innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft in dieser Weise zum ersten Mal vereinigt sind. Denn eine konstituierende Versammlung in gewissem Sinne war dasjenige, was wir im vorigen Jahre abhalten mussten. Auf wie viele Seelen wir aber zu rechnen haben, die mit uns gehen wollen, das kann sich uns erst in diesem Jahre zeigen. Und es zeigt sich uns durch Ihr außerordentlich zahlreiches Erscheinen. Vielleicht ist es gerade im Ausgangspunkte unserer anthroposophischen Bestrebungen recht, wenn wir uns ein wenig vor die Seele führen, was wir eigentlich mit unseren Zielen, mit unseren Bestrebungen sein wollen. Es müssen ja, wenn wir uns mit unseren Gedanken hinwenden zu diesen Zielen und Bestrebungen, vor allem zwei Empfindungen nebeneinander — denn sie können kaum durcheinander gehen - in unseren Seelen walten. Das eine ist ein tiefes Bewusstsein von der Notwendigkeit und Bedeutung des spirituellen Lebens, dem wir in Ernst und Treue zugetan sein wollen in unserer Zeit, eine Empfindung, die verbunden sein muss mit dem ernsten Wunsche und mit dem Streben nach hinreichender Energie, mitzuwirken an dem, was unsere Zeit spirituell vertiefen kann. Die andere Empfindung, die sich neben diese erste stellen muss, ist diejenige, die man, ohne sentimental werden zu wollen, sondern gerade, um etwas recht Ernstes ausdrücken zu können, nennen möchte: demütigste Bescheidenheit. Nur in demütigster Bescheidenheit und in dem Fühlen des Unvermögens gegenüber der großen Aufgabe, kann das notwendige Gegenbild geschaffen werden in unseren Seelen zu dem, was so leicht zu einer eigenen Überschätzung und zum Hochmut führen könnte. Denn das ist eben das Wichtigste: Ernste Bedeutung und Würde des spirituellen Strebens auf der einen Seite; auf der anderen Seite können wir alle nur in demütigster Bescheidenheit gegenüber dem Unvermögen einzig und allein in der richtigen Weise vorwärtsdringen auf dem Wege, den wir uns erwählt haben. Und es darf niemals, meine lieben Freunde — wenn ich jetzt anknüpfe an den ersten geäußerten Gedanken -, es darf niemals aus unseren Seelenaugen verloren werden, wie notwendig unserer Gegenwart wahres und ehrliches spirituelles Streben ist.

Das, was ich Ihnen gerne sagen möchte, muss ich hier in kurze Worte zusammenfassen. Aber einiges davon möchte ich doch nicht unausgesprochen lassen. Dasjenige, was mit den ernsten Empfindungen zusammenhängt, ist, was uns aufmerksam sein lassen muss auf den ganzen Gang des Geisteslebens unserer Zeit im weitesten Umkreise. Das macht es im Besonderen mir immer wieder zur Aufgabe, in einer Weise, die ich von einem anderen Gesichtspunkte aus durchaus nicht erstrebe, hinzuweisen auf diese oder jene andere geistige Strömungen, die wahrhaftig nicht etwa bloß in oberflächlicher Weise bekämpft werden sollen, sondern von denen nur gezeigt werden soll, wie wenig sie geeignet sind, den tiefen ernsten Sehnsüchten der Seelen unserer Zeit entgegenzukommen. Von den meisten tiefen Sehnsüchten, die in den Seelen vorhanden sind, wissen aber die Menschen noch nichts. Unbewusst ruhen sie in den Untergründen der Seelen. Der Geisteswissenschafter aber versucht, in diese Seelenuntergründe hinunterzutauchen. Er weiß, wie die Notwendigkeit besteht, auf diesem Gebiete vorwärtszukommen, und so weit, wie es möglich ist, in die Strömungen des Lebens die Geisteswissenschaft hineinzuleiten. Die Menschen geben heute nicht immer zu, dass so etwas in den Untergründen der Seelen ist wie der Ruf nach diesen geistigen Notwendigkeiten. Wer aber klar ins Geistesauge fasst, was die Seelen, ohne dass sie es im Innersten wissen, erstreben, der kann finden überall diesen lautlosen, diesen stillen Ruf nach spirituellem Leben. Und dieser Ruf wird in unserer Seele zur Pflicht: mitzuarbeiten an der spirituellen Arbeit, um auf diesem Gebiete vorwärtszukommen.

An einem Symptom sei gezeigt, wie diese oder jene Persönlichkeiten uns bekämpfen, wie sie uns unrecht geben und die Dinge, die ihnen von unserer Lehre zum Bewusstsein kommen, bezeichnen als phantastisch, als unwissenschaftlich. Manchmal aber verraten sie sich in der Art ihrer Ablehnung selbst und zeigen, indem sie uns ablehnen, dass sie uns eigentlich im Tiefsten zustimmen. Vielleicht gehört zu den gewagtesten Behauptungen, die des Öfteren von mir ausgesprochen worden sind, diejenige, dass der Materialismus unserer Zeit, der Monismus im [gegenwärtigen] Geistesleben auf der Furcht beruhe. Ich habe es erleben müssen, dass mir Leute aus dem Publikum, gerade nach solchen Äußerungen, nach dem Vortrage entgegengetreten sind und entsetzt waren über eine so groteske Behauptung. Ich will nicht jeden beliebigen Namen nennen, ich will nur einen Mann nennen, der manches schon geleistet hat für unser gegenwärtiges Geistesleben, der einen verehrten Namen trägt im Zusammenhange mit dem Namen unseres großen Schiller, Alexander von Gleichen-Rußwurm, der zur Nachkommenschaft Friedrich Schillers gehört, und der vieles schon gewirkt hat. Ich will seine Worte zitieren, die mir— man dürfte es vielleicht, wenn man nicht Theosoph wäre, durch «Zufall» nennen -, die mir gestern durch «Karma» auf den Tisch flogen:

Balzac hat einst den Wunsch auszusprechen gewagt, dass an der Pariser Universität ein Lehrstuhl für den Okkultismus gegründet würde. Allein ein solcher Lehrstuhl ist nicht nahe daran gegründet zu werden, ebenso wenig das Laboratorium zum Zweck der Erforschung okkulter Dinge, das Schrenck-Notzingals Desideratum aufstellt. Jede Beschäftigung mit solchen Dingen ruft heute noch bei den meisten Menschen, und zwar nicht nur bei den kirchlich Frommen, ein Gefühl von Unbehagen, Angst, Grauen, einen physischen und psychischen Widerwillen hervor, der sich freilich meist nur in dem Versuch, diese Dinge lächerlich zu machen, ihre Wirklichkeit zu leugnen, kundgibt. Es handelt sich um das, was Madame de Sta&l so schön ‹Le côté nocturne de notre nature› nennt, und Hand aufs Herz: Wir fürchten uns alle in diesem nächtlichen Dunkel.

Ich bitte, diese Worte besonders zu beachten: «Wir fürchten uns alle.» Hier haben Sie das ausgesprochen von der anderen Seite her, was als Ergebnis aus einer jahrzehntelangen Forschung heraus bei uns immer wieder ausgesprochen wurde: dass alles Hängen am Materialismus aus der Furcht hervorgeht. So laufen uns entgegen, indem die Menschen sich manchmal verraten, solche Aussprüche, die zeigen, wie recht wir mit unseren Anschauungen haben. Wir hören, wenn die Leute sich verraten, gerade dann, wenn sie die Hand aufs Herz legen, Bestätigungen wie: «Wir fürchten uns alle in diesem nächtlichen Dunkel ...». Man muss sehen auf dasjenige, was zwischen den Zeilen des gegenwärtigen Lebens vorgeht. Dann wird man die Berechtigung fühlen, dass betont wird die Notwendigkeit unserer spirituellen Arbeit.

Und, meine lieben Freunde, mag es noch so langsam gehen, Früchte sehen wir ja doch, die uns zeigen, wie dasjenige, was gesucht wird in geistigen Höhen, umgesetzt werden kann in das praktische Leben. Ich darf Sie erinnern an ein Wort, das ich mir erlaubte, öfter zu sagen und zu schreiben im Verlaufe des Strebens unserer Deutschen Sektion: Auf der einen Seite ist unsere Aufgabe, zu suchen nach den Geheimnissen der spirituellen Welten, dasjenige, was wir da erforschen können, zu unserem Geistesgut zu machen, und über den Kreis derer hin zu pflegen, die zu uns gehören; auf der anderen Seite ist unsere Aufgabe: wo wir können im Leben, in rechter Weise für das äußere Leben fruchtbar zu machen dasjenige, was wir im geistigen Leben erforschen. Und wir sehen ja auch in dieser Beziehung - ich möchte nur ein Symptom nennen -, wir sehen auch da Früchte. Es reifen Seelen in unserer Mitte, welche, wir dürfen es sagen, auch außerhalb des Kreises unserer Anthroposophischen Gesellschaft gewillt sind, hineinzutragen auf den Platz im Leben, wohin sie gestellt sind, dasjenige, was auf unserem Boden gewonnen werden kann. Unter mancherlei schönen Erscheinungen lassen Sie mich eine erwähnen, weil sie tief befriedigend für mich war. Unser junger Freund Karl Stockmeyer hat in einer Zeitschrift für das badische Schulwesen einen bedeutsamen Aufsatz geschrieben über die Unmöglichkeit und über das Untunliche dessen, was erstrebt wird von mancher Seite, die Mathematik in den Schulen mithilfe des Kinematografen zu betreiben. Es ist schön, bei den Problemen des Lebens die Seele auf solche Wege zu leiten, wo gewonnen werden kann das Rechte, wenn man sich einlässt auf die Art, wie wir die Sache anfassen müssen. Es ist dies Beispiel unseres lieben jungen Freundes Karl Stockmeyer, der in so bescheidener Weise einfließen lässt dasjenige, was ihm geworden ist, mustergültig für dasjenige, was gemeint ist, wenn ich immer wieder sagte und schrieb: Man möge, außer der Pflege der Weisheitsschätze auch für das Leben praktisch machen, was wir in unseren Seelen aus diesen Weisheitsschätzen gewinnen können. Ich möchte herzlich wünschen, dass möglichst viele unserer Freunde mit dem anspruchslosen, aber sehr wertvollen Aufsatze sich bekannt machen.

Ich will bei solchen Dingen immer nur symptomatisch sprechen, will sprechen so, dass an dem Exempel ersehen werden kann, wie die Dinge gemeint sind. Man kann schon im Speziellen fruchtbar machen dasjenige, was wir aus geistigen Höhen heraus erstreben. Dann, wenn wir also versuchen, die Brücke zu schlagen zwischen demjenigen, was unser Geistesgut ist, und dem, was die Anforderungen des praktischen Lebens darstellt, dann werden wir in mancherlei die Möglichkeit gewinnen, wirklich theosophisch-spirituelles Streben, anthroposophisches Geistesleben in das Leben der Gegenwart einströmen zu lassen. Und eine solche Aufgabe haben wir ja, wir haben eine Aufgabe! Ich möchte allen Nachdruck, dessen ich fähig bin, legen auf dieses einfache Wort: Wir haben eine Aufgabe, in entsprechender, richtiger Weise dasjenige in die Welt zu tragen, was wir als das Richtige erkennen, erforschen können.

Die Stimmung in der Welt ist ja keine solche, die eine solche Aufgabe leicht macht. Es gibt ja auch Menschen, die sich Theosophen nennen, und die so manches beigetragen haben, um das Ansehen des Namens «Theosophie» hinschwinden zu lassen. Um so mehr haben wir die Aufgabe, wenn über uns immer wieder von Leuten, die glauben, auf der Höhe der geistigen Kultur zu stehen, abgeurteilt wird, mit schenden Augen da zu stehen. Da werden zum Beispiel in einem deutschen Journal, «Die Tat», von Giuseppe Prezollini sonderbare Worte geprägt. In einem umfangreichen Aufsatz stellt er dar, was er mit Theosophie bezeichnet. Er spricht zunächst von allen möglichen philosophischen Richtungen und charakterisiert sie - man möchte sagen — geistreich. Dann haben wir folgenden Satz:

Die Theosophie und der Spiritismus blähen sich auf und genießen die steigende Beachtung, die alle billigen Surrogate haben, wenn die echte Ware im Preise aufschlägt. Es fehlen natürlich auch die Frauen nicht, denn die Frauen laufen überall hin, wo der Wind weht, und ihre Anwesenheit ist das Zeichen und zugleich auch die beste Garantie für den Erfolg.

Meine lieben Freunde! Auch solche Dinge sind symptomatisch, dass solches hingeschrieben wird von Leuten, die auf ihrem Felde im höchsten Grade ernst genommen werden. Da muss man wirklich bedenken dasjenige, was sich als Pflicht vor unsere Seele hinstellt, dass wir ein heiliges Gurt so zu betrachten haben, dass wir für dasselbe einzustehen haben. Der unmittelbare Übergang wird in diesem Aufsatz von der philosophischen Erziehung zur Universität gemacht. Ich möchte darauf hin den Übergang zur deutschen Universität machen.

Es erscheinen heute allerlei billige Bücher. Es gibt eine Sammlung; «Bildung der Gegenwart»; darinnen findet sich folgendes Kapitel über moderne Theosophie:

In Deutschland ist ein Zentrum der Bewegung die Theosophische Gesellschaft in Leipzig (gegründet 1897). Sie ist ein Zweig der «Internationalen theosophischen Verbrüderung», die als ihren Hauptzweck ansicht, «einen Kern einer allgemeinen, die ganze Menschheit geistig umfassenden Verbrüderung zu bilden, ohne jeden Unterschied in Bezug auf Rasse, Nationalität, Glaubensbekenntnis, Stand und Geschlecht, um welchen sich die theoretisch bereits erkannten Ideen der allgemeinen Menschenliebe und Menschenverbrüderung kristallisieren, und die höchsten Ideale der Menschheit sich verwirklichen können.» Diese Richtung schätzt vor allem die Schriften des früheren Arztes Franz Hartmann, der lange mit H. Blavatsky in Indien weilte († 1912). Als geistiger Führer einer anderen (mehr aristokratischen) theosophischen Gruppe, die in Berlin ihren Hauptsitz hat, kann Rudolf Steiner angesehen werden. Er knüpft besonders an Goethe und die Romantik an. Er will der germanisch-christlichen Mystik eine moderne Form geben, die auch vor der Kritik des wissenschaftlichen Denkens bestehen soll. Gegenüber der buddhistischen Geringschätzung unserer Erfahrungswelt, die leicht zu Quietismus führen kann, schätzt er das Christentum als Quelle positiven Lebensaufschwungs und kraftvoller Lebensgestaltung. Die Existenz übersinnlicher Mächte ist ihm eine durch unmittelbares, intuitives Schauen erfassbare Tatsache. Er glaubt, dass jeder durch Schulung diese Fähigkeit der Intuition erwerben könne. Aufgrund solchen inspirativen Schauens gibt er Belehrungen über die kosmische Entwicklung der Planeten und die Epochen der Menschheitsgeschichte, die freilich in wilde Phantastereien übergehen. (Auch Prophezeiungen großer Ereignisse, insbesondere gewaltiger Kriege und anderer Katastrophen gehen in den theosophischen Kreisen um.) Die Seele, das eigentliche «höhere Selbst» gilt Steiner als eine unvergängliche Kraft, die aus der Gottheit kommt und zu ihr zurückkehrt. (Es erinnert dies an die Lehre vom Nus poetikos bei Aristoteles und seinen arabischen Erklärern, vgl. Bd. I, S. 68, 109; Bd. II, S. 4.) Von hier aus kommt Steiner zur Lehre von der Wiederverkörperung der Seele (der auch Lessing und Goethe zuneigten, und die Schopenhauer im Einklang mit dem Buddhismus vertritt).

So kann sich ja nun für wenig Geld jeder über Theosophie unterrichten. Das Betrübende aber ist, dass das steht in einer Abhandlung über die «Geschichte der deutschen Philosophie vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart». Das Betrübende ist, dass der Mann, der das schreibt, sich zum Beispiel auf etwas beruft, was ich gewiss niemals zitiert habe als eine Quelle: einen buddhistischen Katechismus, eine oberflächliche Zusammenstellung, die kein ernsthafter Mensch gebrauchen kann. Weiter zitiert er die «Geheimlehre». Dann aber gibt er die Quellen an, aus denen er sich unterrichtet hat; da nennt er Hans Freimarks (!) «Moderne 'Theosophie» (1912). Das aber ist noch nicht das Betrübende, denn wenn das ein gewöhnlicher Schreiber getan hätte, so bedeutete das nichts für unsere Kultur. Das ist aber geschrieben von dem ordentlichen Professor an der Universität Gießen, Herrn Doktor Messer. Wir lernen daraus, wie offizielle Vertreter des höchsten Geisteslebens über uns urteilen. Wir müssen den Schluss ziehen: So schreiben Männer, die heute unsere Jugend unterrichten.

Mit solcher Gewissenhaftigkeit unterrichtet sich ein approbierter Professor der Philosophie, ein offizieller Vertreter der Wissenschaft, über die Dinge. Ist man darnach nicht berechtigt, den Schluss zu ziehen: Wenn dieser Mann über Kant, Fichte, Schelling schreibt und unterrichtet, wie wird heute unsere Jugend unterrichtet?

Ich will gegen die Ansichten, die Messer gegen die Theosophie vorbringt, nichts sagen. Nicht auf diese gegnerische Kritik kommt es mir an, sondern darauf, wie sich der Mann, der solches schreibt, über die Dinge unterrichtet. Welchen Wert können seine Darlegungen über Fichte, Schelling, Hegel et cetera haben, wenn sich der Mann so unterrichtet? Wie also kommt das zustande, was gegenwärtig als «Wissenschaft» verbreitet und von vielen so entgegenkommend geglaubt wird. Kann man da nicht in die trostlosesten Verhältnisse blicken!? Bei Messer spreche ich nicht von der Tatsache, dass der Mann unser Gegner ist; ich spreche, unabhängig davon, von der Art seines «wissenschaftlichen Gewissens». Der Schlusssatz in Messers Darstellung heißt:

Zweifellos wirken in dieser Theosophischen Bewegung wertvolle ethische und religiöse Tendenzen, jedoch wird nur kritische Besonnenheit verhüten können, dass sie ganz in willkürliche und phantastische Schwärmerei verfällt.

Zweifellos ist mit dem, was sich heute Philosophie und ähnliches nennt, manchmal guter Wille und der Glaube, etwas zu wissen, verbunden. Dennoch wird viel ernstes und wirkliches Geistesstreben dazu gehören, um die unglaubliche Willkür und die unglaubliche Ignoranz, die sich heute breit machen, in das rechte Licht für unsere Zeitbildung zu stellen. Ich möchte nicht davor zurückschrecken, auch auf diesen Ernst in gebührender Weise hinzuweisen, um zu zeigen, wie tief bedeutsam das ist, was ich unter Ernst und Würde verstehe, und wie man es zu nehmen hat, wenn man demjenigen, was wir heute unser Geistesgut nennen, zu seiner entsprechenden Stellung in der Welt verhelfen will. Derjenige, der weiß, wie gerne ich das Aussprechen solcher Dinge bei allen anderen Gelegenheiten vermeide, der wird mir verzeihen, wenn ich einmal ungeschminkt bei dieser Gelegenheit diese Dinge in das rechte Licht stelle, um zu zeigen, wie die Sachen stehen und welche Aufgaben uns erwachsen müssen.

