The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 24 January 1914, Berlin
14. Schlusswort von Rudolf Steiner zur Zweiten ordentlichen Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft
Meine lieben Freunde!
Es würde mir doch leidtun, wenn wir ohne ein Abschiedswort diesmal auseinandergingen. Es haben ja die Freunde während dieser Generalversammlung sozusagen harte Arbeit verrichten müssen. Ich denke, so schätzungsweise dürften unsere geschäftlichen Verhandlungen 17 bis 18 Stunden in Anspruch genommen haben, und sonst haben wir ja auch die Tage «ausgefüllt» gehabt. Trotzdem vielleicht mancher der Freunde von dieser Generalversammlung anderes erwartet hat, als er nun in der Lage ist, mit nach Hause zu nehmen, so wird - wie mir scheint - doch auch diese Generalversammlung vielleicht für uns nicht ganz unfruchtbar geblieben sein. Sie hat uns auf der einen Seite gezeigt, wie wir in einem Jahre «Anthroposophischer Gesellschaft» gewissermaßen zu einem Tasten vorwärtsgekommen sind; aber wir werden vielleicht aus dem, was uns dieses Tasten gebracht hat, einiges Fruchtbare gewinnen können für die Art und Weise, wie wir uns im Sinne und im Geist der «Anthroposophischen Gesellschaft» weiterbewegen sollen.
Wenn wir von diesem Äußeren, das mit mancher Dissonanz auch in diesen Tagen durchsetzt war, auf den Kern und das Wesen unserer Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung uns besinnen, so dürfen wir ja immerhin zwei Dinge betonen und in den Herzen mit hinaustragen: dass doch wohl recht viele - vielleicht alle unter uns, die wir dagewesen sind — das Gefühl haben erhalten können von der Kulturbedeutung, dem Kulturwesen und der Aufgabe unserer anthroposophischen Bewegung. Haben wir doch - veranlasst durch einen Fall, für den wir gleichsam herausgefordert waren und den in entsprechender Weise zu behandeln, wir uns eben nicht anders helfen konnten, als ihn so zu behandeln, wie es geschehen ist — haben wir doch durch diesen Fall das Gefühl erhalten können, wie wir verständnisvoll und wachen Auges auf das hinsehen sollen, was «pseudowissenschaftlich» in unserer Gegenwart so aufdringlich zutage tritt und sich zum Richter aufbäumt gegenüber den aus dem Wesen der menschlichen Entwicklung herausgeholten Kulturtendenzen, deren innere Berechtigung wir ja einzusehen versuchten. Wollen wir uns ja über diesen Dingen keinen Missverständnissen hingeben. Manches herbe Wort musste in diesen Tagen gesprochen werden, musste gesprochen werden. Wir sollen aber nicht etwa das Bewusstsein mitnehmen, dass nunmehr etwa von uns als nicht mehr wahr zu halten sei, was so oftmals von mir im Laufe der Jahre und insbesondere auch im Laufe der letzten Monate ausgesprochen worden ist: dass in der Naturwissenschaft, in der Wissenschaft überhaupt im Laufe der letzten Jahrhunderte und vor allem im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Menschheit zu bewunderungswürdigen, gloriosen Resultaten gekommen ist, und dass wir als Geisteswissenschaftler diese gloriosen, die fruchtbaren Resultate zu bewundern haben. Man muss eben unterscheiden lernen gerade als Geisteswissenschaftler die Arbeit, die rein positiv geleistet wird, indem die Leute im Bereiche zum Beispiel der naturwissenschaftlichen Tatsachen arbeiten, sie verstehen und handhaben können, man muss unterscheiden können zwischen diesem Arbeiten, das gewiss fruchtbar ist in unserer Gegenwart, und dem, was sich als allerlei Philosophien, Weltanschauungen und dergleichen in unserer Gegenwart auftut und was wir manchmal so herb charakterisieren mussten. Man darf dabei vielleicht aufmerksam machen, wenn manches herbe Wort gesprochen worden ist, dass wir ja in unserer Zeit in gewisser Beziehung «feine Leute» geworden sind, und dass wir uns auch mit unseren herben Worten nur für unsere Zeit herbe ausdrücken. Ich darf vielleicht auf eine Erscheinung aufmerksam machen, die wir zum Vergleich heranziehen können.
