The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 3 June 1917, Hamburg

23. Das Jüngerwerden der Menschheit Wille zur Wahrheit Massregeln

Ich möchte heute gewisse Forschungsergebnisse besprechen, die geeignet sind, manches Rätsclhafte in der Zeit zu begreifen, denn nur dadurch, dass wir es begreifen, ist es möglich, so zu handeln, dass unser Handeln eingegliedert ist als ein Teil des gesamten menschlichen Handelns im Werden der Welt. Man muss das Menschenleben eines Zeitraums in einen Teil des großen Umfanges des Erdenlebens hineinstellen.

Ich will daher heute eine Entwicklung im nachatlantischen Zeitraum besprechen von einem besonderen Gesichtspunkte aus. Gerade in diesem Winter hat sich so manches abschließend für mich ergeben, was es mir möglich macht, manches Wichtige, für die Zeit Charakteristische zu sagen.

Es wurde gestern gezeigt, wie das Denken unwirklich, nicht mehr kraftvoll in die Gegenwart eingreifend, geworden ist. Woher kommt das nun? Denn es ist natürlich notwendig so in der Entwicklung gelegen. Es ist manchmal wichtig, im kleinen Kreise etwas richtig auszuführen, wichtiger oft, als abstrakte Gedanken und Programmpunkte zu geben.

Wir wollen die erste nachatlantische Kulturperiode betrachten. Nicht so wie heute haben die Menschen damals gefühlt, gedacht, gewollt, nicht einmal im Mittelalter. Seelenverfassung und Seelenstimmung ändern sich viel mehr, als man denkt.

Auf die urindische Periode - die nicht in die Zeit fällt, wo die Schriften entstanden — wollen wir einmal den geistigen Blick zurückrichten. Da war das Leben ganz anders als später. Aus einem Gesichtspunkte werden Sie schon sehen, wie es verschieden von den anderen Zeiten war. Heute wird der Mensch alt, indem er 30, 40, 50, 60, 70 Jahre alt wird. Beim Kinde in den ersten Lebensjahren sind die seelischen Äußerungen noch ganz körperlich. Bis zum 7., 14., 21. Jahre, vom Kinde zum Jüngling, zur Jungfrau, handelt es sich um parallele Erscheinungen der Vorgänge im Körper und der Seele. Die Erziehung der Seele muss parallel gehen zu den Vorgängen im Körper. Von einem bestimmten Alter ab wird der Mensch unabhängig vom Körper — wenn er sich als erwachsen fühlt.

Heute empfände man es als Zumutung, Schillers «Tell» und Goethes «Iphigenie» mit 35 Jahren zu lesen, das hat man als Jüngling gelesen. Im späteren Lebensalter noch viel hinzuzulernen, ist eine Zumutung. Schriftsteller fangen heute schon mit 20 Jahren an.

Es wird dann unabhängig die Seele vom Körper. Das war ganz anders in der urindischen Kulturperiode. Da blieb der Mensch bis ins 50. Jahr abhängig vom Körperlichen und fühlte sich physisch als ein sich Entwickelnder. Die Umänderung der Leiblichkeit ist daher so wichtig. Damals wusste man zum Beispiel: Ein Fünfzigjähriger hat fünf bis sechs Jahrzehnte durchgemacht, was der Leib selber hergibt - zum Beispiel das Wachstum. Bis zum 35. Jahre gliedern sich Kräfte ein, das Physisch-Leibliche nimmt zu. In dem Wachsen ist das geistige Leben darinnen. Und lösen sich diese Kräfte los, dann fühlt man, in gesunder Leiblichkeit, dass allem materiellen Schaffen der Vater-Gott zugrunde liegt. Das väterliche Prinzip, das in allem waltet und wogt, fühlt er hinaufsteigen aus der eigenen Natur, aus der eigenen körperlichen Natur. Dann beginnt mit dem 35. Jahre wieder das Absteigen.

Das macht der Mensch heute nicht mit. Damals fühlte man das wohl, dass aufhörten die Kräfte aus dem Väterlichen heraufzusteigen. Man wurde gewahr, jetzt, in herabgedämpftem Bewusstsein, dass die Kräfte an einem Stillstand anlangen, aber dann fühlten die Menschen den Zusammenhang mit der geistigen Umwelt bis in den Himmel hinein. Als Weltenprinzip offenbarte sich einem dasjenige, was später als Christus herunterkam.

