The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 2 June 1917, Hamburg
22. Die Dreigliederung und die Ideale «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit». Massregeln
Meine lieben Freunde!
Ich möchte die beiden Vorträge heute und morgen zu einer Einheit gestalten, sodass wir heute zu gewissen Ideen und Tatsachen der geistigen Welt aufblicken, die wir dann morgen in einem gewissen, gerade für die gegenwärtige Zeit wichtigen Weltenbilde zusammenfassen wollen.
Vielleicht wird es heute schon manchem verständlich sein, dass wir gegenwärtig in einer Zeit leben, welche für alle, die in der einen oder anderen Form an dieser Zeit teilnehmen, die sie mit durchleben, eine Zeit bedeutet, die die Entwicklung der Seele in einer Weise in Anspruch nimmt, an die Seele in einer Weise herantritt so, dass diese Art und Weise sich nicht leicht mit etwas vergleichen lässt, das uns von vorher, sei es durch unsere eigene menschliche Erfahrung, sei es aber auch durch dasjenige, was man sonst aufnehmen konnte, bekannt ist. Man könnte vieles sagen. Man könnte durch mancherlei Symptome und Bilder zum Ausdruck bringen, worin dies ganz Besondere der Seelenentwicklung besteht.
Gehen wir von einem Bilde aus. Sie wissen - entweder haben Sie es gehört oder in Zyklen, in Vorträgen gelesen -, ich habe im Laufe der Jahre, da wir im Sinne der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft miteinander gesprochen haben, öfter auf den Namen Herman Grimm hingewiesen, auf Herman Grimm als einen Geist, der im eminentesten Sinne unmittelbar herausgewachsen ist aus der deutschen Kulturentwicklung und in diese deutsche Kultur- und Geistesentwicklung sich hineingestellt hat. Ich kann sagen, meine lieben Freunde, wenn ich in den Jahren bis zum Jahre 1914 von Herman Grimm gesprochen habe, erschien es mir stets so, wie wenn er geistig neben mir gestanden hätte, wie wenn man den Gedanken hätte haben können: Was sagt solch eine Persönlichkeit, welche - allerdings in ganz anderer Form, als die Geisteswissenschaft das möglich macht - am deutschen Geistesleben intensiv teilgenommen hat? Ein solches Gefühl, dass solche Geister wie Herman Grimm - er ist 1901 gestorben, etliche 70 Jahre alt -, ein solches Gefühl, dass solche Geister neben einem stehen und gewissermaßen die Frage leise stellen: Was habe ich selbst zu sagen zu dem, was aus dem Geistesleben der Menschheit, sei es in der einen oder anderen Form, also auch im Sinne der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, hervorgeholt wird? —, dieses Gefühl, man kann es in derselben Weise seit dem Jahre 1914 nicht mehr haben. Das ist bedeutsam. Es gibt heute, äußerlich betrachtet, meine lieben Freunde, keine Möglichkeit, sich zu fragen: Wie würde eine solche Persönlichkeit wie Herman Grimm sich verhalten zu der ganzen Zeit und zu irgendetwas, was im Sinne dieser Zeit sich in die Geistesentwicklung hineinstellt? Gewiss, Herman Grimm würde, wenn er noch leben würde, nahezu 90 Jahre alt sein, aber würde er heute noch leben, so muss man sich einmal vorstellen, so würde es aus den Gedanken, die sich solch eine Persönlichkeit hat machen können, aus der Art und Weise des Miterlebens des gegenwärtigen Lebens der Menschheit, für eine solche Persönlichkeit kaum möglich sein, ein Urteil, eine Stellung zu demjenigen zu gewinnen, das in diesen drei Jahren seit 1914 über die Entwicklung der Menschheit hingegangen ist.
Nun können wir gewiss von unserem Gesichtspunkte aus uns die Frage noch anders stellen, wir können uns die Frage so stellen: Wie sieht eine solche Seele, nachdem sie durch die Todespforte gegangen ist und fast zwanzig Jahre bisher in der geistigen Welt durchlebt hat, auf uns herab, auf dasjenige, was hier auf der Erde vorgeht? Da kommen wir zu dem Urteil: Sie sieht nicht so verständnislos herab, wie sie eigentlich hätte sein müssen gegenüber dem, was so fremd ist all dem, was solch eine Persönlichkeit auf der Erde gefühlt hat.
Nicht umsonst, meine lieben Freunde, mache ich auf einen solchen Gedanken aufmerksam. Wir haben damit einen Gedanken angedeutet, der gewissermaßen nicht ganz Wirklichkeit für uns sein kann, nicht ganz Realität sein kann, einen Gedanken, der da fragt: Wie verständnisvoll ‚oder verständnislos würde eine Persönlichkeit wie Herman Grimm der Gegenwart, der äußeren Gegenwart gegenüberstehen? Wir wissen ja ganz gut, dass dieser Gedanke namentlich deshalb keine Wirklichkeit hat, weil die Seele, wenn sie durch die Todespforte geht, in einer ganz anderen Weise sich weiterentwickelt - und das ist dann die Wirklichkeit -, in einer ganz anderen Weise sich weiterentwickelt, als sie sich entwickelt hätte, wenn sie noch jahrelang hindurch im Leibe geblieben wäre. Aber die Frage uns vorzulegen, wie eine solche Persönlichkeit heute der äußeren Gegenwart gegenüberstehen würde, uns geradezu diesen nicht wirklichen Gedanken vorzulegen, dessen Nicht-Wirklichkeit uns gut bewusst sein kann, das ist ein guter Meditationsstoff. Vor allen Dingen haben solche Gedanken eine große Bedeutung für unser geistiges Leben, und man kann sagen, sie werden eine immer größere Bedeutung gewinnen für unser geistiges Leben. Die Menschen werden immer mehr und mehr sich in ein Denken hineingewöhnen müssen, welches mit solchen Faktoren rechnet, wie es das Sich-Hineinversetzen in solch einen Gedanken ist: So wäre es geworden, wenn solch eine Persönlichkeit auf der Erde geblieben wäre.
Es wird immer mehr und mehr notwendig sein, dass unser Denken sich durch solche Gedanken gelenkiger macht, als es nun leider in dieser unserer Zeit geworden ist. Denn das, was um uns herum ist, meine lieben Freunde, dasjenige, was die Menschheit mit solchem Schrecken erlebt, dasjenige, was macht, dass unsere Empfindungen so anders geworden sind, das hängt zum großen Teil mit den Gedankenentwicklungen — oder man könnte auch sagen mit den Un-Gedankenentwicklungen der letzten neueren Zeit zusammen. Soll ich den früher ausgesprochenen Gedanken richtig ergänzen, so möchte ich sagen, seit dem Jahre 1914 empfinde ich etwas, wenn ich an Herman Grimm und seine Geistesrichtung und Weltanschauung denke, wie ich es früher empfunden habe, wenn ich nach Jahrhunderten zurückgeblickt habe, nach einer Persönlichkeit, die Jahrhunderte vor uns war, nach einer längst geschichtlich gewordenen Persönlichkeit. Aber, meine lieben Freunde, das wird erst nach und nach der Menschheit zum Bewusstsein kommen, dass diese Jahre jetzt in Wirklichkeit eine viel längere Zeit sind, als sie nach dem äußeren, physischen Verlauf sind. Wir haben ja eigentlich - man kann sagen, es ist nicht eine Übertreibung -, wir haben ja eigentlich in diesen drei Jahren Jahrhunderte durchlebt. Nur, meine lieben Freunde, wir dürfen uns nicht scheuen, den Begriffen, die wir uns erworben haben im Laufe der Jahrzehnte innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, etwas anderes hinzuzufügen zu dem «wir haben Jahrhunderte durchlebt», wir dürfen uns nicht scheuen hinzuzufügen: In vieler, vieler Beziehung sind auch diese Zeiten nicht nur durchlebt, sondern sie sind auch durchschlafen worden, in einem gewissen höheren Sinne durchschlafen worden. Was meint man damit, wenn man sagt, sie seien in einem höheren Sinne durchschlafen worden? Diese Jahre enthalten so viele Lebens- und Erlebensmöglichkeiten, dass diese Lebens- und Erlebensmöglichkeiten für viele Seelen so vorübergehen, wie etwa die Ereignisse vorübergehen, die sich abspielen um einen Menschen herum, wenn er schläft. Sie sind da, wenn er schläft, aber er vernimmt sie nicht.
Über einige Bedingungen, ich möchte sagen des Aufwachens in unserer Zeit, des Erwecktwerdens in unserer Zeit, möchte ich gerade heute in diesen vorbereitenden Auseinandersetzungen zu Ihnen sprechen, meine lieben Freunde. Nötig wird es sein, dass die Menschheit vieles, vieles in anderem Lichte sieht, als es bisher gesehen worden ist. Und so lassen Sie uns gerade auf eine Grundtatsache hinweisen, auf eine wichtige, wichtige Grundtatsache, welche unser Denken in die Richtung, in die Strömung hineinbringen kann, die wir brauchen, um dasjenige, was sich für viele in dieser Zeit schon vorbereitet, zu verstehen. Sehen wir auf das hin, meine lieben Freunde, was heute von den verschiedensten Orten der Welt aus da oder dort gesprochen, gedacht wird, was geäußert wird in Gedanken, geäußert wird in Worten. Man muss von vornherein selbstverständlich die Meinung haben, wenn dieses oder jenes in Gedanken, dieses oder jenes in Worten geäußert wird: Es bedeuten diese Worte, diese Gedanken das, was — ja, ich möchte sagen, was als die Bedeutung dieser Gedanken, dieser Worte im Lexikon steht; man muss dies von vornherein selbstverständlich glauben. Aber das ist es in vieler Beziehung in unserer Zeit nicht. Und wissen soll man, dass es das in unserer Zeit in vieler Beziehung nicht ist.