Luther hatte einen Genossen, Melanchthon, der für seine Zeit ein feiner, subtiler und ein durchaus auch auf der Höhe der Zeit stehender Gelehrter war. Melanchthon war enthusiasmiert für die Geschichtswissenschaft, für die Historie, und betrachtete es als seine Aufgabe, diese historische Wissenschaft zu verteidigen gegen alle die nicht nur, die sie angreifen, sondern die sie nicht leiden können. Da hat er denn auf seine Art sein Gefühl zu begründen versucht gegenüber allen denen, welche die historische Wissenschaft nicht leiden können, und hat es in einem prägnanten Satz ausgesprochen: «Alle die Menschen, die keinen Sinn haben für Historie, sind eine grobe Sau!» — So drücken wir uns ja doch nicht aus, wenn auch manches herbe Wort gefallen ist. Und wir dürfen auch schon für uns auf den Unterschied aufmerksam machen, der besteht zwischen den Überfällen von außen, die aus inferioren Standpunkten gemacht werden, und den notwendigen Verteidigungsmitteln, die wir brauchen gegen Pseudo-Wissenschaft und gegen Pseudo-Geistesleben; und wer unterscheiden will, der wird schon den nötigen Unterschied finden zwischen der Art, wie man uns behandelt, und zwischen der Art, wie wir dasjenige, was in der Gegenwart schon einmal charakterisiert werden muss, in der richtigen Art in diese Gegenwart hineinzustellen versuchen. Sonst erlebt man ja tatsächlich Stück für Stück im Grunde genommen eigentlich nur, dass wahre Wissenschaft in den Tatsachen, wie sie sich geltend machen, durchaus nicht dazu geeignet ist, das, was die Geisteswissenschaft will, etwa zu widerlegen, sondern überall zu bestätigen.
Sie haben in diesen Tagen den zweiten interessanten Vortrag unseres Freundes Arenson gehört, der Ihnen wieder auseinandergesetzt hat, was einmal in Stuttgart bei einem der ersten unserer Zyklen über das Innere der Erde gesagt wurde. Und Herr Arenson hat Ihnen auseinandergesetzt, dass man nach alledem, was man so gewohnt ist zu wissen, perplex, überrascht gewesen sein konnte von dieser Schilderung des Erdinnern. Nun, wenn man alles zusammennimmt, was seither die Wissenschaft über das Erdinnere gesagt hat, namentlich was sie in der letzten Zeit sagen konnte, so wird man finden, dass sogar in Bezug auf diese sonderbar scheinenden, paradox scheinenden Schilderungen über das Erdinnere die Wissenschaft langsam nachhumpelt. Sie können heute schon in wissenschaftlichen Kreisen Ausführungen finden, welche da brechen mit dem «feurig-flüssigen Erdenkern» und so weiter, was aus alter Zeiten Kram zu uns herübergekommen ist und heute noch in den Weltanschauungsströmungen fortfiguriert. Sie können finden, dass die Wissenschaft über diese Dinge zur Tagesordnung übergegangen ist. Für das, was oftmals als «Weltanschauung» in unserer Gegenwart gepflogen wird, müssen wir ein offenes Auge haben und müssen uns bewusst werden, wie das, was wir zu vertreten haben, in die Gegenwart hineinzustellen ist.
