The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 26 May 1918, Vienna

29. Vom Sinn des Lebens

Meine lieben theosophischen Freunde!

Wir haben in den Jahren, in denen diese über die Menschheit hereingebrochene Katastrophe so viele von unseren Menschenbrüdern an schwere, verantwortungsvolle Posten ruft, uns stets bei den Zusammenkünften gewendet an die schützenden Geister der draußen im Felde stehenden Menschen:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dass, mit eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!

Meine lieben Freunde!

Wir haben uns längere Zeit hier in Wien nicht gesehen, allein diese, unsere schwere Gegenwart, diese Gegenwart, welche so vieles von dem notwendig macht, was eben nun wir erinnern müssen an manches vergangene Kräftesammeln für Gegenwart und Zukunft, diese Gegenwart bedingt eben so manches. Und wir müssen — wie heute so vieles hingenommen werden muss — eben auch das hinnehmen, dass wir uns weniger sehen können auf dem physischen Plan. Allein auf der anderen Seite wird ja gerade bei einer solchen Zusammenkunft es ganz besonders naheliegen, derjenigen Seelen uns zu erinnern, die uns ja seit Jahren in unserer geistigen Bewegung zusammenhalten. Einer der Hauptgedanken, einer der Hauptimpulse, die uns zusammenhalten, das ist doch der, dass wir durch die Geisteswissenschaft immer mehr und mehr zur Überzeugung kommen müssen, dasjenige, was der gesamten Menschheit helfen soll, helfen soll für den Ruck nach weiter, das muss ein geistiger Antrieb sein und je mehr wir in unserer Seele diesen Gedanken wirklich fühlen, empfinden, verstehen können, dass die Menschheit eine Durchwärmung, Durchleuchtung der Seele mit geistigen Einsichten braucht, desto mehr werden

wir die Möglichkeit finden, uns in fruchtbarer Weise hineinzustellen in die schweren Aufgaben, die heute eigentlich jedem Menschen gestellt sind, der nicht träumend, schlafend an den Ereignissen der Gegenwart vorbeigeht. Und deshalb wird es nach so langer Zeit des Nichtbeisammenseins vielleicht gerade heute gut sein, wenn wir in dieser Betrachtung anknüpfen an Gedanken, welche auf der einen Seite zusammenhängen mit der Gegenwart notwendigen Einsichten, die aber, trotzdem sie notwendig sind, in der allgemeinen Menschheit nicht da sind, und die auf der anderen Seite wieder geeignet sind, uns seelisch zu durchdringen, zu erstarken, zu durchkraften gerade für die Aufgabe, die wir haben in der Gegenwart für diese Gegenwart.

Besonders, meine lieben Freunde, wenn man [die Aufmerksamkeit] auf dasjenige, was wir jahrelang getrieben haben in der Geisteswissenschaft, wendet, so wird vor allen Dingen ein Hauptgedanke vor unserer Seele stehen bleiben. Der Gedanke: Wir müssen doch, wenn wir geisteswissenschaftlich erkennen wollen, manche Vorstellung, manchen Begriff, manches Gefühl, manchen Willensimpuls anders gestalten, als wir es bisher getan haben. [Wir müssen] vieles anders denken, und vielleicht liegt die Zeit nicht ganz fern, wo viel mehr Menschen als heute sehen werden: Auch noch etwas anderes lehrt über die Zeit anders denken, über die menschliche Entwicklung, die menschlichen Aufgaben, ganz anders denken. Und dieses andere ist die Katastrophe selber, die über die Menschheit, über die ganze Erdenmenschheit hereingebrochen ist und deren Zielpunkte vielleicht kaum durch irgendetwas anderes auch nur einigermaßen zu erfassen sind, als durch das Verstehen des geistigen Entwicklungsganges der Menschheit.

Gehen wir aber von scheinbar sehr entfernt liegenden Gedanken aus. Wir können fragen: Woher kommt es denn eigentlich, dass die Menschen, sowie sie gegenwärtig doch sind, in der Mehrheit sich eigentlich entweder ironisch, spottend oder sich ärgernd oder auf irgendeine andere Weise gegen das, was wir Geisteswissenschaft nennen, abgeneigt oder gegnerisch zeigen? Man kann sagen, das liegt vielfach darin, dass eben diese Geisteswissenschaft Anforderungen an die Menschen stellt, die zu erfüllen man sich erst aus einem kräftigen Entschluss seines Herzens heraus entschließen muss. Die geistige Welt, so sagt sich jeder, wie man sie durch Geisteswissenschaft allmählich verstehen lernt, sieht doch ganz anders aus als die Welt, die für unsere Sinne die geistige Welt eigentlich sein muss. Wir lernen erst dann, wenn wirkliche geistige Forschung uns nahebringt, wie grundverschieden die Ideen darüber sind; erst dann lernen wir verstehen, warum sich die Menschen so ablehnend verhalten gegenüber der Geisteswissenschaft.

Wir wollen denn von einem naheliegenden, oder ich könnte ebenso gut sagen: von einem ferneliegenden Gedanken ausgehen, an dem ich Ihnen zeigen möchte, warum die Menschheit gegen die Geisteswissenschaft so gar so viel zu sagen hat. Nehmen wir unter den verschiedenen geistigen Wesenheiten, um uns diesen Gedanken nahezubringen, zunächst diejenigen heraus, welche den meisten Menschen am allernächsten sind, nach welchen die meisten Menschen in stärkster Sehnsucht hineilen, nehmen wir die durch die Todespforte gegangenen Menschenseelen selbst heraus. Derjenige, der schauend in die geistige Welt eintritt, der ringt sich schon allmählich durch, obzwar dieses Durchringen gerade zu dem Schwierigstem im Gebiete des geistigen Anschauens gehört. Auch ist [es] eine gewisse Wechselbeziehung, die ihn zu den sogenannten verstorbenen Menschenseelen hinzieht. Allein gerade dann zeigt sich, dass, wenn man in diesen geistigen Verkehr mit den verstorbenen Menschenseelen tritt, man sich andere Begriffe angewöhnen muss als diejenigen sind, an die man von der Sinnenwelt her gewöhnt ist. Wenn wir hier in der Sinnenwelt einem anderen Menschen gegenüberstehen und mit ihm sprechen, so ist es so, dass, wenn wir etwas zu ihm sagen, dann wissen wir, dass dasjenige, was wir zu ihm sprechen als Laut aus unserer eigenen Seele kommt. Wir hören uns sprechen; und wenn er uns antwortet, hören wir ihn sprechen. Dasjenige, was er uns mitzuteilen hat, wissen wir als von ihm zu uns herübertönend.