Meine lieben Freunde! Wenn wir diese Betrachtungen auf der einen Seite anknüpfen an die Empfindung davon, wie ernst und notwendig unsere Aufgabe ist, so wollen wir auf der anderen Seite niemals vergessen, wie unvermögend wir sind, wie bescheiden wir sein müssen, wie wir wissen müssen, wie wenig wir im Grunde genommen vermögen gegenüber unserer großen Aufgabe. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, welche mich verstehen, auch an dieser demütigsten Bescheidenheit immer festhalten werden. So müssen wir uns bestreben, unser Geistesgut an die Menschen heranzubringen — so, dass uns niemals die demütigste Bescheidenheit verlässt. Würden wir auch nur einen Augenblick lang uns laben daran, dass wir genötigt sind, solche Worte zu sprechen, würden wir von einem Gefühl, von einer Empfindung der Überlegenheit uns einen Augenblick lang hinreißen lassen, so würde es schlimm für uns sein. Wir wollen das nicht tun! Wir wollen, wenn wir in Ernst und Würde nach unserem Geistesgut streben, dies so tun, dass dieses Streben ganz getragen ist von demütigster Bescheidenheit, und dass es sorgfältig fernhalte von unseren Seelen jede Spur der Selbstüberschätzung, jede Spur des Hochmuts. Lassen Sie dieses, was mir Karma zusammengetragen hat, lassen Sie dieses sich vor Augen gestellt sein. Ich habe die Symptome nicht gesucht; sie haben sich mir aufgedrängt. Ich war genötigt, das Buch von Messer in die Hand zu nehmen, weil ich verpflichtet bin, in dem Augenblicke, in dem ich selbst an einem philosophischen Buch arbeite, über diese Dinge mich zu informieren. So wurde mir auch die Zeitschrift «Die Tat» zugeführt, die sich soziale Monatsschrift für deutsche Kultur nennt. Diese habe ich - wie man sagt — zufällig gekauft bei einem Zeitungshändler. Gesucht habe ich die Dinge wirklich nicht. Ich will aber vermeiden, ein Weiteres zu erzählen über dasjenige, was ich von ähnlicher Art aus dem weitesten Umkreise Charakteristisches fand. Ich will es dabei bewenden lassen.

Diese Worte wollte ich als ersten Gruß an Ihre Seelen richten. Ich denke, es ist der beste Gruß, den ich Ihnen bieten kann, wenn ich gerade jene Worte spreche, die auch mich tief berühren, und die einiges werden dazu beitragen können, um im rechten Sinne in diesen Tagen beisammen zu sein, und einen Impuls zu geben für das, was wir in unseren Seelen beschließen für die Anthroposophische Gesellschaft, wenn wir alle es im rechten Sinne beschließen.

Wir kommen zum zweiten Punkt unserer Tagesordnung, dem Bericht der Vorstandsmitglieder.

Fräulein von Sivers: Die Mitgliederbewegung stellt sich folgendermaßen zusammen: Die Gesamtzahl der Arbeitsgruppen und Zentren beträgt 107; davon befinden sich 47 in Deutschland, 60 in anderen Ländern. Die Zahl der eingetretenen Mitglieder ist 3702. Davon sind gestorben 19, ausgetreten 36. Die Gesamtzahl beträgt daher 3647. Davon gehören zu den Arbeitsgruppen in Deutschland 2307.

Herr Dr. Steiner: Wünscht jemand zu diesem Bericht das Wort? Da das nicht der Fall ist, kommen wir zum dritten Punkt der Tagesordnung, dem Kassenbericht.

Herr Seiler: Der Rechnungsabschluss kann als ein günstiger bezeichnet werden, einerseits dadurch, dass freiwillige Spenden sich eingestellt haben, und andererseits, weil zwei große Posten in Wegfall kamen, nämlich die Beiträge für Adyar und Beiträge für Kongresse.

Kassenbericht

Der Rechnungs-Abschluss der Anthroposophischen Gesellschaft ergibt vom 2. Februar 1913 bis 31. August 1913 Folgendes [Angaben in Mark und Pfennig]:

Table
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Herr Dr. Steiner: Wünscht jemand zu diesem Kassenbericht das Wort?

Herr Tessmar: Die Versammlung hat soeben die Zahlen gehört, die das Endresultat bilden. Die beiden beauftragten Revisoren haben sich der Durchsicht der Bücher unterzogen und die Abrechnung pflichtschuldigst geprüft. Es ist zu sagen, dass wir alles richtig und ordnungsmäßig befunden haben, und wir können bezeugen, dass die Summe von 5340 Mark 32 Pfennige bei der Sparkasse hinterlegt ist; der Beweis dafür hat uns vorgelegen. Betonen möchte ich, dass dieser Kassenbericht betrifft die Zeit von Februar bis August 1913, und dass es in diesem Jahre besonders schwierig war, da drei Abschlüsse gemacht werden mussten. Die Abrechnungen sind gut und ordnungsmäßig ausgeführt. Ich darf mir daher wohl gestatten, den Antrag zu unterbreiten, dem Rechnungsführer für diese Zeit vom Februar bis August Entlastung zu erteilen.

Herr Seiler: Ich möchte, da eine große Anzahl von Mitgliedern über die Beiträge nicht im Klaren sind, mitteilen, dass jedes Mitglied fünf Mark Eintrittsgeld und mindestens sechs Mark Jahresbeitrag zu zahlen hat. Wenn ein Mitglied einer Loge angehört oder einer Gruppe, so wird es durch die Gruppe bei uns angemeldet. In diesem Falle har die Gruppe dann die Pflicht, einen Beitrag von drei Mark an die Zentralkasse abzuführen. Den einzelnen Logen oder Gruppen ist es überlassen, welchen Beitrag sie von ihren Mitgliedern erheben. Die Mitglieder, die keiner Gruppe angehören, haben sechs Mark an die Zentralkasse zu zahlen. Es ist nun die Frage aufgetaucht: Wie viel von einer Landesgruppe - Ausland, Sektion - verlangt werden sollte. Im Grunde ist diese Sache kaum akut, da das Bedürfnis für Landesgruppen kaum vorhanden ist. Nur in einem Falle ist es da. Es ist nun vorgeschlagen, von den Mitgliedern einer solchen Landesgruppe eine Mark zu erheben. Gegenwärtig ist es so, dass, um die Gruppe zu unterstützen, der Beitrag auf eine Mark reduziert worden ist für die Ausländer. Dann möchte ich erwähnen, dass in früheren Jahren die einzelnen Gruppen für das Gründungsdiplom einen Beitrag entrichten mussten. Für diese Diplome wurde ein Beitrag von zehn Mark erhoben.

Herr Dr. Steiner: Wünscht jemand zu dem Kassenbericht das Wort?

Fräulein Scholl: Sie haben gehört, dass erwogen worden ist, ob von den einzelnen Logen des Auslandes nur eine Mark für das Mitglied an die Zentralkasse zu zahlen sei. Solange es aber keine Landesgesellschaften (keine Sektionen) gibt, kann es doch gar keine Veranlassung geben, dass ausländische Logen nur eine Mark Mitgliedsbeitrag zahlen. Allein schon aus dem Grunde des Versandes der «Mitteilungen». Jedenfalls hat sich herausgestellt, dass von Berlin aus für den Versand jeder Nummer noch Portokosten von circa 80 bis 100 Mark zu bezahlen waren. Im Jahre1913 erschienen sieben Nummern, das ergab etwa 600 bis 700 Mark extra Portokosten, wovon ein großer Teil für Sendungen nach dem Ausland war. Für die «Mitteilungen» sollte auch ein Normalsatz, ein jährlicher Beitrag von wenigstens zwei Mark von jedem Mitgliede erhoben werden. Verhältnismäßig ist das ja noch sehr, sehr billig, da viele Arbeit ganz umsonst geleistet wird. In anderen Gesellschaften wird viel mehr erhoben. Ich möchte den Antrag stellen, zwei Mark als Normalsatz jährlich für die »Mitteilungen» zu erheben.

Frau Geelmuyden: Wenn es notwendig sein sollte, die «Mitteilungen» in fremde Sprachen zu übersetzen, dann würde es vielleicht am Platze sein, den Beitrag so niedrig zu bemessen. Solange wir dieselben Rechte genießen, ist es nur gerecht, dass wir die Ausländer - auch die Kosten tragen.

Frau von Ulrich: Ich möchte beistimmen, die Zahl des Mitgliedsbeitrages zu verändern und vielleicht eine okkulte Zahl daraus zu machen, sodass sieben Mark Mitgliedsbeitrag zu zahlen wären.

Frau van Hoek: Ich möchte fragen, ob nicht der Versand der «Mitteilungen» vereinfacht würde dadurch, dass man die «Mitteilungen» nur in einem Paket in das Ausland schickt, und dass dann die betreffenden Logen den Versand an die einzelnen Mitglieder selbst übernehmen ?

Fräulein von Sivers: Es wird aber wahrscheinlich in der Zukunft noch viel mehr nötig sein, die Sendungen persönlich an die einzelnen Mitglieder zu richten. Es ist die Möglichkeit geschaffen worden, dass ein Mitglied mehreren Arbeitsgruppen angehört: Dies bedeutet zugleich eine Erschwerung der Geschäftsführung. Es wird nötig sein, beim Versand von Nachrichten und Mitteilungen jeglicher Art von einer Registratur nach Persönlichkeiten auszugehen, nicht nach Zweigen.

Herr von Rainer: Wenn ich Herrn Seiler richtig verstanden habe, so gibt es zwei Arten von Mitgliedern. Solche, die einer Arbeitsgruppe angehören, und solche, die keiner Arbeitsgruppe angehören, die letzteren zahlen sechs Mark an die Zentralkasse. Wenn der Antrag von Fräulein Scholl angenommen wird, so würde jedes Mitglied, das direkt an die Zentrale angeschlossen ist, acht Mark zu zahlen haben. Ich möchte beantragen, den Antrag von Fräulein Schollanzunehmen. Geführt wird ein Mitglied bei der Arbeitsgruppe, in der es zahlt.

Herr Dr. Steiner: Für die Registratur würde eine große Hilfe geschaffen werden, wenn man jedes Mitglied bei seiner Anmeldung und bei jeder Korrespondenz in der Zentrale registrierte: «Mitglied so und so, geführt bei der Arbeitsgruppe so und so, angehörig den und den Arbeitsgruppen.»

Fräulein Stinde: Könnte man die Arbeitsgruppen, die sich bestimmten Studien widmen, nicht Studiengruppen nennen, dann würde keine Verwechselung stattfinden. Herr Dr. Steiner: Es könnten aber auch Gruppen begründet werden, die nicht einem Studium sich widmen. Vielleicht könnte man bloß «Gruppen» sagen, um den Unterschied anzugeben. Dann wollen wir also dieses einmal festhalten, dass man «Gruppen» sagt und zum Unterschied die anderen «Arbeitsgruppen» nennt.

Herr Hubo: Ich möchte den Antrag von Fräulein Scholl unterstützen.

Fräulein von Sivers: Es kann ja immerhin, auch wenn dieser Antrag angenommen wird, die Klausel bestehen bleiben, dass gesetztenfalls und auf Wunsch eine Ermäßigung eintreten könnte.

Herr Tessmar: Könnte nicht ein Konflikt entstehen dadurch, dass in dem Konto des Herrn Seiler die Nachweisungen für die Kosten des Versands der «Mitteilungen» sehr schwierig sein würde? Lassen wir doch die «Mitteilungen» fallen, und sagen wir einfach: Der Beitrag wird erhöht. Das wäre vielleicht anzunehmen. Wenn der Antrag durchgeht, dann muss auch noch bestimmt werden, von wann ab diese Erhöhung eingeführt werden soll.

Herr Meebold: Wenn aber eine Gruppe Anspruch macht darauf, Ermäßigungen zu haben, so werden leicht Schwierigkeiten entstehen. Unsere Gruppe in London würde nichts dagegen haben, den Beitrag zu erhöhen. Aber sie tun das mit Opfern, und sie werden es schwerer tun, wenn andere Gruppen Ermäßigungen haben. Die Sache mit den «Mitteilungen» ist doch nicht ganz gerecht, denn die ausländischen Mitglieder erhalten sie ja in deutscher Sprache.

Fräulein von Sivers: Man könnte vielleicht nur für alle deutsch sprechenden Mitglieder den Beitrag um zwei Mark erhöhen.

Herr Baster: Ich möchte fragen, ob es überhaupt notwendig ist, dass der Beitrag erhöht wird, da der Kassenbestand doch ein günstiger war. Man darf nicht vergessen, dass einzelne Logen wirklich schon viel zu bezahlen haben. Könnten nicht diejenigen Mitglieder, die direkt von der Zentrale die «Mitteilungen» bekommen, einen Beitrag dahin abführen?

Fräulein von Sivers: Ich möchte doch bemerken, dass wir uns sehr bemühen, die Ausgaben zu reduzieren, und dass es schr nötig wäre, die Räumlichkeiten für die Geschäftsführung zu vergrößern. Wir sind in der Motzstraße 17 gezwungen, unter sehr unbequemen äußeren Bedingungen zu arbeiten; unsere Räume dort sind auf die Dauer ganz unzureichend. Ebenso notwendig ist es, bei dem steten Wachstum unserer Gesellschaft die Zahl der Arbeitskräfte zu vergrößern. Wir haben in diesem Jahre durch die Sammlung in Köln vor Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft eine besonders große Summe von freiwilligen Beiträgen erhalten, auf die wir in Zukunft nicht rechnen können. Wir haben sie noch nicht angetastet, um für künftige Fälle etwas in der Kasse zu haben, könnten aber bald gezwungen sein, Gebrauch davon zu machen, weil wir doch die äußeren Verhältnisse anpassen müssen dem rapiden Wachstum der Bewegung.

Herr von Rainer: Wenn in Zukunft sich ergeben sollte, dass der Beitrag von zwei Mark zu viel ist, so kann das ja auf jeder Generalversammlung wieder geändert werden.

Herr Bauer: Es erscheint mir nicht ganz praktisch, dass die zwei Mark besonders genommen werden sollen für die «Mitteilungen», man könnte ja dann auf die «Mitteilungen» verzichten. Wir dürfen gewiss im Interesse der Arbeitsvereinfachung den Antrag stellen: Für die deutschen Mitglieder wird ein Jahresbeitrag von fünf Mark für die Zentralkasse erhoben, für die Ausländer ein Beitrag von drei Mark. Wenn vielleicht mancher fürchtet, dass unsere jetzige Erhöhung der Beiträge auf nicht ganz freundliche Empfindungen stößt, so glaube ich, die Sache lässt sich glätten, wenn wir den Entschluss fassen, erst für das Jahr 1915 den erhöhten Beitrag einzuführen. Das liegt so fern, dass sich keiner aufregt.

Fräulein Scholl: Herr Bauer wird entschuldigen, wenn ich nicht mit ihm übereinstimme hierin. Diesen letzten Vorschlag finde ich unberechtigt. Ich würde es cher als richtig anschen, dass für das verflossene Jahr, für die schon erschienenen «Mitteilungen» noch zwei Mark nachgezahlt werden. Man kann doch auf eine Arbeit zurückschauen, die schon geleistet worden ist. Sie wissen, was alles veröffentlicht werden musste im Interesse unserer Bewegung, und wodurch speziell auch so viele Mitglieder im Auslande über die wahren Vorgänge innerhalb der theosophischen Bewegung benachrichtigt werden konnten. Wenn man darauf zurückblickt, so muss man doch sagen, das hat einen Wert, den man mit zwei Mark heute überhaupt nicht bezahlen kann. Das sollte uns anregen, lieber noch nachträglich zu zahlen, als die Sache noch hinauszuschieben. Ich schlage vor, bei dem ersten Antrag zu bleiben, dass der Beitrag um zwei Mark erhöht werde. Sind einzelne Mitglieder nicht in der Lage, diesen Beitrag zu zahlen, dann könnten in den einzelnen Logen gewiss vermögendere Mitglieder für diese eintreten. Auf diese Weise wird dann niemand geschädigt.

Fräulein von Sivers: Obgleich ich Fräulein Scholl verstehen kann, die es mitempfunden hat, unter welch erschwerenden äußeren Bedingungen die Arbeit in den engen Räumen der Motzstraße oft geleistet werden muss, möchte ich Sie doch bitten, den Antrag des Herrn Bauer anzunehmen. 1915 ist ein normaler Zeitpunkt. Dann steht der Bau in Dornach, dann sind die riesigen Opfer, die für den Johannesbau gebracht werden mussten, verschmerzt. Es sind uns freilich Anträge zugeschickt worden, wo gerade vonseiten der Mitglieder eine Erhöhung des Beitrages vorgeschlagen wird. Obgleich sie eine völlige Unkenntnis der Sachlage beweisen, sind sie dennoch sehr gut gemeint. Diese Anträge müssten jetzt zur Verlesung gebracht werden.

Herr Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Es liegt ja manchmal in der Natur solcher Diskussionen, dass sie sich ins Endlose ausdehnen. Es wird sich aber die ganze Sache vereinfachen lassen. Wir müssen, bevor wir uns entschließen, ob die mehr rigorose Art von Fräulein Scholl oder die mehr liberale Art von Herrn Bauer angenommen werden soll, und bevor wir über den Antrag Sivers abstimmen — wodurch die Möglichkeit geschaffen wird, dass nach einiger Zeit die Mitglieder sich freuen werden, wieder etwas zu zahlen -, zunächst zwei Anträge unserer Tübinger Freunde verlesen.

