The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 20 January 1914, Berlin
10. Dritter Tag
Bald nach 1¼ Uhr beginnt Herr Dr. Steiner mit seinem angekündigten Vortrag über Pseudo-Wissenschaft der Gegenwart.
Meine lieben Freunde!
Ich habe Ihnen gestern davon gesprochen, wie Erscheinungen wie das Buch «Sexual-Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft» von Ernst Boldt und auch wiederum dessen neuerliche Broschüre — diese insbesondere auch — «Theosophie oder Antisophie?» zurückzuführen sind auf eine gewisse Schule der Gegenwart, und wie eigentlich die jüngeren Leute, die sozusagen in das Gebiet der «freien Schriftsteller» eintreten wollen, mehr Mitleid erregende Verführte sind gewisser Strömungen unseres gegenwärtigen Geisteslebens, als etwa Menschen, denen man im vollsten Sinne des Wortes das, was sie tun und schreiben, zurechnen kann. Es kommt nicht darauf an, dass Herr Boldt selbst vielleicht nichts davon wissen will, ein Schüler der zu charakterisierenden «Pseudo-Wissenschaft» zu sein. Er ist es- ohne sein Wissen - leider geworden. Bevor ich zu einem Belege dessen übergehe, was ich eben gesagt habe, möchte ich noch einmal eine ganz besonders bedenkliche Probe für das anführen, was eine solche Schulung leisten kann.
Sie wissen ja: In der Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» wird gegen mich selbst - sagen wir — der Vorwurf erhoben, dass ich «Masken annehme», dass ich den 75 nun genügend gekennzeichneten Prozent innerhalb unserer Gesellschaft nicht dasjenige sage, was ich selber als die Wahrheit anerkenne, sondern das, von dem ich glaube, dass es gerade für ihre besondere Inferiorität geeignet sei. Sie wissen vielleicht aus der Broschüre «Theosophie oder Antisophie?», dass mit Rücksicht auf diesen Punkt besonders hingewiesen wird auf meine Schrift «Friedrich Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit», und dass besonders darauf hingewiesen wird in der Broschüre, dass ich in jener Schrift den Nietzsche’schen Standpunkt vertrete in Bezug auf die Wahrheit. Ich muss - Seite 16 der Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» - ein paar Sätze vorlesen, damit Sie den ganzen schweren Vorwurf kennenlernen, der gerade auf Seite 16 der Broschüre ausgedrückt ist, insofern er sich stützen will auf etwas, was ich in meiner Schrift «Friedrich Nietzsche — Ein Kämpfer gegen seine Zeit» gesagt haben soll:
Mag ein Gedanke, ein Urteil noch so richtig sein, wenn sie bei einer gegebenen Lage der Dinge eine Sache nicht fördern, so sind sie an dieser Stelle wertlos und falsch, und wenn gewisse logische Fiktionen und falsche Urteile unter Umständen zu einem gewünschten Resultate führen können, so sind sie an dieser Stelle wertvoll und wahr. Dr. Steiner selbst hat in seiner Erörterung dieses Themas das unbedingte Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wie Fichte es vertrat, als «oberflächlich» charakterisiert, während Nietzsches Anschauung «tief aus dem Wesen der menschlichen Natur» heraufgeholt sei.
Meine lieben Freunde, man solle doch das ganze Gewicht der Dreistigkeit einer solchen Behauptung, wie sie hier ausgesprochen worden ist, ins Auge fassen. Ich habe nämlich auf Seite 9/10 meiner Schrift «Friedrich Nietzsche ... und so weiter» die folgenden Worte ausgesprochen - bezüglich der Frage nach dem Werte der Wahrheit, indem ich zunächst Nietzsche zitiere:
Was Wunder, wenn wir endlich auch misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehen? Dass wir von dieser Sphinx auch unsererseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich «zur Wahrheit»? In der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens - bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehen blieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: Warum nicht lieber Unwahrheit? Das ist ein Gedanke ...
so sage ich nun weiter,
... von kaum zu überbietender Kühnheit. Stellt man daneben, was ein anderer kühner «Grübler und Rätselfreund», Johann Gottlieb Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so sieht man erst, wie tief aus dem Wesen der menschlichen Natur Nietzsche seine Vorstellungen heraufholt. «Ich bin dazu berufen» - sagt Fichte - «der Wahrheit Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an meinem Schicksal liegt nichts; an den Wirkungen meines Lebens liegt unendlich viel. Ich bin ein Priester der Wahrheit; ich bin in ihrem Solde; ich habe mich verbindlich gemacht, alles für sie zu tun und zu wagen und zu leiden.» (Fichte, Vorlesungen «Über die Bestimmung des Gelehrten», vierte Vorlesung.) Diese Worte sprechen das Verhältnis aus, in das sich die edelsten Geister der abendländischen neueren Kultur zur Wahrheit setzen. Nietzsches angeführten Ausspruch gegenüber erscheinen sie oberflächlich. Man kann gegen sie einwenden: Ist es denn nicht möglich, dass die Unwahrheit wertvollere Wirkungen für das Leben hat als die Wahrheit? Ist es ausgeschlossen, dass die Wahrheit dem Leben schadet? Hat sich Fichte diese Fragen gestellt? Haben es andere getan, die der «Wahrheit Zeugnis» gegeben haben?
Wenn ein solcher Satz hingeschrieben ist, dann ist er dem blutenden Herzen abgerungen, um eine Erkenntnis zu gewinnen und hinzustellen. Zunächst ist ein Verhältnis hingestellt - und so hingestellt, dass aus dem Umfange unserer abendländischen Kultur etwas herausgesucht ist, was zu dem Allertiefsten gehört, was gesagt werden kann; und nur gegenüber einem noch weiteren psychologischen Zurücksuchen und einem weiteren Grübeln nach den Werten der Wahrheit in der menschlichen Seele erscheint dieses noch weniger tief als das «Tiefere», das heißt es erscheint als das «relativ Oberflächliche». Nun wird der Ausgangspunkt genommen von dem, was in der Seele als derjenige Impuls wurzelt, der Fichte nach Wahrheit suchen lässt, und es wird darauf hingewiesen - das ist in dem Satze angedeutet -, dass man im Sinne Nietzsches - der ja auch ein Jahrhundert später lebte als Fichte - die Fichte’sche Frage noch uefer stellen könnte und stellen müsste, als Fichte dies getan hat.
An eine Fragestellung solcher Art reichen Menschen - das muss schon einmal ausgesprochen werden! - allerdings nicht heran, Menschen, die sich dann damit brüsten, indem sie sagen:
Wer Finger für Nuancen und Augen für Charaktergröße hat, der wird mir zugeben müssen, dass dieser schwere Vorwurf mich in keiner Weise trifft.
Wer «Finger für Nuancen» hat, der wird sich niemals erdreisten in der ungeheuerlichen Weise, wie es hier in der Broschüre geschehen ist, eine so gemeinte Stelle, wie sie auf Seite 10 meiner Nietzsche-Schrift enthalten ist, anzuführen. Eine solche Anführung geht hervor aus der Schule, von der diese Menschen dasjenige lernen, was sie zu lernen vermögen -, nicht aus dem, was innerhalb der anthroposophischen Strömung getrieben werden soll.
Daran anknüpfend, lassen sie mich nun wieder eine Frage stellen. Liegt denn nicht überall in diesen Vorwürfen, die gemacht worden sind, die Frage: Warum redet Doktor Steiner nicht über die gewissen Fragen vor jenen 75 Prozent? Ich habe mich wieder bemüht, auf diese Frage — wenigstens im Sinne des Fragestellers - eine Antwort zu suchen. Ich gehe das Buch «Sexual-Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft» durch. Da drinnen steht einiges von missverstandenem Haeckel und einiges von dem, was ausgeschrieben ist aus meinen Schriften und Vorträgen. Auch auf meine Vorträge «Mann und Weib» und «Mann, Weib und Kind im Lichte der Geisteswissenschaft» wird hingewiesen. Das, was in dem Buche Boldts steht, insofern es auf okkulten Grundlagen ruht, ist also eingestandenermaßen entlehnt von dem, was ich zu den 75 Prozent von Mädchenpensionat, Nonnenkloster und Heilsarmee gesagt habe. Herr Boldt findet, was ich zu diesen Leuten sage, gut genug, um es zu benutzen für die Lehre, auf die er rechnet. Er trägt — die Nonnenklosterweisheit zu den - sagen wir Vorurteilslosen. So werden Behauptungen aufgestellt. Das, was die Leute tun, widerspricht schnurstracks dem, was sie sozusagen unmittelbar sagen. Denn woher hätte sonst Herr Boldt das genommen, was er geschrieben hat «vom okkulten Standpunkte aus», wenn nicht aus den Mitteilungen, welche den 75 Prozent Mädchenpensionat, Nonnenkloster und Heilsarmee gemacht worden sind? Solche Logik-Früchte trägt die Schule, aus der solche Schriften stammen. Aber wundern wir uns nicht, dass sie solche Früchte trägt. - Wenn heute jemand über «Sexual-Probleme» spricht, so ist er beeinflusst von «Autoritäten» auf diesem Gebiete, und auch Herr Boldt ist beeinflusst, wenn er dies auch selbst nicht weiß oder nicht zugibt. Und wer wüsste es nicht, dass eine sehr viel genannte Autorität auf diesem Gebiete Professor Auguste Forel ist! Ich möchte nur einiges zur Charakteristik manches gegenwärtigen wissenschaftlichen Betriebes aus Forels Vortrag über «Sexuelle Ethik» Ihnen vorbringen, und zwar aus der ersten Hälfte, wo über die Ethik im Allgemeinen gesprochen ist. Da heißt es Seite 3:
- Die Ethik. Die Ethik ist die Wissenschaft der Moral. Was ist nun die Moral? Man kann wohl sagen, dass die Moral aus zwei Dingen besteht:
- Aus einem Gefühl: das Gewissen, Pflichtgefühl oder ethische Gefühl (altruistische Gefühl), das uns da sagt: «Dieses sollst du tun und jenes sollst du lassen.» Dieses Gefühl ist triebartig und besteht aus einem Ge misch von Lust und Unlust. Wer es entwickelt, besitzt, empfindet Lust, wenn er «der Stimme des Gewissens» folgt, und Unlust, wenn er ihr nicht folgt.
