The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 19 January 1914, Berlin

8. Zweiter Tag (mittags)

Herr Dr. Unger: Wir müssen uns mit Bezug auf den Antrag Boldt zu dem Verständnis dessen hindurcharbeiten, warum wir damit in die Generalversammlung eingetreten sind. Es handelt sich nicht darum, dass wir gerade den Fall Boldt zu einem großen Fall machen. Herr Boldt hat in seiner Broschüre mit Vorwürfen und Beleidigungen um sich geschleudert und uns eine Sache aufgedrängt, die wir nicht mögen. Wenn es aber zu einer allgemeinen Bedeutung des Falles kommen soll, so müssen wir gerade das Typische einer solchen Erscheinung beachten.

Zunächst ist es eine ganz unmögliche Sache, die Mitglieder zwingen zu wollen, eine Broschüre zu kaufen, damit die Teilnehmer bei der Generalversammlung über den Inhalt derselben orientiert sind. Es ist geschäftsordnungsmäßig das einzig Richtige, wenn jemand eine Versammlung orientieren will, dieser das entsprechende Material zur Verfügung zu stellen und nicht erst jedem 50 Pfennig abzuverlangen, damit er sich orientieren könne. Dazu kommt noch, dass man, wenn man die Broschüre gelesen hat, worin gar nichts für uns irgendwie Verwendbares steht, auch noch das Buch kaufen soll. Das sind Dinge, die für uns unmögliche sind. Deswegen brauchten wir uns hier nicht zusammenzufinden. Aber es handelt sich um das Typische und Bedeutsame des Falles. Es handelt sich darum, dass wir etwas daran lernen und uns bewusst werden, dass es innerhalb unserer Gesellschaft notwendig ist, sich von gewissen Vorurteilen und Suggestionen zu emanzipieren, die das ganze Leben und Denken unserer Zeit an uns heranbringen will. Gerade in dieser Beziehung müssen wir auf manches achten, was in der Broschüre steht. Denn die Vorwürfe, die man gar nicht persönlich zu nehmen braucht, beziehen sich unter anderem darauf, dass hier etwas zurückgewiesen worden wäre, was ein wichtiges Problem unserer Zeit behandelt, was angeblich nach der Art und Weise der «Geisteswissenschaft» ein Problem behandelt und den Anspruch erhebt, eine wissenschaftlich bedeutsame Sache zu sein, wie aus dem gestern vorgelesenen «Waschzettel» hervorgeht. Ein solcher Vorwurf ist von vornherein unberechtigt; denn es kann niemand verlangen, dass irgendwelche Geistesprodukte gelesen werden müssten, sondern man kann nur abwarten, was jeder Einzelne in freier Entschließung tun will. Sodann kommt es darauf an, dass behauptet wird, dass alle, die die Sache zurückgewiesen haben, es aus Unkenntnis getan haben sollen. Daher war es sehr verdienstlich, dass gestern einige Stichproben aus dem Buche gegeben wurden, damit jeder, der es nicht gelesen hat, weil er nicht wollte, nun aus eigener Erfahrung sagen kann: Es ist nichts hinter dem Buche, was für uns Wert haben könnte. Darauf kommt es an, dass man sich zu einer Urteilsfähigkeit erzieht gegenüber dem, was einen Wert hat, oder was keinen Wert hat. Und da es sich gerade hier um ein Problem handelt, das als solches in den Mittelpunkt gestellt werden soll, das uns aufgedrängt werden soll als Problem, trotzdem es gar keines ist, so ist es wichtig, sich durch die Frage dieses angeblichen Problems hindurchzuarbeiten.