Fräulein von Sivers:

Tübingen, 3. Januar 1914
für Sonntag, den 18. Januar 1914,
drei Anträge aus dem Plenum.
Antrag Tübingen, Mitgliedsbeitrag betreffend. Ein der Mitgliederstatistik beigefügtes, von Herrn Franz Seiler gezeichnetes Schreiben vom 15. Oktober 1913 eröffnete den Vorsitzenden der Gruppen, Logen und Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft die Verlegung unseres Geschäftsjahres von der September-Periode auf das Kalenderjahr und forderte zur Pränumerandozahlung von vier Mark Mitgliedsbeitrag für 16 Monate auf. Diese Aufforderung steht in direktem Widerspruch zu dem auf Seite 6 des Entwurfs der Grundsätze der Anthroposophischen Gesellschaft angegebenen Mitgliedsbeitrag von jährlich sechs Mark, demzufolge für vorerwähnte 16 Monate acht Mark hätten erhoben werden müssen. Diese sechs Mark Jahresbeitrag müssen lediglich als für die Anthroposophische Gesellschaft gedacht werden und enthalten keinerlei lokale Mitgliedsbeiträge. Im Interesse der Hebung unserer Finanzverhältnisse mit Rücksicht auf unsere stetig-wachsenden Auf- und Ausgaben wird folgender Antrag gestellt: Antrag 1: Der Jahresbeitrag zur Anthroposophischen Gesellschaft möge dem Entwurf der Grundsätze gemäß mit sechs Mark beibehalten werden, und die dementsprechend rückständigen vier Mark Beitrag möchten schon für das Geschäftsjahr 1913/1914 pro Mitglied nacherhoben werden. Ferner soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass wir bis zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft alljährlich drei Mark Mitgliedsbeitrag pro Kopf nach Adyar zu entrichten verpflichtet waren. Diese Beitragspflicht gegenüber Adyar ist mit Eintritt in die Anthroposophischen Gesellschaft für jedes Mitglied erloschen. Fast in demselben Augenblick haben wir den Entschluss gefasst, nun erst recht die Ausführung des Johannesbaus als heilige Pflicht zu erachten, und die Ermöglichung desselben nach besten Kräften zu fördern. Daher muss es auch als geradezu selbstverständlich und unumgänglich betrachtet werden, die nun durch Loslösung von Adyar frei gewordenen drei Mark Jahresbeitrag ohne Weiteres dem Johannesbauverein zuzuwenden. Daraus erwächst Antrag 2: Mit dem Jahresbeitrag der Anthroposophischen Gesellschaft in Höhe von sechs Mark sollen noch weitere drei Mark Mitgliedsbeitrag für den Johannesbau erhoben und schon für das Geschäftsjahr 1913/1914 nachträglich eingezogen werden. Rudolf Schenkel. Im Prinzip werden obige Anträge auf Erhöhung der
Mitgliedsbeiträge unterstützt von
Christian Schuler, Bertha Hauff, Johanna Hauff, Paul Hauff. Antrag Tübingen zugunsten des
Theosophisch-künstlerischen Fonds Die meist nur auf Umwegen im Flüsterton vernehmbare Mitteilung von dem Defizit. der diesjährigen Münchener Festspiele in Höhe von circa 15000 Mark rief in weiten Kreisen unserer Anthroposophischen Gesellschaft tiefe Entrüstung wach und zwar eher umso mehr, als ja - wie verlautet - auch bei den vorangegangenen Festveranstaltungen jedes Mal mit einem wenigstens ähnlichen Defizit abgeschlossen worden sei. Hiegegen muss vor allem festgestellt werden, dass derartige allmählich durchsickernde inoffizielle Mitteilungen immer mehr dazu geeignet sind, Misstrauen gegen die Geschäfts- oder Kassenführung eines Unternehmens wachzurufen. Daher darf es keineswegs verwundern, dass sonst gebefreudige Mitglieder allerorts mit ihren Stiftungen sehr zurückhalten. Die leidige Folge solcher Verwaltungstechnik ist die alljährlich sich wiederholende Inanspruchnahme der Kapitalkraft einzelner bemittelter Mitglieder. Diese Praktik ist im Interesse unserer Anthroposophischen Gesellschaft absolut zu verwerfen, weil jeder Teilnehmer an den Festspielen bei richtiger, dem Sinne der Wahrhaftigkeit entsprechender Aufklärung ohne Weiteres bereit gewesen wäre, einen den Unkosten eher entsprechenden, selbst doppelt so hohen Eintrittspreis zu bezahlen. Es muss daher äußerst bedauert werden, dass nicht im Anschluss an die Aufforderung zum Rücktausch der eventuellen fehlbezogenen Eintrittskarten während der letzten Münchner Spieltage sofort von einem mit der Verwaltung des Theosophisch-künstlerischen Fonds ver- oder betrauten Mitglied Bericht erstattet wurde über die alljährlich anwachsenden Defizite. Und wäre auch nur in der subtilsten Weise angedeutet worden, dass zugunsten der Deckung des Defizits auch auf die Rückerstattung der Eintrittspreise verzichtet werden könne, so wären sicher praktisch veranlagte Mitglieder sogar mit dem weiteren Vorschlag hervorgetreten, zur Deckung der bisherigen und auch des zu erwartenden Defizits lieber noch durch Entrichtung eines freiwilligen Beitrags beizusteuern. Dadurch wären zwei praktische Vorteile errungen worden, nämlich 1. wären die durch die Veranstaltungen erwachsenden Unkosten weit mehr auf die Teilnehmer abgewälzt worden - und das ganz berechtigterweise -und 2. wäre überdies die Kapitalkraft der durch die Deckung des Defizits außergewöhnlich in Anspruch genommenen zahlungskräftigen Mitglieder für unsere weitergehenden Bestrebungen wie gerade für den Johannesbau reserviert worden. Aus den vorangegangenen Erwägungen erwächst Antrag 3: Bei weiteren Festspiel- oder ähnlichen Veranstaltungen des Theosophisch künstlerischen Fonds möge möglichst unter Zugrundlegung der vorjährigen Geschäftsabschlüsse ein der Wertung dieser Veranstaltungen mehr entsprechender und den erwachsenden Unkosten mehr angemessener Eintrittspreis erhoben werden. Außerdem möge erwogen werden, wie in Zukunft die Teilnehmer an solchen Veranstaltungen auf einem würdigen Weg Kenntnis von der Entstehung solcher Defizite erhalten und mit zu deren Deckung herangezogen werden können, am besten allerdings, solange sie bei dieser versammelt und dadurch auch zur finanziellen Mitbetätigung am bereitwilligsten sind. Dadurch wird — offen gestanden —- manches Vorurteil und anderes gegen die Geschäfts führung bei unseren Veranstaltungen fallen und unseren Bestrebungen, vor allem aber zugunsten des Johannesbaus, manche Hand williger zu weiteren Gaben geöffnet. Rudolf Schenkel.
Im Prinzip wird obiger Antrag auf Erhöhung der
Eintrittsgelder zu den Aufführungen unterstützt von
Christian Schuler, Bertha Hauff, Johanna Hauff, Paul Hauff.

Herr Dr. Steiner: Sie können diese Anträge nun einbeziehen in die Diskussion.

Herr Schuler: Für die Fassung der beiden Anträge ist der Antragsteller allein verantwortlich. Die anderen Unterzeichneten haben sich nur im Prinzip angeschlossen. Die Beiträge sollten allein schon für sich eine bestimmte Grundlage schaffen. Wir haben bisher außerordentlich niedrige Beiträge gehabt. Ich vertrete den Standpunkt, je geringer die Beiträge, desto geringer die L.eistungsfähigkeit. Nach und nach müssten die Beiträge sicherlich doch erhöht werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die wirklich bedürftigen, armen Leute am meisten alle Beiträge und Erhöhungen zu zahlen gewillt sind. Was die Auffassung anlangt über die Erhöhung der Beiträge, so möchte ich sagen: Diejenigen, die drei Mark zahlen können, die können auch fünf Mark zahlen. Es hätten die einzelnen L.ogen Gelegenheit, von sich aus höhere Beiträge zu fordern.

Herr Dr. Unger: Es war zu erwarten, dass durch Herrn Schuler eine Begründung dieser Tübinger Anträge vorgetragen würde. Bei diesen Anträgen handelt es sich um eine ernste Angelegenheit. Es kommt hier wirklich nicht auf Bezahlung an, es geht letzten Endes doch alles dem gleichen Sinn entgegen. Anders aber ist der Fall, wenn es sich darum handelt, Klarheit zu schaffen in den Verhältnissen, die überhaupt vorhanden sind. Es handelt sich auch nicht darum, dass in dem Antrag wirklich merkwürdige Dinge stehen, sondern es handelt sich darum, dass diese Dinge vorliegen unter Verkennung der Sachlage. Darauf müssen wir insbesondere unser Augenmerk richten bei unserer Generalversammlung, weil solche Dinge geeignet sind, Unklarheit hervorzurufen, die dann immer wieder und wieder wuchert. Es ist in diesen Anträgen die Rede von Misstrauen, das sich erhebe und so weiter. Außerdem weisen diese Tübinger Anträge ein gewaltiges Durcheinanderwerfen der verschiedensten Dinge auf. Man müsste doch allmählich unterscheiden: Anthroposophische Gesellschaft, Theosophisch-künstlerischen Fonds und Johannesbau-Verein. Der Theosophisch-künstlerische Fonds wird in diesem Antrag in eine Art Gegensatz gestellt zum Johannesbau-Verein und zur Gesellschaft selbst. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, weil man eigentlich nicht Anträge auf Unklarheiten gründen dürfte. Die Angelegenheiten des Theosophisch-künstlerischen Fonds sind aus vollkommener Unkenntnis der Tatsachen in diesem Antrage behandelt worden. Man hat wirklich nicht das Recht, in solche Dinge seine Nase hineinzustecken. Es handelt sich darum, dass jeder in den letzten Jahren empfinden musste ein Gefühl der tiefsten Dankbarkeit, der tiefsten Hochachtung gegenüber alle dem, was sich hinter dem Theosophisch-künstlerischen Fonds verbirgt, wirklich sich verbirgt. Wir hätten heute keine Mysterienspiele jemals gehabt, wenn man diese Spiele hätte gründen wollen auf irgendwelche Einnahmen. Es handelt sich hier um ein reines Geschenk, das man in entsprechender Weise hinnimmt. Einnahmen und Ausgaben spielen keine Rolle und können keine Rolle spielen. Dass Eintrittsgeld erhoben wird, ist eine Selbstverständlichkeit, das soll aber ganz gewiss niemandem das Recht verleihen, in diese Dinge hineinzureden; nur in tiefster Dankbarkeit dürfen wir hinaufschauen und dieses Geschenk annehmen.

Der Johannesbau-Verein ist nun bestrebt, für diese Mysterienspiele einen Rahmen zu schaffen. Wenn also geredet wird davon, dass durch den Theosophisch-künstlerischen Fonds dem Johannesbau Mittel entzogen würden, so ist das eine Verdrehung schlimmster Art. Was brauchten wir einen Johannesbau, wenn wir keine Mysterienspiele hätten, das Geschenk aus den Geisteswelten. Es ist das Tiefbedauerliche daran, dass aus guter Absicht heraus diese Anträge gestellt worden sind. Gerade darum sind sie gänzlich unmöglich.

Fräulein von Sivers: Ich möchte nur noch zu den Worten des Herrn Doktor Unger hinzufügen, dass es zu den tiefsten Ironien gehört, die ich erfahren habe in meinem an Erfahrungen so reichen Arbeitsleben innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, dass dasjenige möglich geworden ist, wovon hier in diesem Antrage gesprochen wird. Also es wird aus den reinsten, selbstlosesten Beweggründen ein Geschenk gemacht, eine persönliche, private Gabe. Würden nicht zwei Monate im Jahre ausgesondert werden zu diesen Aufführungen, könnten, bei den Ansprüchen, die die Mitglieder an Herrn Doktor Steiners Zeit stellen, die Mysterien wahrscheinlich überhaupt nie geschrieben werden. Und nie könnte man in dieser dennoch so kurzen Zeit eine Aufführung zustande bringen, wenn man erst die Gesellschaft fragen müsste, ob ein Arbeiter 50 Pfennig mehr oder weniger an Trinkgeld bekommen dürfe, ob ein Künstler in dieser oder jener Weise entschädigt werden könne. Wer nur etwas weiß, was alles in Betracht kommt bei einem Unternehmen, der würde unter solchen Bedingungen von vorneherein die Sache aufgeben. Aus persönlicher Initiative entstand die Sache, und es wurde nicht einmal daran gedacht, die Gesellschaft zu Beiträgen aufzufordern. Wie kann man denn von einem Defizit reden, wo nur mit Auslagen gerechnet wird! Wie könnte denn überhaupt ein so geringer Einrrittspreis die Auslagen decken? Aus reiner Begeisterung für die Kunst, um etwas zu ermöglichen, was als ein Geschenk betrachtet wird, nicht nur für die Gesellschaft, sondern für die ganze Menschheit, werden die Mittel hergegeben.

Die Mysterienspiele haben eine begeisterte Aufnahme gefunden, und ein würdiger Rahmen hat für sie geschaffen werden sollen. Aus diesem Gedanken heraus ist der Johannesbau entstanden. Man kann also nicht sagen, dass er das Weitergehende ist. Viele von uns sind der Überzeugung, dass diese Dramen noch länger leben werden als ein Gebäude von Holz und Stein.

Nun hat es sich als zweckmäßig erwiesen, dass der Theosophischkünstlerische Fonds seine Adresse gäbe zur Entgegennahme von Spenden für den Bau. Diese werden quittiert mit dem Vermerk «Theosophischkünstlerischer Fonds für den Johannesbau». Sie haben also gar nichts mit den Aufführungen zu tun und werden streng davon geschieden.

Fräulein Stinde: Der Theosophisch-künstlerische Fonds ist gegründet, damit die Mysterienspiele aufgeführt werden können und erst in zweiter Linie für den Johannesbau. Natürlich haben wir älteren Mitglieder, die wir den Fonds gegründet haben, es leichter, alles das zu verstehen als die jüngeren Mitglieder. Das wäre eine Entschuldigung. Aber sie könnten doch wissen, um was es sich handelt. Die meisten wissen ja natürlich den Geldwert von Kunst und Aufführungen gar nicht zu schätzen; sie ahnen nicht, dass, wenn in einem Theater eine Neuaufführung gespielt wird, die Kosten 60000 bis 80000 Mark betragen. Dank der großen Opferfreudigkeit unserer Künstler allein, sind wir nur imstande, solche Aufführungen zu ermöglichen; es wäre unmöglich, wenn wir unsere Künstler bezahlen sollten. Das Eintrittsgeld, das erhoben wird, ist gegen die Kosten gar nicht zu rechnen.

Herr Bauer: Eine Bemerkung noch! Es wäre leicht möglich, dass man im ersten Augenblick sagt, dass eine gute Meinung dem Antrage zugrunde liegt, und man daher das Übrige übersehen könnte. Aber wir wollen uns nicht selber in Nebel einhüllen, man muss diese Meinung auf ihren Kern hin betrachten. Es mag gut gemeint sein, aber wenn wir genau zuschen, so hat gerade dieses gute Gefühl einen schweren Schatten bei sich. Dieser Antrag wäre sonst nicht möglich, denn er konnte ja nur zustande kommen aus einer schlechten Meinung über andere. Man setzt bei anderen nicht den Sinn für Wahrhaftigkeit voraus. Wir müssen uns darin auch klar sein; konkret gesehen trägt er eine gute Meinung vor auf der Grundlage eines Misstrauens.

Herr Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Wir haben in dem sogenannten geschäftlichen Teil unserer Generalversammlung noch sehr, sehr viel zu bearbeiten. Jetzt müssen wir doch wohl den Zeitpunkt eintreten lassen, wo einige Stärkung für die weniger geistigen Organe eingenommen werden muss. Noch länger lässt sich dieser Zeitpunkt nicht hinausschieben, denn unsere Mägen würden dann nicht in der Lage sein, bei dem Tee, der uns um sechs Uhr hier geboten wird, so zu erscheinen, dass dabei möglichst viel geleistet würde. Wir werden jetzt also eine Pause machen und uns um vier Uhr heute Nachmittag zur Fortsetzung unserer Verhandlungen hier wieder versammeln.

Schluss um 1.30 Uhr.

Die um 1.30 Uhr unterbrochenen Verhandlungen werden um vier Uhr wieder aufgenommen.

Fräulein von Sivers: Die vielen Auseinandersetzungen über die finanzielle Lage waren vielleicht ganz nützlich, um wissen zu können, wie es damit steht. Aber da wir in diesem Jahre so starke Anforderungen an die Bereitwilligkeit der Mitglieder des Johannesbaues wegen stellen müssen, so stelle ich hiermit den Antrag: Die Versammlung möchte in diesem Jahre von einer Erhöhung des Mitgliedsbeitrages absehen und die Verhandlungen über diesen Punkt abbrechen.

Der Antrag wird angenommen.

Herr Walther: Ich stelle den Antrag, auch über die beiden Tübinger Anträge nicht in Verhandlungen einzutreten, sondern sie dem engeren Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft zur Erledigung zuzuweisen.

Herr Schuler: Ich habe nichts dagegen einzuwenden, möchte aber betonen: Es sind keine «Tübinger Anträge». Die Anträge hat der Antragsteller zu verantworten. Die Übrigen haben sich nur mit der Erhöhung des Beitrages einverstanden erklärt.

Herr Dr. Steiner: Der Ausdruck «Tübinger Anträge» bezog sich wohl nicht auf die Tübinger Arbeitsgruppe; er war nur geografisch gemeint, nur so, dass die Anträge aus der Stadt Tübingen kämen.

Der Antrag wird angenommen.

Herr Dr. Steiner: Wir kommen nun dazu, den Antrag unseres Kassenrevisors, Herrn Tessmar, zu behandeln, der dahin ging, dem Kassierer und Kassenführer Decharge zu erteilen.

Diese Decharge wird von der Versammlung erteilt.

Herr Dr. Steiner: Es wird notwendig sein, als nächsten Antrag den Antrag Boldt zu behandeln. Ich bin genötigt, diesen Antrag Boldt vorzutragen und eine kleine Vorgeschichte voranzuschicken, damit wir in die Lage kommen, über diesen Antrag einigermaßen sachgemäß zu sprechen.

Herr Ernst Boldt, Mitglied der Arbeitsgruppe München I, hat im Jahre 1911 eine Schrift geschrieben, die damals im Verlage von Max Altmann in Leipzig erschien: «Sexual-Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft». Was Herr Boldt beabsichtigt hat, darf ich wohl mit einigen Worten des damals über diese «Sexual-Probleme» erschienenen Prospektes erörtern, der damals von der Verlagsbuchhandlung zur Versendung kam, und woraus ich einiges vorlesen werde:

Aus der Fülle der modernen Sexual-Literatur hebt sich dieses Buch eigenartig und zielbewusst ab. Es nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als es, unabhängig von der zeitgenössischen Forschung, den wissenschaftlichen Unterbau und das Gerüst einer selbstständigen Sexual-Philosophie festzulegen und damit neue Perspektiven des Lebens zu eröffnen sucht. Die Unzulänglichkeit der einschlägigen Literatur, die zumeist nur an der Außenseite und Oberfläche dieser Probleme herumtastet und nicht selten auf die verborgene Lüsternheit des Lesers spekuliert, veranlasste die Entstehung dieses grundehrlichen und mit heiligem Ernst geschriebenen Buches. Es darf daher in den weitesten Kreisen Anspruch auf Beachtung machen, denn es hat dem denkenden Menschen, den die landläufige E terung dieses Themas in hohem Grade unbefriedigt lassen muss, eine Fülle neuer Gesichtspunkte und reicher Gedankeninhalte zu bieten. Es handelt sich hier in der Tat um eine Neuerscheinung, die im Laufe der Zeit für die gesamte Sexual-Forschung im eminentesten Sinne impulsgebend und geradezu bahnbrechend werden wird. Es ist ein sexualphilosophisches Fundamentalwerk, dem die Literatur bisher nichts Ähnliches an die Seite zu stellen haben dürfte. Der Verfasser gründet sein Ideengebäude zunächst auf die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft, sieht sich aber, um seinem Gegenstande allseitig gerecht zu werden, genötigt, dieselben durch die so wenig bekannten und viel verkannten übersinnlichen oder okkulten Erkenntnisresultate der Geistes- oder Geheimwissenschaft (Theosophie) zu ergänzen und zu vertiefen. Trotz seiner spirituellen Forschungsmethoden geht Boldt mit den Monisten, sofern sie sich auf dem festen Boden wahrer Wissenschaft bewegen und nicht durch vage Hypothesen in die öden Sümpfe des Materialismus geraten; aber er wendet sich mit unversöhnlicher Strenge gegen die Dualisten und ihre kulturrückständigen Tendenzen. Der Verfasser selber steht jenseits von Monismus und Dualismus, da beide ihm nur Durchgangsstufen menschlicher Erkenntnis bedeuten. Von höherer Warte aus betrachtet und mit dem Lichte der Geistesforschung bestrahlt, ‚offenbart sich die Welt in einer ganz neuen Gestalt. Und diese musste der Verfasser seinen Ausführungen zugrunde legen, um eine wirkliche Lösung der so tiefgründigen Probleme zu ermöglichen. Boldt beherrscht seinen Stoff mit ruhiger Sicherheit und wird damit einer großen Aufgabe gerecht, In sieben knappen Abhandlungen enthüllt er.die tiefsten Mysterien der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der menschlichen Natur hinsichtlich ihrer Geschlechtlichkeit. Gerade diese weiten Ausblicke nach rück- und vorwärts schärfen das Auge ungemein für den gegenwärtigen Stand der Dinge. Die Gewissheit über das «Woher» und «Wohin», das den tieferen Denker von jeher am meisten bewegte, wirft auch auf das «Wozu» ein helles Licht und lässt den Menschen seine nächstliegendsten Aufgaben am deutlichsten erkennen. In diesem Sinne gräbt Boldt den Problemen an die Wurzel. Der schlichte und klare Stil erleichtert das Verständnis für die komplizierten, dem Laien- wie dem Gelchrtenstande bisher unzugänglich gebliebenen okkulten Tatsachen, die in den seltsamsten Bildern entrollt und entwicklungsgeschichtlich fixiert werden. Muss der Leser diese «Tatsachen» zunächst auch unbefangen hinnehmen, so genügen doch die Ausführungen, die Boldt darauf gründet, in jedem Sinne den Anforderungen eines in sich geregelten, streng logischen Denkens, das jeder Kritik standzuhalten vermag. Über die Quellen, aus denen die okkulten Grundgedanken seines Buches geschöpft sind, gibt der Verfasser in der Einleitung sowie in einem entsprechenden Anhang näheren Aufschluss. Das Buch ist für Männer und Frauen, Gelehrte und Laien von gleichem Interesse.

