The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 17 June 1917, Bremen

27. Das Jüngerwerden der Menschheit Massregeln

Meine lieben Freunde,

Wir gedenken zuerst derjenigen, die auf den Feldern der schweren Gegenwarts-Wirrungen stehen und wenden uns zu ihren schützenden Geistern:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter!
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen!
Dass mit Eurer Macht geeint
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

Und indem wir uns wenden zu den schützenden Geistern derjenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter!
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen!
Dass mit Eurer Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

Und der Geist, den wir suchen durch unsere Geisteswissenschaft, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!

Meine lieben Freunde!

In unserer Gegenwart findet man - und ich meine Gegenwart in diesem Falle im weitesten Sinne, sodass sie die Jahrhunderte umfasst, in denen wir leben, die Jahrhunderte von unserm fünften Kulturzeitraum, der 1413 begonnen hat und in dem wir jetzt drinnenstehen in dieser unserer Gegenwart —, finden wir wenige solcher Menschen, welche sich ausleben wie der ja heute schon weniger bekannte, aber einstmals recht viel Aufsehen machende Philosoph Schelling, der 1856 gestorben ist. Wir wollen uns einmal ganz kurz vor die Seele stellen, was das Eigentümliche dieses Philosophen Schelling war. Es war etwas, was die Menschen der Gegenwart außerordentlich schwer verstehen. Bereits in den Neunzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts trat der Philosoph Schelling in Jena auf, an der Universität wirkend durch die Macht seiner Rede, durch das Durchgeistigte seines ganzen Wesens die Leute alle hinreißend. Was er damals vortrug, war eine Art Weltanschauung, möchte man sagen, die von zwei Gesichtspunkten aus versuchte, die Wirklichkeit zu erfassen, die Wirklichkeit darzustellen. Er trug vor eine Naturphilosophie und eine Geistesphilosophie. Er wollte die Wirklichkeit von diesen zwei Seiten erfassen - von der Seite des natürlichen Daseins und von der Seite des geistigen Daseins.

Es war in Wirklichkeit eine der Hochblüten deutschen Geisteslebens. Denn man konnte dazumal gewissermaßen lernen - Sie können darüber nachlesen in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» -, man könnte lernen an einer Persönlichkeit, wie Schelling eine war, wie der Geist durch den Menschen spricht. Dann kam die Zeit, in der Schelling gewissermaßen einen weiteren Schritt gemacht hatte, wo er dasjenige, was er früher dargestellt hatte, in einer anderen Form darstellte. Es war die Zeit, in der er mehr darstellen wollte nun nicht die Welt von der einen Seite, der Seite ihres natürlichen Daseins und von der anderen Seite, der ihres geistigen Daseins, sondern mehr dasjenige, was Natur und Geist gemeinschaftlich zugrunde liegt. Und wieder sprach er gewissermaßen hinreißend, feurig, großartig, aber wie aus einer anderen Tonart heraus, dasselbe vorbringend. Dann kam die Zeit, in der er allerdings weniger vortrug, nur mehr Schriften schrieb, die Zeit, in der er sich vertiefte in Jakob Böhmes tiefsinnige Weltanschauung. Da kam es denn, dass er wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus, mit ganz anderen Worten, in ganz anderer Weise dasjenige darstellte, was er vorher als Natur- und als Geistphilosophie dargestellt hatte. Und nur dadurch, dass er sich in dieser Weise vertieft hatte, dass er aufgenommen hatte zu demjenigen, was er, man möchte sagen, in Gemeinschaft mit Johann Gottlieb Fichte mehr in abstrakten Gedanken erfassen konnte, dass er das vertieft hat durch die großen, gewaltigen Anschauungen Jakob Böhmes, kam er in die Lage darzustellen, so etwas wie «Die Mysterien der Gottheiten von Samothrake», wo er wirklich aus gewissen spirituellen Tiefen heraus wieder lebendig gemacht hat, was diese merkwürdigen Mysterien der ersten Zeit des vierten nachatlantischen Zeitraumes, der letzten Zeit des dritten nachatlantischen Zeitraumes in ihrem Schoße Bedeutsames bargen.

Dann kam Schellings theosophische Zeit, wie man sie nennt, diejenige Zeit, in der er versuchte, vorzudringen zu den tiefsten Quellen des Seins, in denen er versuchte, aus einer einheitlichen Weltenquelle heraus die menschliche Entwicklung darzustellen.

Also seine theosophische Zeit. Und endlich kam die Zeit - es war die Zeit, in der er von Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen worden ist - seiner sogenannten positiven Philosophie, die uns erhalten ist in seiner zweibändigen bedeutsamen Schrift «Philosophie der Mythologie» und in seiner anderen zweibändigen Schrift «Von der Philosophie der Offenbarung». Da versucht er dasjenige, was in den alten Mysterien und durch das Mysterium von Golgatha eingeflossen ist in die Menschheitsentwicklung, darzustellen. Verstanden wurde er wenig. Er sprach eben im Grunde genommen doch von Dingen, für die unsere Zeit wenig Ruhe hat, und man kann sagen, wenn man, nicht in Bezug auf das Eindringliche, Umfassende und Künstlerische des Wirkens, aber auf die individuelle menschheitliche Artung jemand mit Schelling vergleichen will, so könnte es eigentlich in der neueren Zeit nur Goethe sein. Was ist das Bedeutsame, das bei einer solchen Persönlichkeit wie Schelling vorlag? Schelling, der im Alter mit seinem durch den Geist belebten Augen auf diejenigen, die ihn noch kennenlernten, einen ungeheuren Eindruck machte — was war es, was bei diesem Schelling am Bemerkungswertesten war?

Ja, meine lieben Freunde, das Bemerkungswerte war bei Schelling die Eigentümlichkeit, dass er mehr, viel mehr als andere Menschen, selbstständig tätig sein konnte, wenn ihm das auch — diese Tätigkeit — nicht voll zum Bewusstsein kam, tätig sein konnte in seinem Ätherleib, nicht bloß, wie es beim modernen Menschen einzig und allein der Fall ist sonst, in seinem physischen Leibe. Die Möglichkeit in einem, man kann sagen, in gesunder Art gelockerten Ätherleib zu denken, zu fühlen, das war Schelling eigen.

Und damit war etwas anderes verbunden. Damit war verbunden, was die moderne Philisterei so wenig verstehen kann: Schelling blieb bis zu einem gewissen Grade entwicklungsfähig bis in sein hohes Alter hinein; er blieb bis in seine Fünfzigerjahre hinein entwicklungsfähig. Der moderne Mensch bleibt nicht entwicklungsfähig. Der moderne Mensch schließt seine Entwicklungsfähigkeit - wir werden später mehr davon zu sprechen haben - in verhältnismäßig jungen Jahren ab. Und er ist ja auch stolz darauf, seine Entwicklungsfähigkeit in jungen Jahren abzuschließen. Man trifft sogar heute selten Menschen, welche, sagen wir, am Ende der Zwanziger-, am Anfang der Dreißigerjahre den rechten Sinn haben, Märchen sich anzuhören; ja sogar den rechten Sinn haben, wiederum Goethes Iphigenie oder gar Schillers Tell mit seelischer Lebendigkeit aufzunehmen. Das hat man, als man Kind gewesen ist, aufgenommen; damit beschäftigt man sich nicht als Erwachsener.

Vergleichen Sie einmal, meine lieben Freunde, wie groß der Unterschied beim heutigen Menschen ist zwischen der Entwicklung in jungen Jahren und der späteren Entwicklung. In jungen Jahren, da ist der Mensch in seiner geistig-seelischen Entwicklung ganz und gar noch verbunden mit der physisch-leiblichen Entwicklung. Das Kind entwickelt sich, wie wir wissen, physisch-leiblich, aber mit dieser physisch-leiblichen Entwicklung, mit der Konsolidierung des Nervensystems, mit der Erstarkung des Muskelsystems und so weiter, mit der inneren Konfiguration aller Organe hängt es zusammen, dass die geistig-seelische Entwicklung des Kindes parallel geht der physisch-leiblichen Entwicklung. Und wie sind die Menschen noch in ihrem 14. bis 17. Lebensjahr abhängig von ihrem Physisch-Leiblichen! Das wird später anders. Da geht die geistig-seelische Entwicklung ihren eigenen Weg, und bei den meisten Menschen heute gar keinen Weg, sondern sie bewahren das auf, was bis dahin aufgenommen worden ist. Sie bewahren dieselbe Art des Urteils, dieselbe Art, sich zur Welt zu stellen und so weiter. Wenn ja einmal ein solcher Mensch wie Schelling in der heutigen Zeit auftritt, dann, ja dann findet man eben, dass er Umwandlungen durchgemacht hat in seinem Leben, wie man sagt; dass er in seinen Vierzigerjahren aus einer anderen Tonart heraus gesprochen hat als in seinen Zwanzigerjahren. Gewiss, er hat aus demselben Wahrheitsquell heraus gesprochen, aber in einer anderen Tonart.

Und als dann Schelling gar seine «Positive Philosophie» in den Vierzigerjahren in Berlin vortrug, konnten die Leute nicht begreifen, wie der Mann, der in seiner Jugend Naturphilosophie vorgetragen hat, jetzt von positivem Christentum in einer solchen Weise sprechen konnte. Schelling war in der neueren Zeit einer von denjenigen Ausnahmen, die als Persönlichkeit entwicklungsfähig bleiben ihr Leben hindurch, die wirklich imstande sind, die Steifigkeit, die Zopfigkeit des Urphilisters umzuwandeln, die sich heute im Menschen findet, beweglichen Geistes zu bleiben.

Nun liegt noch etwas anderes bei Schelling vor: Das liegt vor, dass der moderne Mensch, wenn er nicht im Sinne unserer modernen Geisteswissenschaft eine innere geistige Entwicklung durchmacht, dass er es dann außerordentlich schwierig hat, wenn er [nicht] so verwandlungsfähig bleibt wie Schelling, auch zu inneren, positiven, spirituellen Erlebnissen zu kommen. Daher kam es, dass dasjenige, was Schelling dann als «Positive Philosophie», als «Philosophie der Mythologie», worin er die Mysterien behandelte, als Philosophie der Offenbarung, worin er das Mysterium von Golgatha behandelte — daher kam es, dass er in diesem Teile seines späteren Alters wirklich in recht abstrakten Begriffen sprach. In Begriffen, die also nicht nur die Menschen abstießen, die sich sagten: Nun, was will denn der, der hat doch früher Naturphilosophie gesprochen, jetzt spricht er auf einmal vom Mysterium von Golgatha? - Nicht nur die Menschen, die so etwas nicht begreifen konnten, stieß er ab, sondern auch diejenigen, die etwas, man könnte sagen, Realeres wollten.