Wir wollen uns hier zusammenfinden, um ein Wissen zu pflegen, um Aufschluss zu bekommen über das Wirken von geistigen Wesenheiten. Das heißt, dass wir die Ausgangspunkte nicht nehmen bei äußeren Erscheinungen und Symptomen, bei dem, was sich aus der Sinneserfahrung aufdrängt oder aus der Gewöhnung wissenschaftlicher Betrachtung gewonnen werden könnte, sondern dass wir erkennen, dass alles wahre Wissen nur bei der geistigen Wirklichkeit gefunden werden kann. Darauf kommt es an, dass wir lernen, daran festzuhalten, dass wir lernen, wie viel von dem, was sich heute als «Wissenschaftlichkeit» gebärdet, Wirklichkeit ist und was nicht. Und darum handelt es sich, dass dies jetzt nicht nur ein «Fall Boldt» ist, sondern ein Fall, der uns Gelegenheit gibt, das Wirken wissenschaftlicher Ansprüche und Vorurteile innerhalb unserer Zeit zu beleuchten. Es soll dazu ein Beispiel gebracht werden, das seinem Inhalte nach schon in die Probleme hereinweist, die uns hier aufgedrängt werden sollen. Wenn wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus — das heißt von dem Standpunkte aus, den wir uns zu erringen suchen aufgrund dessen, was uns aus höherer Erkenntnis mitgeteilt wird - irgendwelche Lebensfragen betrachten wollen, so muss es für uns die erste Bedingung sein, etwas darüber zu wissen, etwas zu wissen aus den geistigen Quellen heraus; sonst sind wir nicht im Fahrwasser einer geistigen Bewegung, derjenigen geistigen Bewegung, um die es sich hier handelt, sondern geben uns nur mit dem ab, was als «wissenschaftliche Phänomenologie» zubereitet wird. Es soll also ein Beispiel beigebracht werden, dass uns gewissermaßen hereinweist in unsere Angelegenheit.

Wenn wir zu den Grundanlagen geführt werden, wie der Mensch aus den geistigen Welten herausgeboren worden ist und sich entwickelt hat unter der Führung geistiger Wesenheiten, dann werden wir darauf hingewiesen, dass dies keine Theorie ist, sondern eine Wirklichkeit der geistigen Welten, die in der Vergangenheit auch in bildhafter Weise hereingewirkt hat in das bildhafte Menschheitsbewusstsein, und der Niederschlag dieser Bilder ist erhalten geblieben in den Mythen und Sagen. Wenn wir uns daher mit Mythen und Sagen beschäftigen, dann haben wir darin etwas, was uns in unserm inneren Herzen ergreift, wodurch in bildhaften Gedanken vor uns steht, was sonst in trockenen, nüchternen Gedanken vor uns hingestellt wird. Die Göttersagen sind höhere Wirklichkeiten für uns, und insofern sind sie eine tief in unser Herz hineinwirkende Kraft, mit der wir herantreten können an die Probleme des Daseins. Sie enthalten etwas, was für unsere Bewegung als Fortschrittselement wirken kann. — Wir können ein Wissen gewinnen innerhalb unserer Bewegung aus den Forschungen in der geistigen Welt heraus über ein bestimmtes Daseinsgebiet, nämlich über die Entstehung der Mythen und Sagen und über ihre Bedeutung für die Vergangenheit und Gegenwart der Menschheit. Fragen wir nun darüber die Kreise, die sich wissenschaftlich gebärden, so finden wir dort allerdings eine zuverlässige Sammlung der Mythen und Sagen als Tatsache. Die wird dadurch nicht charakterisiert, dass man sagt: Sie ist oberflächlich oder nicht. - Denn eine solche Sammlung ist etwas, woran noch am meisten zu loben ist in der heutigen Zeit, nämlich der Fleiß in der Sammlung der Tatsachen. Was dann noch zu einer solchen Sammlung hinzugefügt wird, ist meistens sehr gering. Unter dem aber, was dann noch hinzukommt, finden wir etwas, was typisch ist, eine Neigung, aus dem Gesichtspunkte eines vorgefassten Lieblingsgegenstandes heraus alles zu betrachten. Darin zeichnet sich ja die sogenannte «Sexual-Literatur» ganz besonders aus, dass ihr nichts heilig ist; und wir finden in dieser Sexual-Literatur bändeweise Darstellungen, welche die Mythen und Sagen zurückführen auf die niedersten sexuellen Elemente - nicht nur auf das, was dem natürlichen oder dem tierischen Leben angehört, sondern alle Auswüchse, Perversitäten und Dekadenzerscheinungen werden in willkürlichster Weise an den Anfang der Kulturgeschichte der Menschheit gestellt und damit die Sagen und Mythen erklärt. Wenn wir darauf überhaupt achten wollten, dann müssten wir von vornherein unsern ganzen geisteswissenschaftlichen Standpunkt aufgeben. In dem Augenblicke, wo wir unser Ohr demjenigen öffnen, was von solchen Kreisen nicht nur an uns herankommen will, sondern sich noch gar «okkult» gebärden will, in dem Augenblicke sprechen wir unser eigenes Todesurteil aus!