Wir gewöhnen uns ganz selbstverständlich an einen solchen Verkehr [mit] der Außenwelt, und deshalb kann es uns nur ganz absonderlich, ganz paradox erscheinen, wenn der Geistesforscher gerade von dem Verkehr mit den Toten das absolute Gegenteil behauptet. Wenn er sagen muss, wenn er sich durchgerungen hat zu einem Verkehr mit den Verstorbenen zu kommen, wenn er die karmischen Fäden anknüpfen kann, die die Menschen verbinden auch über den Tod hinaus, dann muss man sich daran gewöhnen, [das], was einem der Tote mitzuteilen hat, [als ein] Herauftönen wahrzunehmen aus der eigenen Seele. Was von dem Toten herkommt, das klingt aus der eigenen Seele herauf, und was wir ihm mitzuteilen haben, was wir zu ihm zu sagen haben, das kleidet sich

so um, dass es ist, wie wenn wir es hören würden als von ihm zu uns gesprochen. Also man muss sich vollständig umgewöhnen, dass, wenn man einem Geistwesen gegenübersteht, wenn man die äußere Erfahrung, die man dabei macht, vergleicht mit den Erfahrungen der Sinneswelt, wenn jemand, der also Geist geworden ist, in jener wortlosen Sprache, die eben auf dem geistigen Plan gesprochen wird, zu uns spricht, dass, wenn er uns etwas mitteilt oder mitzuteilen scheint, dann müssen wir uns sagen: Das ist eben das, was du selbst zu ihm sagst. Hingegen wenn er uns wirklich etwas mitteilt, wenn etwas wirklich von ihm kommt, dann steigt es aus den Tiefen unserer eigenen Seele herauf.

Solche Dinge lassen sich einfach sagen, aber: Zu entwickeln diese Gewöhnung des Seelenlebens, dass man sich wirklich umkehrt in seinen ganzen Gewohnheiten, das ist schon einigermaßen schwierig. Nun werden sie schon daraus begreifen, dass der Mensch nicht so leicht diese Brücke überschreitet zu einer ganz anderen Art der Erfahrung, zu einer ganz anderen Art des Erlebens. [Sie werden begreifen,] dass er instinktiv, unbewusst sein Seelenleben zurückhält, welches, wenn er es nicht zurückhielte, zum Verkehr mit den sogenannten Toten kommen würde. Aber man müsste dann eben so verkehren, wie ich es ihnen sagte. Aber auf der anderen Seite kann man gar nicht sagen, dass die Menschen, die hier auf der Erde im physischen Leibe leben, dies nicht tun; sie tun es eigentlich fortwährend, nur sie verkennen die ganze Art dieses Verkehres. Das Einfachste, was ja für die meisten Menschen auf diesem Gebiet eintritt, ist, dass sie von Menschen, mit denen sie in Verbindung standen, träumen. Aber diese Träume, wenn sie auch zum Teil bloß subjektive Erlebnisse sind, können doch auch aus einem wirklichen Wechselverkehr mit den Toten hervorgehen.

Will man wirklich einen rechten Verkehr mit der geistigen Welt herstellen, dann ist es nötig, dass man zwei Erlebnisse im rechten Licht sieht. Zwei Erlebnisse, die der Mensch eigentlich im gewöhnlichen Leben gar nicht achtet. Und diese zwei Erlebnisse sind das Einschlafen und das Aufwachen. Die anderen beiden Zustände von den vier Bewusstseinszuständen, Schlafen und Wachen, die dauern, und der Mensch ist im Allgemeinen geneigt, was lange dauert, aufmerksam zu verfolgen, was aber rasch vorübergeht, wie das Aufwachen und Einschlafen, das ist der Mensch nicht gewöhnt, mit der gleichen Aufmerksamkeit zu verfolgen. Und in den Zeiten, in denen wir wachen, erleben wir zwar für das physische Leben Wichtiges, in der Zeit des eigentlichen Schlafens erleben wir Ausnahme des Träumens, was wir sehr schwer deuten können - nicht viel bewusst. Dagegen im Momente des Einschlafens und des Aufwachens erleben wir eigentlich viel, aber wir beachten es nicht, weil in dem Moment, wo wir aufwachen und einschlafen, wir am allerunaufmerksamsten sind. Der Augenblick des Aufwachens und des Einschlafens ist eben schon vorbei, wenn wir ihn anschauen, beachten wollen; daher kommt es uns so wenig zum Bewusstsein, wie unendlich wichtig, bedeutungsvoll diese zwei Punkte des Einschlafens und Aufwachens sind.

Wir wissen ja aus der Geisteswissenschaft, wenigstens theoretisch, was Einschlafen ist: ein Heraustreten aus dem physischen Leibe. Wir sind im gegenwärtigen Entwicklungszustand der Menschheit zu schwach, um in der Zeit zwischen Einschlafen und Aufwachen bewusst zu sein, und so kommt es denn, dass, wenn wir einschlafen, wir aus unserem bewussten Zustand in den unbewussten übergehen; so schnell entwickeln wir nicht eine Aufmerksamkeit, dass wir das Einschlafen selber beobachten würden; und ebenso ist es beim Aufwachen aus der geistigen Welt heraus. Die physische Welt mit ihren Licht-, Farben- und Toneindrücken überwältigt uns sogleich, auch körperliche Empfindungen überwältigen uns sogleich, und wir kommen nicht dazu, in einer geistigen Art den Moment des Aufwachens zu erfassen; unsere Aufmerksamkeit kann sich nicht so schnell entwickeln, und wenn sie sich einstellt, sind wir schon überwältigt von den äußeren Einflüssen, dann ist unser Bewusstsein nicht mehr gestimmt, das Subtilere aufzufassen. Der Geistesforscher muss gerade lernen, die Aufmerksamkeit zu entwickeln für diese zwei Augenblicke, für das Einschlafen und Aufwachen.