Wenn er sprach von der Potenz a 1, von der Potenz a 2, von dem Sein vor dem Schaffen und nach dem Schaffen und so weiter, so waren das Abstraktionen, die zwar für ihn lebendig waren, die er aber nicht verstand, lebendig zu machen. Woher kam das? Ja, sehen Sie, in einer solchen Persönlichkeit wie Schelling findet man etwas, sagen wir, wie atavistisch Zurückgebliebenes. Schelling ist eigentlich ein versetzter indischer Rishi gewesen. So entwicklungsfähig bis ins höchste Alter, wie Schelling gewesen ist, so waren es die Menschen der urindischen Zeit alle im Grunde genommen. Sie blieben so wie heute nur die Kinder entwicklungsfähig sind. Sie blieben so abhängig in ihrem Geistig-Seelischen von dem Physisch- Leiblichen bis ins höchste Alter herein — wie die Kinder heute in der Jugend. Aber diese Menschen der urindischen Zeit, eben der ersten Zeit nach der großen atlantischen Katastrophe, denen ging es eben nicht so wie Schelling, der gewissermaßen ein atavistischer Nachzügler war, sondern denen ging es so, dass sie dann gerade, wenn sie die Fünfziger erreicht hatten, hereinströmen fühlten das Geistige. Sie blieben entwicklungsfähig bis in die Fünfzigerjahre hinein; sie fühlten das Geistige dann besonders in sich aufstrahlen, aufflammen.

Wenn heute unsere Kinder die Abhängigkeit zeigen des Seelisch-Geistigen vom Physisch-Leiblichen, so ist das in der Zeit, in der das Physisch-Leibliche wächst, [in der es] vollkommener wird, in aufsteigender Entwicklung ist. Die Folge davon ist, dass die Kinder in dieser Zeit vorzugsweise fühlen, wie ihr Ätherleib das Wachsen, das Blühen und Gedeihen fördert; wie ihr Ätherleib im physischen Leibe wirkt. Zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr könnte der Mensch ungeheure Offenbarungen schon empfangen, aber er kann es heute deshalb nicht, weil der Ätherleib mit etwas anderem beschäftigt ist, weil der Ätherleib damit beschäftigt ist, den physischen Leib zum Wachsen, zum Gedeihen zu bringen. Und wenn der Mensch dann wiederum im Ätherleib seine bedeutsamen Erfahrungen machen könnte - in den Vierzigerjahren oder gar in den Fünfzigerjahren —, da ist der Mensch nicht mehr entwicklungsfähig heute, da ist der Ätherleib nicht mehr geeignet, mehr zu tun als dass er uns höchstens die Erinnerungen der Jugend besser aufbewahrt als dasjenige, was wir später erlebt haben. Wir sagen dann: Das Gedächtnis nimmt ab; aber die Erinnerung an die Jugenderlebnisse treten dann ganz besonders in den Vordergrund. Aber anders merken wir nicht diese absteigende Entwicklung, die mit 25 Jahren beginnt, und die insbesondere stark wird in diesen höheren Lebensjahren. Wir mineralisieren uns, könnte man radikal sagen, wir sklerotisieren uns. Und mit dem Festerwerden, Dichterwerden des physischen Leibes war in diesen alten Zeiten, in dem ersten Zeitraum nach der atlantischen Katastrophe, in der urindischen Zeit, verbunden, dass der Mensch jetzt nicht seinen Ätherleib in Verwendung bemerkte für den physischen Leib. Der physische Leib sank in sich zusammen, dafür aber war der Ätherleib besonders empfänglich, wirklich die geistige Welt in sich hereinzuempfangen. Und die Folge davon war, dass in dieser ersten Zeitepoche nach der atlantischen Katastrophe die Menschen entwicklungsfähig blieben bis in die Fünfzigerjahre hinein, bis in das 56. Lebensjahr hinein; dann später bis in das 55., das 54., das 53., 52., 51., 50., 49. Jahr hinein; dass diese Menschen gewissermaßen ihr ganzes Leben hindurch warten konnten auf dieses Große, das dann eintrat nach den Erfahrungen, die die anderen gemacht hatten; dass der Körper in sich zusammensank, und die Seele gewissermaßen schon hier, noch gebunden an den physischen Leib, sich drinnen fühlte in derselben Geistigkeit, in die sie übertrat, wenn sie durch die Pforte des Todes ging. In diesem ersten, urindischen Zeitalter war es daher so, dass der Übergang in die geistige Welt beim Durchschreiten der Pforte des Todes nicht so bedeutsam war wie bei einem heutigen Menschen, weil der Mensch gewissermaßen schon drinnen war. Er war unabhängig geworden im höheren Alter von dem physischen Leibe. Heute werden wir es auch, aber wir merken es nicht, weil wir nicht entwicklungsfähig bleiben bis in diese Zeit hinein.

Sehen Sie, das ist eine eigentümliche, eine bedeutungsvolle Erscheinung, die aus gewissen Gründen, von denen wir nachher sprechen werden, ganz besonders für die Gegenwart wichtig ist, in Erwägung gezogen zu werden. Die Entwicklung in der alten Zeit, in der ersten Zeit nach der atlantischen Katastrophe war so, dass sie, ohne dass die Menschen von innen heraus, ohne dass sie etwas Besonderes dazu taten, entwicklungsfähig blieben; also unmittelbar nachdem die atlantischen Katastrophe vorüber war bis zum 56. Lebensjahr, dann immer weniger, endlich bis zum 49. Lebensjahr entwicklungsfähig blieben. Das ergibt, meine lieben Freunde, ein gewisses Alter der gesamten Menschheit. Man könnte sagen: Die Menschheit ging in der damaligen Zeit vom 56. zum 49. Jahr zurück. Der einzelne Mensch beginnt mit dem Jahre eins, zwei, drei, und wird immer älter. Die Menschheit beginnt ihr Lebensalter als Ganzes nach der atlantischen Katastrophe mit dem 56. Lebensjahr und wird immer jünger. Und als der erste nachatlantische Zeitraum, der urindische, vorbei war, da blieben die Menschen nur noch bis zum 49. Jahr, dann bis zum 48. Jahr und so weiter entwicklungsfähig. Da konnten sie nicht in einer so intensiven Weise Erfahrungen vom Geiste machen wie in früheren Zeiten. Denken Sie sich, was das ganz anderes bedeutete für das damalige soziale Leben, als unsere Art der Menschheitsentwicklung für unser gegenwärtiges soziales Leben bedeutet. Jeder Mensch wusste damals in der Jugend: Die Patriarchen, das sind diejenigen, die von Weisheit durchleuchtet und durchglüht sind. Und man sah hinauf zu diesen Patriarchen als zu den Führern der Menschheit. Das gab dem damaligen sozialen Leben seine Prägung. Heute fühlt sich jeder junge Dachs in den Zwanzigerjahren schon fertig, will ins Parlament gewählt werden und da selbst Urteile abgeben wie der älteste Mensch. Das ist der große Unterschied der damaligen Zeit von der heutigen, wo man hinhorchte zu demjenigen, der reif geworden war nicht nur im aufsteigenden physischen Leben, sondern auch im Abstieg. Und während das aufsteigende physische Leben so ist, dass es den Geist eigentlich verbirgt, so ist das absteigende physische Leben, wo wir gewissermaßen vermineralisieren, so, dass es - während der Körper zurückgeht - , wenn man entwicklungsfähig bleibt — die Menschen bleiben es heute nicht —, dass es dann gerade den Geist aufblühen lässt in der Seele. In der zweiten nachatlantischen Kulturperiode war das schon anders geworden. Da blieben die Menschen nur noch entwicklungsfähig bis zum 48., dann bis zum 47, 46.,45., 44., 43., 42. Lebensjahr. Das ganze Menschengeschlecht geht also im Lebensalter zurück, und der Mensch rückt herein. Das war die Zeit, in der es Menschen zwar auch noch gab, die gewissermaßen während des Zusammensinkens des Leiblichen sich entwicklungsfähig erhielten, welche unmittelbare Erfahrungen aus der geistigen Welt hatten, aber diese Erfahrungen waren nicht mehr so stark wie in den älteren Zeiten. Denn in dieser Zeit konnten die Menschen nicht mehr in ebenso hohem Maße wie in den älteren Zeiten den Ätherleib benützen. Das ist das Eigentümliche der urindischen Kulturperiode, dass die Menschen in die Lage kamen, ihren Ätherleib in ganz hervorragender Weise, in ganz selbstständiger Weise zu benutzen und daher im Ätherleibe zu erleben dasjenige, was dann der Mensch durchlebt, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist und den Ätherleib abgelegt hat. Aber mit dem Ätherleibe kann man das gewissermaßen erleben, wenn man in der Art entwicklungsfähig bleibt, wie es in der urindischen Zeit noch war.

Mehr vom Geiste geschieden war schon die Zeit, wo nur im Empfindungsleib die Menschen noch erlebten, wie es in der urpersischen Epoche der Fall war. Aber immerhin, es war in dieser urpersischen Epoche so, dass namentlich im Schlafzustand, in einem Zustand, der einem von realen Träumen durchsetzten Schlafe gleicht, die Menschen fühlten, wenn sie in die Vierzigerjahre hineingekommen waren: Ja, diese Seele, die in mir wohnt, sie gehört der geistigen Welt an, sie lebt da in der geistigen Welt darinnen; sie geht, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, in diese geistige Welt ein. Diejenigen, die damals jung starben, die waren nicht ausgeschlossen aus der Glücksempfindung, die darin bestand, sich sagen zu können: Man wird alt und dann weise, geistsichtig; denn derjenige, der jung starb, wusste dazumal, dass es wiederholte Erdenleben gibt - aber er wusste auch, dass, wenn einer jung stirbt, er zu etwas anderem verwendet wird in der geistigen Welt, dass er dort seine gute Aufgabe hat, dass die Götter diese Seele brauchen, die nicht vollständig die irdische Lebenszeit durchlebt hat. Im Ganzen aber war das soziale Leben durch diese Atmosphäre ganz besonders bedeutungsvoll, dass man wusste: Wirst du so alt, kommst du in die Vierzigerjahre, dann erlebst du, dass du weißt, deine Seele gehört der geistigen Welt an. Nur beim vollen Tagwachen hindert dich dein Körper, das zu schauen. - Daher nannte man das die «finstere Welt», in der nur der Körper körperlich schaut; und das andere die «Lichtwelt», in der man war in solchen Ausnahmezuständen. Daher stammt die Lehre, die dann etwas vergröbert als Ormuzd- und Ahriman-Lehre, als die Lehre von Licht und Finsternis, unter die Menschheit kam.

