Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 28 August 1920, Dornach
Schlusswort nach dem Mitgliedervortrag
Dornach, 28. August 1920
Daß die Menschen heute durchaus nicht aufkommen lassen wollen ein Streben nach einem neuen Aufbau - nun, ich werde Ihnen ein kleines Pröbchen davon, wie diese Dinge hier genommen werden, einmal zur Verlesung bringen. Die neueste Enunziation des «Basler Volksblattes» vom 27. August 1920:
Theosophische Ecke. (Einges.) Den Bewohnern von Dornach und Umgebung steht für den Monat September eine gewaltige Überraschung in Form einer theosophischen «Sündflut» bevor. Die SteinerSchüler und -Schülerinnen sind aufgeboten, sich aus ihrer Ruhe-Inkarnation (das heißt Bedeutungslosigkeit) zu erheben, sich der Welt zu zeigen und berühmt zu werden. Die «Steiner-Bataillone» werden zur Zeit mobilgemacht - zur Revue in Dornach. 3000 bis 4000 (nach anderen Berichten noch mehr) der Großteil aus dem Ausland - sollen sich zu einer großen Tagung zusammenfinden. Die «Mäusefalle», wie der Volkswitz den unsere Landschaft verunzierenden Tempel mit Recht getauft hat, soll mit der Orgel «eingeweiht» werden. Orgel und Tempel sollen «Weltwunder» sein. Wir sind gespannt, an welchem Tage und zu welcher Tageszeit die «Weihe» stattfindet. Nach den Berichten handelt es sich um eine beabsichtigte Riesendemonstration, eine Riesen-Propagandaveranstaltung. (Anmerkung: Wir glaubten, nach den abgegebenen offiziellen Versprechungen treiben die Theosophen keine Propaganda.) Die Veranstaltung ist so umfangreich geplant, daß alle Schulhäuser in Dornach als billiges Logis aus Valutaschmerzen in Anspruch genommen werden. Unsere darniederliegende Schweizer Hotellerie hat von den neuen Menschheitsbeglückern nichts oder wenig zu erwarten. Jedes freie Plätzchen in und um Dornach soll beschlagnahmt werden. Die Ureinwohner haben ihnen am Ende noch ihre Häuser und Betten zu überlassen, im Freien oder im «Engelgarten» zu kampieren, während die «Neue Rasse» des Menschengeschlechts (nach Steiner sind die Theosophen die fünfte) sich behaglich einnisten kann. Wie man sieht, ist Dr. Steiner ein schlauer und geschickter Macher, Propagandist und Geschäftsmann. Es liegt das ein wenig im Blut. Der äußere Tamtam hat die innere Hohlheit der «Geisteswissenschaft» zu verbergen. Was sagen die Orts- und Kantonsbehörden zu dieser Invasion, die die Wohnungsnot in Dornach und Umgebung ins Unerträgliche steigern würde, wenn auch nur ein verhältnismäßig kleiner Teil dieser Leute sich hier wieder seßhaft machen wollte? Wie stellen sich die eidgenössischen Amtsstellen zu ihr? Erhalten diese Scharen wirklich die Einreisebewilligung?
Sie sehen an den letzten Worten, worauf die Dinge zielen und wie hier über das gedacht wird, was durch diesen Bau repräsentiert wird. Aber, meine lieben Freunde, gerade in Anbetracht aller dieser Dinge ist es notwendig, daß von uns bedacht wird, wie groß unsere Aufgabe ist und wie sehr es notwendig ist, daß wir uns im Sinne dieser Aufgabe verhalten. Nichts schöner, als wenn viele Besucher hierher kommen und einen Eindruck davon bekommen, wie nötig dasjenige ist, was hier gebaut wird als äußerer Repräsentant für den Menschheitsaufstieg in der gegenwärtigen niedergehenden Zeit. Aber bedenken sollte man doch auch, daß es im allgemeinen in der gegenwärtigen Zeit uns recht sehr schadet, wenn den ganzen lieben Tag, besonders in der schönen Sommerzeit, während die anderen Menschen arbeiten, durch die arbeitenden Menschen fortwährend im Bau weiße Kleider sich drängen den ganzen Tag hindurch. Es wird ja so bei gewissen Leuten, die die Arbeit verrichten, fortdauernd dadurch Groll und Bitterkeit erzeugt dadurch, daß immerfort so viele Nichtstuer herumlaufen — aus den Empfindungen der Leute heraus nehmen sich ja alle die, die mit weißen Kleidern während der Arbeitszeit herumstehen, als Nichtstuer aus —, ganz abgesehen davon, daß ja die Arbeit und insbesondere unsere arbeitenden Mitglieder fortwährend gestört werden. Gerade dadurch wird eine Stimmung erzeugt, die tatsächlich durchaus nicht förderlich für uns ist. Es gibt ja wahrhaftig viele Zeiten, in denen im Bau nicht gearbeitet wird, wo man im Bau herumstolzieren, herumlungern und dergleichen kann, wo man das, was man so beabsichtigt, tun kann.