In unserer Zeit kommt manches, und zwar manches höchst Bedeutungsvolles vor, das ich so charakterisieren möchte: Nehmen wir an, zwei Menschen kommen miteinander in eine Differenz, und wir hören auf den einen Menschen, der mit dem anderen in Differenz ist, hin. Da sagt er uns: Ich bin mit diesem Menschen in Differenz gekommen, ich habe mich mit ihm gestritten. - Wir fragen ihn: Warum bist du in Differenz, warum in Streit mit der betreffenden Persönlichkeit gekommen? - Wir fragen ihn das. Er antwortet uns: Ja, weil dieser ein schlechter Charakter ist, weil er dies oder jenes getan hat. - Gewiss, manchmal wird man, wenn man den Tatsachen nachgeht, so etwas gerechtfertigt finden können. Ist man heute ganz wahr im Nachgehen der Tatsachen, so findet man so etwas sehr häufig nicht gerechtfertigt. Der Mann sagt das, er sagt, der andere hätte das und das getan oder sei soundso, deshalb sei er in Differenz gekommen mit ihm. Aber warum sagt er das? Nicht, weil der andere so ist, sondern er sagt das vielleicht ebenso aus dem Grunde, weil er sich zu beruhigen hat über den wahren Grund, warum er in Differenz mit ihm gekommen ist. Was kann dieser wahre Grund sein? Dieser wahre Grund kann einfach der sein, dass das Seelenleben, das Erlebensleben dieses Menschen, der uns das erzählt, so sich heranentwickelt hat, dass es in einem gewissen Zeitpunkte mit einem gewissen Quantum Hass sich entladen muss. Halten wir dies fest, meine lieben Freunde, dass dies einfach ein Urfaktum der Seele mancher Menschenindividualitäten sein kann. Sie wachsen heran, sie entwickeln sich, und die Seele entwickelt sich so, dass sie einfach in einem bestimmten Zeitpunkt braucht ein gewisses Quantum von Hass. Wie eine gewisse Konstitution, eine abnorme Konstitution des Organismus das Fieber braucht, so braucht eine Seele vor sich selber, um dessentwillen, was sie in sich entwickelt hat, die Entladung eines gewissen Quantums von Hass. Weil dieses gewisse Quantum von Hass in der Seele vorliegt, sucht sich auf geheimnisvolle Weise diese Seele irgendjemanden, auf den der Hass entladen werden kann. Aber man kann sich doch nicht sagen, ohne vor sich selbst in gewissem Sinne zu erschrecken: Ich attackiere den betreffenden Menschen, weil ich ein gewisses Quantum Hass entladen muss. - Man hat ein Beruhigungs-, gewissermaßen ein Betäubungsmittel der Seele. Diese Beruhigung, diese Betäubung der Seele stellt sich ein, indem man den anderen schildert. Die Schilderung kann wahr sein, die Schilderung kann falsch sein; aber das, was sie ausdrückt, ist jedenfalls nicht der wirkliche Grund, sondern der liegt in der Seele selbst in dem angesammelten Quantum von Hass, das sich entladen muss.
Ich wollte mit diesem Beispiel zeigen, dass derjenige, der wirklich die Welt betrachten kann und der sich Mühe gibt, die Welt zu betrachten, überall heute finden kann, welche Begabung — wir könnten auch sagen Missbegabung - heute in der Menschenbeurteilung vorhanden ist mit Bezug darauf, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Leicht, meine lieben Freunde, ist es doch zuzustimmen, dass in der gewöhnlichen Wissenschaft auf Schritt und Tritt Ursache mit Wirkung verwechselt wird; aber diese Verwechslung geschieht nur aus dem Grunde, weil im allgemeinen Menschenleben die Neigung vorhanden ist, in der geschilderten Weise Ursache und Wirkung miteinander zu verwechseln. Lernen wird die Menschheit müssen, wirklich die ganze Menschheit, Lebensbeobachtung, Lebensweisheit. Ohne diese Lebensbeobachtung, ohne diese Lebensweisheit, meine lieben Freunde, nach der die Menschen werden streben müssen, wird das komplizierte Leben, das ja kommen wird auf diesem Erdenrund, für die Menschheit nicht zu durchleben sein. Denn nur durch eine solche Bestrebung wird man dahin kommen, dasjenige, was man zum Leben braucht, mit dem nötigen Gewicht zu empfinden. Und indem ich diesen Satz ausspreche, meine lieben Freunde, darf ich vielleicht auf eine gewisse Tatsache hinweisen, die sich im Laufe der Jahre unserer anthroposophischen Bestrebungen innerhalb unserer vorausgegangenen Betrachtungen abgespielt hat.
Sie können viele Jahre, eine ganze Reihe von Jahren zurückdenken, und Sie werden sich erinnern, dass sogar bei öffentlichen Vorträgen recht häufig die Frage gestellt worden ist: Wie verhalten sich die wiederholten Erdenleben zu der zunehmenden Bevölkerung der Erde? Die Bevölkerung der Erde nimmt ja fortwährend zu. Wenn da dieselben Individualitäten sich immer wiederum inkarnieren, wie verträgt sich diese Tatsache mit der zunehmenden Erdenbevölkerung? - Sie erinnern sich, dass ich verschiedene Gründe angeführt habe, durch welche die scheinbare Zunahme der Erdenbevölkerung trotz der wiederholten Erdenleben zu verstehen ist. Aber Sie werden sich vielleicht auch erinnern, dass ich niemals versäumt habe, wenn diese Frage auftauchte, immer wiederum zu den anderen Gründen, die ich aufgeführt habe, einen Satz hinzuzufügen, ich habe immer den Satz hinzugefügt: Man warte, und vielleicht wird bald die Zeit kommen, in der die Menschen sich auf eine schreckliche Art überzeugen werden, dass in einer überaus großen Weise die Erdenbevölkerung auch durch Schreckensereignisse verringert wird. Gewiss, viele werden sich erinnern können an diese Sätze. Es könnte ja an vieles erinnert werden, aber heute möchte ich doch besonders erinnern daran, dass Sie finden in dem dazumal in Wien vor dem Kriege gehaltenen Zyklus, der ja behandelte das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, wie ich versuchte, die allgemeinen Möglichkeiten der Erkrankung des sozialen Lebens über das Erdenrund hin zu schildern. Ich habe dazumal sogar den Ausdruck gebraucht - er ist in dem Zyklus zu lesen —, etwas wie ein soziales Karzinom geht durch die Welt. Man kann den Ausdruck in dem Zyklus gedruckt finden.
Solche Dinge, meine lieben Freunde, sind ja ausgesprochen worden, um darauf hinzuweisen, dass vieles in unserer Umgebung vorgeht, das sich dem gewöhnlichen Bewusstsein so entzieht, wie sich die Tische und Stühle unseres Schlafzimmers uns entziehen, wenn wir schlafend sind. Und viele, viele Stellen in den Vorträgen, die gehalten worden sind, sie wurden ja gehalten in der Absicht, an die Seelen, an die Herzen zu rühren, um auf den ganzen Ernst der Kräfte, die nach der einen oder anderen Richtung durch die Zeit gehen, hinzuweisen. Denn es hilft uns nichts, meine lieben Freunde, wenn wir nur versuchen, ich möchte sagen in gangbaren Begriffen uns einige allgemeine Vorstellungen über die geistigen Welten zu erringen. Was wir notwendig haben, namentlich notwendig haben, wenn diese Vorstellungen, die wir uns erringen, fruchtbar sich eingliedern sollen in unsere Zeit, was wir notwendig haben, ist, uns solche Begriffe, uns solche Vorstellungen aus der Erfahrung der geistigen Welt heraus anzueignen, die auf jedem Gebiete des Lebens eingreifen können in die Wirklichkeit. An solchen Begriffen aber, die in die Wirklichkeit eingreifen können, ist unsere Gegenwart überhaupt arm, ungeheuer arm. Und es ist eine Begleiterscheinung des Materialismus, meine lieben Freunde, dass die Begriffe, die sich in der materialistischen Zeit entwickeln, keine Kraft haben, in die Wirklichkeit dirigierend, ordnend, begreifend einzugreifen. Der Mensch muss lernen, sich wirklichkeitsgemäß in die Welt hineinzustellen. Das kann ihm nur möglich werden, wenn gerade durch Geisteswissenschaft ein Verständnis wiederum eröffnet wird für etwas, ohne dessen Verständnis man überhaupt nichts weiß: für das Verhältnis des Menschen zur Welt.
Knüpfen wir an, um das Bedeutungsvolle, was wir in dieser Richtung zu sagen haben, in der rechten Weise und mit höchstem Ernst uns vor die Seele zu führen, knüpfen wir an an drei Begriffe, die unweigerlich jedes religiöse Gemüt heute als wichtigste drei Begriffe ansehen wird, knüpfen wir an an den Begriff des Vatergottes, an den Begriff des Christus, an den Begriff des Geistes oder Heiligen Geistes. Betrachten wir heute zunächst einmal dasjenige, was Geisteswissenschaft sagen kann zu dem Verhältnis des Menschen gegenüber demjenigen, was man ausdrücken kann mit den drei Begriffen des Vatergottes, des Christus, des Heiligen Geistes. Man sieht sich ja heute doch schon vor die Welt gestellt so, dass die materialistische Entwicklung es dahin gebracht hat, dass es Menschen gibt, die alle diese drei Vorstellungen, die drei Begriffe, ich will nicht sagen nicht gelten lassen, aber nicht in ihrem vollen Ernste, in ihrer vollen Tiefe erleben. Sie werden es ja nicht bezweifeln können, meine lieben Freunde, dass viele Menschen heute durch das Leben gehen, die sich nicht mit allen ihren Seelenkräften auseinandersetzen mit diesen drei Begriffen Vatergott, Christus, Heiliger Geist.
