The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 20 September 1916, Dornach

19. Verhandlungen über den Fall «Goesch-Sprengel»

Michael Bauer: Liebe Freunde, es tut mir natürlich auch leid, dass wir die heutige Versammlung noch in dieser Weise fortsetzen müssen. Aber andererseits muss man sich doch sagen, oder: musste ich mir sagen, dass es vielleicht ganz nützlich ist, die Empfindungen, die wir haben können, wenn wir uns auf unsere Ideale besinnen, und wenn wir darauf hinblicken, was diese Ideale doch schon an Frucht gezeitigt haben, wenn wir zugleich nicht vergessen - und eben an einem konkreten Fall das nicht vergessen —, dass wir nicht bloß Weihestimmung bewahren können, sondern dass wir wohl nebenher beständig das Bewusstsein haben müssen, dass noch vieles anders werden muss.

Der Fall, der uns heute hier beschäftigt, ist ja vielfach hier besprochen, und ich will nicht lange Zeit darauf eingehen; aber es war doch nötig, Ihnen einige Mitteilungen zu machen. Es würde dann vielleicht, wenn ich das nicht getan hätte, aussehen können oder betrachtet werden können, als geschehe es aus anderen, aus persönlichen Gründen, warum man so etwas nicht gerne an die Öffentlichkeit bringt. - Das heißt: Ich möchte zwei Briefe verlesen.

Selbstverständlich ist der «Z.V.» - wie er hier genannt wird - der Zentralvorstand; ihn belastet nach Herrn Doktor Goesch die Indiskretion, die er begangen habe. Und so wird auch das vielleicht, wenn ich diese Briefe vorlese, als Indiskretion aufgefasst werden können.

Dieser Brief geht mich allein an, und nicht die Versammlung; aber die Sache, die dieser Brief betrifft, die ist einmal unsere Sache, und nicht meine private Sache. Er schreibt am 29. März:

Sehr geehrter Herr Bauer ... [Lücke in der Mitschrift]

Nach der Verlesung und [nach] Erläuterungen von Herrn Bauer [folgen] in ständiger Abwechslung Rede und Gegenrede von Herrn Bauer und Fräulein Wernicke. [Auch] Dr. Grosheintz [meldet sich zu Wort]. Fräulein Dr. Vreede will hinzufügen: Es haben ja mehrere Mitglieder einen Brief bekommen von Doktor Goesch, den ich leider nicht mithabe, der etwa so lauter:

  1. Wie denken Sie sich zu verhalten, angesichts der Tatsache, dass der Zentralvorstand ein Verbreiter von Zitatenfälschung und so weiter ist. Es sind schon vier Monate vergangen, seitdem ich meinen Brief schrieb.
  2. Dass nicht geantwortet wurde auf seine ausdrückliche Aufforderung, diese zurückzunehmen.
  3. Dass Doktor Steiner weiter seine Lehre verbreite innerhalb einer Gesellschaft, welche einen solchen Vorstand hat.

Dieser Brief ging an 45 Mitglieder der Gesellschaft circa. Wir kamen zu dem Resultat, dass nur einige wenige von uns eine kurze, abweisende Antwort schreiben sollen. Ich sagte auch, dass ich auf diesen Brief nicht eingehen werde und [dass ich mich] auch nicht weiter in Diskussionen mit ihm einlassen wollte. Darauf [erhielt ich] eine Visitenkarte (von Fräulein Doktor aus dem Gedächtnis Zitiertes):

Ihr Brief, in dem Sie sich als Mensch und als Geistesschüler bankrott erklären ... Sollten sich nicht genügend menschlich solvente Mitglieder in der Gesellschaft finden, so werde ich bereit sein, Ihrem Entschluss, der Wahrheit nicht zu genügen, sinngemäß zu entsprechen und den öffentlichen Zusammenbruch der Gesellschaft herbeiführen. (Das ist das Letzte gewesen.)

Da das Interesse durch diese Korrespondenz wieder rege geworden ist, habe ich dann den längeren Brief von Doktor Goesch durchgearbeitet und für verschiedene Mitglieder, die sich da zusammengefunden haben, ein Referat gegeben, zwei Stunden lang, [in welchem ich] ziemlich ausführlich viele Punkte besprochen und auch durchaus abgestritten habe, dass man von Zitatenfälschungen reden könnte.

Frau von Vacano will sagen, dass sie auch diesen Brief bekommen habe. Herr Michael Bauer: Auch alle Vorsitzenden in Deutschland!

Frau von Vacano: Nach einiger Zeit auch von Graf Lerchenfeld gehört, da er nicht alles immer schreiben kann, nur angedeutet von ihm, aber wohl etwas andern Inhalt, als der meinige war, und zweitens, eine merkwürdige Andeutung, die ich nicht ausführe. Auch Herr Walther aus Berlin bekam das von Goesch gesandt. Wenn er es hier in der Schweiz verbreitet, so kann die Militärzensur die Sache durchlesen. Herr Bauer meint, es würde uns nicht viel nützen, sich damit aufzuhalten. Es sei nötiger, ein wenig daran zu denken, was eigentlich in dem Fall von den Mitgliedern mehr beachtet werden müsste (was sich auch bei Fräulein Wernicke widergespiegelt habe; er bedaure, dass sie weggegangen sei; es wäre besser gewesen, sie wäre geblieben), nämlich, dass sofort eine Anzahl Mitglieder bereit sei, Partei zu ergreifen [und aufgrund dessen die Störungen in der Gesellschaft, die Angriffe und Provokationen gegenüber dem Zentralvorstand zu beleuchten].

So ist es in München der Fall gewesen, dass Herr Hofrat Seiling seinen Austritt erklärt hat [weil er] mit unserer Behandlungsweise der Affäre Sprengel-Goesch, also wie der Zentralvorstand mit der Gesellschaft umgegangen sei, [nicht einverstanden war]. Das ist wenigstens der Grund, den er angegeben hat - so hat man mir erzählt. Eine Anzahl von Mitgliedern sieht überhaupt nicht, worauf es ankommt: Es sind die ungeheuerlichsten Dinge; man kann überhaupt kein Wort dafür finden. Er selbst braucht übrigens den Ausdruck «behaupten», er belegt sie nicht [Lücke in der Mitschrift]

Wenn wir nun versuchen, dem Doktor Goesch zu zeigen, wie unrecht er hat, dann gibt es eine Anzahl von Mitgliedern, die sagen: Ja, aber so hätte man doch nicht vorgehen sollen — [man hätte in] viel freundlicher, in ganz anderer Weise [mit ihm umgehen sollen]. Man hat ja nichts gegen Goesch unternommen, ehe er so weit gegangen ist. Er hat ja auch diesen Brief ohne allen Anstoß von unserer Seite gemacht. Und die ganzen Verhältnisse lagen ja von unserer Seite so klar. - Er behauptet zwar, dass er zu diesen Erkenntnissen auch ohne die Hilfe von Fräulein Sprengel gekommen sei, wenn auch viel später, und dass eben diese Erkenntnis gar nichts zu tun hat mit emotionellen Dingen oder persönlichen Dingen [Lücke in der Mitschrift]

