The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 19 October 1915, Dornach

15. Der Fall Tschirschky, Strauss, Wernicke und Blasberg

Frau von Tschirschky wurde nicht angeklagt von uns. Frau von Tschirschky wurde angeklagt, indem sie die Dinge auf sich bezog. Sie hat die Sache in einer eigentümlichen Weise aufgefasst, brachte nichts vor zur Widerlegung der Anklage, sondern erklärte geradezu, dass die Gesellschaft eine Klatschgesellschaft sei, aus dem Grunde, weil Dinge, die gesagt worden sind, hier wieder gesagt werden.

Nun, sehen wir selbst davon ab, dass man seine verschiedenen Ansichten haben kann darüber, ob die Dinge hätten gesagt werden sollen oder nicht. Sie sind einmal vorgebracht worden; und schließlich gilt es in der Welt nicht als Grundsatz, dass derjenige der Schuldige ist, der von einem anderen etwas erzählt, was der andere getan hat, sondern es gilt als der Schuldige derjenige, von dem man etwas schuldhaftes Wahres zu erzählen hat. Aber dasjenige, was Frau von Tschirschky vorgebracht hat, war nur das, dass es ein ungehöriges Verfahren war, dass die Dinge, die sie nicht widerlegen konnte, vorgebracht worden sind. Sie hat es an Ausdrücken, die juristisch inkriminierbar sind, bei ihrer Rede nicht fehlen lassen. Ich erinnere nur daran: «Ich glaubte, es mit einer Freundin zu tun zu haben, und jetzt sehe ich, ich habe es mit einer Spionin zu tun.» Kurz, die Rede war voller Beleidigungen. Sie werden sich erinnern, dass die ganze Rede voller Beleidigungen war, auch in der Tendenz. Im Verlaufe dieser Rede hat Herr Bauer eine Bemerkung gemacht. Frau von Tschirschky hat sofort darauf erwidert und dabei selber das Wort geprägt: «mystische Verschrobenheit». Sie selber hat das, was sie bezeichnen wollte, als «mystische Verschrobenheit» bezeichnet. Dann verkündete sie ihren Austritt und erklärte, warum sie nicht mehr in der Gesellschaft sein könnte. Die Gesellschaft hat zugehört. Halten wir an diesem Faktum fest.

Frau von Strauss — sie hat dasselbe dargestellt in ihrem Briefe — deren Name auch nicht genannt war, schloss sich der Rede der Frau von Tschirschky mit den Worten an: «Hier wird maßlos übertrieben.» Es könnte genau zitiert werden: Sie kam noch einmal hinein, erklärte aber mit keinem Worte, dass die Dinge nicht wahr seien, sondern nur, dass sie maßlos übertrieben sind, und dass die Angelegenheit in ihrem Seelenleben keine Rolle spielt, und dann verließ sie den Saal.

Fräulein Wernicke verließ auch den Saal mit irgendeiner Bemerkung. In den nächsten Tagen kam es dann zu dem bekannten Zwiegespräch. Da erschien Fräulein Wernicke und hielt uns einen Vortrag, der wiederum, wahrhaftig, nicht frei war von juristisch angreifbaren Ausdrücken. Ich erinnere nur daran, dass dazumal der Ausdruck «Schmutz» gefallen ist. Es gibt hier sehr viele, die das gehört haben. Ich erinnere ferner daran, dass ein Vergleich, den ich gebraucht habe, einige Tage vorher, als die Damen noch da waren, zum Ausgangspunkte genommen worden ist, um eine juristisch anfechtbare Beleidigung der ganzen Gesellschaft ins Gesicht zu schleudern. Ich sprach davon, in positiver Weise, einige Tage vorher, dass die Gesellschaft ein lebendiger Organismus ist, und ich sprach dieses nicht einfach aus, für oberflächliche Ohren, nur um es zu hören, sondern ich definierte das weiter. Ich sagte: Andere Gesellschaften werden aufgrund von allerlei Programmpunkten gebildet; sie können wieder auseinandergehen. Unsere Gesellschaft unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass sie auf einer Realität begründet wurde. Ich erwähnte dabei, dass Sie unsere Zyklen in den Händen haben, und ich erwähnte, dass unsere Gesellschaft, dadurch dass sie einen Organismus bildet, wenn er sich auflöst, eine Leiche zurücklässt, und dass schon von diesem äußeren, materialistischen Gesichtspunkte aus für unsere Gesellschaft das gelten muss, dass sie nicht ein Verein ist, wie ein anderer Verein, der sich auflösen kann, sondern dass sie etwas zurücklässt. Wir können sie nicht aus der Welt schaffen. Wirklich, das war eine ernste Auseinandersetzung über das Wesen unserer Gesellschaft. Freunde haben diese ernste Auseinandersetzung missbraucht. Die haben jetzt uns die Injurie ins Gesicht geworfen, die Gesellschaft sei schon in Verwesung, sie sei schon ein Leichnam. Wenn man jemanden das Wort Leichnam und das Wort Verwesung ins Gesicht wirft, so ist das selbstverständlich eine Injurie, und die Gesellschaft hat bei alledem zugehört.