Im Ganzen aber kann man sagen, dass in diesen zwei ältesten Zeiträumen, im ersten und im zweiten nachatlantischen Zeitraum, die Menschen noch die Geistigkeit der Natur um sich herum wirklich wahrnahmen. Luft war für sie nicht nur Luft. Ebenso wenig war damals die Luft für diese Menschen nur Luft, wie jetzt, wenn ich ein lebendiges Wesen in die Hand nehme, dies bloß Materie ist. Es ist durchlebte, durchseelte Materie. So war damals die Luft nicht bloß Luft, die Feuerflamme nicht bloß Feuerflamme und Wasser nicht bloß Wasser. Sondern die Menschen wussten, in all diesen Elementen lebt Geistiges. Daher waren sie in einer gewissen Weise abhängig von der Luft, die sie eingenommen mit der Atmung, abhängig von dem Wasser, das sie aufgenommen und das in dem Menschen lebt aus der Umgebung, abhängig von der Wärme der Umgebung. Was wissen heute die Menschen von diesen Elementen, in denen wir drinnen leben? Sie wissen zur Not: Nun ja, jetzt ist der Luftstrom in mir, dann ist er draußen.

Dass die Luft mal drinnen, mal draußen ist, das gibt dem Menschen heute noch einen Gedanken über seine Abhängigkeit von der Welt der Elemente, aber es ist ein Fühlen einer rein physischen Abhängigkeit. Das mit der Luft und mit der Wärme Geistiges in mich eindringt, das wissen die Menschen heute nicht mehr, und die Bedeutung davon, die wissen sie noch weniger. Dass zum Beispiel dasjenige, was man Volksseele nennt, in diesen Elementen lebt, das war den Menschen der ersten und der zweiten Kulturperiode noch im Wesentlichen etwas, was sie als Wahrnehmung erfuhren; was ihnen so sicher war wie irgendetwas, was wir heute physisch-sinnlich wahrnehmen. Was weiß zum Beispiel heute der Franzose davon, wenn er Wein seines Landes trinkt, wenn er Wasser trinkt, dass in diesem Elemente seine Volksseele steckt. So wahr, als die Seele unseres individuellen Menschen sich kundgibt durch unser Fleisch und Blut, so wahr gibt sich kund im französischen Wein und Wasser, also in demjenigen, was verknüpft ist mit dem Landeselement, die Volksseele. Das ist der Körper der Volksseele. Ebenso lebt in alledem, was die Luft ist und was die Luft durchsetzt, die italienische Volksseele. Die russische Volksseele, sie lebt in alledem, was als Wärme in die Erde, in den Boden strömt und vom Boden wiederum aufströmt. Darin lebt die russische Volksseele, in der Wärme, aber nicht in der Wärme unmittelbar, sondern in der von der Erde aufgenommenen und wieder zurückströmenden Wärme. Und so können wir hinweisen auf jedes einzelne Volk. Manche gestatten es nur nicht, weil sie uns dann beschimpfen und sagen: Wir überheben uns über sie. Aber das sind eben Wahrheiten. Die Wahrheiten, die aus der Geisteswissenschaft herausgeholt werden, sind nicht immer bequem, aber sie sind diejenigen Wahrheiten, die man kennen muss, wenn man heute in der Wirklichkeit stehen will.

Dasjenige, was so in den Elementen lebt, in den ersten nachatlantischen Zeiträumen kannte man es; die Menschen verspürten es. Aber das ging weiter zurück in der Zeit, als die Menschen im dritten nachatlantischen Kulturzeitraum, in der ägyptisch-chaldäischen Epoche, nur diese Empfindungsseele benutzen konnten. Da blieben die Menschen nur entwicklungsfähig im Anfang bis zum 42. Lebensjahr, dann bis zum 41., 40., 39. und so weiter bis zum 35. Lebensjahr zurück. Dann traten sie in die Periode der Unentwicklungsfähigkeit ein. Da blieben sie nur entwicklungsfähig, wenn sie durch die Mysterien aufnahmen das geistige Leben. Immer weniger kam es von selber. Immer weniger vereinigte sich das geistige Leben mit dem Menschen von selber. Damit war auch verbunden, dass die Menschen nicht mehr fühlten ihre Zusammengehörigkeit mit dem, was als Elemente lebte auf den bestimmten Strecken der Erde. Dass über den indischen Boden nicht dasselbe von oben geht wie über den persischen Boden oder gar den griechischen Boden, das war in der ersten Zeit nach der atlantischen Katastrophe den Menschen so klar, wie wir heute wissen, dass die Nase nicht anstelle des Ohres und das Ohr nicht anstelle der Nase sitzen kann. Was als indische Kultur sich entwickelte, es musste gerade an dieser Stelle der Erde herausquillen. Was als griechische Kultur sich entwickelte, es konnte nur an einer bestimmten Stelle der Erde herausquillen. Das gab der ganzen Erde eine Physiognomie. Aber es war nicht jene Diskrepanz drinnen, die heute im Erleben drinnen ist. Denn denken Sie, was die Menschen heute wissen davon, wie sie mit ihrem Stück Erde in geistigem Zusammenhang stehen! Was wissen sie davon? Sie denken auch nicht nach darüber, warum die Nase an der Stelle ist, wo sie ist, und warum das Ohr an seiner Stelle ist. Und so können wir es erleben, dass sich über die wichtigsten Dinge heute die Menschen keine Vorstellung machen.

Ausgewandert sind viele Menschen der weißen Rasse nach Amerika. Dass sie in Amerika ganz andere Menschen werden als im alten Europa, das macht man sich heute nicht klar. Und wiederum machen sie sich nicht klar, dass sie im östlichen Amerika andere Menschen sind als im westlichen Amerika. Im östlichen Amerika wird der Blick ganz anders werden, die menschlichen Hände werden viel größer als in Europa! Die Gesichtsfarbe wird eine andere. Das stellt sich heraus. Die Menschen ähneln sich an in gewisser Weise der alten Bevölkerung Amerikas. Das ist in Kalifornien nicht der Fall, wohl aber ist es im Osten der Fall.

Die Wirklichkeit ist da, aber man lebt nicht in dieser Wirklichkeit. Man lebt in abstrakten Begriffen. Das war gerade der Unterschied der Zeitalter, wo die Menschen entwicklungsfähig geblieben sind bis ins hohe Alter hinein, dass sie sich abhängig gefühlt haben von dem, wozu sie gehörten; dass sie es auch noch geistig gefühlt haben.

Sie sehen, die Menschheit wird immer jünger. Der ältere Mensch wächst in ein gewisses Lebensalter hinein, und die Menschheit wird jünger.

Nun kommen wir zum vierten Kulturzeitraum, zur griechisch-lateinischen Epoche. Ja, da bleibt die Menschheit nur noch entwicklungsfähig bis zum 35. Lebensjahr, am Beginn. Der griechisch-lateinische Kulturzeitraum beginnt im Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha und endet im Jahre 1413 nach dem Mysterium von Golgatha. In der ersten Zeit ist die Menschheit entwicklungsfähig bis ins 35. Jahr, dann bis ins 34. Jahr, ins 33., 32., 31. Jahr. Als das Jahr 1413 herankam, war sie nur noch entwicklungsfähig bis ins 29. Lebensjahr. Weiter hinaus konnten die Menschen nur dadurch entwicklungsfähig bleiben, dass sie in ihrer Seele selbst anfachen das spirituelle Leben. Es kommt nichts mehr von selber zu den Menschen; das ist das Wichtige.

Aber immerhin, in dieser vierten Kulturperiode waren die Menschen noch entwicklungsfähig bis zu der Zeit, wo der Mensch im 35. Lebensjahr die Höhe seines Lebens erreicht. Während des Aufstieges waren sie entwicklungsfähig. 35 ist ja die Mitte des Lebens, dann beginnt der Abstieg. Daher fühlte der Grieche noch im eminentesten Maße: In allem, was körperlich lebt, lebt die Seele. Der Grieche konnte sich zum Beispiel nicht denken, dass man geht, ohne dass die Seele die Beine bewegt; dass man die Hände, die Arme bewegt, ohne dass die Seele das tut.

Nur: Er konnte die Seele nur als im Zusammenhang mit dem Leibe erleben - nicht mehr wie in alten Zeiten, wenn es vom 35. Lebensjahr an abwärts ging, dass die Seele selbsttätig in der geistigen Welt drinnen erlebt wurde. Daher trat etwas Eigentümliches ein bei denjenigen, die nicht in die Mysterien eingeweiht waren. Bei diesen war es natürlich anders; die in die Mysterien eingeweiht waren, sie lernten dort kennen, wie die Seele in der geistigen Welt lebt, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Aber diejenigen, die nicht in die Mysterien eingeweiht waren, sie konnten in Griechenland sehr weise werden, wie Aristoteles sehr weise war. Aber aus dem, was für den Menschen ohne Mysterienweisheit durch bloßes Menschenwissen zu erreichen war, konnten sie nicht etwas anderes erreichen als ein Wissen davon, wie die Seele den Körper durchseelt. Aber sie konnten nicht erfahren, dass die Seele ohne den Körper lebt nach dem Tode. Daher ist die Unsterblichkeit für Aristoteles so, dass er etwa sagt: Wenn ich dem Menschen einen Arm abschneide, so ist er kein vollständiger Mensch mehr; wenn ich ihm zwei abschneide, noch weniger; wenn ich ihm gar den ganzen Körper nehme, dann ist er erst recht kein vollständiger Mensch mehr. Aristoteles hält also fest von seiner Weisheit aus an der Unsterblichkeit, aber derjenige Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, ist ein unvollständiger Mensch. Für den Griechen ist der vollständige Mensch derjenige, der aus Leib und Seele besteht. Das selbstständige Leben der Seele im Geisterlande, das konnte nur durch die Mysterien erreicht werden.

