The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 21 January 1914, Berlin

11. Vierter Tag

Herr Bauer: Ich habe zu erklären, dass die Resolution, die unsere letzte Versammlung beschloss, zurückgezogen ist, und dass eine neue Resolution eingebracht wird. Bevor wir hierzu gehen, wird es notwendig sein, einen Brief zu verlesen, der für die Vorstandschaft abgegeben wurde:

Der zuletzt von Herrn Bauer [zur Vorlesung gebrachte Antrag zu seiner Resolution ist aus dem ganz richtigen Empfinden hervorgegangen, dass das vorgebrachte Vertrauensvotum seines Gegenbildes als Ergänzung bedürte. Doch scheint mir der Ausdruck «Entrüstung» der Optik nicht mehr angemessen, aus welcher wir entsprechend den letzten Ausführungen Herrn Dr. Steiners die Angelegenheit zu betrachten gewillt worden sind. Entrüstung ist zu sehr der Ausdruck persönlicher affektgefärbter Gefühle, wir aber wollten doch das Persönliche von dem Sachlichen trennen. Das Folgende soll einen Versuch darstellen, das zu formulieren, was etwaals das Resultat der Verhandlungen Herrn Boldt mitzuteilen wäre, ohne dass indessen damit dem Antrag betreff Rundschreiben vorgegriffen sein will. Die erste ordentliche Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft hält es für ihre Pflicht, Herrn Ernst Boldt ihre schärfste Missbilligung auszusprechen für die Art seines Vorgehens und Verhaltens, wie es sich durch die Broschüre «Theosophie oder Antisophie?» und die damit zusammenhängenden Korrespondenzen dokumentiert, denn sie sieht darin eine tiefgehende Verkennung und Verleugnung desjenigen Geistes, den zu pflegen und zu lebendigem Ausdruck zu bringen sie als ihremit Verantwortung empfundene Aufgabe betrachtet. Wenn sie sich mit diesem Protest begnügt und darauf verzichtet, Herrn Boldt aus ihren Reihen auszuschließen, so geschicht das, weil sie von seinem chrlichen und guten Meinen überzeugt, ihn als unter der verhängnisvollen Beeinflussung einer von ihr als unlauter und pseudowissenschaftlich zurückgewiesenen Zeitströmung stehend erkennt und ihm zu seiner weiteren Entwicklung nicht die Möglichkeit nehmen will, das ihr geschenkte Geistesgut sich zu eigen zu machen, solange er selber noch danach begehrt. Sie gibt es ihm aber anheim, in wirklicher Selbstbestimmung Stellung zu der Frage seines Verbleibens in der Gesellschaft zu nehmen, als diese von ihren Mitgliedern erwarten muss, dass siein aufrichtigem Streben gewillt sind, ihr Denken, Fühlen und Wollen von dem Geiste heiliger Wahrhaftigkeit und Reinheit befruchten zu lassen, welcher sich in der genannten Broschüre sowohl als in dem ihr vorangehenden Buch (Sexualprobleme im Lichte der Natur- und Geisteswissenschaft) bisher] nicht zum Ausdruck gebracht hat. gezeichnet Mathilde Redenbacher

Die neue Resolution, die eingebracht wurde, ist vielleicht am besten diesem Briefe gleich mitzulesen. Sie lauter:

Die zweite Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft erklärt ferner [Lücke in der Mitschrift]

Mit diesem «ferner» ist gedacht, die Vertrauenskundgebung gleich anzuschließen

[Lücke in der Mitschrift] der Führung von Herrn Dr. Steiner.