Und das ist die bedeutsame Lehre, die sich uns daraus ergibt: dass wir uns hüten müssen vor dem, was sich in irgendeiner Weise, mit großem Scharfsinn zustande gebracht, vielleicht sogar geistreich, an uns herandrängt und sich so leicht zu verbinden sucht mit dem, was den Namen «Okkultismus» führt; dass wir dagegen es erkennen lernen, es durchschauen und abweisen aus innerstem Erkennen und Begreifen heraus. Es ist nicht notwendig, auf die Gefahren hinzuweisen, von denen wir in dieser Beziehung umlauert sind; es kann sogar der Name Leadbeater dabei vermieden werden. Aber etwas muss betont werden: Dass wir auch in der neueren Adyar-Literatur etwas finden, was auf das Schärfste von uns zurückgewiesen werden muss: dass Frau Besant hinweist auf ihr früheres Wirken, auf ihr Zusammenarbeiten mit Bradlaugh, auf die Möglichkeit einer Beschränkung der Bevölkerungsziffer im Sinne des Malthusianismus und so weiter. Was damals aus der ganzen materialistischen Gesinnung der damaligen Zeit heraus, von England aus, sich verbreitet hat, das trat in Frau Besant zurück, als Frau Blavatsky mit ihrem geistigen Streben herankam. Heute taucht es wieder empor — «von der Glorie des Okkultismus umstrahlt»! Da sehen wir in dem, was sich da als «Okkultismus» gebärder, das Gesicht des Materialismus herauskommen, und darauf haben wir zu achten und aufmerksam zu machen. Eines nun ist schon wahr: dass die Einwirkungen des Materialismus für unsere Bewegung sehr starke sind, sodass wir uns hüten müssen, dass wir unser Urteil schärfen müssen, dass wir lernen müssen, fest auf geistigem Boden zu stehen, und dass wir lernen müssen, bei unsern Weltberrachtungen den Ausgangspunkt immer mehr und mehr zu suchen und zu finden bei den geistigen Welten und Wesenheiten. In diesem Sinne soll meine Aufforderung dahin gehen, bei der Behandlung dieser Angelegenheit weniger zu schauen auf die Persönlichkeit des bedauernswerten Herrn Boldt als auf das, was sich an typischen Zeiterscheinungen darin ausspricht, mit denen wir rechnen müssen, wenn wir unsere Bewegung im richtigen Sinn weiterführen wollen.

Herr von Rainer: Sehr verehrte Anwesende! Es ist vielleicht doch notwendig, diesen «Fall Boldt», der ja schon in einigen Beziehungen beleuchtet worden ist, weil er eben symptomatisch ist, noch von einer Seite zu beleuchten, die in unserer Zeit in unserer spirituellen Bewegung eine große Rolle spielt. Und wenn ich genötigt bin, manches vielleicht jetzt so zu sagen, dass es den Anschein hat, als wollte ich gute Lehren geben, so ist es vielleicht notwendig, eine persönliche Bemerkung vorauszuschicken: die, dass ich voll durchdrungen bin von der Überzeugung, dass alle Menschen Kinder ihrer Zeit sind, und dass man in gewisser Beziehung wirklich so recht aus tiefster Überzeugung heraus über so etwas nur dann sprechen kann, wenn man klar in sich selber fühlt, wie sehr man Kind seiner Zeit ist, und wie sehr man Gelegenheit hat zu beobachten, wie dieses «Kind-seiner-Zeit-Sein» für alles ideale Streben ein ungeheures Hindernis bildet.

