The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 8 May 1917, Berlin
20. Der Grund für die Gegnerschaft Max Seilings
Unsere Zeit ist nicht sehr geneigt, jene Brücke zu bauen, die gebaut werden muss in das Reich hinüber, in dem die Toten und die hohen Geister sind; und unsere Zeit hat in vieler Beziehung, meine lieben Freunde, man kann sagen sogar einen Hass, eine wirklich hassende Stimmung gegenüber der geistigen Welt. Und dem Geisteswissenschafter, der chrlich sein will, dem Geisteswissenschafter obliegt es schon ein bisschen, sich auch mit den feindlichen Mächten unserer geisteswissenschaftlichen Entwicklung bekannt zu machen, ein wenig darauf hinzuschen, denn die Sache hat wirklich tiefe Gründe. Sie hat ihre Gründe dort, wo die Gründe sind für alle dem wahren Menschheitsfortschritt heute entgegenwirkenden Kräfte.
Ist es denn nicht eigentlich wunderbar - was ich öfter erwähnt habe, womit ich Sie heute nicht langweilen will, aber was ich doch einmal erwähnen muss -, ist es denn nicht wunderbar, ganz wunderbar, dass eigentlich diejenigen, die am schlimmsten gegen dasjenige, was in unserer Anthroposophischen Gesellschaft leben will, kämpfen, vielfach solche sind, die aus dieser Gesellschaft selbst hervorgegangen sind. Wir haben ja das groteske Schauspiel erlebt, dass bekämpft wird dasjenige, was in dieser Gesellschaft lebt, und die Gründe, die vorgebracht werden zu dieser Bekämpfung, die werden aus meinen Schriften genommen! Sonst überall holen sich die Leute ihre Gründe wenigstens von außen; hier bei uns erleben wir die sonderbare Erscheinung, dass fortwährend mit Zitaten aus meinen eigenen Schriften dasjenige belegt wird, was darauf aufgebaut ist, mich mit Unrat zu bewerfen — der Ausdruck ist nicht übertrieben. Es ist eine Erscheinung, deren tiefere Gründe schon einmal werden erforscht werden müssen, denn sie hängen durch mancherlei Verästelungen mit mancherlei zusammen, meine lieben Freunde. Es ist gar wohl von dem leisen Klatsch, der zuweilen so grassiert in unserer Gesellschaft bis zu den ahrimanischen Angriffen eine kontinuierliche Linie, eine kontinuierliche Strömung, aber man muss die Dinge nur mit dem rechten Namen ergreifen; das ist mehr notwendig heute, meine lieben Freunde, als irgend sonst.
Denken Sie — wie gesagt, ich will Sie damit nicht langweilen, aber solche Sachen müssen schon kurz erwähnt werden -, denken Sie: Es erschienen vor kurzer Zeit ein, und daran anknüpfend eine Reihe anderer Artikel, die ich nicht gelesen habe, von einem Manne, der in unserer Gesellschaft war jahrelang, der alles mitgemacht hat in unserer Gesellschaft —, in dem der betreffende Mann allerlei nachweisen will von Widersprüchen in meinen Werken. Der Betreffende weiß sehr gut, wie es mit diesen sogenannten Widersprüchen beschaffen ist; er kennt selbstverständlich sehr gut, ganz genau den ganzen Unsinn, den er da behauptet. Aber man kann ja alles in der Welt behaupten, wenn man will, namentlich wenn man eine gutgläubige Gemeinde findet; man kann solche Dinge auch widerlegen. Aber worin liegen denn die Ursachen?
Derselbe Mann, der diesen sehr hochtrabenden Artikel schreibt, der hat eine kleine Schrift seinerzeit in unserem Verlage veröffentlicht, und hat nach einiger Zeit wiederum angesucht, eine weitere Schrift in unserem Verlag zu verlegen. Weil er aber in dieser Schrift unbefugterweise allerlei verwendet hat aus meinen Schriften in unrechter Weise, so konnten wir nicht gerade — da er gesagt hat, dass die Dinge bei mir unvollkommen sind, und er sie vervollkommnen wollte —, so konnten wir nicht gerade veröffentlichen diese Schrift, und so mussten wir sie ablehnen. Der Mann wäre heute, wenn wir die Schrift nicht abgelehnt hätten, trotzdem er immer geschimpft und geknurrt hat, ein guter Anhänger. Das sagt er der Welt nicht, dass er nun hasst bloß aus dem Grunde, weil wir die Schrift nicht in den Verlag nehmen konnten. Aber er findet jetzt ein ganzes Gebäude von allerlei Widersprüchen.
