The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 19 January 1914, Berlin

9. Zweiter Tag

Herr Dr. Steiner: Bevor Herr von Rainer weiterspricht, möchte ich eines erwähnen.

Als die Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» mir zugeschickt worden ist, las ich auf dem Titelblatte das Motto:

Jeder, der in sich fühlt, dass er etwas Gutes wirken kann, muss ein Plagegeist sein. Er muss nicht warten, bis man ihn ruft. Er muss nicht achten, wenn man ihn fortschickt. Er muss sein, was Homer an den Helden preist: wie eine Fliege, die, verscheucht, den Menschen immer wieder von einer anderen Stelle anfällt.

«Goethe», steht darunter. Ich habe mich lange mit Goethe befasst, und mir kamen die Worte recht ungoetheisch vor; und ich muss gestehen: Ich konnte mich nicht erinnern, wie die Worte mit Goethe zusammenhängen. Es fiel mir durchaus nicht ein, wo Goethe diese ungoetheschen Worte — ungoetheisch in dem Fall, dass er sie von sich selbst gebraucht haben sollte - ausgesprochen haben könnte. Von jemandem aber, der sich so stark auf mich selbst beruft wie Herr Boldt, dachte ich, dass er wenigstens das gelernt habe, worauf ich so oft hingewiesen habe: dass man die Worte, die von Personen in Dramen ausgesprochen werden, nicht auf den Dichter selbst beziehe; denn sonst könnte man mit Worten, welche Mephistopheles im «Faust» spricht, «Goethe» zitieren. Aber ich konnte nichts sagen, weil ich mich nicht erinnerte. - Da habe ich denn Herrn Doktor Reiche bitten lassen, da er das «Deutsche Wörterbuch» zur Hand hat, den Ausdruck «Plagegeister» — da es der charakteristischste in diesem Satze ist- im «Deutschen Wörterbuche» nachzuschlagen. Und unter «Plagegeist» hat sich denn auch herausgestellt, wie diese Worte mit Goethe zusammenhängen.

Es gibt von Goethe ein kleines Drama «Lila». Darin spielen verschiedene Personen eine Rolle, auch eine Dame, die etwas verdreht ist und von den Ärzten ohne Erfolg behandelt wird. Da wird dann auch der Arzt Verazio gerufen, der sie gesund machen soll, und ich gestatte mir, das Gespräch, das sich da entwickelt, Ihnen vorzulesen.

Baron Sternthal tritt auf. Verazio: Wenn Ihnen meine Gegenwart wie meine Kunst zuwider ist, so verzeihen Sie, dass Sie mich noch hier finden. In wenig Zeit muss Graf Altenstein hier eintreffen, der mich wieder zurückbringen wird, wenn er leider sieht, dass seine Empfehlung nicht Eingang gefunden hat. Baron: Verzeihen Sie, und der Graf wird mir auch verzeihen. Es ist nicht Undankbarkeit gegen seine Fürsorge, nicht Misstrauen in Ihre Kunst, es ist Misstrauen in mein Schicksal. Nach so viel fehlgeschlagenen Versuchen, die Gesundheit ihrer Seele wiederherzustellen, muss ich glauben, dass ich auf die Probe gestellt werden soll, wie ich sie habe. Ob ich wohl aushalte, ihr Elend zu teilen, da ich mir so viel Glück mit ihr versprach? Ich will auch nicht widerspenstig sein und in Geduld vom Himmel erwarten, was mir Menschen nicht geben sollen. Verazio: Ich ehre diese Gesinnungen, gnädiger Herr, nur find ich hart, dass Sie mir sogar die näheren Umstände ihrer Krankheit verbergen, mir nicht erlauben wollen, sie zu schen, und mir dadurch den Weg abschneiden, teils meine Erfahrungen zu erweitern, teils etwas Bestimmtes über die Hilfe zu sagen, die man ihr leisten könnte.

Darauf sagt Sophie, die so eine Art «Enfant terrible» in diesem Stücke darstellt:

Sophie (zu den andern): Und er möchte auch wieder mit unserer armen Schwester Haut seine Erfahrungen erweitern. Es ist ja einer wie der andere. Lucie: O ja, wenn sie nur [was] zu sezieren, klistieren, [elektrisieren] haben, sind sie bei der Hand, um nur zu sehen, was eins für ein Gesicht dazu schneidet, und zu versichern, dass sie es wie im Spiegel vorausgesehen hätten. Baron (der bisher mit Friedrich und Verazio gesprochen): Sie plagen mich! Verazio: Jeder, der in sich fühlt, dass er etwas Gutes wirken kann, muss ein Plagegeist sein. Er muss nicht warten, bis man ihn ruft. Er muss nicht achten, wenn man ihn fortschickt, Er muss sein, was Homer an den Helden preist: Er muss sein wie eine Fliege, die, verscheucht, den Menschen immer wieder von einer anderen Seite anfällt.

Aber das «Enfant terrible» sagt darauf:

Sophie: Ehrlich ist er wenigstens; er beschreibt den Marktschreier deutlich genug.<.p>

(Allgemeine Heiterkeit in der Versammlung).

Herr von Rainer fortfahrend: Es könnte also gesagt werden: «Gewiss tun wir doch alles, was zeigen kann, wie sehr wir von der Bedeutung und dem Ernste desjenigen erfüllt sind, was wir aus der Geisteswissenschaft bekommen, und dass dieses in unsern Ideen und in unsern Überzeugungen durchaus lebt.» - Wenn man die Tatsachen ansieht, so kann man vielleicht denn doch zu einem andern Schlusse kommen. Vor allem kann man etwas betrachten: Dass bei der konstituierenden Versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft, die vor einem Jahre stattgefunden hat, Herr Doktor Steiner uns das richtige Mahnwort mitgegeben hat. Er hat davon gesprochen, dass die okkulte Forschung eine Schwierigkeit für unsere Zeit ergibt: ihren Idealismus, ihren Enthusiasmus wirklich zu Taten reifen zu lassen —, weil in uns allen krankhaft dasjenige lebt, was wir als die «Amfortas-Natur» kennengelernt haben, und weil mit aller wirklich überzeugten Hingabe an ein Ideal immer dieser kranke Teil unseres Seelenlebens in uns hereinspielt, und wir daher sehr wachsam sein müssen. Es ist damals gesagt worden: Wir haben keinen Grund, irgendwelche besonders freudige Stimmung zu haben, denn wir haben große Feinde draußen, und wir werden nicht unbesorgt arbeiten können in unsern einzelnen Arbeitsgruppen, sondern werden Wächter, Schützer dessen sein müssen, was wir als Geisteswissenschaft bekommen haben, und von dem wir immer mehr und mehr einsehen — das füge ich jetzt hinzu —, das es dasjenige ist, was die heutige Menschheit notwendig braucht. Und mit dem Mahnworte «Wachet und betet» sind wir damals entlassen worden.

Herr von Rainer betonte dann, wie wichtig es ihm erscheine, dass vonseiten der Mitglieder eine noch regere Beteiligung an Zyklen und Vorträgen Dr. Steiners stattfinde und dass man dadurch bekunde, dass man den ganzen Ernst des weltgeschichtlichen Momentes erkannt habe, der in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung zutage tritt. Durch aktive Beteiligung solle man zeigen, dass man sich bewusst sei, dass durch die Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft ein neues Stadium in der geisteswissenschaftlichen Bewegung eintreten soll.

Herr von Rainer fuhr dann fort: Die Schwierigkeiten bei einer sich fortgesetzt in den Mitteln ändernden Bewegung sind gewiss große, um sie zu verstehen. Aber nicht umsonst ist immer wieder und wieder darauf hingewiesen worden, wie draußen in der Welt mit einer gewissen Rapidität das zugrunde geht, was noch an Wahrhaftigkeit und Verständnis für Realität vorhanden ist. Und wer in gewisser Beziehung beobachtet hat, wie in der letzten Zeit ein und dasselbe Thema, besonders bei öffentlichen Vorträgen, von Doktor Steiner in ganz verschiedenen Weisen wiederholt worden ist, namentlich wie es aufgebaut und ausgebaut worden ist, um es zur Darstellung zu bringen, wer das beobachtet hat, der muss auch gemerkt haben, dass die Mittel, welche angewendet werden müssen, um Geisteswissenschaft mitzuteilen - deshalb, weil in der Welt draußen immer wieder und wieder alles verbanalisiert und in verlogener Weise zitiert wiedergegeben wird -, geändert werden müssen. Die Beweglichkeit des Geistes ist uns schon bei der konstituierenden Versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft empfohlen worden. Deshalb ist es notwendig, dass wir uns nicht immer auf das versteifen, was schon gebracht worden ist, sondern die Bewegung mitmachen, wie sie notwendig ist. Die neuen Bücher werden nicht deshalb gegeben, damit sie nicht gelesen werden, wenn sie auch sehr schwierig zu verstehen sind. - Damit ist nicht gesagt, dass die alten Bücher an Bedeutung verloren hätten. - Und man hat bemerken können, wie im Jahre 1913 Doktor Steiner immer dasjenige gegeben hat, was aufmerksam machen konnte, auf das, worauf es eigentlich jetzt ankommt. Dies muss man wirklich beachten! Und wenn man dies tut, braucht man keine Furcht zu haben, dass man nicht mitkann.