Wer so etwas hinschreibt, hat sich nie die Mühe genommen, auch nur ein einziges, ernsthaftes psychologisches Buch in unserer Gegenwart auch nur oberflächlich zu lesen. Ein Mensch, der so als Autorität in unserer Zeit drinnensteht, redet Sätze wie diese:
Dieses Gefühl ...
die Moral
... ist triebartig und besteht aus einem Gemisch von Lust und Unlust.
Ich will nicht sagen, was man für Schmerzen bekommt, wenn man, einigermaßen bekannt mit diesen Dingen, einen Satz hinnehmen muss, der «Gefühl» mit «Trieb» verwechselt und dann von einem «Gemisch von Lust und Unlust» dabei redet. Dilettantismus von der allerschlimmsten Sorte verrät sich im Anfange des Buches einer großen Autorität! Dann Seite 4:
Gegen den kategorischen Imperativ lehnen sich aber, je länger, desto mehr, die Vernunft und die Wissenschaft auf. Kant, so groß er war, war nicht unfehlbar. Der Imperativ des Gewissens ist an und für sich nicht kategorischer und nicht auf andere Weise kategorisch als der des Sexualtriebes, der Angst, der Mutterliebe oder anderer Gefühle und Triebe. Erstens lehrt die tägliche Beobachtung, dass es angeboren gewissenlose Menschen gibt, bei welchen die Stimme der Pflicht fehlt.
Es soll sich derjenige, der als «Autorität» auf diesem Gebiete gilt, erlauben - ich will von allem Übrigen absehen, rein formell-logisch —, den Satz hinzuschreiben: «Der Imperativ des Gewissens» - indem er damit den Kant’schen Imperativ meint - «ist an und für sich nicht kategorischer und nicht auf andere Weise kategorisch als der des Sexualtriebes»! Ich will dabei von allem Moralischen absehen und will einzig und allein auf die perverse Logik und auf die phänomenale Ignoranz. in allen philosophischen Dingen bei einer Autorität der Gegenwart hinweisen. Ich will noch auf etwas anderes hinweisen und noch einmal den Satz lesen:
Erstens lehrt die tägliche Beobachtung, dass es angeboren gewissenlose Menschen gibt, bei welchen die Stimme der Pflicht fehlt.
Ich schlage Seite 7 auf; da wird untersucht, worin denn eigentlich die «Stimme des Gewissens», das Pflichtgefühl besteht:
Das Pflichtgefühl ist, als Anlage, angeboren, d.h. erblich.
Dazwischen ist nur ein Blatt; die «Autorität» leugnet auf Seite 4, dass es «angeboren» ist, weil es «angeboren gewissenlose Menschen gibt», und Seite 7 sagt sie:
Das Pflichtgefühl ist, als Anlage, angeboren, d.h. erblich. Es kann zwar durch Erziehung entwickelt, oder, umgekehrt, abgestumpft werden; aber erwerben lässt es sich nicht, und nur Gehirnkrankheiten können es zerstören, da wo es deutlich vorhanden ist. Das, was anerzogen, resp. erworben ist, ...
aus diesem Knäuel von tollen Widersprüchen kommt man überhaupt nicht heraus!
...ist am wenigsten das Gewissen; es sind vielmehr seine Objekte, genau wie diejenigen des Schamgefühls.
Weiter heißt es:
Woher stammt das Gewissen, das Pflichtgefühl?
Seite 8 lesen wir weiter:
Wenn ich Sympathie oder Liebe zu einem Menschen, einem Tier, einem Gegenstand empfinde, leide ich selbst und empfinde ich Unlust, sobald der Gegenstand meiner Sympathie leidet oder gefährdet wird.
Sie werden denken: Nun, das schlüpft einem so aus der Feder! Nein, das schlüpft einem [nur dann] so aus der Feder, wenn man ein konfuses Denken hat!
Daher die Worte Mitleid und Sympathie (Schmerz mit). Ich suche daher dem Gegenstand meiner Sympathie zu helfen, ihn zu retten.
Dieser «Gegenstand der Sympathie» spielt weiter eine Rolle; es ist hier nicht bloß ein Schreibfehler gemacht. Man kann allenfalls das Wort «Gegenstand» gebrauchen, wenn man nicht vorher «Menschen» oder «Tiere» gebraucht hat. Wenn man aber vorher «Menschen» und «Tiere» gebraucht hat und sagt nachher «Gegenstand», so zeigt das, dass man nicht das allergeringste Gefühl für Reinlichkeit der Darstellung hat. Aber der Herr hat noch etwas: sonderbare Begriffe für mancherlei Dinge -, woraus man etwas lernen kann in der Gegenwart. Seite 9:
Aber die Notwendigkeit einer gemeinsamen Verteidigung gegen Feinde zeitigte bei vielen Tieren eine Ausbreitung der Sympathie- und Pflichtgefühle auf ganze Gruppen, wodurch da und dort lose Gesellschaften (Schwalben, Büffel, Affen) entstanden sind. Endlich haben gewisse Tierarten die Sympathie- und Pflichtgefühle so weit entwickelt, dass sie zu einem vollendeten anarchistischen Sozialismus führten, wie dies bei Wespen, Bienen, Termiten und Ameisen der Fall ist.
Ich glaube, es werden sich heute selbst Mindergebildete fast umdrehen, wenn sie das Wort «anarchistischer Sozialismus» hören; denn es ist ganz gleichbedeutend mit «eisernem Holz» oder «hölzernem Eisen». Und dass Professor Forel sich wieder nicht verschrieben hat, sondern nur nicht weiß, wie man die Begriffe in der heutigen Zeit richtig bildet, das zeigen die weiteren Ausführungen, worauf ich aber nicht weiter eingehen will. Dann sagt er [auf] Seite 10 weiter:
So haben sich bei den Menschen instinktiv exklusiv Sympathie- und Pflichtgefühle gebildet, die sich mit intensiv egoistischen Raubtierinstinkten paarten. Die enorme Komplikation des großen Menschenhirnes hat nun die Sache ungemein vielseitig gestaltet. So konnten nebeneinander das Verbrechen und der Heroismus sich entwickeln. So sah man Kindsmord, Vater- und Muttermord, Raub, Diebstahl, Sklaverei, Krieg und, nicht zu vergessen, die niederträchtigste Unterjochung des Weibes als Kauf- und Verkaufsgegenstand oder als Lasttier erc., die Früchte des Egoismus einer hohen, schlau überlegenden Hirnorganisation darstellen.
Das sagt man in einem Vortrage, der sich an ein Publikum richtet, zu dem man populär sprechen will! Dem impft man ein, dass alle diese Dinge - diese sonderbaren konfusen Gebilde, gemischt mit allerlei Raubtierinsünkten - von einer besonderen Komplikation der Gehirnorganisation herrührten. Materialismus schwärzt man ein durch dieses jeder Logik bare Denken! Weiter Seite 11 [und 12]:
Es erhellt nun sonnenklar aus dieser kurzen Skizze, deren Grundzüge wir der Deszendenzlehre und der Naturwissenschaft verdanken, dass die Moral nur relativ sein kann. Sie war stets relativ zur Familie, zur Sippe, zum Vaterland; sie muss relativ zur Menschheit werden. Das phylogenetische (d.h. von unsern Tier- und Menschenahnen ererbte instinktive) Pflichtgefühl des Menschen ist leider individuell sehr wechselnd.
Nun haben wir also das Pflichtgefühl wieder ererbt von den «Tier- und Menschenahnen»! So geht es fort. Aber auch dieser Herr zitiert sonder bar. Seite 13:
Nun kommt aber eine weitere Schwierigkeit hinzu, nämlich der häufige Mangel an Einklang zwischen den ethischen Motiven einer Tat und ihrem ideellen Wert. «(Ich bin) ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.»