Aristoteles, der nur ein höchster Weiser war, der allerdings auf der höchsten Stufe der geschichtlichen Weisheit stand, betrachtete den gestorbenen Menschen als einen unvollständigen Menschen, weil ihm der Leib fehlt, der zu dem vollständigen Menschen dazugehört

Sehen Sie, unter solchen Verhältnissen kam heran die Zeit, in welcher eigentlich in der gradlinigen Entwicklung der alten Menschheit große Veränderungen eingetreten waren, die allein möglich machten jene eigentümliche Menschenverfassung, die wir dann im griechisch-lateinischen Zeitalter im Römertum finden. Dieses Römertum, es ist ja ganz anders als das Griechentum. Das Griechentum war wirklich so, dass es im eminentesten Sinne miterlebte, was aus der Menschheit geworden war, dass es im eminentesten Sinne erlebte das 35., 34., 33. Lebensjahr. Die Griechen erlebten das so, wie ich es geschildert habe. Die Römer, die wollten das nicht so erleben. Die Römer waren entweder bestrebt, Macht zu gewinnen. Sie haben ihre Macht über die ganze ihnen damals bekannte Erde ausgedehnt. Oder sie waren bestrebt, diese Macht dazu zu benutzen, wenn sie es konnten, über das Seelische auf eine leichte Art Aufklärung zu gewinnen. Daher kam es, dass, als das Römertum von dem Cäsarentum beherrscht worden ist, jener Missbrauch der Mysterien getrieben worden ist, durch den die römischen Cäsaren sich die Initiation erzwungen haben. Der erste Cäsar war schon ein Eingeweihter. Er konnte sich als mächtiger Mann natürlich die Initiation erzwingen. Was in früheren Zeiten geheim gehalten worden war, es wurde erzwungen von den römischen Cäsaren. «Caligula» - das Wort würde bei uns etwa heißen «Soldatenstiefelchen», «Kommiss-Stiefelchen» — er war initiiert in die Mysterien. Und es ist keine Fabel, wenn uns erzählt wird, dass Caligula konnte in der Nacht mit den Geistern des Mondendaseins Zwiesprache halten. Er konnte es, weil er sich in die Mysterien hat initiieren lassen.

Und Nero war ein Eingeweihter. Und was wussten solche Leute wie der Caligula, der Nero aus der Initiation? Was wussten sie? Sie wussten: Die Entwicklung der Menschheit ist jetzt so geworden, dass sie auf einer Stufe angekommen ist, da das physische Erleben nicht mehr den Geist hergibt. So weit wussten die römischen Cäsaren und ihre Freunde, die Eingeweihten, die Geheimnisse des Daseins, dass nicht mehr hergibt das physische Erdendasein die Geheimnisse des Geistes. Nero, der den nötigen Wahnsinn hinzufügte zur Initiation, er fasste daher den Entschluss: Da die Welt ohnedies das Geistige nicht mehr hergibt, soll die ganze Welt untergehen. So wurde der Brand von Rom entfacht, von dem aus die ganze bekannte Welt untergehen sollte. Er wollte den Weltenbrand entfachen! Denn er war überzeugt: Die Menschen waren so weit heruntergekommen, weil die Menschen eben nur bis in Dreißigerjahre hinein entwicklungsfähig blieben, dass sie nicht wert waren, weiter zu bestehen. Er wollte überführen das ganze Leben der Seelen in das Geistige, aber er wollte es auf seine Art dazu überführen: durch die Zerstörung des Irdischen.

Nun, es tritt ein anderes ein. Wir haben gesehen, die Menschheit geht zurück in Bezug auf das Erleben des Geistigen. Bis zum 56. Jahr dauerte dieses Miterleben in der ersten nachatlantischen Kulturepoche. Dann dauerte es bis zum 55. Jahr, zum 54., 53. und so weiter. Immer jünger wurde die Menschheit als Ganzes. Und als das Menschengeschlecht in der vierten nachatlantischen Kulturepoche nur noch 35, dann 34, dann 33 Jahre alt geworden war, als die Entwicklungsfähigkeit bis zum 33. Lebensjahr zurückgegangen war, da trat das in der Geschichte ein, dass in dem Leibe des Jesus von Nazareth der Christus bis zum 33. Jahr der von oben her nach dem 33. Jahr zurücklebenden Menschheit entgegenlebte. Sodass das 33. Lebensjahr des Christus Jesus, wo er durch den Tod ging, zusammenfällt mit dem rückläufigen Lebensalter der Menschheit. Denken Sie, was das bedeutet! Der Christus Jesus ist entgegengewachsen der immer jünger werdenden Menschheit, der Menschheit, die zuerst 56 Jahr alt wurde in der urindischen Epoche, dann 55 Jahre alt wurde und so weiter rückwärts. Als sie nun heruntergegangen war bis zum 33. Jahr, da entwickelte sich in dem Leibe des Jesus von Nazareth der Christus, um 33 Jahre hier auf der Erde zu leben, und dann der Menschheit dasjenige zu bringen, was wir die Aufnahme des Christus-Impulses in das Erdendasein genannt haben, dasjenige zu bringen, was die Menschheit nicht mehr erlangen konnte. Für Aristoteles war der gestorbene Mensch schon ein unvollkommener Mensch. Dadurch, dass das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, konnte man wiederum die Unsterblichkeit begreifen, konnte wiederum Impulse in sich aufnehmen, um des Menschen Zusammenhang mit der geistigen Welt zu erkennen. Als die Entwicklung der Menschheit bis zum 33. Jahr zurückgegangen war, da wäre die Menschheit verfallen, ohne das Mysterium von Golgatha, der Unwissenheit über die geistige Welt, wenn nicht der 33 Jahre jung gewordenen Menschheit der 33 Jahre alt gewordene Christus Jesus entgegengelebt hätte und sich ergossen hätte über die Menschheit.

Das ist eine tiefbedeutsame Wahrheit, die uns die Geisteswissenschaft enthüllt über den Zusammenhang des Mysteriums von Golgatha mit der ganzen Lebensentwicklung der Menschheit auf der Erde. Und es gehört wirklich zu den erschütterndsten Wahrheiten, die aus der Geisteswissenschaft uns kommen können, wenn wir einen solchen kolossalen Zusammenhang fühlen des Jüngerwerdens der Menschheit bis zum 33. Jahr, des Entgegenwachsens des Christus Jesus dieser Menschheit, des Zusammentreffens. Es ist erwas von dem Allergrößten, was im Erdendasein an Erkenntnis von den Menschen errungen werden kann. Sie können daraus sehen, wie kurzsichtig, wie stumpfsinnig die Menschen sind, die heute behaupten, Geisteswissenschaft tue dem Christentum einen Abbruch; während sie gerade in der allerentschiedensten Weise stützt dadurch, dass sie es vertieft, dass sie solch Großes, Gewaltiges aus den geschichtlichen Wahrheiten zu machen weiß und immer mehr und mehr machen wird. Die antichristlichen Menschen sind wahrhaftig nicht die Geisteswissenschafter, sondern diejenigen, die in den positiven Konfessionen drinnen stehen wollen, und die die wirklichen Erkenntnisse, die die Menschheit heute braucht über das Christentum, dadurch ausschließen. Das ist das Furchtbare, dass wir heute Menschen am Werke sehen, die sich dieser oder jener Konfession als fromme Leute zugesellen, zuzählen, und die eigentlich das Christentum mit den Worten des Christus selber bekämpfen, indem sie nicht aufkommen lassen dasjenige, was in dem Christusworte liegt:

Ich bin bei Euch bis an das Ende der Erdenzeiten.

Aber nicht aus dem Grunde, damit sich die Menschen auf das Faulbett legen können und sagen können: Wir wollen nicht mehr streben, der Christus macht uns schon selig. Sondern deshalb ist der Christus Jesus auf der Erde, damit wir ihn in unsere Seelen aufnehmen und unsere Erkenntnis immer weiter und weiter fortentwickeln, immer mehr und mehr entwickeln können.

Aber sehen Sie, dass wir jetzt in einer Krisis leben im fünften nachatlantischen Zeitraum, das werden Sie aus dem, was ich auseinandergesetzt habe, wohl fühlen. Denn das Menschengeschlecht geht ja zurück, ist bis zum Jahre 1413 zurückgegangen bis ins 29. Lebensjahr, dann ins 28. Und jetzt leben wir in dem Zeitalter, wo die Menschen von selbst nur entwicklungsfähig bleiben bis ins 27. Lebensjahr. Dann muss der Mensch, wenn er entwicklungsfähig bleiben will, in sich aufnehmen einen selbstständigen Seelenimpuls; durch das Studium der Geisteswissenschaft ‚oder dergleichen muss er einen selbstständigen Seelenimpuls aufnehmen, sonst bleibt heute der Mensch, der nur dasjenige in sich aufnehmen will, was die Menschheitsentwicklung von selbst hergibt, immer 27 Jahre alt - und wenn er hundert Jahre alt würde.

Das, meine lieben Freunde, ist etwas, was uns so vieles verständlich macht in der gegenwärtigen Zeit, wo wir von so vielen Rätseln umgeben sind. Diese Rätsel, wir können sie nicht lösen, soweit wir sie lösen müs sen, mit denjenigen Begriffen und Vorstellungen, die heute die Menschheit hat, die nichts von Geisteswissenschaft weil können die Rätsel, die heute uns umgeben, nur dann sich uns auflösen, wenn wir einen größeren Horizont des Daseins überblicken, wenn wir eben in dieser Weise erkennen lernen: Die Menschheit ist zurückgekommen bis zum 27. Lebensjahr. Und heute ist es wirklich so, dass wir Menschen sich hineinstellen sehen ins Leben, die mit ihren Ideen das Leben beherrschen wollen, die aber nicht hineingreifen ins Leben, weil sie eine selbstständige Geistesentwicklung nicht aufnehmen wollen, sondern beim 27. Jahr stehen bleiben. Da haben die Ideale etwas noch nicht von Wirklichkeit Durchdrungenes. Da haben die Ideale etwas, was noch nicht eingreift in die Wirklichkeit. Ach, die Leute können heute so schwer, so unendlich schwer fassen den Unterschied zwischen wirklichkeitsverwandten Ideen und Idealen und bloßen wohlklingenden Idealen, bei denen man sich, wenn ich es trivial ausdrücken darf, vor geistig-seelischer Wollust die Finger ablecken kann. Aber sie sind nicht fähig, in die Wirklichkeit einzugreifen.

Auf dem Gebiete der Weltbetrachtung wollen ja die Menschen sich nicht bekennen zu wirklichkeitsverwandten Ideen. Sie betrachten eine Uhr, das ist ein Wirkliches, es ist ein Gegenstand, der ist da. Schön. Das ist er. Sie betrachten auch eine Blume, die sie vor sich hinstellen, ebenso als einen wirklichen Gegenstand wie die Uhr. Das ist sie aber nicht. Die Uhr ist etwas Abgeschlossenes, die kann in sich bestehen, wie sie besteht. Die Blume, ich muss sie abschneiden, es muss eine Wurzel dabei sein. Wenn keine Wurzel vorhanden ist, ist sie keine Wirklichkeit. Bilde ich mir die Vorstellung der Blume ohne Wurzel, so habe ich einen unwirklichen Gedanken. Das wird die Menschheit erst wieder lernen müssen, dass ein Gedanke nicht bloß logisch zu sein hat, sondern dass er wirklich zu sein hat. Heute hat die Menschheit es verlernt, weil sie nicht über das 27. Jahr hinaus sich entwickelt; weil die Menschen stehen bleiben bei den bloß schön klingenden Worten. Was nützt es, meine lieben Freunde, wenn einer deklamiert: Wir treten ein durch die großen Prüfungen dieses Krieges in ein Zeitalter, wo die Menschen anders denken und empfinden werden, wo jeder Mensch an seinen richtigen Platz gestellt werden muss, wo die Tüchtigkeit anerkannt werden muss am richtigen Platz für jeden Menschen. - Schöne Worten man kann nichts dagegen einwenden. Ein richtiges Wort - aber muss es [dann] auch ein Wirklichkeitswort sein? Wenn der Betreffende dann überzeugt ist davon, dass just sein Neffe der Tüchtigste für einen Platz ist, dann hilft die ganze Tirade, die ganze Phrase von «dem Tüchtigsten am rechten Platze» nichts.