Was hat denn nun Geisteswissenschaft, nach dem, was sie erfahren kann, gerade über den eben angedeuteten Mangel der Menschenseelen, über dieses Unvermögen, sich mit diesen drei Vorstellungen auseinanderzusetzen, zu sagen? Sie werden, wenn Sie auf den ganzen Sinn unserer Geisteswissenschaft eingehen, Folgendes immer wiederum sich zum Verständnis bringen können, denn in Folgendem möchte ich ausdrücken eine Grunderscheinung für das Seelenleben in den Worten, die, wie ich glaube, prägnant, präzise diese Grunderscheinung ausdrücken. Ich meine, Geisteswissenschaft kann von ihrem Gesichtspunkt aus sagen: Die Leugnung oder Verkennung des Vatergottes ist eine Krankheit; die Leugnung oder Verkennung des Christus ist ein Schicksalsunglück. Merken Sie wohl genau die Worte; ich setze sie so, dass die Sache ganz genau zum Ausdruck kommen soll. Die Leugnung oder Verkennung des Vatergottes ist eine Krankheit, die Leugnung oder Verkennung des Christus ist ein Schicksalsunglück der Seele, und die Leugnung oder Verkennung des Geistes ist eine Blindheit der Seele. Ich glaube, dass derjenige, der mit diesen drei Charakteristiken das Rechte verbindet, vieles von dem hat, was man zum Verständnis des Materialismus in unserer Zeit notwendig hat. Ich glaube ferner, dass derjenige, der diese drei Charakteristiken in richtigem Sinne versteht, zugleich den Schlüssel hat, um vieles, vieles andere in unserer Zeit zu verstehen.
Betrachten wir die erste Charakteristik: Die Leugnung oder Verkennung des Vatergottes ist eine Krankheit. Dies muss man als anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaftler aus dem Grunde sagen, weil, wenn die Gesamtheit des menschlichen Wesens nach den physischen, seelischen und geistigen Gliedern dieses Wesens gesund organisiert ist und der Mensch physisch, seelisch und geistig sich selbst kein Hindernis entgegensetzt, sein ganzes Wesen gesund wirken zu lassen, dann gibt es keine Möglichkeit, dasjenige, was der Vatergott genannt werden kann, nicht anzuerkennen. Jeder gesund organisierte Mensch, meine lieben Freunde, der nicht sich Vorurteile in den Weg werfen lässt - Vorurteile, die so weit wirken, dass alles Organische nicht mehr richtig wirkt -, jeder Mensch, wenn er die Welt gesund überblickt und auf dieses Gesundüberblicken wirklich seine gesunde Geisteskraft anwendet, kommt dazu, Natur und Geschichtsleben von einem Vatergott durchtränkt zu denken. Und das Sonderbare, das den heutigen Materialisten kränkt — die Leugnung oder Verkennung des Vatergottes -, ist gar nicht anders möglich, als das irgendetwas nicht richtig ist in der menschlichen Organisation. Man kann also sagen: Der Atheismus ist unter allen Umständen für Geisteswissenschaft ein wirkliches Krankheitssymptom; es muss in der menschlichen Organisation etwas nicht stimmen, wenn Atheismus vorhanden ist.
Wenn der Mensch zu der menschlichen Entwicklung sein Verhältnis gewinnen will, wenn die Erdenentwicklung für ihn Sinn bekommen soll, dann muss er hinsehen können auf einen gewissen Zeitpunkt dieser Erdenentwicklung, in dem sich abspielen musste das Mysterium von Golgatha. Aber man kann nicht sagen - so wie man sagen kann: Wer ein Atheist ist, ist eigentlich in mehr oder weniger physischem Sinne krank -, man kann nicht sagen, wer den Christus nicht finder, der sei krank. Denn das Christus-Finden ist wirklich etwas, was schon zusammenhängt mit einer Kraft, auf die der Name «Gnade» voll anwendbar ist. Der Christus muss so gefunden werden, dass er als Wesenheit an den Menschen herantritt, dass der Mensch zu ihm sich hinfinden kann. Gott als solchen nicht anzuerkennen, Atheist sein, heißt — auch betrachtet in physischem Sinne -, krank sein. Man kann aber gesund sein, ohne den Christus zu finden. Deshalb ist das Nichtfinden des Christus nicht eine Krankheit wie das Nichtfinden Gottes, sondern das Nichtfinden des Christus ist ein Schicksalsunglück der Seele. Es ist etwas, was uns trifft, das Nichtfinden des Christus, das die Seele ins Unglück stürzt. Denn Sie können es ja erkennen aus dem tieferen Sinn der mancherlei Auseinandersetzungen, die auf unserem Felde seit Jahren gepflogen worden sind: Die Seele braucht die Verbindung mit dem Christus, um ihren Weg in der gesamten Entwicklung der Menschheit zu finden. Nur bis zum Mysterium von Golgatha war es möglich, dass die Menschenseele ihr ganzes Leben entwickelte, ohne dass sie mit dem Christus in Verbindung kam. Seit dem Mysterium von Golgatha muss der Christus die Menschenseele mit seiner Kraft durchdringen, muss der Christus sich mit der Menschenseele verbinden, dass diese Menschenseele den Weg findet durch die gesamte Menschheitsentwicklung. Man kann das wirklich innerhalb der Entwicklung des Geisteslebens selber finden.
Bedenken Sie nur, welche schöne Blüte in der Entwicklung des Geisteslebens der Menschheit das Griechentum war. Die Menschen haben heute gar keine rechte Vorstellung von dem Leben der Griechen. Und wirklich, man kann manchmal seine Verehrung für das Griechentum nur dadurch ausdrücken, dass man negativ wird. Geisteswissenschaft wird erst wiederum gestatten, positiv zu werden mit Bezug auf Verehrung des Griechentums. Die Leute nehmen es heute so leicht, Sophokles oder gar Aischylos zu lesen oder vielleicht gar zu rezitieren oder zu spielen. Und da wird man wohl öfter gefragt: Kann man mit dem Aischylos irgendetwas darstellend oder rezitierend unternehmen? - Man kann, wenn man den richtigen Sinn für das Griechentum hat. Habt ihr den Aischylos oder selbst den Sophokles so, wie sie heute in den modernen Sprachen existieren als Aischylos oder Sophokles, so ist das ein Schatten der Sache. Es werden erst die vollsaftigen, die dichten, die wirklichkeitsdurchtränkten Begriffe wiederum in den Worten liegen können, wenn es einmal [wahrhaftige] Übersetzungen geben wird von Aischylos oder Sophokles oder wenn die griechischen Worte verstanden werden sollen. Man darf eben nicht vergessen, dass diejenigen, die wir Intellektuelle nennen, heute ja in dem Kulturleben, bis zu dem sie real zurückgehen, doch nur bis zum Römertum zurückgehen. Unsere Gymnasiasten lernen zwar Griechisch, aber sie lernen nur lateinisch-römische Vorstellungen. Wir haben römisches Recht, römische Vorstellungen auch auf anderen Gebieten des Lebens. Aber Griechenland ist eigentlich ein Märchenland. Aber tief, tief ist es begründet in diesem Griechentum, meine lieben Freunde, dass uns überliefert ist das bedeutsame Wort des griechischen Heroen: Besser ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten. - Warum? Auf das wiederum antwortet uns die Seelenvorstellung des Aristoteles. Keiner hat sich so gründlich philosophisch mit der Seelenvorstellung des Aristoteles befasst wie der kürzlich verstorbene ausgezeichnete Psychologe Franz Brentano. Man darf sagen, was Brentano herausgefunden hat auf philosophischem Wege, damit kann die Geistesforschung sich einverstanden erklären mit Bezug auf die Seelen- und Unsterblichkeitsvorstellung des Aristoteles, des griechischen Weisen, aus dem Grunde, weil sie die /unleserlich] griechische ist, aber die bis zur Philosophie heraufgehobene griechische Vorstellung.
Aristoteles war nicht initiiert. Die Initiierten Griechenlands wussten anderes über die Unsterblichkeit der Seele. Aber Aristoteles war nicht initiiert. Er konnte sich also nur zu jener Seelenvorstellung erheben, zu der sich ein nicht initiierter weiser Denker der Griechen erheben konnte in den Jahrhunderten vor dem Eintritt des Mysteriums von Golgatha. Welches ist nun diese Seelen- und Unsterblichkeitsvorstellung? Der Grieche wusste, er wusste das aus einer Erfahrung, die heute der Mensch nicht mehr hat, dass all das, was er als Mensch im Leibe vollbringt, seelendurchtränkt ist. Der Grieche spekulierte nicht darüber, ob irgendwie seine Seele lebe, aber er wusste, wenn ich nur die Hand bewege, da bewegt sich die Seele mit. Alles, was körperliche Verrichtung und Tun und Tätigkeit war — der Grieche wusste, da lebt Seele darinnen. Aber er hatte die Vorstellung, dass Seele und Leib innerlich zusammengehören. Das war für ihn ein Ganzes: Seele und Leib. Deshalb sagt Aristoteles: Schneider man dir einen Arm ab, dann bist du kein vollständiger Mensch mehr. Schneidet man dir zwei Arme ab, dann bist du noch weniger; nimmt man dir den ganzen Leib weg, wie es der Tod tut, dann bist du kein vollständiger Mensch mehr. — Aristoteles spricht zwar von der Unsterblichkeit des Menschen, aber er spricht davon so, dass er sagt: Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, ist er kein vollständiger Mensch mehr — das sagt er als Grieche -, denn es fehlt ihm die Möglichkeit, mit der Umwelt in irgendeine Berührung zu kommen, in die man nur durch den Leib kommen kann. Der Mensch ist, wenn er durch die Pforte des Todes getreten ist, ein verstümmelter Mensch für Aristoteles. An einer Unsterblichkeitsvorstellung hält zwar Aristoteles noch fest, aber innerhalb dieser Unsterblichkeit lebt die Seele so, dass man ein unvollständiger Mensch ist. Und dass sie eigentlich nichts anderes tun kann, als dies Dasein, ich möchte sagen geistig vegetativ weiter fortzupflanzen, ohne in irgendeinen Kontakt mit der Umwelt zu kommen. Das ist jene Vorstellung des Aristoteles, die auftauchen konnte vor dem Mysterium von Golgatha, wenn der Mensch sich selbst überlassen war. Und denken Sie jetzt darüber nach, wie die Unsterblichkeitsvorstellung heute aussehen würde, wenn sich dies fortgepflanzt hätte. Es musste etwas Neues eintreten in der Menschheitsentwicklung, um der menschlichen Seele die Kraft zu geben, zur Unsterblichkeitsvorstellung wieder zu kommen: Das ist das Mysterium von Golgatha. Das ist das Durchdringen der Erdenentwicklung mit der Christus-Kraft seit dem Mysterium von Golgatha. Den Menschen muss es aber gnadevoll treffen, dass seine Seelenkraft mit der Christus-Kraft zusammengeht. Sonst würde das Unglück ihn treffen, dass er nichts anderes wüsste von der Seele, die durch die Todespforte gegangen ist, als dass sie nur ein unvollständiger, ein verstümmelter Mensch wäre.