Das wird von Mephisto im «Faust» gesagt; daher schließt er in Klammern ein «Ich bin» und sagt dann gleich darauf:
Sagen wir oft statt stets,
deshalb bringt er ein Zitat, damit er es gleich hinterher verändern muss - und noch in derselben Zeile, weil es sonst nicht passen würde! Auf Seite 14 tritt etwas schr Sonderbares auf, was der Herr und seine Schüler nicht merken:
Altruismus und Egoismus stehen nur in relativem Gegensatz. Bei Ameisen und Bienen sind sie wunderbar harmonisch aneinander instinktiv angepasst, ohne je in Konflikt miteinander zu treten. Dies kann und soll beim Menschen angestrebt werden, so groß auch die Schwierigkeiten sind, die seine Natur dieser Aufgabe entgegenstellt. Hierzu ist ein harmonisches Zusammenwirken erblicher Pflichtgefühle mit der Vernunft und dem Wissen unerlässlich.
Aber diese «Vernunft und Wissen» würde es überhaupt nicht geben, wenn die sonderbaren Theorien, die hier entwickelt werden, Hand und Fuß hätten. Aber sie werden eingeführt; ebenso wie vorher die materialistischen Vorstellungen in den Text hineingeimpft werden, so werden jetzt «Vernunft und Wissen» eingeführt. - Das Folgende gibt der Verfasser als seine Anschauung über das «Wesen der Moral», Seite 14:
Kurz muss ich noch zwei Punkte erwähnen: Erstens fallen die Moral und die Sozial- oder Rassenhygiene zusammen, ...
Sozial- und Rassenhygiene und Moral sind also dasselbe: Die fallen zusammen! Dazu kommt er, um das «Wesen der Moral» zu charakterisieren. Ja - aber sie fallen nur dann zusammen,
... sobald man unter Hygiene auch diejenige des Gehirns, d.h. des Seelenorganes versteht, und die individuelle Hygiene der sozialen Hygiene unterordnet.
Wer sich bei einem solchen Satze überhaupt noch etwas denken kann, der müsste eigentlich gesucht werden! Aber diese Dinge charakterisieren das Denken der «Autoritäten» - und werden nirgends angeführt als ein Beweis dafür, welches wissenschaftliche Gewissen bei gewissen Geistesströmungen unserer Zeit herrscht. Glauben Sie nicht, dass das ein herausgegriffenes Beispiel ist; diese Dinge finden sich weit verbreitet; und sie sind bedeutsam aus einem Grunde, den ich anführen will.
Warum sind sie bedeutsam? Nun, sie rühren her von einer «Autorität» auf dem Gebiete, auf das wir hingewiesen werden, von einer allgemein anerkannten Autorität, von einem im In- und Auslande viel genannten Manne. Er ist eine Autorität auf diesem Gebiete, und was man handwerksmäßig naturwissenschaftlich auf diesem Gebiete lernen kann, das weiß der Mann. Und das ist das Bedeutsame, das ist das, was so schlimm ist in unserer Gegenwart: Man kann tatsächlich heute Autorität auf irgendeinem Spezialgebiete sein, ohne auch nur die allerelementarsten Grundelemente der Logik und die allerelementarsten Grundelemente wissenschaftlicher Methodik überhaupt zu kennen; man kann heute das Wichtigste, was erforscht wird, an die Menschheit so überliefern, dass es in das schlimmste Kleid des Unsinns hineingeschwärzt wird! Vor diesen Dingen steht man oft mit tiefer Betrübnis. - Es gibt einen ausgezeichneten Mathematiker der Gegenwart, einen berühmten Mathematiker, dem der Rang eines der ersten unter den Mathematikern nicht abgestritten werden soll, Leo Königsberger. Jüngst las ich von ihm - ich schäme mich fast, es zu sagen — eine «Akademie-Abhandlung» darüber, was eigentlich die Mathematik für eine Wissenschaft sei. Er beruft sich dabei auf Kant, und was er da redet über die methodischen Grundlagen der mathematischen Wissenschaften und ihr Verhältnis zu den anderen Wissenschaften, das ist das unreifste, kindischste Zeug.
Das heißt: Von den Autoritäten können Sie heute, wenn es sich darum handelt, Dinge entgegenzunehmen, die da sind, um die Öffentlichkeit zu unterrichten über die Fortschritte unseres Geisteslebens, das kindischste Zeug entgegennehmen, weil sich die Leute nicht mehr verpflichtet fühlen, wenn sie aus ihrem Spezialgebiete etwas heraustreten, auch nur einiges zu wissen von dem, wovon sie reden wollen. Ja, wenn sie nur nicht darüber reden würden — aber pardon, das gibt es gar nicht, denn sonst müssten die Herren über so viele Dinge schweigen, dass man wenig von ihnen hören würde!
Und nun stelle ich eine andere Frage. Aus solchen Quellen wie den charakterisierten werden diejenigen gespeist, die unter den jüngeren Leuten heute, ohne selber etwas von den Tatsachen der Naturwissenschaft zu kennen, zum Beispiel über sexuelle Gebiete oder ähnliche Gebiete sprechen oder schreiben. Wundern wir uns nicht, wenn es in deren Köpfen toll durcheinandergeht; denn durch solche Logik muss es in solchen Köpfen, wie wir es mit einem zu tun haben, toll durcheinandergehen. Und unschuldig sind die armen, bemitleidenswerten Opfer, deren ganzes Gedankenleben durch das zerstört wird, was ich eben charakterisierte, was nicht vereinzelt dasteht, sondern einen breiten Strom in die Literatur hinausergießt, von der sich gerade heute unser Publikum nährt.
Meine lieben Freunde, wir haben es eben heute zu tun -und wir haben uns gerade als Anthroposophen darum zu kümmern! - auf vielen Gebieten, auf denen heute produziert wird, nicht mit «Wissenschaftlichkeit», sondern mit «Pseudowissenschaftlichkeit», um nicht ein anderes Wort zu gebrauchen. Ein Beispiel solcher Pseudowissenschaftlichkeit sei Ihnen angeführt; ich könnte viele anführen.
Ein gewisser Doktor Freud in Wien hat allerlei «Wissenschaftliches» gegründet. Darunter gibt es auch eine «Traumwissenschaft», die berühmte Freud’sche "Traumwissenschaft, auf die heute viel hingewiesen wird. Ich will nur ein Beispiel herausgreifen aus der schönen «Wissenschaftlichkeit», die da herrscht.
Freud findet von seinem Gesichtspunkte aus, dass jedem Traum ein Wunsch zugrunde liegt; und er findet die ja mehr bequeme, als den Tatsachen entsprechende Theorie, dass, wenn der Mensch im Leben einen Wunsch nicht befriedigen kann, und er könnte etwa dann in seinem Schlafe gestört sein, er dann halt in seinem Schlafe träumt, dass ihm der Wunsch erfüllt worden wäre. Wer also irgendetwas erhofft und es nicht hat, der träumt — und schläft dann gut weiter, weil er im Traume den Wunsch erfüllt hat. Ja, aber es geht nicht bei allen Träumen so, dass man überall auf die Hoffnung, auf einen Wunsch zurückweisen kann; die Tatsachen lassen sich nicht so einfach behandeln. Da unterscheidet man denn auf dem Gebiete dieser «Wissenschaft» zwischen «latenten» und «manifesten» Traumwünschen. Man konstruiert zum Beispiel folgendes Beispiel. - Ich greife Dinge auf, die wirklich gegeben worden sind.
Ich träume von einem Menschen, der — sagen wir — «R» heißt; aber er sieht gar nicht wie «R» aus, sondern wie «B» - und «B» ist verrückt. Nun ist es doch schwer, den Wunschtraum hier herauszukonstruieren. Aber Herr Doktor Freud ist nicht um eine Auskunft verlegen. Er sagt: Ja, aber dem R gegenüber, von dem ich träume, habe ich den geheimen Wunsch, dass er verrückt werden möchte! Wenn ich von ihm so träumen würde, wie er in der Wirklichkeit ist, so könnte ich doch nicht träumen, dass er verrückt wäre; denn er ist es doch nicht. Also träume ich von dem andern, dem B, der verrückt ist, weil ich wünsche, dass der R so verrückt werden möchte wie der B.
Da ist das Latente von dem Manifesten gesondert. Es ist da das eingeführt, was wieder mit einem hübschen Terminus technicus bei Freud ausgedrückt ist als die «Traumzensur», und ich könnte ein hübsches Sammelsurium solcher Beispiele aus der Freud’schen Traumzensur anführen.
Ja, solche «Wissenschaftlichkeit» hat zur bekannten Freud’schen «Psychoanalyse» geführt, dazu, dass die Anhänger dieser Psychoanalyse verschiedenes, was in der Menschenseele auftritt, auf sogenannte «Inseln» oder Inselprovinzen im unterbewussten Leben zurückführen. Wenn also zum Beispiel eine Hysterie oder sonst etwas vorhanden ist, so untersucht man den zum Arzte Kommenden, indem man ihn katechisiert, ihn ausfragt; aber man muss ihn so lange ausfragen, bis man auf etwas Sexuelles kommt. Denn diese Inseln sind immer unbefriedigte sexuelle Wünsche. Die gehen ins Unterbewusste hinunter und bleiben dort, bis sie der Arzt wieder hervorholt; und so lange, bis sie der Arzt wieder hervorholt, bilden sie die Ursachen von allerlei seelischen Störungen, und man kuriert diese, indem man die unterdrückten Sexualismen wieder hervorholt.