Nun ist ja von uns das Einschlafen ein Hineingehen in die geistige Welt. Wir sind, indem wir in die geistige Welt hineingehen, auf jenem Gebiet des Daseins, in dem die sogenannten Toten sind. Wir sind bei den Toten. In der Welt, in der wir dann sind, leben und weben sie. Aber wie gesagt, unser Bewusstsein ist im heutigen Menschheitszyklus zu schwach, um unsere Umgebung in diesem Zustande wahrzunehmen. Aber was nicht wahrgenommen wird, das ist doch nicht deshalb nicht da! Das ist doch um uns herum, wir können es nur nicht wahrnehmen. Wir sind also mit den sogenannten Toten zusammen, aber wir nehmen dieses Zusammensein zunächst nicht wahr. Zuweilen taucht es aber doch aus den Träumen herauf, und, wie gesagt, es können diese Träume — man muss dies immer wieder betonen -, es können diese Träume bloß durchaus subjektive Erlebnisse, Reminiszenzen sein. Es gibt also Träume, die - indem sie uns zeigen, [dass] der Tote uns dies oder jenes [sagt] - uns in ein wirkliches Wechselverhältnis, in einen wirklichen Verkehr mit dem Toten bringen. Aber man deutet in der Regel den Verkehr falsch. Man hat das Bild des Toten vor sich, der Tote sagt einem dies, man nimmt dies für einen Auftrag. Es ist nicht dieses. Wir haben ja vielleicht — es ist gut, wenn wir das haben, dies am vorhergehenden Tage, bevor wir eingeschlafen sind —, über die Toten gedacht, empfunden, und wenn wir in der Geisteswissenschaft stehen, so wissen wir ja auch, dass wir diese Gedanken an die Toten immer bewusster machen, wir können ja geradezu dieses Denken an die Toten so umgestalten, dass es eine gewisse Garantie bietet für die Wirklichkeit unseres Verkehres. Wir können uns recht lebhaft erinnern an dieses oder jenes Zusammensein, aber nicht allgemeine, abstrakte Gedanken fassen wir in einem solchen Falle, sondern wir denken an etwas, was wir wirklich mit ihm erlebt haben, wir denken es mit der Lebendigkeit, wie wir es erlebt haben, und dann fassen wir den Entschluss, uns in Gedanken mit dem Toten so zu verhalten, wie wir uns gerne mit ihm verhalten würden, wenn er vor uns stehen würde, Wenn wir dies tun, richten wir eine Frage an ihn, oder wir teilen ihm etwas mit, wovon wir glauben, dass es ihm oder uns ein Bedürfnis sein könnte, es ihm zu sagen. Das, was wir bewusst und immer bewusster machen - aber es ist im gewissen Sinne das, was ich sage, dasjenige, was wir so während unseres Wachlebens hineinsenden wollen —, das nehmen wir mit hinein in das Schlafbewusstsein. Wir werden dann nicht einen subjektiven, sondern einen objektiven, realen Traum haben. Wir müssen diesen Traum aber in der richtigen Weise deuten. Die Menschen deuten ihn nicht richtig, denn dieser "Traum bedeutet die Nachklänge desjenigen, was wir selbst an den Toten gerichtet haben; wenn es uns auch scheint im Traumbild, dass der Tote zu uns spricht, so bedeutet das nicht, dass er zu uns spricht in den Worten, die er uns sagt, sondern nur, dass er uns hört, dass das zu ihm hinkommt, was wir ihm sagen. Da haben sie die lebendige Anwendung vom dem, was ich ihnen gesagt habe.

Ich sagte, wir müssten uns gewöhnen, wenn wir uns an den Toten wenden, dass es uns scheint, als ob es von ihm käme, das tritt auch bei den Träumen auf. Es scheint der Traum so, als ob er uns etwas bringen würde von dem Toten. In Wahrheit ist es aber so, dass dies nur der Beweis ist, dass sich das nur in einer gewissen Weise umgestaltet hat, dass es zu ihm gedrungen ist; er hat uns gehört. Für nicht mehr ist das der Beweis, wenn wir von den Toten träumen, dass sie uns hören, dass dasjenige wirklich zu ihnen dringt, was wir in treuer Liebe an sie gerichtet haben.

Diese Tatsachen des Geisteslebens werden vielfach falsch gedeutet. Wenn jemand von dem Toten träumt, glaubt er, [dass] dasjenige, was ihm der Tote sagt, [dass er] das richtet an ihn. Das ist [aber] nur der Beweis, dass, was er an den Toten gerichtet hat, von dem Toten aufgefasst worden ist. Ich muss mir sagen: Ja, ich habe wirklich zu dem Toten gesprochen, da er es mir sagt im Traum. Das ist ein Beweis, dass das, was ich zu ihm gesagt habe, zu ihm gedrungen ist. Denn es ist nur der Widerschein dessen, was von mir zu ihm gedrungen ist.

Durch den Moment des Einschlafens tragen wir hindurch in die geistige Welt hinein, was wir an den Toten richten. Durch das Aufwachen tragen wir hindurch in die physische Welt hinein umgekehrt dasjenige, was der Tote zu uns spricht. Und dasjenige, was der Tote zu uns spricht, das muss im Zustande zwischen dem Aufwachen und Einschlafen im alltäglichen Bewusstseinszustand aus den Tiefen unserer Seele heraufklingen. Wie im "Traum nachklingt das, was wir zu den Toten sprechen, [so] klingt im Wachen nach, was der Tote zu uns spricht.