Herr Dr. Steiner: Wenn ich dazu etwas sagen darf, so möchte ich sagen: Da ja doch nicht strikte gesagt werden kann, dass unsere «Mitteilungen» nicht da oder dort auswärts gelesen werden, so erscheint es mir bedenklich, den Schluss dieser Resolution hier anzunehmen - aus dem Grunde, weil es wirklich besser wäre, wenn sie nicht zum Ausdruck brächte, was so leicht missverstanden werden kann, wenn man «Führung» und «Leitung» geradezu als Worte in eine Resolution hineinfasst. Warum kann man es nicht so ausdrücken, dass man Rücksicht nimmt auf das «Einverstandensein» und Rücksicht nimmt darauf, dass man zu der Überzeugung gekommen ist, dass Recht bei der Vertretung dieser Dinge ist? Es ist ja nicht nötig, dass eine Gesellschaft gerade Worte wählt, die eben wirklich auf Schritt und Tritt in unserer heutigen Welt, wie diese schon einmal ist, missverstanden werden können. Selbstverständlich sind sie als solche nicht üble Worte. Aber in unserer Zeit, wo jeder seine absolute Freiheit von jeder Autorität tief und laut betont, damit es etwas kaschiert werde, dass er der allernächsten Autorität nachläuft, ist es nicht klug, nach allen Seiten hin immer wieder Angriffspunkte zu geben.

Herr von Rainer: Darf ich kurz ein Wort noch sagen, das sich vielleicht doch aus dem ergeben dürfte, was ich vorgestern sagen durfte. Ich möchte nur etwas anderes vorausschicken. Ich hörte nämlich, dass man draußen in der Welt, wo so manches umgeht, auch darauf gekommen ist, dass Resolutionen nicht:gar.so wirksam sind: Man hat daher irgendwo eine Resolution gefasst, dass man keine Resolutionen mehr fassen will. Vielleicht nehmen wir, obwohl wir uns sonst das, was draußen geschieht, nicht als Muster nehmen sollten, doch dieses als Muster. Und gehen wir noch einen Schritt weiter: Statt dass wir eine Resolution fassen, fassen wir vielleicht doch den Entschluss: Schreiben wir dasjenige, was Doktor Steiner gestern gesagt hat, uns ins Herz hinein, dass wir ihn verstehen wollen!

Herr Dr. Unger: Gestatten Sie nur in wenigen Worten darauf zu erwidern, dass mit dem, was Herr von Rainer sagte, auch die schon beschlossene Resolution getroffen würde, wenn man gar keine Resolution fassen wollte. Andererseits ist vielleicht zu bedenken, dass es notwendig ist in protokollarisch festlegender Weise die Gesinnung der jetzigen Generalversammlung festzuhalten; sodass mit dem, was als Protokoll in den «Mitteilungen» enthalten sein wird, auch noch in späteren Jahren darauf hingewiesen werden kann, dass die Generalversammlung in einem entscheidenden Augenblicke gewusst hat, was sie wollte.

Fräulein von Sivers stellt den Antrag, die Beschlussfassung über diese Resolution zu vertagen, da man nicht so plötzlich darüber abstimmen kann, sondern Zeit haben muss, um über die Fassung der Resolution nachzudenken.

Der Antrag auf Vertagung der Resolution wird angenommen.

Herr Dr. Steiner: Ein Antrag von Doktor Emil Grosheintz [und von Joseph Englert] unterschrieben, liegt vor:

Dornach Weihnachten 1913 An die zweite Generalversammlungder Anthroposophischen Gesellschaft. Die Unterzeichneten, fest überzeugt, dass in der nächsten Zeit die fast ständige Anwesenheit Herrn Dr. Steiners in Dornach durchaus notwendig ist, wenn der «Johannesbau» nicht in bedenklicher Weise in der Fertigstellung verzögert und in der Ausführung geschädigt, und dadurch die vitalsten Interessen unserer Bewegung aufs Spiel gesetzt werden sollen, stellen hiermit folgenden Antrag: Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft möge tunlichst alle Zweige, denen Vorträge des Herrn Dr. Steiner zugesagt sind, ersuchen, ihre diesbezüglichen Ansprüche fallen zu lassen. Dr. Emil Grosheintz
Vorsitzender des Johannesbauvereins und
Leiter der Baukonferenzen in Dornach
Joseph Englert
Ingenieur für die Bauarbeiten des Johannesbaus