Ich will nicht diese im Unterbewusstsein vorhandenen unterdrückten Sexualismen hervorholen und anwenden auf den Begründer der Theorie selbst; denn es könnte etwas Merkwürdiges dabei herauskommen, wenn man bei dem, der so etwas aufgestellt hat, diese Theorie nun zurückführt auf etwas unterdrücktes Inneres, auf solche Inselprovinzen, die sich in der Kindheit angesammelt haben könnten.
Aber mit diesen «Wunschträumen», mit den «latenten» und «manifesten» Zuständen und mit der «Traumzensur» kommt man nun zu andern Dingen, zum Beispiel zur Beantwortung der Frage: «Warum träumen so viele Menschen von dem Tode naher Verwandter?» - Und man sagt, nun, weil man sich als Kind gedacht hat, wenn man nicht gerade diese Verwandten liebte: «Wenn der doch nur bald sterben würde!» — Das ist ins Unterbewusstsein gegangen, und es kommt wieder herauf als ein latenter Wunsch und tritt dann später hervor. Es braucht aber nicht auf die Kindheit beschränkt zu sein; denn es kommt ja auch sonst in der Verwandtschaft vor, dass Menschen einander den Tod wünschen -, so zum Beispiel, dass der jüngere Sohn, der in seiner Familie nicht der Erbe ist, dem älteren Bruder gegenüber, der der Erbe ist, den Wunsch hat, dass dieser sterben möge. Bei offenem Bewusstsein gesteht er sich das nicht ein, aber der Traum bringt es heraus. So sind insbesondere - ich rede nach meiner Ansicht nicht vor den 75 Prozent vom Mädchenpensionat, dem Nonnenkloster und der Heilsarmee und muss diese Dinge berühren — viele solcher Inselprovinzen in der menschlichen Seele von einer bestimmten Art dadurch vorhanden, dass früh sich regender Sexualismus, der nach der Theorie dieser Leute im ersten zartesten Kindheitsalter sich regt, so zum Ausdruck kommt, dass die Mädchen den Vater lieben und auf die Mutter eifersüchtig sind, und umgekehrt, dass die Knaben die Mutter lieben und auf den Vater eifersüchtig sind, und dass die Kinder den Einzelnen dann den Tod wünschen. Das ist aber etwas, was ganz gewöhnlich ist; denn auf dieses «Gewöhnliche» ist zum Beispiel die Ödipus-Tragödie zurückzuführen. Und es fragen diese Leute: Woher kommt das Erschütternde dieser Ödipus-Tragödie? Antwort: Weil man einmal ein Bild gebraucht hat für die Tatsache, dass ein Sohn oft seine Mutter liebt und seinem Vater nach dem Leben trachtet. Das soll das Erschütternde der Ödipus-Tragödie sein. - Auf solche Dinge wollte Doktor Unger hindeuten, als er auf die sonderbare Art hinwies, wie Märchen und Mythen von dieser Art Schule gedeutet werden. Ich könnte noch mehreres, noch Schlimmeres anführen, aber ich denke, dieses Beispiel genügt.
Ist das «Wissenschaft»? Das ist Pseudo-Wissenschaft! Inferiore Wissenschaft! Sie hat aber heute ein großes Publikum. Aber eine Quelle ist es, um unreifen Köpfen die Gedanken zu verwirren und sie zu verführen. Wundern wir uns nicht, wenn diese unreifen Köpfe dann mit verworrenen Gedanken herumgehen.
Ich habe ein besonderes Beispiel mir anzuführen erlaubt, wie das Sexuelle hereinschleicht in die Pseudo-Wissenschaft. Es könnte natürlich wirklich unendlich viel mehr gerade von dieser Art aufgebracht werden, um zu zeigen, wie sich diese Pseudo-Sexual-Wissenschaft hineinschleicht in die öffentlichen Diskussionen.
Meine Freunde! Zweierlei habe ich einst zu Herrn Boldt gesagt, weil ich mich verpflichtet fühlte, es zu sagen, als er nicht ein so dünnes Büchelchen, wie die «Sexual-Probleme» sind, sondern vier bis fünf Bände schreiben wollte. Da sagte ich zu ihm — es war damals das Büchelchen noch nicht geschrieben: «Herr Boldt, schreiben Sie doch jetzt das nicht! Wenn Sie einmal zehn, zwölf, fünfzehn Jahre älter geworden sind, dann werden Sie es sehr bedauern, dass Sie Ihren Lebensweg sich dadurch ruiniert haben, dass Sie in der Jugend solches Zeug geschrieben haben.» [Auf] Seite 12 der Broschüre steht:
Darum enthält Dr. Steiner sich seit dem Sommer 1911 konsequent seiner Stimme. Von seinen privaten Äußerungen mir gegenüber muss ich hier selbstverständlich schweigen; verraten darf ich nur, dass sie weder warm noch kalt waren.
Ein Zweites habe ich zu Herrn Boldt bei einer anderen Gelegenheit gesagt. Ich sagte ihm: «Sehen Sie, Herr Boldt, sich gerade auf dieses Gebiet zu verlegen, ist eine gefährliche Sache, und eigentlich kann es nur derjenige, welcher wirklich heimisch ist auf dem Gebiete derjenigen Forschung, die tiefer hineinführt in die Geheimnisse des Daseins, und der von diesem Gesichtspunkte aus über diese Dinge redet; denn dann redet man ganz anders über diese Dinge. Und es ist das gefährlichste Gebiet, das man berühren kann, aus dem Grunde, weil die Gedanken, wenn sie auf dieses Gebiet hingelenkt werden, immer in einer gewissen Beziehung verfinstert werden.»
Ich berühre hier etwas, das ausführlich behandelt werden müsste, wenn es ganz klar werden sollte, das aber ein wirkliches Resultat der Geisteswissenschaft ist. Wir mögen uns über manches ergehen, über das wir suchen, klare Gedanken zu bekommen: In dem Augenblick, wo die Gedanken auf das sexuelle Gebiet gehen, und sei die Vornahme noch so rein, in dem Augenblick ist es nur allzu leicht möglich, die Zügel über die Gedanken zu verlieren. Daher haben Zeiten, die noch mehr gewusst haben von den okkulten Seiten des Lebens, dieses Gebiet in die Symbolik — und in mancherlei Symbolik - verhüllt. Und dem rohen Materialismus unserer Zeit scheint es aufbehalten geworden zu sein, mit täppischen Händen die heiligen Symbole zu zerstören, um nicht hinzuweisen darauf, dass es heilige, hohe Gebiete gibt, und dass das unterste dieser Gebiete, das für uns Menschen aufzusuchen ist — der allerspeziellste Fall -, das Gebiet des Sexuellen ist. Dem heutigen rohen Materialismus mit seinen täppischen, tölpelhaften Händen scheint es aufbewahrt gewesen zu sein, von diesem Gebiete auszugehen und die hohen, heiligen Gebiete für eine Umdeutung des sexuellen Gebietes zu erklären -, wie Sie es gerade bei Boldt gesehen haben. Schlimm stehen die Sachen auf diesem Gebiete, aber wundern dürfen wir uns nicht, wenn durch die Art, wie in einer uns immer mehr und mehr überflutenden Literatur die Dinge behandelt werden — ich muss es schon immer wieder und wieder sagen -, unreife Köpfe eben verworren gemacht werden.
Es würde gut sein, ein klein wenig auch da die Geschichte zu Hilfe zu rufen; und ich möchte dabei auf ein Buch hinweisen, von dem ich natürlich ausdrücklich sage, dass ich nicht mit so mancherlei Unsinn, der darin ist, übereinstimme: auf die «Erinnerungen und Erörterungen», die Moritz Benedikt in seinem Buche «Aus meinem Leben» niedergeschrieben hat, das erst im Jahre 1906 in Wien erschienen ist. Moritz Benedikt ist ein altgewordener Herr, der vieles mitgemacht hat in Bezug auf die Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens der letzten Jahrzehnte; von diesem Standpunkte aus ist es außerordentlich interessant, das Buch zu lesen. Ich möchte eine Stelle daraus anführen, wo Moritz Benedikt von seinem Besuche in Florenz spricht. Dieser Besuch fällt- was wohl festzuhalten ist - in die 70er-Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Er schreibt
In Florenz machte ich natürlich diesmal persönliche Bekanntschaften, und die wertvollsten, mit denen ich bei Besuchen in Florenz und auch anderenorts Fühlung behielt, waren Mantegazzaund Moritz Schiff. Mantegazza war und ist eine sehr stattliche Erscheinung; unwillkürlich erinnerte er an stattliche italienische Modellbaritone für die Rolle des Don Juan. Er ist ein Lebenskünstler. Diesem genialen Anthropologen verdankt Florenz. sein herrliches anthropologisches und ethnographisches Museum. Mantegazza, der ein geistreicher naturwissenschaftlicher Psychologe ist, schrieb auch Romane, und der Held des einen ist - die Tuberkulose. Am populärsten ist sein Buch: «Gli amori dei uomini» geworden, das in alle Sprachen übersetzt worden ist. Kein Verleger wollte sich nennen, und auf dem Titelblatt prangte das Motto: «Honny soit qui mal y pense».