Fräulein Blasberg wurde vor die Alternative gestellt, sich zu entscheiden, ob sie hierbleiben wolle oder nicht, und zu sagen, ob sie glaube, dass der Schmutz hier liegt, bei uns oder nicht. Und das hat dazu geführt, dass sie weggegangen ist, indem sie gesagt hat, dass diejenigen Damen — welche als erweislich wahre Behauptungen so viele Dinge gesagt haben, die sie nicht behaupten können - und namentlich Frau von Tschirschky nichts Unrichtiges gesagt haben könne.

Nach nicht langer Zeit fing ein Regen von Expressbriefen von Frau von Strauss sich über mich zu ergießen an. Ich wollte sie Ihnen zunächst ersparen, weil ich glaubte, dass keine Veranlassung da ist, dass in der Gesellschaft, die sich bis dahin passiv verhalten hatte, die eigentlich nichts Wesentliches gesagt hatte dazu, in dieser Sache weiterverhandelt werde. Denn alles dasjenige, was geschehen war, war vonseiten der Damen geschehen. Ein Ausschluss oder sonst irgendetwas war nicht erfolgt. Irgendeine offizielle Erklärung ist den Damen nicht nachgeschickt worden. Einige Mitglieder von hier haben sich bemüßigt gefunden, aus gewissen Beweggründen heraus an die Damen zu schreiben, aus Beweggründen, die, wenn auch einige Worte verhauen waren, doch durchaus anerkennenswert waren; denn eigentlich haben sich die Briefschreiber bemüht, den Damen ins Gewissen zu reden. Wenn man die Briefe verfolgt, so wird man sehen, dass die Schreiber sich zwar in manchen Aussprüchen verhauen haben, aber im Grunde genommen doch den Damen nur ins Gewissen reden wollten.

Frau von Strauss hat in ihrem Briefe geschrieben, dass sie manches zu bereuen habe und manches hätte tun sollen, was sie nicht getan hat, was wohl daher kommen würde, weil sie die Nebenübungen nicht gemacht hat. Sie schickt diese Briefe, ich weiß nicht warum - ich konnte keinen Grund finden, warum — mir ins Haus. In den Briefen von Frau von Strauss standen Dinge darinnen, von denen man hätte glauben müssen, dass sie sich auf andere Briefe beziehen, dass Frau von Strauss die Briefe verwechselt hätte, denn sie charakterisiert sie in einer Weise, die im höchsten Grade beleidigend ist. Es war weiter beleidigend in diesen Briefen der Ausdruck «Lüge». Denn es ist eine Beleidigung, wenn in einem Briefe nichts von Lüge steht, von dem Frau von Strauss behauptet, dass darin «Lüge» gesagt sei. Sie sagt, man zeihe sie der Lüge. Man beschimpft aber jemanden, wenn man sagt, man zeihe ihn der Lüge, wenn das Wort «Lüge» nicht gesagt worden ist. Ebenso steht das Wort «Immoralität» in keinem Briefe. Frau von Strauss wirft uns ins Gesicht, dass man sie der Immoralität bezichtige. Es stehen viele Dinge in diesen Briefen darinnen, die objektive Unwahrheiten sind. Von jemandem solche Dinge zu behaupten, ist eine Beleidigung, ist inkriminierbar. Ich darf nicht sagen, dass einer eine beleidigende Äußerung getan hat, wenn es nicht wahr ist, dass er sie gesagt hat, sodass, von diesem Gesichtspunkte aus, die Briefe strotzen von lauter Beleidigungen.

Wir müssen die Sache ganz nüchtern ins Auge fassen. Die Art und Weise, wie es diese Damen mit den Beleidigungen halten, ist überhaupt eine ganz eigentümliche. Eine von diesen Damen hat zum Beispiel eine wirkliche Injurie gesagt. Sie hat nämlich von jemandem, ich weiß nicht genau den Ausdruck «Klatschmaul» oder «Quatschmaul» gebraucht, und das eigentümliche dabei ist, sie sagte es von sich selbst.