Aber auch da wieder sind die Menschen ungewohnt, richtig zu deuten — ungewohnt, aus einem anderen Grunde, als wir [im vorhergehenden Fall] gesagt [haben]. Die Menschen, so wie sie einmal veranlagt sind für das physische Leben, sind erstens wenig dazu geneigt, auf die Inspirationen, die aus der Tiefe der Seele herauskommen, wirklich hinzuhorchen. Die meisten Menschen - die das aus der Tiefe der Seele Heraufklingende überhaupt nicht für etwas anderes halten, als für subjektive Einfälle — meinen: Ja, das ist uns eben eingefallen, das kommt aus uns selber. Aber man muss unterscheiden lernen, dass — ebenso wie es Träume gibt, die subjektiv und andere, die objektiv wahr sind — es ebenso sogenannte Einfälle gibt, die rein subjektiv und andere, die Inspirationen aus den Tiefen unserer Seele sind. Wir müssen lernen - und können es lernen, dass immer weiteres Eindringen durch die Gedanken, die uns die Geisteswissenschaft übermittelt -, aufmerksam hinzuhorchen auf unser waches Tagesleben, um gewahr zu werden - oder selbst wenn wir im Gespräche mit anderen sind -, wie aus den Tiefen unserer Seele herauf dieser oder jener Gedanke dringt, auf den wir nicht geneigt sind, achtzugeben, und dann werden wir erkennen den objektiven Charakter dieser Inspirationen, die leise herauftönen mitten im Tagesleben aus der Seele. Dann werden wir erfahren, dass in solchen Inspirationen die lieben, sogenannten Toten aus ihrem Reich zu uns sprechen. Denn aus uns selber heraus muss kommen, was der Tote uns sagt.

Für den Geistesforscher ist das so, dass er unmittelbar erfährt das, was er Ihnen gesagt hat: Das, was der Tote sagt, dringt aus der Seele heraus, und er muss sich umorganisieren. Für den, der diese Seelenverfassung sich nicht angeeignet hat, findet das in der Weise statt, dass dasjenige, was wir erleben in Gedanken, wenn wir eine Mitteilung und Frage an einen Toten richten in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, und was der Tote uns sagt, aus den Tiefen der Seele heraus klingt.

Das Menschenleben ist viel mehr mit der geistigen Welt in Zusammenhang, als wir für gewöhnlich glauben. Wir sind heute in unseren Anschauungen nicht nur [materialistisch] geworden, wir sind auch eitel und stolz, abweisend gegenüber der geistigen Welt geworden, indem wir uns anmaßen zu sagen: Alles, was in unserem Inneren klingt, sind unsere eigenen Einfälle. Der Materialismus macht die Menschenseele auch egoistisch, eitel, bringt die Seele zu einer gewissen Eingebildetheit, dass sie alles sich selber zuschreibt. Das, was wir für unsere Einfälle halten, ist im Grunde genommen dasjenige, was mitarbeitend, an diesem gemeinsamen Menschenleben - indem sie sich wenden an unsere Seelen — diejenigen vollbringen, die schon durch die Pforte des Todes geschritten sind.

Nicht darauf kommt es an, dass wir den Gedanken entwickeln: Wir werden nicht vergehen, wenn wir sterben. Er ist gewiss richtig, aber er hat etwas Egoistisches. Vielmehr kommt es auch darauf an, ihn praktisch, kräftig für das Leben zu erfassen, ihn so zu erfassen, dass wir wissen: Nicht nur unser Leben geht nicht verloren, sondern die Toten, sie gehen nicht verloren für das Leben. In unsere Seele wirken sie hinein, und was wir träumen, werden wir nur dann richtig verstehen, wenn wir es zugleich ansehen als uns eingegeben aus dem Reiche der Toten.

Dies ist der erste Gedanke, von dem ich heute ausgegangen bin. Er soll ihnen zeigen, dass das wirkliche Anschauen der geistigen Welt Anforderungen an die Menschen stellt, denen gegenüber der Mensch sieht, bewusst sieht: Das alles widerspricht ja der Welt, in die ich mich hineingewöhnt habe. Der Mensch sagt sich nicht im ausgesprochenen Bewusstsein: Ich trete in die geistige Welt nicht ein, weil diejenigen, welche von der geistigen Welt phantasieren, sie mir so beschreiben, dass sie der physischen Welt widerspricht. Aber instinktiv sagt der Mensch lieber: Es gibt Grenzen für die menschliche Erkenntnis, man kann nicht hinein —, als dass er sich gestehen würde: Ich muss den starken, mutigen Gedanken fassen [und mir] die geistige Welt ganz anders vorstellen. Wenn einmal dieser gesunde Mut, über die geistige Welt zu denken, an die Stelle von manchem Krankhaften treten wird, das heute noch herrscht, wird auch unser Erdenleben ganz anders befruchtet werden können von den Geistesgedanken, als es befruchtet wird, wenn diese Geistgedanken bloß abstrakt gefasst werden.

Lassen Sie uns jetzt anknüpfen an einen anderen Gedanken. Den Gedanken, der sich an eine Frage anknüpft: Was bietet das Verständnis für die geistige Welt den Menschen mit Bezug auf das gewöhnliche physische Erdenleben?

Da, sehen Sie, da können wir schon etwas stärker in die Lebenspraxis der Gegenwart eindringen. Denn wie sollte man sich denn nicht gestehen, dass - nachdem die Menschheit bis zum Jahre 1914 so stolz war auf ihren großen Kulturfortschritt und humanen Fortschritt —, dass über sie hereinbrechen konnte, was eben seit dem Jahre 1914 hereingebrochen ist? Wie sollte man sich nicht gestehen, dass das eine bange Frage bilden muss? Und wie sollte man sich dieser Frage gegenüber nicht gestehen, dass doch vielleicht irgendetwas in der Gesamtverfassung der Menschheit nicht ganz in Ordnung gewesen sei? Natürlich soll das nicht eine Kritik bedeuten. Aber eben verstehen können wir dieses Leben. Wenn ich also sage, es müsse etwas nicht in Ordnung gewesen sein, so will ich nicht sagen, ich verdamme dasjenige, was geschehen ist. Denn mit solchen Vergangenheitsgedanken hat die Geisteswissenschaft überhaupt nichts zu tun. Das sind kritische Gedanken, aus denen man lernt und lernen soll. Wenn ich sage, es sei etwas nicht in Ordnung, so meine ich damit, es konnte zwar nicht anders sein in der Entwicklung, die nunmehr vergangen ist, aber auf der anderen Seite muss sich der Mensch aufraffen, dann wird manches anders werden. Kritisieren ist unfruchtbar. Erkennen aus dem, was war, das, was sein soll, ist allein fruchtbar.