Damals wollte sich noch kein Verleger nennen; heute ist es anders geworden!
Ich machte ihm einmal Vorwürfe und erklärte ihm, ich sei ein solcher Honny etc. Das Buch von Mantegazza ist das originellste, geistreichste und gelehrteste unter seinesgleichen. Aber dieses Thema soll nicht populär behandelt werden. Mantegazza entschuldigte sich bei mir mit der Tatsache, dass sein Gehalt 5000 Lire betrage ohne sonstige akademische Nebeneinkünfte. Er müsse daher viel publizieren, und zwar so, dass es ihm eine beträchtliche Revenue bringe.
Hier haben Sie eine der Ursachen, woher wieder die Quellen stammen, durch die unsere unreifen Köpfe verworren gemacht werden. - Benedikt fährt fort:
Die französischen Gerichtspsychologen haben schon früher dieses Thema oft und eindringlich behandelt, ohne Skandal zu erregen, und dasselbe gilt von einem Buche von Tarnowsky in Petersburg; diese Autoren schrieben eben nur für Fachkreise. Die Literatur über die sexuellen Perversitäten ist später gewachsen, und nur die britischen Gelehrten haben es verschmäht, zu konkurrieren, und sie haben aus ihrer Entrüstung gegen solche Autoren kein Hehl gemacht. Als das bekannte Buch von Krafft-Ebingerschien, sagte mir Hack-Tuke, der Ausschuss der British Medico-Psychological Association wolle den Antrag stellen, dem Wiener Kollegen die Ehrenmitgliedschaft wieder zu entziehen.
In den 70er-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hat der Ausschuss der British Medico-Psychological Association den Antrag stellen wollen, Krafft-Ebing wegen seines Buches die Ehrenmitgliedschaft zu entziehen!
Ich redete ab. Ich sagte, Krafft-Ebing habe gewiss das Buch bona fide geschrieben; er konnte nicht wissen, wie weit der Inhalt in die Jugend und selbst in - Mädchenschulen eindrang, und ich konnte dem Manne die Schande ersparen. Freilich hätte er, als der Effekt klar wurde, nicht dulden sollen, dass die weiteren Auflagen veröffentlicht werden. Heute findet man die Zöglinge der «höheren Töchterschulen» über diese Themata der sexuellen Perversitäten aufgeklärter, als wir es als junge Ärzte waren, und oft juckt es mich, die Prügelstrafe für jene «emanzipierten» Lehrerinnen einzuführen, welche solche Aufklärung fördern.
Das schreibt noch im Jahre 1906 der wirklich bedeutende KriminalAnthropologe Moritz Benedikt: dass die jungen Ärzte vor kurzer Zeit weniger aufgeklärt in gewissen Dingen waren als nunmehr die Schülerinnen höherer Töchterschulen! Abgesehen von allem Übrigen scheint es ja dann vielleicht besser zu sein, wenn die Bekenner solcher Dinge sich an die höheren Töchterschulen wenden, da sie ja doch nicht Nonnenkloster, Heilsarmee und Mädchenpensionat sein wollen; ja, sehen Sie, also nicht einmal der Vergleich mit dem «Mädchenpensionat» trifft zu, denn das sind jadoch wohl so etwas wie höhere Töchterschulen; denn nach Moritz Benedikt könnte man dort die Dinge schon finden. Es würde also überhaupt sehr schwer werden, aus den Widersprüchen herauszukommen, in die man einmal hineinkommen muss, wenn man in die Notwendigkeit versetzt ist, sich über diese Dinge zu unterhalten.
Es würde viel zu weit führen, wenn ich dieses Thema auch nur in der mir wünschenswerten Weise weiter ausdehnen wollte. Ich wollte Ihnen nur sozusagen den Beweis erbringen, dass wir es in einem solchen Falle mit Menschen zu tun haben, bei denen wir uns nicht wundern dürfen, dass ihnen der Kopf verworren gemacht worden ist. Denn eine breite Strömung von Pseudowissenschaftlichkeit ist da, und eine breite Strömung, gemacht von wissenschaftlichen Autoritäten - die es ja wirklich sind. Denn Mantegazza ist ja auch eine wissenschaftliche Autorität, und von ihm kann man mit Recht sagen, dass Florenz ihm das «Anthropologische Institut» verdankt. Aber das ist gerade das Traurige, dass es die heutige Zeit dahin gebracht hat, dass alle solche Institute in Händen von Menschen sind, die so wenig wahre wissenschaftliche Methodik handhaben können. Und wir fragen uns: Dürfen wir diese Praktik uns hereintragen lassen in unsere Kreise? Oder ist es nicht gerade unsere Aufgabe, uns ernsthaftig gegen solche Praktik zu wenden? Ich meine, in Bezug auf diese Frage könnte niemand eigentlich im Zweifel sein! Wer sich heute das durchsieht, was als «Sexual-Literatur» existiert, der finder nur - leider - dieses Problem im aller pseudo-wissenschaftlichsten Sinne besprochen. Ich musste in diesen Tagen oft im Auto fahren; aber ich konnte doch vom Auto aus sehen an den Anschlagsäulen angekündigt «Vorträge über Sexual-Probleme» et cetera. Schauen Sie sich nur eine einzige Anschlagsäule an: Das ist heute das Thema der Sexualität, das populär ist, das beliebt ist. Man kann nicht sagen, dadurch tue man etwas Unpopuläres, dass man dieses Thema erörtert; o nein, man kann vielmehr sich «unbeliebt» machen, wenn man das Thema vermeidet.
Was habe ich eigentlich mit allen solchen Dingen sagen wollen? Ich habe zunächst sagen wollen, dass wir es bei diesen Dingen gar sehr nötig haben, alles im klaren Lichte zu sehen -, zu sehen im klaren Lichte, dass solche Menschen wie Herr Ernst Boldt und wie der ihnen vorgestern angeführte Casimir Zawadzki, einschließlich - ich will selbst den nicht ausnehmen — Hans Freimark, im Grunde genommen arme Kerle sind, bemitleidenswerte arme Kerle, die auch etwas schreiben wollen; und weil sie zu wenig gelernt haben, so wählen sie das, worüber es heute am leichtesten ist, zu schreiben — erstens, weil es beliebt ist, und man da auf die Fehler nicht achtet, und zweitens, weil es ein Gebiet ist, auf dem man überhaupt den Leuten alles Mögliche vormachen kann. Lesen Sie nur einmal den zweiten Teil des Buches unseres Freundes Levy, gerade das, was sich auch auf die Freimark’sche Sexual-Literatur bezieht. Im Grunde genommen kann man für alle diese Leute doch nichts anderes haben als Mitleid; sie können einem wirklich nur das Gefühl abringen: Wie jammervoll ist es, was heute unreifen Seelen passieren kann! Und wenn es nicht durchaus 'g wäre, überall deutlich darauf hinzuweisen, wo die Früchte dessen, was ich charakterisiert habe, hervortreten — weil sonst der Unfug weitergreift -, so würde man um dieser armen Verführten willen, um dieser armen Menschen willen, die auch etwas schreiben wollen, weil sie ja ein Handwerk im Leben auch nicht gelernt haben, man würde um dieser armen Leute willen schweigen - und schweigend über derlei Zeug hinweggehen.
Das dürfen wir nicht, Es ist unsere Aufgabe, Licht und Wahrheit über die Dinge zu verbreiten. Es ist unsere Aufgabe, zu betonen, dass wir uns niemals zwingen lassen werden, über dieses oder jenes zu reden - durch nichts anderes uns zwingen lassen werden, als durch unsere, von der Wahrheit getragene Überzeugung. Und wie viel und in welcher Weise ich jemals über diese Dinge sprechen werde, das werde ich nur von meiner Überzeugung abhängig machen - nicht von dem, was Autoritäten oder unreife Geister zeitgemäß finden.