Das ist das, was man in der Buchhändlersprache den sogenannten «Waschzettel» nennt, der Büchern immer beigegeben wird, wenn sie in die Welt treten. Ich weiß nicht, von wem in diesem Falle dieser Zettel geschrieben ist; es kommt manchmal vor, dass sich Autoren selbst diesen Zettel schreiben. Das will ich aber in diesem Falle nicht behaupten, will nur einen sehr verbreiteten Gebrauch in diesem Falle erwähnen, weil ja nicht alle unsere Mitglieder über die Usancen der Buchverbreitung informiert sind.

Wenn ich nun die Vorgeschichte desjenigen erzählen wollte, was in meinen folgenden Ausführungen gipfelt, so müsste ich Sie sehr lange aufhalten. Das will ich nicht tun, sondern nur erwähnen, dass Herr Ernst Boldt zunächst vorhatte, diesen Gegenstand, der dann in seinem 1911 erschienenen Buche zusammengedrängt ist, das 148 Seiten zählt, ursprünglich in sehr vielen Bänden zu behandeln. Dann haben ihn verschiedene Dinge dazu geführt, diesen kurzen Auszug aus seinen sogenannten «Forschungen» zu machen. Ich darf wohl gestehen, dass die verschiedenen Anschauungen und Prätentionen des Herrn Boldt, lange bevor dieses Buch geschrieben wurde, nach mancherlei in unserer Gesellschaft existierenden Usancen an mich herangetreten sind durch Herrn Boldt selbst, und dass ich nicht in der Lage war, auf die mancherlei persönlichen Ausführungen, die mir Herr Boldt gemacht hat, damals tiefer einzugehen — mit Ausnahme des Selbstverständlichen, was man einem jüngeren Manne sagt: Er solle nach dieser oder jener Richtung das Gebiet der Gedanken bewegen, damit er vorwärtskommen könne und auch, dass man diesen oder jenen Ratschlag gibt, den man ja selbst für einen guten hält. Dann, nachdem diese Ratschläge erteilt worden waren, kam Herr Boldt dazu, dieses Buch zu schreiben. Er schrieb mir auch einen viele Seiten langen Brief, während das Buch eigentlich schon in der Presse war. Ich bin wirklich nicht immer in der Lage, auf alle solche Ansinnen einzugehen und mich mit allen Einzelheiten desjenigen zu befassen, was in den schriftstellerischen Intentionen unserer Mitglieder liegt. Ich halte es auch für besser, wenn jemand die Prätention hat, wissenschaftlich schriftstellerisch aufzutreten, dass er weniger anlehnungsbedürftig sich in einem solchen Falle erweise. - Nun erschien das Buch. Herr Boldt hatte die selbstverständliche Voraussetzung, dass nicht nur unsere verschiedenen theosophischen Arbeitsgruppen den Prospekt dieses Buches - ich habe ihn vorgelesen, damit Sie ein Urteil darüber haben - in den Logenlokalen auslegen sollten, um das Ihrige für dieses Buch zu tun, sondern er hatte damals auch die Voraussetzung, was sich aus seinem jetzigen Gebaren ergibt, dass ich das Buch in unsern Kreisen empfehlen sollte; ja, er hat sogar die Voraussetzung, dass die verschiedenen, so scharf von ihm kritisierten Maßnahmen oder Nichtmaßnahmen darauf zurückzuführen seien, dass ich dieses Buch nicht empfohlen habe, und dass ich- trotzdem mich Herr Boldt mit der Aussage beehrt, dass ich persönlich öfter gefragt habe, wie es mit seinem Buche stünde — niemals, wenn er mich darnach fragte, eine andere Auskunft als eine solche gegeben hätte, die «weder warm noch kalt» war. Dass einem Autor gegenüber eine Auskunft leicht so vorkommen kann, dass er sie weder warm noch kalt findet, wenn man sie ihm nicht gerade so gibt, wie er sich sie vorgestellt hat, das können Sie begreifen. Ich hatte aber wirklich nicht nur Gründe, nicht von einem Urteil abzugehen, das «nicht warm noch kalt» ist, sondern ich hatte auch meine guten Gründe, die ich auch - in schonender Weise - Herrn Boldt nicht verhehlt habe, das Buch nicht zu empfehlen. Es wird heute noch über manches in dieser Beziehung gesprochen werden, daher will ich zunächst den hauptsächlichsten Grund erwähnen, den ich Herrn Boldt angegeben habe. Ich sagte ihm ungefähr: Das Buch hat noch durchaus einen nicht-reifen Charakter, einen dilettantischen Charakter, und der ist namentlich dadurch gegeben, dass die ganze Durchführung eine solche ist, dass man mit der Sache nichts anfangen kann, wenn man sich wirklich auf den Gegenstand einlassen will. Trotz des Prospektes, der sagt, dass es sich um eine Neuerscheinung handele, die im Laufe der Zeit die gesamte Sexualforschung umändern werde, ist das Buch so, dass eigentlich — meiner bescheidenen Meinung nach — niemand, selbst wenn er auf die Probleme eingeht, um die es sich da handelt, aus dem Buche sonderlich klug werden kann.

Es hätte einen einzigen Grund gegeben - ich weiß nicht, ob irgendjemand von denen, die mich näher kennen, dies als einen Grund für mich in diesem Falle ansehen kann -, irgendetwas Empfehlendes über dieses Buch zu sagen; das ist, dass in dem Buche viel Lobenswertes und Rühmenswertes über mich selbst gesagt wird. Das ist aber für mich kein Grund, wenn Herr Boldt sich an mich anlehnt und mich lobt, die Sache irgendwie zu empfehlen; und ich muss gestehen, dass ich es lieber gehabt hätte, wenn das, was ich durch Jahrzehnte mich bemüht habe, in Bezug auf verschiedene Erkenntnisgebiete, hervorzubringen, nicht in einem Buche in einer solchen Weise verarbeitet worden wäre. Dass jemand allerlei Lobhudeleien anbringt, die sich auf mich beziehen, wird für mich niemals ein Grund sein, eine besondere Empfehlung über irgendetwas abzugeben; ein Grund dafür kann einzig und allein die Qualität der Leistungen sein.

So habe ich denn etwas getan, wozu außer all den Gründen, die ich angeführt habe, noch ein anderer vorlag, der auch vielleicht gewürdigt werden könnte: dass es mein gutes Recht ist, auch einmal über irgendetwas zu schweigen! Ich weiß nicht, ob man anzweifelt, dass ich dazu berechtigt bin? Wenn man es anzweifeln sollte, dass ich berechtigt bin, auch über irgendetwas zu schweigen, so würde ich das als die allerschlimmste Tyrannis ansehen müssen. Wenn jemand, wie in diesem Falle, mit der Voraussetzung auftritt, dass ich verpflichtet sei, dieses oder jenes zu empfehlen und unrichtig handelte, wenn ich dies nicht tue, so würde ich das als die schärfste und schlimmste Zumutung ansehen müssen, die man überhaupt nur an einen Menschen stellen kann. Denn ich möchte wissen, wohin es mit der Freiheit der Menschheit kommen müsste, wenn eine Gesellschaft begründet würde, in welcher der, an den sich zunächst eben manche halten, verpflichtet wird, ein Buch oder sonst einen Artikel eines Mitgliedes zu empfehlen? Zu welcher Tyrannis es da kommen könnte, das mögen Sie sich selbst ausmalen. So ist es denn gekommen, dass eine solche Empfehlung von mir nicht gegeben werden konnte. Ich könnte Ihnen viele Gründe dafür anführen; das könnte vielleicht im Laufe der Verhandlungen geschehen. Aber auch unsere Freunde - vielleicht mit Ausnahme der 25 Prozent, auf die sich Herr Boldt beruft - haben an diesem Werke keine besondere Freude gehabt. So ist es denn unberücksichtigt geblieben. Es ist das große «Unrecht» geschehen, dass dieses Buch unberücksichtigt geblieben ist — sagen wir —, nicht gekauft worden ist! Meine Freunde! In den verflossenen Tagen bekam eine große Anzahl von uns einen Prospekt zugeschickt, der nun folgendermaßen lautet:

Mit der Bitte um geflissentliche Weitergabe!
München, im Januar 1914. An die verehrten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft! Unterzeichneter erlaubt sich auf diesem persönlichen Wege die verehrten Mitglieder von seiner soeben im Selbstverlag erschienenen Schrift «Theosophie oder Antisophie? - Ein freies Wort an freie Theosophen» ergebenst in Kenntnis zu setzen. Der Verfasser sucht damit, im Interesse unserer großen Sache, verschiedene Missstände innerhalb unserer Kreise zu beleuchten und auf der kommenden zweiten Generalversammlung zur Sprache zu bringen. Die Schrift trägt einen intimen Charakter und kann deshalb im Buchhandel nicht erscheinen. Sie ist «als Manuskript gedruckt» und wendet sich ausschließlich an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, für welche dieser Gegenstand von besonderem Interesse sein dürfte. Mit theosophischem Gruß
Ernst Boldt, München, Adelheidstraße 15/111

Dann ist unten der Bestellzettel. Einige Tage nachdem der Prospekt erschienen war, bekam ich die Broschüre «Theosophie oder Antisophie? — Ein freies Wort an freie Theosophen» von Ernst Boldt zugeschickt. In dem Prospekt finden sich die Worte:

Die Schrift trägt einen intimen Charakter und kann deshalb im Buchhandel nicht erscheinen. Sie ist «als Manuskript gedruckt» und wendet sich ausschließlich an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, für welche dieser Gegenstand von besonderem Interesse sein dürfte.

In der «Vorbemerkung» der Broschüre las ich sofort die Worte:

Die nachstehenden Betrachtungen sind dem Manuskript eines im Entstehen begriffenen größeren Werkes entnommen. Sie bildeten darin das erste einleitende Kapitel. Da sich nun aber die Vollendung und Herausgabe dieses umfangreichen Werkes wegen ungünstiger wirtschaftlicher und gesundheitlicher Verhältnisse des Verfassers vielleicht noch um Jahre hinausschieben kann, erschien es geboten, diese Betrachtungen schon jetzt als eine selbstständige Schrift, zunächst innerhalb unserer Kreise, bekannt zu geben. Von der Aufnahme, die diese Ausführungen in der Anthroposophischen Gesellschaft finden werden, wird es abhängen, ob sie später in jenes, für die Öffentlichkeit bestimmte Werk mit hineingezogen werden sollen, wovon, durch diese Bekanntgabe, vorläufig abgesehen worden ist.

Also, gesagt wird, wenn die Mitglieder hübsch brav sind und der Sache entgegenkommen, wird ja von einem Hinaustragen ins größere Publikum abgesehen werden; wenn aber die Mitglieder sich nicht brav erweisen sollten, wird dieses «als Manuskript» Gedruckte doch vielleicht vor die weitere Öffentlichkeit treten. Allerdings ist es sehr merkwürdig, dass man dies erst erfuhr, nachdem man sich das Büchelchen gekauft hatte. — Ich habe es nicht gekauft, denn mir wurde es umsonst zugesandt. - Dieses Büchelchen - das nicht vorgelesen werden soll, weil es nicht gewünscht wird - enthält manches an Vorwürfen gegen die Rückständigkeit und den Unverstand der Mitglieder unserer «Anthroposophischen Gesellschaft», die in ihrem Entwicklungsdusel derlei Dinge unberücksichtigt lassen, welche die wichtigsten Probleme der Gegenwart behandeln.

Meine lieben Freunde, wäre, bevor das Programm unserer gegenwärtgen Generalversammlung versandt worden ist, die ganze Sache mir zugekommen, so hätte ich - allerdings nicht gerade wegen des Antrages Boldt, der mehr symptomatische Bedeutung hat, sondern aus anderen Gründen, die aus den Verhandlungen hervorgehen könnten - doch wohl Grund genug gehabt, um die vier angekündigten Vorträge «Der menschliche und der kosmische Gedanke» nicht zu halten und stattdessen über die Inferiorität manches Wissenschaftsbetriebes in der Gegenwart zu sprechen. Denn es wird sich gerade über die Sache, die sich «Sexual-Wissenschaft und Verwandtes» nennt, manches ausführen lassen, was einmal Gelegenheit geben könnte, denen, die auf so manchem zweifelhaften Standpunkte in diesem Punkte in der Gegenwart stehen, einiges Notwendige zu sagen, nicht, um es unsern Mitgliedern zu sagen, sondern damit unsere Mitglieder manchen entsprechenden Prätentionen in der Gegenwart begegnen können, wenn sie die angeschlagenen Gedankengänge durch eigenes Forschen weiterbringen.

In der Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» beruft sich der Verfasser viel auf Nietzsche als einen Bekämpfer der asketischen Ideale, und Herr Boldt findet, dass er nötig hat, unseren Mitgliedern recht derb die Wahrheit zu sagen. So sagt er auf Seite 28:

Es geschieht durchaus im Interesse der Reinhaltung des christlich-theosophischen Lebensblutes, wenn wir hier vor seinen Parasiten ernstlich warnen.

Diese «Parasiten» sucht Herr Boldt aber nicht in den Reihen der 25 Prozent derjenigen, die für ihn sind, sondern unter den 75 Prozent anderen.

So «okkult» sie sich auch gebärden mögen, diese «Gläubigen» - es ist nichts «als ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Torheit, viel unbärtige Verehrung ..., an diese Lenze und bunten Wiesen soll der nicht glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!» Wehe, wenn diese Halben auch hier alles Ganze verderben - an der Tendenz dazu fehlt es nicht! — Denn der sich unter der Maske des Theosophen spreizende Geistesprotz, dem die ganze Theosophie nicht viel mehr als eine Modesache, ja eine Art Sport bedeutet, ist der anthroposophischen Bewegung zweifellos gefährlicher als der die Theosophie enttäuscht ablehnende Monist. Wenn das sehnsüchtige Liebäugeln mit asketischen Idealen, das in theosophischen Kreisen heute schon zum «guten Ton» gehört, auch zum Dogma und zur Epidemie wird, dann können wir uns nicht mehr enthalten mit Nietzsche entrüstet auszurufen: alle unsere «Ehrfurcht dem asketischen Ideale, sofern es ehrlich ist!» aber wir mögen «alle diese koketten ...

hier war sich wohl der Drucker nicht bewusst, dass er statt des g ein z setzen sollte; denn es steht bei Nietzsche «Wanzen» und nicht «Wangen», und da ich nicht glaube, dass Herr Boldt von den «koketten Wangen» unserer Mitglieder sprechen wollte, so nehme ich an, dass hier der Drucker gestolpert ist

... Wangen nicht, deren Ehrgeiz unersättlich ist, nachdem Unendlichen zu riechen, bis zuletzt das Unendliche nach Wanzen riecht.

Man kann ja nicht verlangen, dass die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft immer höflich behandelt werden; man kann auch nicht sagen, dass das Geringste hier aufgewendet ist, um einigermaßen höflich zu sein. Es ist ja auch nicht außerordentlich viel Höflichkeit in dem andern Satze enthalten:

Im Interesse der großen Sache, die mir durch dieses Treiben gefährdet scheint, sehe ich mit Sehnsucht dem Tage entgegen, wo Dr. Steiner mit Nietzsche-Zarathustra sagen wird: «Lass sie fahren und fallen ... und klage nicht! Lieber noch blase mit raschelnden Winden unter sie, - blase unter diese Blätter, ... dass alles Welke schneller noch von dir davonlaufe!» — («Von den Abtrünnigen.»)

So viel zu dem Tenor, wie - ich spreche zu den anderen 75 Prozent - wie Sie selbst angeredet werden. Ich selbst werde ja in einer eigentümlichen Weise angeredet. Wenn ich nämlich die Gestalt, in der ich da auftauche, vor mich hinstelle, dann gestatten Sie mir, dass ich sie charakterisiere mit einem Ausdruck, den man vielleicht in Berlin und Umgebung besser versteht als in den Kreisen weiter außerhalb dieses engeren Landes — dass ich sage: Die Person, die da unter dem Namen «Dr. Steiner» figuriert, kommt mir vor wie ein «Konzessions-Schulze in der Verkleidung des Übermenschen». So ungefähr muss ich mir vorkommen, nachdem, wie ich in diesem Buche gezeichnet werde. Ich weiß nicht, wie weit dieser Ausdruck verstanden wird; aber die Mitglieder, die ferner wohnen und ihn nicht verstehen, können sich ja von den Berliner Freunden sagen lassen, was ein «Konzessions-Schulze in der Verkleidung des Übermenschen» ist. Es wird da unter anderem gesagt, dass ich zwar ein Recht hätte zu alledem, was ich tue, dass ich aber doch, weil ich eben mit den 75 Prozent der Rückständigen - derer also, die davonlaufen sollen, und die dazu beitragen werden, dass das Unendliche einmal nach Wanzen riechen wird - zu paktieren habe, genötigt sei, nicht zu sagen, was meine wahre Meinung ist, Was ich eigentlich über das Buch des Herrn Boldt hätte sagen sollen, das weiß ich nicht; jedenfalls aber sei ich der, welcher Masken trüge und darauf angewiesen sei, nicht die Wahrheit zu sagen, sondern das, was seinen 75 Prozent Anhängern gerade das Angenehme ist. In einem sehr eigentümlichen Lichte erscheine ich also:

Ich wiederhole daher: Ein Philosoph als großer Erzieher darf und muss zurückhaltend mit seinen wahren Gedanken und Urteilen sein; er hat das Recht und die Pflicht auf Masken und Gebärden. Aber sollte es hier nicht eine Grenze geben, die nicht überschritten werden dürfte? - Die logischen Fiktionen und falschen Urteile, die in einer gewissen ersten Entwicklungsphase der theosophischen Bewegung für diese ohne Zweifel notwendig und fruchtbar sind, müssen, sobald diese Entwicklung in cine zweite höhere Phase eintritt, hemmend und lähmend wirken. Mit anderen Worten: Gehören diese Fiktionen und falschen Urteile zu den Lebensbedingungen der ersteren Gruppe und Strömung, so müssen sie von der zweiten als ein lähmendes Gift empfunden werden.

Dann wird gesagt, dass es allerdings notwendig wäre, nach und nach andere Saiten aufzuziehen — mit folgenden Worten:

Aber auch im «Willen zur Macht» findet sich ein Essay (980), der noch helleres Licht auf diesen Gegenstand wirft und auf die machtvolle Persönlichkeit Dr. Steiners durchaus anzuwenden ist: «Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich hinaufzuzichen, so muss man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzicher sagt nie, was er selber denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum Nutzen dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt (und darüber gedacht wissen will, möchte ich ergänzen. D. Verf). In dieser Verstellung darf er nicht erraten werden; cs gehört zu seiner Meisterschaft, dass man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muss aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: Manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohnes vorwärts, Andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber niemand darf es wissen.»

Merkwürdig: Was haben Sie alles im Laufe der Jahre erfahren müssen! Ich muss schon sagen: Ich will das Wort «Konzessions-Schulze in der Verkleidung des Übermenschen» nicht weiter ausdehnen, sondern nur einiges angeben, wie die 75 Prozent der nicht zu Herrn Boldt gehörenden Mitglieder behandelt werden, und wie ich selber behandelt werde, damit Sie doch einiges auch dann wissen, wenn Sie nicht durch den Prospekt veranlasst worden sind, die Broschüre zu lesen. Beigelegt war, als mir die Broschüre übersandt worden ist, der folgende Brief:

München, 9. Januar 1914.,br> Adelheidstraße 15/III

Sehr geehrter Herr Doktor!