In der Menschheit hat sich aus alten Zuständen des Bewusstseins das heute so ergeben, dass seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts hauptsächlich in Bezug auf die Bewusstseinsseele, dass auf der einen Seite der Mensch - er glaubt es zwar nicht -, dass der Mensch vorzugsweise abstrakten Begriffen nachhängt; und [zwar] gerade diejenigen, die ganz praktisch zu sein glauben. Die Menschen sind also Theoretiker, oft ganz durchsetzt und infiziert von allen möglichen Theorien. Aber Theorien sind ganz unfruchtbar. Theorien haben nur dann einen Wert, wenn das, was sie enthalten, unmittelbar hervorsprudelt, hervorquillt aus dem Zusammenleben mit der geistigen Welt. Aber der Mensch handelt in seinem gegenwärtigen Entwicklungszyklus eben so. Was [ja] auf der anderen Seite berechtigt ist: Die Bewusstseinsseele, er muss sie entwickeln. Aber auf der anderen Seite muss er Gegenkräfte entwickeln, damit sie nicht einseitig wird. Schen Sie, das Empfinden, Fühlen, Wollen, das man vorzugsweise durch die Bewusstseinsseele entwickelt, ist einmal an das menschliche Gehirn gebunden. Man verkenne das nicht, dass der Mensch heute ein Bewusstsein entwickelt, das an das Gehirn gebunden ist. Und daher glaubt er, dass alles Bewusstsein nur an das Gehirn gebunden sei. Aber das hat eine ganz bestimmte Folge für das Zusammenleben der Menschen und für das praktische Leben, dass der Mensch vorzugsweise ein Denken entwickelt, welches an das Gehirn gebunden ist. Dadurch ist er gezwungen, solche Gedanken sich auszubilden, die herstammen von seinem Verkehr des gewöhnlichen Gehirnes mit der äußeren, sinnlichen Außenwelt. Er kommt nicht dazu, sich freizumachen von dem, was das Gehirn erfahren kann. Die Folge davon ist, dass eine allgemeine Kultureigenschaft in der menschlichen Seele Platz greift. Das ist die Beschränktheit, die Borniertheit. Das soll nicht kritisiert sein. Auf der anderen Seite mache ich aufmerksam, dass das notwendig ist. Aber es ist dasjenige dann, dass die Menschheit der Gegenwart am meisten geneigt ist, [sich] wirklich nur [an] dasjenige, was entsteht im Gehirn mit der Außenwelt, zu halten; nur dann, wenn wir uns zur geistigen Welt aufschwingen, erweitern wir es. Das ist etwas, was die heutige Entwicklung der Menschheit mit sich bringt. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, der Beschränktheit, der Borniertheit auf intellektuellem Gebiete entgegenzuarbeiten. Sie hat diese Kulturaufgabe, den Gesichtskreis wieder zu erweitern, den Gesichtskreis zu heben.

Ja, meine lieben Freunde, die Sache, die da berührt wird, ist viel ernster, als man denkt. Ich glaube, die meisten von Ihnen kennen mich jetzt doch schon zu lange, um zu wissen, dass ich nicht aus irgendeiner persönlichen Sympathie oder Antipathie dies oder jenes sage. Wenn ich beobachte, wie eine der hervorragendsten Charaktereigenschaften die Beschränktheit ist, muss ich sie zugleich erblicken in wichtigen Dingen, die über die Welt hingehen. Ich darf es erwähnen, man muss immer wieder erinnern, ich darf es erwähnen, weil ich es nicht jetzt erst sage, sondern weil ich das, was ich sage, ausgesprochen habe, bevor dieses katastrophale Ereignis über unsere Menschheit hereingebrochen ist. [In Helsingfors habe ich, also in einer Zeit, bevor der Krieg begann, bereits darauf hingewiesen], auf die für die Menschheit durchaus nicht heilsame, sondern widerheilsame Tatsache, dass an so hervorragender Stelle ein Mensch steht wie Wilson, der heute im Zusammenhang steht mit vielem Katastrophalen, was über die Menschheit hereingebrochen ist. Ich machte damals auf den hervorstechendsten Charakterzug Wilsons aufmerksam, auf die Beschränktheit, Borniertheit, die in die soziale Struktur der Menschheit eingreift.

Dasjenige aber, was [die Menschheit] handelt, das hängt von dem ab, was die Menschen denken. Dass Gedanken Wirklichkeiten sind und dass Wirklichkeiten aus Gedanken herausfließen, das ist etwas, was der Menschheit zum Verständnis kommen muss: Gerade aus dem wirklichen Geisteswissenschaftlichen heraus das Leben verstehen, aus dem Verständnisse desjenigen, was dem Leben zugrunde liegt, zum Verständnis der geistigen Welt zu kommen. Wir haben nicht nur anzuerkennen, dass uns Geisteswissenschaft diejenigen Erlebnisse geben kann, die uns für unser ganzes Seelenleben gesund machen können, weil sie uns beweisen, dass wir einer geistigen Welt angehören, sondern auch den Gedanken: Wenn in unser moralisches und soziales Wollen das einströmt, was in der geistigen Welt liegt, dann bleibt das Denken nicht beschränkt und erweitert sich. Dann wird es auch besser werden, sonst nicht.

