Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 4 January 1921, Stuttgart
Öffentlicher Vortrag
Geisteswissenschaftliche Ergebnisse und Lebenspraxis
Meine sehr verehrten Anwesenden! Anthroposophische Geisteswissenschaft, wie ich sie nun auch hier in Stuttgart seit Jahren vertreten darf, sie wurde insbesondere von den Vertretern des Geisteslebens, die den meisten Menschen als Autoritäten gelten, zunächst als etwas genommen, was unberücksichtigt bleiben dürfe, weil es zu betrachten sei wie eine Art sektiererischer Bewegung. Man darf sagen: Gerade in den Kreisen, welche von dieser Seite her als autoritatiiv betrachtet werden, nimmt diese Ansicht immer mehr und mehr ab, und in den letzten Wochen hat immerhin ein Lizentiat der Theologie, der ein dickes Buch geschrieben hat unter dem Titel «Moderne Theosophie», Worte ausgesprochen, welche bezeugen, wie man von der Ansicht, daß man es mit einer obskuren Sekte zu tun habe, nun doch abkommen wolle. Das Buch heißt «Moderne Theosophie», aber merkwürdigerweise sagt der Verfasser ausdrücklich auf Seite 18:
Ist in den folgenden Ausführungen von Theosophie und Theosophen die Rede, so ist stets die anthroposophische Richtung Rudolf Steiners damit gemeint. Die Bezeichnungen Theosophie und Theosoph wurden nur beibehalten, weil sie dem allgemeinen Bewußtsein geläufiger sind als die Ausdrücke Anthroposophie und Anthroposoph.
Es ist zum Teil sogar ein gut gemeintes Buch. Der Verfasser sagt:
Hätte man es in der Theosophie ...
— also er meint Anthroposophie, man muß das in dem ganzen Buch immer übersetzen —
... mit den beliebigen Einfällen einer im Trüben fischenden Winkel-Sekte zu tun, so verlohnte es sich nicht der Mühe, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Nun charakterisiert er weiter, daß diese Anthroposophie etwas sei, was man bezeichnen müsse als gestützt auf die Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geiste kraftvoll durchwehten Weltanschauung.
Es ist immerhin merkwürdig, daß so heute schon die Gegner — denn man darf durchaus den Lizentiaten der Theologie Kurt Leese, der das Buch geschrieben hat, einen Gegner nennen -, es ist immerhin bezeichnend, daß heute schon die Gegner so sprechen. Nun, es ist nicht meine Absicht, in dem heutigen Vortrag - der die Grundlage bilden soll für meine Ausführungen am nächsten Freitag, wo ich dann ganz in das praktische Leben hineingreifen will -, es ist nicht meine Absicht, in diesem Vortrag an irgend etwas in polemischer Weise anzuknüpfen, sondern nur in der Weise, daß ich da oder dort Ausgangspunkte wähle, um die Ergebnisse anthroposophischer Geisteswissenschaft zu charakterisieren. Also nicht polemisch möchte ich werden, sondern ich möchte an das oder jenes anknüpfen, um gerade von da ausgehend dann Geisteswissenschaft charakterisieren zu können, namentlich in ihrer Beziehung zur Lebenspraxis. Das soll heute mehr in bezug auf die innerliche Lebenspraxis des Menschen geschehen; das nächste Mal soll es geschehen in bezug auf die äußerliche Lebenspraxis des sozialen und wirtschaftlichen Lebens.
Seit Anthroposophie den Versuch macht, in einer tatkräftigen Weise in das Leben einzugreifen, müssen allerdings einige Leute, wie es scheint, gestehen, daß ihnen dieser Versuch einiges Kopfzerbrechen macht. Und so sehen wir denn, daß seit den Dornacher Hochschulkursen im Herbst vorigen Jahres —- von denen ich hier schon berichtet habe und zu denen ja in der letzten Zeit auch von unseren Waldorfschullehrern und anderen Kennern der Anthroposophie hier in Stuttgart Hochschulkurse hinzugekommen sind -, wir sehen, daß, seit in dieser Weise Anthroposophie tatkräftiger ins Leben eingreift, manche Menschen doch versuchen, in ihrer Art sich über diese Weltanschauungsströmung Gedanken zu machen. Aber merkwürdig allerdings nehmen sich die Gedanken dieser Menschen aus, wenn man sie zusammenhält, und man muß sich das schon klarmachen, wenn gerade von den Konsequenzen der Anthroposophie für die Lebenspraxis die Rede sein soll.