Nur einstweilen diese Andeutungen, meine lieben Freunde, die das Wort erklären wollen, das Charakteristikon erklären wollen: Verkennung oder Verleugnung des Christus ist ein Schicksalsunglück der Seele. Gesund kann man sein, aber seelenunglücklich muss man sein, wenn man den Christus nicht findet. Man muss die Menschen in Bezug auf die wichtigsten Begriffe zu klaren Unterscheidungen bringen, wenn das Leben weitergehen und das erreicht werden soll, was die Zukunft von den Menschen fordern wird. Aber gerade vor solchen Vorstellungen drücken sich auch manche, gerade die uns sonst nahestehen.
Sehen Sie, für denjenigen, der Geisteswissenschafter ist, gibt es bei einem Theologen — wie zum Beispiel Adolf Harnack - in Bezug auf die innere Gliederung der Gedanken den Vatergott, aber es gibt keinen eigentlichen Christus. Harnack führt zwar den Christus-Begriff selbstverständlich ein, aber der Christus-Begriff hängt nicht organisch zusammen mit dem, was er denkt. Und das, was Harnack über den Christus sagt, sind im Grunde nur die Prädikate des Vatergottes. Gerade die wichtigsten Prädikate, die Harnack über den Christus und sein Wesen vorbringt, sind nur Prädikate des Vatergottes. Gerade das wird eine Grundforderung unserer Zeit sein, dass die Menschheit den Weg findet zu dem wirklichen Christus, dass die Verwechslung aufhört zwischen dem Christus und dem Vatergott. Sonst könnte mancher glauben, er habe den Christus, und er hat in Wirklichkeit nur den Vatergott. Da brauchen wir uns nur zu erinnern, dass manche christlichen Mystiker des Mittelalters ja behauptet haben, dass sie durch Versenkung in ihre Seele den Christus gefunden haben. Gar nichts berechtigt sie zu sagen, dass sie den Christus gefunden haben - den Vatergott haben sie nur gefunden. Den Vatergott findet man auf diese Weise, aber nicht den Christus. Nehmen Sie den Begriff, den ich zunächst als Charakteristik entwickelt habe. Wenn unsere Seele für den Organismus gesund wirkt, wenn sie im ganzen Menschen sich selber ordentlich begreift, dann sagt sie «Ex Deo nascimur» — «Aus Gott bin ich geboren». Dieser Ausspruch «Ex Deo nascimur» soll nichts anderes sein als der Ausdruck für die vollständige Gesundheit der Menschennatur. Also einfach in der richtigen Weise sein Leben zu leben, vollständig allseitig gesund zu leben, lässt dieses Leben gipfeln in der Anerkennung des Vatergottes: «Ex Deo nascimur».
Das Glück haben, die eigene Seele mit der Christus-Kraft verbinden zu können, bringt dem Menschen die gnadenvolle Möglichkeit, sich über den Tod hinaus zu wissen nicht als verstümmelter Mensch, sondern im Gegenteil, nicht nur als ganzer Mensch, sondern als durchleuchteter Mensch in der durchleuchteten Geistwelt. Deshalb «In Christo morimur» — «In Christus sterben wir».
Um aber den Geist nicht anzuerkennen, ist Blindheit der Seele nötig; die ist nun erst recht dem Materialismus eigen. Denn sieht die Seele all das, was in ihrer Umgebung ist, wirklich, geht sie nicht schlafend vorüber, sondern sieht die Seele das, was in ihrer Umgebung ist, in wachem Zustande, ist sie also nicht blind, sondern erwacht sehend, dann sieht sie in allen Dingen den Geist wirksam. Deshalb muss man sagen: Verkennung oder Verleugnung des Geistes ist Blindheit der Seele. Ich möchte insbesondere, dass Sie diesen Unterschied sich aneignen: Nicht zu vermögen, wenn wir die Ereignisse der Welt schen, das geheimnisvolle Geistwirken in den Ereignissen zu sehen, das kommt, wenn die Seele blind ist; dann sieht sie nicht den Geist. Ungesund bei sich selber sein, sodass die Seele sich nicht voll erlebt, bewirkt den Atheismus, das Nichtanerkennen des Vatergottes. Die Anerkennung des Vatergottes kommt daher aus dem gesunden Inneren, die Anerkennung des Geistes kommt aus dem wachen Anschauen der Welttatsachen und Weltereignisse um uns herum. Der Materialist ist nur ein Schläfer gegenüber den Welttatsachen und Weltereignissen um uns herum.
Wenn dasjenige einleuchtet, was eben jetzt gesagt worden ist- und es ist geisteswissenschaftlich gut begründet - dann wird sich aber vielleicht die Frage aufwerfen: Ja, warum gibt es denn seit so langer Zeit in der Menschheit keine rechte Möglichkeit, gerade über diese drei Vorstellungen völlige Klarheit zu entwickeln? Warum ist denn das so? Ja, sehen Sie, das hängt mit dem zusammen, was ich die geschichtliche «Missdreiung» nennen möchte — «Missdreiung». Drei ist die Zahl: Miss-Dreiung, eben «Missdreiung». Ein neues Wort musste ich prägen, und Sie werden gleich hören, dass es ganz gut ist, für diese Vorstellung ein neues Wort zu prägen. In der Zukunft werden wir manche neue Worte prägen müssen. Die Menschen werden überhaupt manche neue Worte prägen, weil die alten Worte nicht mehr ausreichen für dasjenige, was man jetzt verstehen muss. Und für das, was wir uns jetzt zu sagen haben, nehmen wir an das Wort «Missdreiung», wobei Drei eben von der Zahl Drei hergenommen ist.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, gerade in der Darstellung, die ich gegeben habe in meiner «Theosophie», habe ich von den verschiedensten Seiten her in deutlich bemerkbarer Weise darauf hingewiesen, dass es notwendig ist zum Verständnis der gesamten Wesenheit des Menschen, die menschliche und auch die weltliche Dreiheit nach Leib, Seele und Geist ins Auge zu fassen - Leib, Seele und Geist. Gehen wir zurück in jene Zeiten, in denen es zwar nur ein Atavistisch-Traumhaftes, aber innerhalb dieses Atavistisch-Traumhaften eine uralte Wirklichkeitsanschauung gegeben hat, so finden wir überall, vor allen Dingen überall in den Mysterienweisheiten, die Dreigliederung von Welt und Mensch nach Leib, Seele und Geist. Denn anders ist in Wirklichkeit weder die Welt noch der Mensch zu verstehen, wenn man den Sinn der Dreigliederung Leib-Seele-Geist nicht begreift.
Nun ist etwas Merkwürdiges eingetreten. 869 war ja das Konzil von Konstantinopel; damit wurde eigentlich der Geist abgeschafft. Bis dahin war in den weitesten Kreisen das Bewusstsein davon vorhanden, dass man sehen muss auf die Unterscheidung von Leib, Seele und Geist. Unter den Dingen, die das Konzil von Konstantinopel festgesetzt hat, ist vor allem dieses, dass man nicht anzunehmen habe einen Unterschied zwischen Seele und Geist, sondern in der Seele nur zu denken habe einen denkenden und einen geistigen Teil. Und fortan wurde es durch die ganzen Weltentwicklungsströmungen des Mittelalters hindurch notwendig, dass man nicht mehr unterschied das menschliche Wesen in Leib, Seele und Geist, sondern nur in Leib und Seele, wobei man Seele und Geist miteinander konfundierte. Es war ketzerisch, von der sogenannten "Trichotomie zu sprechen seit dem Konzil von Konstantinopel 869, nach welchem nur zugelassen war, dass man unterschied den Menschenleib und die menschliche Seele als denkendes und geistiges Wesen, aber nicht die Dreigliederung, die Trichotomie in Leib, Seele und Geist. Das ist ungeheuer bedeutsam. Derjenige, der die mittelalterliche Philosophie kennt, weiß, wie mancher mittelalterliche Philosoph sich windet, weil er noch das Gefühl hatte aus alten Zeiten her, der Mensch bestehe aus den drei Gliedern. Aber die Missdreiung war eingetreten seitdem Konzil von Konstantinopel, und jeder, der behaupten oder philosophisch hätte lehren wollen die Trichotomie in Leib-Seele-Geist, wäre für einen Ketzer erklärt worden.
Wir erleben heute die höchst bemerkenswerte Tatsache, dass die Herren, die voraussetzungslose Wissenschaft treiben, genau nach dem Konzil von Konstantinopel den Menschen gliedern in Leib und Seele, und von der Gliederung in Seele und Geist überhaupt nichts ahnen als höchstens irgendwas, was nur ein Wortgeplänkel ist. Sehen Sie sich den Wundt an und andere erleuchtete Geister der Gegenwart; Sie haben überall vor sich die Gliederung in Leib und Seele. Deshalb sind diese Herren auch «voraussetzungslos», weil sie nur als Voraussetzung das Konzil von Konstantinopel haben. Sie wissen nur nicht, dass sie diese Voraussetzung haben, deshalb nennen sie diese Philosophie «voraussetzungslose Wissenschaft».