Könnte man nur diesen Gedanken in aller Tiefe fassen! Dann würde man vieles gewahr werden, was in der Gegenwart vorgeht. Mit Bezug auf unser Fühlen, mit Bezug auf unser Denken macht uns das gegenwärtige Zeitalter beschränkt. Mit Bezug auf unser Fühlen: Was macht es uns da? Das, was sich aus der Bewusstseinsseele ergibt. Fühlen, das ist das, dass diese abstrakten Gedanken, die zu gleicher Zeit die materialistischsten Gedanken sind, dass diese eigentlich unser Fühlen und Empfinden gar nicht mehr in Wirklichkeit ergreifen.

Wie oft hört man, dass die Menschen sagen: Ach, das ist nur ein Gedanke, man muss fühlen! Das ist ebenso richtig als falsch. Man kann nicht das Leben wirklich befruchtend beeinflussen, das Leben wirklich befruchtend führen, wenn man nicht denken will, sondern alles in den Brei des Fühlens hineintaucht. Man macht das Leben zu einem Brei. Es kommt gerade darauf an, dass man das Licht des Gedankens in das Gefühl hineinbringt und dass man das Gefühl heraufhebt. Denkend fühlen, fühlend denken, das braucht man. Was die Bewusstseinsseele anrichtet, weil das abstrakte Gehirn nicht ergreifen kann unser /Lücke in der Mitschrift]

Daher wird die Seelenverfassung der gegenwärtigen Menschen in Bezug auf das Gefühl durch die gegenwärtige Seelenverfassung sich zur Engherzigkeit immer mehr hinneigen, je mehr sie materialistisch wird. Engherzig, philiströs — das ist dasjenige, wonach sich die Seelenverfassung gegenwärtig hinneigt.

Wenn das Licht der Gedanken, das lichte Reich der Gedanken nicht das Gefühl durchdringt, macht das den Menschen engherzig, seine Interessen beschränken sich auf das Allernächstliegende. Weit müssen die Gedanken sein, das können sie aber nur, wenn wir den Sinn hineintragen, dass die Welt, die uns sinnlich umgibt, etwas ganz anderes ist [als das, was sich] geistig ausspricht, dass sich die Toten aussprechen; [dann werden unsere Interessen, dann wird Geisteswissenschaft - ebenso wie der Borniertheit und Beschränktheit auf dem Gebiete des Intellekts - entgegenzuarbeiten haben der Engherzigkeit auf dem Gebiete des Gefühlsmäßigen.] Sie hat hervorzubringen weite Interessen. Sie braucht einen Hinblick auf eine soziale Struktur, die durchdrungen ist von weiten Interessen, nämlich von Interessen, die in uns hervorgehen werden, wenn wir das wunderbare, geheimnisvolle Menschenwesen selbst betrachten. Für den heutigen Anatomen und Philosophen, für den ist dieses Menschenwesen nur eine Art physischer Organismus, nicht genug rätselhaft und nicht genug wunderbar. Solche Ideen müssen namentlich unsere Ethik, aber auch unsere soziale Auffassung des Lebens töten. Wir müssen uns klar sein, dass das Geistige Wirklichkeit ist, dass die Gedanken das sind, woraus die Wirklichkeit des Lebens fließt. In der Theorie sind die meisten Menschen damit einverstanden mit [dem], was ich sage, in Bezug auf diesen Punkt. In Bezug auf die Lebenspraxis sind sie nicht einverstanden. Sie handeln dawider. An dem, was die Menschen reden, können wir sehen, welche für das Leben unfruchtbare Gedanken durch die Engherzigkeit des Gefühlslebens sich finden.

Meine lieben Freunde! Die Gedanken so zu haben, dass der Gedanke lebendig vor uns steht, wie etwas, was wir unmittelbar schauen, das ist den Menschen allmählich im materialistischen Zeitalter abhandengekommen. In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war ich in einem Vortrag eines dazumal für die Menschen außerordentlich eindrucksvollen Professors. Da warf er auf die Frage: Was muss man fragen? [Lücke in der Mitschrift] so ging es die ganze Stunde hindurch. Und zuletzt sagte er: Ich glaube, ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt. Wer den Gedanken nicht nur abstrakt ausspricht, sondern bei diesen Gedanken Anschauungen entwickelt: Es ist weder etwas Schönes noch etwas Sinnvolles[, so] ein Wald von Fragezeichen. Wer nicht zufrieden ist, Gedanken auszusprechen — Gedanken müssen in die Wirklichkeit untertauchen -, der redet nicht von dem Wahren.

Ein Staatsmann hat einen merkwürdigen Gedanken ausgesprochen. Er sagt: Unser Verhältnis zu Österreich ist der Punkt, welcher die Richtung unserer künftigen Politik ist. Da muss sich derjenige, der wirklichkeitsfremd ist, sagen: Ein Verhältnis ist ein Punkt und ein Punkt ist eine Richtung.

Wer so denkt, steht mit seinen Gedanken nicht in der Wirklichkeit drinnen. Der löst los den Gedanken vom Gefühl. Aber Wirklichkeiten können nur wirkliche Gedanken sein. Wer mit solchen Gedanken wirkt, kann nichts Heilsames vollbringen. Wer eine Empfindung hat für solche Dinge, der kann heute recht viel von dieser Art hören. Neulich zum Beispiel hat jemand in Bezug auf den Friedensschluss mit Rumänien gesagt: [Lücke in der Mitschrift] dass Rumänien sich mit uns auf einen offenen, ehrlichen Fuß stellt. - Wir wünschen, dass es sich nicht bloß auf einen «offenen» Fuß stellt, sondern dass es sich überhaupt auf einen Fuß stellt. Einen «offenen» Fuß sollen in Zukunft die Rumänen haben, um mit uns in ein richtiges Verhältnis zu kommen. Steht ein solcher Gedanke, als Gedanke in der Wirklichkeit drinnen? Das tut er nicht! So wird gesprochen, weil das Rad des Gehirnes läuft.