Herr von Polzer-Hoditz: Ich glaube, dass wir eigentlich keine direkten «Ansprüche» erheben können auf Vorträge des Herrn Doktor Steiner, und dass wir aber auch andererseits nicht verzichten können für Leute,

von denen wir nicht wissen, ob sie kommen. Ich meine, dass alle sich herzlich freuen werden, wenn Herr Doktor Steiner in eine Stadt kommt und Vorträge hält - trotz der Schwierigkeiten der Arbeiten am Johannesbau. Und ich denke, dass wir es dann auch als richtig finden werden. Andererseits aber, wenn Herr Doktor Steiner irgendwo gewünscht wird, wo er hinzukommen pflegt, und er es dann unterlässt, so glaube ich, werden sich dort die Anthroposophen auch freuen, wenn er es unterlässt, weil es dann auch das Richtige sein wird. Daher werden wir es Herrn Doktor Steiner überlassen können, ob er irgendwo hinkommen will oder nicht, und stelle daher den Antrag, die Debatte über diesen Antrag zu schließen und zum nächsten Punkt der Tagesordnung überzugehen.

Herr Dr. Steiner: Gestatten Sie mir dazu ein paar Worte. Mit Rücksicht darauf, dass in diesem Winter - oder bis zu Ende der ersten Hälfte des Jahres 1914 der Johannesbau, wenn es irgendwie geht, zu Ende gebracht werden soll, muss ja immer damit gerechnet werden, dass wir vor zwei Schwierigkeiten in der Gegenwart stehen. Die eine ist die, den Johannesbau so schnell als möglich zu fördern. Das sind die Schwierigkeiten, die schon öfter betont worden sind. Auf der anderen Seite stehen wir vor der Schwierigkeit, dass eben, je weiter unsere spirituelle Bewegung vorschreitet, umso mehr sich die gegnerischen Stimmen aus den verschiedensten Winkeln heraus einfinden. Daher ist es außerordentlich schwierig, gerade in der nächsten Zeit der Öffentlichkeit gegenüber schweigsam zu werden. Ich glaube, dass werden Sie alle verspüren, dass es nicht gut wäre, jetzt der Öffentlichkeit gegenüber schweigsam zu werden. So muss gesagt werden, dass von einem Aufgeben der schon für die Öffentlichkeit in Aussicht genommenen Vorträge und des sich an den einzelnen Orten daran Anknüpfenden schon abgesehen werden muss. Was für die Öffentlichkeit in Aussicht genommen ist, muss in diesem Winter schon geleister werden. Davon können wir bei den gegenwärtigen Zeitverhältnissen gar nicht absehen. Dass Neu-Engagements für Vorträge zunächst nicht übernommen werden können, das werden Sie auch einsehen; namentlich werden Sie einsehen, dass nicht bestimmte Zeitpunkte festgelegt werden können auf lange Zeiten hin. Wenn heute jemand kommt wegen Vorträgen und dergleichen, so muss man ihm ja leider sagen: Vielleicht ist es möglich da oder dort hinzukommen, aber festlegen lassen sich die Zeitverhältnisse nicht, weil es sich nicht vorherbestimmen lässt, wann in Dornach gerade die notwendigsten Arbeiten vorliegen und man da sein muss. Es könnte also sein, wenn die Mitglieder in Bezug auf diese oder jene Unbequemlichkeiten hin schnelle Arrangements übernehmen könnten, dass dennoch etwas für die Zukunft herauskommen könnte. Wir müssen also mit den gegebenen Bedingungen rechnen. Was aber wirklich bis zu einem hohen Grade besser werden könnte, das ist, dass schon für die Zeit der nächsten Monate ein Einsehen geübt werden könnte überall dort, wo ich hinkomme, in Bezug auf die privaten Besprechungen. Der Johannesbau ist wahrhaftig nicht etwas, was einen nur in Anspruch nimmt, wenn man da oder dort an dieser oder jener Ecke steht. Die Dinge müssen werden. Und es gehört viel Zeit dazu, dass sie werden. In dieser Beziehung ist eine Verständigung wirklich recht schwierig. Denn gewiss: Man kann verstehen, wenn man jemandem sagt: «Ich habe heute Nachmittag nicht die Möglichkeit, jemanden zu empfangen», und wenn der Betreffende dann sagt: «Ich habe Sie aber nur zwei Minuten in Anspruch zu nehmen.», wobei er nicht daran denkt, dass diese zwei Minuten unter Umständen ebenso viel bedeuten können als eine Stunde, weil man aus einer fortlaufenden Arbeit ganz herausgerissen wird.