Wir haben ihm nun dargelegt [Lücke in der Mitschrift] Sprengel hat am 25. Dezember 1914 einen Brief geschrieben. Wir hatten geschrieben, der Brief sei am 25. Dezember angekommen. Er sagt: Nein, da ist er erst in den Kasten geworfen worden. Aber bei derselben Gelegenheit entpuppt er sich selbst, wie er mit den Dingen umgeht; er sagt dann: Als Fräulein Sprengel diesen Brief geschrieben hat, wodurch der Zentralvorstand vor Eheschließung [Lücke in der Mitschrift] die Eheschließung war die Ursache. Da haben sie tatsächlich noch nichts von dem Vollzug der Eheschließung gewusst. - Da denkt jeder: Ja, das ist aber wirklich merkwürdig - jetzt hat Fräulein Sprengel noch nichts von der Eheschließung gewusst! Wir dachten doch, da ist ein Zusammenhang. Nun schreibt Goesch: Tatsächlich habe Sprengel erst später den Vollzug der Eheschließung erfahren. Weiter hinten, viel weiter hinten kommt er darauf zurück, wo er sagt: Fräulein Sprengel hatte am 24. den Satz über die Eheschließung /Lücke in der Mitschrift] erfahren. - Also, er erweckt zunächst den Eindruck: Sie hat nichts gewusst. [Lücke in der Mitschrift]

In diesem Briefe wird ausgedrückt etwas von einer Katastrophe, als welche Fräulein Sprengel die Ehe mit Frau Doktor empfindet, erlebt. Diese Katastrophe hat dann zur Folge, dass Fräulein Sprengel allerlei Erkenntnisse gewinnt; ihr Lebensschicksal ist geopfert worden. Diese Erkenntnisse laufen dann darauf hinaus, dass Goesch diese Briefe schreibt, in welcher er diese Erkenntnisse, die er sich unter Anleitung erworben hat, mitteilt. Diese Erkenntnisse bestehen darin: Nichthalten von Versprechen; Nichterlauben der Kritik, in unrichtigen Händedrücken, unrichtigen Beeinflussungen. Wir mussten notgedrungen, es konnte gar nicht anders kommen, denken: Da besteht ein gewisser Zusammenhang, ein innerer Zusammenhang zwischen den Gründen, die er da anführt und dem ganzen Erleben Sprengels aufgrund der Eheschließung hin.

Wir haben das auseinandergesetzt, ihm dargestellt, dass das alles infamste Unterstellungen sind. Bei Goesch, da gibt es überhaupt eine große Serie von Ausdrücken dieser Art, die das charakterisieren, wie unser Vorgehen ist. Davon ist alles nicht wahr. Richtig ist nur, dass [...] er es zunächst [nicht] wusste, und erst viel später hat sie es ihm mitgeteilt, warum sie von dieser Eheschließung so betroffen war; das alles hat ihn nicht weiter bedrückt und berührt. Und gleichwohl behauptet er: Das sind alles Erkenntnisse, die sich ganz auf der geistigen Sphäre abspielen, an die man mit äußeren Mitteln nicht herankommen kann, und auch niemals abstrakt.

Wir haben wenigstens im Briefe gerade deutlich genug geschrieben, er könnte ebenso gut sagen: Das alles geschah bloß in dem Glauben, ihm zu helfen [Lücke in der Mitschrft], um klarzustellen wie die Dinge lagen; wir dachten nicht daran, ihm einen Schaden dadurch zuzufügen durch die Wahrheit!

Diese Tatsache liegt vor; ein Mitglied in München erklärt seinen Austritt mit diesem Vorgang bei uns. Das ist ein Fall, der uns viel mehr jetzt beschäftigen müsste, mehr als unsere Gefühle gegenüber Doktor Goesch oder Fräulein Sprengel; denn das ist nicht etwas, was so selten ist. Fräulein Wernicke sagte gleich im Gespräch mit mir, übrigens schon vorher, dass man eben entgegenkommen müsse, dann wären die Leute nicht so schlimm; sie wären auch geneigt, einzulenken, wenn man ihnen entgegenkomme. Aber sie sagte ausdrücklich: dass sie ihm auch gesagt hat, dass er einfach nicht ganz korrekt gehandelt habe.

Es ist auch zusammengefasst worden von Doktor Unger, und wie es sich mir wenigstens nahegelegt hat, wollen wir ein Schriftchen zu zweit abfassen. [unklare Textstelle]

Das mag alles sein. Aber für die Mitglieder müsste denn doch da in Betracht kommen: Was lag denn da vor? Nicht der Zentralvorstand ist das Karnickel, sondern man müsste fragen: Was hat Goesch getan? Das ist der Gesichtspunkt. Immer wieder sollte man aufrütteln und zeigen, dass Elemente in den Seelen von Mitgliedern spielen, ohne dass wir ihnen etwas getan haben. Wenn man sagt: Warum hat Seiling die ganze Geschichte so tragisch genommen? -, so konnte es doch unmöglich die Erkenntnis sein, dass Goesch unrecht gehabt hat. Er müsste höchstens sagen: Ja, vielleicht hat er doch unrecht gehabt, denn etwas musste doch vorliegen, auch da, wenn man dem Goesch entgegenkommen will.

Diese Sache müssten wir uns immer klarer, als es heute möglich ist, durchdenken, wie das möglich ist, dass immer wieder Mitglieder die Partei der Ankläger [ergreifen], [und von denen], die führen, immer wieder verlangen, denen, die nicht im Sinne der Gesellschaft handeln, zu helfen?

Nun können wir weitergehen, und da muss man sich natürlich sagen: Durch Vernunftgründe wird ganz und gar nichts zu erreichen sein. Nach dem ganzen Charakter der Dinge muss einem das klar sein. Wer das Schriftstück vor acht Tagen studiert hat, sollte eigentlich herauskriegen, dass nicht viel zu machen sein kann. Denn bei allem Scharfsinn der Ausführungen wird eigentlich die Wahrheit immerfort mit Füßen getreten, unter dem Schein des Suchens nach Wahrheit.

Doktor Goesch wird gewiss die Sache nicht ruhen lassen. Vielleicht unter ganz anderen Umständen, wenn ganz etwas anderes hereingekommen wäre, wäre es vielleicht wohl gegangen; aber wahrscheinlich ist, dass er es daraufhin nicht beruhen lässt. Denn es ist ja so, dass er nicht mehr auf dem Boden steht, [dass wir einander nahekommen wollen], sondern dass er Gewaltmittel anwenden will, das steht schon in seinem ersten Brief.