Da fand sich zum Beispiel ein Jenenser Hochschulprofessor für Pädagogik genötigt zu sagen, daß dasjenige, was die anthroposophischen Hochschulkurse in Dornach für eine Befruchtung und Gesundung des wissenschaftlichen Lebens versprochen haben, sich nur dann erfüllen könne, wenn für die Anthroposophie eine bessere ethische Grundlage gelegt werde. Allerdings passiert nun da bei diesem Hochschullehrer etwas sehr Eigentümliches. Ihm gefällt nicht diejenige ethische Weltanschauung, welche ich dargestellt habe in meiner «Philosophie der Freiheit»; sie gefällt ihm nicht. Er findet sie eigentlich nicht passend für Menschen, sondern passend für Engel. - Nun, das mag ja seine Privatanschauung sein. Aber ihm passiert etwas ganz Merkwürdiges, das hinweist auf eine sonderbare Ethik moderner Wissenschaftlichkeit. Er bespricht mein Buch «Philosophie der Freiheit» als eines derjenigen Bücher — denn anders kann man die Dinge nicht verstehen, die er da sagt -, die aus dem Chaos der Kriegskatastrophe heraus entstanden sind und die bezeichnend sind für dasjenige, was heute an Suchen, an Sehnsuchten vorhanden ist. Mein Buch «Philosophie der Freiheit» ist dem guten Herrn, der doch als Universitätsprofessor verpflichtet wäre, die Sache etwas genauer und gründlicher zu nehmen, nur in der zweiten Auflage, die 1918 erschienen ist, zur Hand gekommen. Er hält daher das Buch offenbar für nach der Kriegskatastrophe geschrieben, und er charakterisiert es auch so, als wenn es aus den anthroposophischen Bestrebungen heraus geschrieben worden wäre. Nun, meine «Philosophie der Freiheit» ist 1893 erschienen. Die ganzen Jahrzehnte hindurch also, die das Buch existiert hat, hat sich der betreffende Professor um die Sache nicht gekümmert, was ja selbstverständlich zu entschuldigen ist. Auf dem Titelblatt der neuen Auflage steht 1918, und nun weisheitet er darauf los. Ich will das nur einleitend anführen als ein Charakteristikon der wissenschaftlichen Gründlichkeit, die da vorhanden ist, wo gefordert wird, daß eine bessere ethische Grundlage geschaffen werden soll für dasjenige, was anthroposophische Weltanschauung ist. Hier haben wir also die Stimme eines Akademikers, der die ethische Seite der Anthroposophie zu bemängeln findet.
Der besagte andere Akademiker, der Lizentiat der Theologie, er findet, wie Sie gehört haben, daß insbesondere bedeutsam sind:
...die Fundamente einer von ethischem Geiste kraftvoll durchwehten Weltanschauung.
Nun, um das noch zu erweitern, fügt er hinzu gegen das Ende seines ziemlich dickleibigen Buches, daß selbst dann, wenn man aus dieser anthroposophischen Weltanschauung sich wegdenkt alles dasjenige, was sie enthält von Ergebnissen des übersinnlichen Schauens, von Ergebnissen über übersinnliche Weltentatsachen, noch immer etwas übrigbleibt, und das charakterisiert dieser Akademiker in der folgenden Weise:
Der Wert dieser Lebensweisheit würde dadurch nicht angetastet werden ...
- also dadurch, daß man die übersinnliche Seite wegnimmt.
Auch ist des ethisch Förderlichen mancherlei in Steiners Schriften verstreut. Man könnte es als Weisheit zur Lebensführung aus der Umklammerung hellsichtiger Erkenntnisse herauslösen.
Also dieser andere Kritiker findet: Wenn man alles andere wegläßt aus der anthroposophischen Weltanschauung, dann bleibt noch etwas übrig, was mindestens einen großen ethischen Wert hat.
Man kann heute schon sagen, daß in einer gewissen Weise wild umtobt wird diese anthroposophische Weltanschauung, aber daß sie einheitlich verstanden wird von denjenigen, die sich berufen fühlen, von gewissen kurulischen Stühlen herab solche Dinge zu beurteilen, das kann man nicht sagen. Und so bleibt einem dann nichts anderes übrig, meine sehr verehrten Anwesenden, als immer wieder und wiederum von den Fundamenten dieser Weltanschauung zu sprechen, davon zu sprechen, in welcher Weise sie zu ihren Wahrheiten, zu ihren Erkenntnissen kommt und welcher Art diese Erkenntnisse selbst sind und wie sie dann ins Leben selber eingreifen können.