Ich werde, wenn etwas Notwendiges vorliegt, schon zur Verfügung stehen; aber es könnte ein wenig Einsehen in dieser Beziehung geübt werden. Das kann nicht durch eine Resolution, nicht durch einen Antrag erreicht werden, sondern nur, wenn die Mitglieder der Sache Verständnis entgegenbringen, und dieses Verständnis sich ein wenig ausbreitet. Man kann ja recht viel tun, namentlich nach einer Richtung hin, so zum Beispiel, wenn unsere Mitglieder, die sehr viel tun können, wenn jemand eine menschliche Hilfe braucht, selber helfend dem oder jenem gegenübertreten. Und wenn manches andere noch geschieht an Verbreitung von Einsicht, so wird schon einiges nach dieser Richtung hin geleistet werden. Die Entlastung von Privatgesprächen, privaten Besprechungen und die Einsicht in dieser Beziehung ist das Wünschenswerte. Das kann man vielleicht gar nicht durch ein Antragstellen erreichen; aber durch Verständnis und Entgegenkommen kann man sehr weit kommen.

Gegenüber dem Johannesbau haben wir alle eine gewisse Verantwortung. Denken Sie, dass unsere Mitglieder mit großer Liebe und Hingebung die Mittel zum Bau zur Verfügung gestellt haben. Er darf ja nicht nachlässig gebaut werden. Er muss wirklich das werden, was wir uns versprechen. Das geht aber nur, wenn wir nicht zu viel Arbeitskräfte der Sache entziehen.

Ich denke, dass dies notwendig war hinzuzufügen, bevor wir über die Sache irgendetwas entschließen.

Der Antrag «Übergang zur Tagesordnung» wird darauf ohne Gegenstimmen angenommen.

Fräulein Scholl: Ich möchte heute folgenden Antrag stellen mit Bezug auf den gestern gefassten Beschluss, dass die angenommene Resolution auch in den «Mitteilungen» noch an besonderer Stelle gedruckt wird auf einem perforierten Zettel mit der Bitte, dass die hier nicht anwesenden Mitglieder noch ihre besondere Zustimmung geben, ob sie damit einverstanden sind. Ich glaube, es ist wirklich nicht notwendig, damit die beiden Damen der Münchener Loge von dem Vertrauen zu ihnen überzeugt sind, dieses noch durchzuführen. Es würden sich viele Korrespondenzen daran noch anschließen, und man kann nach den bisherigen Erfahrungen wohl schließen, dass es manche unerquickliche Korrespondenzen noch geben würde, die aber zu nichts führen. Dann ist auch noch in Betracht zu ziehen, dass die ganze Sache noch eine weitere Reklame für die Broschüre des Herrn Boldt sein würde. Daher glaube ich, dass es richtiger wäre, diesen Beschluss nicht durchzuführen, und beantrage, ihn umzustoßen.

Es sprechen für Annahme dieses Antrages Herr Direktor Sellin, Herr Gantenbein, Herr Baron Walleen, Fräulein von Sivers und Gräfin Kalckreuth. Der Antrag wird angenommen; damit ist der Beschluss, der auf Antrag von Fräulein Waller gefasst wurde, annulliert.

Frau Wolfram: Ich möchte einen Antrag stellen. Wir haben ja alle genugsam gefühlt, wie schr wir alle diese Tage unter der Tyrannis eines jungen unreifen Menschen gestanden haben. Nun meine ich, sollte doch etwas beschlossen werden, was eine Schutzwehr dagegen bilden kann, dass solche Dinge sich bei der nächsten Generalversammlung nicht wiederholen: Ich habe Gelegenheit gehabt, mit allen Vorstandsmitgliedern darüber zu sprechen, was ich jetzt beantragen werde.