In gewissen Richtungen wird nicht wiederum Ordnung und vor allen Dingen nicht Kraft und Weltverständnis geschaffen, wenn man nicht wieder durchdringt das Geheimnis der «Dreiung», wenn man nicht überwindet die «Missdreiung», die seit Jahrhunderten durch die Weltauffassung, überhaupt durch die Menschheitsauffassung gegangen ist. Erkannt werden muss wiederum die tiefe Bedeutung der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Dann aber wird man gerade auf einem wichtigsten und wesentlichsten Gebiete die Möglichkeit finden, konkret, wirklichkeitsdurchtränkt zu sprechen und die Wahrheit auszudrücken, während die heutige Zeit gerade auf diesem Gebiete nicht wirklichkeitsdurchtränkt, sondern abstrakt spricht; sie glaubt, gerade nicht abstrakt zu sprechen, sondern die größten wirklichen Ideale der Menschheit hinzustellen.
Es war am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wie Sie wissen, da tönten durch die europäische Menschheit bis hinüber nach Asien drei Menschheitsideale: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Und Sie wissen, dass innerhalb der europäischen Diskussion - die heute keine Diskussion mehr ist, sondern die mit Blut geschrieben wird -, dass innerhalb dieser Diskussion immer wieder die drei Worte auftauchen, die sagen sollen: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Aber stellen wir die Frage, die in Bezug auf diese drei Worte gestellt werden muss, stellen wir sie geisteswissenschaftlich: Redet man einfach im Allgemeinen davon, dass der Mensch ‚oder die Menschheit nach Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit streben muss, so hat man ein Abstraktum vor sich, drei Abstrakta, die noch unter dem völligen Eindruck der «Missdreiung» stehen. Warum? Der Mensch ist in Wirklichkeit eine Dreiheit: Leib, Seele und Geist, und als Leib, Seele und Geist lebt der Mensch mit anderen Menschen, die auch Leib, Seele und Geist sind, hier auf der Erde zusammen. Dadurch entwickelt sich eine Beziehung zunächst zwischen denjenigen Kräften innerhalb der Menschen, die hier in der physischen Welt sich erleben, und die davon kommt, dass der Mensch in einem Leibe inkarniert ist, eine Beziehung, die davon herrührt, dass wir in unseren Leibern von Mensch zu Mensch verkehren.
Soll man ein Ideal aufstellen für die Zukunft, ein soziales Ideal, welches sich aufbaut auf der Wahrheit, dass der Mensch in einem Leibe inkarniert ist, dann muss es sein das Ideal der Brüderlichkeit. Aus dem, was der Mensch für den Menschen ist, deswegen, weil der Mensch leiblich ist, aus dem muss die Brüderlichkeit aufwachsen, meine lieben Freunde; das ist ein soziales Ideal für die Zukunft. Aber es hat keinen Sinn, von demselben Gesichtspunkte aus von dem Ideal der Freiheit zu sprechen. Da würde man abstrakt sprechen. Von dem Ideal der Freiheit zu sprechen, hat nur einen Sinn, wenn man weiß, dass frei nur sein kann das seelische Verhältnis der Menschen untereinander. Wie die Menschen ein soziales Verhältnis nach dem Ideal der Brüderlichkeit nur entwickeln können, insofern sie im Leibe inkarniert sind, so mit Bezug auf die Freiheit nur, wenn man versteht, wie von Seele zu Seele leben kann dies Streben nach dem Ideal der Freiheit. Frei werden die Menschen als Seelen, frei können die Menschen werden als Seelen, wie sie brüderlich sein können, insofern sie in Leibern inkarniert sind. Gleichheit ist ein Ideal, das nur einen Sinn hat, wenn es sich bezieht auf den Menschen als Geist. Denn wir sind einmal, wie wir hineingestellt sind in die Welt, dadurch spezialisiert, dass wir einen Leib und eine Seele haben. In Bezug auf unser Geistiges sind wir gleich. Daher: Wenn wir den Leib abgelegt haben und damit die Spezialisierung der Eigenschaften, kommt zu Recht jenes Volkssprichwort, das das Ereignis treffend charakterisiert: Im Tod sind alle Menschen gleich- weil sie alle Geister werden.
Sinnlos sind die drei Ideale, wenn sie in «Missdreiung» durcheinandergeworfen werden; sinnvoll werden sie erst, wenn diese drei Ideale so durch die Menschheit einmal tönen werden, dass man in ihnen /unleserlich]
Der Mensch ist Leib, Seele und Geist; er muss werden brüderlich nach dem Leibe, frei nach der Seele, gleich nach dem Geiste. Sie sehen, einen Sinn werden diese drei abstrakten, unwirklichen Worte erst bekommen, wenn Geisteswissenschaft diesen Sinn der Worte wird finden können.
Warum sind denn aber diese Worte am Ende des 18. Jahrhunderts ausgesprochen worden. Sehen Sie, man spricht Worte aus - ich habe Ihnen ja vorhin im Kleinen das Beispiel vorgeführt -, man spricht Worte aus, man glaubt, man sei in Differenz gekommen [mit jemandem]; in Wahrheit war es der Hass, der sich entladen hat. Das habe ich Ihnen dargestellt. Und jetzt haben wir die Anwendung dieses kleinen Beispiels auf das große welthistorische Ereignis. So auch sind diese Worte in historischer Zeit ausgesprochen worden, nicht um das auszusprechen, was man glaubte, in diesen Worten finden zu können, sondern um sich für etwas anderes gewissermaßen zu entschädigen. Gewissermaßen unbewusst entfielen die drei Worte historisch dem Menschenmund, so wie in einem Spiel, aus der Ekstase heraus. Aus der vollen Besonnenheit heraus hätten die Worte lauten müssen: Brüderlichkeit aus dem Leiblichen, Freiheit aus dem Seelischen, Gleichheit aus dem Geistigen. Man spricht die Worte aus halbem Bewusstsein, nicht aus ganzem Bewusstsein, denn aus ganzem Bewusstsein wird sie erst die Geisteswissenschaft sprechen. Man spricht die Worte halbbewusst aus, so wie ein Ekstatiker, ein Schwärmer die Worte spricht. Aber das wird natürlich niemand verstehen, der auf das vermeintliche Gewicht dieser drei Worte heute schwört. Was wird der sagen? Er wird sagen: Da sprichst du davon, dass diese Worte in Ekstase gesprochen sein sollen? Sie sind doch etwas, was gerade am meisten durchtränkt ist von der selbstbewussten Menschenvernunft. - Das ist der Glaube, der über der ganzen Tatsache ausgegossen ist. Denn warum? Weil in den Untergründen der Zeitenseele, als diese Worte ausgesprochen worden sind, Ahriman lauerte; und Ahriman ist derjenige, aus dem wirklich diese Worte hervorgequollen sind. Deshalb sind die das Gekrächze unbesonnen [unleserlich]
Und Ahriman hatte nötig, seine Seele zu entladen. So wie sich sonst eine Seele von Hass entlädt, so suchte sich Ahriman einmal zu entladen. Und wie sonst eine Seele, die sich entlädt, sagen würde, der und der hat mir das und das getan, so hatte Ahriman vor allen Dingen aus seiner Seele herauszubringen einen bestimmten Impuls nach dem Materiellen hin. Und das drückte sich aus nicht dadurch, dass Ahriman die Menschen hätte sagen lassen — denken Sie sich, was da schicksalsmäßig gewesen wäre für die Menschen, wenn sie hätten sagen müssen: Wir müssen dem Materialismus nicht entgegentreten, wir müssen jetzt einmal vergessen, dass es eine Seele und einen Geist gibt, wir müssen alles dem Materiellen zuschreiben; nicht dem Leibe die Brüderlichkeit, nicht der Seele die Freiheit, nicht dem Geiste die Gleichheit, sondern wir müssen alles dem materiellen Menschen zuschreiben; wir müssen endlich reinen Tisch machen mit dieser Trichotomie. —
Das ging nicht. Daher mussten die drei Dinge als Ideal vorgezaubert werden. Und weil Ahriman in diesen wirkte, so kamen sie unter Ekstase heraus. Wenn der Mensch selber so etwas tut, so betäubt er sich, da ist er in der Ekstase. Wenn der Ahriman in ihm schwärmt, dann kann er gerade glauben, dass er das Klügste sagt, dass er sich vollständig in seiner Gewalt hat und etwas ganz Selbstverständliches sagt, während er eigentlich nichts anderes sagt, was zwar für die äußere Entwicklung vollkommen treffend ist, [was aber] in Wahrheit das Leben einer ahrimanischen Kraft in der menschlichen Seele [ist].
An solche Sachen wollen wir dann morgen anknüpfen, denn diese Dinge sind wirklich recht wichtig, wenn man die gegenwärtige Zeit verstehen will; und morgen werde ich Ihnen noch viele wichtige Dinge zu sagen haben, zumal in Bezug auf diese jetzige Zeit.
Jetzt aber gestatten Sie mir, im Anschluss an diese Auseinandersetzungen etwas, was ich lieber nicht sagen möchte, aber doch sagen muss, zu sagen. Wir haben heute unsere Aufgabe erfüllt. Aber nicht wahr, es ist schon notwendig, weil ich genötigt bin gewisse Maßregeln für die nächste Zeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft einzuhalten, und die muss ich in etwa motivieren.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, Geisteswissenschaft ist etwas, was sich unbedingt — ich motivierte Ihnen ja das von den verschiedensten Gesichtspunkten aus ganz objektiv —, was sich einleben muss in die Entwicklung der Menschheit. Sie ist nicht erwas, was ein Ziel ist, wie die Programmpunkte anderer Gesellschaften sind, wofür man Liebhaberei haben kann, sondern etwas, was sich eben einleben muss, weil die Menschheit selber, wenn sie sich richtig versteht, Geisteswissenschaft fordert. Nur kennen noch wenig Menschen diese Objektivität gegenüber der Zeit, um zu beobachten, was als eine Sehnsucht wirklich in den menschlichen Seelen sich darstellt. Aber aus gewissen Gesetzen heraus, die schon verständlich sind durch die Geisteswissenschaft selber, lebt sich doch das mehr und mehr aus, meine lieben Freunde, was ich ja in der mannigfaltigsten Weise angedeutet habe. Und diejenigen, die mich öfter gehört haben, die wissen, wie ich öfter darauf hingewiesen habe, dass diejenigen Kräfte ja schon am Werke sind, die der Geisteswissenschaft gern das Lebenslicht ausblasen möchten. Diese lieben Freunde, die dies öfter von mir gehört haben, die wissen das ja gewiss. Für denjenigen, der die Dinge beobachtet, sind die Sachen nicht - ich möchte sagen — überraschend gekommen, aber sie müssen doch eben die richtige Behandlung erfahren.