Dann, nach der Lebensmitte, machte man mit das Verknöchern, das Sklerotisieren des Körpers. In den Schlafzuständen merkte der Mensch den Geist, das, was später der Heilige Geist wurde, das wurde wahrgenommen. Die Menschen waren Zeugen dadurch hier im Leben vom Vater-, Sohn- und Geist-Prinzip.

Im urpersischen Zeitalter war dieses Bewusstsein schon zurückgegangen, nur bis in die 40er-Jahre, vom 42. bis 48. Jahre fühlbar. Das Erleben des Geist-Prinzips war schon schwächer geworden, schon schwächer betont war die Selbstständigkeit des Geistes. Aber das soziale Leben war doch ganz anders. Junge Menschen sahen mit Verehrung zu den Alten auf, weil sie wussten: Die haben erfahren Vater, Sohn und Geist in ihrem eigenen Innern. Man verstand auch früher den Tod. In der ägyptischen Zeit ging dieses Erleben nur bis in die Dreißigerjahre, vom 35. bis 42. Jahr. Danach kam der Mensch nicht mehr zu einem inneren Erleben der Abhängigkeit vom Geist. Im chaldäisch-ägyptischen Zeitraum ist daher schon nicht mehr Geistverständnis. Aber es war doch Empfindung vorhanden von dem, was später aus dem Geist des wogenden, webenden, oszillierenden Christuslebens wurde.

Im griechisch-lateinischen Kulturzeitraum ging es bis ins 28. bis 35. Jahr (747 v. Chr.- 1413 n. Chr.). Da konnte nur noch in den Mysterien vom Geist gesprochen werden, denn normalerweise empfand man das nicht mehr, [man empfand] nur noch das Christus-Prinzip. Aber dies kosmische Christus-Prinzip hörte auf, nur noch das Vater-Prinzip konnte erlebt werden. Aber die Menschen dieser Epoche erlebten noch in sich das Seelisch-Geistige, nur das äußere Geistige erlebten sie nicht mehr.

Dann geht es zurück bis zum 34., dann bis zum 33. Jahre. Da riss ab die Möglichkeit, etwas anderes zu wissen als nur das Körperliche. Da trat das Große, das Gewaltige ein - im vierten nachatlantischen Zeitraum -, dass im Leibe des Jesus von Nazareth der Christus, der vorher im Umkreis auf und ab wogte, dass der Christus sich im Leibe des Jesus von Nazareth vom 30. bis 33. Jahre entwickelte. Dadurch ward ein Prinzip gewonnen für die Menschheit, das sonst verloren gegangen wäre. Die Menschheit wurde immer nur jünger, der Christus überwindet den Tod und führt auf die Erde das Sohnes-Prinzip.

Wenn man zum ersten Mal die Entdeckung macht, wie das Todesjahr des Christus zusammenfällt mit dem 33. Jahre der Menschheit, dann erlebt man einen Augenblick, wo man die efste Begründung des Mysteriums von Golgatha empfindet. Das bedeutet ungeheuer viel. Das Christentum kann nur vertieft werden durch Vertiefung des Verständnisses. Wir wissen noch schr wenig heute, und es wird immer bedeutsamer, mehr und mehr zu wissen, was das Mysterium von Golgatha war. Alle Erkenntnis kann nur Dienerin sein, um dieses Mysterium in richtiger Weise zu fassen.

Dann kam unsere Zeit, da ist der Mensch nur bis zum 27. Jahr entwicklungsfähig. Die Menschheit ist, absteigend in ihrem Lebensalter, heute 27 Jahre alt. Darum muss die Geisteswissenschaft auftreten. Wenn wir unserer Seele keinen Schwung geben, werden wir nicht älter als 27 Jahre.

Es hat mich viel gekostet, dieses Geheimnis aus den Untergründen herauszuholen. Diese Unreife - bis 27 - finden wir daher auch bei Älteren — weithin leuchtend, nachwirkend diese Unreife. In Helsingfors habe ich schon geschildert, wie das Unvollkommene, Unreife, in abstrakten Idealen sich auswirkt, wie die Jugend davon spricht, das hat alle charakteristischen Merkmale der Unreife. Solch ein Ideal ist zum Beispiel Woodrow Wilsons Ideal von der Freiheit der Völker. Das sind alles schöne Ideen, aber: Wilson schreibt eine Note, die bestimmt ist, den Frieden zu stiften, und führt das eigene Land in den Krieg. Mit solchen Idealen kann man nicht die Welt regieren.