Das ist ja im Grunde genommen etwas, was zu unserer eigentlichen Aufgabe dazukommt. Wahrhaftig, es könnte uns lieber sein, wenn wir in Ruhe gelassen würden von links und rechts und von allen Seiten und [wir] das pflegen könnten, was wir aus den geistigen Gebieten heraus erforschen können, und wenn wir das also aus der geistigen Welt heraus Erforschte mit derselben Ruhe vor der Welt vertreten könnten, mit der vertreten werden darf, was auf rein sinnlichem Gebiete erforscht wird. Dass wir uns überhaupt mit der äußeren Wissenschaft, namentlich mit [ihrer] Pseudo-Ausgabe, befasst haben, das musste geschehen, weil Autorität und Autoritätssucht in der Gegenwart zu sehr Rollen spielen.
Wir können uns immer wieder vor diese einfache Tatsache hinstellen, dass dieses oder jenes aus den Tiefen der Geistesforschung herausgeholt wird, und dann willig der eine oder der andere kommt und erklärt: Das kann gegenüber der «Wissenschaft» nicht bestehen! Wir müssen uns immer wieder und wieder nicht nur bewusst werden, dass es bestehen kann, sondern wie es vor der Wissenschaft bestehen kann. Was heute da oder dort als sogenannte «wissenschaftliche Weltanschauung» vertreten wird, von dem sollten unsere Anthroposophen wissen, was es eigentlich ist. Leider hat man immer wieder und wieder in den letzten Zeiten, zu oft Gelegenheit gehabt zu sehen, wie sich unsere Theosophen doch von dem oder jenem imponieren lassen. Vielleicht hat gerade diese Generalversammlung einiges von dem bewirken können, dass sich unsere Theosophen nicht mehr von allem imponieren lassen, sondern zuschauen, wie die Dinge sind. Eine gerade Strömung von manchem, was wir von der Gegenwart charakterisieren mussten, geht hinein in die Weltanschauung, die auch in theosophischen Kreisen Rollen spielt. Man hat da in den Jahren, als wir noch in der anderen Theosophischen Gesellschaft waren, mancherlei Erfahrungen machen können. Wenn unsere Theosophen wachsam sein werden und wirklich sich hineinfinden können in den innersten Quell und Impuls unserer anthroposophischen Arbeit, so werden sie sich nicht mehr von allerlei Weltanschauungsdingen imponieren lassen wie etwa das «Liebesleben in der Natur» von Wilhelm Bölsche ist und dergleichen. So ist es doch immer wieder vorgekommen, dass man sich von diesen Dingen hat imponieren lassen. Und manchmal stieg mir das Bild auf bloß des Stiles eines solchen Werkes, wie es das «Liebesleben in der Natur» ist, wenn ich manches Wort gerade in diesen Tagen hören musste. Sie haben gesehen an der feinen, vornehmen Art, wie unser Doktor Hermann sein "Thema behandelt hat, dass man wahrhaftig über alles sprechen kann. Aber auch hier handelt es sich um das faustische Wort: «Das Was bedenke, mehr bedenke Wie!» Auf das «Wie» kommt es an. Es ist ja sehr traurig, dass im Grunde genommen so wenig bemerkt wird - ich bitte: Lesen Sie sich das «Liebesleben in der Natur» durch, und versuchen Sie sich zu vergegenwärtigen, was Sie da alles in die Hand nehmen sollen - all das schleimige Zeug, was man da in die Hand nehmen soll! Ich darf vielleicht bei dieser Gelegenheit auf einen Aufsatz von Leo Berg hinweisen, der einen sehr schönen Aufsatz «Über das Liebesleben in der Natur» geschrieben hat über all die Dinge, die man da in die Hand nehmen muss. Aber diese Weltanschauungen, sie haben einen Grundcharakter: Sie sind dazu geeignet, dass der Bierphilister auch «Idealist» sein kann; und er wur sich so wohl, wenn er sich sagen kann: Ich kann auch Idealist sein! Das Philisterium des Idealismus spreizt sich in solchen Fällen!