Gerade da kann man, wenn man sozusagen aus der zeitgenössischen Gesinnung heraus Anthroposophie charakterisieren möchte, anknüpfen, ich möchte jetzt nicht sagen an das Inhaltliche mancher Beurteilungen, sondern an die ganze Art und Weise, wie diese Beurteilungen sind. Kurt Leese zum Beispiel, der dieses Buch «Moderne Theosophie» geschrieben hat, er hat sich bemüht, eine große Anzahl meiner Schriften zu lesen. Er gibt sogar vor, er wolle nicht von außen herankommen, um zu kritisieren, sondern er wolle von innen heraus charakterisieren. An einer Stelle, auf die ich vielleicht noch zurückkommen werde, tut er aber doch eine merkwürdige Äußerung, die tief hineinblicken läßt in die Seelenverfassung, aus der heraus an Anthroposophie Kritik geübt wird. An einer bestimmten Stelle, nachdem er viel von allerlei Logik und dergleichen spricht, sagt dieser Kurt Leese, daß meine Ausführungen «ärgerlich und unleidlich» wären. Also nicht ein verstandesmäßiger Einwand, nicht ein Einwand, der aus logischen Untergründen herausgenommen wird, sondern ein Einwand aus Emotion, aus Gemütsverstimmung heraus. Man fühlt sich beleidigt, verletzt, man fühlt sich ärgerlich. - Damit berühre ich nicht bloß, was Leese sagt, sondern die Stimmung berühre ich, die von vielen Seiten der anthroposophischen Geisteswissenschaft entgegengebracht wird: Man wird ärgerlich über sie, man fühlt irgend etwas, was man gerne von sich hinwegstoßen möchte, nicht aus logischen, sondern aus Gefühlsgründen. Geht man dieser Tatsache nach, dann findet man, daß sie allerdings zusammenhängt mit etwas, was ganz zum Wesen dieser anthroposophischen Forschungsart gehört, die ich hier vertrete.
Wenn man nämlich heute von irgendeinem wissenschaftlichen Wege spricht, von irgendeinem Wege zu einer Weltanschauung, dann ist man sich darüber klar, daß man ja die Wege, die man gewöhnt worden ist zu gehen in der einen oder anderen Art, anders beschreiten muß, als sie dieser oder jener beschreitet. Aber das wird man nicht leicht zugeben wollen, was anthroposophische Geisteswissenschaft unseren Zeitgenossen zumutet. Der heutige Wissenschaftler und derjenige, der sich von Wissenschaft für das Leben belehren läßt, der sagt sich: In einem bestimmten Zeitpunkt des Lebens ist man als Mensch fertig. Man hat in sich gewisse Eigenschaften, die man ererbt hat, diese Eigenschaften sind durch Erziehung umgewandelt worden, man hat sie vielleicht auch vervollkommnet, modifiziert durch gewisse Erfahrungen des äußeren Lebens, man hat einen gewissen Punkt in der Lebensentwicklung erreicht. - Von diesem Punkte aus tritt man nun in irgendein Wissenschaftsgebiet ein. Man ist genötigt, in diesem Wissenschaftsgebiet vielleicht die Logik genauer zu gestalten, vielleicht irgendwie auch noch Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit in der alten Form auszubilden, sich mit Teleskop, Mikroskop, mit Röntgenapparaten auszustatten und so weiter, um weiterzukommen. Aber man will stehenbleiben auf derjenigen Stufe der Erkenntniskräfte, die man einmal durch die gewöhnliche Vererbung, die gewöhnliche Erziehung, durch den Schulunterricht und durch das Leben sich angeeignet hat. Damit kann allerdings anthroposophische Geistesforschung nicht einverstanden sein. Denn sie ist sich klar darüber, daß, wenn man nur so das Dasein, das Menschenleben, die Welt erforscht und in derselben tätig sein will, man an gewisse Grenzen kommt, an Grenzen, an denen sich Unbefriedigung aufwirft über Fragen, die auftreten, über Rätsel, die einem vom Leben aufgegeben werden. Solche Fragen, solche Rätsel treten auf, denen gegenüber es nicht genügt, wenn man einfach sagt: Hier steht der Mensch an einer Grenze seines Erkenntnisvermögens. - Denn man fühlt ganz deutlich, daß man, wenn man zu keiner befriedigenden, wenigstens relativ befriedigenden Lösung dieser Fragen und Rätsel kommt, man überhaupt dem Leben gegenüber nicht zurechtkommen kann.
Nun sagt anthroposophische Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht, daß man an diesen Grenzen stehenbleiben darf, sondern sie sagt: Wenn man alles dasjenige, was man heute erlangen kann durch die übliche Erziehung oder aus dem gewöhnlichen Leben heraus, wenn man alles das entwickelt hat, so gibt es immer noch die Möglichkeit, in der Seele schlummernde Kräfte aufzuwekken und diese Kräfte, die man selber, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, in die Hand nehmen kann, zu einer höheren Stufe des Erkennens zu bringen. Dann, wenn man diese Stufen höheren Erkennens erreicht hat, dann ist es auch möglich, tiefer hineinzudringen in das Leben als mit der gewöhnlichen Wissenschaft, der gewöhnlichen Erziehung, der gewöhnlichen Lebenspraxis. Und dann nehmen sich gewisse Lebensfragen und Lebensrätsel in einer anderen Weise aus als in der gewöhnlichen Wissenschaft.