Die Menschen lecken sich die Finger ab, wenn sie recht schöne Ideen haben. Aber was hilft es, wenn sie nicht in die Wirklichkeit eingetaucht werden? - «Der Tüchtigste soll am rechten Platz stehen.» - Solche Ideen sind, wenn sie auch noch so schön sind, gar nichts wert, wenn sie nicht in die Wirklichkeit eingetaucht werden. Die Philosophie Euckens ist schön, aber nirgends in die Wirklichkeit eingetaucht.

Der heutige Mensch ist nur bis zum 27. Jahr entwicklungsfähig. Wir müssen verstehen, dass künftighin das Geistig-Seclische selbstständig entwickelt werden muss. Im sechsten nachatlantischen Zeitraum ist der Mensch nur vom 14. bis 21. Jahre entwicklungsfähig, dann nicht mehr. Dann wird eintreten «Dementia praecox», das ist nicht angenehm. Nur Wahrheit, die in Wirklichkeit eingetaucht ist, ist zur Lebenspraxis geeignet. Wie denken doch heute die Menschen? Geradezu unwirklich denken sie. Sie verlieben sich in ihre Begriffe. Später werden sie selber starr werden und furchtbar bekämpfen das Spirituelle. Früher gab es Konzile als geisugseelisches Heilmittel. Später, im sechsten nachatlantischen Zeitraum, wird man auch Seelen durch Heilmittel kurieren. Gegen die Anschauungen des Geistes wird man einimpfen jenen «gesunden Sinn», der bewirkt, dass der Mensch nur aus Leib besteht. Solch ein Verfall muss kommen, wenn die heutige Menschheit weiter gedankenlos schläft. Das, was sie braucht, diese Menschheit, das sind herbe Wahrheiten; nicht bloß solche, in denen man sich wohlig ergeht. Es muss geholfen werden der Menschheit. Die Menschheit krankt an der Furcht vor der geistigen Erkenntnis. Daher der Materialismus, daher die hilflose Angst vor der Geisteswissenschaft. Denn Geisteswissenschaft führt Sie ja hinein in die Verantwortlichkeit gegenüber der geistigen Menschheitsentwicklung. Wer die Zeit verschläft, der merkt das nicht. Aber wie ein Albdrücken steht vor einem dieser geistige Schlaf. Ich führe ein Beispiel an, einen Aufsatz über die kulturpolitische Bewegung in Österreich in den Neunzigerjahren — Geist in Politik. Die Gedanken sind gescheit, aber nicht in Wirklichkeit getaucht.

Ohne dass man heute verstehen kann, kann man nicht handeln.

Zweites Beispiel: Die Russen sind mystisch veranlagt, sagt man heute, und streut sich damit Sand in die Augen aus Unvermögen. In Wahrheit verhält es sich so:

Mystik — Mittelalter
Intellekt - Westen
Russland - beides zusammen
(ziemlich gut = geziemend gut
zwei = zw. — Zweifel)

Man möchte anderes als Zunge und Worte haben, um anzuzeigen, was die Zeit nötig hart.

Daher sind entgegengesetzte Mächte daran, der Geisteswissenschaft das Lebenslicht auszublasen. Widersprüche wie die folgenden hat heute das Leben: Mystik ist höchste Erkenntnis — und: Mystik ist törichte Schwärmerei.

Geisteswissenschaft muss die Sprache des Lebens sprechen, die so tiefernst ist, wie das Leben es selber ist. Man kann sie nicht mit der gewöhnlichen Philister-Sprache messen.

Gerade deshalb, weil Geisteswissenschaft so innig mit den Bedürfnissen der Zeit zusammenhängt, gerade wohl aus diesem Grunde ist es, dass jetzt — wo alles, ich möchte sagen, sich dazu anschickt, auf der einen Seite Geisteswissenschaft wirklich beginnt, da oder dort ernst genommen zu werden, wo sie ernst genommen werden kann -, dass da die entgegengesetzten geistigen Mächte sich daranmachen, dieser Geisteswissenschaft das Lebenslicht auszublasen.