Wir müssen uns bewusst sein - und immer mehr und mehr bewusst werden, auf welchen Boden wir uns notwendigerweise stellen müssen. Wir müssen lernen dem, wovon man sich nur allzu leicht imponieren lassen kann, ein wenig auf die Finger zu schauen; dann wird es schon unsern Freunden aufgehen, dass das, was durch die Journale pulsiert als Weltanschauungsdinge, was auch in den populären Versammlungen, in den materialistischen oder monistischen Versammlungen und dergleichen als «Weltanschauung» vertrieben wird, gar nicht einmal Wissenschaft der «Gegenwart» ist, auch nicht einmal Wissenschaft von gestern - sondern von vorgestern. Die Leute können große Chemiker sein - und nicht einmal die Fundamente des Denkens beherrschen! Man merkt es nur nicht oft. Da ist es denn begründet, dass man möglichst scharf rezensiert, wenn man diese Dinge darzustellen hat. Die heute durch die Journale und so weiter pulsierenden Weltanschauungen sind eben nur Surrogate für eine Wissenschaft, denen gegenüber man aber im weitesten Umfange sagen muss: Würden nur die Leute sich auf den Standpunkt wahrer Wissenschaft stellen, sie würden bald die vollständige Harmonie sehen zwischen wahrer Wissenschaft und dem, was wir «Geisteswissenschaft» nennen! Aber über so manches, was sich aufseiten des Monismus uns weiter als «heutige Wissenschaft» auftut, darüber ist von der wahren Wissenschaft vor Jahrzehnten bereits der Leichenschmaus gehalten. Und was die Monisten von heute als Wissenschaft haben, ist das, was von dem damaligen Leichenschmaus die übrig gebliebenen kalten Hochzeitsschüsseln ihnen geben! Von dem Übriggebliebenen nähren sich diese Weltanschauungen!
Das alles sollen nur Töne sein zum Schlusse unserer Generalversammlung, um uns ans Herz zu legen, dass lernen, in unser Herz einzuschreiben, die Impulse unseres - lassen Sie mich jetzt das paradoxe Wort sprechen - anthroposophischen Wollens wirklich hinauszutragen in die Welt, so gut wir es können.
Meine lieben Freunde, Sie haben ja gezeigt, dass Sie ein Herz haben können zu unserer Sache; Sie haben es gezeigt bei der Opferwilligkeit gegenüber dem Johannesbau. Diese Opferwilligkeit legt uns auf der anderen Seite auch Verpflichtung und Verantwortung auf - eine Verantwortung dahingehend, dass der Johannesbau ein Wahrzeichen werde für das Allerwürdigste, was wir aus unserer anthroposophischen Sache machen können. Er soll nach jeder Richtung hin gedacht werden, obwohl er doch nur ein Versuch sein kann. Aber mag er ein Versuch sein, so mag er doch das sein, was er im Sinne des gegenwärtigen Menschheitszyklus sein muss: der Versuch, Wahrzeichen anzubringen für etwas, was aus der Erkenntnis der Menschheitsevolution heraus notwendigerweise zu einem wichtigen, bedeutungsvollen neuen Impuls in der Menschheitsbewegung gemacht werden muss. Wahrhaftig, mit tiefster innerster Befriedigung können wir über die Opferwilligkeit gegenüber unserm Johannesbau nach Hause gehen, mit den besten Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft, dass uns auf diesem Felde unser Wollen gelingt. Aber möge auch, meine lieben Freunde, dieses Wollen unser ganzes Herz, unsere ganze Seele ergreifen, wenn wir hinauskommen in unsere Logen, in unsere Arbeitsgruppen. Versuchen wir so fruchtbar als möglich zu machen, was wir fruchtbar machen können.
Es ist wirklich bei dieser Generalversammlung immer das Erfreuliche, dass wir sehen können, wie unsere Freunde arbeiten, wie unsere Freunde ihr Eigenes darbringen. Und gewiss ist nichts berechtigter als das, dass unsere Freunde ihre Arbeiten bei Gelegenheit der Generalversammlung mit andern austauschen. Aber versuchen wir namentlich dasjenige, was wir so schön im Laufe der Jahre erarbeitet haben, an Spezialstätten unseres Wirkens und überall da, wo wir können, zur Verstärkung der Impulse unserer anthroposophischen Sache an immer mehr und mehr Menschen heranzubringen. Versuchen wir von dem Geiste aus, den wir vielleicht in diesen Tagen haben verstärken können, versuchen wir von diesem Geiste aus in seiner Verstärkung unserer Arbeitsgruppen Leben immer mehr und mehr, immer reger und reger zu durchdringen.