Nun habe ich hier ja öfter über die Entwicklung solcher Fähigkeiten der Seele gesprochen, aber man kann diese Dinge von den verschiedensten Gesichtspunkten aus immer wieder darstellen. Das ist das Eigentümliche der hier gemeinten Geisteswissenschaft, daß man dasjenige, was in ihr vorliegt, eigentlich real erst dadurch vor das Auge rücken kann, daß es von den verschiedensten Seiten immer wieder und wiederum betrachtet wird. Es sind keine irgendwie äußerlichen Verrichtungen, an die die Geisteswissenschaft für ihre Methoden appelliert; sie formt nicht für ihre Ausgangspunkte äußere Apparate oder bildet Laboratoriumsmethoden aus. Sie steht auf dem Standpunkt, daß Übersinnliches natürlich nicht durch äußere Verrichtungen anschaulich gemacht werden kann, sondern daß Übersinnliches nur auf übersinnlichem Wege erreicht werden kann. Deshalb weist sie hin auf intime Methoden innerer Seelenausbildung, auf ein Hinausschreiten der Seele über dasjenige, was in der gewöhnlichen Wissenschaft und in der gewöhnlichen Lebenspraxis üblich ist. Aber sie knüpft nicht an an irgendetwas verborgenes Mystisches, an irgend etwas im schlimmen Sinne Geheimnisvolles, sondern sie knüpft durchaus an an Fähigkeiten, die auch im gewöhnlichen Leben schon in der Seele vorhanden sind, nur daß sie diese Fähigkeiten nicht bloß in dem Grade kultiviert, in dem sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft vorhanden sind, sondern daß sie diese Fähigkeiten weiter ausbildet, weiter pflegt und dadurch gewisse Kräfte in der Seele zur Entfaltung bringt, die eigentlich aus der heutigen Kultur heraus in dieser Menschenseele schlafend bleiben.
Das erste, woran anknüpfen kann die Forschungsmethode, die eben durchaus ein innerer Seelenweg ist, das ist das gewöhnliche Erinnerungsvermögen des Menschen, das Erinnern - ich habe ja das von den verschiedensten Gesichtspunkten im Laufe der Jahre immer wieder charakterisiert. Die geisteswissenschaftliche Forschungsmethode knüpft nicht an an irgend etwas Verborgenes, sondern an etwas, was für den Menschen durchaus im gewöhnlichen Leben drinnensteht. Wir erinnern uns an unsere Erlebnisse. Wir können heraufholen aus unserem Erinnern die Bilder desjenigen, was wir vor Jahren erlebt haben — mit anderen Worten: wir können dasjenige dauernd machen, was wir innerlich erleben an der Außenwelt. Wir bringen es in bezug auf diese Seelenfähigkeit des Erinnerns bis zu einem gewissen Punkte, und das gewöhnliche Leben hat durchaus recht, zunächst bei diesem Punkte stehenzubleiben. Denn davon, daß wir uns in gesunder Weise erinnern können, fortlaufend bis in unsere Kindheit zurück, an dasjenige, was wir erlebt haben, davon hängt die gesamte Gesundheit unserer Seele, ja die Gesundheit unseres Menschenlebens ab. Und jeder kann wissen, was es bedeutet für die Gesundheit der Seele, irgendwie die Erinnerung zu verlieren an etwas, was er im Leben durchgemacht hat. Hat man gewissermaßen eine leere Stelle, kann man nicht zurück in irgend etwas im Lebensstrom, dann bedeutet das nicht nur ein Auslöschen unserer Bilder der Erlebnisse, sondern in der Tat ein Auslöschen unseres Ich, wenigstens ein teilweises Auslöschen unseres Ich; unser Selbstbewußtsein ist unterbrochen. Wir bemerken daran, wie innig geknüpft ist unser Selbstbewußtsein an diese Fähigkeit des Erinnerns, und an diese Fähigkeit knüpft nun zunächst Geisteswissenschaft mit ihrer Forschungsmethode an. Es werden gewisse Vorstellungen, die man leicht überschauen kann, in den Mittelpunkt des Bewußtseins gerückt. Ich habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» diese Methode, gewisse leicht überschaubare Vorstellungen in den Mittelpunkt des Bewußtseins zu rücken und dann dauernd darauf zu verharren, Meditation und Konzentration genannt.