Wenn die Menschen nur begreifen wollten den Unterschied zwischen wirklichkeitsverwandten Idealen und demjenigen, was abstrakte Ideale sind! Es ist noch nicht so schlimm, verhältnismäßig, wenn wir eine Blume für etwas Wirkliches halten. Aber schlimm ist es, wenn wir wirklichkeitsfremde Begriffe in das soziale Leben, in das Staatsleben umgießen, hineinfügen wollen. Dadurch ist es gekommen, dass wir die unwirklichsten Begriffe haben in der Wissenschaft. Denn das, was heute als Nationalökonomie verzapft wird, und insbesondere was als Staatswissenschaft verzapft wird, das ist nicht nur keine Wissenschaft, sondern das ist ein ganz unwirkliches Gerede; weil die Menschen gar nicht wissen, wie sie sich wirkliche Begriffe über Staatszusammenhänge bilden sollen.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Da ist ein Mensch, der eigentlich ein ausgezeichneter Mensch ist, der sogar meinen Bestrebungen wohlwollend gegenübersteht, der Schwede Kjellén, der jetzt das Buch hat erscheinen lassen «Der Staat als Lebensform». Studieren Sie dieses Buch vom Anfang bis zum Ende. Man kann sagen: Würde heute jemand selbst auf naturwissenschaftlichem Gebiet mit ähnlichen dilettantischen, mit ähnlichen abstrakten Begriffen irgendetwas aufbauen wollen, wie Kjellén den Staat als Lebensform, so würde man ihn einfach auslachen. Würde jemand über eine botanische Frage so reden, wie Kjellén heute über den Staat als Lebensform redet, es wäre so lächerlich, dass selbst derjenige, der nur Volksschulbildung hat, lachen würde. So unwirklich sind die Begriffe. Aber das merkt man heute nicht. Kommt es doch in dem Buch vor: Der einzelne Mensch verhält sich zum Staate wie die Zelle zum menschlichen Organismus. — Der einzelne Mensch ist also die Zelle. Ja, meine lieben Freunde, das ist das Lächerlichste, was man sich denken kann gegenüber der Wirklichkeit.

Wenn etwas verglichen werden kann, so kann es nur die ganze Entwicklung der Erde sein, und nur die einzelnen Taten können mit der Erde verglichen werden. Der Vergleich wäre zulässig. Wer aber den einzelnen Menschen als Zelle gegenüber dem Staate als Organismus betrachtet — das ist bloße Rederei.

Sehen Sie, das ist dasjenige, was heute so wenig verstanden wird, dieses Verwachsensein mit der Wirklichkeit, das da kommen muss durch innere seelische Entwicklung. Daher leben wir heute in einer Zeit, die so unendlich prüfungsreich für den Menschen ist. Der Mensch muss diese Krisis durchmachen, diese Wirklichkeitsfremdheit, aber man muss diese zu verstehen lernen.

Um nicht ein nahes Beispiel zu nennen, was den Zuhörern gegenüber nicht ganz leicht ist, nehmen wir ein ferneres Beispiel. Ich kann dieses Beispiel wählen, weil ich diese Persönlichkeit schon lange Zeit vor dem Kriege charakterisiert habe, sodass man nicht glauben muss, dass der Chauvinismus, den der Krieg erzeugt hat, diese Charakteristik hervorruft. Ich habe nach einem charakteristischen Menschen gesucht, der so recht nicht älter wird als 27 Jahre. Ja, aber weil dieser Mensch an wichtigster Stelle, man kann heute sogar sagen an allererster Stelle steht, hängt sehr viel davon ab, ob die Ideen eines Siebenundzwanzigjährigen sich über die Welt ergießen oder diejenigen eines Menschen, der eine spirituelle Weiterentwicklung durchgemacht hat. Heute muss man durch spirituelle Entwicklung hineinwachsen.

Eine charakteristische Persönlichkeit, die, wenn sie auch 100 Jahre alt würde, nicht älter als 27 ist, ist Woodrow Wilson, der Präsident der Nordamerikanischen Staaten. Das ist so richtig eine charakteristische Persönlichkeit. Und, man möchte sagen, das Kreuz der Gegenwart, der unmittelbaren Gegenwart, hängt daran. Daher jene berauschenden Ideen, die dieser Mann in seinen Kundgebungen durch die Welt sender, die alle so fremd der Wirklichkeit sind - so fremde, dass er eine Friedensproklamation durch die Welt schickt und in wenig Wochen darauf in seinem eigenen Lande den Krieg hat. So wenig in die Wirklichkeit eingreifend ist dasjenige, was der Mann zu sagen vermag. Seine Ideen sind schön: Freiheit allen Völkern, und so weiter. Die Ideen sind schön als solche. Es finden sich in Deutschland hervorragende Schriftsteller, welche diese Ideen tief nennen. Aber es kommt nicht darauf an, dass einem Ideen gefallen. Es kommt nicht darauf an, dass man gewissermaßen bei Ideen seelische Wollust verspürt, sondern darauf, dass Ideen fähig sind, die Wirklichkeit zu tragen, in die Wirklichkeit unterzutauchen. Wenn aber einmal die Menschen, die heute nicht älter als 27 werden, an wirklichkeitserfüllte Ideen herankommen, dann halten sie die gerade für unwirklich.

So, meine lieben Freunde, ist es beim Menschen der Gegenwart, dass er gewissermaßen sich selber aus der Wirklichkeit herausstellt. Da in der Wirklichkeit auch der Geist darinnen ist, so stellt man sich einfach, man möchte sagen automatisch aus der Wirklichkeit heraus, wenn man sich aus dem Geiste herausstellt. Man kann sich aber, wenn man nur bis zum 27. Jahr entwicklungsfähig bleibt, nicht in die Wirklichkeit hineinstellen.

Nun, damit hängt denn auch zusammen, was wir in unserer Zeit als ein so bedrückendes Rätsel empfinden. Die Menschen entfernen sich von der Wirklichkeit. Dadurch verlieren sie auch im hohen Grade den Tarsachensinn, den Sinn, einfach die Tatsachen richtig aufzufassen. Denn in einer ungeheuren Weise nimmt ab dieser Tatsachensinn. Und diese Dinge hängen zusammen mit demjenigen, was wir als so furchtbare, erderschütternde Ereignisse empfinden. Aber es war schwierig, bevor diese jetzige Zeit eingetreten ist, über diese Dinge auch nur zu sprechen. Lesen Sie, was gesagt ist über die soziale Entwicklung der Menschheit in dem Zyklus, der in Wien gehalten worden ist über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wo selbst von einer Krebskrankheit in sozialer Beziehung die Rede ist. Man hat diese Dinge nicht mit vollem Ernst und mit voller Wichtigkeit genommen. Erinnern Sie sich an eine Antwort, die oftmals gegeben worden ist. Selbst bei öffentlichen Vorträgen haben die Leute immer wiederum gefragt: Wie stimmt zusammen die Zunahme der Erdenbevölkerung mit den wiederholten Erdenleben? Ich habe die verschiedenen Gründe angegeben, die dafürsprechen, dass die Dinge ganz gut miteinander vereinbar sind. Ich habe aber niemals vergessen - sie werden sich dessen erinnern — hinzuzufügen: Aber es kann die Zeit sehr bald kommen, wo sich die Menschen auf eine schreckenerregende Weise überzeugen werden, dass die Menschheit auch abnehmen kann. Natürlich konnte man nicht direkt von dem schweren Unglück reden, das der Menschheit bevorstand. Aber das hängt schon zusammen, meine lieben Freunde, mit dieser Entfernung von der Wirklichkeit. Und wenn wir heute dieser schweren Zeit gegenüberstehen, wir müssten uns schon klar werden darüber, dass es vor allen Dingen darauf ankommt, sie in wirklichem Wachen, in echtem Wachen zu durchleben.

Sie erinnern sich, ich habe in früheren Zeiten bis 1914 mannigfaltige Menschen genannt, unter anderem auch Herman Grimm, der am Anfang des 20. Jahrhunderts gestorben ist. Gewiss, wenn wir jetzt in der geistigen Welt die Seele eines solchen Menschen verfolgen, sie stellt sich in einer gewissen Weise zu den bedeutsamen Ereignissen der Gegenwart. Aber man kann auch daneben den Gedanken haben, sich zu fragen, wie denn ein solcher Geist, wie Herman Grimm, der große bedeutungsvolle Dinge ausgesprochen hat, der in ganz eindringlicher Weise gesprochen hat vom Standpunkte des neunzehnten Jahrhunderts aus, wie man über die Weltereignisse denken kann. Sehen Sie, Herman Grimm hat zum Beispiel das schöne Wort noch in den letzten Zeiten seines Lebens geprägt: Rechnungsabschluss der Menschheit steht bevor.» Aber wie hat er sich diesen Rechnungsabschluss gedacht? Er deutet es an in seinen gesammelten Aufsätzen, «Fragmente» heißen sie, in dem Bande, den er noch selbst herausgegeben hat. Ein Rechnungsabschluss der Zeit steht bevor, Größen - sagt er —, die heute die Geschichte als Größen anführt, werden in die Nullität verschwinden; andere, die heute die Menschheit wenig berücksichtigt, werden herausgestellt werden. Und wenn das Jahr 2000 gekommen sein wird, wird man von einer ganz anderen Geschichte sprechen.