Meine lieben Freunde, was es heißt, in würdiger, ganzer Weise mit seiner Persönlichkeit die Art hinzustellen, wie man für die Wahrheit spiritueller Tatsachen und Wesenheiten einzutreten hat, wenn man sie als solche fühlen kann, das hat uns tief in das Herz eindringen können, als unser lieber Herr Direktor Sellin in diesen Tagen zu uns gesprochen hat. Lassen Sie sich maßgebend sein, was es heißt: mit der ganzen Persönlichkeit einzutreten für das, was Sie zu leisten haben, sei es in der einen oder andern Form. Der eine wird es in denkerischer, in wissenschaftlicher Form, der andere in jener Form zu leisten haben. Jede Form ist wertvoll, wenn sie der unmittelbare Ausdruck dessen ist, was wir in unserer Persönlichkeit einzusetzen haben. Es muss immer mehr und mehr jene sonderbare Scheu schwinden, die wir lange Jahre gehabt haben, und die sich darin ausdrückte, dass gar viele gesagt haben: Man müsse, wenn man da oder dort mit der Theosophie oder Anthroposophie auftritt, möglichst den «Namen» verschweigen, müsse den Leuten nur die «Sache» bringen. Es hilft nichts, es hilft wahrhaftig nichts: Ganz müssen wir lernen — wir können es selbstverständlich von niemandem lernen —, uns einzusetzen genau in dem Grade, in dem wir selber in der Sache stehen! Und je reger, je intensiver unserer Arbeitsgruppen Leben sein wird, desto mehr wird uns gelingen - nicht allein für uns, sondern zum Heile der ganzen Menschheit. Vielleicht hätten wir gewiss gern manches andere während dieser Zeit der Generalversammlung erledigt. Aber wenn diese Generalversammlung dazu beigetragen hat, das eben charakterisierte Bewusstsein in uns zu verstärken, wenn es vielleicht manche unter uns dazu geführt hat, noch schärfer zu sehen, wie wir die Augen zu richten haben auf Pseudo-Wissenschaft, die am liebsten tottreten möchte die heute ja noch zähen zarten Keime unseres spirituellen Lebens, dann ist auch etwas getan.
Ich kann es allen denen nachfühlen, welche am liebsten reine Pflege spirituellen Lebens hätten, und denen es in einer gewissen Beziehung vielleicht Schmerzen macht, dass wir dieses oder jenes in starre wissenschaftliche Formen pressen mussten, dass wir uns befassen müssen mit dem oder jenem, womit wir uns vielleicht nicht befassen müssten, wenn unserer Bewegung nicht so viele Hindernisse in den Weg gelegt würden. Ich kann das alles verstehen. Aber versuchen Sie auch, innerhalb unserer ganzen Bewegung demjenigen Verständnis entgegenzubringen, dass es notwendig ist, dass immer mehr und mehr wissenschaftliche Köpfe unter uns sind. Ich bin wirklich weit davon entfernt zu verlangen, dass alle unter uns wissenschaftliche Köpfe sind; aber wenn es auch nur wenige unter uns sind, so versuchen Sie diesen wenigen das richtige Verständnis entgegenzubringen. Der Krebsschaden, der während der Theosophischen Gesellschaft herrschte, aus der wir herausgeworfen sind, er war der, dass dort die führenden Persönlichkeiten oder die es zuletzt geworden sind, Misses Besant und Mister Leadbeater, beide unwissenschaftliche Persönlichkeiten sind, die keine wissenschaftliche Grundbildung haben. Es hätte niemals zu den Ausschreitungen innerhalb dieser Bewegung kommen können, zu denen es gekommen ist, wenn diese führenden Persönlichkeiten die geringste wissenschaftliche Bildung gehabt hätten. Wie gesagt: Ich will nicht für den einen