Was tut man, indem man diese Methode nun durch längere Zeit hindurch übt, was tut man da eigentlich? Ich möchte sagen: Man nimmt dasjenige bewußt auf, was man sonst unbewußt tut, indem man die Erinnerungskraft seit der Kindheit ausbildet. Indem wir uns erinnern an unsere Erlebnisse, machen wir Ja unsere inneren Bildvorstellungen zu dauernden. Wir überlassen uns dem Leben und unserem Organismus; wir holen, je nachdem das Leben uns veranlaßt und unser Organismus das kann, die Bildvorstellungen, die dauernd geblieben sind, aus uns heraus. Aber wir beherrschen dieses Dauern unseres Vorstellungslebens nicht im gewöhnlichen Dasein; Geisteswissenschaft geht über zu einem Beherrschen dieses Dauerns im Inneren unseres Vorstellungslebens. Es werden Vorstellungen zu dauernden gemacht. Und wenn man eine solche Übung jahrelang immer wieder vollführt, stellt sich heraus, daß man sich eine gewisse Fähigkeit angeeignet hat, so wie der Muskel sich eine gewisse Kraft aneignet, wenn er eine Tätigkeit immer wieder und wieder ausführt. Aber dadurch, daß man willkürlich im Seelenleben Dauer von Vorstellungen hervorgerufen hat, die man sonst nicht willkürlich hervorruft, dadurch bildet sich aus etwas, was auf der einen Seite herauswächst aus der gewöhnlichen Erinnerung, auf der anderen Seite aber etwas ganz anderes ist als diese. Es steigt aus dem Innern der Seele ein Kraft auf, die man eben im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft gar nicht hat. Man löst etwas los, was sonst in der Seele schlummernd, schlafend bleibt. Man merkt jetzt, daß man dadurch, daß man diese Kraft in der Seele innerlich losgelöst hat, in einem ganz neuen Verhältnis zur Welt steht.
Nun muß ich heute schon eines bemerken, damit nicht landläufige Vorurteile und Mißverständnisse gegen die geisteswissenschaftliche Methode immer weiter fortgeschleppt werden. Allerlei Leute kommen, die sich mit dem Gegenteil von Gründlichkeit mit Geisteswissenschaft befassen und sagen, mit der geisteswissenschaftlichen Methode würden irgendwelche zurückgestauten Vorstellungen aus dem Unterbewußtsein heraufgeholt. Zurückgestaute Nervenkraft und allerlei Dinge, die man gewöhnlich ins Unterbewußtsein abschiebt, die würden heraufgeholt in das gewöhnliche Bewußtsein, so daß man es doch nicht mit etwas zu tun habe, was der Geistesforscher, der in solchen Vorstellungen lebt, sich angeeignet hat durch eine neue Seelenkraft. Solche Einwände werden ja von mancherlei Seiten her gemacht.
Aber demgegenüber ist erstens zu sagen, daß überall in meinen Schriften etwas betont ist, was eine Grundbedingung dieser inneren Seelenübungen ist, nämlich daß der ganze Vorgang des Dauerndmachens von Vorstellungen, das Sichversenken in der Meditation in einen gewissen überschaubaren Vorstellungsinhalt - wenn man es mit richtigen geisteswissenschaftlichen Methoden zu tun hat -, in derselben inneren Seelenverfassung ablaufen muß, wie die Seelenverfassung des Mathematikers ist, wenn er sich der Kombination und Analyse von geometrischen Figuren oder mathematischen Aufgaben überhaupt hingibt. So innerlich vom Willen durchzogen muß dasjenige sein, was die Seele hier bei der geisteswissenschaftliche Methodik verrichtet, wie die Verrichtungen des Mathematikers sind; volles innerliches Bewußtseinslicht durchleuchtet alles dasjenige, was da getan wird. Das ist das eine, was ich denen sagen möchte, die immer wieder sagen, da würden Dinge aus dem Unterbewußtsein heraufgeholt, und derjenige, der sich als Geistesforscher ausgebe, der wisse gar nicht, daß das alles aus seinem Unterbewußtsein heraufkommt. Und von denjenigen, von denen eine solche Kritik ausgeht, die überschauen können von ihrem Oberbewußtsein aus, von dem aus, was sie Wissenschaft nennen, von diesen wird angedeutet, wie naiv ein solcher Geistesforscher ist.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich bitte, gehen Sie meine Schriften durch. Lassen Sie alles darin weg, was der Geisteswissenschaft angehört, und versuchen Sie einmal zu prüfen, wie gewöhnliche wissenschaftliche Probleme behandelt werden. Da werden Sie sehen, daß schon ein vollständiges Bewußtsein vorhanden ist von derjenigen Seelenverfassung, die solche Kritiker haben. Also das, was solche Kritiker an Anforderungen aus ihrer Wissenschaftlichkeit stellen, das kennt man durchaus gut. Man unterdrückt das nicht oder entbehrt es etwa gar - nein, es wird beim geistigen Forschen bei voller Aufrechterhaltung dieser Wissenschaftlichkeit daneben der andere Weg herausgebildet durch die Seelenverrichtungen. Es muß durchaus berücksichtigt werden: Nur dann, wenn der Geistesforscher sich unfähig zeigen würde, dieser gewöhnlichen Wissenschaftlichkeit zu folgen, nur dann würde man ihm sagen können, daß er in bezug auf sein Geistesforschen naiv ist, daß er etwas, was trübe, nebulos und mystisch ist, hinstellt. Aber das ist, wenigstens insofern das Streben der geistesforscherischen Methode in Betracht kommt, durchaus nicht der Fall. Es wird [in dieser Methode] überall nach absoluter mathematischer Seelenverfassung gestrebt, indem diejenigen Fähigkeiten der Seele hereingebracht werden in das Bewußtsein, die zunächst höhere Fähigkeiten dem Erinnerungsvermögen gegenüber sind.