Es ist aus den Briefen von Herrn Boldt, die er an die beiden Vertreterinnen und Vorsitzenden der Münchener Loge schreibt, das Wort vorgelesen worden, dass er «in seiner theosophischen Ehre beleidigt worden ist». Dieses Wort «Ehre» hat schon in der heutigen Zeit eigentlich nur mehr eine passive Seite und keine aktive mehr. Man ist fortgesetzt in seiner Ehre beleidigt, aber man fragt heute gar nicht darnach, ob man nicht vielleicht die Ehre anderer Menschen beleidigt. Und wenn wir uns fragen, wieso eine solche Tatsache gerade in unsere Bewegung schr bedeutungsvoll hereinspielt, so müssen wir uns in Erinnerung bringen den Zyklus, den Doktor Steiner in Norrköping über «Theosophische Moral» gehalten hat, wo darauf hingewiesen wird, dass sozusagen die moralischen Eigenschaften des Orientes, Indiens zum Beispiel, andere waren als diejenigen von Europa. Während der Inder Andacht, Verehrung pflegte seiner ganzen Anlage nach, war dagegen Mut, seine Überzeugung sozusagen mit der Faust zu vertreten, immer das, was den Abendländer ausgezeichnet hat. Der spirituelle Impuls der theosophischen Bewegung ist nun ins Abendland hereingebracht worden mit durchaus indischen Begriffen, auch mit dem indischen Begriffe der Verehrung, der Andacht — gewiss berechtigterweise — gegenüber allem, was in der Welt vorhanden ist. Man hat aber dabei ganz übersehen, dass man im Abendlande vor einem anderen Publikum steht als in Indien. In Indien ist durch das Kastenwesen der demokratische Geist des Abendlandes von vornherein ausgeschlossen; und schon in politischen Einrichtungen kommt es zum Ausdruck, dass Verehrung und Andacht denn doch in einer gewissen Beziehung etwas verschieden modifiziert werden müssen je nach dem, was man sich gegenüber hat. Das Abendland aber ist gerade in dieser Beziehung bahnbrechend gewesen für die Menschheit, indem die Entwicklung der Freiheit doch eine gewisse Unterstützung gefunden hat durch den demokratischen Geist der Zeit. Aber die ganze Art des Geisteslebens unserer Zeit ist eben so, dass sie nicht versteht, haltzumachen. Daher hat man auch nicht in dem demokratischen Geiste der Zeit haltzumachen verstanden, in diesem Geiste, den ich Ihnen durch den Ausspruch eines Dichters gern charakterisieren möchte, weil gerade dieser Dichter, der der österreichische Dichter Grillparzer ist, ganz fernstehend von allen politischen Bestrebungen gelten kann ...

Hier zitierte Herr von Rainer eine Stelle aus dem Drama «Ein Bruderzwist im Hause Habsburg», die dem Kaiser Rudolf II. in den Mund gelegt wird, und die mit folgenden Zeilen endigte:

Ich sage dir: nicht Skythen und Chazaren,
Die einst den Glanz getilgt der alten Welt,
Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker:
Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar,
Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große,
Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche
Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt,
Zur Oberfläche eigener Gemeinheit,
Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig.

Und hieran anknüpfend wies Herr von Rainer darauf hin, dass auch unseren Kreisen eine gewisse Gefahr drohe, vor der man sich schützen müsse. Er fuhr dann fort:

Es ist nicht immer so in der Welt eingerichtet, dass, wenn jemand mit gewissen Prätentionen auftritt und auch auf der andern Seite alle die Eigenschaften aufzeigt, die gleichzeitig dazu führen müssten, ihn als Menschen zu verurteilen, dass diese ihn auch unwürdig machen müssten des menschlichen Mitgefühles. Wir müssen durchaus einer Persönlichkeit, wie es Herr Boldt ist, das weitgehendste Mitleid, ja, die größte Liebe zeigen, aber wir dürfen uns deshalb nicht täuschen. Wir müssen bedenken, dass Liebe nicht darin besteht, dass man die Gefahren, die in einem Mitmenschen drinnen sind, übersicht oder gar entschuldigt. Wenn wir das, was in dieser Broschüre steht, auf seine Gefährlichkeit hin prüfen, objektiv, gleichgültig, was für ein Mensch Herr Boldt ist, so müssen wir sagen: Was da drinnen steht, ist hervorgegangen aus der Schule Vollrath, Doktor Hübbe-Schleiden und so weiter. Es ist aber auch ganz in dem Geiste unserer Zeit geschrieben, von dem wir ja durch Doktor Steiner gestern wieder gehört haben, dass eran Wahrhaftigkeit wirklich alles zu wünschen übrig lässt. Und ich muss dazu noch einen Beleg anführen, in welcher Art heute über Dinge und über Menschen zu Gericht gesessen wird, ohne sich auch nur zu informieren über das, was die betreffenden Persönlichkeiten eigentlich mit ihrem Auftreten wollen.

Da ist in der Zeitschrift «Der Aar», Monatsschrift für das gesamte katholische Geistesleben der Gegenwart, ein Aufsatz von Doktor Wilhelm Oehl erschienen, der sich betitelt «Die moderne Theosophie». Da heißt es:

Ganz im Gegensatze zu dem zurückhaltenden Hübbe-Schleiden und noch mehr zu dem die Ethik betonenden Hartmann steht der phantastische Magier Rudolf Steiner im Mittelpunkte eines großen Verchrerkreises, der seine Person und seine übernatürlichen Geheimkräfte in unbedingter Ergebenheit hochhält. («Der Aar», Juli-Heft 1913, S. 519.)

Zu Beginn schreibt der Verfasser in einer Fußnote:

Als Quellen benutzte ich die Schriften von Blavatsky, Besant, Hartmann, Hübbe-Schleiden, Collin, Brahmacharin-Bodhabhikshu und Hermann Rudolph, ferner viele Aufsätze in den Zeitschriften «Theosophische Kultur», «Sphinx», «Lotosblüten», «Prana» und «Der theosophische Pfad»; wertvolles Material enthalten die beiden Broschüren von Hans Freimark «Moderne Theosophen und ihre Theosophie» und «Die okkultistische Bewegung», beide Leipzig 1912 im Verlage von Wilhelm Heims (Leipzig) erschienen. Endlich sei noch auf den ausgezeichneten Aufsatz P. Zimmermanns in den «Stimmen aus Maria Laach» hingewiesen: «Die neue Theosophie» (1910, S. 387ff.). Die verschiedenen Konversationslexika und Kirchenlexika bieten über die Theosophie fast durchwegs wenig oder nichts. - Ein mehrjähriger Verkehr mit den Theosophen, Okkultisten und Astrologen Wiens, Berlins und Zürichs hat mir die wünschenswerteste Gelegenheit gegeben, das Denken dieser Kreise gründlich kennenzulernen.

Das waren die Quellen, die er nach seiner eigenen Angabe benutzt hat; und er hat trotzdem den Mut, das zu schreiben, was ich über die Persönlichkeit Doktor Steiners vorgelesen habe, obwohl aus seinen eigenen Angaben hervorgeht, dass er gar kein Buch von Doktor Steiner kennt! Und während er von anderen Autoren die Titel der Bücher und die Verleger anführt, sagt er im weiteren Verlaufe des Aufsatzes nur, dass Doktor Steiner die Zeitschrift «Lucifer - Gnosis» herausgebe; von allen seinen anderen Büchern sagt er nichts. Vielleicht kann man einwenden, dass es sich hier um eine Zeitschrift handele, die einer gewissen Tendenz diene; aber gerade in diesen Kreisen tut man sich etwas zugute darauf, dass man «modern» ist, und dass man die modernen Bestrebungen auch hereinziehen will in die Kirche.