Solche Gründe, meine lieben Freunde, die die wirklichen Gründe sind, die die allerverderblichsten, egoistischsten Gründe sind, die werden Sie zumeist hinter den schmählichsten Angriffen finden.
Nun kommt gewöhnlich zu diesen schmählichen Angriffen eine andere Erscheinung. Es findet sich eine Sorte Menschen unter uns, die gerade ihr Wohlwollen nicht denjenigen zuwenden, die recht haben, sondern es denjenigen zuwenden, welche Klatsch verbreiten, welche allerlei ausfressen, welche allerlei Unrechtes tun, und finden, dass die furchtbar unrecht haben, die sich wehren gegen diese Dinge. Es ist eine sehr häufige Erscheinung. Ja, diese Erscheinung geht dann, indem sich die Dinge potenzieren, um ein Stück weiter. Vor einiger Zeit wurden wir in unserem Kreise wirklich recht sehr beschimpft; trotzdem wir eigentlich in der Abwehr recht, recht gelinde waren - es interessierte uns ja nicht diese Abwehr, denn man hat Wichtigeres, Positiveres zu tun -, es ist nicht das Geringste geschehen von unserer Seite, sondern alles von der anderen Seite. Aber dennoch — Frau Doktor Steiner bekam einen Brief, dass sie doch alles tun solle, um die Leute, die uns in dieser Weise bewerfen, um den Leuten entgegenzukommen und sie wiederum gutzukriegen, sie wiederum zum harmonischen Zusammenleben mit uns zu veranlassen. Wenn dann solche Briefschreiber — oder Briefschreiberinnen sind es ja sehr häufig - finden, dass man ihnen nicht aufs Wort gehorcht, dann finden sie: Was sind das für schmähliche Theosophen! Das wollen nun Theosophen sein, die nicht einmal die Möglichkeit finden, wenn sie beschimpft werden, die Leute um Verzeihung zu bitten! —
Ja, sehen Sie, wenn ich das erzähle, meine lieben Freunde dann scheint es grotesk; aber so liegen wirklich in umfassendstem Maße diese Dinge. Denn diese Gesinnung: Gerade die ungeheuerste Liebe und das ungeheuerste Wohlwollen der Sünde zuzuwenden, diese Gesinnung ist eine außerordentlich beliebte, vor der man immer wieder und wiederum staunend stehen muss. Diese Dinge sind symptomatisch von Bedeutsamkeit. Und sie sind schon deshalb bedeutsam, weil tatsächlich die schlimmsten Feinde unserer Sache gerade aus dem Kreise derjenigen hervorgehen werden, die die Waffen, mit denen sie einen Kampf nach dieser Art führen, aus unseren eigenen Sachen nehmen. Und wenn man diese Sachen nicht in der richtigen Weise taxiert, dann wird ja doch nichts anderes herauskommen als das, wie es jetzt so sehr häufig geschieht, gewissermaßen wiederum für einige Zeit eine geistige Bewegung, die ihr Bestes tun will für den geistigen Fortschritt der Menschheit, diese für einige Zeit unmöglich zu machen.
Ich habe ja schon öfter eingeflochten in den Vorträgen gerade diese Bemerkung; aber diese Bemerkung wird ja gerade nicht sehr ernst genommen. Und vor allen Dingen findet man sehr häufig: Dass man harmonische Stimmung nicht durch solche Dinge unterbrechen sollte.
Aber meine lieben Freunde, ich bin es nicht, der sie unterbricht, und ich hätte ganz gewiss am allerliebsten, wenn es keine Nötigung wäre, die harmonische Stimmung zu unterbrechen. Aber es ist um der Sache Willen außerordentlich wichtig, dass man doch im ganzen Zusammenhang der großen Impulse, die durch unsere Bewegung gehen sollen, diese Sache ins Auge fasst. Denn für die heutige oberflächliche Menschheit bedeutet es natürlich ungeheuer viel, wenn aus dem Kreise der Anthroposophen selbst die Gegner erwachsen. Da können die Draußenstehenden selbstverständlich sich ihre Zeugnisse leichter schmieden. Man muss für diese Dinge ein unbefangenes, durchaus ein unbefangenes Urteil schon einmal entwickeln wollen, und muss nicht die Lieblosigkeit - verzeihen Sie das groteske, paradoxe Wort -, die Lieblosigkeit entwickeln gegenüber einem Menschen, der rein aus dem Grunde, weil er ein Buch zurückgewiesen bekommen hat, allerlei Dinge in die Welt hinausposaunt, man muss nicht die Lieblosigkeit begehen diesem Menschen gegenüber, dies zu verschweigen, denn das ist dasjenige, was die Wahrheit ist, und die Wahrheit muss man sagen. Und solche Wahrheiten liegen sehr vielen Dingen, welche gewiss zunächst die Gesellschaft schädigen, aber mit der Gesellschaft die Sache schädigen, zugrunde.