Es ist nur zu naheliegend, dass Missverständnisse in dieser Beziehung eintreten, und ich möchte eines darin anführen, weil es symptomatisch ist und beachtet werden muss. So sind nach dem Vortragszyklus in München von Doktor Unger eine Reihe von Vorträgen über das Buch «Theosophie» gehalten worden, und ein Anthroposoph, der ein wahrer und wahrhaftiger Verehrer der Lehre von Doktor Steiner ist, insbesondere ein sehr ehrlich strebender Mensch, der also durchaus nicht irgendetwas gegen Doktor Steiner unternehmen wollte, hat Gelegenheit gehabt, diese Vorträge von Doktor Unger zu hören, und nun wollte er in unserem Zweige diese Vorträge wiederholen. Darauf habe ich ihm gesagt, ich habe im Grunde genommen gar nichts dagegen, wenn er es tue; aber an dem einzigen Zweigabend in der Woche dies zu tun, hielte ich nicht für richtig. sind die Anthroposophische Gesellschaft, unser Lehrer ist Doktor Steiner, und der einzige Zweigabend soll den Schriften des Lehrers gewidmet sein, weil wir seine Schriften noch nicht genügend durchgearbeitet haben. Ich will also durchaus nichts gegen die gute Absicht des Betreffenden sagen. Wir müssen uns aber bezüglich der Lehre selbst konzentrieren auf die Persönlichkeit, die die Lehre in die Welt gebracht hat, und müssen uns klar sein, dass die spirituellen Impulse dasjenige sind, was uns produktiv auf diesem Gebiete macht. Wir können nicht sagen, dass wir in dieser Beziehung etwas leisten können, sondern nur, dass wir befruchtet sind von diesen Impulsen, und dadurch haben wir einige Einblicke, und die können wir weitergeben. Aber der, welcher die Sache durchaus führt und leitet, muss Doktor Steiner sein und bleiben. Wir haben nach den Münchener Vorträgen den Zyklus in Kristiania gehabt - man kann wirklich sagen: ein Markstein in der Entwicklung der Menschheit! Und diesen Zyklus persönlich anzuhören, ist nicht dasselbe, als ihn eben nur durch die Schrift mitgeteilt zu bekommen. Wenn wir ein Gefühl bekommen für das Lebendige, das in unserer Bewegung drinnen sein soll, so muss man empfinden, dass das «Dabeisein» eine gewisse Rolle spielt. Es ist ja durch die Vervielfältigung der Zyklen eine Erleichterung für das Studium geschaffen; aber auf der anderen Seite sollten wir uns aus unserm aktiven theosophischen Ehrgefühl sagen: Wir müssen persönlich durch die Tat dabei sein! Dadurch zeigen wir uns als wirklich treu. Man sollte eigentlich nicht nach Zahlen vorgehen, aber immerhin macht es einen gewissen Eindruck — und mit Recht, wenn eine solche neue Bewegung in die Welt gesetzt wird -, wenn man das durch die Zahl auch zeigt; denn das ist auch etwas, dass man auf dem physischen Plane zeigt, dass man als Anhänger treu der Sache ist.

In dieser kurzen Übersicht, die ich geben wollte über das, was seit der konstituierenden Generalversammlung bis heute geschehen ist, wollte ich darlegen, dass es notwendig ist, dass der Tat viel mehr zu huldigen ist als den Worten. Das Wort hat viel Verführerisches. Es ist in Helsingfors davon gesprochen worden, dass zurückgehaltene Sprachkräfte moralische Impulse zu Taten bringen, und wenn man über eine Sache viel spricht, dann macht man sie eben gewöhnlich nicht. Aber gut ist es, wenn man durch das, was man da in die Seele bekommt, aus seinem aktiven Ehrgefühl gegenüber seinem Ideal, der Anthroposophie, dazu kommt, weniger zu sprechen als zu handeln.

Es gibt nichts Absurderes, als wenn uns immer wieder vorgeworfen wird, dass es sich hier um eine «Verehrung» Doktor Steiners handele oder wenn Freimark sogar von «betrogenen Betrügern» spricht. Doktor Steiner kann es nicht darum zu tun sein, Verehrer zu haben. Was er mitteilt, wird dadurch nicht geändert. Aber uns, die wir durch die Mitteilungen einen Begriff von dem bekommen haben, was notwendig ist, was in der Lehre ist, und was die Menschheit braucht, uns ist es notwendigerweise eine moralische Pflicht, die schützende Hand zu halten über das Wahre, was in dieser Lehre steckt, und alles zurückzuweisen, was nicht damit vereinbar ist.

Herr Bauer: Ich möchte eine ganz kurze Bemerkung zu einer Richtigstellung machen, die nicht zur Sache Boldt gehören würde; aber sie würde später nicht die Bedeutung haben, die sie jetzt hat.

Herr von Rainer hat als Beispiel zu irgendeinem Gedanken ausgeführt, dass ein Vorstand oder irgendein Mitglied nach der Heimkehr von den letzten Münchener Veranstaltungen die Vorträge, die Doktor Unger in München über das Buch «Theosophie» gehalten hatte, wiederholen wollte. Herr von Rainer hat diesem Mitgliede geraten, es nicht zu tun, denn das sei nicht unsere Aufgabe. Wir müssten in den Mittelpunkt unseres Studiums eben die Schriften Doktor Steiners stellen, und das andere gehöre nicht in unsere Aufgabe und würde nur abführen vom Kern. Diese Bemerkung kann ich nicht unwidersprochen lassen. Wo die Logik dieser Bemerkung über das, was Herr von Rainer vorbrachte, liegt, verstehe ich nicht. Ich will es durch ein Gleichnis darzustellen versuchen. Ich nehme an, Herr Doktor Steiner hätte hier gesprochen, und der Saal wäre noch viel größer, als er ist, und es wäre nun jemand in einer Ecke, der nicht deutlich verstanden hat, was gesprochen wurde, und der sich deshalb an jemanden wendet, der in der Mitte des Saales - zwischen ihm und dem Vortragenden — saß und genau gehört haben müsste, was gesprochen wurde. Dann müsste also Herr von Rainer dazwischentreten und sagen: «Das führt dich von der richtigen zentralen Aufgabe ab, du musst auf Doktor Steiner allein hören; das Hören auf noch andere führt dich von Doktor Steiner ab!»

Doktor Unger hat in München mit der Treue, die ihm eigen ist, gezeigt, wie man nun und immer, ohne Aufhören, durch Jahre hindurch ein Buch wie die «Theosophie» studieren kann und immer Tieferes und Tieferes finden kann. Die Keime hat er aufgezeigt, die schon in diesem Buche lagen, hat also seine ganzen Bemühungen dahin gerichtet, zu Doktor Steiner zu führen. Er, durch seine eigentümliche, nicht allzu verbreitete Begabung und durch seine große Treue zu den Schriften Doktor Steiners, er kann darin viel mehr tun als mancher andere. Man kann manches dadurch verstehen, was man sonst nicht verstanden hätte. Er kann einem manches sagen als der, der «dazwischen drinnen» steht und es besser gehört hat. Wenn nun also jemand, angefeuert und angeregt von dem, was er in München gehört hat, nach Hause kommt und sagt: «Nun will ich den Mitgliedern zeigen, was aus dem Buche herausgeholt werden kann, wenn man es im Sinne Doktor Ungers betrachtet», dann wird er davon abgehalten durch eine solche merkwürdige Anschauung, wie sie Herr von Rainer vertreten hat; ich kann sie nicht anders jetzt bezeichnen. Aber das ist gewiss ein Standpunkt, über den ich nicht im Zweifel bin, dass ihn ganz wenige einnehmen könnten. Dieser Standpunkt würde sich mit dem decken, was am Samstag in der Vorstandssitzung erwähnt wurde. Da war der Vortrag von Arenson erschienen («Zum Studium der Geisteswissenschaft») und einer Loge zugeschickt worden. Diese betreffende Loge hat ihn aber wieder zurückgeschickt mit der Begründung: Das gehöre nach Stuttgart, das seien Stuttgarter Sachen! Das wäre ungefähr dasselbe. Ich glaube, ich brauche nichts weiter darüber zu sagen. Das ist nur ein Standpunkt, der als ein «irriger» bezeichnet werden muss. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen.