Ich verstehe das Mitleid und das Gefühl, das man für solche Menschen haben kann. Daher bin ich auch nicht darüber verwundert, dass ich heute, morgens, folgenden Brief bekommen habe; denn ich habe schon gestern gesagt: Einen solchen Menschen wie Herrn Boldt halte ich für ehrlich — wie Sophie in der «Lila» denjenigen Helden, von dem sie sagt: «Ehrlich ist er wenigstens; er» - ich will das Wort nicht wiederholen — «charakterisiert sich deutlich genug.» Ich halte Herrn Boldt nicht für unehrlich; ich gestehe ihm sogar subjektiv allen guten Willen zu. Aber wohin kommen wir, wenn wir nicht mit der Wahrheit hineinleuchten in diese Dinge? Denken wir, wir würden es schweigend hinnehmen, dass in einer Broschüre steht: «Dr. Steiner muss allerlei Masken annehmen und verbirgt die Wahrheit.» - Welche gefundene Speise für alle die, welche neue Broschüren über uns schreiben wollen! Sollen wir denn dem Vorschub leisten? O, ich glaube, es wären wahrhaftig schon Seelen da, denen es lieber gewesen wäre, wenn über alle diese Dinge nicht gesprochen worden wäre; und wir hätten es erleben können, dass es draußen wieder allerlei Artikel und Broschüren geben würde und noch dazu verschärft mit dem Ausdruck: «Seht ihr, das sagt ein Mann, der sich sogar als einer der treuesten Anhänger Dr. Steiners öffentlich bekennt! Was will man denn mehr?»
Ich, meine lieben Freunde, ich möchte mehr! Ich möchte das, was ich immer möchte: dass man nicht auf Autorität hin mich verehrt, sondern ich möchte, dass man mich versteht! Und wenn man mich so charakterisiert, wie Herr Boldt in seiner Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» mich charakterisiert hat, dann muss man, wenn man weiter von Verehrung spricht, die blindeste Autoritätsverchrung und das blindeste Sich-Unterwerfen unter die Autorität haben. Für solchen Autoritätsglauben danke ich schön; ich will ihn nicht! Denn ich will keinen Autoritätsglauben! - Wiederum ein Beispiel, in welchem Einklange mit sich selber Leute stehen, die im Namen des Nicht-Autorität-Glaubens in solcher Weise auftreten. -Also ich verstehe einen Brief wie den, der mir heute, morgens, zugegangen ist, und der mir befichlt, das folgende der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft vorzulesen:
Meine lieben Gesinnungsgenossen! Da es mir leider nicht möglich ist, an der Generalversammlung teilzunehmen, so möchte ich mir erlauben, auf die hier in den letzten Logenabenden mehrfach erörterte Broschüre von Ernst Boldt schriftlich zurückzukommen. Ich kann den Standpunkt, der dem Verfasser dieser Schrift gegenüber eingenommen wurde, nicht so ganz teilen, wenngleich auch ich durchaus der Ansicht bin, dass die Form, in der Boldt seine Sache vertritt, in Bezug auf die leitenden Damen grobklotzig ist, und daher ganz natürlich beleidigend wirken muss. Er hat sich dadurch bedauerlicherweise nur selbst des Erfolges seiner, so manches Gute enthaltenden Broschüre beraubt. Wenn nun aber auch, wie gesagt, die Form nichts weniger als lobenswert ist, so scheint mir dies doch kein hinreichender Grund zu sein, Herrn Boldt, wie es beantragt wurde, aus unserer Gesellschaft auszuschließen; und ich meine, gerade Theosophen sollten es über sich vermögen, einem jugendlichen Feuergeist und Brausekopf etwas zugute zu halten. Das sind jedenfalls nicht die gefährlichsten Gegner (soweit man hier überhaupt von Gegnerschaft sprechen kann), welche offen und ehrlich ihre Meinung heraussagen, und wollte man solche sofort ausschließen, so wäre die notwendige Folge davon, dass Unaufrichtigkeit einerseits, Kritiklosigkeit andrerseits großgezogen würden. Und das können wir doch alle nicht haben wollen!? Wenn Dr. Steiner selbst seine Anhänger wiederholt zur strengsten Kritik auffordert, so hat er dies jedenfalls mit dem Grundsatze, Vertrauen zu seiner Lehre und Führerschaft zu haben, vollständig vereinbar gefunden, und ich kann daher den Vorwurf, dass das Schriftchen eine Beleidigung Dr. Steiners enthält, nicht gerechtfertigt finden. Ja im Gegenteil! Schon bei flüchtigster Durchsicht desselben muss wohl jeder erkennen, welch hohe Meinung der Verfasser trotz seiner Kritik von Dr. Steiner hat. Ich fühle mich verpflichtet zu sagen, dass ich Herrn Boldt als einen der begeistertsten und treuesten Anhänger der theosophischen Bewegung kenne, und dass er stets gegenüber allen Feinden unserer großen Sache mit der größten Verehrung und Wärme für Herrn Dr. Steiner einzutreten pflegt. In dem guten Glauben, dass mir diese freie Meinungsäußerung nicht übel genommen wird, bin ich mit theosophischem Gruß
Ihr ergebener
Ferdinand Freiherr von Paungarten
München, am 18. Januar 1914.
Wie gesagt, ich kann eine solche Stimmung verstehen - aus dem Grunde, weil man eben nicht überall geneigt ist, in das hineinzuschauen, worauf es ankommt. Mit all den armen Menschen, die durch das verführt werden, was ich charakterisiert habe, mit denen allen müssen wir das tiefste, das ernsteste Mitleid haben; und schließlich: Wir sollen ja immer in die Untergründe des Daseins hinuntertauchen. Da möchte ich denn doch die Sie vielleicht grotesk berührende Frage aufwerfen: Ist denn ein gar so großer Unterschied, ob schließlich die Menschen draußen oder drinnen sind in der Anthroposophischen Gesellschaft? Ist denn das das Wesentliche, dass wir immer über die negativen Seiten dieser Dinge nachdenken? Vielleicht erreichen wir auch einmal etwas, wenn wir uns mehr positiv zu den Dingen stellen!
Meine lieben Freunde, die Fehler, die gemacht werden, liegen meistens auf ganz anderen Gebieten als da, wo man sie sucht. Aber lernen wir allmählich, die Fehler auf dem richtigen Gebiete suchen. Deshalb müssen wir die Fehler gerade bei unserer Aufgabe ganz bewusst doch begehen. — Es können ja aus zwei Gründen Menschen in unsere Kreise kommen. Der eine Grund wird der sein, dass diese Menschen tüchtige Vertreter unserer Sache sind, und dass sie für diese Sache vor der Welt ihrerseits eintreten wollen. Schön; über diesen Grund brauchen wir überhaupt nicht weiter zu sprechen. Aber auf der anderen Seite gibt es einen anderen Grund: Es kommen Menschen zu uns, die vor allen Dingen von uns das haben wollen, was man in einer spirituellen Bewegung heute haben kann. Das müssen wir ihnen geben; das müssen wir ihnen unter aller Bedingung geben, denn wir sind dazu verpflichtet. Und wenn uns dann auch hinterher mancher «Scherereien macht» — wir müssen es geben; wir können nicht ohne Weiteres jeden ausschließen. Dennoch machen wir die Hauptfehler eigentlich niemals beim Ausschließen, sondern wir machen sie - und wir müssen sie machen - beim Eintritt, indem wir diesen oder jenen Menschen aufnehmen. Wenn die Menschen einmal drinnen sind, dann ist es ziemlich gleichgültig, ob wir sie drinnen lassen, oder ob wir sie hinaussetzen. Darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, dass wir unsere Sache in positiver Weise vertreten. Darauf kommt es an, wenn jemand draußen jetzt vom Schlage derer, die ihre Broschüren gegen mich fabrizieren, schreibt: «Das ist ein Heuchler, der nur so spricht, was die 75 Prozent der Mitglieder gerade hören wollen.», dass die Mitglieder darauf hinweisen, welches die sachlichen Gründe sind, weshalb einmal ein solches Buch nicht empfohlen worden ist in unserer Anthroposophischen Gesellschaft. Darauf sollten unsere Mitglieder hinweisen, dass wir wissen, was wir tun, und dass wir uns auch in der richtigen Weise zu verhalten wissen gegen die «Mode-Wissenschaft», weil wir dass sie eine Pseudo-Wissenschaft, eine inferiore Wissenschaft ist, die wir nicht propagieren wollen. Trennen wir die Sache von den Persönlichkeiten ganz! Versuchen wir einmal dies zu tun. Wenn wir so vor der Öffentlichkeit auftreten werden, wenn uns die Öffentlichkeit ihrerseits entgegentritt, wie versucht worden ist, wenn wir aus dem ganzen Gefüge einer inferioren Pseudo-Wissenschaft all das Geschreibe ableiten, wenn wir wegen der Unwissenschaftlichkeit - aus höherer Wissenschaftlichkeit - diesen Dingen die nötige Abfertigung erteilen, wenn sie an unsere Pforten pochen, dann haben wir unsere Pflicht, unsere unpersönliche positive Pflicht erfüllt. Ändern wir einmal das negative Vorgehen in diesem Falle in ein positives um.