Nachdem ich Sie seit dem Sommer 1911 wiederholt um eine sachliche Stellungnahme zu meinem damals erschienenen Buche («Sexual-Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft») gebeten habe; nachdem Sie mir auf meine privaten Fragen nur unzureichende, widersprechende, ausweichende und verwirrende Antworten gegeben und mir die wiederholt versprochenen «kritischen Randbemerkungen» zu meinem Buche bis heute vorenthalten haben, sah ich mich, aus Gründen seelisch-geistiger Selbsterhaltung, genötigt, diesen peinlichen mich schwer bedrückenden Gegenstand in einer Broschüre («Theosophie oder Antisophie? - Ein freies Wort an freie Theosophen») zu behandeln und Ihnen dieselbe als meinen Beitrag zur zweiten Generalversammlung vorzulegen, mit der dringenden Bitte, in diesen Tagen Stellung dazu zu nehmen. — Ich habe das Erscheinen meiner Schrift durch Versendung von 2500 Prospekten sämtlichen Zweigen der Anthroposophischen Gesellschaft angekündigt und bereits eine Anzahl von Exemplaren verschickt; ich darf daher den Inhalt der Broschüre auf der Generalversammlung als bekannt voraussetzen. Mögen in meinen Ausführungen die Dämme kalter Sachlichkeit von dem Strom der Empfindungen auch hie und da durchbrochen sein - ich weiß, dass Sie mich deshalb streng zur Ordnung rufen müssen, so bitte ich doch, den sachlichen Inhalt von der schartigen Form immer wohl zu trennen und der letzteren nicht allzu viel Gewicht beizulegen. Jedenfalls bitte ich, was die Form betrifft, um Nachsicht; es ist nicht alles so böse gemeint, wie es sich in den starren Druck worten auf dem Papier ausnehmen mag. Ich habe keine Persönlichkeiten genannt und wollte gewiss auch keine treffen. Es ist an sich ganz gleichgültig, wer dieses oder jenes gesagt hat, aber dass es gesagt wurde, das ist es, was ich nicht verschmerzen konnte. Sollte sich dennoch jemand getroffen fühlen, nun, so mag er sich rechtfertigen, so gut er kann, oder sein Verhalten entschuldigen und bereuen. Ich werde gewiss nicht unempfänglich dafür sein. Wer da weiß, wie sehr ich in diesen Jahren an diesen Dingen gelitten habe, der wird es verstehen, dass ich nicht länger schweigen konnte. Und Sie, verehrter Herr Doktor, dürften in erster ie wissen, dass nur der Schmerz es war, der mir die Feder führte. Wenn Freiheit und Selbstständigkeit, Wahrheit und Wahrhaftigkeit in unseren Kreisen keine leeren Phrasen oder Abstraktionen sein und bleiben sollen, so müssen diese Worte, wo sie konkretes Leben gewinnen, auch respektiert und in gebührender Weise gewürdigt werden; sonst gilt auch von uns nur, was Lykophron von Phrygius sagt (Seite 24-25): «Ihr seid alle Schatten ohne Leben, Larven ohne Willen» und so weiter. Wir wollen aber in der Tat freie Männer sein, über die sich die Sonne des Christus freuen kann. - Ich erinnere mich noch genau Ihrer herrlichen Worte in Düsseldorf (1909) über das L.ob der Fähigkeit, «erste Urteile» zu fällen. Sie beklagten es damals, diese Fähigkeit gerade in unseren Kreisen, in denen Sie ihr so gerne begegnen möchten, so ganz unentwickelt zu finden. Nun, ich habe nicht gewartet, um einen Schritt zu tun, bis man mir den Weg zeigte- ich brauchte dazu nicht verführt oder gepeitscht zu werden -, ich hatte die Kraft, den Mut und das gute Gewissen zu meinem «ersten Urteil»! - Möchte es nicht missverstanden und mir als Verbrechen angerechnet werden - ich habe es in der besten Absicht gefällt. —

Da es mir finanziell und gesundheitlich nicht möglich ist, selbst nach Berlin zu kommen, bitte ich höflichst, diesen Brief auf der Generalversammlung vorlesen zu wollen.

In tiefster Verehrung Ihr Ernst Boldt.

In den letzten Tagen wurde der ausdrückliche Wunsch ausgesprochen, diesen Brief als ersten zu behandeln und den folgenden hinzuzufügen:

München, 15. Januar 1914.
An die Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft, Berlin. Sehr geehrter Herr Doktor! Wie zu erwarten war, hat meine Broschüre, besonders hier in München, einen heftigen Sturm gegen mich hervorgerufen. Dieser wird voraussichtlich auch in Berlin, auf der bevorstehenden Generalversammlung, fortdauern. Da es mir nun aus genannten Gründen leider nicht möglich ist, an der Versammlung teilzunehmen, und mich gegen etwaige Angriffe und Entstellungen meiner Absichten zu verteidigen, möchte ich Sie, verehrter Herr Doktor, höflichst bitten, auch dieses Schriftmaterial in der angegebenen Reihenfolge selbst vorlesen zu wollen oder vorlesen zu lassen. Herr Direktor Sellin überbrachte mir vorgestern Abend den Auftrag unseres Logenvorstandes, meinen Austritt aus der hiesigen Loge I zu erklären, anderenfalls ich mich bereits als ausgeschlossen zu betrachten hätte. Daraus darf ich wohl schließen, dass unser Vorstand sich durch meine Broschüre getroffen fühlt. Es ist daher anzunehmen, dass er auf der Generalversammlung zu seiner Verteidigung sprechen wird, und zwar in dem Sinne, wie er bereits hier gesprochen hat. Er hat behauptet, ich hätte ihn sowie eine Anzahl von Mitgliedern durch meine Schrift von oben bis unten mit Schmutz beworfen, ich hätte Herrn Dr. Steiner schwer beschimpft und ihn der moralischen Feigheit bezichtigt, wie mir Herr Direktor Sellin, der ebenfalls diese Behauptungen vertrat, berichtete. Gegen diese zwar begreifliche aber nichts desto weniger unerhörte Entstellung der wirklichen Tatsachen, gegen diese objektiven Unwahrheiten muss ich auf das entschiedenste Protest erheben. Es ist nicht wahr, dass ich die Damen mit Schmutz beworfen habe, ich habe nur in scharfen Worten auf Tatsachen hingewiesen und die Auswüchse gegeißelt, die uns über den Kopf wachsen müssen, wenn nicht bei Zeiten energisch dagegen gearbeitet wird. Ich habe damit nur der Überzeugung von circa 25 Prozent unserer Mitglieder Ausdruck gegeben; möchten diese nun auch offen für ihre Überzeugung einzutreten den Mut haben - und dies durchaus im Interesse unserer großen Sache. Es ist weiter unwahr, dass ich Herrn Dr. Steiner schwer beschimpft und ihn der moralischen Feigheit bezichtigt hätte. Nur ganz oberflächliches, einer tieferen Psychologie nicht gewachsenes Denken kann solche unbegründeten Behauptungen aufstellen. Wer Finger für Nuancen und Augen für wirkliche Geistes- und Charaktergröße hat, der wird mir zugeben müssen, dass dieser schwere Vorwurf mich in keiner Weise trifft; dass ich vielmehr gerade dem großen Geist und Charakter dieser übermenschlichen Persönlichkeit, die sich zu ihren außergewöhnlichen Zwecken und Zielen auch außergewöhnlicher Mittel und Wege bedienen muss, voll und ganz gerecht geworden bin. Wenn ich auch an einer Stelle, Seite 25-26, bezüglich einiger mich lange und schwer bedrückender Punkte um Aufklärung bat, so ist das, meines Erachtens, mein gutes Menschen- und Denkerrecht.

Auf Seite 25/26 der Broschüre sind die Worte zu lesen:

Meine Frage schmerzt mich tief, aber sie muss dennoch gestellt werden: Tut Dr. Steiner den «im Felde der Theosophie Arbeitenden», die sich nicht nur die Pflege und Verbreitung des vorhandenen Schatzes übersinnlicher Erkenntnisse zur Aufgabe gemacht haben, sondern auch «überall, wo es nur sein kann, beobachten, wo das Leben eine Vertiefung durch die theosophische Vorstellungsart braucht und erfahren kann» - tut Dr. Steiner diesen nicht sehr unrecht, wenn er ihr redliches Streben, durch Kompromisse mit der rückständigen Gruppe und Strömung, scheinbar als unzulänglich oder unstatthaft ignoriert? - Und weiter frage ich: Theosophie, die jede Möglichkeit, «die höchsten Erkenntnisse fi leralltäglichsten Dinge des Lebens fruchtbar zu machen», außer acht lässt, wie dies gewisse Kreise durch ihr Verhalten bewiesen haben, nicht auf dem besten Wege «zu Dingen zu führen, zu denen sie am allerwenigsten führen sollte: zur Sektenbildung, zur engherzigen Dogmatik und so weiter», das zu einem theosophischen Pfaffen- und Betschwesterntum, vor dem ich schon einmal in Düsseldorf mit Recht so energisch warnte, weil ich es mit Sicherheit heraufkommen sah? - Dr. Steiner verzeihe mir meine letzte Frage: Ist er geneigt, die Theosophische Gesellschaft in ihrem primitiven Anfangsstadium, durch Unterdrückung von Bestrebungen meiner Art, zu erhalten, so unterbindet er dadurch, wie mir scheint, den Lebensnerv dieser Bewegung in ihren fortschrittlichen Impulsen und gerät so in einen unergründlichen Widerspruch mit sich selbst. — Sollte die anthroposophische Bewegung in Zukunft auch einmal einen Luther brauchen, was schr wahrscheinlich ist, so kann er sich auf mich als auf seinen bescheidenen Vorläufer berufen, der sich für seine Überzeugung gerne braten lassen will, eingedenk der Worte: «Hier stehe ich - ich kann nicht anders - Gott helfe mir - Amen!»

Das steht dort, als vom «guten Menschen- und Denker-Recht» gefordert. Ich fahre fort, Ihnen den Brief vorzulesen:

Mir ist eben nicht alles so ohne Weiteres klar und durchsichtig, weil es mir nicht um bloße Anhängerschaft, die gewiss sehr billig ist, zu tun sein kann. Herr Dr. Steiner muss sich ja, wie wir durch ihn wissen, gegen die blinde Verehrung dieser Anhänger wehren, wie vor astralen Wolken, die sich seinem Wirken hemmend in den Weg lagern. Ich möchte keinen Teil an sen astralen Wolkenbildungen haben, dazu fehlt mir das Talent. Ich zweifle daher keinen Augenblick daran, dass Herr Dr. Steiner sich durch meine tiefschürfenden Ausführungen, ganz und gar nicht beschimpft noch der moralischen Feigheit bezichtigt fühlt. Auch bin ich davon überzeugt, dass Herr Dr. Steiner die ernsten Fragen und das ehrliche Streben eines selbstständigen Denkers wieder ernst nehmen wird. Wer sich bemüht wie ich, weniger zu bewundern als zu verstehen, der wird sich gegen Abfall und nachträgliche Opposition am besten schützen. - Denn: «Nicht äußere Verehrung und Bewunderung sollen wir den Lehrenden entgegenbringen, sondern deren Verständnis sollen wir anstreben.» (Mitteilungen Nr. X,S.3.)

Dieses «Anstreben» ist aus den Mitteilungen Nr. X, Seite 3 angeführt, wo der Satz steht: «Wir wollen weniger gelobt, dafür aber fleißiger verstanden werden.» - Nun fährt Herr Boldt fort:

Und das ist das große Verbrechen, dessen ich von den blinden Bewunderern und Verehrern geziehen werde. «O sancta simplicitas!»— Wenn doch die Theosophen ihre Theosophie ernster nehmen wollten, sie hätten dann nicht so viel Zeit zum Bewundern und Verchren und würden sich dann auch nicht so peinlich durch ihre Anklagen kompromittieren ... Wer im Jahre 1909 den Zyklus in Düsseldorf mitmachte, wird wissen, dass Herr Dr. Steiner selbst es war, der mich auf diesen $ 4in Nietzsches «Jenseits von Gut und Böse» aufmerksam machte, und zwar mit den Worten: «Der Fragesteller (hinter dem kein anderer als ich steckte) zitiert einmal 2sche; nun, er dürfte dann auch wohl den $ 4 in Jenseits von Gut und Böse» kennen, wo Nietzsche den Satz aufstellt: «Die Falschheit eines Urteils ..»und so weiter. Das muss nur richtig verstanden werden, und der Fragesteller wird mich verstehen, wenn er Nietzsche versteht. Auch im Hinblick auf die theosophische Bewegung gilt dieser Satz: Soll sie in gewissem Sinne fruchtbar sein, so kommt es zunächst nicht auf die reine Wahrheit an, sondern ...» und so weiter, wie ich auf S. 16 meiner Schrift fast wörtlich wiedergegeben habe.

Dort stehen die Worte, dass ein großer Erzieher den Leuten alles Mögliche aufbinden kann, wenn sie nur an seine Ehrlichkeit glauben.