So habe ich ein Plakat gesehen über einen Vortrag: «Moderne Theosophie in dem Geiste des Christentumes». Da, wo man mit den Prätentionen auftritt, «die moderne Theosophie wolle auch ein Surrogat des Christentumes vertreten», da spricht man von einem Menschen als einem «phantastischen Magier» und weiß gar nicht, was er für Bücher geschrieben hat!

Das sind furchtbare Zeiten, in welchen dem Leser jede Grundlage genommen wird, etwas richtig zu beurteilen; denn man muss doch aus solchen Aufsätzen herauslesen können, dass zum Beispiel Hans Freimark und Pater Otto Zimmermann Gegner Doktor Steiners sind. Das sind solche Zeichen, die uns im höchsten Grade wachsam sein lassen müssen über unsere Zeit und uns selbst. Es ist ein ungeheures Schlagwort, wenn man auf eine Broschüre schreibt: «Ein freies Wort an freie Theosophen». Das schreibt man ganz ruhig als ein gewisses zugkräftiges Motto an die Spitze seiner Broschüre, um dann später zu sagen: Wenn Doktor Steiner etwas Gutes über dieses mein Buch gesagt hätte, so zweifle ich nicht, dass man es für durchaus theosophisch gehalten und in den weitesten Kreisen gelesen und verbreitet hätte.

Wie steht es denn hier mit der «Freiheit»? Wenn man also gut über ein Buch spricht, das jemand schreibt und herausgibt, dann hat man die Sicherheit, dass man als ein «freier Mensch» bezeichnet wird; wenn man nichts sagt oder nichts Empfehlendes sagen kann, dann hat man die Freiheit verletzt! Es ist durchaus möglich, dass jemand mit der Prätention auftritt, die geknebelte Frei zu erlösen, und dann ganz ruhig sagt: Wenn der Betreffende, dem ich durchaus natürlich keine Autorität zuerkenne, seine Autorität für mich geltend gemacht hätte, so würde ich nichts dagegen gehabt haben; dann wäre die ganze Broschüre nicht geschrieben worden, und es wäre dann auch alles weitere vermieden gewesen. Auf Seite 23 schreibt Herr Boldt:

Ich musste [damals] zu der Überzeugung kommen, dass Dr. Steiner durch sein ablehnendes Verhalten nicht ohne Einfluss auf diese Vorgänge geblieben war.

die «Vorgänge», dass sein Buch nicht empfohlen worden ist!

Dadurch hat er der Prüderie und den herdenmenschlichen Vorurteilen in theosophischen Kreisen nur noch Vorschub geleistet. Ich bin gewiss, dass, wenn er meiner doch von vielen angeschenen Theosophen gewürdigten Arbeit auch nur ein gutes Wort gewidmet hätte, es niemand gewagt haben würde, das Buch untheosophisch zu finden und gegen den Verkauf desselben, sowie gegen die Ankündigung des Prospektes innerhalb der Logen etwas einzuwenden.

Also gegen die «herdenmenschlichen Vorurteile», wenn sie sich der Verbreitung dieses Buches nutzbar gezeigt hätten, hätte der Vertreter der Freiheit und der Gegner der Autorität nichts einzuwenden gehabt!