Fräulein Kittel spricht dann darüber, wie wichtig es sei, den ganzen Ernst unserer Zeit zu verstehen, und dass man unsere Bewegung schützen müsse vor allem, was nicht hineingehört.

Herr Walther: Verehrte Freunde! Nachdem über die Angelegenheit Boldt schon in so ausgiebigem Maße gesprochen worden ist, wollte ich eigentlich gar nichts mehr sagen; aber da ich es mir anfänglich vorgenommen, so will ich doch das wenige, was ich mir vorgenommen hatte, hier vorbringen. In der kleinen Broschüre, die uns wiederholt beschäftigt hat, steht auf Seite 13 der von Herrn Boldt geschriebene Satz:

Für sie

Das heißt für die «Anhänger» Doktor Steiners

muss z.B. auch die «Philosophie der Freiheit» vorläufig noch «rein abstrakt bleiben»; sie sind für eine Übersetzung dieser Schrift ins konkrete Leben - wie ich dies in meinem Buche versucht habe - noch nicht reif!

Das ist der Vorwurf, der uns von Herrn Boldt gemacht wird. Ich habe nun auch sein Buch gelesen, in dem er uns mitteilt, was er aus der «Philosophie der Freiheit» gewonnen hat und nun der Menschheit überliefert. Um es ganz kurz zu sagen, will ich einige Punkte, die sich in dem Buche finden, herausgreifen und an ihnen zeigen, was nun im Sinne von Herrn Boldt der Inhalt - oder der aus der «Philosophie der Freiheit» sich ergebende Impuls zur Tat ist. Da schreibt er auf Seite 75 seiner Schrift «Sexual-Probleme»:

Das rigorose Sittengesetz hat gewiss insofern seine volle Berechtigung, als es den unter den Erregungen seiner tierischen Natur ausschweifenden Wilden zu zügeln und ihn in eine bestimmte Schablone zu zwingen vermag. Der Moralismus missbilligt und bekämpft das zügellose Triebleben innerhalb der Kultur mit Recht; denn es ist ihre Aufgabe, es zu überwinden, nur vergreift sie sich in ihren Mitteln und setzt an die Stelle des einen, von innen wirkenden animalischen Zwanges einen anderen, von außen wirkenden moralischen Zwang, So gerät der Mensch aus einer Knechtschaft in die andere und pendelt zwischen der verhängnisvollen Skylla und Charybdisdes Lebens hin und her. Man kann die moralische Kultur der Gegenwart daher schr treffend mit einer Menagerie vergleichen. Der moderne Gesellschaftsmensch ist eine, durch das Sittendogma gezähmte und unschädlich gemachte Bestie; seine tierische Triebnatur wird durch die Moral nur geknebelt und hinter eiserne Stäbe gesetzt, nicht aber umgewandelt und geläutert. Der Moraltheologe spielt hier die Rolle des Tierbändigers.

So ist das Urteil, das sich Herr Boldt gegenüber der Kultur erlaubt, in der wir leben. Und auch sein Heilmittel sagt er uns auf Seite 78, wie wir uns aus diesem «Käfig» befreien können:

Nach diesen Ausführungen scheint es beinahe töricht, von Freiheit der Liebe zu sprechen, da ja die Freiheit in der Liebe bereits enthalten ist. Aber es handelt sich hier nicht um die innere, ideelle, sondern auch um die äußere, reelle Freiheit der Liebenden. Und da die letztere durch die soziale Misswirtschaft, Standesvorurteile und moralische Inquisitionsverfahren oft schr gefährdet wird, hat es wohl einen Sinn, noch einmal besonders darauf hinzuweisen.

Und nun breitet er sich in seinem Buche über die «Freiheit der Liebe» aus und zeigt dann auf Seite 85 alle Einrichtungen, die uns in diese Menagerie oder [in diesen] Käfig einsperren:

Die kirchenstaatliche Zwangsche ist unnatürlich und damit unsittlich, sie muss gelöst werden, grade aus sittlichen Gründen. Legen wir diesen Maßstab an das Leben, wie es uns unmittelbar umgibt, so müssen unter hundert Ehen neunzig mit dem Prädikat: unsittlich und profan belegt werden.

Das ist das, was Herr Boldt aus dem Studium der «Philosophie der Freiheit» gewonnen hat. Wir können es aber noch besser beleuchten, wenn wir auch das auf Seite 90 von ihm Ausgesprochene uns vorführen:

Außerordentliche Menschen sind, wie Goethe schon als Carlos im Clavigo betonte, immer unmoralisch, weil sie selbstherrlich auftreten, sie müssen sich «gelassen über Verhältnisse hinaussetzen, die einen gemeinen Menschen ängstigen würden». - Nietzsche nennt «das Freiwerden von den Moral-Vorurteilen, welches in der Entfesselung des großen Geistes liegt, die typische Unmoralität des Genies». - («Wille zur Macht», S. 382.)

Ich meine, was wir jetzt aus dem Buche gehört haben, könnte uns doch wohl zeigen, dass der, der sich hier anmaßt, über ein Werk zu urteilen, wie es die «Philosophie der Freiheit» ist, und der aus diesem Studium solche Impulse zu Taten erhält, dass er sie in einem völligen Sich-Ausleben enden lässt - nun, eben in einem Ausleben mit «freier Liebe» -, entschieden die «Philosophie der Freiheit» nicht verstanden haben kann. Wahrlich, die «Philosophie der Freiheit» würde ein ganz fürchterliches Werk sein, wenn sie dem Menschen eine solche Lehre, solche Willensimpulse, wie sie sich im Buche Boldt finden, beibringen wollte. Es ist da allerdings der Versuch gemacht worden, dem Menschen zu zeigen, was die Freiheit ist, und wie wirklich ein Mensch, der das, was in dem Buche gegeben wird, versteht, zu einer Freiheit kommen kann, aber wie diese Freiheit nun nicht so wird von ihm verwirklicht werden, dass er sie in dem Boldt’schen Sinne ausleben möchte als schrankenloser Übermensch, indem er sich an nichts mehr kehrt und sich nur noch wie der vollendetste Egoist ausleben möchte. Wir kennen ja solche Begriffe unter den Menschen, wie sie bekannt sind als «Anarchismus». Das ist auch nicht im Buche «Philosophie der Freiheit» gemeint. Sondern da handelt es sich um eine Erstarkung der Kräfte des Ich, die unser Ich auf eine Stufe heben können, dass wir uns so in das Leben hineinstellen, dass wir freiwillig übernehmen, was uns sonst als Zwang im Sinne Boldts erscheinen könnte. Die «Philosophie der Freiheit» lehrt nicht, dass man alle vorhandenen Lebenswerte umstoßen sollte, sondern dass wir uns mit einem starken Ich diesen Lebenswerten zur Verfügung stellen sollen, sodass wir sie umgestalten können — aber nicht in dieser selbstherrlichen Art, wie sie nur das eigensüchtige persönliche Ich kennt, sondern so, dass wir den Gesichtspunkt der Ganzheit, der Gemeinsamkeit niemals aus den Augen verlieren. Also nicht darum handelt es sich, dass wir alles, was in der niederen Natur veranlagt ist, und was durch eine falsch verstandene Freiheit des Willens heraufkommen möchte, betätigen sollen, sondern dass wir die «Philosophie der Freiheit» so verstehen und ins Leben umsetzen, dass wir die Stärkung, die sie uns gewähren kann, einsetzen im Wirken für Gemeinsamkeit und für höhere Lebensziele und Lebenswerte. Denn das wäre nicht eine Freiheit, die nur zu dienen käme der eigenen Wunschnatur des Menschen. Ein solches, im Sinne der «Philosophie der Freiheit» erstarktes Ich wird aber nicht, wie es Herr Boldt empfiehlt, sich ausleben in freier Liebe und sich für eine solche Bestrebung einsetzen, wie es die freie Liebe ist, die ja auch ihre Anhänger findet, auch in wissenschaftlichen Kreisen, und Anerkennung findet in der Allgemeinheit. Sondern es wäre zu sagen: Dagegen ist Front zu machen! Es würde gefährlich sein, wenn wir hier Herrn Boldt folgten und solche theosophischen oder anthroposophischen Ideale, wie sie hier gemeint sind, sanktionieren würden. Nie und nimmermehr dürfen wir solche Dinge mit unserer Bewegung vermischen, und es würde nicht gut scheinen, wenn wir nicht streng ablehnen wollten, was hier in dem Buche gemeint ist. Wir dürfen unsere Bewegung nicht dafür hergeben, dass sie sich als ein schützender Mantel über das legt, was hier von Herrn Boldt versucht und angedeutet wird.