Nun, ich habe Nietzsche und durch ihn Herrn Dr. Steiner besser verstanden wie meine entrüsteten Ankläger. Möchten sie das Versäumte nachholen und sich zu einem tieferen Verständnis ihres großen Lehrers hindurcharbeiten, dann werden sie auch mich von dem Vergehen, dessen sie mich jetzt zeihen, freisprechen müssen. - So viel fürs Erste in diesem Punkte zu meiner Rechtfertigung. Ferner klagt man mich der Rachsucht aus verletzter Schriftstellereitelkeit an, weil die Damen für mein Buch keine Propaganda gemacht hätten. Ich verstehe dieses Argument durchaus hinsichtlich der Geistesart meiner Beurteiler; aber dennoch muss ich mich von dieser Anschuldigung in jedem Sinne freisprechen. Ich wiederhole daher ausdrücklich, dass ich ein ganz überpersönliches Interesse an diesen Zuständen und Vorgängen habe. Ich war mir bei der Abfassung meiner Broschüre wohl bewusst, dass ich durch den persönlichen Einschlag und die Schärfe meiner Rede es meinen Widersachern leicht machen würde, mir einen Strick daraus zu drehen. Und trotzdem konnte ich mich nicht entschließen, davon abzugehen; denn ich wende mich mit meiner Schrift ja nur an die freien und einsichtsvollen Theosophen, von diesen erwartete ich, dass sie den sachlichen Inhalt meiner Schrift von ihrer scharfen Form wohl zu trennen wissen. In diesem Sinne schrieb mir heute der Vorstand einer größeren Loge, den ich persönlich gar nicht kenne, der mich im Namen seiner Loge oder im Namen der wenigen Freien und Einsichtigen mit «Unser lieber Herr Boldt» anredet: «Ihre Broschüre ist ein Schmerzensaufruf! Doch dasjenige darin, was gut ist, wird übertönt werden durch den Vorwurf, der Ihnen von den sich «Auserwähltwähnenden» gemacht werden wird, dass die Nichtannahme Ihres Buches daran Schuld ist!» - Diese bildete allerdings den Ausgangspunkt meiner Betrachtungen, als solche und an sich ist sie ganz unwesentlich und zufällig. Wesentlich und notwendig waren nur die Zustände und Vorgänge, die sich als ein Selbstständiges daran knüpften. So wenig, wie ich mich persönlich durch diese Ablehnung angegriffen und verletzt fühle, so wenig wär es meine Absicht, irgendwen persönlich anzugreifen oder zu verletzen, was mir auch zum Vorwurf gemacht wird, und worauf ich nur mit Nietzsche antworten kann: «Ich greife nie Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken Vergrößerungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber schleichenden, aber wenig greilbaren Notstand sichtbar machen kann.» - («Ecce homo» 1.7.) So viel im Allgemeinen, im Besonderen habe ich noch Folgendes hinzuzufügen. Nachdem ich die Prospekte versandt hatte, wurde ich von unserem Vorstande schriftlich in liebenswürdigster Weise aufgefordert, dieselben im Flur anzuheften und auf den Bibliothekstisch zu legen oder sie selber an der Türe an die Mitglieder zu verteilen. Etwas anderes ließe sich nicht einrichten ohne Bevorzugung. - Meiner Broschürensendung legte ich dann folgende Zeilen bei: München, 10. Januar 1914. Sehr geehrte Frau Gräfin, sehr geehrtes Fräulein Stinde! Ihr bereitwilliges Entgegenkommen betreffs der Bekanntgabe meines letzten Prospektes hat mich wohltuend berührt. Ich war eigentlich schr überrascht, und dies umso mehr, als noch Empfindungen in mir rege waren, die Sie vor circa 2,5 Jahren durch die schroffe Art, mit der Sie damals meiner Bitte um Ankündigung des ersten Prospektes entgegentraten, bewirkt hatten. Während Sie mir inzwischen Zeit genug ließen, um den Schritt, den ich jetzt getan habe, reiflich zu überlegen, taten Sie nichts, um das Versäumte nachzuholen, noch sich deswegen zu entschuldigen. Wären Sie mir damals auch nur halb so liebenswürdig entgegengekommen, so hätte diese Broschüre, die mir der Schmerz diktierte, ungeschrieben bleiben dürfen. Ich beklage es tief, dass sie geschrieben werden musste, aber ich hoffe auch, dass sie nicht ohne Wirkung bleiben wird. Dies als Antwort auf Ihre werten Zeilen. - Näheres darüber in dieser Angelegenheit wird in Berlin auf der bevorstehenden Generalversammlung zur Sprache kommen. Ihre freundlichen Grüße erwidert, hochachtungsvoll Ernst Boldt. Als Antwort darauf ging mir folgendes Schreiben zu, das ich hier, seines sachlichen Inhaltes wegen, und ohne mir den Vorwurf der Indiskretion zuzuziehen, ruhig mitteilen kann: München, 11. Januar 1914. Sehr geehrter Herr Boldt! Noch ehe ich Ihre Broschüre lesen kann, möchte ich Ihre Karte beantworten, die gleichzeitig vorhin eintraf, um Irrtümer zu beseitigen. Danach sind Sie überrascht, dass wir Entgegenkommen zeigen betreffs Bekanntgabe Ihres letzten Prospektes, während wir die Ankündigung Ihres ersten Prospektes verweigern mussten, vielleicht haben Sie einen Logenabend versäumt, vor eirca 1,5 Jahren, an dem wir Folgendes bekannt gaben. Wir sagten damals, dass es bei uns bis dahin immer Usus gewesen wäre, keinerlei Programme für Werke oder Stunden oder sonstige Angelegenheiten unserer Mitglieder in der Loge bekannt zu machen, dass wir keinerlei Programme oder Prospekte oder derlei in der Bibliothek oder im Flur bisher prinzipiell nicht angeheltet hätten, weil damit unter Umständen Tür und Tor geöffnet würden den allererdenklichsten Anpreisungen, aus denen dann viele unserer Mitglieder glauben könnten, dass wir oder «gar Herr Dr. Steiner» dafür einträten. (Solche Erfahrungen haben wir ja leider zur Genüge gemacht.) Es wäre uns dann aber vonseiten einer anderen Loge aus die Bitte ergangen, die Adressen unserer Mitglieder mitzuteilen, behufs Zusendung eines Prospektes. Da wir aber die Abgabe von Adressen unserer Mitglieder als eine Indiskretion erachten, der befreundeten Loge aber doch gern entgegenkommen wollten, haben wir uns, wenn auch sehr ungern, entschlossen, diese Prospekte in der Bibliothek auszulegen und im Flur anzuheften und mussten damit ein altes Prinzip umstoßen und nunmehr allen unseren Mitgliedern ebenfalls freigeben, ihre Programme und Prospekte in der Bibliothek auszulegen oder im Flur anzuheften. Unsere Mitglieder haben seitdem viel Gebrauch von dieser Freigebung gemacht, wie sie doch wohl bemerkt haben müssen? Es bedeutete das Auslegen Ihres Prospektes also gar kein Entgegenkommen, sondern nur die Folge des damaligen Beschlusses des Logenvorstandes. Dieses vom Vorstand aus. - Persönlich wäre dem noch hinzuzufügen, dass [es] für mich keinerlei Anlass gibt,mich bei Ihnen zu entschuldigen und möchte ich gar nicht zurückgehen auf Ton und Art. Wenn Sie damals, wie andere Schriftsteller es tun, Ihre Arbeit der Bibliothek geschenkt hätten mit der Inschrift, dass es vom Autor gegeben wäre, so wäre das ja die beste Art gewesen, dass die Mitglieder das Buch gelesen und Stellung dazu genommen hätten. Hochachtungsvoll
Gräfin Pauline Kalckreuth. Meine Antwort auf dieses Schreiben füge ich bei (Kopie) mit der dringenden Bitte, sie auf der Generalversammlung zur Verlesung kommen zu lassen, sie berührt ein Thema, das im Interesse unserer Sache dringend einer Erörterung bedarf und den Inhalt meiner Broschüre ergänzt. - Dieses Schreiben wurde hier am letzten Logenabend nicht verlesen, und ich musste die schweren Angriffe des Herrn Direktor Sellin, ohne sie entkräften und mich verteidigen zu können, weil ich bereits aus der Loge ausgeschlossen war, auf mir sitzen lassen. Ich bitte daher nochmals ebenso höflich als dringend um Bekanntgabe auch dieses Briefes. Zum Schluss möchte ich meine Bitte um Nachsicht bezüglich der scharfen Form meiner Schrift, die ich im gewissen Sinne selbst verurteile, wiederholen. Immerhin hat sie doch dazu beigetragen, den Nagel auf den Kopf zu treffen und eine unzweideutige Charakteristik der erörterten Notstände und Vorgänge zu geben. Unerbittliche Strenge und Objektivität aber möge walten, was den Inhalt meiner Schrift betrifft. Hier beanspruche ich keine Schonung, kein Mitleid, hier will ich einen unbestechlichen Richter finden. Sollte mein Ausschluss aus der Anthroposophischen Gesellschaft im Interesse unserer Sache wirklich notwendig sein, so will ich mich auch darin fügen, denn ich möchte nicht mir, sondern der Sache dienen, und in sem Falle mich selbst dem Gedeihen Ihres großen Werkes gerne zum Opfer bringen. Das ist ja in der Regel das Schicksal der Erstlinge. Ich habe dann wenigstens die Genugtuung, den Stein ins Rollen gebracht zu haben, und somit doch erreicht, was ich erstrebte. Mag ich meiner scharfen Polemik wegen gerichtet werden -, nach mir wird Einer kommen, der inhaltlich dasselbe und noch viel mehr sagen, aber keinen persönlichen Ausgangspunkt dazu nehmen und alle Polemik prinzipiell vermeiden wird. Diesem möchte ich dann das Eis gebrochen und den Weg geebnet haben - und auch dies durchaus im Interesse unserer großen und erhabenen Sache. Ich verbleibe in aufrichtigster Verehrung und unwandelbarer Treue Ihr ganz ergebener Ernst Boldt München, 14. Januar 1914. An den Vorstand des Münchener Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft Frau Gräfin Pauline von Kalckreuth München. Sehr geehrte Frau Gräfin! Sie gestatten mir einige Reflexionen über Ihre werten Zeilen vom 11. des Monats. Nach diesem könnte es ja den Anschein haben, als ob das Recht ganz auf Ihrer Seite wäre, während ich, in Irrtum befangen, übereilte Schritte getan hätte. Einem oberflächlichen Denken und dem Augenschein kommt dies selbstverständlich vor. Aufgrund einer tieferen Betrachtung aber ist dies ganz und gar nicht der Fall, wie ich zeigen werde. Ich wusste sehr wohl, dass einige Zeit nach meiner ersten Prospektangelegenheit ein solcher Erlass in der Loge bekannt gegeben wurde, auch habe ich die Anwendung dieser neuen Verfügung wohl bemerkt. Aber ich wusste auch, dass dieser Bruch mit dem alten Prinzip keine freie, einsichtsvolle Tat unseres Vorstandes war. Sie geben ja selbst zu, dass Sie sich nur «sehr ungern» dazu entschlossen, dieses alte Prinzip umzustoßen. Ideell, im Geiste also, vertreten Sie auch heute noch dieses rückständige Prinzip, und das ist der springende Punkt - formell, äußerlich, mussten Sie damit brechen, weil der Geist der Freiheit und des Fortschritts sich auf die Dauer nicht in Fesseln schlagen lässt. Wie überall, und zu allen Zeiten, so musste er auch hier sein gutes Recht erzwingen, da es ihm niemals freiwillig eingeräumt wird. Ich habe damals nach verschiedenen Seiten hin Klage gegen dieses einschränkende und dem freien Geiste unserer Bewegung unwürdige Prinzip erhoben, was jedenfalls auch nicht ohne Wirkung geblieben sein wird. Ich wusste also sehr wohl, dass der Bekanntgabe dieses zweiten Prospektes nichts mehr entgegenstehen durfte, da gleiches Recht für alle. In hohem Grade wohltuend und überraschend war mir nur Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen, ohne dass eine Bitte meinerseits um Aufnahme des Prospektes in der Loge voranging, Denn ich hatte diesmal gar nicht die Absicht, von diesem Gnadenerlass Gebrauch zu machen, da ich bereits an circa 50 Adressen unserer Münchner Mitglieder circa 300 Prospekte versandt hatte. Ich wiederhole daher ausdrücklich: Nicht das Auslegendürfen meines Prospektes, sondern nur die unerbetene Bereitwilligkeit, die liebenswürdige Aufforderung dazu, sprach ich als ein unerwartetes Entgegenkommen an, was doch sehr begreiflich sein dürfte. Dies meinerseits zur Beseitigung von Irrtümern. Um bei der Sache zu bleiben, möchte ich noch kurz erörtern, warum ich das alte Prinzip, das Sie nur «sehr ungerne» umstießen, rückständig und mit dem freien Geiste unserer Bewegung unvereinbar nannte. Zunächst eine Vorfrage: Haben Sie gar nicht das Gefühl dafür, dass in der Zumutung, unsere Mitglieder könnten uns in der Loge die «allererdenklichsten Anpreisungen» machen, etwas Verletzendes für diese Mitglieder liegt? Aber angenommen, es wäre nicht alles, was angekündigt wird, theosophisch haltbar; wie können wir unsere Selbstständigkeit und Urteilskralt entwickeln, wenn uns vom Vorstande alles ängstlich ferngehalten wird, woran wir unsere Fähigkeit «erste Urteile» zu fällen, heranbilden könnten; wenn wir, mit anderen Worten, so fürsorglich bevormundet werden. Selber essen macht fett, selber denken stählt den Geist. Ich erinnere nur an die unvornehme Art, wie wir vor Kurzem in dem Fall Fidus, den Vortrag betreffend, gegängelt wurden. Ein Vorgehen, das vielfache Entrüstung hervorrief - aber, wie so oft, blieben auch hier wieder viele Fäuste in der Tasche. Man sollte es doch den Mitgliedern, als erwachsenen Menschen, selbst überlassen, sich ein eigenes Urteil über die Dinge, die an sie herantreten, zu bilden. Hält man sie dafür nicht für fähig, «dann hinweg mit aller Heuchelei> der Freiheit und Selbstständigkeit. Saget einfach: Die Theosophen müssen warten, «um einen Schritt zu tum, dass man ihnen «den Weg zeigt und so weiter. (Frei nach Steiner: «Philosophie der Freiheit», S. 155-156, und Schur&: «Die Kinder des Luzifer», S. 24-25.) Auf Ihren Brief zurückkommend, möchte ich fortfahren. Was nun Ton und Art Ihrer damaligen Ablehnung, worauf Sie nicht zurückgehen möchten, betrifft, so bleibe ich auch hier bei meiner Auffassung, dass Sie, als Vorstand, in diesem Punkte gefehlt haben, und somit Anlass gehabt hätten, sich bei mir zu entschuldigen. Ich möchte Ihnen die ungehörigen Wendungen, die Sie damals brauchten, in Erinnerung bringen: «Ein so schmutziges Gebiet kann ich in der Loge unmöglich erwähnen» sowie: «Für untheosophische Bücher machen wir in der Loge keine Propaganda». Das sind zwei objektive Unwahrheiten; denn erstens ist das Gebiet der Zeugung und Fortpflanzung, das Gebiet der menschlichen Sexualität an sich weder schmutzig noch sauber, es ist ein neutrales Naturgebiet, mit dem wir im Interesse unserer Rassen- und Geistesentwicklung nun einmal notwendig rechnen müssen. Darüber sollte man sich als Logenvorstand klar sein. Vielleicht informieren Sie sich über den Charakter dieses Gebietes bei Dr. Steiner: «Luzifer- Gnosis, erste Auflage, Heft 23, Seite 345, wo es u. a. heißt: «Tatsächlich wirken edle Götterkräftein diesem (schmutzigen? -) Gebieteregelnd und organisierend ... Veredelung ... nicht aber Ertötung ... dieses ganzen Gebietes ... ist das, was die Geheimwissenschaft lehrt», und was auch ich in meinem Buche in nicht misszuverstehender Weise gelehrt und vertreten habe. Ihre Neigung hingegen, dieses Gebiet als ein «schmutziges» zu betrachten, kann nach Dr. Steiner «nur die Folge äußerlich aufgefasster und zum missverständlichen Asketismus verzerrter okkulter Grundsätze sein. Aus dieser Darlegung ergibt sich, dass mein Buch, zweitens, nicht untheosophisch sein kann, was mir jeder unbefangene Leser nur bestätigen wird. Da Sie diese beiden Vorurteile bis heute nicht berichtigt haben, muss ich annehmen, dass Sie diesen für einen Logenvorstand unhaltbaren Standpunkt auch heute noch vertreten, wodurch ich mich in meiner Theosophen-Ehre verletzt und beleidigt fühle. Es wäre, rein formell, alles in der besten Ordnung gewesen, wenn Sie mich damals ganz sachlich von Ihrem Logenprinzip, das mir damals noch unbekannt war, in Kenntnis gesetzt, nicht aber in so schroffer, beleidigender Weise über meine Arbeit, ohne sie gekannt zu haben, abgeurteilt hätten. Nicht Ihnen persönlich, sondern Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Logenvorstand mache ich, als Mitglied, diesen Vorwurf. Ihren nachträglichen Vorschlag, ich hätte mein Buch der Bibliothek schenken sollen, finde ich schr naiv. Sie wollen mir doch nicht einreden, dass die Bibliothek mein Buch angenommen hätte -, und wenn schon, dass es dann auch an die Mitglieder verliehen worden wäre. Denn wenn ein so «schmutziges Gebiet» in der Loge nicht erwähnt werden konnte, dann dürfte es auch wohl in der theosophischen Bibliothek keinen Raum gefunden haben. Dies als Antwort auf Ihre Irrtum-berichtigenden Zeilen. Herr Direktor Sellin hat sich gestern Abend seines Auftrages bei mir entledigt. Darauf habe ich zu erwidern, dass ich nicht geneigt bin, meinen Austritt aus der Loge zu erklären, und zwar aus dem schon in meiner Broschüre angeführten Grunde, weil ich mich freiwillig nicht um die hohen Weisheitsschätze Dr. Steiners bringen will, weil ich diese nicht mehr entbehren kann. Sollte aber mein Ausschluss gefordert werden, so muss ich mich ja dareinfügen. Ich bitte, dieses Schreiben heute Abend in der Loge vorlesen zu wollen, aber ich überlasse es natürlich ganz Ihrem Ermessen. Wäre mir der Zutritt nicht schon verwehrt, so hätte ich selber es vorgelesen, da es keinen persönlichen, sondern einen durchaus sachlichen Charakter hat. Hochachtungsvoll Ernst Boldt. München, 20. Januar 1914.
An die General-Versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft, Berlin. Sehr geehrter Herr Doktor! Wollen Sie bitte die Güte haben, auch die beiliegenden Zeilen der Generalversammlung mitzuteilen. Ein weiteres Schreiben ging mir zu, doch weiß ich noch nicht, ob ich davon Gebrauch machen darf. In vorzüglicher Hochachtung
Ihr ganz ergebener Ernst Boldt. München, 19. Januar 1914. Sehr geehrter Herr Boldt! Ihre Broschüre haben wir mit großem Interesse gelesen. Wir schließen uns Ihren Bestrebungen vollständig an, umso mehr, als wir bereits Ihr Buch «Sexual-Probleme» mit großem Gewinn gelesen hatten. In vorzüglicher Hochachtung
Karl Pschorn, Hedwig Pschorn, Emmy Zormaier, Heinrich Perri,
Deisenhofenerstr. 8/0. Meine Antwort: München, 19. Januar 1914. Sehr gechrter Herr Pschorn! Ich danke Ihnen für Ihre zustimmenden Zeilen und freue mich im Interesse unserer guten Sache darüber. Auch von dem Vorstande einer größeren Loge erhielt ich bereits ein anerkennendes Schreiben. Teilen Sie mir bitte umgehend mit, ob ich Ihre Zeilen, wenn es notwendig sein sollte, der Generalversammlung in Berlin vorlegen darf und ob Sie mit den drei anderen dort mit Ihrem Namen für Ihre Überzeugung eintreten wollen. Ich habe erst vor Kurzem eine schwere Enttäuschung mit einem Theosophen erleben müssen, der es sich vorbehält, mich auf die Anklagebank zu bringen, weil ich seine mir brieflich mitgeteilte Meinung über meine «Sexualprobleme» in der Broschüre mitgeteilt hatte. Danach gibt es Theosophen, die zweierlei Meinungen über eine Sache haben, eine private und eine öffentliche. Solche Erfahrungen könnten einem die Angehörigkeit zu dieser Gesellschaft arg verleiden. Hochachtungsvoll
Ernst Boldt. Die Antwort auf dieses Schreiben lautet: Herrn Ernst Boldt, München,
Adelheidstraße 15/111. Selbstverständlich einverstanden. I.A.:
Pschorn.

Zur Ergänzung wird Fräulein von Sivers noch einen Brief von Herrn Horst von Henning vorlesen, weil Herr Horst von Henning in der Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» in einer besonderen Art erwähnt ist, die ja vielleicht als symptomatisch gelten kann. Dort steht Seite 10:

Herr Horst von Henning schreibt mir: «Die Lektüre ihrer Schrift hat mich umso mehr in hohem Grade interessiert, als ich zu den ältesten Schülern des Herrn Dr. Steiner gehöre und den hiesigen (Weimar) Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft lee: Ich werde.das Meinige zur Weiterverbreitung Ihres Buches in ernsten Kreisen besorgt bleiben.»

Fräulein von Sivers: Herr Horst von Henning schreibt bezüglich der Affäre Boldt:

Weimar, den 13. Januar 1914.
Luisenstraße 19. Hochverehrtes Fräulein von Sivers! Sie haben schon so oft in liebenswürdiger Weise die Vertretung der Mitglieder unseres kleinen Weimarer Zweiges bei den Generalversammlungen wahrgenommen, dass ich Sie bitten möchte, dies auch bei der bevorstehenden Generalversammlung tun zu wollen und finden Sie in der Anlage die bezügliche Vollmacht. Ferner aber möchte ich mich noch mit einer persönlichen Bitte an Sie wenden, da ich leider aus finanziellen Rücksichten davon abschen muss, selbst zur Generalversammlung zu kommen und daher keine Gelegenheit habe, etwaigen Missverständnissen entgegenzutreten, die sich bei einer eventuellen Besprechung der letzthin erschienenen Broschüre des Herrn Ernst Boldt, München, in Hinsicht auf meine Person ergeben könnten. Vor längerer Zeit wurde mir durch Herrn Pastor Wendt hier eine Schrift des Herrn Boldt über «Sexuelle Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft» zu lesen gegeben, die mich interessierte, umso mehr, als sich der Verfasser darin als Anhänger Dr. Steiners bekannte und wohl auch in der Broschüre durchblicken ließ, dass er glaube, seine Ansichten auf die Lehren Dr. Steiners stützen beziehungsweise sie mit diesen in Einklang bringen zu können. Wenn ich nun auch nach dem Studium der Schrift mich des Eindruckes nicht erwehren konnte, dass Herr Boldt in dieser Annahme wohl etwas weit gehe und ich mich keineswegs mit den Ansichten des Herrn Boldt identifizieren mochte, so regte mich die Schrift doch an, die darin entwickelten Probleme weiterzuverfolgen, weshalb ich mich an Herrn Boldt mit der Bitte wandte, mir mit dem in seiner Schrift erwähnten weiteren Material hierüber an die Hand gehen beziehungsweise mir mitteilen zu wollen, wo die einschlägige Literatur zu bezichen sei. Unter dem Eindruck der Schrift, die ich aber, wie schon erwähnt, durchaus nicht etwa in allen Teilen und bis zu den darin gezogenen Konsequenzen gutheißen konnte, die mich aber in mancher Hinsicht interessierte und der freimütigen Sprache halber für den Verfasser einnahm, gewann ich die Empfindung, dass die darin zur Sprache gebrachten Probleme von ernsten Anthroposophen recht wohl einmal entsprechend erörtert werden könnten, weshalb ich Herrn Boldt schrieb: «Die Lektüre Ihrer Schrift hat mich umso mehr in hohem Grade interessiert, als ich zu den (ich glaube, gesagt zu haben) älteren Schülern Dr. Steiners gehöre und den hiesigen Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft leite. Ich werde das Meinige zur Weiterverbreitung Ihres Buches in ernsten Kreisen beitragen.» Hierauf erhielt ich von Herrn Boldt ein Schreiben, wonach ich den Eindruck gewann, dass er meine Worte mehr als von mir beabsichtigt zu seinen Gunsten ausgelegt habe, und dass ich es mit einem persönlich verärgerten Manne zu tun hatte. Ich unterließ deshalb jede weitere Korrespondenz mit ihm und habe mich auch einer Weiterempfehlung seiner Schrift enthalten, da mir nachträglich doch Bedenken aufstiegen, sie möchte bei aller Anerkennung der guten Absicht doch keine geeignete Basis zur richtigen Erörterung dieses so überaus schwierigen Problems bieten. Nun aber erhielt ich vor ein paar Tagen in mehreren Exemplaren die beifolgende Ankündigung einer weiteren Schrift des Herrn Boldt, die ich, um über alles informiert zu sein, mir kommen ließ, im Übrigen aber davon absah, die Schrift weiter zu propagieren. Ich erwähnte nur Herrn Pastor Wendt gegenüber davon, der mir ja seinerzeit die erste Schrift des Herrn Boldt geliehen hatte. Wie groß war nun meine Überraschung und Erstaunen, darin auf Seite 10 den oben angeführten Satz aus meinem Briefe an Herrn Boldt wiedergegeben zu sehen. Wenn ich ja nun zwar die Ehre habe, damit gleichzeitig neben den von mir hochverehrten Herren Edouard Schuré, Ludwig Deinhard und Friedrich Lienhard genannt zu werden, so glaube ich, dass diese Herren ebenso wenig wie ich darüber erfreut sein werden in der Broschüre gewissermaßen als Parteigänger des Herrn Boldt genannt zu werden. Ich werde jedenfalls Herrn Boldt deutlich zu erkennen geben, dass ich es als Taktlosigkeit empfinde, Teile meines Privatbriefes ohne mein Vorwissen veröffentlicht zu haben. Der ganze Inhalt der neuen Broschüre ist nun derart, dass ich ganz entschieden dagegen Einspruch erheben muss, damit in irgendwelchen Zusammenhang gebracht zu werden. Ich vermute wohl nicht mit Unrecht, dass die Herren Schure, Deinhard und Lienhard, als sie Herrn Boldt in anerkennender Weise über sein erstes Buch schrieben, gleich mir nur zu erkennen geben wollten, dass sie es für verdienstvoll fänden, auch einmal das sexuelle Problem im Zusammenhang mit unserer Bewegung zu erörtern, dagegen werden auch sie gewiss die von Herrn Boldt gezogenen Konsequenzen ablehnen und insbesondere den neuerlichen Versuch, Herrn Dr. Steiner zu einer öffentlichen Stellungnahme zu zwingen, scharf verurteilen. Es ist eine leider oft zu beobachtende Tatsache, dass Schriftsteller das ihrem Werke entgegengebrachte Interesse mit voller Zustimmung ihrer Ausführungen verwechseln, und ich würde keinesfalls mein persönliches Verhältnis zu Herrn Dr. Steiner Herrn Boldt bekannt haben, wenn ich hätte ahnen können, dass er in so unschöner Weise davon Gebrauch — oder besser Missbrauch - machen würde. Jedenfalls wird mir dieses unliebsame Vorkommnis als Warnung dienen und mich veranlassen, mit der Bekanntgabe meiner Schülerschaft Dr. Steiners die allergrößte Zurückhaltung walten zu lassen. Man kann aber wohl ein Buch zum Studium weiterempfehlen, ohne sich mit dem Inhalt desselben zu identifizieren, ja man kann dies auch tun, um die Diskussion darüber in Fluss zu bringen und die Irrtümer berichtigt zu sehen. In diesem letzteren Sinne schrieb ich Herrn Boldt die bereits erwähnten Zeilen, nicht aber, um als unbedingter Anhänger seiner Ansichten aufzutreten. Sie werden nach diesen Darlegungen es begreiflich finden, dass ich in hohem Grade erregt „meinen Namen in dieser Broschüre, deren Inhalt und ganzer Tendenz ich fernstehe, missbraucht zu sehen, und ich möchte Sie bitten, bei Gelegenheit der Generalversammlung dies in einer Ihnen geeignet erscheinenden Form bekannt zu geben, damit die von Herrn Boldt angegriffenen Mitglieder mich nicht als Parteigänger des Herrn Boldt betrachten. Ich stehe nicht an zu bekennen, dass ich es für keinen Fehler betrachten würde, wenn die so tief in die Menschenentwicklung eingreifenden Sexualprobleme einmal von ernster Seite eine sachgemäße Beleuchtung erfahren würden, und dass ich einer eventuellen Stellungnahme dazu seitens des Herrn Dr. Steiner tiefen Verständniswunsch entgegenbringen würde, wenn er es für richtig fände, aus seiner bisher gewiss mit gutem Grunde beobachteten Reserve herauszutreten, ich muss es aber unbedingt verurteilen, nach dieser Richtung auch nur den leisesten Druck auf die Entschließungen unseres großen Lehrers ausüben zu wollen. Ebenso will ich gern zugeben, aufgrund meiner derzeitigen Seelenverfassung den Ausführungen des Herrn Boldt ein größeres Interesse entgegengebracht zu haben, als das heute der Fall sein würde. Ich verwahre mich aber ganz entschieden dagegen, als Parteigänger des Herrn Boldt betrachtet zu werden, und lege besonderen Wert auf die Feststellung, dass ich Herrn Boldt niemals ermächtigt habe, mich als solchen zu betrachten, viel weniger meine Privatzeilen in einer Broschüre zu veröffentlichen. Den Verhandlungen der Generalversammlung lebhaftes Interesse entgegenbringend, bitte ich den Versammelten den besonderen Gruß des Weimarer Zweiges zu entbieten und verbleibe mit dem Ausdruck treuer Gesinnung und wärmsten Dankes für Ihre Mühewaltung wie immer Ihr ganz ergebener
Horst von Henning.