Er hat Doktor Steiner gegenüber gewisse Dinge geschrieben, denn: Doktor Steiner wüsste ja, dass das alles richtig ist, was er sage. Und [Goesch geht sogar so weit]: Wenn wir gleich Doktor Steiner gefragt hätten: «Ist es so, wie Goesch sagt?», [dann] würde er wahrscheinlich gesagt haben: Ja, so ist es. - Also mit anderen Gründen braucht er Doktor Steiner nicht zu kommen.

Er hat nun den Brief geschickt, und erwartet, dass Doktor Steiner seine Gesinnung und sein ganzes Verhalten zu den Mitgliedern ändern werde. Aber für alle Fälle, falls Herr Doktor so durchtrieben wäre /Lücke in der Mitschrift), schickt er ihn gleich an einige Mitglieder. Die Erfahrung habe gezeigt, dass doch alles beim Alten bleibe, gleichbleibe. - Also: Er soll mir nicht auskommen; ich werde noch anderen es mitteilen, also ist es gar nicht möglich, dass er es vertuscht.

Das ist mit anderen Worten: Keine Erkenntnisgründe sollen jetzt gelten, sondern ein Zwang soll wirken. Und dieser Zwang wird weiter ausgeübt, wird versucht in diesem Briefe an mich, wo ich Vorträge halten muss, die ich angekündigt habe, ich solle sie schnell noch absagen, und gibt sich der Hoffnung hin, dass ich es tue. Jetzt kommt dieses Schriftstück.

Dr. Steiner: Aber ich weiß nun wiederum nicht, ob ich im Sinne des Doktor Goesch es vorlesen darf, denn es ist nur für Mitglieder unserer geistigen Bewegung. Es ist allerdings auch der Titel «Philosophisches» darüber, aber, da Doktor Goesch den Unterschied zwischen dem und den Mitgliedern der Bewegung macht, [weiß ich nicht,] ob es im Sinne des Herrn Doktor Goesch ist, dies Schriftstück zu verlesen, es Ihnen mitzuteilen! Wer weiß, ob er der Ansicht ist, dass ich es vorlesen darf. Das Schriftstück heißt:

[Lücke in der Mitschrift]

Das ist also der Brief, der an mich gekommen ist, ohne Datum, Poststempel 21. August.

Michael Bauer: Ja, also dieses Schriftstück wird auch in diese Richtung gehören, dass er nun mit schriftlichen Machtmitteln, mit solchen Mitteln, die aus der Geschichte vielleicht auf einige einen Eindruck gemacht haben, wirken will. /Lücke in der Mitschrift] [Vermutlich eine Publikumsreaktion:] Es wird Protest erhoben.

Michael Bauer: Und wenn das nicht geschieht, so werden ganz gewiss andere Maßnahmen folgen; damit müssen wir rechnen, dass einmal eines Tages Broschüren in Buchhandlungen stehen, die uns angehen, und wir müssen uns klar werden, was damit überhaupt geschehen soll; durch Diskussionen darüber glaube ich nicht, dass viel erreicht wird; wir müssen eben diese Dinge, sobald sie in die weitere Öffentlichkeit gehen, mit allen Mitteln bekämpfen, die uns zur Verfügung stehen, also mit Gründen. Nur dürfen wir jedenfalls die Stimmung, die in manchen aufgetaucht ist allen Anzeichen nach - dass eben doch das größere Unrecht den anderen geschehen ist -, nicht aufkommen lassen, mit dem Nichtherangehen an die Gesichtspunkte, sondern wir müssen wissen, wo die Schuld liegt! — So ist es ja schon in manchen anderen Fällen hier gegangen. Es haben Menschen die furchtbarsten Beschuldigungen erhoben; aber hernach hat sich gezeigt, dass das Mitleid sich dahinneigte, von wo die Beschuldigungen ausgingen. Sachen, die wir klar erkennen sollten. In dem Augenblick, wo wir klar erkennen, werden wir, wenn es an uns selbst herantritt, es begreifen. Wir müssen sehen, wie gefährdet unsere Bewegung ist, müssen bedenken, dass wir unserer Bewegung angehören, dass wir nicht persönliche Dinge hineintragen wollen; denn meistens sind es doch nur persönliche Sentimentalitäten, die in Betracht kommen, zum Beispiel ein Gefühl, man sei in der Gesellschaft zu kurz gekommen und möchte sich jetzt mit anderen verbünden.

Wir werden es also jetzt nicht mit Kritikern außerhalb unserer Gesellschaft zu tun haben. Aber wie man uns beurteilen wird, diese Urteile werden wohl nicht seltener werden, sondern werden zahlreicher werden. Das ist eine Sache für sich. Wir werden von Leuten, die einmal bei uns waren, oder es noch sind, immer wieder auf falsche Weise angegriffen werden. Wir müssen klarsehen: Wo liegt unsere Aufgabe? — Im vorliegenden Falle müsste es freilich klar sein: Es sind Dinge behauptet worden, die eben unbewiesen und auch unbeweisbar sind, die durchaus unwahr sind, die grobe Ehr-Beeinträchtigungen bedeuten, die also in höchstem Maß das wären, was Goesch als «Ehrabschneidung» bezeichnet! Aber das ficht ihn weiter gar nicht an; denn er bleibt ja auf dem Standpunkt, dass er recht hat, und der Zentralvorstand ist derjenige, der das alles macht. - In diesen und in ähnlichen Fällen wird es uns sehr nötig sein, klar zu sehen: Was kann zugunsten unserer Bewegung geschehen? — Denn damit tun wir der Bewegung keinen Dienst, wenn wir sagen: Ja gewiss, es hätte viel anders gemacht werden können; sie haben ja sicher recht, und wenn sie noch warten, so wird vielleicht der Zentralvorstand einsehen, dass sie recht haben; man wird vielleicht allmählich, wenn sie selbst zugeben, dass sie gewillt sind, sich auszusprechen und auf Gründe zu hören, bereit sein, mit ihnen weiter zu verhandeln. — In diesem Sinne ist dies gewiss nicht berechtigt; sondern wir müssen mit aller Schärfe erkennen: Hier liegen Dinge vor, die nicht hätten geschehen sollen, und auf die wir uns in keiner Weise weiter einlassen wollen, soweit der Fall als solcher infrage kommt.

Diese [von Heinrich Goesch angekündigten] Gewaltmittel, die allenfalls noch kommen werden, müssen uns aber auf der Wache finden. Wir müssen mindestens in der Lage sein, dann richtig zu entgegnen. Und das sind wir nur dann, wenn wir ganz klar über die Aufgaben und Ziele unserer Bewegung orientiert sind, und wenn wir auch nicht zu bequem sind, in uns zu ergründen, warum die Bewegung jetzt in der Welt ist. Vielmals ist es oft nur Bequemlichkeit, wenn man den Dingen nicht nachgeht und auf leichtere Weise davonkommen will.