Aber nur dann kann für die soziale Struktur etwas entstehen, was der Menschheit heilsam ist, wenn es fließt aus dem Realen. Gerade daraufhin muss man die Wirklichkeit und muss man auch das geistige Leben achten. Bloßes Kritisieren macht es nicht aus. Sie können heute studieren das Leben der Menschheit. Wahrhaftig, notwendig wäre es schon, dass man das Leben der Menschheit studiert, damit man sich eben wirklichkeitsgemäße Gedanken macht. Man soll es auch nicht so studieren, dass jeder Gedanke zu einer Sympathie oder Antipathie wird, zu etwas Lobendem oder Tadelndem.

Sie wissen aus meinem Vortragszyklus 191[0] in Kristiania, auch im Hinblick auf die gegenwärtige Zeit, dass ich vorzugsweise der britischen Nation zugeschrieben habe, dass sie vorzugsweise berufen sei, die Bewusstseinsseele zu entwickeln. Auf der einen Seite Beschränktheit, auf der anderen Engherzigkeit. Es trifft nicht den einzelnen Engländer, sondern die ganze englische Nationalseele ist es. Man braucht nur die Sprache zu studieren. Wir müssen wirklich, ich möchte sagen, um des Geistes willen, an dem festhalten, dass die Sprache innerlich wirksam ist; sie bildet Gefühle, die in der Sprache wirksam sind. Die britische Sprache lässt ganze weite Teile des Wortes einfach in nichts fallen, sie ist die abstrakteste Sprache.

Das ist es, meine lieben Freunde. Darauf kommt es an, dass man sich in der Gegenwart nicht theoretische Begriffe macht, sondern dass man diese Begriffe aus den Tiefen der Seele herausholt. Solche Begriffe brauchen wir. Man kann ein Reisender sein, Wissenschaftler, Volkswissenschaftler, kann ganze Länder bereisen, aber wenn man keinen Sinn hat für das, was im Innern der Menschen lebt, werden die Beschreibungen für die Lebenspraxis nicht viel nützen. Manches Geistvolle, Zutreffende haben die Menschen des materialistischen Zeitalters so über die verschiedenen europäischen und außereuropäischen Volksseelen gesagt. Wenn es darauf ankommt, das wahre Wesen der Volksseele zu geben, versagen sie. Wenn man im praktischen Leben wirken will, weil die Menschen einander so wenig kennenlernen wollen in Bezug auf ihre seelischen Eigenschaften, mussten sie notwendigerweise in eine solche Katastrophe hineintreiben, die nur das Ergebnis von unrichtigen Gedanken ist.

Man kann von zwei Dingen der Menschenseele entwickeln, wohin der Materialismus strebt und dem entgegenwirken muss die Geisteswissenschaft. Das Gebiet des Wollens: Gedanken, die sich nicht vereinigen wollen mit unserem Willen, sie greifen ihn nicht an, sie greifen nicht ein in den ganzen Menschen, sie entspringen aus dem Gehirn. Die Folge davon ist, dass der Mensch in unserem Leben durch die materialistschen Gedanken ungeschickt gemacht, borniert, philiströs wird. Das muss sich notwendig ergeben. Wer das Leben beobachtet, bemerkt die Ungeschicklichkeit. Was kann denn der Mensch heute? Was er mit Mühe eingetrichtert und eingelernt hat. Man kann heute ein trefflicher Professor sein der chinesischen Sprache, man kann ein trefflicher Beamter, Tischler sein, und dennoch kann es vorkommen, dass man sich keinen Hosenknopf annähen kann, sondern dass es einem ein anderer annähen muss. Man ist zu allem höchst ungeschickt, was man nicht gelernt hat, weil dasjenige, was wir in unserer Erziehung fühlend und denkend aufnehmen, geeignet ist, unseren Leib /Lücke in der Mitschrift] Blut und Muskel hinunterzu [Lücke in der Mitschrift]

Der Geist, wenn er auf den Menschen wirkt und lebendig wirkt, ergreift den ganzen Menschen, macht ihn geschickt aus dem Geist heraus. [Das ist] eine Probe für die Wirklichkeit [der Geisteswissenschaft], dass sie aus uns [solche] Menschen formt, die dem Leben immer mehr und mehr gewachsen sind, dass, was sie aus dem Geist einströmen lässt, [die Menschen] auch in das Leben hineintragen können.

Das ist es aber, was wieder einen anderen Gedanken auslöst. Was wir brauchen, ist aus einer Erfassung der geistigen Welt heraus /Lücke in der Mitschrift] um überhaupt den /Lücke in der Mitschrift] zum Leben zu bekommen. Nehmen wir eine Wahrheit der Geisteswissenschaft: Ich will sie heute skizzenhaft aufführen. Heute will ich den Gedanken ausführen: Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dass er das erste Drittel zwischen Tod und neuer Geburt vorzugsweise unter das Imaginative, das zweite Drittel zwischen Tod und neuer Geburt vorzugsweise unter das Inspirative und das dritte Drittel zwischen Tod und neuer Geburt vorzugsweise unter das Intuitive taucht; im letzten Drittel in unserem Leben zwischen Tod und neuer Geburt - Wiener Zyklus — taucht der Mensch unter in das Leben, das er hier auf der Erde zu leben hat. [In der Fortsetzung davon] müssten wir — Erziehung des Kindes - zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre ein nachahmendes Leben führen, ein Untertauchen in das Kindhafte. So ist im nachahmenden Untertauchen des Kindes, in jeder Handlung die Fortsetzung des Lebens des letzten Drittels zwischen Tod und neuer Geburt. Wir müssen nur das Leben in der richtigen Weise erfassen. Wir sehen den Menschen hineinwachsen ins Leben und wir sehen es ihm an seinem Wahrnehmungsvermögen an, dass er im physischen Leben ein geistiges fortsetzt, dass er ein geistiges Leben fortsetzt, dass eine Nachahmung die Folge ist der Intuition aus dem letzten Drittel. Wir sehen den Menschen hineinwachsen. — Was ist das für ein Gedanke!