Wenn jemand aus dem Kreise unserer Mitglieder den Wunsch hat, an die Generalversammlung einen Antrag zu stellen, so müsste dieses Mitglied zuerst diesen Antrag vier Wochen vor der Generalversammlung einbringen, man weiß ja ungefähr, wann die Generalversammlung stattfinden wird, damit Zeit bleibt, um sich überlegen zu können, wie man sich zu diesem Antrage stellt. Würde dieser Antrag Boldt vielleicht vier Wochen vor der Generalversammlung eingebracht worden sein, so würde Herr Doktor Steiner ein anderes Vortragsthema gewählt haben, wie Sie selbst haben hören können.

Sodann beantrage ich, dass jedes Mitglied, das einen Antrag einbringen will, dafür sorgen muss, sieben Mitglieder und drei Vorstandsmitglieder zu finden, welche sich mit diesem Antrage solidarisch erklären. Man könnte dann nicht mehr sagen, dass es sich um eine flüchtige Meinung handele, sondern es wäre damit eine ganz bestimmte Gruppe als Träger des Verantwortlichkeitsgefühles für einen solchen Antrag vorhanden. Man wende nicht ein, dass es eine schwierige Maßnahme wäre, die man da verlangt.

Ist der Antrag wirklich wert vor unser Forum gebracht zu werden, so werden sich ohne große Schwierigkeiten sieben Mitglieder und drei Vorstandsmitglieder finden lassen, die geneigt sind, ihn zu unterstützen. Ist es nicht möglich unter den 3600 Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft sieben Kollegen und drei Vorstandsmitglieder zu finden trotz eifrigen Bemühens, so wird die Sache nicht wert sein, vor unser Forum gebracht zu werden. Man wende auch nicht ein, dass jemand, der isoliert lebt, nicht genügend Mitglieder kenne. Wir haben ja die Reichspost. Ein Antrag, der hier besprochen werden soll, muss einer sein, der nicht flüchtig durch ein Hirn schießt, sondern der Ergebnis gewissenhafter und gründlicher Überlegung ist. Und ist der Antrag wertvoll genug, so wird jeder mithilfe einiger Briefmarken und etwas Papier die Möglichkeit haben, gleichgesinnte Mitglieder zu finden. Es wird diese Einrichtung, welcher die Unterstützung eines Antrages durch eine Gruppe von zehn Antragstellern fordert, eine Art Schutzwehr sein gegen ein allzu leichtfertiges Antragstellen. Man findet vielleicht noch mit Bequemlichkeit sieben Mitglieder für einen recht wenig empfehlenswerten Antrag an die Generalversammlung; es könnten zum Beispiel sieben Mitglieder sein, die ganz jung hineingekommen sind in die Bewegung und daher noch wenig über die Bedeutung der Bewegung orientiert sind. Daher ist es gut, wenn noch drei Vorstandsmitglieder sich dazu finden, die als ältere Mitglieder Gelegenheit hatten, sich über die Ziele der Bewegung klar zu werden.

Wenn Sie das alles in Erwägung ziehen, werden Sie nicht gut sagen können, man verlange zu viel. Es muss ein Äquivalent dafür geschaffen werden, dass hier Arbeit und Kraft hingegeben werden zur Prüfung eines Antrages; dieses Äquivalent muss darin bestehen, dass der Antrag wert ist der Zeit und der Kraft, welche wir dafür aufwenden. Es soll also der Antrag lauten:

Jeder, welcher der Generalversammlung etwas zu unterbreiten wünscht, muss seinem Antrage zugefügt haben die Unterschrift von sieben Mitgliedern und drei Vorstandsmitgliedern, gleichgültig, ob diese drei Vorstandsmitglieder einer oder verschiedenen Logen angehören. Außerdem muss der Antrag rechtzeitig vier Wochen - oder wenigstens drei Wochen vor der Generalversammlung abgeliefert werden.