So ist es also, dass jemand sagen kann: «Ich bin in meiner theosophischen Ehre beleidigt», aber gar nichts tut zu der Ehre der übrigen Menschen, der 75 Prozent, wie er sagt, die er zu den «Parteigängern» zählt; denn die beleidigt er ja durch die Broschüre. Wenn man sich mit den vielleicht «veralteten», aber dennoch vorhandenen Ehrbegriffen erfüllt, die im Abendlande bestehen: nämlich für die moralischen Grundlagen des abendländischen Menschen starkmütige Überzeugungen zu haben, dann ist es nicht möglich, sich länger das bieten zu lassen, was uns geboten wird. Wir scheinen ja wie ein Wild zu sein, auf das jeder schießen darf, nur weil wir eine Überzeugung haben — und auf das nicht nur jeder von auswärts schießen darf, dem man es aus gewissen Gründen nicht verdenken kann, sondern auch noch jeder innerhalb der Bewegung! So tiefgehend diese Bewegung ist, so oberflächlich wird eigentlich unter uns der einzelne Mensch genommen, wenn man in diesen Kreisen sich erlaubt, etwas niederzuschreiben, wodurch man in Bausch und Bogen 75 Prozent von Menschen einer Bewegung, die einem hohen Ideale gewidmet ist, aburteilt. Man muss sich nur einmal die ganze Unerhörtheit eines solchen Vorgehens vor die Seele rufen! Es wird immer geredet, dass es der Autoritätenglaube wäre, den wir Doktor Steiner gegenüber haben. Nein - unsere eigene Ehre, unsere theosophische Ehre ist hier im Spiele, weil wir uns nicht in dieser Weise herunterzichen lassen können von einem Menschen, der gar nichts weiß von einer Lebensanschauung, die wir verwirklichen wollen, und der das, was wir mit dieser Lebensanschauung in der Welt schaffen wollen, für seine Zwecke ausnutzen möchte.

Wo sind die 25 Prozent, auf die er sich beruft? Sie sollten sich zeigen, diese 25 Prozent, und wenn es noch mehr sind, so sollten sie sich auch zeigen, denn wir sind es müde, uns in dieser Weise angreifen zu lassen. Wir sind Abendländer in dem Sinne, dass wir sagen: Wir müssen ja nicht theosophische Arbeit treiben, wenn niemand da ist, dem sie passt. Aber wir wollen sie einmal hören! Einer also schreibt dies - und geht in der Gesellschaft herum! Er spricht von «Masken und Gebärden». Aber es geht mancher herum, der auch dasselbe spricht! In dieser Beziehung müssen wir eine gewisse Ehre großziehen und sagen: Wer so spricht, dem werden wir die gebührende Antwort erteilen - und wenn es das geringfügigste Privatgespräch ist -, weil sonst damit ein Gift hereinkommt in die Bewegung, das sich verbreitet! Wir können nur weiterkommen, wenn wir uns über den aktiven Teil der theosophischen Ehre klar sind. Es geht nicht, dass gleich ein jeder, der kaum etwas in die theosophische Bewegung hereingerochen hat, da auftreten kann und sagen darf: «Das ist alles Autoritätenglauben»; oder ein so durch und durch Verlogenes aufbringt, dass er sagt: «Ich bin ganz von Liebe und Verehrung für die Persönlichkeit Doktor Steiners durchdrungen; aber diese Persönlichkeit Doktor Steiners hält sich ganz an Nietzsche, der da sagt: Mit der Wahrheit darf man den Menschen nicht kommen», und der dann in einer gewissen Weise so tut, als ob Doktor Steiner an Nietzsche diejenige Persönlichkeit hätte, von der er alles bekommt, was er braucht, um diese Bewegung zu führen.

Gegenüber so etwas ist es doch auch notwendig, dass man ganz genau das anführt, was Licht in die Sache bringen kann. In dem Buche Doktor Steiners «Friedrich Nietzsche — Ein Kämpfer gegen seine Zeit» heißt es im ersten Kapitel:

Die Worte, die er (Nietzsche) über sein Verhältnis zu Schopenhauer ausgesprochen hat, möchte ich über das meinige zu Nietzsche sagen: «Ich gehöre zu den Lesern Nietzsches, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da ... Ich verstand ihn, als ob er für geschrieben hätte: um mich verständlich, aber unbescheiden und töricht auszudrücken.» Man kann so sprechen und weit davon entfernt sein, sich als «Gläubigen» der Nietzsche’schen Weltanschauung zu bekennen.