Es ist im allgemeinen nicht leicht, wenn man hört: Ja, das können Sie doch nicht leugnen, daß hier alles ganz bourgeois zugeht! — Unter «bourgeois» verstehen viele Menschen das, daß sie arbeiten müssen, während die anderen, ich möchte sagen zwischen Spaten und so weiter herumlungern. Nun, da gibt es eben Taktfragen, die wahrhaftig, wenn sie benutzt würden, dafür sorgen können, daß man all das, was dieser Bau der Menschheit sein kann, dennoch auf sich wirken lassen kann. Man sollte bedenken, was es schließlich selbst auf jemanden, der Anthroposoph ist, der aber eben arbeiten muß, für einen Eindruck macht, wenn nun ein anderer da im Bau sitzt und stundenlang darinnen meditiert. Glauben Sie, daß uns die Leute erlauben, ihnen viel über soziale Reformen vorzureden, wenn wir unsere Geneigtheit, mitzutun an der Entwicklung der Menschheit, in dieser Weise zeigen?
Es soll das keine Philippika sein, sondern nur auf einzelnes soll aufmerksam gemacht werden, das sich insbesondere in den letzten Tagen in ganz hervorragendem Maße geoffenbart hat. Hätte es sich nicht in so hervorragendem Maße geoffenbart, dann hätte ich es nicht gesagt. Aber jetzt ist es auch notwendig, meine lieben Freunde, daß mancherlei angedeutet wird. Vielleicht ist es doch besser, wenn man die Dinge andeutet, als wenn man sie ganz ungesagt läßt.
Vor allen Dingen auf einzelnes möchte ich doch noch hinweisen. Ich habe es schon vor einiger Zeit hier von dieser Stelle aus getan. Sehen Sie, dieser Bau, er ist zunächst im wesentlichen zustande gekommen durch dasjenige, was von den mitteleuropäischen Ländern gekommen ist, um ihn aufzuführen. Er ist im wesentlichen ja zunächst nur dadurch möglich geworden, daß von mitteleuropäischen Ländern mit vollem Verständnis der geisteswissenschaftlichen Bewegung, wie wir sie vertreten, die Mittel gekommen sind. Diese mitteleuropäischen Länder scheiden jetzt aus. Es sind dann da ja von den mitteleuropäischen Ländern nichts mehr kommen kann - in sehr anerkennenswerter und angesichts der Verhältnisse besonders anerkennenswerter Weise die während des Krieges neutral gebliebenen Länder zunächst eingetreten für dasjenige, was diesen Bau notwendig macht. Aber auch das wird erschöpft sein, bevor der Bau fertig aufgerichtet sein kann. Die Länder der während des Krieges «Entente» genannten Gebiete, sie dürften uns nicht im Stiche lassen, wie sie es bisher getan haben, sie müßten auch etwas tun. Denn wenn sie nichts tun, dann stehen wir vor einer Perspektive, die ich nicht anders als in der folgenden Weise bezeichnen kann:
Wenn tatsächlich da kein Verständnis aufdämmert für das, was dieser Bau sein soll, wenn es bei der gegenwärtigen Lage bleibt, dann, meine lieben Freunde, dann stehen wir davor, daß dieser Bau ein Torso bleibt. Vollenden können wir ihn dann nicht; dann bleibt dieser Bau ein Torso, ein Testament des vernichteten Mitteleuropa, ein Testament des zugrundegehenden Mitteleuropa. Aber daß auf diesem Gebiete bloß ein Testament gemacht werden kann, ein unvollendetes, das scheint nicht im Interesse der Entwicklung der gegenwärtigen Menschheit zu liegen. Mitteleuropa kann nichts anderes tun, konnte nichts anderes tun, als sein Testament in dieser Beziehung zu machen. Was notwendig ist, das ist ein tatkräftiges, ein echtes Verständnis von den außer-mitteleuropäischen und den neutralen Ländern. Wenn das nicht kommt, dann ist dieses Nichtkommen auch ein Symptom dafür, wie man dort die Welt im Niedergange erhalten will, wie man sie nicht mehr aufbauen will.
Ich weiß, mit wie wenig Ernst man heute solche Dinge betrachtet, aber sie sind deshalb doch nicht weniger ernst. Damit kommen wir nicht aus, meine lieben Freunde, daß wir das übrige Leben so betrachten wie eine ganze Zeitung und Anthroposophie wie die Unterhaltungsbeilage. So ist es aber bis jetzt noch im Grunde genommen. Wollen die Menschen etwas für Verbesserungen der Welt vorbringen, wovon sie glauben, wovon sie träumen, wovon sie Illusionen haben, dann machen sie das, indem sie automatisch fortreden im alten Stil und forttun im alten Stil; wollen sie so etwas haben wie die Unterhaltungsbeilage der Zeitung, so eine Art Unterhaltungsbeilage zum Leben, dann hören sie sich eventuell anthroposophische Lehren an. Das wird für die Zukunft nicht genügen. Da handelt es sich darum, wirklich so etwas einzusehen wie das, wovon auch dieser Vortrag wiederum gehandelt hat.