oder den andern wissenschaftliche Bildung fordern, aber ich möchte eintreten für diejenigen unter uns, die in wissenschaftliche Formen dasjenige gießen möchten, was selbstverständlich in erster Linie in Form der «Mitteilung aus den geistigen Welten» auftreten muss. Die welche verfolgt haben, wie versucht worden ist, aus der Akasha-Chronik heraus das Leben des Christus Jesus darzustellen, die werden uns schon nicht vorwerfen, dass wir bloß abstrakte Wissenschaft treiben. Aber wir brauchen Menschen unter uns, die fähig sind, der Pseudo-Wissenschaft standzuhalten. Und wir werden sie finden! werden wissenschaftliche Köpfe immer mehr und mehr unter uns sein! Sie sind ja schon unter uns. Aber sie werden fruchtbaren Boden finden, wenn Sie sie mehr schätzen lernen, als Sie sie bisher geschätzt haben. Wir brauchen sie zum Hineinstellen unserer Sache in die Kultur der Gegenwart, weil vor nichts der Mensch der Gegenwart mehr schlapp in die Knie sinkt als vor dem Wort: Irgendetwas kann «wissenschaftlich» verteidigt werden!
Dass wir nicht einseitig werden, das hat unsere Eurythmie gezeigt und kann es weiter zeigen — vor uns selber und auch vor breiteren Kreisen. Wird ja diese Eurythmie doch auch pädagogisch wichtig sein für unsere Bewegung in unseren Zielen! Sie wird einen gewissen Takt fordern für die Art und Weise, wie sie an die Menschheit wird herangebracht werden müssen -, weil es selbstverständlich sein wird, dass sie, wenn sie nicht mit dem nötigen Takt an die übrige Menschheit herangebracht wird, wiederum nur zu Missverständnissen führen muss und verwechselt werden wird mit allem möglichen Zeug, das in der Gegenwart herrscht.
So seien denn diese Worte noch zu Ihnen gesprochen wie ein Appell an Ihre Herzen und Gemüter. Und noch dieses eine Wort lassen Sie mich anfügen, das im Zusammenhang steht mit einem andern, das ich in diesen Tagen sprechen musste — nämlich wegen der Privatbesprechungen. Wenn in den nächsten Monaten Privatbesprechungen werden weniger stattfinden können, so bedenken Sie, dass es gar nicht anders sein kann, und dass wir umso günstiger werden arbeiten können, wenn in dieser Art die Fortführung unserer Arbeiten nicht aufgehalten wird. Es ist ja wirklich durch Jahre hindurch die Möglichkeit gegeben worden, dass das, was in unserer Bewegung liegt, an die Gemüter der Menschen herantritt. Wozu sind denn schließlich diese vielen, vielen Bücher da, die immer so bestürzend für mich, wenn ich den Büchertisch sehe, in breiter Reihe sich über den Tisch ergießen und immer mehr werden? Wozu sind sie denn da, wenn immer wieder in der jetzt so besetzten Zeit dennoch die Anforderung an mich gestellt wird, dass Leute mit mir zu sprechen wünschen, die das allerwenigste von diesen Büchern gelesen haben? Wirklich, meine lieben Freunde, man sollte es verstehen, da es schon oft so unmöglich war mit unseren Mitgliedern zu sprechen, dass es nicht möglich ist, noch mit Außenstehenden in der nächsten Zeit irgendwelche Konferenzen zu halten. Es ist nicht möglich; wir würden sonst in unserer Arbeit aufgehalten. Und Sie können wirklich alles Nötige finden durch die entsprechende Benutzung der Literatur. Es sind ja wirklich auch Freunde unter uns, die anderen Ratschläge geben können. Gerade nach dieser Richtung hin möchte ich noch ein Wort sprechen, das mir recht schr aus dem Herzen kommt.