Und noch ähnliche, andere tiefgründige Dinge hat Herman Grimm viele ausgesprochen. Sodass man fragen kann: Er hatte nicht Geisteswissenschaft, lehnte sie auch ab, aber man konnte sich immer einbilden: Er steht neben einem als Geist des neunzehnten Jahrhunderts. Aber, seit 1914 kann ich nicht mehr denken, dass er neben mir steht, wenn ich ihn erwähne. Seit dem Sommer 1914 erscheint er so, wie wenn er Jahrhunderte vorher gelebt hätte und fremd geworden wäre dem, was er auf Erden geliebt hat in dem letzten Erdenleben; wie eine mythische Persönlichkeit steht er da. Denn wir haben wirklich in diesen drei Jahren mehr durchlebt als sonst in Jahrzehnten, wenn wir wach durchlebt haben, was in diesen Jahren sich zusammengedrängt hat. Und das, was vorhergegangen ist, es erscheint einem, man möchte sagen, so fremd geworden wie dasjenige, was man aus der Geschichte von verflossenen Jahrhunderten aufgenommen hat; sogar diejenigen Persönlichkeiten, mit denen man gelebt hat, mit denen man Worte und Gedanken getauscht hat. Und man möchte, dass tatsächlich ein Erwachen der Menschheit käme. Aber dieses Erwachen kann nur dadurch geschehen, dass Geisteswissenschaft viel tiefer in die Menschenseele dringe. Sie sehen ja: Geisteswissenschaft kommt nicht als etwas Willkürliches. Weil die Menschheit heruntergegangen ist im Lebensalter, weil sie nur 27 Jahre von selbst alt wird, muss dasjenige, was die Menschen entwicklungsfähig macht, von innen kommen. Die Seele muss unabhängig vom Leibe entwicklungsfähig gemacht werden. Das kann aber nur auf spirituelle Weise gemacht werden. Diejenigen, die nichts vom Spirituellen wissen wollen, bleiben immer 27 Jahre alt, und wenn sie hundertjährig würden. Daher möchte man heute wirklich beleben können dasjenige, was man zu sagen hat, was notwendig ist zum Aufwachen der Menschheit; man möchte es beleben können in anderer Weise als durch Worte; denn die Worte haben selber schon etwas von Abstraktheit angenommen. Was waren die Worte konkret in früheren Zeiten! Die Menschen, wenn sie «Zweifel» sagten, sie fühlten, dass da das «zw», «zwei» drinnen lag; dass sich gewissermaßen die Vorstellung in zwei spaltete; sie fühlten noch den Zusammenhang zwischen «Zwei», «Zwie», «Zwiespalt», «zwar». Das alles ist abstrakt geworden; die Menschen haben sich von der Wirklichkeit selbst in der Sprache abgewender. Oder wer fühlt denn heute in tiefer liegendem Sinne eine Wirklichkeit durch die Sprache hindurch pulsieren? Wir sagen heute «Mensch». Dann schlagen wir das Wörterbuch auf und finden im Lateinischen «homo», auch Mensch, und wir glauben, es sei dasselbe. Wir finden, wenn wir das griechische Wörterbuch aufschlagen, das Wort «Anthropos», Mensch; wir glauben, das sei dasselbe. Wir sind «lexikalisch» geworden, das heißt unwirklich in solchen Dingen. «Mensch» aber ist urverwandt mit «Manas», mit dem Sanskrit-Wort «Manas». Das heißt aber: das «Geistselbst» im Menschen. Und derjenige, der das Wort «Mensch» gebraucht als Wort für dasjenige, was auf zwei Beinen geht und auftritt, was Hände hat und denkt und so weiter, der dieses Wort «Mensch» gebraucht, das die Umarbeitung des orientalischen Wortes «Manas» ist, der sieht auf das Geistige im Menschen und bezeichnet den Menschen vor allen Dingen als Geist. Derjenige, der wie der Grieche «Anthropos» sagt, der bezeichnet das «Aus-den-Augen-Sprechen des Seelischen». Der «Augenglänzende» heißt «Anthropos», das Seelische, das aus den Augen, aus dem Antlitz spricht. Da sehen wir schon. Dass das etwas anderes ist, als wenn wir das Wort brauchen «homo» oder das französische Wort «homme». Da weist das Französische auf seine Abstammung hin.

Also Sie sehen, wie die Menschen aus ihren Völkern heraus den Menschen selber bezeichnen, das gibt in der Sprache besondere Nuancen der Wirklichkeit. Wer hat heute davon ein Gefühl? Geht dieses Gefühl nicht verloren, wenn wir das Lexikon aufschlagen und das eine für das andere lesen? Wir haben nicht einmal mehr das Gefühl dafür. Wenn wir zum Beispiel sagen «ziemlich gut», so meinen wir heute damit «beinahe» oder «fast» gut. Während das Wort «ziemlich» mit «es ziemt sich», «geziemt», «ziemt» zusammenhängt. Sodass man eigentlich das Wort nur gebrauchen kann, wenn man andeuten will: Es ist gänzlich gut, gefällig gut, geziemend gut; also so gut, wie es sich geziemt.

Aber wir fühlen, wie selbst bis in die Worte hinein sich erstreckt der unwirkliche Sinn der Gegenwart. Man möchte eben etwas anderes haben als Worte heute, weil die Worte selber schon unwirklich geworden sind, wenn man sprechen will durch das, was als Geisteswissenschaft wiederum in die Menschheit kommen will, dass wieder verwandt werde mit der Wirklichkeit die Menschenseele.

Es ist daher nicht zu verwundern, wenn leider auch auf unserem Gebiete sich dasjenige zeigt, wovon wir soeben gesprochen haben. Ein Freund, der über diese 27-Jährigheit der Menschheit von mir gehört hatte, ein Freund, der drinnen steht im politischen Kampfe unserer Tage, er sagte mir: Ja, das ist ein Lichtblick, der mir endlich vieles beleuchtet, was jetzt um uns herum vergeht. - Man möchte, dass die Menschen mit diesem Lichtblick dasjenige, was draußen in der Wirklichkeit so rätselhaft lebt, zu begreifen versuchten. Man kann dann nicht sich wundern darüber, dass auch innerhalb unseres kleinen Ausschnittes der Wirklichkeit dasjenige vorkommt, was wir eben jetzt sehen.

Ich weiß sehr wohl, meine lieben Freunde, in dieser Gesellschaft finden sich immer wieder und wiederum Menschen, die nicht wollen, weil sie das als etwas Gewöhnliches ansehen, dass von solchen Dingen gesprochen wird; sie möchten sich vornehm zurückziehen, weil sie, wie sie sagen, den Frieden fördern wollen. Aber das hat es endlich dazu gebracht, dass in unserer Gesellschaft die Gesinnung entstanden ist, dass eigentlich derjenige ein schlechter Kerl ist, der bei uns angegriffen wird, und dass man möglichst viel Mitleid haben müsse mit denjenigen, die da attackieren, die angreifen.

Aber das kann nur zu Unheil führen; wie es sich bis heute recht, recht schr gezeigt hat. Daher muss ich schon einige Dinge — weil von Maßregeln gesprochen werden muss, die zu treffen nötig sind —, ich muss schon einige Dinge hier anführen, die wahrhaftig nicht «persönliche» Dinge sind. Denn man sucht dadurch, dass man die Dinge ins Persönliche hineinzutreiben versucht, die Geisteswissenschaft, die schon unbequem wird, aus der Welt zu schaffen; man weiß, dass das mit einer anständigen Polemik nicht möglich wäre. Man versucht etwas anderes, und ich muss schon sagen: Unsere Mitglieder müssen schon die Augen darauf hinlenken, und sie müssen wissen, wie eigentlich diese Gesellschaft hat begründet werden müssen, damit Dinge möglich sind, die eigentlich nur hier möglich sind, die draußen nicht möglich wären. Es wird schon auch noch kommen, aber heute sind sie noch nicht in dem Maße möglich.

Nehmen wir an, ich habe den Fall oftmals besprochen, aber er hätte viel öfter besprochen werden müssen, es hätte nicht in vornehmer Weise darüber geschwiegen werden sollen. Da erleben wir es, dass ein Mann durch Mitglieder hereingeschoben wird in die Gesellschaft. Er kommt zu den Vorträgen, er nimmt an allem Teil, er verschafft sich alles Lesbare, schreibt auch alles ab, was er nur irgend bekommen kann von anderen Mitgliedern aus privaten Nachschriften und so weiter.

Sie können sagen: Warum wird ein solcher Mensch aufgenommen? Ja, sehen Sie, das ist eine Zwickmühle. Man kann nicht wegen etwas, was ein Mensch einmal tun wird in der Zukunft, zu ihm sagen: Du bist ein Schweinehund - verzeihen Sie - und deshalb nehme ich dich nicht auf! Wenn man auch durchaus weiß, der Mann sollte nicht aufgenommen werden - er muss aufgenommen werden. - Nun, dieser Mann geht also, nachdem er sich alles verschafft hatte, was er hatte bekommen können, er geht nach Amerika. Vorher gelobt er noch feierlichst, dass er sich anständig benehmen werde. Er werde ein Buch herausgeben, er bespricht noch den Titel, weil der Titel so schwer zu übersetzen ist; ich habe ihm selbst noch die Anleitung gegeben, zu sagen «world conception». Es ist eigentlich kein Wort, das die Engländer goutieren, aber [Lücke in der Mitschrift] ...

Nun, er ging hinüber. Er schrieb in sein Buch alles hinein, was er hier gehört hatte, aber er schrieb auch alles hinein, was er so von privaten Nachschriften und Aufzeichnungen bekommen hatte, was noch nicht veröffentlicht ist. Aber er machte das so: Er schrieb eine Vorrede zu der ersten Auflage, in der sagt er: Er hätte hier von Steiner vieles gehört, aber das brachte ihm nicht den letzten Abschluss. Diesen Abschluss brachte ihm, dass er hingerufen wurde zu einem Meister in den transsilvanischen Alpen; der gab ihm den letzten Schliff, die letzte Wahrheit.

Und nun sehen Sie: Was er als den letzten Schliff, als die letzte Wahrheit in den Alpen bei einem Meister bekommen hatte: Es sind die Dinge, die er hier abgeschrieben hatte aus den nicht veröffentlichten Vorträgen. Nun können Sie sagen: Das ist amerikanisch! Schön. Man sagt sich: So etwas kann passieren, wenn man amerikanisches Wesen kennt. Das ist aber nicht alles. Sondern hier in Deutschland fand sich eine Buchhandlung,

ein Buchverlag, der das Buch übersetzen ließ, und eine Übersetzerin fand sich, die das ganze Buch übersetzte. Sodass wir die Schandtat erleben, dass Dinge nach Amerika gewandert sind und wieder herübergebracht worden sind, dass der Verlag von Hugo Vollrath das Buch in deutscher Sprache drucken lässt, und dass dazu gesagt wird: Ja, die Dinge hätten erst aus der unreinen Luft in eine reinere Luft gebracht werden müssen, die der andere abgeschrieben hatte, der den transsilvanischen Meister erlogen hat.