Ein zweiter Brief, der am 15. Januar eingetroffen ist, lautet:

Weimar, den 15. Januar 1914
Luisenstraße 19 Sehr verehrtes Fräulein von Sivers! Verzeihen Sie gütigst, dass ich Sie noch ein zweites Mal in der Angelegenheit Boldt mit einer Bitte belästige. Ich hielt es für richtig, an die Herrn Ludwig Deinhard, Edouard Schuré und Friedrich Lienhard das beifolgende Rundschreiben zu richten, und erhielt ich dasselbe nebst Anlage heute bereits von Herrn Deinhard zurück, wobei mir dieser Herr schreibt, dass auch er es als eine Taktlosigkeit sondergleichen empfinde, dass Herr Boldt, ohne ihn zu fragen, eine übrigens nur mündlich gemachte Äußerung in seiner Broschüre abgedruckt habe, die nach seiner (Deinhards Meinung) von Taktlosigkeiten wimmele. Leider aber besitzt Herr Deinhard nicht die Adresse des Herrn Schuré, und, da auch mir diese unbekannt ist, so möchte ich Sie freundlichst bitten, das Rundschreiben nebst Anlage an Herrn Schur& weitergeben zu wollen, mit dem Ersuchen, es dann auch an Herrn Lienhard weiterzugeben. Ich füge ein frankiertes Couvert zur geflissentlichen Bedienung bei und möchte Sie noch bitten, von der den Anlagen beigefügten Kopie meines Briefes an Herrn Boldt Kenntnis zu nehmen. Mit herzlichen Grüßen an Sie wie alle lieben dortigen Freunde verbleibe ich stets Ihr dankbar ergebener
Horst von Henning

Fräulein von Sivers sagt: Es würde sich wahrscheinlich auch erweisen, dass Herr Schure und Herr Lienhard wie Herr Deinhard nur ein mündliches Wort Herrn Boldt gegenüber gesagt haben; denn schließlich wird ein wohlwollender Mann, wie Herr Schuré, wohl kaum einem jungen Schriftsteller etwas anderes sagen wollen als: «Recht interessant!» Herr Dr. Steiner: Zur Diskussion hat sich zunächst gemeldet Frau Wolfram.

Frau Wolfram: Man könnte ja über den Fall Boldt mit einem Lächeln, mit einem Achselzucken, indem man den Antrag mit einer Handschwenkung in den Papierkorb wirft, zur Tagesordnung übergehen. Da aber dieser «Fall Boldt» ein typischer Fall ist, da es nicht nur einen Boldt gibt, sondern leider viele «Boldte», und es uns immer wieder passieren kann, dass auf diese wirklich ganz unqualifizierbare Art unsere kostbare Zeit in Anspruch genommen und uns gestohlen wird, so möchte ich einiges aus dieser Sache darstellen und mit einem Appell an Sie schließen, damit dieser Fall Boldt in dieser Art der einzige bleibt und sich nicht wiederholt. Denn wir haben doch anderes zu tun, als unsere Zeit auf diese ebenso tragischen wie komischen Dinge zu verwenden.

Damit es nicht scheinen könnte, als handle es sich nur um das, was Herr Boldt aus Ärger darüber von sich gegeben hätte, dass sein Buch nicht akzeptiert worden ist, und um zu vermeiden, dass man glauben könnte, dass das Buch vielleicht doch nicht so ganz schlecht gewesen sein könnte, und sein Verfasser einen gewissen Grund gehabt haben könnte, um seine Broschüre zu schreiben, so sei es mir gestattet, einiges aus dem Buche anzuführen, um nachzuweisen, dass wir es da mit einem ebenso dummen wie dreisten und schmählich verlogenen Machwerke zu tun haben. Daraus wird dann klar werden, dass Herr Boldt, wenn dieses Buch im Jahre 1911 von einigen wohlmeinenden und zielbewussten Theosophen gelesen worden wäre, heute gar nicht mehr in unserer Mitte sein könnte. Denn wenn jemand ein solches Buch schreiben konnte, so gehört er nicht mehr in unsere Mitte. Wir wollen uns doch ein Gefühl dafür angewöhnen, wer in unsere Gesellschaft hereingehört und wer nicht. Auf Seite 2 seines Buches spricht Herr Boldt:

Das Erscheinen dieses Buches dürfte nun Zeugnis ablegen davon, dass die theosophische Bewegung in diesen sechs Jahren einen, wenn auch zunächst nur geringen Fortschritt zu verzeichnen hat. Wir wollen in dieser kleinen Schrift nur einen bescheidenen Versuch gemacht haben, die theosophischen Wahrheiten einfließen zu lassen in eines der praktischen Gebiete des Lebens. - Wir glauben unser Denken, Fühlen und Wollen an den «ewigen Gesetzen des Daseins» genügend trainiert zu haben, um in das Leben hinaustreten zu können und den Kulturprozess durch Lösung der vorliegenden Probleme in richtiger, zeitgemäßer Weise zu fördern. Das Sexual-Gebiet ist eines der fundamentalsten Lebensgebiete, auf dem bisher - weil es in Nacht und Nebel gehüllt und von der schauerlichsten Unwissenheit in Acht und Bann getan wurde - in ganz erschrecklichen Dimensionen gesündigt werden durfte; es bedarf daher am dringendsten des Lichtes und seines spirituellen Reformgedankens. Und der Naturund Geistesforscher, der frei von allen materialistischen und moralischen Scheuklappen dieses unkrautdurchwucherte Feld im Sinne der «ästhetischen Briefe» Schillers, der «Philosophie der Freiheit» Steiners und im Geiste der Theosophie umzupflügen trachtet, muss notwendig durch logisches, sachgemäßes Denken zu den vorliegenden Resultaten gelangen. Erschöpft sich nun die Mission des hellschenden Geistesforschers vorwiegend in dem Aufsuchen und der Verkündigung der okkulten Wahrheiten und der ewigen Gesetze des Daseins, als den primären Grundlagen aller Lebensreform, so ist es unsere Aufgabe, an der sekundären Ausgestaltung der einzelnen Lebensgebiete im Sinne dieser Wahrheiten und Gesetze zu arbeiten und mit vollem Verständnis für die Aufgaben der theosophischen Bewegung innerhalb unserer Kultur-Epoche, an den vorhandenen Fähigkeiten des gegebenen Menschenmateriales anzuknüpfen und es um eine Stufe höher zu heben.


In den einführenden Worten zu dem Aufsatz über die «Erziehung des Kindes» hat Steiner das Programm für cin sozialreformerisches Wirken höheren Stiles gegeben. Da nun die vorhandene Sexual-Literatur diesen hohen Anforderungen nicht genügt, sahen wir uns genötigt, eine neue zu begründen.

Ja, was haben Sie denn davon für einen Eindruck? Der Verfasser ist gar nicht ein bisschen größenwahnsinnig! Er spricht in der denkbar größten Bescheidenheit von sich! Ich sage dies vor allem, um Ihnen zu zeigen, dass es in diesen Darstellungen an Beispielen für eine Impotenz des folgerichtigen Denkens wimmelt. Aber der Verfasser merkt das alles selbst nicht; er widerspricht sich auf der einen Seite gegenüber dem, was er auf der anderen Seite gesagt hat. Dies muss nur einmal konstatiert werden. Denn es liegt mir daran, darauf aufmerksam zu machen: Wir möchten es nicht so machen wie unser lieber Herr Horst von Henning, der das Buch vielleicht flüchtig durchgelesen hat. Wir wollen das Buch vor allem auf das Eine hin anfassen: ob darin Blech steht oder nicht. In unserer Zeit ist es ja nicht schwer, ein Buch herauszubringen, worin es von Fehlern wimmelt -, was einem geradezu wehe tut, wenn man auf das Chaotische hinhorcht, das sich darin darstellt. Und auf dieses Chaos hinzuhorchen, daran sollte sich jeder gewöhnen, der auf ein folgerichtiges Denken hält. Da sagt der junge Mann weiter ($. 4):

Die monistisch-spiritualistische Literatur über diesen Gegenstand, wie sie in diesem Buche zum ersten Mal versucht wird, enthält neue, zukunftschwangere Werte höherer Ordnung und führt den Herden-Menschen heraus aus dem gegenwärtigen Dilemma der sexuellen Skylla und Charybdis auf den einzig realen Weg des Höhen-Menschen zum Ziele seiner höchsten Vollendung im Über-Menschen. Monistisch-spiritualistisch nennen wir die Tendenz dieses Buches, weil es unabhängig von der zeitgenössischen Sexual-Literatur, diese überwindend, neue Lebensfundamente zu begründen sucht.

In seiner Broschüre sagt er aber ($. 4):

Als Okkultist stehe ich jenseits von Monismus und Dualismus ...

In dem Buche aber sagt er «monistisch-spiritualistisch», und dann heißt es weiter:

Es behandelt diesen Stoff unter Heranzichung okkulter, geisteswissenschaftlicher Forschungsergebnisse, ohne deshalb den realen Boden des Monismus zu verlassen.

Denken Sie nur einmal dieses Gedankengestrüpp durch! Und auf diesen Boden will Herr Boldt nun alles aufpfropfen, was der Seher an geisteswissenschaftlichen Tatsachen gibt! Das wird nun von Herrn Boldt veramalgamiert und daraus der weitere Boden geschaffen, auf dem wir - wir «Wanzen» - uns weiterentwickeln können. Weiter:

Mit dem Haupte in den Himmel ragend, sucht es auf der Erde festen Fuß zu fassen und umgekehrt: In der physischen Welt wurzelnd, strebt es mit seinen Blüten und Früchten in die geistige Welt empor. - Aus diesem Grunde werden auch wir es keiner der zeitgenössischen Parteien recht machen können, denn unsere Voraussetzungen liegen ebenfalls - da sie theosophisch sind — «weit jenseits alles Parteigetriebes».

Tritt nun die Theosophie einmal an die verschiedenen Zeitfragen heran, so gibt es keinen Grund, die Geschlechter-Frage neben den übrigen Kulturfragen vornehm zu ignorieren; denn sie macht sich in ihrer ganzen, erschütternden Tragweite geltend. Der Theosoph darf ihr daher seine Aufmerksamkeit nicht entziehen. Er muss auch auf dieses Gebiet des Lebens das Licht seines Geistes fallen lassen und es mit dem spirituellen Reformgedanken der Theosophie befruchten. Dies ist durch die beiden Vorträge Steiners über «Mann und Weib» und «Mann, Weib und Kind im Lichte der Geisteswissenschaft» in vortrefflicher Weise angeregt worden. Unsere Aufgabe war es nun, diesen Gegenstand in einem umfassenderen Sinne entwicklungsgeschichtlich zu behandeln und alles okkulte Wissen darüber zusammenzutragen.

Wo sind nun die Theosophen, könnte man fragen, die sich bisher an die Reform des Sexuallebens im Geiste der Theosophie heranwagten? - Und wie viele sind ihrer, die solchen Bestrebungen das nötige Interesse und Verständnis entgegenzubringen vermöchten? - Dass ein Erstlingsunternehmen wie dieses auf große Widerstände stoßen muss — besonders bei den Parteigängern der dualistischen und monistischen Schule -, ist begreiflich. Wenn aber solche Widerstände zum Teil auch aus der theosophischen Bewegung selbst herauswachsen, so ist das lediglich auf die Unreife der Mehrzahl ihrer «Anhänger» zurückzuführen. Aber um Anhänger ist es dieser Bewegung gewiss nicht zu tun; sie braucht freie Geister und große Herzen, die das Leben der Gegenwart mit hellem, klarem Blick durchschauen und die rechten Angriffspunkte zum sozialen Wirken finden.

Es ist wirklich doch nicht so schwer, sich hier ein Urteil zu bilden, dass dieses geschrieben ist von einem jungen, recht selbstbewussten Manne, in dessen Kopfe es aber nicht nur recht chaotisch aussieht, sondern darüber schwebt auch noch in einer recht funesten Weise der Geist des Größenwahnes. Und man muss sagen: Es hat dieser junge Mann in der Zeit, in welcher er unser Mitglied gewesen ist, nicht nur nichts von seinem Größenwahne verlernt, sondern auch nichts von dem Lehrgute der Geisteswissenschaft profitiert. Was hat die Aufforderung, wir müssten uns unbedingt mit den Sexual-Problemen beschäftigen, für den zu bedeuten, der durchdenkt, was uns aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus an entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen gegeben worden ist? Es ist das öftere Hinweisen auf Sexual-Probleme etwas recht Überflüssiges. Wenn man nur studiert hat und nachgedacht hat über das, was uns mitgeteilt worden ist, zum Beispiel über den Werdegang des Menschen, über den Entwicklungsgang der Welt und der Menschheit, von der Tatsache der Einwirkung des Geistes in die Welt hinein und so weiter, dann wird sich jeder ganz von selber sagen müssen: Wie töricht wäre es, wenn wir Theosophen jetzt eine ganz bestimmte Formel prägen wollten, wie wir uns dieser sexuellen Frage gegenüber verhalten wollten. Da handelt es sich doch um das allerpersönlichste Gebiet eines jeden, und jeder wird wissen, dass es sich für ihn ganz von selbst ergibt, wie ein Mensch in seinem Spezialfall sich zu verhalten hat. Etwas anderes ist es, wenn wir wissen wollten, welche törichte Auffassung darüber in wissenschaftlichen Kreisen herrscht. An diesem Buche des Herrn Boldt würde man aber nur konstatieren können, dass es ein dummes und dreistes ist; aber es ist auch ein schmählich verlogenes Buch. Und das will ich Ihnen nachweisen.

Wenn man sagen wollte, dieser Herr Boldt war sich der schrecklichen Dinge nicht bewusst, die er da tut und sagt, so ist das doch keine Entschuldigung. Das macht es nur viel schlimmer, dass in unseren Kreisen, wo genug gelernt werden kann, es möglich ist, dass ein Mensch dergleichen schreibt, zu schreiben wagt, dass er lügt und es selbst nicht wissen soll. Also dergleichen wächst in unseren Kreisen. - Ich habe Ihnen noch zu zeigen, dass es noch andere «Boldte» gibt, weshalb ich diesen Fall als einen typischen behandeln will. - Herr Boldt spricht dann über die «Quellen» seines Buches, führt Werke Dr. Steiners an und sagt dann Seite [7-8]:

Der elementare, ethisch-ästhetische Ideengehalt dieser Schrift ist des Verfassers Eigentum. Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass er in vollem Einklang steht mit dem, was Steiner in seiner genialen «Philosophie der Freiheit» sowie in dem herrlichen Buche über «Friedrich Nietzsche» niedergelegt hat.