Nicht wahr, Geisteswissenschaft ist eine Sache, die sich einleben muss; die Anthroposophische Gesellschaft sollte in gewissem Sinne Instrument sein für die Geisteswissenschaft. Sie ist ein schwer zu handhabendes Instrument, das muss ohne Weiteres zugegeben werden. Aber meine lieben Freunde, man muss auch eines wirklich ins Auge fassen, das ist der ungeheure Ernst, mit dem auch die Anthroposophische Gesellschaft aufgefasst werden muss. Sonst könnte man es ja besser so machen, dass in den verschiedensten Städten ganz kleine Kreise von Freunden wären, die versuchen, öffentliche Vorträge zu arrangieren, dann würde Geisteswissenschaft auch auf diese Weise ihre heutige Mission für die Menschheit erfüllen können. Aber wenn eine Anthroposophische Gesellschaft da ist, so muss sie etwas Wirkliches sein. Nun aus gewissen Untergründen heraus ist es außerordentlich schwierig, dass diese Anthroposophische Gesellschaft ihre Ideale erfüllt, aber auf der andern Seite darf nicht außer Acht gelassen werden, dass man schon auf das hinsehen muss, was in dieser Anthroposophischen Gesellschaft notwendig ist, um sie als Gesellschaft - ich rede jetzt nicht von Geisteswissenschaft, sondern von der Gesellschaft — weiterzubringen.
Sehen Sie, da ist es vor allen Dingen notwendig, dass man sich innerhalb der Gesellschaft ein klares, gesundes Urteil aneignet, auch für dasjenige, was in der Gesellschaft existiert, und über die Art, wie die Gesellschaft nach außen hin wirkt, und dass man seine Empfindungen und seine Weltbeurteilung im Sinne dieses Urteils einrichtet. Ich sage nicht, dass ich das verlange von der Gesellschaft, aber die Gesellschaft kann das nicht sein, was sie sein will, wenn sie nicht danach trachtet. Ich habe nichts zu verlangen von der Gesellschaft, das betone ich ausdrücklich, aber sie kann nicht das sein, was sie sein soll und sein will, wenn sie nicht trachtet nach dieser gesunden Beurteilung von Welt und Leben, wenn sich in der Gesellschaft dieses Trachten nicht wirklich festsetzt.
Sehen Sie, lassen Sie mich von einem bestimmten Punkte ausgehen: Es gibt Dinge, die, so wie sie geschehen, nur innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft möglich sind, die eigentlich draußen nicht möglich wären. Nehmen wir den krassesten Fall Heindel-Vollrath. Ich meine das Folgende: Ein Herr Grasshoff, Mister Grasshoff, meldete sich vor einigen Jahren zur Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft, das heißt er war einer von denjenigen, die durch andere Mitglieder in manchmal recht wenig berechtigter Weise hineingeschleppt wurden. Aber er hatte das dringende Verlangen, in unserer Gesellschaft Mitglied zu werden. Er wurde es, machte alle Vorträge mit, war vielleicht auch in Hamburg eine Zeit lang, öffentliche und Zweigvorträge machte er mit, aber er lieh sich auch von allen möglichen Mitgliedern alle möglichen Einzelvorträge aus und schrieb wacker das alles nach. Sodass er, als er eines Tages sagte, er wolle wieder nach Amerika zurückgehen, er nicht nur in der Tasche hatte alle öffentlichen Vorträge, sondern so ziemlich auch alles das, was innerhalb unserer Zyklen, innerhalb unserer Zweigvorträge vorgetragen ward.
Nun können Sie sagen: Warum ist der Mensch überhaupt aufgenommen worden? Ja, meine lieben Freunde, man darf nicht in einem solchen Falle die Zukunft vorausnehmen. Nicht wahr - ich muss um Verzeihung bitten, wenn ich ein hartes Wort gebrauche -, man kann nicht jemanden abweisen und sagen: Ich weise dich ab, denn du wirst später mal ein Schweinehund sein! Man kann nicht Prophetien als Grund einer Ablehnung angeben. Das ist eine Zwickmühle, die in einer solchen Gesellschaft vorkommt, und die notwendig macht, dass jedes Mitglied der Gesellschaft richtiges Urteil entwickelt.
Herr Grasshoff ging also eines Tages nach Amerika zurück, nahm alle Sachen mit und sagte, er wolle in Amerika für die Verbreitung unserer Geisteswissenschaft sorgen. Die Abhängigkeit war so groß, dass er selbst sagte, bevor er Abschied nahm und das feierliche Versprechen gab, dass die Art und Weise, wie er Geisteswissenschaft vertreten wird, eine durchaus ehrliche sein wird. Die Sache ging selbst so weit, dass er damals sagte: Wie soll man eigentlich «rosenkreuzerische Weltanschauung» ins Englische übersetzen? Das war dazumal eine große Schwierigkeit «Weltanschauung» ins Englische zu übersetzen, und da besprachen wir noch «Rosicrucian World Conception». Bis auf dieses Wort ist es von mir, das ist ein Wort, das bis dahin nicht vorgekommen war: «Rosicrucian World Conception». Also auch dieses Wort hat er noch in den Koffer gepackt und ist dann abgereist.
Was tat er? Er setzte sich hin in Amerika und schrieb auf seine Art ab, was er in den Vorträgen und in den gedruckten Büchern vorgefunden hatte, änderte es in seiner Weise um. Aber es ist nichts in seinen Büchern, was er nicht hier bekommen hat. Aber in der Vorrede schrieb er Folgendes: Er hätte in meinen Vorträgen manches erfahren, das wolle er in Amerika mitteilen, aber es wäre nicht genug gewesen, und nachdem er die Vorträge hier angehört hätte - hier bei mir, bei uns -, da bekam er einen Ruf von einem weisen Meister da unten in Siebenbürgen, in den transsilvanischen Alpen, und der führte ihn in die tieferen Geheimnisse der Sache ein. Deshalb gäbe er nicht nur dasjenige, was er von mir habe, sondern auch das, was er von jenem weisen Meister da in den transsilvanischen Alpen erhalten hat. Wenn Sie aber prüfen, was ihm dieser weise Meister gesagt hat, dann ist es doch das, was er hier aus den Zyklen, Vorträgen und Zweigvorträgen abgeschrieben hat. Das ist alles hineingearbeiter. Das Buch erschien in Amerika.
Nun schön, die Sache konnte ja noch hingenommen werden, nicht wahr, aber dabei blieb es nicht, sondern dieses Buch wurde ins Deutsche übersetzt, erschien in deutscher Übersetzung als «Rosenkreuzerische Unterrichtsbriefe» unter der Ägide des Herrn Hugo Vollrath schon vor Jahren, wobei in den Bücherzetteln und in der Vorrede zu finden ist, dass ja allerdings einige Bausteine dieser rosenkreuzerischen Weltanschauung hier in Deutschland zutage getreten wären, aber unrein; sie müssten erst durch die helle Sonne Kaliforniens gereinigt werden. Da wohnte nämlich Grasshoff später, der sich später Heindel nannte. Sodass also nicht nur das in Amerika möglich war, sondern die Dinge wurden zurückübersetzt ins Deutsche. Das ist möglich. Das ist schon eine Schandtat, meine lieben Freunde, die verdient hätte, bekannt zu werden. Ich habe sie deshalb sogar in öffentlichen Vorträgen erzählt. Sie ist nicht bekannt geworden. Aber es gehört schon, wenn die Anthroposophische Gesellschaft ihre Aufgabe erfüllen will dazu, dass unsere Sache in der richtigen Weise in die Welt gestellt wird; dass die Dinge nicht bloß von mir gesagt werden, sondern dass man auch die richtige Stellung gewinne zu diesen Dingen. Gewiss ist es das Schönste und auch das, was in erster Linie wünschenswert ist, gewiss ist es das Schönste, über geistige Dinge hier Vorträge zu hören und Zyklen zu lesen, aber dazu ist keine Anthroposophische Gesellschaft notwendig. Die anthroposophische Gesellschaft muss wirken, muss ein Tätigkeitsfeld entwickeln.
