The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 12 May 1918, Leipzig

28. Vom Sinn des Lebens

Wenn man eine geisteswissenschaftliche Entwicklung durchmacht, lernt man das geistige Leben kennen. Aber da ist es immer|, dieses geistige Leben]. Da ist sie immer, diese geistige Welt. Für den gewöhnlichen Menschensinn ist sie viel zu fein geartet und ungewohnt gegenüber der äußeren Welt, und der Mensch kann über das Gewohnte nicht hinaus.

Diese geistige Welt ist das Gebiet, in dem der Mensch lebt zwischen dem Tod und der neuen Geburt. Mit solchen Seelen, mit denen man gar keine Verbindung hier im Leben hatte, können keine Beziehungen angeknüpft werden nach dem Tode von hier aus. Das moralische und das intellektuelle Leben findet drüben seine Fortsetzung. Im gewöhnlichen Leben kann man keine so starke Fähigkeit erreichen, um Beziehungen zu jenem Gebiet zu bekommen.

Hier, in der physischen Welt, hört man das, was ein anderer sagt. Will die entkörperte Seele mit einer anderen, hiesigen, in Verbindung treten, so ist es gerade umgekehrt. Die entkörperte Seele sagt uns dasjenige, was wir sie fragen. Das, was aus uns kommt, sagt uns der Tote, was aus dem "Toten kommt, ertönt in uns. Gesagt ist dies sehr leicht, es zu erfüllen ist so schwierig, weil man für gewöhnlich übersieht, dass die Mitteilungen aus uns kommen, die wir vermeinen von dort zu erhalten. Es sind die Augenblicke des Einschlafens und des Aufwachens diejenigen, die am günstigsten sind für den gewöhnlichen Verkehr zwischen dieser Welt und der geistigen. Der geistig entwickelte Mensch kann natürlich auch andere [Augenblicke] benutzen.

Will man mit einer [verstorbenen] Seele zusammenkommen im Moment des Einschlafens, dann ist es gut, vorher das, was man für den Toten empfindet, in eine Frage an den Toten zusammenzufassen, genauso, wie man es getan hätte, als er noch lebte, möglichst genauso, wie man es im Leben gewohnt war. Dies kann nachwirken im Traum. Das kann zu Täuschungen führen; nicht der Tote spricht dann, sondern das, was man am Tage gedacht, gefühlt, gewünscht hat in Beziehung zum Toten. Das kommt uns zurück von dem Toten im Traum. Richtig ist es im Augenblick des Aufwachens, da kommt von dem Toten etwas in die eigene Seele und das taucht im Laufe des Tages wieder auf. Während des Schlafes taucht das auf, was wir am Tage von dem Toten gedacht haben; während des Lebens des Tages taucht auf, was von den Toten uns zugekommen ist während des Einschlafens und Aufwachens.

Geisteswissenschaft tut ja nichts anderes, als das ins Geistesauge zu fassen, was in der geistigen Welt ist. Viel mehr spielt aus der geistigen Welt — auch aus der, in welcher die Toten sind -, etwas hinein in unsere Welt, als wir wissen.

Man berücksichtigt lange nicht genug, was sich ändert in den verschiedenen Perioden. Es lebt das in uns, was wir während des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt durchlebt haben. In das ererbte Körperliche webt sich hinein das, was wir aus der geistigen Welt mitbringen - in das Blut, das Nervensystem, in die Muskeln und so weiter. Die Seele, die da einzieht mit der Geburt, ist weise. Wir sind eigentlich ungeheuer weise; verzaubert tragen wir dieses Weise in uns. Und das müssen wir erlösen, was da als ein Weiser in Blut-, Nerven-, Muskel- und Atmungssystem in uns pulsiert. Welche Seelenstimmung ist dazu die geeignetste? Die, welche den Menschen in den letzten Jahrhunderten verloren gegangen ist: der Glaube an das Leben. Mit einer Lässigkeit in Bezug auf das religiöse Leben hängt das zusammen.

Wir glauben jetzt eigentlich nur an unser Jugendleben bis in die Zwanzigerjahre hinein; nur bis dahin können wir etwas aus der Entwicklung des Leibes herausholen - etwa bis zum siebenundzwanzigsten Jahre. Im griechischen Zeitalter konnte man das noch bis zum dreißigsten Jahre, und so weiter.