Dies ist im Eingange dieses Buches zu lesen, und dies müsste man auch berücksichtigen, wenn man dann eine andere Stelle anführt. Man darf jene Stelle nicht zitieren, die Herr Boldt zitiert, indem er sagt: Doktor Steiner selbst habe zugegeben, dass Nietzsche in dieser Beziehung eine Autorität sei ($. 16):

Dr. Steiner selbst hat in seiner Erörterung dieses Themas das unbedingte Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wie Fichte es vertrat, als «oberflächlich» charakterisiert, während Nietzsches Anschauung «tief aus dem Wesen der menschlichen Natur» heraufgeholt sei.

Eine solche Zusammenstellung muss den Eindruck hervorrufen, dass Doktor Steiner durchaus der Meinung ist, dass das Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit als «oberflächlich» charakterisiert werden muss. Gemeint ist selbstverständlich, dass, wie es in dem Buche «Friedrich Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit» auch vorkommt, Nietzsche selbst die Frage aufgeworfen hat: Muss man denn nach der Wahrheit streben? - Warum will man denn Wahrheit, und warum nicht lieber Unwahrheit? Das sind philosophische, denkerische Vorgänge, von denen man sagen kann: Ein ungeheurer Mut gehört dazu, solche Dinge auszusprechen; aber sie können nicht als Grundlage genommen werden für die Praktizierung einer Lebenssache, besonders nicht in einem Kreise, wie wir sind, die wir wissen, wo wir die Grundlagen zu der Wahrheit haben wollen. Wir brauchen nur Menschen, die zu dieser Wahrheit treu halten. Die Wahrheit braucht ja nicht mehr erfunden zu werden.

Man braucht von einem solchen Buche wie dem des Herrn Boldt nicht zu sagen: Der Verfasser hat auch ein gutes Streben. — Er soll es entwickeln, wo er will, aber nicht innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, die ihr Wahrheitsgut hat. Wenn man wirklich immer positiv arbeitet, kommt man schon zu solchen Begriffen, um die Bewegung weiterzubringen.

Darin zeigt sich nicht die theosophische Ehre, wenn man sich gegen das auflehnt, was ein anderer tut; sondern wenn man selbst etwas tut, was ein anderer nicht tut, da sollte die theosophische Ehre beweglich werden. Das ist die eine Seite. Aber es ist noch eine zweite. Denn leicht könnte man bei solchen Ausführungen das andere einwenden: Tun wir denn nicht wirklich alles, was von uns sozusagen Menschenmögliches verlangt wird? Sind wir nicht wirklich ganz ehrlich für diese Bewegung?

Mit Bezug auf diese Bewegung müssen wir wirklich auch denken, dass wir Kinder unserer Zeit sind. Wir sind durchaus für die Bewegung selber Kinder unserer Zeit, und es ist gar nicht gesagt, dass die, welche so schreiben, nicht auch ganz Kinder ihrer Zeit sind. Aber das Unglück ist, wenn wir immer in einer gewissen Beziehung in den «Wolken schweben», wenn wir etwas wollen, und glauben, wir müssten immer gleich das Große erreichen, und denken, dass es keine «Kleinigkeiten» gibt. Man muss bei den Kleinigkeiten anfangen! Viele gab es zu Anfang unserer Bewegung, die sagten: «Wie kann ich der Bewegung nützlich werden?», bevor sie recht wussten, um was es sich handelt. Aber je mehr die Bewegung Kräfte braucht, umso mehr zeigen sich dieselben wirklich bereit, um dort, wo sie durch das Karma hingestellt werden, zu wirken. Es genügt nicht, um für eine Weltanschauung zu wirken, wenn man bei der «Idee» der Sache ist. Gegenüber der Praxis einer Weltanschauung kann man durchaus bei einer Idee dabei sein und doch durchaus krassester Materialist sein. In dieser Hinsicht ist es vielleicht gut, wenn wir einen historischen Blick auf unsere Gesellschaft werfen, auf das, was seit der Zeit der konstituierenden Versammlung geschehen ist.

Es tritt gegen zwei Uhr die Mittagspause ein; die Fortsetzung der geschäftlichen Verhandlungen wird auf vier Uhr festgesetzt.

German original of Second General Assembly of the Anthroposophical Society — Day Two (noon) · ← Previous · Next →