Natürlich - wo solche Dinge sich entwickeln können, da geht es weiter. Was haben wir vor Kurzem erlebt? Vor Kurzem haben wir erlebt, dass ein Mann, der lange Zeit wahrhaftig mit der ehrlichsten Miene vor der Welt sogenannter Anhänger der Anthroposophie war, sich selber treu nennendes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft war, so treu war er, dass er sogar eine Schrift geschrieben hat, die im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag erschienen ist, und dass er dann ein Schriftchen schrieb «Wer war Christus?». In diesem Schriftchen hat er manches verwendet, was auch aus Zyklen ist. Nun, das möchte ja noch hingehen, aber Frau Doktor Steiner fand es doch nicht gerade in der Ordnung, dass man es einführt. Ich habe zu der Sache keine Stellung genommen, aber Frau Doktor Steiner fand es nicht in der Ordnung — und sie ist es ja, die den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag leitet -, dass man dann, wenn man aus den Zyklen die Dinge nimmt und [dann anschließend] sagt: Es sind zwar einige Andeutungen gegeben worden, aber ich muss sie erst klar ausführen. - Aus diesen und anderen Gründen musste das Schriftchen «Wer war Christus?» zurückgewiesen werden. Post hoc ergo propter hoc - nach einer Sache, also wegen einer Sache. Das ist zwar oftmals ein angefochtenes Dictum, aber ich glaube, es ist oftmals ein recht richtiges Dictum. [Denn:] Was wurde nun aus diesem Manne, der als treuer Anthroposoph unter uns gelebt hat, und der gesucht hat, seine eigene Stätte für sein Wirken zu finden - was wurde nun aus diesem Manne? Aus diesem Manne wurde der heftigste, geschwollenste Gegner, weil sein Schriftchen nicht angenommen worden ist im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag. Das ist der einzige Grund. Alle törichten Redereien, die er entwickelt über angebliche Widersprüche in den «Psychischen Studien» sind nur hinzugesucht. Und man wird der Sache nicht gerecht, wenn man glaubt, man müsse auf dieses Gerede eingehen, sondern man muss wissen, um das ganz Ungeheuerliche einzusehen, dass ein Mensch, der zuletzt noch gesucht hat, seine Schrift im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag zu verlegen, also die vollste Absicht hatte, wenn die Schrift angenommen worden wäre, weiter Anthroposoph zu bleiben, wie er es früher war, dass er ein Schmähschriften erzeugender Mensch wird, wenn seine Schrift abgelehnt wird. Man muss - verzeihen Sie - schon die Anthroposophische Gesellschaft begründen, um solche Dinge zu erleben, denn eigentlich kann das sonst in solcher Intensität nicht vorkommen.
Nun missverstehen Sie mich nicht! Es müssen auch gegnerische Schriften erscheinen, ich werde nichts dagegen haben. Bitte meine Worte nicht so aufzufassen, als ob Geisteswissenschaft Furcht haben müsste vor gegnerischen Schriften. Sie mögen erscheinen, aber sie sollen sachlich sein. Hier gibt es aber nichts Sachliches. Das zeigt sich nun sogleich, wenn wir nun sehen, auf welches Terrain sich die ganze Sache begibt. Überall handelt es sich eigentlich nur scheinbar um allerlei Widerlegungen, möchte ich sagen, um Widersprüche, die man aufweist; in Wahrheit handelt es sich darum, Tratsch und Klatsch zu verzapfen, der zum größten Teil sogar erfunden ist, aber manchmal mit großem Raffinement dargestellt wird. Also nicht gegen sachliche Gegnerschaft wird dies gesagt, sondern weil das Bestreben besteht, nicht auf sachlichen Kampf sich einzulassen - das ist viel zu unbequem -, sondern weil das Bestreben besteht — geradezu durch Hereintreibung der anthroposophischen Bewegung in den Skandal, in Verunglimpfung, in Verleumdung, in Erfindung von Tatsachen, die gar nicht irgendwie den geringsten Zusammenhang haben mit der Wirklichkeit -, diese Anthroposophische Gesellschaft unmöglich zu machen.
Was kann [doch] alles geschehen auf dem Gebiete dieser Anthroposophischen Gesellschaft! Ein Mensch aus einer mitteldeutschen Stadt schrieb einmal an Frau Doktor Steiner: Er sei jetzt in einem besonderen Punkte seines Seelenlebens, er wisse nicht, was er weiter machen solle. Er möchte einen Rat, solle er einheiraten in ein Geschäft oder solle er in einer anderen Weise seinen neuen Seelenweg suchen. Da ihm geschrieben wurde, dass es nicht unsere Aufgabe sein könne, Ratschläge über Einheiraten zu geben, da erschien er selbst eines Tages. Er machte sich bemerklich dadurch, dass er, der keinen blassen Schimmer hatte von irgendeiner Rezitationskunst, aber mit wütendem Betonen Schillers «Kassandra» einmal losließ auf die ahnungslosen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Der Gesellschaft machte er sich auf diese Weise bemerklich; einzelnen Mitgliedern gegenüber machte er sich bemerklich dadurch, dass er, wie mir glaubwürdig erzählt wurde, den Willen zum Einheiraten gegenüber den jungen Mädchen der Gesellschaft recht tatkräftig betätigte.
Nun sehen Sie, solche Dinge tragen sich ja natürlich zu im Verlaufe der Strömung des anthroposophischen Lebens, aber sie nehmen manchmal doch noch weitere Formen an. Der gute Mann bekam eines Tages den Trieb, dass er ein Genie eigentlich ist, und zwar ein Maler-Genie. Er bekam nicht etwa den Trieb ein Genie zu werden, sondern ein Genie zu sein, also nicht den Trieb ein Maler zu werden. Wenn man ihm zumutete, ein Maler zu werden, betrachtete er das als eine Beleidigung.
Er konnte nicht malen, konnte nichts, aber er wollte ein Maler sein. Er zog nach München, und wir bemühten uns in jeder Weise — nicht wahr, bis zu einem gewissen Grade kann jeder ein Maler werden -, ihm Lehrer zu verschaffen. Er ist gefördert worden, aber wir konnten ihn eben nicht zum Genie machen. Und aus dieser ganzen Sache entwickelte sich das, was man jetzt den «Fall Bamler» nennt, was überall mit erfundenem Zeug — dass Übungen blaue Flecken auf der Haut erzeugen und ähnliche Dinge — die ganze Schändlichkeit der anthroposophischen Bewegung kennzeichnen soll. Diese Artikel werden mit Kusshand nicht nur, sondern mit mancher anderen Gebärde noch, von betriebsamen Redakteuren angenommen, von Redakteuren, die manchmal von solcher Art sind, dass sie irgendeine Bemerkung machen, und jemand schreibt ihnen - ich erzähle nur Tatsachen, ein richtiges Urteil, kann nur auf Tatsachen beruhen und ich bin daran gewöhnt nur Tatsachen zu erzählen —, es schrieb jemand an den Redakteur: Ja, haben Sie denn den Aufsatz in Ihrer eigenen Zeitschrift nicht gelesen, der hätte Ihnen sagen müssen, dass dieser [unleserlich] ganz unberechtigt ist [unleserlich]? - Da schrieb der Redakteur dem Betreffenden zurück: Ja, glauben Sie denn, dass ich Zeit habe, alle Aufsätze zu lesen, die bei mir gedruckt werden?
Nun ja, also nicht darum handelt es sich, wenn jemand in eine sachliche Diskussion eintritt, sondern darum, dass man das vermeiden will. Denn sachliche Diskussionen hat Geisteswissenschaft nicht zu scheuen. Sammeln will man all dasjenige, was aus solchen Dingen heraus heute einfach erfunden wird. Denn die Dinge sind tatsächlich zum auf die Wände Hinaufkriechen, die erfunden werden - und zum Teil erfunden werden in der unflätigsten Weise.
Ich will Ihnen heute nicht Unflätigkeiten, die ja schon gedruckt werden, erzählen, aber nur eine kleine Probe dessen, was in der heutigen Zeit möglich ist, will ich Ihnen geben; ich will Ihnen eine zwar süße, aber nicht minder lächerliche Probe geben. Ich könnte mit sehr dicken Brocken aufwarten, die ganz anders schmecken würden, durch die man, um sie in einen Skandal hineinzutreiben, Anthroposophie unmöglich machen will. Ich möchte nur ein kleines Pröbchen geben. Da findet sich ein schön /Lücke in der Mitschrift] Aufsatz, in dem Dinge stehen, die alle erfunden sind. Darauf kommt es an, dass sie erfunden sind. Und darauf kommt es nicht an, dass man auf das aufmerksam macht, was auch wahr ist, dass die Persönlichkeit, die das geschrieben hat, es in einem seelenkranken Zustand geschrieben hat; darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass die Dinge objektiv unwahr sind. Da steht: Doktor Steiner hat seinen Schülern öfter das Lazarus-Wunder erklärt, die Umwandlung des Menschen durch das Lazarus-Wunder. Frau Doktor Steiner schickte einer gewissen Persönlichkeit, die in eine Heilanstalt gebracht werden musste, Schokolade «zur Verdickung des Blutes». Diese Schokolade war gewählt worden, um mit der Persönlichkeit eine Umwandlung zu bewirken im Sinne des Lazarus-Wunders.
Da haben Sie ein Beispiel - wie gesagt, ich wähle ein solches, das noch das appetitlichste ist, aber deshalb nicht minder Ihnen zeigt, was möglich ist zu erfinden. Aber es gibt Redakteure, die schreiben darunter: «Von solchen Tollheiten könnte selbst ein Gesunder ins Irrenhaus gebracht werden.» - Also denken Sie sich: Jemand findet, Doktor Steiner hat über das Lazarus-Wunder geschrieben; Frau Doktor Steiner will das Lazarus-Wunder vollziehen, indem sie Schokoladenplätzchen schickt - jetzt im Kriege denken Sie sich -, einer Kranken in die Heilanstalt Schokoladenplätzchen schickt, um das Blut zu verdicken, dass das Lazarus-Wunder sich vollzieht. Dieses wird heute gedruckt, und ein Redakteur finder sich, der sagt: Durch solche Tollheiten könnte selbst ein Gesunder ins Irrenhaus kommen.
Ja, lächerlich ist es schon, aber dadurch charakterisiert sich gerade der Feldzug, der heute losgeht, dass er auf der einen Seite urlächerlich und auf der anderen Seite geradezu urgehässig ist. Denn es ist möglich geworden, dass in den «Psychischen Studien» Artikel mit Bemerkungen des Redakteurs erscheinen, um die anthroposophische Bewegung lächerlich zu machen und sie in den Skandal hineinzutreiben. Es ist möglich geworden, dass ein solcher Artikel erscheint, den man erst erleben muss, um glauben zu können, dass dergleichen Dinge erscheinen können. Denn gegen die Gesinnung, die da herrscht, ist alles, was in der Skandalpresse bis jetzt geschrieben worden ist, doch nicht aufkommend. Denn in einer solchen Weise vorzugehen, würde man bis jetzt unterlassen haben - ich will schon sagen, wenn nicht einem Manne gegenüber, so doch mindestens einer Frau gegenüber, aber das ist auch möglich geworden.