Ich möchte jetzt vorschlagen, dazu Stellung zu nehmen, was Herr Boldt hier andeutet. Und wenn wir auch nicht das Äußerste eintreten lassen, dass wir ihn ausschließen, so könnte doch das, was wir zu sagen haben gegen seine Schriften, ihm mitgeteilt werden, um ihn auf die Konsequenzen aufmerksam zu machen, die es haben könnte, sodass es ihn veranlassen sollte, diesen seinen Standpunkt uns gegenüber zu ändern. Es müsste ihm dann aber auch schärfer angedeutet werden, dass er, wenn er weiter seine Bestrebungen fortsetzen wollte, nichts von uns erwarten dürfe, weil wir nie unsere Bewegung hergeben könnten zu einem Deckmantel für ein schrankenloses Ausleben der niederen Natur.

Herr Direktor Sellin: Fürchten Sie gar nicht, dass ich noch Öl ins Feuer gießen werde und Ihnen mit den Ungeheuerlichkeiten Herrn Boldts kommen würde. Ich bin ja auch nach der Meinung des Herrn Boldt am allerwenigsten kompetent dazu, und ich muss sagen: Ich freue mich eigentlich, dass mir das Verständnis dafür abgeht, dass man Philosophie mit Erotik so verknüpfen kann, wie es Herr Boldt meint. Ich habe mich nur zum Worte gemeldet, weil Herr Boldt meint, dass er auf meinen Antrag hin aus dem Münchener Zweig ausgeschlossen wäre. Das ist nicht der Fall, sondern die Sache liegt folgendermaßen: Als vor acht Tagen die Schrift «Theosophie oder Antisophie?» ausgegeben wurde, da habe ich mit theosophischen Freunden darüber gesprochen, und manche haben gesagt: «Sie sind doch der Älteste. Können Sie denn nicht zu dem Manne hingehen und ihm den Kopf waschen?» Da habe ich zugesagt, bin zu ihm gegangen, habe ihm meine Meinung gesagt und habe ihm ganz gehörig den Kopf gewaschen! Und Herr Boldt hat sich gehütet, mich als den Ersten für die Vorzüglichkeit seiner Meinung anzuführen. Wie ich es da tat, so habe ich ihm in durchaus väterlicher Weise gesagt: «Was Sie da geschrieben haben, ist so ungeheuerlich, dass Sie es gar nicht verantworten können. Sie haben die Damen, den Vorstand des Münchener Zweiges, mit Unrat beworfen. Sie haben den Lehrer der moralischen Feigheit bezichtigt. Da Sie aber nun keine Aussicht haben, mit Ihrer Sache durchzudringen und einen anderen Forscher an die Spitze setzen, so sehe ich gar nicht ein, warum Sie dieser nach Ihrer Meinung so hoffnungslos dahinlebenden Gesellschaft noch länger angehören wollten. Ziehen Sie doch Ihre Mitgliedschaft zurück! Sie können ja eine neue Gruppe bilden und Leute Ihrer Art um sich sammeln. Es herrscht über Ihr Verhalten so großes Ärgernis in unserer Gesellschaft. Da wäre es doch das Beste, Sie ziehen Ihre Mitgliedschaft zurück. Wenn Sie es nicht tun, so können Sie es erleben, dass Sie ausgeschlossen werden!»

Acht Tage später erkundigte ich mich, ob Herr Boldt darauf reagiert hätte, und erfuhr, dass dies nicht der Fall war. Darauf erst fühlte ich mich berechtigt, den Antrag zu stellen, Herrn Boldt aus dem Münchener Zweige auszuschließen, falls er nicht sein Unrecht gutmachen würde und die beleidigende Broschüre zurückzieht. Daraus hat er nun etwas ganz anderes gemacht.

Fräulein Stinde ist so freundlich gewesen, die Beschlussfassung über meinen Antrag bis auf acht Tage nach der Generalversammlung zu vertagen. Sollte bis dahin vonseiten Herrn Boldts nichts geschehen sein, so müsste ich auf meinem Standpunkte bleiben; denn ich sage mir: Dann gehört der Mann nicht zu uns. Ich werde den Antrag auf Ausschließung auch weiter stellen.

Fräulein Scholl: Wo so viele Redner schon in so eingehender Weise über diese Angelegenheit gesprochen haben, da ist es ganz natürlich, dass man finder, dass einige Punkte, die man selbst vorbringen wollte, inzwischen behandelt worden sind. Es ist deshalb nicht für mich nötig, in der Ausführlichkeit zu reden, wie es sonst erforderlich gewesen wäre, und ich denke, wir sollten so vorgehen, dass wir den Fall möglichst schnell erledigen. Das Material ist Ihnen genügend bekannt gemacht worden, und die Gesinnungen, die in der Broschüre und in dem Buche des Herrn Boldt zum Ausdruck kommen, haben Sie auch genügend kennengelernt. Es darf aber vielleicht noch auf einen anderen Gesichtspunkt hingewiesen werden, unter dem man auch die ganze Angelegenheit betrachten kann, und es scheint mir nicht überflüssig, darauf hinzuweisen.

Es ist schon aus einer Besprechung in der Vorstandssitzung hervorgegangen, dass Herr Boldt bei den Verhandlungen mit der Münchener Loge sich nicht immer an die Wahrheit gehalten hat. In den Briefen waren einige Stellen, wie Gräfin Kalckreuth sagte, die nicht immer mit der Wahrheit übereinstimmten. Es sei dies nur erwähnt, weil mich Gräfin Kalckreuth bar, es hier auch festzustellen. Nun haben wir vielleicht noch einige Punkte zu betrachten, damit wir alles - oder das Wichtigste doch in Erwägung gezogen haben. Da sei noch einmal darauf hingewiesen, wie Herr Boldt sich immer darauf bezieht in seiner Schrift und später in der Broschüre, dass der ganze Gedankengang seines Ideengebäudes, was er in seinem Buche veröffentlicht hat, auf den Lehren Doktor Steiners und speziell auf der «Philosophie der Freiheit» fußen, und er will immer darauf hinweisen durch die Zitate und die Quellenangaben, dass er seine Gedanken immer an das angeschlossen hat, was Doktor Steiner gibt. Es ist das aber, wenn man die Lehren Doktor Steiners kennt und dann Herrn Boldts Schriften liest, wirklich so, wie wenn reines Sonnenlicht verwandelt wäre in das trübe Licht einer qualmenden Petroleumlampe. Und es sei nun darauf hingewiesen: Wir sind der übrigen Menschheit gegenüber verantwortlich, wenn wir es durchgehen lassen, dass die Lehren Doktor Steiners in dieser Weise entstellt werden, nicht nur wenn die Zitate wörtlich falsch sind, sondern auch wenn sie dem Sinne nach falsch wiedergegeben werden, denn dann sind sie eine Lüge. Da handelt es sich wirklich darum, dass man scharf vorgeht gegen solche Vorkommnisse und diesen Geist der Unwahrheit nicht aufkommen lässt. Nicht unsertwegen! Wir könnten vielleicht Herrn Boldt ganz gut ertragen; auch wenn 25 Prozent von dem Wesen und der Natur des Herrn Boldt in der Gesellschaft wären, könnten wir es ertragen. Aber der übrigen Menschheit gegenüber sollten wir zeigen, dass wir die 25 Prozent — oder auch nur ein Prozent von dieser Art nicht ertragen wollen, dass wir, wenn wir Anthroposophen sein wollen, diesen Geist der Lüge nicht ertragen wollen, wo er auch auftritt, in kleinsten oder größten Dingen. Hier handelt es sich aber um die größten Dinge, denen gegenüber Herr Boldt auftritt.