Sehen Sie, dass man es notwendig hat, wirklich ganz neue Begriffe und Maßstäbe anzulegen an das Erkennen, wenn man von dem gewöhnlichen heute üblichen Erkennen an die Geisteswissenschaft herantritt, das will man nicht einsehen. Und so kann dieses jammervolle, unendlich törichte Gerede auftreten von allerlei Widersprüchen, das natürlich aus der Gehässigkeit, aber nebenbei auch nicht nur daraus, sondern vor allen Dingen auch aus dem Unverstand und aus dem Willen zum Unverstand herauskommt. Wie kann auf Widersprüche hingewiesen werden in demjenigen, was innerhalb der Geisteswissenschaft und ihrer philosophischen Begründung aufgetaucht ist? Selbstverständlich, wer sich nicht auf den Standpunkt der Geisteswissenschaft stellt, sondern materialistisch urteilt, kann solche Widersprüche finden. Wer aber weiß, dass Geisteswissenschaft ins Leben untertauchen muss, der muss dieses Untertauchen ins Leben ins Auge fassen.

Nehmen Sie einen bestimmten Fall! Nehmen Sie an, jemand sagt: Mystik ist diejenige Erkenntnisströmung, durch die ein Mensch sein eignes Inneres versucht zu vereinigen mit dem die Welt durchwallenden und durchwebenden Geistigen. Nehmen Sie jetzt meine «Philosophie der Freiheit» oder die Schrift «Wahrheit und Wissenschaft», wo der Beweis geliefert werden soll, dass durch das gereinigte Denken der Mensch in Zusammenhang mit dem Weltenweben hineinkommt; dann muss ich sagen: Gerade diese Bücher entsprechen völlig der Definition der wahren Mystik. Ich muss also sagen: Ich nehme den Ausdruck «wahre Mystik» für meine Weltanschauung in Anspruch. Darf ich deshalb nicht, wenn ich auf die heutige Mystik hinzeigen will, auf all das verworrene Gerede hinweisen, [darf ich deshalb nicht] dieses blödsinnige Zeug als Mystik geißeln? Ich muss es ja gerade geißeln, muss es zurück weisen, muss also auf der einen Seite den reinen Begriff der Mystik im Auge haben, auf der anderen Seite das /Lücke in der Mitschrift], weil ich das Leben im Auge habe. Wenn nun einer kommt, der die eine Seite anschaut und sagt: Da sagt er, die Mystik ist das Ideal der Erkenntnis; auf der anderen sagt er: Die Mystik wird auf allerlei Ekstase begründet - Widerspruch!

Solche Widersprüche hat das Leben, und wer mit dem Leben geht, kann diese Widersprüche immer finden. Aber man muss erst den Abstraktionen aufsitzen, wenn man überhaupt nach solchen Widersprüchen vortragen will.

Oder nehmen Sie eine andere Sache, meine lieben Freunde! Man kann heute selbstverständlich leicht sagen: Ich habe dargestellt die Bedeutung des Haeckelismus für die wissenschaftliche Erkenntnis der Welt. - Ja, meine lieben Freunde, nehmen sie einmal das Folgende. Nehmen Sie an, irgendjemand beschreibt die Tätigkeit Goethes als Theaterdirektor; er berücksichtigt dabei nichts anderes, als was Goethe als Theaterdirektor getan hat; aber er macht bemerklich, dass er nicht ein Theaterdirektor war, wie ein Herr Soundso, sondern [dass er] Goethe war; dass er als Theaterdirektor die Tätigkeit so ausübte, dass er überall im Hintergrund ganz Goethe als Theaterdirektor war; dann kann er gewiss auch einmal die Tätigkeit Goethes als Theaterdirektor beschreiben. Nehmen Sie an, jemand der dargestellt hat in «Philosophie der Freiheit» und «Wahrheit und Wissenschaft», wie der wissenschaftliche Materialismus zurückgewiesen wird, der dargestellt hat, wie in allem die Materie als solche auf dem Geiste ruht, der darf hinterher auch darstellen, wie der Geist der Materie sich offenbart, in den Erscheinungen sich offenbart, die Haeckel beschrieben hat. Für denjenigen, der 1899 über Haeckel schrieb und das Berechtigte darstellte, /Lücke in der Mitschrift] der 1894 die Widerlegung des Materialismus begründet hat, bei dem bedeutet doch die Darstellung etwas ganz anderes als bei demjenigen, der nicht hat vorangehen lassen «Wahrheit und Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», sondern sich auf den eigenen Standpunkt Haeckels stellt.