Denken Sie sich, meine lieben Freunde, wenn er sozial fruchtbar wird für das Zusammensein des Menschen: Dies ist die Fortsetzung des geistigen Lebens, wir sehen es ihm an! Das Leben ist der Beweis für die Unsterblichkeit des Menschen. So wie es ist, ist es die Fortsetzung. Den Unsterblichkeitsgedanken zu erfassen, den Ausgang von der geistigen Welt durch die Geburt in das physische Erdenleben! Denken Sie sich, was das für das Leben sein muss! Denken Sie sich diesen Gedanken! Das ist es auch, dass wir den Lebenswert von Gedanken erkennen. Denken Sie sich dies noch mehr im konkreten Sinne. Denken Sie sich: Ich schaue hin auf diesen Leib, der aus geistigem Leben hereinkommt, dann werden Sie glauben an das ganze Menschenleben. Glauben wir denn heute an das ganze Menschenleben? Nein, wir glauben nicht an das ganze Menschenleben, wir glauben nur höchstens bis zum 25., 26. Jahre. Die meisten jungen Leute glauben nicht mehr daran, dass wir erzogen werden können, dass uns das Leben etwas Neues gibt. Wir glauben noch, dass wir [bis in die 20er-Jahre] hinein etwas Neues uns zulegen können, dann glauben wir höchstens daran, dass das Leben weitergeht. Dass dasjenige, was durch die Geburt hereingetragen wird, durch das ganze Leben entwickelt werden soll, muss, darf keine theoretische Wahrheit sein, das muss eine konkrete Lebenswahrheit werden. Fragen Sie, wie viele Menschen es heute gibt, die, wenn sie 30 Jahre alt geworden sind, sagen: Wenn ich 40 Jahre alt sein werde, wird mir das Leben mehr geoffenbart haben. Ich warte auf das, was mir das Leben bringen wird. Ich habe nicht umsonst gelebt. Ich lebe dem Leben entgegen, indem ich warte, dass jedes Jahr mir neue Geheimnisse enthüllt.

Glauben wir so an das Leben? Nein, wir erwarten nichts mehr, wenn wir 27 Jahre alt geworden sind. Wir halten uns heute, wenn wir 20 Jahre alt geworden sind, für reif, über das ganze menschliche Leben Entscheidungen zu fällen, wenn wir nicht [sogar] ins Parlament gewählt werden, wo wir schon alles entscheiden. [Lücke in der Mitschrift] Griechen atavistisch.

Man wird wiederum hineinsehen in das Entwickeln, in das Erwartungsvolle. Solch einen Gedanken sollen wir nicht aussprechen, auch nicht denken, wir sollen ihn durch und durch empfinden. Denken Sie sich, was es anders sein müsste im sozialen Leben, wenn Menschen sich so gegenüberstünden. Heute, es kann einer 60 Jahre alt sein, ein anderer 17. Der, der 17 Jahre alt ist, hat seinen Standpunkt. Heute hat jeder seinen Standpunkt. Die Lebenserfahrungen entwickeln sich, sie werden immer reicher. Wie anders wird das Gegenüberstehen von Mensch zu Mensch, wenn wir ein hoffendes, erwartungsvolles Leben führen. Und jedes neue

Jahr bringt mir Neues, und wenn ich zehn Jahre älter sein werde, werde ich ganz anders sein. [Eine] andere Lebensauffassung geht dann aus der Weltauffassung hervor, dass wir den konkreten Wirklichkeitsgedanken fassen von dem Sinn der Welt und dem Sinn des Menschenlebens, dass das ganze Menschenleben, das ganze Menschenwesen einen Sinn hat [Lücke in der Mitschrift]

Geschichtswissenschaft muss ganz anders werden!

Derjenige, der heute das Leben der Menschheit betrachtet, der sagt sich höchstens: Das Leben der Menschheit ist in Entwicklung, der einzelne Mensch ist auch in Entwicklung. Das ist nur ein äußerer Vergleich. Die geistige Beobachtung ergibt etwas ganz anderes. Die Menschheit wird immer jünger [Lücke in der Mitschrift]

Menschen, die bloß durch ihre natürlichen Kräfte - wenn ich mich so ausdrücken darf -, leiblich-seelisch bis in die 50er-Jahre entwicklungsfähig [Unklare Mitschrift; Lücke in der Mitschrift].

Die Urperser 40 Jahre bis 30 Jahre.

Heute bleibt der Mensch [nur] 27 Jahre entwicklungsfähig. Die Menschen glauben heute nur an die Jugend, nicht an die ganze Menschheit. Es ist eine wichtige Lebenswahrheit, dass der Mensch durch seine natürlichen Kräfte, ohne Zutun, erleben kann, [dass er] eigentlich nur 27 Jahre sich entwickeln kann. Durch die äußere Welt wird er nicht vollkommener.

Wenn wir die Frage stellen: Wer ist heute ein besonders charakteristischer Mensch für die Gegenwart? - Ein Mensch, aufgewachsen ohne die Vorzüge, die man durch die Vergangenheit hat, ohne Vererbtes; [ein Mensch,] der nicht viel Gymnasien hinter sich hat, aber für alles in seiner Umgebung offen und empfänglich ist, der musste hineinwachsen und nur das in seine Erziehung aufnehmen, was die heutige Welt gibt. Ein self-made-man. [Er] nimmt seine Umgebung elementar auf. Bis 27 Jahre — dann tritt er in das öffentliche Leben, lässt sich ins Parlament wählen, wird Minister. Nun ist er engagiert, er braucht sich nicht weiterzuentwickeln. Ein Mensch von armen Eltern geboren, wild aufwachsend, aber empfänglich für seine Umgebung /Lücke in der Mitschrift]: Lloyd George. — Ministerium, fragt sich, was man mit dem Manne machen soll - einfach hereinnehmen. Was gibt man ihm? Was er am wenigsten versteht: das Verkehrswesen.

German original of On the Meaning of Life · ← Previous · Next →