Wenn Sie solche Darstellungen Doktor Steiners nehmen, wie er sie über das Grals-Mysterium gegeben hat, wenn Sie denken, was erzählt worden ist von der Umwandlung niederer Kräfte im Menschen in höhere, in wie wunderbarer Weise es gegeben wurde, sodass nur Empfindungen der Ehrfurcht und der Andacht die Zuhörer durchströmen konnten, und wenn Sie dann lesen, wie das im Buche des Herrn Boldt - nicht «schmutzig», weil es gewisse Probleme behandelt, sondern schmutzig dargestellt ist durch die Art, wie er sich anmaßt, mit dem Erhabensten umzugehen, eine Art, die jeden anckeln muss, der ein gesundes Empfinden hat: Dann können Sie begreifen, dass die übrige Menschheit, wenn sie dieses vorgesetzt bekommt, ganz entstellende Vorstellungen von den Lehren Doktor Steiners erhalten muss. Daher scheint es mir vor allem wichtig, dass wir gegen diese Dinge scharf vorgehen. - Andere derartige Unwahrheiten sind in dem Buche in großer Zahl zu finden. Man braucht nur auf die Widersprüche Herrn Boldts hinzuweisen, zum Beispiel wo er einmal sagt, was die «Anthroposophische Gesellschaft» seiner Ansicht nach ist, und wo er das andere Mal etwas ganz Entgegengesetztes über sie sagt. Das eine Mal sagt er auf Seite 27/28:

Die «Anthroposophische Gesellschaft» bedeutet in der Tat ein Fels, auf den der Christus seine neue Kirche bauen kann, die Kirche der Freiheit des schaffenden Geistes, die «Hochschule für Geisteswissenschaft».

Da hat er aber auf Seite 15/16 schon gesagt - das hat er wohl vergessen:

Glaubt man vielleicht im Ernst an die Lebensfähigkeit der nunmehr «Anthroposophischen Gesellschaft», wenn Dr. Steiner diesen Essay Nietzsches unberücksichtigt lassen wollte?

Und zugleich schreibt er dann Doktor Steiner eine sonderbare Charaktereigentümlichkeit zu:

O, er kennt ihn nur zu gut und hat öfter, als man glaubt, Gelegenheit ihn anzuwenden.

Wie ist das nur aufzufassen, wenn er auf Seite 27/28 so sich ausspricht - auf Seite 15/16 aber etwas ganz anderes sagt? Das sind ja doch Widersprüche, und solche findet man immer wieder in diesem Schriftchen. Und dann noch die Bemerkung, als ob Doktor Steiner sich verhielte in der von Herrn Boldt ihm angedichteten Weise, die ja schon mehrfach charakterisiert worden ist. Es ist die abscheulichste Verleumdung, die über einen Menschen ausgesprochen werden kann. Abgesehen davon, dass wir - jeder persönlich - entsetzt sein müssen über die Art, wie er uns behandelt, mit Benutzung von Aussprüchen Nietzsches, die er fortwährend aus ganz anderen Zusammenhängen herausreißt und nur benutzt, um seine eigenen Gedanken zu bekräftigen, ohne dass überhaupt der, der das Zitat geschrieben hat, je in dieser Weise das Zitat angewendet haben würde -, also abgesehen davon, dass Herr Boldt uns sehr niederträchtig und beleidigend behandelt, scheint mir, können wir nicht einen Menschen in unserer Gesellschaft dulden, der gegen Herrn Doktor Steiner und besonders gegen die Lehre so vorgeht. Wir wissen, dass wir in unserer Zeit nur durch Herrn Doktor Steiner diese Lehren haben empfangen können, und indem wir in diesem Sinne die Persönlichkeit Herrn Doktor Steiners ehren, geschieht es um der Lehren willen, die uns durch ihn aus den geistigen Welten gegeben werden. Unter uns gibt es allerdings auch noch manche auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Lehren wenig reife und wenig erfahrene Menschen, solche, die noch zu wenig wissen von dem ganzen Geist der Bewegung, um in jedem Momente ganz fest zu stehen und das richtige Urteil solchen gifteinströmenden Werken gegenüber haben zu können, wie sich die Werke des Herrn Boldt ausnehmen. Aber es dürfte wohl aus den vorgebrachten Dingen zur Genüge klar geworden sein, mit welchen schädlichen Elementen wir es da zu tun haben.

Deshalb ist mein Antrag - es war dies von Anfang an so gemeint, und mein Urteil ist nicht gemildert worden durch die milderen Anträge der anderen Redner -, dass man Herrn Boldt aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausschließt. Ich glaube, wir sind im Durchschnitt wohl nicht so gesonnen, dass wir mit Ernst sagen können: «Trotzdem ein Mensch in dieser unerhörten Weise gegen das auftritt, was für uns das Höchste und Heiligste ist, wollen wir ihn unter uns behalten und werden wir ihn lieben.» — Ich muss jedenfalls sagen, dass ich diese Liebe bis jetzt nicht habe. Ich beantrage vielmehr, dass man Herrn Boldt streicht aus den Listen der Anthroposophischen Gesellschaft - aus Liebe zu unserer Sache und aus Liebe zu dem geistigen Gut, das durch solche Tendenzen wie die des Herrn Boldt gefährdet wird, und von dem wir doch allein leben können!

Herr Dr. Steiner: Bevor wir fortfahren, gestatten Sie mir ein paar Worte. Es würde vielleicht doch sehr angezeigt sein, in dieser Angelegenheit möglichst klar zu sein, und, die Dinge — ich möchte sagen — nüchtern anschauend, zu einem Urteil zu kommen. Lassen Sie mich vor allen Dingen zuerst einige Fragen aufwerfen, welche uns vielleicht dazu dienen könnten, ein Urteil uns zu bilden.

Ich möchte die Frage aufwerfen: Was ist denn eigentlich geschehen, dass Herr Boldt in einer solchen Weise an dieser unserer Generalversammlung an uns herangetreten ist? — Vielleicht werden wir uns diese Frage leichter beantworten, wenn wir uns fragen: Was hätte denn nun zunächst geschehen sollen, damit Herr Boldt vielleicht nicht zu dem Entschlusse gekommen wäre, in dieser Weise an die Generalversammlung heranzutreten?

Wenn Sie die Debatte verfolgt haben, so werden Sie gesehen haben, dass einer der ersten Fehler, den wir im Sinne des Herrn Boldt gemacht haben, der ist, dass die beiden Vorstandsdamen der Münchener Loge I den Prospekt für Herrn Boldts Buch vor zwei Jahren - ungefähr - in der Münchener Loge nicht ausgelegt haben.

Ich glaube, es dürfte nicht zu bezweifeln sein, dass das Auslegen dieses Prospektes durch eine unserer Logen als eine Art Empfehlung aufgefasst worden wäre; denn schließlich können wir ja nicht gut Dinge anders auslegen, als indem wir das Bewusstsein haben: Wir empfehlen sie. Ich glaube nicht, dass das ganze Auslegen viel Sinn hätte, wenn wir nicht für die Sachen von irgendeinem Gesichtspunkte aus eintreten können. Das heißt also: Es hätten die Damen Kalckreuth und Stinde für das Buch eintreten müssen, das Ihnen durch die verschiedenen Reden jetzt charakterisiert worden ist, insofern, als sie selbstverständlich dazumal für den Wortlaut des ihnen damals vorgelegten «Prospektes» hätten eintreten müssen. Gewissenhaft kann man es nicht anders auffassen, als dass die Damen hätten sagen müssen, wie es in dem Prospekte heißt:

In diesem Buche sind zum ersten Mal die okkulten oder geisteswissenschaftlichen Fundamente gelegt, auf die der Philosoph bauen muss, wenn er ernsthaft an die Lösung der bisher noch in tiefes Dunkel gehüllten Sexual-Probleme gehen will. Es sind darin ferner die Richtungen angegeben, die der Ethiker und Pädagoge einschlagen muss, wenn er dazu beitragen will, den Kulturprozess in richtiger, zeitgemäßer Weise zu fördern und der Menschheit den Weg zu den Höhen des Daseins zu weisen.

Und alles andere, was ich ihnen früher vorgelesen habe, hätte durch die genannten Damen anerkannt werden müssen. Das ist die erste Frage, die ich aufwerfen will: Was hätte geschehen müssen, damit Herr Boldt nicht in dieser Weise an uns herangetreten wäre?