Man kann nun verstehen die Sache und wird sagen: Selbstverständlich darf derjenige, der Goethe im Ganzen würdigen kann, auch Goethe als Theaterdirektor darstellen. Derjenige, der ein Holzbock ist - ein Journalist heißt gerade so, verzeihen Sie! —, der kann Goethe als Theaterdirektor darstellen, als wenn er den Herrn Soundso darstellte, und er kann nicht mehr Geist in der Darstellung haben. Der aber, der in dem ganzen Geiste Goethes Goethe als Theaterdircktor darstellt, so bedeutet das etwas ganz anderes. Und so ist meine Charakteristik Haeckels etwas ganz anderes, nachdem vorangegangen sind die beiden vorgenannten Bücher [Lücke in der Mitschrift], und man vermuten konnte [dass nicht ein Materialist schildere, sondern jemand, der überall die geistige Wirklichkeit schildert. ] Wer nun bösartig ist, kann daher gerade die Widersprüche darstellen. Goethe als Dramatiker, Goethe als Faustdichter, Goethe als Theaterdirektor! Da kann einer sagen: Jetzt hat der früher gemeint, Goethe ist ein Faustdichter, und nun hat er sich entpuppt: Er glaubt, Goethe ist ein bloßer Theaterdirektor! — Auf seinen logischen Effekt gebracht, ist dasjenige, was die Torheit über die Darstellung von Haeckelismus ist, nichts anderes, als wenn jemand so spricht.

Aber es ist schon notwendig, meine lieben Freunde, dass, damit die Wahrheit zutage tritt, [dass] man [nämlich] mit der Voraussetzung an die Geisteswissenschaft geht, dass diese Geisteswissenschaft eben eine andere Sprache reden muss als die abstrakte Verstandes- und daher materialistische Wissenschaft, [auch] wenn sie sich manchmal noch so spirituell oder spiritualistisch gebärdet. Man kann heute ein Anhänger des Spiritismus sein und gerade deshalb ein krasser Materialist in seinen Begriffen, weil man ja versucht, den Geist in der materiellen Erscheinung vor sich zu haben, wenn man Spiritist ist. Auf die Wahrheit kommt man allerdings nicht, wenn man sich nicht entschließt zu erkennen, wie Geisteswissenschaft die Sprache des Lebens sprechen muss und daher so vielseitig sein muss wie das Leben, und daher eine andere Sprache sprechen muss als diejenige, die bisher gesprochen worden ist. Denn es wäre nicht wahr, meine lieben Freunde, wenn ich Ihnen davon sprechen würde, dass Geisteswissenschaft so tief in die Impulse der Menschheit eingreifen muss; es wäre nicht wahr, wenn ich Ihnen nicht zu gleicher Zeit betonen müsste: Geisteswissenschaft muss zugleich eine Sprache sprechen so, dass man nicht in der gewöhnlichen Philistersprache herankommen kann und sie damit kritisieren kann; damit muss man sie missverstehen. Aber diese Voraussetzung muss man haben, dass man sie dadurch missverstehen muss.

Gehässigkeit kann selbstverständlich in dieser Beziehung, weil ihr alle Schleusen geöffnet sind, kritisieren; denn, indem jemand aus dem Leben spricht, öffnet er ja selbst alle Schleusen, um die Kritik herankommen zu lassen. Man kann es auch so machen wie Goesch, der alles nimmt, was ich gegen das eine oder andere gesagt habe, und das weglässt, was ich für das eine oder andere gesagt habe; dann kann man alles [Lücke in der Mitschrift].

Was sich entwickeln muss innerhalb jener Geistesströmung, durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft fließt, das ist vor allen Dingen der wirkliche Wahrheitssinn. Den wirklichen Wahrheitssinn muss man vor allen Dingen den Ereignissen gegenüber haben, niemals muss man es darauf hinauslaufen lassen, irgendein Ereignis zurechtzurücken, wie man es haben will nach seinen subjektiven Bedürfnissen, sondern man muss die Ereignisse nach ihrer Objektivität schildern. Wenn jemand so wenig Wahrheitssinn hat wie der Kaiserliche Hofrat Professor Max Seiling, so kann er zum Beispiel den Satz hinschreiben, der wahr ist, wie alle anderen Sätze des Professors Max Seiling wahr sind, nämlich ebenso philiströs und unwahr: Nun ja, der Doktor Steiner ist seinerzeit in die Theosophische Gesellschaft eingetreten, um eben die Wahrheiten oder die Erkenntnisse oder die Behauptungen der Theosophischen Gesellschaft zu vertreten.