So recht daraus kommt man nicht aus den Dingen, wenn man sie der nüchternen Wahrheit gemäß betrachtet. Es war in gewissem Sinne eine Zwangslage, Ihnen die Briefe vorzulesen, weil Frau von Strauss einfach einen zwang, die Briefe vorzulesen. Daher mussten sie vorgelesen werden. So schaut eigentlich die Sache aus. Wenn man noch so minutiös sucht, es gibt keine Möglichkeit, den geringsten Grund zu finden, dass sich die Damen über irgendetwas zu beklagen hätten; denn es ist ihnen absolut nichts geschehen. Dennoch drohen sie sogar mit dem Rechtsanwalt, dennoch sprechen sie davon, immer wieder und wieder von Injurien und davon, dass der Vorstand gegen sie ein Haberfeldtreiben inszeniert hätte.

Also, meine lieben Freunde, die nüchterne Tatsache liegt vor, dass jemand einen anderen, der der Gesellschaft angehört, mit einem Judas vergleicht; dass jemand von einem anderen, der der Gesellschaft ebenfalls angehört, dies sagt. Das sind Dinge, die hinlänglich charakterisiert worden sind. Diese Dinge kommen unglückseligerweise da heraus, und der Betreffende verlangt nun nicht bloß etwa, dass er nicht verklagt werde, trotzdem er zehn-, zwanzigmal verklagt werden könnte - denn das sind lauter klagbare Sachen, die die Damen gesagt haben, wirklich lauter klagbare Sachen. Wir haben ja nicht vor zu klagen — aber es sind lauter klagbare Sachen —, sondern er droht uns mit Klage. Wir haben es wirklich zu tun mit einem ernsthaften Auf-den-Kopf-Stellen der Sache; es ist eine ganz unerhörte Sache. Diese Situation müssen wir uns allen Ernstes und nüchternen Sinnes klarmachen. Es ist notwendig, dass wir uns das klarmachen. Unsere Gesellschaft muss eine solche sein, die auf richtiger Liebe gebaut ist. Aber, wenn es immer wieder und wieder dazu kommen sollte, dass, wenn es notwendig ist, hier dieses oder jenes zu bewirken, der oder jener kommt und in Schutz nimmt diejenigen, die die anderen in schärfster Weise attackieren, wie sollen wir da wirklich zurechtkommen? Es ist gewiss in unserer Gesellschaft berechtigt, wenn man viel Liebe walten lässt; aber es ist , dass man sie mit Verstand, wirklich mit Verstand walten lässt. Das ist außerordentlich notwendig. Und wir werden gerade in dieser Zeit es notwendig haben, Korrektheit und Genauigkeit zu betonen, wo um uns lagert ein Bündel von dem wirklichen Gegenteil. Da müssen wir uns schon klar darüber sein, was da eigentlich vorliegt.

Sehen Sie, das ist die Situation und aus dieser Situation heraus wird der Vorstand die Notwendigkeit finden müssen, wirklich aktenweise, Stück für Stück zu beweisen, dass die Sache sich auch wirklich so verhält, wie sie jetzt charakterisiert worden ist, nämlich, dass jemand, der sich wirklich in der unglaublichsten Weise verhalten hat, nachher verlangt, nachdem er gegen alles Wollen der Gesellschaft davongelaufen ist, nachher verlangt, dass diejenigen, denen er davongelaufen ist, sich entschuldigen vor ihm. Die Sache ist eigentlich so absurd, dass man sogar sich vorstellen könnte, dass, wenn man die Sache vor den Richter tragen würde, dieser Richter sagen würde: Ja, wenn die Sache so wäre, dann wäre sie ja ganz absurd. Da müsste sie ganz anders sein, denn es ist nicht möglich, dass vernünftige Leute so etwas verlangen in der Welt,

Wir sind nun, durch den Zwang von Frau von Strauss, in die Notwendigkeit versetzt worden, über die Sache noch einmal zu reden, was absolut unnötig war. Aber wir sind einmal in einer realen Gesellschaft. Wenn das Absurde real ist, so müssen wir uns auch mit dem Absurden beschäftigen. Das liegt auch in dem Begriffe eines lebendigen Organismus. Wenn wir aber verhandeln hier, und es kann dann die traurige Entdeckung gemacht werden, dass unsere Verhandlungen, die wir unter uns führen, sogar hinausgetragen werden - ja, wohin kommen wir dann, wenn wir für alle unsere Sachen dieser Gefahr ausgesetzt sind?

Denken Sie doch nur, meine lieben Freunde, dass die Möglichkeit vorliegt — weil auch wichtigere Sachen, als diese im Grunde genommen höchst unwichtige Sache, hier verhandelt werden -, dass die Möglichkeit vorliegt, dass die intimsten, auch esoterischen Sachen, die hier gesagt werden, in billiger Weise nach außen mitgeteilt werden. So nimmt man bei uns dasjenige, was immer betont wird: dass gewisse Dinge unter uns zu bleiben haben.