Dass wir die drei Menschen ausgeschlossen haben, mag unrichtig gewesen sein; vielleicht wäre es besser gewesen, sie von unsern Veranstaltungen fernzuhalten [oder] sie vielleicht überhaupt unter uns zu lassen. Wenn fortgesetzt aber eine große Anzahl von Mitgliedern gegen uns Partei ergreift und gegen uns arbeitet, dann ist es eben unmöglich, dass wir diese Menschen unter uns haben können; denn dann wird über kurz oder lang die Bewegung derart zerrissen und von lauter persönlichen Gefühlen hinüber- und herübergeworfen werden, dass sie eben als Gesellschaft nicht mehr bestehen könnte. Das ist wirklich etwas, was wir uns klar vorstellen müssen.

Und wenn wir heute die Feier der Grundsteinlegung hatten, dann ist es gar nicht außer dem Zusammenhang, wenn wir uns darüber klar werden müssen - und wenn es wenigstens [unserer] dieser Versammlung dienen kann -: Wie kann unsere Gesellschaft und die Arbeit darin beurteilt werden? Nur, wenn wir alle wissen, was wir wollen, [was wir] für die Geisteswissenschaft und ihre Bestrebungen wollen! Und wenn wir, wie es vorhin gesagt worden ist, Verständnis erwecken wollen für die Geisteswissenschaft und ihre Bestrebungen, und wenn wir dann treu dazu stehen. — Das ist keine Treue, wenn man aus persönlichen Dingen sofort eine Sache gegen die Bewegung macht. Im Grunde war es in den allermeisten Fällen so, dass es persönliche Dinge waren, die in der Gesellschaft hätten ausgetragen werden sollen. Es waren ganz persönliche Dinge, die Fräulein Sprengel angestrebt hat, und die nicht erreicht worden sind, und die den Fall dann hervorgerufen haben. Letzten Endes waren es wohl auch persönliche Dinge, die den Austritt in München hervorgerufen haben. Denn meistens wird mit persönlichen Bestrebungen an die Gesellschaft herangetreten. Führen diese Bestrebungen nicht zum Ziel, dann wendet man sich gegen die Gesellschaft.

Hat man wirklich die Gesellschaft begriffen als ein Werkzeug zur Verbreitung, zur Pflege der Geisteswissenschaft, dann wird man nicht aus persönlichen Motiven gegen die Gesellschaft sein, sondern kann ganz gut einmal eine persönliche Sache mit einem Mitglied ausfechten; aber man kann nie sich in der Weise gegen die Gesellschaft oder den Lehrer in der Gesellschaft wenden, wie es hier geschehen ist. Wenn wir klarsehen würden, dass es oft auch nur, wo wir selbst einmal Missstimmung in uns tragen, persönliche Dinge sind, die eben das hervorgerufen haben, dann würden wir schneller richtig auf den Füßen stehen.

Im Grunde muss es doch dahin kommen, dass jedes Mitglied der Gesellschaft auch ein Mitarbeiter der Gesellschaft werden will. Und das muss eigentlich der Gesichtspunkt werden — dass man sehen muss, in welcher Weise sich dann seine Fähigkeiten in das Ganze einfügen: In erster Linie klar gegen sich selbst sein sich bemühen.

Es sind viele Dinge zu besprechen, liebe Freunde, das kann aber heute nicht geschehen; jedenfalls sollte der Fall, der ja noch nicht abgeschlossen ist, uns ermuntern, alles daranzusetzen und alle Bequemlichkeit hintanzusetzen, um fest zu stehen als Mitglied unserer geistigen Bewegung, um für die große Aufgabe, die unsere Bewegung erstrebt, eben auch wirklich ein wenig etwas tun zu können.

[Insofern mag das, was heute leider noch vorgebracht werden musste, nicht ganz ohne Beziehung sein,] weil es eben der dritte Jahrestag der Grundsteinlegung war, insofern mag sogar das Gefühl der Liebe zur Bewegung sich steigern, insofern wir empfinden: Wir müssen, unsere Schwierigkeiten, mit der unsere Bewegung in der Welt drinnen steht, und die sich wohl noch steigern werden, zu überwinden trachten also mit dem Gefühl der Liebe zur Bewegung; dann werden wir vielleicht aus dieser Liebe zur Bewegung die Kraft finden, ihr treu zu sein und ihr da, wo sie gefährdet ist, treu zur Seite zu stehen.

Ich bitte, wer etwas zu sagen wünscht, sich zu melden. - Ich wollte durch diese nüchternen Ausführungen nicht für den Zentralvorstand plädieren, sondern ich wollte damit nur sagen, dass der Schwerpunkt der ganzen Sache doch in dem Angriff des Doktor Goesch gegen Doktor Steiner -und damit gegen unsere ganze Bewegung - liegt, und dass man das nicht aus dem Auge verlieren soll, selbst wenn man beim Lesen dieses Schriftstückes da und dort einmal meint, das hätte der Zentralvorstand klugerweise anders sagen können.

Ich musste, als ich nach München kam, in diesem Jahre erfahren, dass man das Schriftstück dort hatte, es studiert hatte, und dass man doch auch da die Empfindung, der Zentralvorstand habe Ungeschicklichkeiten begangen, stärker empfunden hat als das, was Doktor Goesch gemacht hat! Das war im Grunde genommen doch zum Teil aus denselben Gründen gesprosst, wie es sich eben heute abspielt, wo man die «Partei» nämlich nicht ergreifen will zwar, wo man aber doch voller Teilnahme auf der Seite steht, die eine Gefahr direkt heraufbeschworen hat.

Das Amt des Zentralvorstands ist nicht «gewählt»; der Posten wird nicht durch Wahl besetzt. Ich bin nicht gewählt als Zentralvorstand; sondern ich habe seinerzeit mich erklärt dahin, dass ich bereit bin, in dieser Richtung zu arbeiten, und dass diejenigen, die mit mir zusammenarbeiten wollen, eben die Gesellschaft bilden mögen - im Verein mit den andern. Es könnte also nur durch eine Erklärung von mir aus sein, dass ich aufhöre, im Zentralvorstand zu sein. Und diese Erklärung gebe ich heute nicht ab.

Dr. Steiner: Wünscht jemand das Wort?

Frau von Vacano: Ich will nur sagen, dass es sehr schön von Herrn Bauer ist, dass er diese «Erklärung» nicht abgibt!

Allgemeiner Beifall.

Michael Bauer: Es haben mir viele angemerkt, was ich eigentlich aus dem Schriftstück verlesen wollte: zur Charakteristik; aber es ist wirklich nicht möglich geworden. Es würde zu weit führen.

Frau von Ulrich: Dürfte ich einen kleinen Antrag machen: Wenn wir schriftlich oder durch Broschüren von jener Seite angegriffen würden, sollte jede Antwort der Gesellschaft oder dem Zentralvorstand vorgelegt werden, damit, wenn man in guter Absicht Angriffe zurück weist, man es nicht vielleicht noch schlimmer mache.