Im Fall Vollrath lag etwas ganz anderes vor als in dem Fall Boldt. Und ich müsste bedauern, wenn dieser Unterschied nicht herausgefunden worden wäre. Ein ehrlicher Querkopf mit einem bisschen Großmannssucht, verführt durch das, was ich zu charakterisieren versuchte, tritt uns in Herrn Boldt entgegen - verführt durch das, was wir als Sache in der allerschärfsten Weise bekämpfen müssen. Nicht nur am heutigen Tage — stets müssen wir mit unserer ganzen Persönlichkeit eintreten, wenn es darauf ankommt, gegen diese Dinge zu Felde zu ziehen. Aber wissen müssen wir, wie wir dastehen als Anthroposophische Gesellschaft! Dazu müssen wir mancherlei wissen. Zum Beispiel müssen wir wissen: Wie stellt sich die Gesellschaft zu dem, wovon schließlich das Ganze ausgegangen ist — dazu, dass die beiden Münchener Damen, die den Vorstand des ersten Münchener Zweiges bilden, anfangs den Ankündigungszettel des Boldv’schen Buches nicht ausgelegt haben und für das Buch nicht Propaganda gemacht haben? So fing ja die Sache an. Wir wissen aus den Briefen, dass es unserm verehrten lieben Herrn Direktor Sellin übel genommen worden ist, dass er dem jungen Manne seine Meinung gesagt hat. Das ist die Sache. Und wir haben es gestern von Herrn Direktor Sellin gehört, dass er dem jungen Manne auch früher schon seine Meinung über das Buch gesagt hat. Wir hörten gestern von diesem Orte aus, dass dem «Philosophisch Theosophischen Verlage» von Herrn Boldt die Zumutung gestellt worden ist, dieses Buch in Kommission zu nehmen. Fräulein Mücke hat diese Sache mit Entrüstung zurückgewiesen. Ich glaube es auch so verstanden zu haben, dass Fräulein Mücke sich dagegen verwahrte, dass jemand ihr zumute, dieses Buch jetzt in Kommission zu nehmen.
Ich will diese vier Exempel herausgreifen; aber eines müssen wir wissen über diese vier Dinge, wenn wir etwas Positives auf diesem Gebiete leisten wollen. Herrn Boldt können wir ignorieren, wie wir ihn bisher ignoriert haben. Aber wissen müssen wir, ob das, was zu Recht geschieht, im Sinne unserer Mitglieder geschieht. Wir müssen wissen, wo die Grenzscheide liegt zwischen den 75 Prozent und den 25 Prozent, welche die Fäuste in den Taschen ballen. Klarheit und Wahrheit müssen herrschen!
Ich habe mir nicht ohne Bedeutung erbeten, seitdem die «Anthroposophische Gesellschaft» begründet worden ist, nicht so etwas zu sein wie früher, wo ich als «Generalsekretär» der Sektion beschränkt war in Bezug auf Antragstellen und dergleichen, weil ich eben Generalsekretär war. Sie haben mich zwar zu dem Vorsitzenden dieser Versammlung gewählt; das gilt aber nur für diese Versammlung; das ist ein reines Arrangeur-Amt, das gar nichts zu tun hat mit der Gesellschaft als solcher. Der Gesellschaft gegenüber bin ich Privatmann, und ich darf daher auch jetzt Anträge stellen.
Ich möchte jetzt einen Antrag stellen, der uns in Bezug auf diesen Punkt, über den wir jetzt so viel gesprochen haben, auf einen positiven Boden stellt. Auf alles Einzelne, was die vielen Leute hier Treffliches gesprochen haben, kann ich nicht eingehen; ich habe nur vier «Exempel» statuiert. Und ich glaube, wir müssen uns jetzt die Frage vorlegen: Wie hätten die beiden Münchener Damen handeln sollen, als im Jahre 1911 die Prätention an sie herantrat, die Sache zu propagieren und den Ankündigungszettel auszulegen? — So hätten sie handeln sollen, wie sie gehandelt haben! Und unser Gespräch wird sicher gezeigt haben, dass sie recht gehandelt haben. Aber wissen muss man, wie die Gesellschaft darüber denkt.
Recht gehandelt hat unser Freund Herr Direktor Sellin, als er zu dem Manne gegangen ist und ihm seine Unreife zu Gemüte geführt har. Ich bin überzeugt: Mit der Persönlichkeit des grundehrlichen Herrn Boldt hat auch Herr Dircktor Sellin das tiefste Mitleid.
Und Fräulein Mücke hat ganz gewiss nichts gegen die Persönlichkeit des Herrn Boldt; die ist ihr wahrscheinlich ganz gleichgültig. Sie hat aus sachlichen Gründen die entrüstete Ablehnung der Broschüre ausgesprochen.
Das alles aber sind Manifestationen des Willens Einzelner. Darum handelt es sich, dass wir uns erklären über solche Dinge, dass wir das Positive vor allen Dingen in Bezug auf diese Angelegenheit in Ordnung bringen. Daher darf ich Sie wohl bitten, über folgenden Vorschlag nachzudenken:
Die vom 18. Januar 1914 ab in Berlin tagende Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft erklärt dem Vorstande der Arbeitsgruppe I in München, dass sie mit dessen Haltung gegenüber der Schrift «Sexual-Probleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft» von Ernst Boldt im Jahre 1911 vollständig einverstanden ist -, dass sie nach den Verhandlungen, die gepflogen worden sind über weitverbreitete Pseudo-Wissenschaft der Gegenwart zu der Anschauung gekommen ist, dass es im Sinne wahrhaft geistigen Kulturinteresses liegt, solche Stellung der beiden Vorstandsdamen durch das vollste Vertrauen der Generalversammlung zu schützen. Dieses Vertrauen und die Anerkennung für die damalige Zurückweisung wird dem Vorstande der Arbeitsgruppe I in München ebenso ausgesprochen wie ein Gleiches Herrn Direktor Sellin für seine väterlichen Ratschläge, die er dem auf wissenschaftlichen Irrwegen wandelnden vorzeiten und jetzt wieder gegeben hat.- Die Versammlung erklärt ihre Übereinstimmung mit dem Zurück weisen der Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» von Ernst Boldt durch Fräulein Mücke, die Leiterin des «Philososphisch Theosophischen Verlages».
Meine lieben Freunde, diejenigen von Ihnen, die diese Resolution annehmen werden, werden in positiver Art zum Ausdruck gebracht haben, wie sie über die Dinge denken - und brauchen nichts anderes zu tun, als das fortzusetzen, was bisher geschehen ist in Bezug auf diese Angelegenheit.
Die «Resolution» wird in obiger Fassung noch einmal verlesen.
Herr Dr. Steiner: Wenn wir diese Resolution fassen, dann weiß man, wie über die Sache gedacht wird, und man hat sich außerdem an die richtige Adresse gewendet. Denn es wird allmählich immer notwendiger werden, dass die, welche zu handeln haben in unserer Gesellschaft, auch wissen können, ob sie das Vertrauen der Mitglieder haben oder nicht; sonst wird sich immer wiederholen, dass man - nun, dass man die Leute wieder «wählt», aber überall wird da und dort dieses oder jenes «gemunkelt». Es schadet nichts, wenn wir denjenigen, die Ämter zu verwalten haben, zuweilen ausdrücken, dass wir mit ihnen einverstanden sind. Es schadet nicht, wenn wir es zuweilen auch vor der Welt sogar offen bekennen. Herrn Boldt gegenüber möchte ich nicht versäumen, ausdrücklich zum Ausdruck zu bringen, dass es mir persönlich außerordentlich leidtut, dass ihm das Ganze passiert ist, und dass ich mich schon versetzen kann in die Lage eines Menschen, der zu viel verworrenes Zeug gelesen hat und dann zu solchen Auseinandersetzungen kommt, wie der gute Mann dies getan hat.
Da über diese Resolution niemand zu sprechen wünscht, wird darüber abgestimmt: Sie wird ohne Gegenstimmen angenommen.
Herr Dr. Steiner: Und diesmal ist es schon notwendig, dass ich auch diejenigen bitte, die weder für noch gegen gestimmt haben, die also beide Male mit den geballten Fäusten in der Tasche dagesessen haben, die also zu den 25 Prozent des Herrn Boldt gehören, die Hand zu erheben.
Niemand hebt die Hand.
Herr Dr. Steiner: So muss ich konstatieren, dass von den 25 Prozent niemand hier erschienen ist. - Selbstverständlich ist mit dem, was wir hier betreffs des Antrages Boldt beschlossen haben, in keiner Weise dem Entschlusse der Münchener Arbeitsgruppe I vorgegriffen. Die Gruppe ist autonom, und was sie ihrerseits tun will, das kann sie tun. Wir haben nur für die «Anthroposophische Gesellschaft» beschlossen.
Fräulein Stinde: Die Münchener Gruppe hat bisher nichts beschlossen. Es wurde zwar der Antrag auf Ausschließung gestellt, aber ich schlug vor, bis nach der Generalversammlung zu warten und dann den Antrag wieder vorzubringen, weil viele Mitglieder die Broschüre gar nicht gelesen hatten. Ich bat, die Broschüre auszulegen, damit alle sich informieren könnten und Stellung nehmen könnten, wenn wir zurückkämen. Herr Boldt ist also bis jetzt nicht ausgeschlossen worden, und es liegt bei der Münchener Gruppe, ob sie ihn ausschließen will oder nicht. Ich sagte damals, dass wir die Beleidigungen, die Herr Boldt in seiner Broschüre über den Vorstand ausgegossen hätte, ruhig hinnehmen würden, dass er noch viele solcher Schriften schreiben könnte, und dass wohl auch die Mitglieder in gleicher Weise denken und ihn deshalb noch nicht ausschließen würden. Der Grund, weshalb Ausschließung beantragt war, waren die groben Beleidigungen gegenüber Herrn Doktor Steiner, und in diesem Punkte wissen wir noch nicht, was geschehen wird. - Ich darf wohl auch für das Vertrauen danken, das uns ausgesprochen wurde. Aber ich muss sagen: Selbst wenn Sie uns nicht zugestimmt hätten - wir hätten gar nicht anders handeln können, als wir getan haben.