Ich möchte wissen, meine lieben Freunde, wenn irgendeine Gesellschaft von der Art, wie die unsrige, die nur annähernd mit den Prinzipien rechnet, mit denen wir zu rechnen haben, solche Dinge machen könnte; man würde es für ganz unmöglich halten. Wenn solche Möglichkeiten immer wieder vorliegen, dass die Dinge hinausgetragen werden, dann hilft es uns selbstverständlich nichts, dass wir Inquisitionsgerichte anstellen und fragen, wer diesen oder jenen besucht hat. Dass dieser ‚oder jener, diesen oder jenen besuchen kann, darauf haben wir keinen Einfluss, das geht uns nichts an. Dass aber die Dinge, die hier verhandelt werden, draußen erzählt werden und dass nicht achtgegeben wird, das ist das Schlimme. Und damit liegt die Notwendigkeit vor, dass wir eines Tages sagen müssen: Wir sperren zu, wir reden überhaupt nichts mehr von dem, was hier geredet werden soll, denn wenn wir keine Möglichkeit haben, unsere Sache ernsthaft und würdig zu betreiben, dann sollen wir sie gar nicht treiben. Dann sind wir in der traurigen Lage, meine lieben Freunde, dass wir alles getan haben, seit Jahren, was dazu geführt hat, diesen Bau hier aufzuführen und alles mögliche sonst, und dass wir jetzt, einfach durch diese Dinge, vor die Unmöglichkeit gestellt werden, die Sache weiterzuführen. Das gehört auch zu dem Wesen des lebendigen Organismus. Im Grunde genommen werden wir vor lauter Unmöglichkeiten geführt. Wir sind nicht in der Lage, im Grunde genommen sind wir gar nicht in der Lage, über die Sache weiterzusprechen, da wir nicht wissen, auf welche Weise die Sachen hinausgetragen worden sind. Wir müssen also eigentlich aufhören zu reden. Ich glaube also, dass in diesem Falle, mit dem wir doch einmal zu Ende kommen müssen, die hier anwesenden Mitglieder des Vorstandes beauftragt werden können den Fall auszutragen, ihn im engeren Kreise zu untersuchen. Für uns war es notwendig, die ganze Sache zu überschauen. Für uns war es notwendig, uns vor Augen zu führen, was im Grunde genommen vorliegt, und was unter uns möglich ist, und uns wirklich einmal vorzunehmen, dass wir die Gesellschaft wirklich auch einmal als Gesellschaft betrachten.

Wahrhaftig, es ist nicht gerade ein leichtes Los, genötigt zu sein, in der Gesellschaft weitere Auseinandersetzungen zu pflegen, wenn man nicht einmal sicher sein kann, dass man befreit ist davor, dass von den Dingen —die unter der Voraussetzung gesagt werden, das sie nicht hinausgetragen werden -, vorausgesetzt werden muss, dass sie jederzeit zu jedem Beliebigen hinausgetragen werden. Das muss wirklich schon gesagt werden: Es ist ein trauriges Los, in der Gesellschaft wirken zu müssen.

Ich will nur das eine Wort sagen: Ich habe verlesen jenen Vortrag, den ich in Berlin gehalten habe, jenen Vortrag über die Stiftung der Gesellschaft für Theosophische Art und Kunst. Ich bitte zu beachten, dass dieser Vortrag wirklich in der Absicht vorgelesen worden ist, damit über diese Sache Genauigkeit herrsche. Sie werden gesehen haben, dass in diesem Vortrage das Wort «esoterisch» nicht vorkommt. Wenn also einer spricht von einer esoterischen Gründung, so ist das eine objektive Unwahrheit. Es handelt sich dabei nicht um etwas Esoterisches, es handelt sich um das, was in diesen Worten zum Ausdruck gekommen ist, und da gerade diese Sache zum Angriffe benutzt worden ist, so bitte ich Sie, insbesondere in diesem Punkte, sobald Sie darüber sprechen, wirklich ganz genau zu sprechen, und nicht auf den Einfall zu verfallen, dass, weil esoterische Dinge in diesem oder jenem Fall gepflogen worden sind, dieses oder jenes auch so aufgefasst werden muss. Es handelt sich hierbei nicht um eine esoterische Sache. Ich musste diese Bemerkungen machen, damit sie alle das hierüber zu wissen Nötige wissen.

Sie sehen, es wird nichts gegeben auf das, was ich sage. Das geht daraus hervor, dass jemand aus der Gesellschaft weggeht, dass von jemanden gesagt werden kann: Ich laufe fort. Eine Gesellschaft, bei der das möglich ist, kann nicht fertig werden, mit ihren Schäden. Es wird nichts nützen, was wir tun — das ist möglich; aber wir müssen unsere Pflicht tun; auch in einem solchen Falle, wo wir genau wissen: Wir erreichen nichts dadurch, müssen wir unsere Pflicht tun.

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