Michael Bauer: Das war kein Antrag, sondern ein Vorschlag; er braucht, weil es nicht ein Antrag ist, nicht abgestimmt zu werden, erst zu einer Zeit, wo er [Lücke in der Mitschrift]

Frau von Ulrich: Ja, aber dann wird es zu spät sein; wenn Antworten erfolgen, die uns schaden, ist es zu spät. Daher mache ich jetzt den Vorschlag, damit es beachtet werden sollte.

Michael Bauer: Das kann ja vor allem aus dem Vorschlag herausgehört werden, dass die Antworten in jedem Falle wohl überlegt sind; es braucht nicht bloß in diesem Falle zu sein. Das möge man heraushören; aber zu einem Beschluss darüber, zu einem Beschluss dieser Art möchte ich es am liebsten nicht kommen lassen; es würde uns ausgelegt werden, als würden wir die freie Meinungsäußerung von vornherein nicht lieben und fürchten und eine Zensur in allen Fällen einführen wollen. Es ist besser, man lässt diese Meinung nicht aufkommen.

Dr. Steiner: Bei all solchen Dingen muss natürlich bedacht werden, dass wir ja eine werdende Sache, eine werdende Bewegung sind und keine Mittel haben, so ohne Weiteres dasjenige zu unterlassen, was unterlassen werden könnte in einem solchen Falle, wie in dem Falle Goesch-Sprengel.

Das Selbstverständliche wäre - ich möchte fast sagen — das Selbstverständlichste wäre, dass man sich um die ganze Sache nicht kümmert. Und man würde sich auch dann nicht darum kümmern, wenn man schon eine von der Welt anerkannte Körperschaft wäre, die es nicht nötig hätte, sich um Dinge zu kümmern, die solcher Art sind!

Nicht wahr, es erfolgen ja nicht nur von Doktor Goesch, sondern von vielen Seiten her Angriffe - von außerhalb der Gesellschaft, von innerhalb der Gesellschaft.

Man kann sich darüber ein Urteil bilden, das schließlich zusammengefasst werden kann in die Worte, mit denen ich vor einiger Zeit einmal zusammenfasste dasjenige, was ich sagen wollte mit Bezug auf gewisse Presse-Angriffe dieser oder jener Art. Ich will zum Beispiel nur verweisen auf einen Presse-Angriff, der erfolgt ist auf meinen letzten Vortrag, den ich in Zürich gehalten habe, der dann von dem Züricher Korrespondenten nach Deutschland geschrieben worden ist, und dort in zahlreichen Schmier- und Käseblättchen in der unglaublichsten Weise nachgedruckt worden ist, in Blättchen, die aber doch eine gewisse Verbreitung haben.

Nicht wahr, das Naturgemäße ist, auf solche Dinge überhaupt nichts zu antworten. Und ich sagte dazumal in solch einem öffentlichen Vortrag: Solange es geht, muss ich schon selber auf solche Angriffe, wie den, der dazumal von Zürich ausging, bei meinen alten Gepflogenheiten bleiben. — Nicht wahr, das ist dasjenige, was man in einem solchen Fall immer tun kann. Aber man muss nicht vergessen, dass wir ja eine viel «angegriffene Gesellschaft» sind, eine Gesellschaft sind, von der leicht dem Angreifer geglaubt wird. Ja, man kann schon sagen: dass kaum irgendein Ding dumm genug ist, das verbreitet wird, und das nicht eben geglaubt würde — geglaubt würde draußen in der Welt über unsere Gesellschaft. Sodass man sagen muss: Wir sind natürlich genötigt, nicht in allen Fällen sogenannte «Vogel-Strauß-Politik» zu treiben, das heißt: nicht in allen Fällen den Kopf in den Sand zu stecken. Nicht wahr, von Herrn Goesch zum Beispiel wurden merkwürdige Dinge berichtet, berichtet von Menschen, denen man glauben muss, in diesem Fall nicht bloß glauben darf, sondern glauben muss in diesem Falle, aus den verschiedenen Begleitumständen heraus. So zum Beispiel wurde erzählt, dass er Briefe geschrieben hat an verschiedene Leute in Deutschland des Inhaltes, dass er durch die Maßnahme, die der Zentralvorstand in Deutschland gegen ihn getroffen hat, in einen gewissen Ruf gekommen sei. Nun hätten ihm aber früher einzelne Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zugesagt, ihm mit gewissen Geldern auszuhelfen, und er sei daher in finanzielle Schwierigkeiten gekommen und könnte sehr leicht genötigt sein durch seine finanziellen Schwierigkeiten, Weiteres zu machen und die Dinge der Öffentlichkeit zu übergeben.

Sie sehen also: Ich sage, diese Dinge sind von denjenigen berichtet worden, die solche Briefe bekommen haben. Nicht wahr, Frau Grosheintz?

[Vermutlich Nelly Grosheintz:] Ja, gewiss! Ich habe auch gelesen davon.

Dr. Steiner: Also, solche Briefe hat Doktor Goesch geschrieben. Ich überlasse es Ihnen, solche Dinge selber zu charakterisieren. - Er soll auch geschrieben haben, dass er durch das Verhalten das Zentralvorstandes in die Lage gekommen ist, von seinem Vater nicht das früher versprochene Geld zur Unterstützung zu bekommen, und dass er deshalb genötigt sei, diese Dinge der Öffentlichkeit nach und nach zu übergeben.

Eine Dame hat an Doktor Goesch in einer recht wohlwollenden Weise geschrieben - wirklich in einer recht wohlwollenden Weise -, hat ihn aufmerksam gemacht, dass er doch auf Kleinigkeiten herumreitet. Sie haben ja heute selbst von Herrn Bauer charakterisiert gehört, auf welchen Unglaublichkeiten er herumreitet. - Er hat der Dame geantwortet, so ungefähr, es ist jetzt nicht wörtlich zitiert, aber so ungefähr: Solange die betreffende Dame auf dem Standpunkt von Trottelismus stehe, auf dem sie in ihrem Briefe steht, wolle er nicht auf das Niveau ihres Geisteszustandes heruntersteigen; er könne sich mit ihr erst verständigen, wenn sie aus dem Trottelismus, aus der Vertrottelung herausgekommen sei.

Nun, dann aber stand in diesem Brief — weil ja eben die betreffende Dame angeführt hatte, dass die Dinge unbedeutend seien -, er müsse ihr sagen, dass die Dinge nicht mehr unbedeutend sein werden, wenn man in allen Buchhandlungen Broschüren finden werde, mit dem Titel: «Der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft. - Infamien des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft gegen eine unbescholtene Frau». Diese Broschüre könnte man in allen Buchhandlungen und Artikel mit solchen Überschriften in allen Journalen finden. Sie sehen also, die Dinge können doch immerhin zu Weiterem führen, und sie müssen uns eigentlich auf eines aufmerksam machen.