Und wenn man weiß, wie viele ahrimanische Mächte darauf warten, unserer Bewegung Hemmnisse und Hindernisse in den Weg zu stellen, dann wird man ein wenig hinsehen wollen auf dasjenige, was sich, trotzdem es schon schlimm genug geworden ist, heute doch — ich möchte sagen —, wie der Anfang einer Gegenbewegung ausnimmt. Es ist der Anfang. Und mit dem Hass, mit der Antipathie gegenüber dem Heraufkommen einer geistigen Bewegung, hängt in Sonderheit auch dieses zusammen. Gewissen Erscheinungen gegenüber, meine lieben Freunde, begeht man eine Unwahrheit, wenn man immer wieder und wiederum das Wort im Munde führt: Ja, die Leute sind doch überzeugt von dem, was sie sagen! - Man begeht dann eine Unwahrheit. Diese Überzeugung, wenn man sie auf die Gründe zurückführt, so nehmen sie sich so aus, wie ich eben den konkreten Fall ausgeführt habe.
Meine lieben Freunde! Diese Dinge zu sagen ist notwendig aus dem Grunde, weil derjenige, der wirklich hineinsieht in das Geistesleben der Gegenwart und dasjenige, was ihm nottut, der sagt sich: Es gehört eine solche Anstrengung dazu, diejenigen Hemmnisse, die von außen kommen, zu überwinden, dass man wahrhaftig nicht Zeit hat, auch noch dasjenige fortwährend ins Auge zu fassen, was auf die angedeutete Weise aus dem Innern herauskommt. Aber es wird eben ins Auge gefasst werden müssen.
Ja, meine lieben Freunde, die Wege, die sind nicht ganz leicht. Wenn einer in einer Zeitschrift etwas schreibt, und man es ihm noch so gut widerlegt, kommt nicht viel dabei heraus. Und manche dieser Dinge, die geschrieben worden sind, sind längst so, dass man selbstverständlich mit einer gerichtlichen Klage eine Verurteilung herbeiführen könnte, ganz mit Leichtigkeit. Aber glauben Sie, dass unserer Bewegung gedient wäre, wenn man an 25 Gerichtsverhandlungen teilnehmen müsste? So viele würden es ja wahrscheinlich werden. Dann würde man ja mit Leichtigkeit eine Verurteilung erzielen können.
Um mit aller Intensität an den Impulsen unserer geistigen Bewegung zu arbeiten, ist es notwendig für denjenigen, der treu sein will unserer Bewegung, vor allen Dingen die angedeuteten Vorurteile aus dem Wege zu schaffen, die namentlich darin gipfeln, dass bei uns nicht immer das Wohlwollen gerade nach derjenigen Seite hin gewendet wird, die etwas Unrechtes tut; dass diejenigen Leute als diejenigen befunden werden, welche die besten Mitglieder sind, welche gegen uns selber losziehen. Gewöhnlich diejenigen Menschen, die aus diesem Impulse heraus handeln, wissen es gar nicht, aber ich sage es, damit sie aufmerksam werden. Beim geringfügigen Klatsch geht es gewöhnlich an, dann endet es irgendwo, wo einer schreiben kann, eben in einem langen verlogenen Zeitungsartikel, der oftmals auch nur das letzte Glied ist einer Lawine, die herunterstürzt. Das Körnchen ist vielleicht das, dass irgendeiner seine Zunge nicht halten konnte, oder aus seinem ganz gewöhnlichen Egoismus herausfand, dass irgendeiner irgendetwas hätte tun sollen, was der Betreffende aus guten Gründen unterlassen musste, und so weiter, und so weiter.
Dasjenige, um was es sich handelt, ist vor allen Dingen, dass wir uns über solche Vorurteile erheben und die Dinge in ihrer Wahrheit anschauen, uns gewöhnen, die Dinge in ihrer Wahrheit anzuschauen. Dann werden wir schon auch Mittel und Wege finden, um die Dinge in ihrer Wahrheit gewissermaßen zu vertreten und durchzuführen.
Verzeihen Sie, dass ich diese kleinere Betrachtung an die größere Betrachtung, nachdem unsere Zeit bereits abgelaufen war, angeknüpft habe, allein bei der Intensität und bei der Unerhörtheit, mit der jetzt im privaten und im Zeitschriften-Leben gegen das gewütet wird, was wir tun, ist es notwendig, dass wenigstens auf dasjenige, in dem die Gründe zu suchen sind, hingewiesen wird.