Natürlich weiß [Seiling] sehr genau, dass das eine objektive Unwahrheit ist. Denn wie war die Sache? Begonnen habe ich damit, mit demjenigen, was sich meinen eigenen Forschungen ergeben hat, in Berlin Vorträge zu halten 1900, 1901; jene Vorträge, die dann im Auszug gedruckt worden sind in dem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Ich hatte dazumal nichts überhaupt gelesen von der Literatur, welche die englische Theosophische Gesellschaft verzapft hatte, und ich darf Ihnen gestehen, dass diese Literatur mir absolut viel zu dilettantisch war — wenn ich Ihnen meinen individuellen Geschmack sagen soll. Die Sache war dargestellt aus dem geraden Fortgang meiner Forschungen heraus. Ich hatte nichts gelesen. Was geschah? Es geschah das, dass diese Vorträge dazumal, wie sie gedruckt vorlagen, in die «Theosophical Review» übersetzt worden sind ohne mein Zutun; zum Teil sind sie übersetzt worden. Daraufhin wurde ich aufgefordert, in die Theosophische Gesellschaft einzutreten. Niemals habe ich mich herbeigelassen, etwas anderes zu sagen, als was aus meinen eigenen Forschungen kam.

Ich bin auch nicht Haeckel nachgelaufen. Warum hätte ich nicht das geschrieben haben sollen, nachdem ich nicht den Anschluss an die Theosophische Gesellschaft [Lücke in der Mitschrift]. Wenn ihr durch etwas Vernünftiges euren Kohl kurieren lassen wollt, warum sollte das nicht geschehen! Warum sollten die, die an den Kohl glauben, nicht zur Vernunft herübergebracht werden?

Ich war in London. Mead, der noch ein Bekannter der Blavatsky war, der vieles in gelehrter Weise zur theosophischen Literatur beigetragen hat, er sagte mir dazumal: «In diesem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens steht ja alles drinnen, was berechtigt ist in der Literatur; das andere ist ja doch nichts!»

Warum hätte ich mir nicht sagen sollen: Nun ja also, da mögen das die Leute entgegennehmen! — Dass sie dann wütend geworden sind, als sie die Sache sich ausbilden sahen, und als sie den Kohl bis zu jener Überkohligkeit weitergebracht hatten mit den Alcyones -, dass sie dann wütend geworden sind und tobsüchtig geradezu über die weitere Geltendmachung dessen, wo die /Lücke in der Mitschrift] und die theosophische Weltanschauung zu gleicher Zeit begründet ist, das konnte man sich ja nicht gefallen lassen. Aber niemals finder man einen Bruch in der gerade fortlaufenden Entwicklung desjenigen, was ich in meinen fortlaufenden Vorträgen und Büchern vorgebracht habe. Allerdings kann ich nicht in «Philosophie der Freiheit» und «Wahrheit und Wissenschaft» von den Hierarchien sprechen; das war auch nicht die Aufgabe. Und außerdem durfte ich schon gerade aus dem Umstande, dass ich von den verschiedensten Seiten her die Sache dargestellt habe, den Anspruch darauf machen, dass man auf mich nicht dieselben Begriffe anwendet als auf manche andere. Ich habe eine «Theosophie» geschrieben; aber vorher habe ich die «Philosophie der Freiheit», «Wahrheit und Wissenschaft», «Weltanschauung Goethes» geschrieben, hatte vorher das Buch, das damals hieß «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», geschrieben, und darin vieles niedergelegt von dem, wie Sie sich heute noch überzeugen können, was später aufgegangen ist, was damals nur Keim war.

Ich habe eine «Theosophie» geschrieben; nun wird eindeutig dasjenige, was meine Weltanschauung enthält, bezeichnet: «Er ist ein Theosoph!» Das ist ebenso bezeichnet, als wenn jemand eine «Chemie» geschrieben hat, und man verlangt von ihm, dass er eine chemische Weltanschauung habe. Ich habe ein Buch «Theosophie» geschrieben, in dem das, was darin geschrieben ist, vom Gesichtspunkte der Theosophie geschrieben ist, so wie man ein gewisses Weltengebiet beschreibt. Aber dass jemand nur noch chemische Gedanken haben soll, wenn er eine «Chemie» geschrieben hat, /Lücke in der Mitschrift] das heißt: nicht aus Begriffen ein System zimmern, sondern das heißt aus dem Leben heraus beurteilen; nicht irgendein neues System aufstellen, nicht irgendeine sektiererische Bewegung begründen, sondern die Geistigkeit des Lebens in ihren verschiedenen Punkten ergreifen, um sie der Welt zum Bewusstsein zu bringen, das ist es, worauf es ankommt: die wirklich konkrete Geistigkeit.