Ich will eine zweite Frage aufwerfen, die sich an das Urteil anschließt, das Herr Boldt über mich selbst gefällt hat. Dieses Urteil, das an verschiedenen Punkten seiner Broschüre auftritt, kann darin zusammengefasst werden, dass der - ich will den gestern gebrauchten Witz heute nicht wiederholen — also der in der bekannten Weise Charakterisierte durch die eigentümlichen Verhältnisse der Gesellschaft genötigt wird, in einer sehr eigenartigen Weise seine Lehre vorzubringen. Man könnte sagen: Dieser Doktor Steiner, den Herr Boldt angibt schr zu verchren und auf den er also seine «Sexual-Probleme» gestützt haben will, kann ja einiges vor der Welt vertreten; aber da hat er so eine Gesellschaft, die ist eine Minorität von 25 Prozent, welche «die Fäuste in den Taschen ballen» — gegenüber den anderen so rückständigen 75 Prozent, wie es in höflicher Weise angedeutet wird —

... wenn es sich darum handelt, Missstände innerhalb der Logen zu beleuchten und zu beseitigen, denn einer Heilsarmee, einem katholischen Mädchenpensionat oder Nonnenkloster wollen wir nicht angehören. (S. 21)

Weil also die Gesellschaft diese 75 Prozent Mädchenpensionat, Nonnenkloster und Heilsarmee zunächst einmal hat, deshalb ist Doktor Steiner genötigt, nicht die Wahrheit zu sagen; wie das begreiflich ist, setzt Herr Boldt auseinander: Da man sich in der Gesellschaft an Nietzsche halten muss, und die «Falschheit eines Urteiles noch kein Einwand gegen ein Urteil» ist, so ist Doktor Steiner genötigt, nicht solche Dinge vorzubringen, die er für die Wahrheit hält, sondern solche, welche er für geeignet hält, um sie jenen 75 Prozent vorzutragen. - Anknüpfend an diese Charakteristik des «Doktor Steiner» darf ich meine zweite Frage stellen. Ich habe versucht aus dieser Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» herauszubekommen, worin nun das Falsche desjenigen liegen soll, welches ich von Vortrag zu Vortrag, von Arbeitsgruppenversammlung zu Arbeitsgruppenversammlung den 75 Prozent Mädchenpensionat, Nonnenkloster und Heilsarmee vortrage. Ich musste mir sagen: Es ist einigermaßen schwierig herauszufinden, worin dieses Falsche bestehen soll. Denn wenn die 25 Prozent, die nicht einem Mädchenpensionat, einem Nonnenkloster oder einer Heilsarmee angehören, glücklich nun herausbekommen haben, dass sich Doktor Steiner bemüht, nicht das zu sagen, was er für richtig hält, sondern das, was er für tauglich hält, dass es die 75 Prozent Mädchenpensionat und so weiter hören, so kann man fragen, was denn eigentlich der Wert dieser «fatalen Lehre» - denn eine fatale Lehre scheint es mir schon zu sein - sein müsste? Denn einen Wert müsste sie ja doch haben! Denn ich kann nicht anders als nach dem, was in der Broschüre enthalten ist, sagen: Wenn diese 25 Prozent nicht aus der Gesellschaft austreten und die Vorträge nicht entbehren wollen und an dem Geistesgut teilnehmen wollen — das heißt also an dem Gebräu, das ich für die 75 Prozent Mädchenpensionat, Nonnenkloster und Heilsarmee zusammenbraue, so finden diese 25 Prozent, die auf die sonderbare Weise dasitzen, dass sie mit den geballten Fäusten in den Taschen dasitzen, daran so viel Gefallen und legen einen solchen Wert darauf, dass sie durchaus dabei sein wollen; sie schätzen also doch ein Gebräu, das für Mädchenpensionate, Nonnenklöster und Heilsarmeen bestimmt ist, denen sie nicht angehören wollen. Ich habe mir nun gesagt: Auf diese Weise bekomme ich nicht heraus, worin die Falschheit dessen besteht, was ich als Gebräu für Mädchenpensionate, Nonnenklöster und Heilsarmeen zurechtmache. Ich habe mich weiter bemüht, dies herauszufinden. Da habe ich denn herausbekommen - und ich weiß nicht, ob die 75 Prozent damit einverstanden sind: Das Einzige, scheint mir, weshalb Herr Boldt sagt, dass ich ein solches Gebräu mache, ist das, dass ich sein Buch nicht empfohlen habe! Das scheint mir das zu sein, bei dem die 75 Prozent nicht dabei sein möchten. Wenn jemand erwas anderes findet, so zeige er es mir!

Da darf ich mir doch schon die Freiheit herausnehmen, eben auch zu sagen, was ich schon gesagt habe: dass ich Herrn Boldts Buch eben wirklich für kein sehr reifes Produkt unserer zeitgenössischen Literatur halte.

Aber auf der anderen Seite möchte ich noch andres sagen. Ich bin nämlich wirklich so ein wenig der Meinung jener Persönlichkeit, von der ich Ihnen vorhin vorgelesen habe: der Meinung der Persönlichkeit des Enfant terrible Sophie in dem kleinen Drama «Lila», welche jenen schon vorgelesenen Ausspruch tut, nachdem also Verazio die Worte gesprochen hat, die Herr Boldt als Motto auf die erste Seite seiner Broschüre setzte - es sind also nicht «Goethe»-Worte, sondern Worte einer Dramenperson - und auf sich angewendet haben will:

Jeder in sich fühlt, dass er etwas Gutes wirken kann, muss ein Plagegeist sein. Er muss nicht warten, bis man ihn ruft. Er muss nicht achten, wenn man ihn fortschickt. Er muss sein, was Homer an den Helden preist: Er muss sein wie eine Fliege, die, verscheucht, den Menschen immer wieder von einer anderen Stelle anfällt.

Da bin ich schon ein wenig der. Anschauung — auch in Bezug auf den ersten Satz - der Sophie:

Ehrlich ist er wenigstens; er beschreibt den Marktschreier deutlich genug!

Ich glaube nicht an die Unchrlichkeit des Herrn Boldt; ich glaube nicht einmal daran, dass er einen bösen Willen hat, und ich muss deshalb sagen: Was mir das Betrüblichste bei einer solchen Sache erscheint, ist eigentlich immer der Fall; und man kann bei diesem «Fall» recht sehr von der Persönlichkeit einmal abschen und den Fall als solchen in Betracht ziehen.

Herr Boldt erscheint mir als nichts anderes als eines der vielen Opfer unserer Zeit auf einem bestimmten Gebiete. Und es geziemt uns, darauf aufmerksam zu machen, dass wir auf dem Gebiete der Anthroposophie nicht aus Nonnenklosterhaftigkeit, nicht aus Heilsarmeehaftigkeit und nicht aus Mädchenpensionathaftigkeit, sondern aus ganz anderen Gründen - aus Gründen, von denen sich nicht nur Herr Boldt, sondern auch viele andere Menschen keinen rechten Begriff machen können uns gegen solche Wissenschaft und Weisheit, wie sie Herr Boldt an den Mann bringen will, verführt von mancher Strömung unserer Zeit, dass wir uns gegen solche Wissenschaft und Weisheit, gegen solche Pseudo-Wissenschaft und Pseudo-Weisheit, gegen solche unreife Wissenschaft und Weisheit zu wenden haben!

Das Erste, was wir dabei zu berücksichtigen haben, ist, dass wir — wie oft ist das gerade im Laufe des letzten Jahres auch von mir betont worden! — gerade die Aufgabe haben, für Wahrheit und Wahrhaftigkeit einzutreten. Und nicht umsonst haben wir uns entschlossen, als Motto selbst auf unsere Satzungen zu setzen: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit!» - Verführt durch manche Zeitströmungen fühlen sich unreife Geister dann in die - wie ihnen scheint - berechtigte Lage versetzt, davon zu sprechen, dass gerade der, welcher für diesen Satz - «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit» - als Motto für unsere Anthroposophische Gesellschaft eintritt, Masken annehmen müsse, um die Wahrheit zu bemänteln, damit er mit ihren Anhängern ferugwerden kann. Das macht nicht persönliche Dreistigkeit —, das macht der verführte unreife Geist, dem man persönlich verzeihen kann, den man aber objektiv charakterisieren muss, wie er sich aus dem Charakter der Zeitströmung heraus ergibt. Ein Erstes in diesem Charakter der Zeitströmung ist das, was im Zusammenhange mit unserm notwendigen Wahrheitsstreben öfter charakterisiert werden musste: Es ist das, was die Zeit tief durchdringt, was auch sogar mit manchen Lebensbedingungen unserer Zeit zusammenhängt: Es ist die Unwahrhaftigkeit, der Mangel an Gewissenhaftigkeit, der nicht etwa bloß durch solches geht, was Herr Boldt produziert, sondern auch durch einen großen Teil unserer zeitgenössischen Literatur! Was Wunder, wenn unreife Geister dadurch verführt werden! Wenn wir aber einzutreten haben für Wahrheit und Wahrhaftigkeit, so haben wir hinzuhorchen auf den Geist der Wahrheit; nicht aber auf das, was in dieser Zeitströmung an Unwahrhaftigkeit und als Mangel an Gewissenhaftigkeit steckt. Überall draußen finden wir, wie das, was in mancher anderen Richtung gesagt wird, angeführt wird, um allerlei Privatsachen zu verteidigen, die in den Augen derjenigen, die sie verteidigen wollen, gewöhnlich den allerhöchsten Wert haben.