Nicht wahr, ich habe ja nicht nötig, heute diese Dinge alle zu sagen; ich kann ja eventuell, wie ich es öfter gemacht habe, in Vorträge solche Dinge einfügen, die noch zu sagen sind über Grundbedingungen unserer Anthroposophischen Gesellschaft. Aber ich möchte das eine sagen: Schon auch genügend ist im Laufe der Zeit der zwei mal sieben Jahre an Angriffen erfolgt aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus, in der verschiedensten Form; und außerordentlich wenig eigentlich ist geschehen zur Verteidigung! Ich sage dies, trotzdem in der letzten Zeit gewiss einige Mitglieder in sehr verdienstvoller Weise sich aufgerafft haben, Verteidigungsschriften und verschiedene Artikel zu verfassen. Ich muss aber bemerken - obwohl es vielleicht sogar albern erscheinen könnte zu bemerken -, ich muss bemerken, dass diejenigen Verteidigungen, die auf Angriffe hin erfolgen, durchaus nicht die zweckmäßigsten Verteidigungen sind; denn es kommt in der Regel nichts anderes heraus als: Irgendeiner greift an - also selbst in einer solchen Weise, wie Doktor Goesch angegriffen hat -, man gibt eine Erwiderung darauf. Man überzeugt selbstverständlich denjenigen nicht, der angegriffen hat; man kann doch nicht so naiv sein, zu glauben, dass man den, der in einer solchen Weise angegriffen hat, überzeugen kann! Er erwidert wiederum; er erwidert in einer noch schlimmeren Weise, und die Sache wird - ich will nicht das Wort gebrauchen, das vorhin gebraucht worden ist, denn schon Konfuzius hat gesagt, man soll seine Mitmenschen lieben, aber mit Maßen lieben. Deshalb will ich das Wort, das aus dem Plenum heraus gebraucht worden ist, in diesem Zusammenhange nicht wiederholen, sondern will mich bemühen, ein maßvolleres Wort zu wählen - ich will nur sagen, dass man dadurch zu einem «Hin und Her ohne Ende» kommt, wobei immer derjenige, der die nötige Stirne dazu hat, selbstverständlich doch das letzte Wort dazu sagen wird; und etwas bleibt, wie schon das Sprichwort sagt, immer hängen! Diese Verteidigungen unserer Sache, die auf Angriffe hin erfolgen -, gewiss, sie werden in zahlreichen Fällen notwendig sein, werden in zahlreichen Fällen auch gut sein; aber diese Verteidigungen, die auf Angriffe hin erfolgen, sind nicht die wichtigsten. Die wichtigsten sind diejenigen, die spontaner Weise, in positiver Weise für unsere Sache etwas tun werden -, diejenigen Dinge tun werden, die für unsere Sache getan werden, weil sie diesem oder jenem selbst seine Sache ist.

Nun nehmen Sie einmal an, Sie würden auf die eine Seite alle Angriffe stellen und auf die andere Seite dasjenige Stellen, was jemals zur Verteidigung unserer Sache getan worden ist, und Sie würden wirklich ein merkwürdiges Bild bekommen!

Es handelt sich schon darum, dass wir nötig haben, dass auch etwas Initiative entwickelt wird, dass etwas in positiver Weise von den Mitgliedern getan und veranlasst wird. Es ist albern, dies gerade von mir aus zu sagen, selbstverständlich; aber nachdem die Gesellschaft besteht, muss die Gesellschaft sich nicht nur betragen als eine Gemeinschaft von Menschen, die etwas entgegennimmt, sondern als ein Instrument zur In-die-Welt-Führung unserer geistigen Bewegung!

Dann aber ist es notwendig, dass die Gesellschaft Mitglieder in ihrem Schoße birgt, die gewisse Verpflichtungen fühlen, je nach ihren Fähigkeiten, dies oder jenes für die Gesellschaft verteidigend zu tun beziehungsweise auch zu unterlassen. In der letzteren Beziehung wird auch manches getan werden müssen! Es ist mir erst gestern wiederum ein merkwürdiger Fall erzählt worden, der ja für die Öffentlichkeit keine Bedeutung hat, aber symptomatisch doch immerhin ist, weil solche Dinge aufgegriffen werden, und — nicht wahr - wirklich auch in der Unterlassung solcher Dinge auch eine kluge Art, unsere Gesellschaft zu verteidigen, liegen könnte.

Es war vor kurzer Zeit einmal in einer Zeitung ein Bild von Frau Doktor und mir erschienen. Und diese Zeitung wurde, wie mir erzählt worden ist, in einem Basler Bureau bestellt. Es wurde mir gesagt: Zweifellos von einem Mitglied wurde die Bestellung der Zeitschrift entgegengenommen und gesagt: «Da sind sie, der Meister ...» - zum Ladenmädchen dort!

Das sind Dinge, nicht wahr, die nicht gerade beitragen - wenn Sie sie nicht unterlassen werden -, unsere Gesellschaft in das rechte Licht zu stellen, und die wirklich, verzeihen Sie den harten Ausdruck, etwas sind, wovon man sagen muss: eine bloße Dummheit. Nun, Dummheiten sind ja schon auch einmal eine Gottesgabe; aber, nicht wahr, sie bleiben in der Regel nicht oder bleiben wenigstens oftmals nicht in den Kreisen, in denen sie sich zutragen.

Wenn Sie bedenken, dass in dem schönen Artikel in der Zeitschrift «Heimatschutz» ja eigentlich nichts besonders Unrechtes steht, von der Art, wie man nötig hatte in der letzten Zeit manches zu monieren, denn, nicht wahr, dort im «Heimatschutz» stehen Ansichten - die Dinge kann man selbstverständlich widerlegen -, es stehen Ansichten dort — gewiss, Ansichten, die töricht sind —, aber es sind Ansichten, mit Ausnahme einer Tatsache, einer einzigen Tatsache, die aber ja leider wahr sein könnte: dass der betreffende Herr, der diesen sonderbaren Artikel geschrieben hat, im 'Iram von Leuten gehört hat, dass es ja ein Modell gibt, und, nicht wahr, nach diesem «Wachsmodell» seien die Dinge gemacht. Und alle die Bemerkungen, die er dazu macht, rufen den Eindruck hervor, dass schon merkwürdige Dinge in den verschiedenen 'Trams geredet zu werden scheinen.

Also da haben Sie das Einlaufen solcher Dinge, die einfach da oder dort geredet werden - und die besser nicht geredet würden -, das Einlaufen solcher Dinge dann in die Öffentlichkeit. Und, nicht wahr, wir sind eben eine werdende Sache; wir haben nötig, darauf zu sehen, dass wir uns nicht selber Steine in den Weg werfen. Natürlich, es ist ja immer dasselbe, was wir sagen müssen; aber es ist nötig, diese Dinge vorzubringen, weil das so verbreitet ist in unserer Gesellschaft, worauf ich jetzt schon aufmerksam gemacht habe, auch bei diesen Vorträgen aufmerksam gemacht habe. Man vergisst die Dinge immer wiederum; man vergisst sie immer wieder und wiederum; es verwandeln sich diese Dinge nicht in einen fortdauernden Gebrauch. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass die besten Vorschläge schon gemacht worden sind von einem zum andern; aber es dauert in der Regel nicht lange.