Sie sehen daher, dass es einfach eine objektive Unwahrheit ist, wenn Seiling heute behauptet, ich hätte irgendwie einfach die Dinge der Theosophischen Gesellschaft zu verzapfen, nachdem ich eine Zeit lang Haeckelismus verzapft hatte. Den Willen zur Wahrheit muss man haben, und der kann nur kommen aus dem Willen zur Geistigkeit.

Sie sehen daher, aus welchen Quellen das herauskommt, was heute in so gehässiger Weise sich geltend macht — in der Sucht nach den wahnsinnigen Erfindungen —, Geisteswissenschaft in der Form, wie sie wirklich aus den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Zeit heraus ist, aus dem Wege zu schaffen, weil man sie nicht bekämpfen kann. Sie zu bekämpfen, das findet man zu unbequem, denn aus diesem Kampfe wird sie siegreich hervorgehen, diese Geisteswissenschaft. Daher darf nicht im Unernst dasjenige ins Auge gefasst werden, was jetzt notwendig ist, wo man in solche Dinge hineinziehen will dasjenige, was ich Ihnen gestern dargestellt habe und heute nicht wiederholen will. Aber ich weiß, diejenigen unserer lieben Freunde, die ein Herz und einen Sinn haben für den Ernst dessen, um was es sich bei der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft handelt, die werden wohl einverstanden sein mit den beiden Maßregeln, die ich Ihnen genannt habe. Die erste: Es müssen in Zukunft unterbleiben diese Privatzusammenkünfte, die sich zunächst aus der Mitte der Gesellschaft heraus ergeben haben, die zu dem unglaublichsten Klatsch und Tratsch geführt haben.

Es tut mir leid, dass ich auch hier in Hamburg dies erwähnen muss, obwohl Hamburg zu denjenigen Städten gehört, die ferne stehen mehr oder weniger demjenigen, was jetzt in so unwahrer Weise auftritt. Aber wissen müssen es alle Mitglieder. Man darf nicht kommen mit demjenigen, was gerade zum Beispiel in München eingewendet worden ist: «Wegen dieser Krakeeler müssen nun alle leiden.» - Es ist lange genug über diese Krakeeler gesprochen worden, es muss einmal etwas getan werden, wodurch eine Zeit lang dauernd auf den Ernst der Lage hingewiesen wird und auf das Heilige der Geisteswissenschaft.

Und die andere Maßregel ist notwendig, dass ich jeden ermächtige, soweit er es selber will, über dasjenige zu reden, was jemals vorgekommen ist oder geredet worden ist in diesen Zusammenkünften. Das, was Geisteswissenschaft ist, braucht das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen. Geisteswissenschaft kann mit aller Esoterik in das volle Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Nichts, gar nichts braucht sie zu scheuen im vollen Lichte der Öffentlichkeit.

Verzeihen Sie, meine lieben Freunde, dass ich bei dieser meiner Anwesenheit hier in allem Ernste auf dieses, mehr nur der Gesellschaft Angehörige hinweisen musste; aber ich habe ja versucht, bemerklich zu machen, dass es schon mit höheren, weiter reichenden Gesichtspunkten zusammenhängt, aus dem Grunde zusammenhängt, weil dasjenige, was gewollt wird in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, das schafft aus einer Wirklichkeit heraus, das schafft aus der vollen Wirklichkeit, aus der sich entwickelnden Wirklichkeit heraus. Und es ist notwendig, dass man das endlich begreife, dass man mit dem, was gerade überwunden werden soll, wenn man sich darin hineinlebt, nicht zu einer Kritik dessen kommen kann, was nicht nur von etwas anderem spricht, sondern auch auf eine andere Art sprechen muss von diesem anderen, eine ganz neue Sprache sprechen muss. Es ist gewiss, meine lieben Freunde, eine geistreiche Wahrheit, wenn jemand hört einen Menschen, wenn ein Italiener hört einen Menschen sprechen und sagt: «Das ist eine Sprache? Das ist Unsinn, es widerspricht jedes Wort dem, was ich denke!» Der andere spricht nämlich Deutsch. - Das ist sehr geistreich zu sagen: «Jedes Wort widerspricht dem Italienischen.» Man muss eben zuerst die Sprache lernen, wenn man verstehen will das Deutsche, wenn man ein Italiener ist.