Aber wir müssen das Körperlich-Leibliche, das nichts mehr hergibt, durch das Geistig-Seelische ersetzen. Wir müssen lernen, an das ganze Leben zu glauben. [Will] ich mit vierzig Jahren auch etwas anderes erleben können als mit dreißig, so muss ich mich durchdringen mit dem Sinn, der uns immer Neues zu erleben fähig macht. Nicht wie heute freilich, wo die Zwanzigjährigen schon sagen: «Von meinem Standpunkt aus.» Wie kann man mit zwanzig Jahren, einen Standpunkt haben? Der Mensch muss sich selbst Impulse geben. Heute ist es so, dass der Mensch auf dem 27. Jahre stehen bleibt, er lebt nicht weiter. Das wäre ein Mensch, der ganz charakteristisch drinnen steht in unserer Zeit, ein self-made-man, nicht ein Gymnasiast, der nimmt schon Traditionen auf, nicht nur das,

was aus der Zeit heraus kommt. Aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen, begabt mit aktivem Intellekt, mit siebenundzwanzig Jahren ins Parlament gewählt, dadurch engagiert fürs Leben: Das ist Lloyd George, ein echter Repräsentant unserer Zeit.

Wir müssen wieder den Glauben an den Sinn des ganzen Lebens finden. Die verschiedenen Glieder des Menschen haben sozusagen verschiedene Schnelligkeit. Was im Kopf und was im Rumpf veranlagt ist, hat verschiedene Entwicklungsgeschwindigkeit. Die Haupt-Organisation entwickelt sich verhältnismäßig schnell, mit den Zwanzigerjahren ist sie abgeschlossen. Der Herzorganismus — so wollen wir ihn nennen - entwickelt sich während des ganzen Lebens. Unser Erziehungsleben und unser soziales Leben dienen eigentlich nur unserer Kopfentwicklung. Unser Kopf würde bereit sein, zu sterben im 27. Jahre. Das hat aber seine geistige Seite. Wenn der Mensch nur für die Kopfbildung sorgte, dann würde die Menschheit bald greisenhaft werden, auch körperlich. Es muss ein Erziehungsgrundsatz werden, dass die Erinnerung an die Jugend wie ein Paradies erscheint. Der im 27. Jahre zum Sterben bereite Kopf muss immer neue Kräfte ziehen können aus dem, was aus der Jugend herausstrahlt. Wer sich mit der Geisteswissenschaft beschäftigt, der weiß, dass er manches im 30., 40. Jahre nicht wissen kann, weil erst im 50. Jahre dies oder jenes in den Menschen hineinkommen kann. Wenn wir so den Sinn für das gesamte Leben uns aneignen, dann werden wir die [Lücke in der Mitschrift]

Der Sprung vom physischen ins geistige Leben bringt uns nicht zurück, sondern entwickelt uns schneller. Die Menschen von heute können viel mehr entzaubern von dem «Weisen», als es in einer früheren Zeit möglich war.

Nur dadurch, dass ich von dem Gesichtspunkt ausging, dass Goethe uns jetzt etwas ganz anderes sagen kann als 1832, dadurch, dass ich die Kraft fand, mit dem Goethe von 1882 zu leben, habe ich das leisten können, was man Goetheforschung nennt, was ich getan habe.

Man muss das Alter hinaufsetzen, im Sozialen höher als siebenundzwanzig, wo die Menschen ins Parlament gewählt werden.

Die Toten sollte man mitsprechen lassen. Zum Beispiel Goethes «Wilhelm Meisters Wanderjahre», was da vom Sozialen gesagt ist, das wirken lassen auf die Seele für sozialwirkende Menschen. Wir können immer der Welt noch etwas geben, wenn wir gestorben sind —, fruchtbar werden lassen die Toten für die Lebenden. Dies ist zusammenzunehmen mit dem, was gesagt wurde am Anfang von der Beziehung zu den Toten.

«Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnütz führen», so auch sollst du nicht den Namen «Liebe» unnützlich führen -, dann wird Moral, Gott, wirklich in unsere Seele einziehen. Man muss nicht nur davon reden, sondern der Seele Heizmaterial geben. Dem Ofen predigen: Lieber Ofen, wärme dich, das nützt nichts. — Erst das Heizmaterial gibt die Wärme. Das Wissen von dem Geist ist Heizmaterial für diese Seele: Information, Kennenlernen, der reale Glaube an den Sinn des ganzen Lebens. Versuchen Sie, so zu glauben, dass jedes neue Jahr neue Lebensgeheimnisse der Seele geben kann, dann werden Sie am Leben erproben, was die Geisteswissenschaft sagt.

Dessoir: «Philosophie der Freiheit», ein «Erstlingswerk» Dr. Steiners; [in der zweiten Auflage] ein Erstlingswerk auf theosophischem Gebiet — erst recht verkehrt.

Es ist notwendig, zu entwickeln den Sinn für das Konkrete, Wahrheitssinn; Schmerz zu empfinden bei dem, was nicht wahr ist. Das volle Miterleben, das bildhafte Miterleben ist heute schr zurückgegangen, das will später in die Seelen hinein als im 28. Jahr.

Ein Redner sagte einmal, nachdem er viele Fragen aufgeworfen hatte: «Jetzt habe ich Ihnen einen Wald von Fragezeichen hingestellt.» Das muss man sich nur einmal vorstellen. Man muss aufpassen, dass man nicht ausrutscht im Reden.

Wie der Mensch in seinen Gedanken sich ausdrückt - das «Wie» der Gedanken -, aus der Art, wie der Mensch denkt, kann man ersehen, wie er im Leben darinnen steht. Ein Herman Grimm hat errungen, erkämpft, was er sagt. Ein Woodrow Wilson erscheint wie besessen von der Anschauungsweise, von Dämonen. Nicht auf den Inhalt dessen, was man sagt, kommt es heute so sehr an, sondern auf das «Wie», ob es identisch ist mit der Persönlichkeit oder ob diese besessen ist. Immer weniger wird es ankommen auf den Inhalt von Theorien heute, sondern auf das «Wie».

Den Sinn für das ganze Leben müssen wir erringen, fruchtbar machen für das ganze Leben, auch für das Leben nach dem Tode, und wie von dem Jenseits hier hereingewiesen wird. Heute wird das Leben sehr viel verschlafen trotz der katastrophalen Ereignisse draußen. Viele Menschen haben heute noch nicht gefunden, dass man seit dem August 1914 anders denken müsse.

Im Frühjahr 1914 hat Dr. Steiner gesagt, dass ein Krebsschaden da sei im sozialen Leben und so weiter. Dieses Krebsgeschwür brach ja bald auf. Man muss umdenken, umfühlen lernen.

Wenn die Physik und so weiter heute spricht von negativ und positiv und so weiter, so ist das ganz richtig, aber ebenso richtig ist das, was wir von Luzifer und Ahriman sagen. Aber Gleichgewicht muss sein zwischen beiden Polen. Das Luziferische lebt in der geistigen Welt wie hier, es lebt sich dar in den egoistischen Trieben. Damit hat man lange gerechnet in der sozialen Struktur: Orden, Titel und so weiter. Dem einseitigen Luziferischen hat man viel zuzuschreiben in unserer sozialen Struktur. Jetzt kommt das Ahrimanische mehr auf. Das Publikum ist dem, was gedruckt wird, ausgeliefert. Jetzt ist es so, dass man die soziale Struktur sozusagen ahrimanisch in die Hand nehmen will. Durch Begabten-Prüfungen will man herausfinden, schon beim Kinde, ob es intellektuell veranlagt ist. Nichts als ahrimanische Kräfte werden durch diese Prüfungen herausgefunden, nichts von der Seele selbst. Furchtbar wäre es vom sozialen Gesichtspunkt aus, wenn die Begabten-Prüfungen durchgingen. Das Kind ist ein Mysterium. Der Glaube an den Sinn des ganzen Lebens könnte auch in der Pädagogik richtig wirken, nicht das, was durch Begabten-Prüfungen und so weiter erreicht wird.

Dass nicht das, was in diesem vier Jahren geschehen ist, einschlafen werde, darauf hinweisen, das wollte ich gern am heutigen Abend.

German original of On the Meaning of Life · ← Previous · Next →