Meine lieben Freunde, ich frage Sie in Bezug auf den Menschen, der das Buch «Sexual-Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft» geschrieben hat, und der in diesem Buche [in der Anmerkung 12] auf Seite 136/137 geschrieben hat:

12) Zur Ergänzung dieses Gedankens lese man Steiner: «Die Geheimwissenschaft», $. 65 bis 75. Es ist da von einem «verborgenen Geistigen» die Rede,

und so weiter, wie es schon einmal angeführt wurde:

Was hier bezüglich der Befriedigung, welche die Nahrungsaufnahme dem hungernden Wesen gewährt, gesagt ist, gilt auch von dem Genusse, den die Geschlechtsvereinigung den liebenden Wesen ermöglicht; denn Hunger und Liebe wachsen auf einem Holz, worauf auch Schiller in seinem Gedicht: «Die Weltweisen» hindeutet.

Hier ist von einem bestimmten Genusse ganz deutlich und ausgesprochen die Rede! Darauf heißt es weiter:

Näheres über den Genuss findet der Leser in «Lucifer- Gnosis», Heft 13 («Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»), sowie in der «Theosophie» («Der Pfad der Erkenntnis»).

Man denke sich, dass jemand nun nicht gleich die Gewissenhaftigkeit hat, zu Heft 13 von «Lucifer - Gnosis» zu greifen; dann muss er den Gedanken bekommen, der dort steht: «dort ist über den Liebesgenuss gesprochen». - Wer kann etwas anderes daraus herauslesen? Man schlage aber «Lucifer - Gnosis», Heft 13 auf und versuche sich klarzumachen, um was es sich dort handelt. Dort heißt es [auf] $. 5:

Wirksamer noch wird das, was durch die Devotion zu erreichen ist, wenn eine andere Gefühlsart hinzukommt. Sie besteht darinnen, dass der Mensch lernt, sich immer weniger den Eindrücken der Außenwelt hinzugeben und dafür ein reges Innenleben entwickelt. Ein Mensch, der von einem Eindruck der Außenwelt zu dem andern jagt, der stets nach «Zerstreuung» sucht, findet nicht den Weg zur Geheimwissenschaft. Nicht abstumpfen soll sich der Geheimschüler für die Außenwelt; aber sein reiches Innenleben soll ihm die Richtung geben, in der er sich ihren Eindrücken hin; in gefühlsreicher und gemütstiefer Mensch erlebt anderes, wenn eine schöne Gebirgslandschaft geht, als ein gefühlsarmer. Erst was wir im Innern erleben, gibt uns den Schlüssel zu den Schönheiten der Außenwelt. Der eine fährt über das Meer, und nur wenig innere Erlebnisse ziehen durch seine Seele; der andere empfindet dabei die ewige Sprache des Weltengeistes; ihm enthüllen sich geheime Rätsel der Schöpfung. Man muss gelernt haben, mit seinen eigenen Gefühlen, Vorstellungen umzugehen, wenn man ein inhaltvolles Verhältnis zur Außenwelt entwickeln will. Die Außenwelt ist in allen ihren Erscheinungen erfüllt von göttlicher Herrlichkeit; aber man muss das Göttliche erst in seiner Seele selbst erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will. - Der Geheimschüler wird darauf verwiesen, sich Augenblicke in seinem Leben zu schaffen, in denen er still und einsam sich in sich selbst versenkt. Nicht den Angelegenheiten seines eigenen Ich aber soll er sich in solchen Augenblicken hingeben. Das würde das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt ist. Er soll vielmehr in solchen Augenblicken in aller Stille nachklingen lassen, was er erlebt hat, was ihm die äußere Welt gesagt hat. Jede Blume, jedes Tier, jede Handlung wird ihm in solchen stillen Augenblicken ungeahnte Geheimnisse enthüllen. Und er wird vorbereitet dadurch, neue Eindrücke in der Außenwelt mit ganz anderen Augen zu sehen als vorher. Wer nur Eindruck nach Eindruck genießen will, stumpft sein Erkenntnisvermögen ab. Wer, nach dem Genusse, sich von dem Genusse etwas offenbaren lässt, der pflegt und erzieht sein Erkenntnisvermögen. Er muss sich nur daran gewöhnen, nicht etwa nur den Genuss nachklingen zu lassen, sondern, mit Verzicht auf weiteren Genuss, das Genossene durch innere Tätigkeit zu verarbeiten. Die Kippe ist hier eine sehr große, die Gefahr bringt. Statt in sich zu arbeiten, kann man leicht in das Gegenteil verfallen, und den Genuss nur hinterher noch völlig ausschöpfen wollen. Man unterschätze nicht, dass sich hier unabsehbare Quellen des Irrtums für den Geheimschüler eröffnen.

Und nun fragen Sie sich, ob man, wenn man sich zu der Gesinnung der Anthroposophischen Gesellschaft bekennt, das hier in «Lucifer - Gnosis», Heft 13 Angeführte so zitieren darf, dass man, indem man vorher den Liebesgenuss in Boldt’scher Weise auseinandergesetzt hat, sagen darf: «Näheres über den Genuss findet der Leser in «Lucifer - Gnosis, Heft 13» und so weiter?

Daran anknüpfend frage ich Sie: Ist Herr Boldt ein Schüler der anthroposophischen Strömung oder ist er nicht - mit Bedauern sage ich: leider; mit Bezug auf seine schwache Persönlichkeit, mit der ich Mitleid habe — nur ein Verführter einer heutigen Zeitströmung?

Solche Frage dürfen wir uns wohl stellen; denn es handelt sich nicht darum, den «Fall Boldt» als Fall Boldt zu behandeln, sondern ihn symptomatisch zu betrachten mit Bezug auf das, was nicht «Herr Boldt» allein ist, sondern was — ich möchte sagen - überall zu den Fenstern hereinspricht, und was unendlich viel wichtiger ist, als der einzelne Fall Boldt, der nur eine Form ist von mancherlei von dem, was in unserer heutigen Zeit geschieht, und zu dessen Bekämpfung gerade wir berufen sind.

Ich war zu meinem großen Leidwesen bei einer anderen Gelegenheit genötigt, darauf hinzuweisen, wie heute zitiert wird - bei der Gelegenheit der «Denkschrift» von Doktor Hübbe-Schleiden. Auf Seite 135 finden Sie bei Boldt:

In seiner Zeitschrift «Lucifer - Gnosis», Heft 23, «Aus der Akasha-Chronik», äußert sich Steiner darüber folgendermaßen: «Seine (des Menschen) ganze untere Hälfte — dasjenige, was man oft die niedere Natur nennt - ist nun unter den verstandesmäßig gestaltenden Einfluss der höheren Wesenheiten (der Jehova-Elohims) gekommen. ... Man kann auch sagen, jene edlen geistigen Kräfte ... sind jetzt heruntergestiegen, um ihre Macht in dem Gebiete der Fortpflanzung zu entfalten. Tatsächlich wirken edle Götterkräfte in diesem Gebiete regelnd und organisierend.»