Was stellt sich dann für ein Ergebnis ein? Ich sagte: Man tritt in ein anderes Verhältnis zur Welt. Und hier tritt man, indem man dieses umgewandelte Erinnerungsvermögen entwickelt, zu dem eigenen Erleben des Menschen in ein neues Verhältnis. Wenn wirklich diese Seelenfähigkeit aus der Seele heraufströmt, von der ich eben gesprochen habe, dann beginnt man, wie einen fortlaufenden Strom, der dableibt, der stehenbleibt, anzuschauen das Leben, das man seit der Geburt durchgemacht hat. Wie verläuft sonst dieses Leben im gewöhnlichen Dasein? Es verläuft so, daß es wie ein Unbestimmtes vor unserer Seele steht. Die einzelnen Erinnerungen tauchen auf wie Wellen aus einem Strom. Wir können zurückblicken auf diese Bilder unserer Erlebnisse, aber dasjenige, was die Strömung ist, das bleibt in einem gewissen unbestimmten Dunkel. Wir sind gewissermaßen selber in dieser Strömung drinnen. Ich sagte ja vorhin: Im gesunden Seelenleben ist man mit seinem Selbstbewußtsein verbunden mit dieser Strömung. Jetzt ist man außerhalb dieser Strömung; man hat sich aus ihr herausgerissen. Das Leben, das man durchlebt hat seit der Geburt, es steht wie ein Panorama da. Die Zeit ist gewissermaßen zum Raum geworden. Dasjenige, was man angestrebt hat dadurch, daß man Vorstellungen dauernd gemacht hat, das hat einem erobert, anzuschauen das Leben zwischen der Geburt und dem gegenwärtigen Lebensaugenblick als ein dastehendes Dauerndes, als ein Lebenspanorama.
Aber eine solche innere Seelenverfassung ist mit etwas anderem verknüpft: Dadurch, daß man überschaut dieses Leben —- und man überschaut ja nur dasjenige, was außer einem steht, früher überschaute man das Leben nicht, weil man in ihm stand -, dadurch, daß man sich durch die besprochene Entwicklung herausgerissen hat aus dem Leben, dadurch erlangt man ein erfahrungsgemäßes Verständnis über die Wechselzustände von Schlafen und Wachen im gewöhnlichen Leben. Und man lernt erkennen, wie sich wahrhaftig Schlafen und Wachen im gewöhnlichen Leben verhalten. Der Mensch schläft ein, er wacht wiederum auf. Es ist selbstverständlich, daß da das Spiel der seelischen Kräfte, wie es vorhanden ist im Zusammenhang mit dem Leibe, nicht etwa aufhört und dann wieder entsteht, wenn der Mensch aufwacht. Aber das Bewußtsein des Menschen ist zunächst so geartet, daß er innerlich nicht die Kraft hat, dasjenige in seiner Seele zu überschauen, was zwischen Einschlafen und Aufwachen vorgeht. Dadurch bleibt es unbewußt. Das aber wird jetzt bewußt. Man lernt erst kennen einen Zustand seelischen Erlebens, der auf der einen Seite ganz ähnlich ist dem Schlafe: man fühlt sich frei vom Leibe; man fühlt sich außerhalb des Leibes dadurch, daß man sein Leben seit der Geburt überschauen gelernt hat. Und man lernt erkennen, was der Moment des Einschlafens und Aufwachens ist; man lernt erkennen, daß die Seele ein Reales ist, daß man sich beim Aufwachen mit der Seele verbindet, die beim Einschlafen den Leib verläßt. Denn man lernt das erkennen, daß jene Kräfte, die man aus der Erinnerung herausentwickelt hat, in der Seele wurzeln, insofern diese Seele in ihrer Wesenheit etwas vom Leibe Unabhängiges ist, man lernt erkennen, daß mit dem Aufwachen die Seele in den Leib hineingeht, daß sie mit dem Einschlafen aus dem Leibe herausgeht. Und wie man sonst in irgendeiner äußerlichen Wissenschaft mit dem Einfacheren anfängt und Kompliziertes hinzufügt, eben das Mannigfaltigere kennenlernt, so ist es auch hier. Lernt man erkennen durch innere Anschauung dasjenige, was das Wesen des Einschlafens und Aufwachens ist, so erweitert sich einem endlich diese schauende Erkenntnis zu dem, was im Menschenleben eigentlich Geburt und Tod ist. Damit sie sich aber dazu erweitert, muß noch etwas geübt werden.