Sehen Sie, damit so etwas möglich wird im literarischen Leben, dazu musste diese Gesellschaft gegründet werden, denn würde etwas Derartiges draußen gemacht, so würde man sofort das richtige Urteil haben über eine solche Schandtat, über solche Schmach, die außerdem angetan wird dem Publikationswesen. Ich habe das sogar öfter erwähnt, es ist nichts weiter geschehen, als dass diese «Unterrichtsbriefe» — als solche gibt er ja das Buch heraus -, überall weiterverkauft werden. Das war eine Schandtat im Großen. Aber die Dinge vollziehen sich so. Wir haben keine Möglichkeit, einzugreifen, wenn nicht Urteilsfähigkeit eintritt, wenn nicht das eintritt, dass die Mitglieder nicht jeden, der ein wenig verdreht ist, als einen «tiefen Eingeweihten» ansehen; wenn sie nicht jeden, der schimpft über alles Mögliche, als ein Opfer ansehen, sondern wenn die Mitglieder sich ein Urteil verschaffen.

Denn wir erleben ja in der schlimmsten Weise, wie die Menschen sich von der Wirklichkeit entfernen. Da erscheint eine Zeitschrift, «Der unsichtbare Tempel»! Ja, das ist sehr schön, da muss man schon etwas tief Mystisches finden: «Der unsichtbare Tempel»! Es ist eine Zeitschrift von einer Vereinigung, die ungeheuer «bedeutend» ist.

In einem der Hefte dieser Zeitschrift steht drin: Die Philosophen - so werde auch ich genannt — behaupteten, nur sie selbst hätten die Weisheit; alle anderen hätten nur eine Schein- und Afterweisheit. «So zu lesen bei Haeckel und bei Doktor Steiner.»

Nun frage ich Sie: Wo steht das von mir Gesagte, nur bei mir sei die Weisheit zu finden, alle anderen hätten nur eine Schein- und Afterweisheit? Oder, wo steht auch nur etwas Ähnliches? Ja, lässt man sich heute darauf ein, solche Dinge beim rechten Namen zu nennen, ganz gleichgültig ob der Tiradenmacher Horneffer seine Zeitschrift «Unsichtbarer Tempel» oder anders nennt? Man lasse sich doch nicht beirren dadurch, dass ein mystisches Wortgepränge auf dem Titel steht, sondern man nenne Lüge Lüge - denn es ist eine solche. Man gehe wirklich auf die Wahrheit hin, denn es kommt darauf an, dass die Wahrheit gesucht werde, dass wir Tatsachensinn entwickeln, nicht mystische Phantastereien, sondern Wahrheitssinn. Denn mit dem Wahrheitssinn müssen wir auch in die geistige Welt hineingehen; auf andere Weise werden wir sie nicht finden.

Sehen Sie, da schreibt einmal ein Mann aus einer mitteldeutschen Stadt an Frau Doktor Steiner, er sei jetzt an einem Wendepunkt seines seelischen Lebens angekommen und er wisse nicht, was er tun solle. Solle er [in ein Geschäft einheiraten] oder solle er sich der Theosophie widmen? Wie begreiflich, sagte ihm Frau Doktor Steiner, dass das nicht ihre Aufgabe sei, ihm zur Einheirat zu verhelfen und so weiter. Dann trat er nach einiger Zeit auf in der damaligen Theosophischen Gesellschaft. Diejenigen, die damals bei der Generalversammlung waren, konnten hören, wie er, ohne eine Spur von Rezitationstalent und Rezitationsfähigkeiten Schillers «Kassandra» über die unglückselige Zuhörerschaft ergoss. Dann beschloss er, ein Maler - ja, nicht zu werden, sondern ein Maler zu sein. Wir haben wirklich alles Mögliche getan, um ihm in München Gelegenheit zu verschaffen zum Lernen. Er wollte aber nichts lernen, er wollte Maler sein, nicht Maler werden. Wir konnten ihn allerdings nicht von heute auf morgen zum Maler erklären. Erklären hätten wir ihn ja können, aber nicht machen zum Maler. Da war er denn so enttäuscht, dass er jetzt alles Mögliche törichte Zeug schrieb, zum Beispiel dass er durch Übungen blaue Flecke bekommen habe und so weiter. Kurz, ein Mensch, der mit solchen Fragen sich einem nähert, ob er in [ein Geschäft] einheiraten solle, der so sich benimmt, wie es dieser Mann getan hat, den sollte man mit richtigen Augen anschauen, darauf kommt es an.

Und dann hatten wir ein Mitglied, einen Mann, den viele als ein treues Mitglied gekannt haben, der sogar in Artikeln für die anthroposophisch-orientierte Geisteswissenschaft eintrat. Er wollte eines Tages eine Schrift erscheinen lassen in unserem Verlag: «Wer war Christus?» Bis dahin war er ein Anhänger, der zwar schimpfte da und dort, besonders wenn er wusste, dass das nicht direkt zu unseren Ohren kommen konnte — aber das tun ja manche. Aber sehen Sie, diese Schrift ist ja nur eine kleinliche Ausgabe desjenigen, was die Heindel’sche Schrift ist. Grasshoff nannte sich in Amerika Heindel, hier war er Grasshoff und schrieb ab. In Amerika veröffentlichte er dasjenige, was er hier abgeschrieben hatte, als Heindel, als Sendling des Meisters in den transsilvanischen Alpen. Das ist in Siebenbürgen. Man wies ja immer da auf solche Gegenden hin, wo Schlösser sind, nach denen man gewöhnlich nicht hinfährt, weil nicht einmal Kleinbahnen hingehen, nicht wahr, da wo die Berge ein Dreieck bilden.

Allerdings, mir sagte einmal ein Mann aus Budapest: Misses Besant hat uns gewiesen zu einem Meister, der tief in Ungarn lebt in einem gewissen Schloss. Wir sind hingefahren und haben ein Schloss gefunden, aber nichts, was an einen Meister erinnert. Wir haben gefunden das Schloss gehört dem Fiskus von Ungarn. Es war alles falsch, was Misses Besant sagte, aber: «Man muss ihr doch glauben!»

Nun ja, also sehen Sie, in der Schrift «Wer war Christus?», die der Betreffende veröffentlichen wollte, da standen Dinge drinnen, die einfach so waren, dass die im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag nicht veröffentlich werden konnten, denn sie waren zum Teil auch aus Zyklen entlehnt; aber namentlich war es eine gewisse Dreistigkeit - wenigstens einen solchen Eindruck machte es auf Frau Doktor Steiner — dass er sagte: Doktor Steiner hat ja Andeutungen gemacht, aber diese Andeutungen müssen jetzt weiter ausgeführt werden. Nun, nicht wahr, das konnte nicht gerade der Verwalterin des Verlages passen, dass der Betreffende die Ausführungen brachte, die nicht nur aus Zyklen und Vorträgen stammten, die nicht veröffentlicht sind. Es ist bis zu einem gewissen Grade ein Heindel’scher Fall wiederum. Aber aus diesem Mitgliede nun wurde -ein Feind! Ein richtiger Feind.

Meinetwegen sollen die Leute über «Widersprüche» schreiben. [Lücke in der Mitschrft] Nun. «Mystik» zum Beispiel ist nicht dasselbe für alle Menschen. Wenn man der an zwei Stellen über Mystik redet, muss man sie bei diesem so, bei jenem so charakterisieren; da kann jeder Widersprüche finden. Aber mit solchen «Widersprüchen» lockt man keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Daher würde Seiling keinen Eindruck gemacht haben - denn so heißt er, der früher als treuer Anhänger angesehen wurde. Hier ist doch sehr verräterisch, dass der Mann einfach zum Feind wird, nachdem seine Schrift zurückgewiesen wurde. Dass da kein kausaler Zusammenhang besteht, wird keiner behaupten wollen. Über Widersprüche zu reden - sachliche Artikel - kann niemals der Geisteswissenschaft schaden, auch wenn solche Artikel unverständlich und töricht sind.

Oder die Dessoirs und andere. Ich unterscheide streng zwischen demjenigen, was sachlich möglich ist, auch wenn es ablehnend ist, und demjenigen, was unanständig, unmöglich ist.

Sehen Sie, der gute, liebe Deinhard, der in der letzten Woche gestorben ist, er ist einer derjenigen, der am meisten getan hat für dasjenige, was ich anthroposophisch-orientierte Geisteswissenschaft nenne, und er hat sich schwer hinzugefunden, aus Gegnerschaft hinzugefunden zu uns. Und man muss ihn für einen der verdienstvollsten Menschen halten auf unserem Gebiete. Wie ich angefangen habe, am Anfang des Jahrhunderts auch nach München zu gehen, um Vorträge zu halten, erschien die Anzeige: unter dem Einfluss Deinhards die Anzeige «Der Commis voyageur für Theosophie aus Berlin ist wieder da». Das betrachtete ich nicht als etwas Schlimmes, sondern als etwas durchaus Mögliches. Es kann einer in derben Worten sein Urteil, seine Ansicht aussprechen, dass es sich mir darum handle, auf meinen Reisen Theosophie zu verzapfen. Gegen ein solches Urteil ist nichts einzuwenden.

Oder wenn Meyrink im «Simplizissmus» einen Artikel schrieb, in dem er den «Doktor Schmuser» - oder so etwas — beschreibt, womit er mich meint und diejenigen, die mit mir befreundet sind, so ist das außerordentlich amüsant, aber das schadet nichts. Aber um so etwas handelt es sich ja bei Seiling nicht. Er schrieb zunächst einen Artikel mit den törichten Auseinandersetzungen über die Widersprüche, indem er sie verbrämt mit dem, was ich gesagt hätte in jener Zusammenkunft. Da erzählt er dann aber immer objektive Unwahrheiten. So habe ich nie gesagt, dass ich mich beleidigt gefühlt hätte durch die Stelle mit den Widersprüchen, sondern ich habe ihm erzählt, dass Frau Doktor darüber ungehalten gewesen wäre. Es kam darauf an, dass eben Eitelkeit im Spiel war [Lücke in der Mitschrift] Also er frisiert sich das sehr schön zurecht.

Oder er ging in raffinierter Weise weiter zu dem, dass er «zur Abwehr» einen Artikel schrieb, darin spricht er von dem Harmlosesten, was es gibt — denn es hat nichts Harmloseres gegeben als unsere Verheiratung; aber andere Frauen haben Skandal gemacht. Wie verwendet er diesen Skandal, den andere gemacht haben? Indem er seine Sätze raffiniert so einfädelt, dass er sagt: Unsere Verheiratung habe zu einem unerhörten Skandal geführt. Aber dazu war sie gar nicht angetan; denn sie ging niemand etwas an. Aber andere haben Skandal gemacht. Das ist Verunglimpfungs-Sucht! Verunglimpfungs-Sucht bis in die Gemeinheit hineingetrieben, die man sich kaum mehr gesteigert denken kann.