Und möglich geworden ist es, dass eben Leute, die man nicht abweisen kann, wenn sie eintreten in die Gesellschaft - denn diejenige, die das geschrieben hat, war selbstverständlich Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft -, weil man nicht die Zukunft vorausnehmen kann, man kann sie nicht abweisen; möglich ist es, dass diese Dinge geschehen. Möglich ist es, meine lieben Freunde, dass nunmehr schon in der unglaublichsten Weise dasjenige, was ja wahrhaftig zu meinem Vergnügen nicht geschehen ist, und auf Wunsch der Mitglieder geschehen ist, dass sich das unglaublichste Geklatsche und Verleumdungen gerade um den persönlichen Umgang zwischen mir und Frau Doktor Steiner und den Mitgliedern — dass das alles gezerrt wird in Klatsch und Tratsch und - um nicht mit meinen eigenen Worten zu sprechen, sondern mit den Worten eines Freundes, der bei den Nürnberger Vorträgen war und sich die Sache mit angehört hat —, in die Gemeinheit. Nicht nur, dass der kaiserliche Hofrat und Professor Max Seiling ganz geschmackvoll erklärt hat, trotzdem er wiederholt gekommen ist im Laufe der Jahre und gar nicht kurze Privatgespräche verlangt hat, und jetzt erklärt: Die Zyklen würden einen besseren Stil haben, wenn sie von mir korrigiert würden, anstatt die Privatbesprechungen zu haben mit den Mitgliedern. Trotzdem der kaiserliche Hofrat Professor Max Seiling sehr gut weiß, wie mir abgerungen worden sind die Zyklen, denn es war nicht mein Wunsch, dass sie erschienen sind, sondern es war unter zwei Notwendigkeiten geschehen: Es wurde gewünscht von den Mitgliedern, obwohl ich sagte, es gäbe keine Zeit dazu, sie durchzusehen; auf der anderen Seite, der Unfug, der mit den nachgeschriebenen Vorträgen getrieben wurde. Die Nachschreiberei ging so weit, dass uns einmal vor Augen kam die Nachschrift eines Vortrages. In dieser Nachschrift stand wirklich, ich hätte in einem Zyklus gesagt, die Prostitution sei von den großen Eingeweihten eingerichtet worden. Das ist nur eine Probe von den Dingen, die in den von Hand zu Hand gehenden privaten Nachschriften vorhanden waren.
Es war eine Notwendigkeit, dass wenigstens einmal die Sache in die Hand genommen wurde, dass wenigstens die Torheiten, die in der Gesellschaft von Hand zu Hand gingen in Nachschriften, aufhörten. Trotzdem hat der kaiserliche Hofrat Seiling den Geschmack zu sagen: Wenn die Privatunterredungen nicht stattgefunden hätten, dann wären diese Vorträge - während er Preise herausrechnet und angibt -, dann hätten diese Vorträge korrigiert werden können. Das alles ist möglich, andere Dinge sind möglich, die ich vorläufig nicht in den Mund nehmen möchte. Alle diese Dinge sind möglich, aber gerade an die Privatgespräche knüpfen sich diejenigen Dinge an, die erfunden werden, rein erfunden werden, und die jetzt beginnen, verwendet zu werden, weil man sachlich nicht kämpfen will, die jetzt verwendet werden sollen, um in der unsachlichsten Weise gegen dasjenige, was anthroposophische Bewegung ist, vorzugehen.
Was ist alles im Laufe der Jahre gesagt worden, und wie habe ich betont: Wer mich kennt, weiß, wie das, was ich im Auge habe, entgegen ist allem Sektiererischen. Und wo ist mehr der Hang dazu als in unserer Gesellschaft! Ich brauche nur eine Äußerlichkeit zu erwähnen. Wir wollten einmal zu einem Kursus nach Helsingfors reisen. Wir kamen auf den Stettiner Bahnhof und fanden, gehend auf dem anderen Bahnsteig, eine ganze Gesellschaft von weiblichen Mitgliedern - ich will damit nichts gegen die weiblichen Mitglieder sagen, es könnten auch männliche Mitglieder sein —, also wir sahen eine ganze Anzahl von Damen mit violetten Bischofsmützen in unglaublichen Kostümen sich zum Helsingforser Zug begeben. Als die Damen in Helsingfors ausstiegen: Man hätte nur sehen sollen, was die armen Helsingforser Anthroposophinnen für einen Schreck gekriegt haben. Sie hatten gar keinen Sinn mehr für das Ästhetische dieser Bischofsmützen und so weiter, sondern sie hatten nur noch Sinn dafür, die Damen so unterzubringen, dass wenigstens die übrige Helsingforser Bevölkerung nicht bemerkt hat, dass sie zu den Helsingforser Anthroposophen gehörten.
Aber das ist nur ein äußeres Zeichen für den Drang nach Sektiererei. Immer wiederum und wiederum muss man von draußen hören: Das ist eine Gesellschaft, die auf Autorität gebaut ist. Die tun alles, was der Doktor Steiner will. Ich glaube, es gibt keine Gesellschaft, wo es so ist wie bei uns, dass: Wenn etwas nach meiner Meinung geschehen soll, so geschieht es ganz gewiss nicht. Ich betrachte mich nicht als Herrn der Gesellschaft, deshalb kann ich nicht verlangen, dass das geschieht, was ich wünsche; aber ich kann das eine verlangen: dass man mich dann nicht fragt. Aber im Kleinen hat sich das ja immer wieder gezeigt: Irgendeine Dame findet die Notwendigkeit — oder ein Mann, es kann auch ein Herr sein —, vor dem Manne oder einem Freunde zu rechtfertigen, warum sie zu einem Zyklus reist. Was sagt sie? «Der Doktor Steiner hat es gesagt.» — Was geht es mich an, ob sie zu dem Zyklus geht oder nicht? — «Haben Sie etwas dagegen?», fragt sie mich. — Ich kann nichts dagegen haben, das wäre eine Beeinträchtigung der menschlichen Freiheit, die ich achte und schätze. Da sagt man dann aber: «Doktor Steiner hat gesagt, ich soll zum Zyklus reisen.»
Nun ja, das sind so Andeutungen, die aber notwendig machen, nachdem jahrelang über diese Sachen gesprochen worden ist, dass einmal Maßregeln getroffen werden, nicht um sie zu treffen, sondern weil sie notwendig sind, wenn sie mir auch ebenso schwer werden, wie sie manchem schwer werden, sondern um in diesen Maßregeln den Ernst zu betonen, der notwendig ist.
Erstens muss ich nun für die nächste Zeit die Privatgespräche für die Mitglieder einstellen, ich kann nicht mehr Privatgespräche mit den Mitgliedern haben. Ich kann nur sagen, es tut mir ebenso leid, wie es irgendjemandem leidtun kann, aber da muss man sich schon an diejenigen wenden, die das notwendig gemacht haben. Nicht ich habe es notwendig gemacht.
Das Zweite ist - aber ich bitte, das eine nicht ohne das andere zu erzählen, das eine ist ohne das andere nicht richtig —, das Zweite ist: Dass ich jedem erkläre, der mit mir jemals ein Privatgespräch hatte, dass er, soweit er selber will, alles erzählen kann, was in diesen Privatgesprächen gesprochen worden ist oder sonst vorgekommen ist, dass er alles restlos erzählen kann, soweit er selber will. Niemanden fordere ich auf, irgendetwas nicht zu erzählen, soweit er selber will, was jemals in solchen Gesprächen vorgekommen ist. Nichts braucht das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen, wenn es wahrheitsgemäß mitgeteilt wird.
Also erstens müssen die Privatgespräche aufhören, zweitens autorisiere ich jeden, soweit er selber will, all dasjenige zu erzählen, was jemals in irgendeinem Privatgespräch gesprochen worden ist oder vorgekommen ist. Es wird sich zeigen, ob unter dem Ernste dieser Maßregeln vielleicht das eine oder das andere noch zu erreichen ist. Ich bin ja meinerseits vollkommen überzeugt, dass gerade diejenigen unserer lieben Mitglieder, welche im Ernste und in Würde dasjenige suchen, was durch Geisteswissenschaft jetzt innerhalb der Menschheit gesucht werden muss, nicht nur verstehen diese beiden Maßregeln, sondern sie auch billigen und für notwendig finden. Für denjenigen, der ernsthaftig esoterisch weiterkommen - lassen Sie mir nur ein klein wenig Zeit, ich werde auch, ohne dass die Privatgespräche stattfinden, ich werde Mittel und Wege finden, dass niemand in seiner esoterischen Entwicklung aufgehalten wird; es wird sich ein vollgültiger Ersatz finden, er muss nur erst geschaffen werden.
Ich habe Ihnen nur ein kleines Stück der Charakteristik gegeben des Feldzuges, wie er jetzt unsachlich begonnen wird, aber es muss schon irgendetwas getan werden, denn es geht nicht, zwischen persönlicher Gehässigkeit und der Lächerlichkeit eingeklemmt zu werden. Konnte es doch in München gesagt werden: Einer der schwersten Angriffe werde erst kommen, der von Goesch. —
Ja, meine lieben Freunde, das kann gesagt werden, trotzdem gerade der Angriff Goeschs derjenige ist, der typisch ist für das blödsinnig Lächerliche auf der einen Seite, denn er bewegt sich in magischen Wirkungen von Händedrücken und dergleichen, und auf der anderen Seite eben in bloßen Gehässigkeiten.
Vielleicht wird, wenn wir uns nur ein wenig Bewusstsein /Lücke in der Mitschrift] doch einiges gebessert werden können. Ich weiß, dass diejenigen, die es ernst nehmen mit der Anthroposophischen Gesellschaft, die es ernst nehmen mit der Geisteswissenschaft, mich verstehen werden.