Und dann möchte ich noch etwas anderes. Muss man es noch «beantragen», oder sind wir uns seiner Notwendigkeit nicht als Frucht all der peinlichen Stunden, die wir durchgemacht haben, schon bewusst? Muss ich es als Antrag formulieren, so würde er lauten: Ich beantrage, dass man dem Gesamtvorstande der Anthroposophischen Gesellschaft freudig das Recht zugestehe, auf der der Generalversammlung vorangehenden Vorstandssitzung Anträge, die ungeeignet sind, in den Papierkorb zu werfen. Es soll nichts verheimlicht werden. Sondern wenn Sie uns das Recht auf den Papierkorb geben, so würde Ihnen am Tage der Generalversammlung ein Resümee unterbreitet werden, das - ich hoffe, dass Sie es voraussetzen - in der rechtmäßigsten Weise verfasst worden ist. Dadurch würden Sie ordnungsgemäß unterrichtet werden über das, was in der Quintessenz der Antrag war, und warum wir ihn in den Papierkorb geworfen haben, und es würde nicht das Geringste verheimlicht werden. - Das, meine ich, müsste man gern zugestehen einem Vorstande, den man freiwillig gewählt hat.

Frau von Ulrich: Ich bin der Meinung: Der erste Antrag ist insofern schwierig, als ein Antrag etwas sehr Wichtiges enthalten kann, was noch nicht bekannt ist, und dann kann der Antragsteller eine Persönlichkeit sein, die nicht die Möglichkeit hat, so viele Leute aufzutreiben, welche die Sache unterschreiben. - Die vier Wochen Frist sind wohl etwas durchaus Notwendiges, denn unüberdachte Anträge brauchen eine Zeit zum Reifen. Ich bin für diese Anträge, obgleich ich glaube, dass der zweite Antrag den ersten aufheben würde.

Frau Wolfram: Das letzte scheint mir nicht der Fall zu sein, denn es würde viel Arbeit erspart werden, wenn der Antrag I angenommen wird. Vielleicht ließe sich noch bei der Formulierung hinzufügen: Wenn jemand nicht die Möglichkeit hat, zehn Menschen für sich zu finden, so wende er sich an den Gesamtvorstand, dass er sich des Antrages annehme. Ich tue es dann zum Beispiel sehr gern.

Herr No[vJak: Es handelt sich bei diesem weitgehenden Antrag um Verschiedenes, zunächst um Folgendes: Würde es dann überhaupt nur möglich sein, einen Antrag drei Wochen vorher schriftlich zu stellen? Oder würde es dann noch möglich sein, während der Generalversammlung erst aus der Verhandlung sich ergebende Anträge zu stellen? - Aber etwas anderes möchte ich noch erwähnen. Meiner Empfindung nach ist wirklich die Zeit, die wir mit der Behandlung dieses ersten Stoffes zugebracht haben, nicht ganz gestohlen gewesen. Es sind durch so unendlich wertvolle Ausführungen verschiedener Persönlichkeiten solche Dinge geklärt worden, welche für unsere ganze Arbeit von einem großen Werte sind. Wir können sogar sagen: Es ist uns damit ein Geschenk gegeben worden!

Wenn man nur die Arbeit beurteilt nach dem, was große Gruppen arbeiten, dann fallen viele Fragen weg. Wo sich aber Gruppen erst bilden, da tauchen so gewisse Kinderkrankheiten immer wieder auf. Alles, was der heutigen Zeit gewiss entspricht, taucht in erschrecklicher Weise heute auf. Nicht nur von einer Seite, die sich «wissenschaftlich» nennt, sondern auch von einer Seite, die sich «künstlerisch» nennt, will das in unsere Arbeit hereingebracht werden, was ganz unter das gehört, was wir nun behandelt und abgewiesen haben; sodass diejenigen, welche in treuer Weise standhalten und die Anschauungen vertreten, die wir wollen, die unglaublichsten Schwierigkeiten haben.