Frau Peelen: Herr Boldt hat in seinem letzten Schriftstück darauf hingewiesen, dass die Loge Koblenz sein Buch ihren Mitgliedern zum Kauf empfohlen habe. Dies beruht nur auf einer halben Wahrheit; und weil darin eine Anklage gegen das Vorgehen der Münchener Damen liegen könnte, so fühle ich mich genötigt, ein paar Worte in dieser Angelegenheit zu sagen.
Der Vater des Herrn Boldt war seit Jahren Mitglied der Koblenzer Loge. Er hat uns damals, meinen Mann und mich, mit seinem Vertrauen beehrt und uns viel mitgeteilt über seinen - wir dürfen ja wohl sagen — bedauernswerten Sohn, der ihm auch namentlich in gesundheitlicher Hinsicht schwere Sorgen machte. So hatten wir mit ihm zusammen zu tragen und erfuhren auch von ihm, dass sein Sohn an einem größeren Werke arbeitete. Er las uns auch wiederholt Briefe von ihm vor, worin der Sohn ausführlich über seine Arbeiten schrieb und auch erwähnte, was wir eben gehört haben: dass Herr Doktor Steiner ihm selbst gesagt habe, dass er noch zehn Jahre warten möge mit der Veröffentlichung, da er noch zu jung wäre. Kurz, wir haben mit dem Vater zusammen das Entstehen des Buches verfolgt und sein Leid mit ihm getragen. Nun erschien das Buch. Das Erste war natürlich, dass der Vater es uns sozusagen glückstrahlend brachte und sofort der Loge als Geschenk gab. Wir hatten das Buch nicht gelesen, wussten nichts von seinem Inhalt, wussten auch nicht, dass Herr Boldt - wie er den Ausdruck gebraucht - sozusagen «boykottiert» worden war. Sondern als der Vater uns das Buch auf den Tisch legte, hielt ich es für nötig, ein paar Worte darüber zu sagen. Das ist wohl von Herrn Boldt so aufgefasst worden und als halbe Wahrheit wiederholt worden, als wäre von uns eine Empfehlung seines Buches an die Mitglieder ergangen. Aber keines unserer Mitglieder dürfte das Buch gelesen haben; es liegt bis heute wirklich noch unberührt in der Bibliothek.
Herr Direktor Sellin: Ich möchte mir gestatten im Anschluss an Fräulein Stinde zu sagen: Ich habe den Antrag auf Ausschluss nicht ohne Weiteres so allgemein gestellt, sondern Herrn Boldt anheimgegeben, seine Beleidigungen zurückzuziehen. Davon wurde der Ausschluss abhängig gemacht. In der Vorrede seiner Broschüre hat Herr Boldt dann gesagt, dass er, wenn diese Schrift nicht die richtige Anerkennung finden würde, sie einem größeren Werke einverleiben würde. Das ist also eine Drohung. Daher musste schon etwas energisch vorgegangen werden. Das ist in der Form geschehen, dass er zurücknehmen sollte, was er gesagt hat. Herr Doktor Steiner hat ja vollkommen recht, wenn er sagt, dass ich persönlich wahrhaftig nichts gegen Herrn Boldt habe. Herr Boldt ist ein Kranker, ist lungenleidend; ich habe mit ihm das herzlichste Mitleid. Und als er diesen Sommer so schwer gelitten hat, bin ich häufig zu ihm gegangen und habe ihm mit meinen bescheidenen Heilkräften geholfen. Er hat auch gesagt, dass ich ihm manche Linderung gebracht hätte. Und bei der betreffenden Unterredung habe ich nicht in leichtfertiger Weise gesprochen, sondern ich habe ihm in aller Ruhe gesagt, was er Unrechtes begangen habe. Ich sagte ihm auch, weil er fortwährend Nietzsche zitiert: «Lassen Sie uns doch mit Ihren Zitaten in Ruhe. Das klingt ja gerade so, als wenn Nietzsche für uns der Obertheosoph wäre, zu dem wir emporsehen müssten!» Ich habe ihm manches Bittere gesagt, so zum Beispiel: «Wenn ich früher in meiner Stellung als Redakteur ein solches Manuskript zugeschickt bekommen hätte, so wäre das unfehlbar in den Papierkorb gewandert!» Aber, in ganz ruhiger Weise habe ich ihm das gesagt. - Nachdem er dieses Urteil jetzt gehört hat, mag er nun in sich gehen. Er wird allmählich merken, dass er innerhalb unserer Gesellschaft mit seinen Phantastereien über Sexual-Probleme keinen Boden findet.
Herr Dr. Steiner: Es ist ja klar, dass wir uns wirklich in diesem Falle auf den Boden stellen müssen, der einer geisteswissenschaftlichen Bewegung angemessen ist. Ich habe nicht umsonst gesagt, dass Herr Boldt doch heute kein anderer ist, als er immer war, seit er bei uns ist, dass er auch nicht ein anderer wird, wenn er drinnen oder draußen ist - gerade so, wie Zawadzki genau derselbe war, als er noch in der Gesellschaft war; er war dadurch kein anderer als jetzt, wo er draußen ist. Selbstverständlich, dass er jetzt anders schreibt, als er schreiben würde, wenn er in der Gesellschaft wäre; aber das macht es nicht, ein anderer ist er doch nicht. Wir sollen aber doch ein wenig auf das Wesen der Menschenseele achten; darauf kommt es an. Und wenn Sie bedenken, dass wirklich im Laufe der Jahre viel versucht worden ist, um Herrn Boldt zu helfen, ihm Ratschläge zu geben nach den verschiedensten Richtungen, sodass wirklich der Glaube bestehen konnte, wenn der junge Mann zehn Jahre warten würde und in diesen zehn Jahren das lernen würde, was er beim Schreiben seines Buches noch nicht gelernt hatte, dann würde er etwas leisten. Ich meinte damals wirklich: Nach zehn Jahren würde er dann selber bedauern - ich sagte das nicht leichtsinnig -, dass er vor zehn Jahren so etwas geschrieben habe, weil er etwas gelernt hätte.
Wenn Sie das bedenken: Warum sollen wir heute die Notwendigkeit haben, jemanden, dem wir so gegenüberstehen, aus der Gesellschaft auszuschließen? Der Fall liegt ganz anders als die Fälle, bei denen wir in den verflossenen Jahren zu etwas anderem gegriffen haben. Also ich glaube, davon sollten wir durchaus absehen, Herrn Boldt auszuschließen. Und wenn er in Zukunft einen Wert darauf legt, mit den Mädchenpensionaten, Heilsarmeen und Nonnenklöstern zusammen an demjenigen teilzunehmen, was er «Früchte der Geisteswissenschaft» nennt, so wird es ihm — glaube ich - von uns mit derselben Liebe ermöglicht werden, wie es ihm bisher ermöglicht worden ist. Wenn er uns aber in Zukunft wieder mit seinen Schreibereien kommt, so werden wir doch nach dem, was wir erlebt haben, einige Konsequenzen aus diesen Verhandlungen ziehen können.
Herr Bauer verliest folgende Resolution:
Die zweite Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft weist die Art und Weise, wie sich Herr Boldt in seiner Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» über Herrn Dr. Steiner ausgelassen hat, als eine schwere Beleidigung sowohl gegen Herrn Dr. Steiner wie auch gegen die Gesellschaft mit Entrüstung zurück.
Herr Bauer: Wenn schon das Vertrauen denen ausgesprochen ist, die sich positiv betätigt haben, so müsste doch unsererseits auch etwas Positives geschehen -, was vielleicht noch in andere Formen hineingegossen werden könnte —, wie wir zu Doktor Steiner stehen in Bezug auf die Kränkungen, die in dieser Broschüre durch die Zitate und die ganze Art der Darstellung auf ihn gehäuft sind. Also die Absicht dieser Resolution war, eine Art Kundgebung zu erzielen, wie wir vor wie nach - und vi leicht erst recht nach - voll Vertrauen und Treue zu dem Lehrer unserer Bewegung stehen.
Herr Dr. Steiner: Ich denke, wir müssen Abwechslung haben in unseren Verhandlungen, und ich halte es nicht für zweckmäßig, die ganze Zeit mit dem einen Teil auszufüllen. Daher wollen wir jetzt etwas anderes einschieben und die geschäftlichen Verhandlungen vertagen auf morgen Vormittag.
Der Schluss des Protokolls folgt in der nächsten Nummer der Mitteilungen.