Und als diese Dinge jetzt in München besprochen worden sind, wurde gesagt: Der schlimmste Fall, der Fall Goesch werde erst kommen. Dieser Goesch, der Händedrücke und andere Lächerlichkeiten zusammengebraut hat, dessen ganze Angriffe bestehen aus nichts als einem Sammelsurium von Lächerlichkeiten und Gehässigkeiten. Aber es gibt Redakteure, die eine solche Sache drucken. Die Dinge werden sich steigern, denn die Menschen sehen heute, wenn sie sexuell, bewusst sexuell erregt sind, sie sehen das in andere hinein. Das ist ein Geheimnis unserer Zeit. Daher konnte es vorkommen, dass sich fand ein Mitglied - sie war längere Zeit Mitglied — die eigentlich immer abgewiesen werden musste, der niemals im Ernste Übungen gegeben worden sind, mit der ich seit 1911 nicht gesprochen habe, außer [Lücke in der Mitschrift] einer Auskunft über ihre Mutter -, dass diese einen vor allen Dingen auch Frau Doktor Steiner verunglimpfenden Artikel schrieb von einem solchen Blödsinn, einer solchen Gehässigkeit und Unsinnigkeit, dass so etwas noch nicht da war. Diese Persönlichkeit ist in der Lage, zu schreiben: Doktor Steiner hat vom Lazarus-Wunder gesprochen, wo der Mensch umgewandelt wird. Dieses Wunder wollte er offenbar mit mir ausführen. Deshalb schickt er, als ich in einer Heilanstalt war, Schokolade zur Verdickung meines Blutes und so weiter und so weiter.

Also dieses Schokoladeschicken, das ist eine besonders magische Verrichtung. Und denken Sie: Eine solche Persönlichkeit findet Papier und Druckerschwärze zu ihrer Verfügung und der Redakteur macht noch die Anmerkung dazu

[Das sind ja Tollheiten, die einen gesunden Menschen fürs Irrenhaus reif machen können! - Red.]

Also, wäre Frau Doktor in einen Obstladen gegangen, so hätte sie wohl Apfelsinen mitgenommen; stattdessen ging sie in eine Konditorei und kaufte Schokolade — weil sie das Lazarus-Wunder in meinem Auftrage ausführen sollte! - Ja, es ist nicht zu sagen. Da findet sich zum Beispiel einmal die Anmerkung, Frau Doktor Steiner hätte Bildwerke oder dergleichen geschickt der betreffenden Persönlichkeit. Da wäre ich von hinten hinzugetreten und hätte magische Verrichtungen gemacht.

Das Ganze bezieht sich darauf, dass einmal Gruppenfotos aus Norwegen kamen. Die betreffende Persönlichkeit brachte etwas, was sie abgeben wollte. Ich hatte das Bild noch nicht gesehen und guckte Frau Doktor über die Achsel. Das war das Ganze. Das wird zu magischen Operationen gestempelt.

Das rührt aber davon her, dass solche Geschwätze in gewissen Koterien aufgekommen und besonders großgezogen worden sind. Daher muss ein solches Urteil über derartige Sachen schon einmal angeregt werden. Und so bin ich denn genötigt, davon zu sprechen, weil solche Dinge in der Gesellschaft eingetreten sind, weil zum Beispiel solch ein Mensch wie Seiling die Dreistigkeit hat, zu sagen: In meinen Zyklen ständen Fehler, aber die wären von mir nicht durchgesehen, weil ich angeblich keine Zeit hätte; ich würde aber Zeit haben, wenn ich nicht so viel Zeit zu Privatgesprächen mit den Mitgliedern verwendete! - Dabei war gerade Seiling einer von denjenigen, die immer wieder und wiederum Privatgespräche gesucht haben, allerdings, als er sich noch als Freund und Bekenner und Anhänger fühlte. Er weiß es also besser, als er so etwas sagte. Er kennt die Dinge. Das ist das /Lücke in der Mitschrift].

Nun, derjenige, der heute besonders esoterisch zu sprechen hat vor einer Anzahl von Menschen, er weiß, weil er Dinge auszusprechen hat, die zusammenhängen mit der [Lücke in der Mitschrift]

Dinge heute wiederum sprechen, die den Menschen ergreifen sollen, das kann die Menschheit nicht ertragen. Daher weiß derjenige, der über solche Dinge zu sprechen hat vor 120 Menschen, dass unter diesen 120 Menschen 70 mögliche Feinde sind; aber solche, die es werden können. Bei 120 Zuhörern 70 mögliche Feinde! Es handelt sich nur darum, ob diese Feinde dann anständig oder unanständig sein werden. Alles in allem ist es heute eine Notwendigkeit, und es wird mir so schwer, wie es denjenigen schwer sein kann, die davon betroffen sein werden, es wird mir schwer, aber es müssen zwei Maßregeln getroffen werden. Zwei Maßregeln. Und man wird die Unwahrheit sagen, wenn man die eine ohne die andere nennen wird.

Die erste ist, dass alle Privatgespräche von jetzt an unterbleiben müssen. Denn das, was aus diesen Privatgesprächen gemacht worden ist, von «Seiling und Co.» zum Beispiel und auch von anderen - das ist dasjenige, was geeignet ist, in den Händen unlauterer Redakteure zu Verleumdungen zu führen, die es viel zu unbequem finden, Geisteswissenschaft direkt anzugreifen - dann müssten sie sie ja studieren. Daher greifen sie sie an durch Hineinziehen in Skandale, Verunglimpfungen und so weiter, bis zu dem letzten Artikel, der so töricht ist, davon zu reden, Frau Doktor Steiner hätte jener Persönlichkeit Übungen gegeben. Als die Persönlichkeit zur Rede gestellt worden ist: Wie komme Sie dazu, zu sagen, es wären Ihnen Übungen gegeben worden? — Da sagte sie: Ja, Frau Doktor Steiner hat in einer Eurythmiestunde Formen gezeigt; für die anderen Menschen hätten die Zeilen das bedeutet, was in den Buchstaben und Zeilen steht, für sie aber seien es Anweisungen gewesen zu Übungen, die Frau Doktor Steiner ihr in meinem Auftrag gegeben habe.

Nun Frau Doktor Steiner hatte nichts anderes getan, als Gedichte rezitiert. Es ist überhaupt nichts dazu gesagt worden. Da wird aber dann behauptet: Und wenn Frau Dr. Steiner nicht die Übungen gemeint hat, so ist sie eben das unwillkürliche Medium von Dr. Steiner. Also, es ist eine Notwendigkeit, dass die Privatgespräche zunächst einmal vollständig unterbleiben. Ich werde dafür sorgen — Sie müssen nur eine Weile Geduld haben -, dass ein Ersatz dafür geschaffen wird. Aber Privatgespräche können nicht mehr bestehen, wenn solche Dinge daraus gemacht werden. Sie müssen in der nächsten Zeit aufhören. Nicht um des Inhaltes der Verleumdungen willen - ich habe oftmals gesagt, dass solche Dinge kommen müssen —, sondern damit man endlich sieht, wie ernst die Dinge sind. Man darf nicht sagen, wie es in München geschehen ist: Wegen der paar Leute müssen wir nun alle leiden! - Da wende man sich an die paar Leute, man findet sie, man wird sie finden, und wird auch die richtigen Wege finden, sie zu finden - [man wende sich] nicht an die, die unter dem Zwang einer eisernen Notwendigkeit solche Maßregeln ergreifen müssen.

Das Zweite ist, dass ich jeden autorisiere, alles zu erzählen, soweit er es will, was in Privatgesprächen mit mir gesprochen worden ist. Dasjenige, was von mir mit irgendeinem Mitglied gesprochen wurde, hat niemals das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen. [Lücke in der Mitschrift] nicht für objektive Unwahrheit gehalten wird, wie Seiling [Lücke in der Mitschrift] aber man wird sie dann nachweisen, wenn eine solche Maßregel getroffen wird: Ausnahmslos jeder kann der Wahrheit gemäß erzählen, was in Privatgesprächen mit mir behandelt worden ist.

Diese zwei Maßregeln gehören zusammen. Es ist traurig, dass diese Maßregeln getroffen werden müssen, aber, wie gesagt, gerade diejenigen, die ernst streben, sie werden begreifen, dass diese Maßregeln gut sind in der heutigen Zeit, wo man in Skandale, in Verleumdungen getrieben werden soll.

Diese Maßregeln, meine lieben Freunde, sie müssen notwendig getroffen werden. Diese Dinge, sie hängen auch zusammen mit der Krisis, durch die die Menschheit geht. Auch hier muss Erkenntnis uns weiterführen. Und sie wird uns weiterführen.

Die Menschheit ist ungeheuer frivol geworden. Lassen Sie mich Ihnen zum Schluss noch vorlesen einen Satz von einem Menschen, der auch den Geist gesucht hat, der ihn gesucht hat auf dem Wege durch den Katholizismus: [von] Barres, [von] Maurice Barres.

[Es ist vergebliche Mühe, das Jenseits zu suchen. Es existiert vielleicht nicht einmal! Und wie wir’s auch anpacken, wir können nichts davon erfahren. Überlassen wir jedweden Okkultismus den Erleuchteten und den Gauklern; welche Form der Mystizismus auch annehmen mag, er widerspricht der Vernunft. Aber geben wir uns dennoch der Kirche hin erstens, weil sie untrennbar verbunden ist mit der Tradition Frankreichs. Und dann, weil sie mit der Autorität der Jahrhunderte und großer praktischer Erfahrung die Regeln jener Ethik formuliert, die man die Völker und die Kinder lehren muss. Und endlich, weil sie, weit davon entfernt, uns dem Mystizismus auszuliefern, uns direkt gegen ihn verteidigt, die Stimmen der geheimnisvollen Haine zum Schweigen bringt, die Evangelien auslegt und den großmütigen Anarchismus des Heilands den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft opfert.»]

Da ist die Kirche, begeben wir uns hinein, trotzdem wir sagen: Das Jenseits existiert vielleicht nicht einmal! Denken Sie sich den Zynismus! Das ist die Gesinnung, wie sie Maurice Barrös, so recht ein charakteristischer Mensch der Gegenwart, geäußert hat; wie man den Geist sucht im Katholizismus. Er hat gar kein Bedürfnis, katholisch zu werden, aber: Der Katholizismus hat sich herbeigelassen, die Evangelien so auszulegen, dass [Lücke in der Mitschrift], wo der Heiland nur so genommen wird, wie er der modernen Menschheit passt.

Die Menschheit muss durch diese Prüfung hindurchgehen. Aber wir müssen wissen, dass die Erkenntnis vom Geiste aus den Impulsen des Geistes zu suchen ist. Machen wir uns damit bekannt, dann werden wir den Weg finden, der heute für die Menschheit zu suchen ist.

German original of Disciplining the Disciples of Humanity · ← Previous · Next →