Hier sind einzelne Sätze herausgegriffen aus einem Zusammenhangs, der folgendermaßen lautet:

Der Mensch hat sich aufgerichtet. Das ist die unmittelbare Folge des Mondausrrittes. Und mit dem Monde sind alle diejenigen Kräfte aus dem Erdenkörper heraus geschwunden, durch welche sich der Mensch während seiner Feuernebelzeit noch selbst befruchten und Wesen seinesgleichen ohne äußeren Einfluss hervorbringen konnte. Seine ganze untere Hälfte - dasjenige, was man oft die niedere Natur nennt - ist nun unter den verstandesmäßig gestaltenden Einfluss der höheren Wesenheiten gekommen. Was diese Wesenheiten dadurch, dass die nunmehr im Monde abgesonderte Kraftmasse noch mit der Erde vereinigt war, vorher noch im Menschen selbst regeln konnten: das müssen sie jetzt durch das Zusammenwirken der beiden Geschlechter organisieren. Daraus ist es begreiflich, dass der Mond von den Eingeweihten als das Symbol für die Fortpflanzungskraft angesehen wird. An ihm haften ja sozusagen diese Kräfte. Und die geschilderten höheren Wesen haben eine Verwandtschaft mit dem Monde, sind gewissermaßen Mondgötter. Sie wirkten vor der Abtrennung des Mondes durch dessen Kraft im Menschen, nachher wirkten ihre Kräfte von außen auf die Fortpflanzung des Menschen ein. Man kann auch sagen, jene edlen geistigen Kräfte, welche vorher durch das Mittel des Feuernebels auf die noch höheren Triebe des Menschen einwirkten, sind jetzt heruntergestiegen, um ihre Macht in dem Gebiete der Fortpflanzung zu entfalten. Tatsächlich wirken edle Götterkräfte in diesem Gebiete regelnd und organisierend. - Und damit ist ein wichtiger Satz der Geheimlehre zum Ausdruck gebracht, der so lautet: Die höheren, edlen Gotteskräfte haben Verwandtschaft mit den - scheinbar - niederen Kräften der Menschennatur. Das Wort «scheinbar» muss hier in seiner ganzen Bedeutung aufgefasst werden, denn es wäre eine vollständige Verkennung der okkulten Wahrheiten, wenn man in den Fortpflanzungskräften an sich etwas Niedriges schen wollte. Nur, wenn der Mensch diese Kräfte missbraucht, wenn er sie in den Dienst seiner Leidenschaften und Triebe zwingt, liegt etwas Verderbliches in diesen Kräften, nicht aber, wenn er sie durch die Einsicht adelt, dass göttliche Geisteskraft in ihnen liegt. Dann wird er diese Kräfte in den Dienst der Erdentwicklung stellen und die Absichten der charakterisierten höheren Wesenheiten durch seine Fortpflanzungskräfte ausführen. Veredelung dieses ganzen Gebietes und Stellung desselben unter göttliche Gesetze ist das, was die Geheimwissenschaft lehrt, nicht aber Ertötung desselben. Die letztere kann nur die Folge äußerlich aufgefasster und zum missverständlichen Asketismus verzerrter okkulter Grundsätze sein.

Wer dies so nimmt, wie es hier hingestellt ist, und es muss auch das Vorhergehende und das Nachfolgende berücksichtigt werden, der wird finden, dass der, welcher dies geschrieben hat, es für notwendig gehalten hat, in diesen ganzen Zusammenhang diese Dinge hineinzustellen und sie aus diesem Zusammenhange nicht herauszureißen. Und wenn Herr Boldt sich geniert, gegenüber den Lesern seines Buches vom «Feuernebel» und den «Mondwesenheiten» zu sprechen, dann lasse er seine Finger davon! Dann geht das ihn nichts an! Er hat das Recht nicht, Sätze, die ich nur in einem Zusammenhange gebrauche, aus diesem Zusammenhang zu reißen, um sie in den Dienst seiner Privatzwecke zu stellen.

Aber etwas anderes ist hier noch gesagt, das jeder lesen kann, der es will. Und ich glaube, dass die 25 Prozent, die nicht Mädchenpensionat und so weiter sein wollen, so etwas lesen könnten. Es ist gesagt:

Und die geschilderten höheren Wesen haben eine Verwandtschaft mit dem Monde, sind gewissermaßen Mondgötter. Sie wirkten vor der Abtrennung des Mondes durch dessen Kraft im Menschen, nachher wirkten ihre Kräfte von außen auf die Fortpflanzung des Menschen ein. Man kann auch sagen, jene edlen geistigen Kräfte, welche vorher durch das Mittel des Feuernebels auf die noch höheren Triebe des Menschen einwirkten, sind jetzt heruntergestiegen, um ihre Macht in dem Gebiete der Fortpflanzung zu entfalten. Tatsächlich wirken edle Götterkräfte in diesem Gebiete regelnd und organisierend.

Edle Götterkräfte lasse man auf diesem Gebiete wirken! Aber nicht die schmutzigen Phantasievorstellungen unserer gegenwärtigen Sexualwissenschaft. Gerade um über die Dinge aufzuklären, sind sie geschildert worden, aber nicht, um sie zu verunreinigen durch das, was aus den groben, täppischen Menschenkräften über dieses Gebiet gesagt werden kann. Und das lag im Geiste in allen den Ausführungen, die ich im Laufe vieler Jahre für die Anthroposophen gegeben habe.

Wahrhaftig: Herren, wie diejenigen sind, von deren Köpfen Herr Boldt gelernt hat, denen wollte ich das Recht absprechen, über diese Dinge überhaupt mitzureden! Nicht durfte ich jemals protegieren, dass sich unter uns die Schüler derer breitmachen, denen ich das Recht abspreche, über dieses, den edlen Götterkräften bewahrte Gebiet überhaupt mitzureden. So zitiert man in unserer Zeit in dem breiten Strome des Lebens! Die aber, die Schüler dieses Zitierens sind, haben nach meiner Auffassung innerhalb unserer anthroposophischen Strömung nichts zu suchen!

Und eine weitere Frage, die ich an Sie richten will, und die sich an das eben Vorgebrachte jetzt anknüpfen soll, ist die, die allerdings schon mehr eine logische ist. In der Broschüre von Herrn Boldt heißt es auf Seite 21:

Wenn nun gerade ich den Mut und das gute Gewissen dazu habe, dieser tief und schmerzlich empfundenen Unzufriedenheit Worte zu leihen, so glaube ich meine Berechtigung, ja Verpflichtung dazu durch die traurigen Erfahrungen, die ich in diesen Jahren machen musste, genügend erwiesen zu haben. Da nun die Logen -d. h. die Summe ihrer Mitglieder, nicht die Vorstände allein - autonom sind und selbst Dr. Steiner - wie mir von maßgebender Seite versichert wurde - nicht das Recht hat, in ihre Verfügungen hineinzureden, so wollen wir Mitglieder denn auch von unserem freien Selbstbestimmungsrechte Gebrauch machen, wenn es sich darum handelt, Missstände innerhalb der Logen zu beleuchten und zu beseitigen; denn einer Heilsarmee, einem katholischen Mädchenpensionat oder Nonnenkloster wollen wir nicht angehören.

Ich richte an diejenigen, welche da in dem «Wir» sich darstellen, die Frage: Warum bleiben sie nicht draußen, wenn sie nicht «angehören wollen»? Denn logisch scheint es mir nicht, wenn sie drinnen sind. Denn das Einzige, was mir vorgehalten werden soll, ist das, dass ich das Buch des Herrn Boldt nicht angepriesen habe, und dass alles, was ich vortrage, ein Gebräu ist für Mädchenpensionate, Nonnenklöster und Heilsarmeen. So ist denn die einzige Konsequenz, die sich gegenüber Herrn Boldt und den anderen findet - ich spreche hier gegenüber vielen, die man in der gegenwärtigen Geisteskultur findet -, es ist die einzige Konsequenz die, dass sie dieses Gebräu für Mädchenpensionate, Nonnenklöster und Heilsarmeen sich von draußen anschauen - nicht von innen -, und dass sie sich nicht erst sagen lassen, wenn ihre Logik es gebietet, dass es schr logisch wäre, nicht unter uns zu sein!

Damit habe ich hindeuten wollen, dass uns der «Fall Boldt» nicht so beschäftigen sollte, dass wir «mit Kanonen nach Spatzen schießen». Das ist nicht nötig. Aber wir wollen einmal wirklich zeigen, dass wir über das Gebiet, dessen Schüler - dessen verführter, bedauernswerter Schüler — Herr Boldt ist, in der Tat etwas zu sagen haben. Deshalb darf ich mir erlauben, über das, was ich darüber noch zu sagen habe, in möglichster Kürze hier morgen weiterzusprechen.

Die Fortsetzung des «geschäftlichen Teiles» ist auf Dienstag, den 20. Januar 1914, zehn Uhr vormittags festgesetzt. Herr Dr. Steiner gibt bekannt, dass er mit Bezug auf die vorliegende Angelegenheit über «Pseudo-Wissenschaft der Gegenwart» sprechen wird.

German original of Second General Assembly of the Anthroposophical Society — Day Two (afternoon) · ← Previous · Next →