Sitzungen werden ja viele gehalten zu dem oder jenem; aber wenn es darauf ankommt, eine solche Initiative wirklich standhaft durchzuführen, wie es schon notwendig ist bei einer werdenden Bewegung, dann kommt das Vergessen, das eine so große Rolle spielt. Und das hängt eben doch mit dem zusammen, was ich ausdrücklich betonen will: Wir sollen nicht erst warten, bis Angriffe erfolgen, sondern wir sollen uns klar sein, dass wir wirklich uns eben als ein Instrument für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung ansehen wollen, und dass wir wirklich tun, was wir tun können. Und dass wir auf der anderen Seite wirklich dasjenige ein wenig unterlassen, wovon wir leicht einsehen könnten, dass wir es nicht tun sollten.

Und dieses ist vielleicht gar nicht einmal von so geringer Bedeutung innerhalb der Gesellschaft selbst in Bezug auf dasjenige, was in der Gesellschaft getan wird. Es führt zuweilen wirklich zu den größten Schwierigkeiten, wenn einfach einer etwas sagt, der andere hört es, erzählt jemand etwas anderes schon; beim dritten ist es das Gegenteil! Die Dinge hören wir jede Woche. Und wie viel wir gerade von dem erleben mussten, seitdem wir jetzt wieder hier sind, das könnte ein großes Werk geben, wenn das alles zusammengeschrieben würde.

Aber wie gesagt, auch solche Dinge sind zu bedenken, wie die mit dem «Bild in der Zeitschrift»; denn die Dinge wiederholen sich immer wieder und wiederum, kommen immer wieder vor. Natürlich nicht gerade gleich so, aber in dieser Form oder in jener Form kommen sie immer wieder vor und erscheinen dann wiederum sogar in der Öffentlichkeit! Wozu ist es nötig, in der Elektrischen so etwas zu sprechen, wie über das Wachsmodell? Zeigt man den Leuten das Wachsmodell im Bau, so werden sie selbstverständlich eine andere Ansicht bekommen; aber an der Art, wie das mitgeteilt wird in dem Artikel, kann man ersehen, wie in der elektrischen Bahn über solche Dinge gesprochen wird.

Außerdem ist gerade nach dieser Richtung der falschen Propagandierung das Mannigfaltigste im Zusammenhange mit unserem Bau ja in der letzten Zeit recht viel - kann man schon sagen - geleistet worden, angefangen von jenem Artikel, der einmal uns so geschadet hat, der im «Matin» erschienen ist, bald nachdem unser Bau in Angriff genommen worden ist, bis zu verschiedenen anderen Dingen.

Also über die Lebensbedingungen so nachzudenken und sich so zu verständigen, dass die Dinge nicht mehr vergessen werden, das wäre schon notwendig, und dass man sieht, nicht wahr, dass die Dinge uns wirklich ins Unmögliche hineinführen.

So ist es nun eben notwendig geworden, dass Frau Doktor Steiner zurücktrat vom Zentralvorstand in Deutschland, vom Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft. Denken Sie sich nun, wenn die anderen Zentralvorstände nun auch noch irgendwie einmal fühlen, dass es nicht geht, wohin kommen wir? Es ist zu stark bei uns das Prinzip verbreitet der Nichtunterstützung gerade derjenigen, die nun einmal arbeiten müssen. Es ist, ich möchte sagen, ein gewisser Nichtenthusiasmus zu merken in Bezug auf gewisse Dinge. Das ist ja etwas, was doch zu den Imponderabilien gehört; man kann es nicht greifen, man kann es auch nicht so recht in Worte kleiden. Aber ich muss nun sagen: Wenn überhaupt solch ein Brief, wie er heute vorgelesen worden ist von Herrn Bauer, an Herrn Bauer geschrieben werden konnte, wenn solche Dinge geschrieben werden können, wie diese sonderbaren Zitate-Fälschereien und so weiter, dann - ja, ich kann nicht anders sagen, als: Ich fühle viel zu wenig, dass da ein Mitempfinden, ein enthusiastisches Mitgehen, mit dem, was sein soll in der Gesellschaft, da wäre, dass man genügend fühlte, wie unerhört eigentlich es ist, wenn diejenigen Menschen, die arbeiten im Interesse unserer Sache, wenn die in einer solchen Weise angegriffen werden können. Es ist in solchen Dingen die Stimmung vorhanden, diese Dinge wegzuschieben, sich am liebsten nicht um sie zu bekümmern.

Es ist noch viel zu viel von jener scheußlichen Stimmung vorhanden auch bei uns, die wir beobachten konnten in der alten Theosophischen Gesellschaft, wo ein großer Teil der Zeit dazu verwendet worden ist, möglichst große Standpunkte, die der Mensch erklommen hat, zu schildern. Lesen Sie nur den (vorher erwähnten Bericht), wo man so hinaufklettert; immer höherer und höherer Standpunkt — das ist sehr schön, wenn man darin schwelgen kann, und womöglich auch am Teetisch erzählen kann, dass es solche Dinge gibt.

In dieser Weise können wir uns nicht darauf einlassen, die Dinge zu behandeln, weil wir uns klar sein müssen, dass, wenn Ernst durch unsere Bewegung gehen soll, dann kann das nur dadurch geschehen, dass wir die Dinge wirklich auch in ihrer vollen Würde und in ihrer vollen Tiefe nehmen. Wir können nicht immerfort sagen: Unsere Gesellschaft beruht auf einer okkulten Grundlage, und daher dürfen gewisse Dinge in unserer Gesellschaft nicht vorkommen, und können uns dann auf den Standpunkt stellen: Ja, es ist nicht schön, sich mit diesen Dingen zu befassen, wir sollten nicht schöne Stunden mit diesen Dingen verbringen. - Wir müssen uns verständigen, und wir müssen wissen, dass der Zentralvorstand in diesen drei Jahren seit der Grundsteinlegung für unsern hiesigen Bau in einer solchen Weise solche Angriffe erfahren hat. Und ich muss sagen: Es gehört zur heutigen Zeit, diese Dinge ganz streng ins Auge zu fassen und mit dem Gefühl so zu durchdringen, dass der Zentralvorstand wahrhaftig in eine Lage versetzt ist dadurch, dass wir ihm alle mit den allerenthusiastischsten Dankgefühlen entgegenkommen müssen, nachdem er in dieser Weise ungerechte Angriffe erfahren hat — nicht so, ich möchte sagen, passiv ihm gegenüber sein.