Ich habe gesagt: Die Übungen müssen so verlaufen, daß der Mensch das dauernd macht, was sonst nur vergängliche Vorstellungen, veranlaßt durch das Leben oder durch die Leiblichkeit, in der Erinnerung sind. Aber es genügt für den weiteren Fortgang in der Geistesforschung nicht, daß man bloß dieses Ruhen auf einer gewissen Vorstellung ausbildet, man muß weitergehen, gewissermaßen den Willen weitertreiben. Man muß so weit kommen, daß man, solange man will, auf einer gewissen Vorstellung ruhen kann, aber nicht gefangen wird von ihr, nicht hypnotisiert in diese Vorstellung hinein gefangengenommen wird, sondern daß man in dem Augenblick, wo man will, diese Vorstellung wieder abweisen kann. Und dieses: sich hinzugeben einer Vorstellung, sich wieder zurückzuziehen und wie im leeren Bewußtsein zu verharren und auch von keiner anderen Vorstellung sich gefangennehmen zu lassen — das muß an zweiter Stelle geübt werden. Dann wird in der Tat etwas geübt, was ein inneres Arbeiten der Seelenkräfte ist, wie Einatmen und Ausatmen, wie Systole und Diastole. Man setzt in das Bewußtsein hinein eine Vorstellung, läßt sie dauern eine gewisse Zeit, schafft sie fort, nimmt sie wieder auf ins Bewußtsein; Einatmen in das Bewußtsein, Ausatmen aus dem Bewußtsein. Es ist nicht ein physischer Atmungsprozeß, es ist gewissermaßen ein geistiger Atmungsprozefßs, den man ausübt und durch den man heraufzieht aus dem Seelenleben die Fähigkeit der Anschauung geistiger Welten. Und jetzt durchzieht dasjenige, was man als eine solche neue Fähigkeit aus der Seele heraufholt, die Anschauung von Wachen und Schlafen, und erweitert sie zur Anschauung von Geburt und Tod. Und man lernt erkennen als ein zweites Ergebnis der Geisteswissenschaft das, was ich nennen möchte: das Ewige im Menschen. Denn jetzt lernt man erkennen, daß dasjenige, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb des Leibes ist, vorhanden war vor der Geburt oder Empfängnis in geistigen Welten. Man lernt erkennen, daß der einfachere Akt, der sich jedesmal beim Aufwachen vollzieht und der darin besteht, daß das Seelisch-Geistige wiederum zu dem noch vorhandenen Körper zurückkehrt, daß dieser einfachere Vorgang außer sich einen komplizierteren hat, der darin besteht, daß wir in einer geistigen Welt leben vor unserer Geburt oder Empfängnis und daß wir dann nicht, wie beim Aufwachen, unseren von dem vorigen Tage vorhandenen Körper beziehen, sondern daß wir einen Körper beziehen, der uns in der Vererbungsströmung von Vater und Mutter zur Verfügung gestellt wird. Wir lernen kennen das kompliziertere Aufwachen durch die Empfängnis oder Geburt, und wir lernen kennen das komplizierte Einschlafen durch das, was man den Tod nennt, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten hinaus in die geistigen Welten.
Auf der zweiten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis ergibt sich also als Ergebnis der Geisteswissenschaft die Erkenntnis des Ewigen. Das Erste, was sich ergibt, ist die Erkenntnis des Dauernden seit unserer Geburt, das wir überblicken wie einen Strom des Lebens, der dasteht, gegenüber dem die Zeit wie zum Raum wird. Das Zweite, was sich ergibt, ist, daß wir uns selbst erkennen als wurzelnd in einem Ewigen, das durch Geburten und Tode geht, das zwischen Tod und Geburt in geistigen Welten ein ebensolches Leben führt wie hier. Man kann das schildern. Ich habe es geschildert in meinen Schriften. Die Leute nennen diese Schilderungen Phantasien, aber für denjenigen, der sich jene Fähigkeiten aneignet, von denen ich gesprochen habe, das heißt für den, der ein Geistesforscher werden will, sind das keine Phantasien, sondern objektive Wirklichkeiten, die so vorhanden sind wie die objektive Farbenwelt vor dem Auge, die objektive Tonwelt für das Ohr und so weiter.