Wenn man jetzt nicht aufpasst, merkt man nichts, merkt nicht, was der «ethisch-ästhetische Ideengehalt» ist. Ich muss gestehen, ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, wohin schließlich aufgrund seiner interessanten und wertvollen Forschungen Herr Boldt gelangt ist, was er für das Richtige hält für das sexuelle Leben unserer Zeit (S. 54 seines Buches). Man kann es nur umschreiben: dass das Ideal der Askese schon anzuerkennen wäre, aber doch wie ein ganz fernes Zukunftsideal über den Menschen schweben müsste. Wir Menschen sind also noch nicht so weit, dass wir an die Verwirklichung eines solchen Ideales denken könnten. - Wenn Herr Boldt denken will, zitiert er immer Nietzsche, und dann führt er daran aus, was das einzig Richtige für unsere Zeit ist - es ist ja merk würdig, dass gerade ich immer solche Dinge sagen muss: Die unbeschränkte Freiheit des einzelnen Menschen, liebend sexuell zu erleben, zu erleben, wozu er Lust hat; und Herr Boldt stellt dann als etwas Nachah mungswertes die «Oneida-Praxis» hin. Von dem, was er ganz ungeniert als den Schluss seines Ideales, seines ethisch-ästhetischen Ideengehaltes proklamiert, von dem sagt er noch immer, dass es sich durchaus auf das stützen müsse, was Herr Doktor Steiner selber sagt. - In den Bemerkungen, die $. 135 folgen - wie das bei allen tiefgründigen Werken ist, muss ein Kommentar dazu sein-, werden Dinge gesagt, um einzuschen, wieso Dr. Steiner dasselbe sagt wie das, was Herr Boldt als den Ideengehalt dieses Buches proklamiert, der sein eigenes Seeleneigentum ist:

11) Wenn Foerster in der sexuellen Aufklärungsliteratur der letzten Jahre oft einen «Hymnus auf die Zeugungskräfte» finder und dabei «wirklich das Gefühl bekommt, die Religion sci nicht verschwunden, sondern aus der Seele in die Geschlechtssphäre verlegt worden, und Gott offenbare sich nicht mehr im Gewissen, sondern in den Zeugungsorganen ...», so täuscht er sich keineswegs; die Geisteswissenschaft bestätigt die Richtigkeit dieses Gefühles durchaus. Gott offenbart sich nicht nur in dem freien, denkenden Menschengeiste, sondern auch in den Zeugungsorganen. Die Weisheit Foersters, «dass der Geschlechts: selber ein Gassenjunge ist», wird von der modernen Geistesforschung energisch zurückgewiesen. In seiner Zeitschrift «Lucifer - Gnosis», Heft 23 «Aus der Akasha-Chronik», äußert sich Steiner darüber folgendermaßen:

Und jetzt sollen Sie sehen, was es taugt, wenn wir alle in unsere Kreise hereinlassen, die in brutaler und schmutziger Weise alles für sich ausschlachten:

Seine (des Menschen) ganze untere Hälfte - dasjenige, was man oft die niedere Natur nennt - ist nun unter den verstandesmäßig gestaltenden Einfluss der höheren Wesenheiten (der Jehova-Elohims) gekommen ... Man kann auch sagen, jene edlen geistigen Kräfte ... sind jetzt heruntergestiegen, um ihre Macht in dem Gebiete der Fortpflanzung zu entfalten. Tatsächlich wirken edle Götterkräfte in diesem Gebiete regelnd und organisierend.

Das alles ist aber so gemacht, dass der Leser denkt, es hätte Dr. Steiner das so gesagt.

Und damit ist ein wichtiger Satz der Geheimlehre zum Ausdruck gebracht, der so lautet: Die höheren, edlen Gotteskräfte haben Verwandtschaft mit den - scheinbar - niederen Kräften der Menschennatur.

Und so weiter:

12) Zur Ergänzung dieses Gedankens lese man Steiner: «Die Geheimwissenschaft», $. 65 bis 75. Es ist da von einem «verborgenen Geistigen» die Rede, das «in den Offenbarungen des Leibes wirkt». Denn «in allem, was die Sinne wahrnehmen, empfangen sie zugleich ein Geistiges ... Die niedrigsten Genüsse können Offenbarungen des Geistes sein. Die Befriedigung, welche die Nahrungsaufnahme dem hungernden Wesen gewährt, ist eine Offenbarung des Geistes. Denn durch die Aufnahme von Nahrung wird das zustande gebracht, ohne welches das Geistige in einer gewissen Bezichung nicht seine Entwicklung finden könnte ... Sinnliche Genüsse muss das Ich haben, solange es im Leibe lebt, auch insofern es geistig ist. Denn im Sinnlichen offenbart sich der Geist; und nichts anderes genießt das Ich als den Geist, wenn es sich in der Sinnenwelt dem hingibt, durch das des Geistes Licht hindurchleuchtet ... Diese Sinnenwelt ist eine Offenbarung des hinter ihr verborgenen Geistigen. Das Ich könnte den Geist niemals in der Form genießen, in der er sich nur durch leibliche Sinne offenbaren kann, wenn es diese Sinne nicht benutzen wollte zum Genuss des Geistigen im Sinnlichen.»

Und was macht Boldt daraus? Er deutet alles ins Sexuelle um!

Solange der Mensch maßvoll in seinem Genießen ist, bedeutet «der sinnliche Genuss als Ausdruck des Geistes Erhöhung, Entwicklung des Ich»; steigert sich hingegen «der begründete Genuss zu Unmäßigkeit und Ausschweifung», so wirkt das verarmend, verödend und zerstörend auf das Ich zurück. Was hier bezüglich der Befriedigung, welche die Nahrungsaufnahme dem hungernden Wesen gewährt, gesagt ist, gilt auch von dem Genusse, den die Geschlechtsvereinigung den liebenden Wesen ermöglicht; denn Hunger und Liebe wachsen auf einem Holz, worauf auch Schiller in seinem Gedicht: «Die Weltweisen» hindeutet. Näheres über den Genuss findet der Leser in «Lucifer - Gnosis», Heft 13 («Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»), sowie in der «Theosophie> («Der Pfad der Erkenntnis»).

Es gibt noch einige Stellen, die noch eine Steigerung bedeuten.

Eine Willenskundgebung der Versammlung geht dahin, dass sie auf ein weiteres Vorlesen verzichtet!

Frau Wolfram, fortfahrend: Was haben wir denn da vor uns? Man kann sich nicht noch gewissenloser vergreifen an dem Geistesgut eines anderen Menschen! Wenn also das Buch gründlich gelesen worden wäre, so könnte Herr Boldt nicht mehr in unsern Reihen sein.

Und nun möchte ich einen Appell an Sie richten und vorher noch etwas darüber anführen, was ich vorhin sagte: dass es viele Boldte gibt, und dass der eine nur ein typischer Fall ist. Es gibt leider eine Ansicht unter den viel zu vielen Menschen, dass diese unsere Bewegung da wäre, um alle die, die sich selbst nicht forthelfen wollen, zu unterstützen. Unsere Gesellschaft wäre so ein großes Hilfs-Institut, und man wäre darin verpflichtet, wenn man Vorstand eines Zweiges ist, dass der und jener in seinem Außenleben gefördert wird. Kurz, es werden die denkbar größten Ansprüche an die Gesellschaft gestellt. Die, welche nun in die Gesellschaft eintreten mit einer Seelenverfassung wie zum Beispiel Herr Boldt, und die glauben, dass sie aus ihrem Kopfe heraus alles können, obwohl sie gar nichts können, diese bilden nur einen Chor der Missvergnügten. Solche waren es, die keine Rolle spielen konnten; die haben nun getan, was sie konnten - was dann zum Ausschlusse aus unsrer Gesellschaft geführt hat.

Ich möchte, um Ihnen wirklich ein Fundament zu geben, ein paar Worte aus der Nr. 7/8, Jahrgang IV, 1914 der von Doktor Vollrath herausgegebenen «Theosophie» vorlesen, deren einer Teil von einem Casimir Zawadzki redigiert wird. Derselbe schrieb mir vor einem Jahre einen Brief, worin er mich bat, ich möchte tun, was ich tun könnte, um das alte schöne Verhältnis zwischen ihm und Doktor Steiner und der Gesellschaft wiederherzustellen. Dieser Zawadzki war eine Zeit lang Mitglied unserer Gesellschaft, kein bequemes Mitglied. Ich habe getan, was ich konnte, bis er in einer unerhörten Weise die Sachen von Doktor Steiner plagiierte, bis er dann herausgewiesen wurde und sich in die Arme von Doktor Vollrath warf, wo er noch ist. Er meinte dann, dass es doch schön wäre, wenn er, da er Pole ist, vielleicht Generalsekretär in Warschau werden könnte. Da er aber merkte, dass unter der Ägide Besant die Sache wackelig wurde, so glaubte er besser zu tun, wenn er wieder unter Doktor Steiner arbeiten könnte. Und nun möchte ich darauf hinweisen, wie wirklich gar nicht so sehr viel dazu gehört, um zu wissen, ob einer in unsere Gesellschaft hineinpasst oder nicht. Es äußert sich so etwas wie eine Impotenz des folgerichtigen Denkens manchmal in einem einzigen Wort. In dem Brief heißt es:

Leipzig, den 31. Januar 1913. Sehr geehrte gnädige Frau! Ich muss Ihnen herzlichst für den freundlichen Empfang Ihrerseits am vergangenen Sonntag danken und richte zugleich nochmals an Sie die höfliche Bitte, mit Herrn Dr. Steiner über meine Angelegenheit zu sprechen und mir dann Nachricht zu geben. Wie gesagt, ich möchte ein interesseloser Mitarbeiter an dem Werke Herrn Dr. Steiners sein, da ich niemals aufgehört habe, ihn tief zu verehren. Meine Trennung von Dr. Vollrath steht bevor, ich werde selbst die Sache beschleunigen, so gut ich’s kann. Vielleicht ist Herr Dr. Steiner so gütig und gewährt mir eine Unterredung, durch die das alte gute Verhältnis, nach dem ich mich so sehr sehne, zwischen ihm und mir wiederhergestellt werden kann. Zunächst möchte ich auf jeden Fall Mitglied der der Leitung Herrn Dr. Steiners unterstehenden Deutschen Sektion werden, dann aber die Arbeit im Sinne Herrn Dr. Steiners in Polen beginnen. ... Ich möchte, wenn ich noch einige Zeit in Leipzig bleiben sollte, wieder Mitglied der Loge werden, ebenfalls interesselos, nur um der Sache und der Einigung im Geiste willen. ...

Wer das schreiben kann, in dessen Denken ist nicht nur eine, sondern sind verschiedene Schrauben los!

Es ist ganz hoffnungslos, zu glauben, dass der, der fähig ist, so etwas zu schreiben, verdienen kann, was bei uns gelehrt wird. Es fehlt ihm jede Möglichkeit des richtigen Denkens, wenn er das schreibt in einem Briefe, wo er sich möglichst gut darstellen will. Dieser Herr ließ dann eine Schauerreklame los über einen Lehrkursus-auch wieder über sexuelle Dinge. Auf seinen Brief schrieb ich dann, dass es nicht ginge, und die Sache war abgetan. — Nun schreibt Zawadzki in Nr. 7/8 der «Theosophie» einen Artikel; der ist angeknüpft an die Nr. III der «Mitteilungen für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft». Es ist also möglich gewesen, dass ein solcher Mensch diese Nr. III hat haben können!

Diese Nummer muss mit dem historischen Gefühl beurteilt werden. Sie hat Wert für den Literarhistoriker. Der Menschenverstand von heute hat keine Handhabe, um die hier angeführten Tatsachen zu prüfen. Nur wer selbst die Begebenheiten, über die darin dokumentarisch gesprochen wird, durch sein eigenes Wahrheitsempfinden hat destillieren können, der wäre befähigt, zu kritisieren; in welcher Weise er es tun würde, zeigte seine Gesinnung. Der heutige Gebildete, der sich über die Haustiermoral und -ethik erhoben hat, betrachtet bereits die Privata seines Nächsten halb unbewusst als etwas Heiliges, Unberührbares, als eine Rechtssphäre, die ihn nichts angeht, als einen Kreis, dessen Urheber selbst verantwortlich für dessen Wohl und Wehe ist.

Das geht jetzt auf Dr. Steiner, weil er die Briefe von Dr. Hübbe-Schleiden veröffentlicht hat.

Höher noch als dieser steht der Gebildete, der durch die Schulung irgendeines theosophischen Erzichungssystemes hindurchgegangen ist oder sich noch darin befindet. ihn nicht nur die Privata, sondern auch die öffentlichen Pflichten seines Nächsten etwas Unberührbares, etwas Heiliges.

Können Sie sich dabei etwas denken? Ich nicht! Und ich möchte darauf aufmerksam machen: Es darf nicht ein solcher Kuddelmuddel herrschen, dass man nicht auf den ersten Blick merkt, auf was es ankommt. Weiter heißt es:

Dr. Steiner rechnet ab mit Dr. Hübbe-Schleiden. Seit früher hat er sich in erfreulicher Weise in seinem Stile geändert. Früher holte er, wo er Gründe nicht fand, seine Worte aus dem Sprachschatze des Hausknechts.

Indem er sich weiter ergeht über die «Hausknechtmanier» Doktor Steiners, über den vollkommenen Mangel an Gefühl für Menschenwürde und Pietät, spricht er über Doktor Unger und Frau von Reden und lässt sich dann aus über die «Esoterische Sektion»:

Gerade dieses sonderbare Ding war eine der Ursachen, weshalb Dr. Steiner sich in der Theosophischen Gesellschaft unmöglich machte. Jetzt nun endlich erkennt man das Gift dieser Einrichtung; man erkennt, welche ungeheuren sittlichen Gefahren mit einem solchen theosophischen Kreise verbunden sind. Man unterscheide zwischen dem Missbrauch der Esoterischen Sektion und der Einrichtung selber. Einrichtungen sind weder gut noch schlecht.

Jetzt schlabbert er wieder, es geht etwas in seiner Gedankenmühle herum -, und so macht es Herr Boldt auch.

Der Gebrauch erst fällt unter das karmische Gesetz und macht sie zu schlechten und guten Werkzeugen. Frau Wolfram in Leipzig hat öfter betont, dass dem Dr. Steiner als Leiter der Esoterischen Schule das Gelübde des Gehorsams durch Handschlag gegeben werden müsste. Jetzt nun bringen die Mitteilungen» folgende Auslassungen über die Esoterische Schule und zwar treten sie voll und ganz für diese Ansicht ein: «Das Gelübde des unbedingten unverzüglichen Gehorsams, wie es in der Esoterischen Schule verlangt wird, ist ein Zeichen von Entartung des Gemütes. Es ist selbstüberhebende Vermessenheit gegenüber Gott und Menschen. Eine Tat, die den Zorn des dem Menschen innewohnenden Gottes herabruft. ...

Es kann wohl gar nicht anders sein, als dass dies gesagt wird über die Besant'schen Einrichtungen. — Ein anderer Herr schrieb mir auch, ich möchte doch alles tun, damit er wieder mit Doktor Steiner zusammenkommen könne; aber in derselben Nummer der «Theosophie» von Vollrath ist er wieder darin.

Und nun möchte ich Folgendes sagen. Es müsste doch alles getan werden, dass gewisse Stimmungen und Gefühle großgezogen werden, die Front machen gegen das Eindringen gewisser Elemente. Es gibt ja einen Toleranzbegriff innerhalb unserer Gesellschaft, freilich sollen wir tolerant sein; was meinen wir denn aber damit?

Dass wir erkannt haben, dass es ein unsagbar schätzenswertes Lehrgut gibt, das uns überliefert werden kann, und dem gegenüber wir eine Verantwortung fühlen. Wer schön wirkt, dem gegenüber können wir noch tolerant sein, aber nicht dem gegenüber, wo in der Hirnkonstitution nicht mehr die Empfindung da ist für das, was wahr oder unwahr, was schön oder geheuchelt ist. Beobachten Sie, was in den Fällen Fidus, Hübbe-Schleiden, Prellwitz und anderen erst alles hingestellt wird-und wie dann gesagt wird: «Das ist gar nicht so», und die dann noch schreiben: «... mit tiefster Verehrung» und so weiter. Nicht wahr: Wir sind kein Krankenhaus. Und damit möchte ich sagen: Wir möchten ein wenig Front machen gegen das Eindringen solcher Elemente in uns! Denn das heißt tolerant sein gegen das höchste Gut bei uns! Es könnten den Logenvorständen mehr Rechte eingeräumt werden -, was sich überhaupt gebührt gegenüber einem Logenvorstand. Da wird so viel disputiert, was ein Logenvorstand alles dürfe und was nicht; aber es wird nichts geredet über die Rechte, die er haben sollte. Ich sehe einen Logenvorstand nicht als ein «Mädchen für alles» an, das nur dafür zu sorgen habe, dass die Logenräume sauber sind, dass Vorträge da sind - und gar nichts weiter zu sagen habe. Ich denke, es müsste ein Logenvorstand vor allem die Freiheit für den Papierkorb haben, wenn man ihm einmal Vertrauen erwiesen hat, indem man ihn gewählt hat. Das Protegieren aller möglichen Erzeugnisse der verschiedenen theosophischen Mitglieder muss einmal aufhören. Ich bin im gewöhnlichen Leben auch nicht rechtlich verpflichtet, zu lesen, was mir jemand schickt, oder es zu kaufen; und da sollen die Logenvorstände verpflichtet sein, wenn jemand etwas produziert hat, es in den Logenlokalen auszuhängen, und man wird dann verschnupft, wenn man es nicht tut?! In dieser Beziehung muss jeder Logenvorstand für die peinlichste Reinlichkeit der Atmosphäre sorgen können. Wenn er für die Reinlichkeit der Logenräume sorgen kann, muss er das andere auch tun können. Und es ist wirklich nicht so schwer, zu wissen, wer in unsere Reihen gehört und wer nicht. Wenn wir uns doch das ewige Abtaxieren nach Gefühlswerten abgewöhnen könnten, nach dem, was jemand «redet»! Ein Mensch ist nicht das, was er redet- er mag es von sich glauben; ein Mensch ist das, was er tut. Und wenn er dieses ‚oder jenes auf dem physischen Plane als Ausdruck seines Wesens getan hat, dann richte ich mich nach seiner Tat. Ha[ben] ein Hübbe-Schleiden, ein Boldt und so weiter dies oder jenes getan, so weiß ich, was [sie getan haben]. Und will er dann wieder aufgenommen werden, so muss er eine andere Tat heraussetzen als Metamorphose seines Wesens.

Es müsste von den verschiedenen Logenvorständen, vom allgemeinen Vorstande, ein Beschluss - wenigstens in der Seele eines jeden emporbli hen: Es muss von jetzt ab alles getan werden, damit solche Menschen, die wir heute gehört haben, die allerletzten einer solchen Art unter uns sind. Wenn das möglich wäre, dann wäre schon in unserer Vorstandssitzung die Sache abgetan gewesen. Wenn der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft sich des Vertrauens sicher glaubt, von dem man so oft spricht, dann wäre es ja selbstverständlich, dass man ein solches Aktenmaterial wie den Fall Boldt, wenn es kommt, in den Papierkorb steckt!

Ich möchte beantragen, dass dem Vorstande das Recht gegeben werde, aufgrund des Vertrauens durch die Wahl, dergleichen Dinge nach seinem Ermessen abzutun, damit wir unsere Zeit nicht an solche Dinge vertun, wie es jetzt der Fall ist.

Herr Dr. Steiner: Vielleicht wäre auch noch möglich, dass etwas anderes geschehen könnte, wenn es wirklich der «Konzessions-Schulze in der Verkleidung des Übermenschen» einmal wagen würde, für das Buch des Herrn Boldt einzutreten. Sollte ich wirklich einmal so kühn sein, wie Herr Boldt das will, nämlich sein Buch den rückständigen 75 Prozent unserer Mitglieder zu empfehlen - was würde denn dann geschehen? Auf Seite 14 seiner Broschüre sagt es Herr Boldt:

Die wahrscheinliche Folge davon wäre, dass man in einigen Wochen die zärtlichsten Freundschaften mit erotischem Einschlag unter den Theosophen beiderlei Geschlechtes sich entwickeln sehen könnte. Die Tendenz dazu ist freilich schon immer, und nicht gerade schwach, vorhanden gewesen, auch hat hie und da manch immoralisches Sehnen Befriedigung gefunden — wie das in anderen Kreisen auch vorkommt; denn die Natur ist immer wahr und das Leben hat immer recht. — Aber peinlich würde die Situation erst werden, wenn die in freier Liebe Lebenden sich auf die Autorität Dr. Steiners berufen könnten. Wie Ellen Keyin Schweden, so würde man auch ihn in Deutschland für jeden unehelichen Theosophensprössling verantwortlich machen. - Das könnte die verhängnisvollsten Folgen haben und die Lebensbedingungen der Theosophischen Gesellschaft arg gefährden.

Dies als eine kleine Vorspeise. Und nun bitte ich Sie, die anderen Speisen möglichst reichlich zu genießen!

Es tritt die Teepause ein; die Verhandlungen werden auf Montag, den 19. Januar 1914, vertagt.

Die Fortsetzung des Protokolls erscheint in der folgenden Nummer der Mitteilungen.

German original of Second General Assembly of the Anthroposophical Society — Day One · ← Previous · Next →