Der Zentralvorstand muss sozusagen, wenn ich in Bezug auf die Gesellschaft spreche, als Fleisch von unserm Fleische betrachtet werden. Und wirklich, wenn man ein wenig mehr fühlen könnte das herzliche Dabeisein der Mitglieder mit diesen Angelegenheiten, nicht bloß das apathische Zu-den-Vorträgen-Gehen oder das herzliche Dabeisein bei allen den Dingen, die Wohl und Wehe der Gesellschaft berühren, so wäre dieses eine Tatsache, die die Empfindungen hervorrufen könnte: Unsere Gesellschaft ist lebensfähig!

Die Apathie, die in manchen Dingen zu finden ist, das ist dasjenige, das so furchtbar im Grunde genommen - lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen -, so furchtbar schmerzlich ist und wehetut: die Apathie, die Dinge möglichst nicht zu beachten, wenn es einen nicht persönlich angeht.

Enthusiastisches Miteinanderteilen, enthusiastisches Füreinandereintreten, insbesondere für diejenigen, die arbeiten müssen, das ist dasjenige, was man eben nicht fühlt. Es sind das Imponderabilien; aber es wird eben nicht gefühlt. Es musste schon einmal gesagt werden.

Betrachten Sie das nicht als eine Attacke, aber es musste einmal gesagt werden. Ich hätte zum Beispiel heute doch erwartet, dass Verschiedenes gesprochen worden wäre, nachdem man den unerhörten Brief an Herrn Bauer gehört hat, und dass man Worte gefunden hätte dafür, was es

eigentlich heißt, wenn aus dem Schoß unserer Gesellschaft Leute hervorgehen, die imstande sind, nachdem sie erst die ganze Attacke angefacht haben, solche Dinge auf den Mann gerade zu schleudern, der in einer so selbstlosen, hingebungsvollen und so überwindungsreichen Art - bei diesen sonstigen Schwierigkeiten —, überwindungsreichen Art für die Bewegung eingetreten ist. Dies ist eine Tatsache, die ins Auge gefasst werden muss, der gegenüber wir nicht apathisch bleiben dürfen, sondern die wir versuchen müssen, durch irgendwelche Weise gutzumachen. Irgendwie müssen wir Mittel und Wege finden, um auch wirklich Schutz zu sein für die geistige Bewegung, der wir angehören wollen.

Das ist dasjenige, was ich, wie gesagt, ohne dass es eine Attacke sein soll, doch eben einmal sagen wollte.

Es sind Imponderabilien, die man fühlt: dieses Nicht-mit-der-ganzenPersönlichkeit-dafür-stehen-Wollen für die Dinge, in denen man glaubt, stehen zu können und stehen zu sollen. Es ist eine unerhörte Sache, dass ein solcher Brief geschrieben werden kann. Sie können natürlich sagen: Man kann es nicht verhindern. Gewiss, man kann es nicht verhindern. Es sind noch schrecklichere Briefe geschrieben worden; es vergeht keine Woche, dass noch schrecklichere Briefe geschrieben werden; aber es geschieht auch sehr viel in der Bewegung selber, dass, wenn es nicht in der Weise geschehen würde, doch verhindern würde, dass in einer solch unerhörten Weise aus dem Schoße der Gesellschaft selbst heraus solche Attacken geschehen. Wenn man die Geschichte jedes einzelnen Falles verfolgen würde, wo Attacken aus dem Schoße unserer Mitglieder entstanden, so würde man manches sehen, dass manches - bevor die Dinge eingetreten sind — hätte geschehen können vonseiten unserer Mitglieder, was den Fall nicht zu jenen Exzessen hättet kommen lassen.

Frau Peelen: Ich hatte die Empfindung, dass es nicht nötig wäre, in dieser Angelegenheit Herrn Bauer ein Wort zu sagen, weil wir doch alle, die wir hier sind, solche Verehrung und solche Liebe für Herrn Bauer haben, dass er weiß, wie schmerzlich jeden Einzelnen von uns dieser Brief berührt hat, sodass wir wirklich in dem Moment nicht imstande sind, Worte zu finden, um ihm zu sagen, wie jeder von uns wahrscheinlich sich doch davon betroffen fühlt, und dass wir auch nicht Worte finden konnten, ihm zu sagen, wie groß unsere Liebe und Verehrung ist. Das weiß er, und muss er gefühlt haben in der Zeit, in der er hier gearbeitet hat. Dr. Steiner: Aber wenn wir ständig niemals Worte finden, dann werden wir ständig von denjenigen, die Worte finden, aus dem Felde geschlagen werden.

Michael Bauer: Das Wesentliche bleibt: Wo sich in unseren Kreisen selbst immer mehr wohl Stimmen äußern, die schließlich darauf hinauslaufen, aus persönlichen Motiven heraus einmal einen Angriff abzuwehren, dass wir da rechtzeitig entgegentreten, wenn wir nur wissen, wo wir stehen /unklare Textstelle]. Denn es ist ganz sicher, dass eine ganze Anzahl solcher Dinge gar nie so groß geworden wäre, wenn die Mitglieder nicht selbst beim Zuhören oder Sprechen durch ihr Hinzutun diese Dinge nicht immer wieder so aufschwellen lassen würden. Wenn da rechtzeitig etwas dagegen getan worden wäre, so wäre sicher etwas herausgekommen, gerade in diesem Punkt - gerade dieser Gesichtspunkt, dass wir positiv arbeiten müssen, [dass wir] die Verteidigung in positiver Weise zu halten allmählich auch lernen und anwenden müssen, [gerade dieser Gesichtspunkt,] dass doch gerade in letzter Zeit in recht viele Köpfe gekommen ist, dieser Gedanke. Und immer wieder hat es mir der eine oder der andere gesagt. Und ich bin der Hoffnung, dass die Zeit nicht mehr ferne ist, wo unsere Gesellschaft ihre Schuldigkeit in positiver Weise in dieser Hinsicht tut. In der einen oder andern Hinsicht ist ja manches auch zutage getreten in der letzten Zeit. Das will ich jetzt nicht sagen, um uns wieder zu beruhigen damit, sondern um zu zeigen, dass wir doch Hoffnung haben dürfen. Ich erinnere zum Beispiel an den schönen Aufsatz von Albert Steffen über Doktor Steiner oder auch an die Arbeit von Doktor Boos; dann [die Arbeit] von Doktor Beckh über Buddhismus, die nicht über unsere Bewegung spricht, aber doch aus dem Kreise unserer Bewegung heraus vieles sagt.

Und so hoffe ich, dass die Worte, die Doktor Steiner noch zuletzt gesagt hat, in dieser Richtung Nachdruck geben. Der Wille und das Bedürfnis, in dieser Richtung zu wirken, ist jetzt bei vielen vorhanden. Wenn wir es nicht vergessen, so wird doch auch einmal etwas herauskommen.

Ich will jetzt schließen für heute.

German original of Deliberations on the “Goesch-Sprengel” Case · ← Previous · Next →