Wenn das, was hier verhandelt wird, in den «Mitteilungen» erscheint — was einen unendlichen Wert für den Beginn von Arbeiten hat und haben muss -, so hat die Gesellschaft damit dokumentiert, was wir arbeiten und arbeiten müssen; und wir werden es dann leicht haben etwas abzuweisen, was vielleicht aus bestem Wollen sich an uns herandrängt. So ist das, was wir geleistet haben und an Zeit aufgewender haben, wirklich gut angewendet worden. Und wenn irgendein Antrag in der Zukunft eine so große Bedeutung haben wird wie dieser hier, und es wird uns ein ebenso reiches Geschenk zukommen, indem so verhandelt wird, dann wird sich das wieder positiv in unsere Arbeit hineinstellen. Wenn kleine, nichtige Anträge vorliegen, so wird diese ja auch die Generalversammlung in kürzester Zeit abfertigen. - Ich bin nicht im Prinzip dagegen, dass dem weiteren Vorstande das Recht eingeräumt werde, gewisse Anträge im eigenen Wirkungskreise zu erledigen und dann im Resümee mit der Erledigung zu unterbreiten. Im Gegenteil, das wäre eine Art der Lösung. Aber in solchen Anträgen, wie sie gestellt wurden, nur etwas Negatives und uns Aufhaltendes zu sehen, dem kann ich mich nicht anschließen; denn alles scheinbar Negative wird durch den Sinn unserer Arbeit und durch die Art und Weise, wie diese Arbeit von unserm Lehrer geleitet wird, zu etwas Positivem immer umgewandelt.

Herr Kühne: Ich möchte auf das zurückgehen, was der Herr Vorredner gesagt hat, und bemerken: Wenn der Antrag von Frau Wolfram in dieser Weise angenommen wird, so würden damit Anträge aus der Generalversammlung heraus selber ausgeschlossen werden. Es müsste aber doch möglich sein, dass Anträge aus der Generalversammlung heraus selber zulässig sind; sonst könnte man aus der Verhandlung heraus keine Anträge mehr stellen.

Fräulein von Sivers: Wir haben gewiss die Möglichkeit gehabt, viel Neues hinzuzulernen, aber es ist in unserer Erinnerung noch die leidige Vollrath-Affäre. Die ganze Sache ist vielleicht nicht ganz so streng, wie sie vorgeschlagen worden ist. Denn wenn jemand nicht sieben Mitglieder kennen wird und für seinen Antrag zusammenbringen wird, so wird der Antrag wirklich nicht so ganz bedeutend sein. Der diesjährige Antrag war ja wirklich eine Quelle neuer Weisheit für uns; aber wir haben andere Anträge hinter uns, bei denen nur die Sucht vorgelegen hat, den Keil in unsere Gesellschaft zu treiben. Wir wissen: Seit dem Münchener Kongresse im Jahre 1907, wo wir zum ersten Mal selbstständig auftraten, wurde beschlossen, den Keil in unsere Arbeit zu treiben! Und seitdem wurden alle unterstützt, die aus krankhafter Eitelkeit und Eigenliebe zur Geltung kommen wollten. Wir stehen jetzt im siebenten Jahre unseres selbstständigen Arbeitens; vielleicht sind es jetzt die abflutenden Wogen, die sich bemerkbar machen. Aber wir haben es erleben müssen, dass die direkte Absicht vorlag, die Arbeit bei uns zu stören, und dass Anträge vorlagen, die aus dieser Absicht entsprungen waren. Da könnte es ein Schutz sein für die vergangenen sieben Jahre und auch ein Schutz für die künftige Arbeit, wenn die Anträge [von Frau Wolfram] angenommen werden.

Vielleicht genügt ein Vorstandsmitglied statt drei, oder vielleicht findet man auch einen anderen Modus noch, aber doch eine Art auf die Anträge einzugehen, weil uns durch gewisse Anträge in den verflossenen Jahren nur Zeit geraubt wurde.

Um zwei Uhr werden die Verhandlungen unterbrochen; ihre Fortsetzung wird auf Donnerstag, den 22. Januar, zehn Uhr vormittags festgesetzt.

German original of Second General Assembly of the Anthroposophical Society — Day Four · ← Previous · Next →