Ich möchte Sie herzlich bitten, dass das Vertrauen, dass der eine oder der andere zu den anderen Mitgliedern haben muss, immer größer und größer werde. Sie werden schen, wie unendlich viel der eine dem andern helfen kann, wenn wirklich ein neidloses Vertrauen unter unseren Mitgliedern ist, und wenn sich die Mitglieder bemühen dasjenige, was in unserer Literatur vorliegt, miteinander zu verhandeln, durchzunehmen und so weiter. Es ist wirklich notwendig, dass gewissermaßen dasjenige, was — ich möchte sagen - an der Zentralstätte geleistet werden musste, als die Gesellschaft noch kleiner war, immer mehr und mehr unter den Mitgliedern geleistet werden muss. Daher ist nur notwendig, dass man in das richtige «Wie» eindringt, und dazu kann vielleicht gerade diese Generalversammlung das eine oder das andere beitragen. Und wenn wir so gestärkt und mit den besten Hoffnungen jetzt auseinandergehen, so nehmen wir diese Stärkung und diese besten Hoffnungen in unsere Arbeitsgruppen hinaus mit, nehmen sie überall hin mit, wohin wir eben zu gehen haben. Versuchen wir durch alle solche Erlebnisse das Band, das uns zusammenhält, nur immer enger und enger, immer fester und fester zu knüpfen. Versuchen wir es dahin zu bringen, dass wir über den weiten Umkreis der Welt, über den wir ja doch zerstreut sind, die Möglichkeit finden, in unseren Herzen zusammenzuschlagen. Versuchen wir, uns zu fühlen als die Glieder der anthroposophischen Gemeinschaft, und versuchen wir, in den Augenblicken, wo wir Kraft brauchen, uns in dieser Kraft zu bestärken durch dieses Gefühl unserer anthroposophischen Gemeinschaft; und nehmen wir aus den Verhandlungen dieser Tage dasjenige mit, was ich kurz zusammenfassen möchte in die Worte, die Sie schon im richtigen Sinne verstehen werden, wenn Sie sie erfühlend verstehen.
Lassen wir das, was wir durchgemacht haben, so in unsere Seelen einziehen, dass in jedem Herzen das ehrliche, berechtigte anthroposophische Streben jedes andern Herzens Platz haben kann! Lassen Sie uns die Töne unserer Gemeinsamkeit, die Töne unserer großen Sache durch unsere Gemüter durchschlagen. Lassen Sie die Freunde, die nicht da sein konnten, erfühlen etwas von dem, was Sie diesen Freunden mitbringen in die Heimat, an die Stätte des Wirkens; lassen Sie sie etwas erfühlen von dem Bewusstsein, das ja doch unsere Herzen freudiger schlagen machen muss: dass sich uns doch zeigt - sowohl an dem Johannesbau, wie an solchen Dingen wie unserer Eurythmie und manchen anderen -, wie das, was wir geisteswissenschaftlich erstreben, hineinfließen kann in die breitesten Strömungen unseres Kulturlebens, in unser Leben.
Wenn Sie in Ihnen positiv so Stärkung fühlen, dass ein jedes berechtigte, ehrliche Herz Widerklang fühlt in jedem andern ehrlichen theosophischen Herzen, wenn Sie dies positiv vermögen, dann werden Sie auch immer die richtigen Worte, die richtigen Werke und vor allen Dingen die richtige Kraft finden, mit der dasjenige, was uns übertragen ist, in die Welt einzuleben ist. Lassen Sie uns den Vorsatz, so auseinanderzugehen, den Gruß sein, den jetzt in diesem Augenblicke jedes Herz, das hier in unserm Kreise ist, jedem andern Herzen zuruft; und wenn aufrichtig und lieb dieser Gruß jedes Herzens zu jedem Herzen ist, dann wird es gut sein — und dann wird Gutes und Schönes und Wahres auf dem Boden unserer Anthroposophischen Gesellschaft entstehen!