Wenn man nicht lernen will die - ich möchte sagen - neuartige Sprache, in der auftreten muss die Geisteswissenschaft, dann kann man unmöglich zu einem Verständnis der Geisteswissenschaft kommen.

Das recht tief zu fassen, meine lieben Freunde, das ist durchaus notwendig. Es gehört dies zu dem, was immer wieder und wiederum geltend gemacht werden muss. Ein Befreundetwerden mit dem Leben, ein Durchdrängen des Lebens, ein Verwandtwerden mit dem Leben -, das ist das, was notwendig ist.

Und gegenüber dem Ernste, meine lieben Freunde, den der heutige Erkennende haben muss, da kann man noch ganz besondere Entdeckungen machen an denjenigen Menschen in der Gegenwart, die da glauben, heute diesen Ernst kritisieren zu können. Ich habe einmal bei einer Berliner Generalversammlung Folgendes sagen müssen: Als ich an Nietzsche herantrat vor Jahren, da trat mir in Nietzsche die Wahrheit als solche vor die Seele. Was bedeutet die Wahrheit im Leben? Das kann ein Rätsel werden; die Rolle der Wahrheit im Leben? Und es wird ein blutiges Rätsel; /Lücke in der Mitschrift] sein Herzblut gibt man hin, um die Frage nach dem Werte der Wahrheit, um die zu beantworten, die Frage, die in Nietzsches «Jenseits von Gut und Böse» in einer so eindringlichen Weise gestellt wird, wenn auch Nietzsche, gerade an dieser Frage verblutend, bald nachher in den Wahnsinn verfallen ist. Die Frage wird da so gestellt, dass man an Tiefstes in den Quellen der Menschheitserkenntnis herandringen muss. Das ist schon eine Frage, die man mit seinem Herzblut lösen muss.

Max Seiling findet, weil ich dazumal gesagt habe: «Wie kann das Problem nach dem Werte der Wahrheit auftreten? Man muss diese Frage mit dem Herzblute lösen. Gerade bei Nietzsche kann man sie auftreten

sehen»; selbstverständlich kommt man dann zu der wichtigen Erfassung unseres anthroposophisch orientierten Dictums «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», aber das kann zunächst ein Problem sein, das mit dem Herzblut zu lösen ist. Max Seiling findet, als ihm die Leute das mitgeteilt hatten, dass ich die «Geschmacklosigkeit» hatte, vom blutenden Herzen zu sprechen, er musste es erst in den «Mitteilungen» gedruckt lesen, um es zu glauben, dass ich die «Geschmacklosigkeit» gehabt habe, so zu sprechen.

Solches muss man heute erfahren und zu gleicher Zeit überzeugt sein, dass Max Seiling von den Widersprüchen gegen das Dictum noch nicht gesprochen hatte, bevor seine Broschüre abgelehnt worden war, und erst darauf kam, so zu sprechen, wie er dann gesprochen hat, nachdem sie abgelehnt worden war. Es kommt darauf an, dass man das, was aus der bloßen Gehässigkeit, aus dem bloßen Unwillen gegenüber der Wahrheit fließt, dass man das nicht nur unter allgemeinen, [sondern unter] tieferen Gesichtspunkten sieht.

Liebe - wenn einer die anderen beschimpft, so [findet man] nötig, dass derjenige, der beschimpft, mit dem ersten Grundsatze der Anthroposophischen Gesellschaft behandelt wird, nämlich liebevoll und wohlwollend, und dass derjenige, der attackiert wird, soll um Verzeihung bitten. Der Attackierende ist ein Mensch, mit dem man Mitleid haben müsste, und derjenige, der angegriffen wird, der müsste denken: Nun, wie leicht kann der Mensch fehlen! Daher sei es ruchlos von mir - es werden sich auch jetzt welche finden, die das sagen -, dass ich auf die Verleumdungen und Schmähungen des Seiling hindeute in dieser Weise und nicht sage: Der schimpft zwar in der gehässigsten Weise, aber ich finde es angemessen, dass man vor allen Dingen allgemeine Menschenliebe walten lässt und sagt: Nun, man findet es begreiflich, dass auch solche Früchte in der Welt entstehen müssen, man müsse dankbar sein, dass jemand auf die Widersprüche hinweist, nicht bloß autoritätsgläubig zu sein braucht. — Gewiss, dieses Urteil ist auch möglich; aber Sie werden schon sehen, wie weit wir damit kommen würden.

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