Und eine dritte Stufe will ich noch angeben, da muß man allerdings eine Fähigkeit der Seele weiter ausbilden, die auch im gewöhnlichen Leben vorhanden ist. Und indem man von der weiteren Ausbildung dieser Fähigkeit spricht, wird man natürlich von denjenigen Leuten, die heute die Wissenschaft gepachtet zu haben glauben, selbstverständlich als Dilettant verschrieen, weil sie verlangen, daß Wissenschaft sich gerade von dieser Fähigkeit vollständig fernhält. Aber diese Fähigkeit, die ich gleich charakterisieren werde, sie ist durchaus auch als eine Erkenntniskraft auszubilden, und das geht so zu: Besteht das Erste darin, daß man eine gewisse Vorstellung in Meditation und Konzentration dauernd macht, das Zweite, daß man das Dauernde wieder aus dem Bewußtsein fortschafft und wie Systole und Diastole das Auftauchen der Vorstellung, das Versinken der Vorstellung willkürlich beherrscht, so besteht nun das Dritte darin, daß man die ganz gewöhnliche Fähigkeit, auf irgendeinen Gegenstand der Außenwelt die Aufmerksamkeit zu wenden, weiterausbildet. Merkhaftigkeit möchte ich diese Aufmerksamkeit nennen; das ist die besondere Fähigkeit, etwas genau ins Auge zu fassen, die Seelenfähigkeiten so zusammenzuziehen, daß diese Merkhaftigkeit sich auf einzelne Gegenstände oder auf einzelne Wesen richtet. Diese Fähigkeit, die im Leben nur durch Äußeres veranlaßt ist - oder auch durch solches Inneres, das hier nebensächlich ist —, diese Fähigkeit kann systematisch ausgebildet werden, indem man die Merkhaftigkeit, die Aufmerksamkeitsfähigkeit steigert, indem man sich immer mehr und mehr anstrengt, diese Konzentration der Seele zu vollziehen, die sich auf einzelne Gegenstände hin richtet, so daß die Seele ganz aufgeht in einem Gegenstand, nicht darüber hinhuscht, sondern das ganze Wesen in den Gegenstand hineinlegt. Dadurch, daß man diese Fähigkeit kultiviert, steigert man sie zu dem, was ich aktives, inneres Interesse nennen möchte. Da merkt man schon, wie aus den Tiefen der Seele heraus dann etwas aufsteigt, was von innen diese Merkhaftigkeit durchsetzt. Und man merkt die Verwandtschaft desjenigen, was da aus dem Innern des Menschen kommt, mit einer im gewöhnlichen Leben sehr, sehr notwendigen menschlichen Fähigkeit, mit der Kraft der Liebe.
Meine sehr verehrten Anwesenden, zwischen der Aufmerksamkeit und der Liebe kann eine gerade Linie gezogen werden, an deren Beginn die Aufmerksamkeit liegt, an deren weiterem Verfolg die Liebe liegt. Denn diese Liebe ist nichts anderes als eine höchstgesteigerte Aufmerksamkeit, ein völliges Hingeben an den geliebten Gegenstand. Gewiß, man wird als Dilettant verschrieen, wenn man sagt: Wenn man besonders dasjenige ausbildet, was sonst unbewußt, instinktiv von der Aufmerksamkeit auf einen Menschen oder auf einen Gegenstand zur Liebe wird, und wenn das durch Willkür wiederum in eine Seelenverfassung, die von einem solchen inneren Bewußtseinslicht durchzogen ist, wie sonst nur das mathematische Leben, wenn das so ausgebildet wird, dann ist Liebe nicht bloß eine Fähigkeit des gewöhnlichen Lebens, eine Eigenschaft und Zierde des gewöhnlichen Lebens, dann wird sie eine Erkenntniskraft, eine solche Erkenntniskraft, durch die man wirklich ins Objekt hinüber sich leben kann. Das aber ist notwendig, wenn wir die geistigen Inhalte, die geistigen Vorgänge der Welt erleben wollen. Da müssen wir die Liebe, die sonst nur dem äußeren Sinnesobjekt gegenüber auftritt, so ausbilden, daß sie zur Erkenntniskraft wird, daß die Seele wirklich sich voll hingeben kann an die Objekte, denn die geistige Welt verlangt, wenn sie sich enthüllen, wenn sie sich offenbaren soll, daß man sich so an die Objekte hingeben kann. Das tritt also als ein drittes Ergebnis auf, wenn man die Liebe ausbildet zu einer Erkenntniskraft. Da lernt man das Menschenleben in einer neuen Weise anschauen.
Da sagt man sich zum Beispiel: Nun, ich lebe irgendwo, umgeben von Menschen. Hunderte von Menschen sind um mich herum, einzelne von ihnen kenne ich gar nicht; andere kenne ich, gehe aber doch gleichgültig an ihnen vorüber; einzelne von diesen Hunderten stehen mir besonders nahe. Es geschieht ein Ereignis, ein Todesfall innerhalb dieser mich umgebenden Menschen. Es kann das geschehen, daß das mir gleichgültig ist; es kann auch so geschehen, daß dieser Todesfall für mich ein Schicksalsschlag ist, weil ich zu dem Menschen, der durch den Tod gegangen ist, in ein näheres Verhältnis getreten bin. Und nun lernt man von solchen Dingen: Wenn man sieht, daß aus der ganzen Fülle des Lebens gewisse Dinge einem näherstehen, gewisse Vorgänge mit einem verbundener sind als andere, lernt man zurückblicken auf die Art und Weise, wie man zu diesen Erlebnissen gekommen ist. Ist man ausgestattet mit jener Erkenntnisfähigkeit, die aus der Liebe herausentwickelt ist, dann sieht man den Weg, den man in diesem Leben gemacht hat seit der Geburt. Man lernt einen inneren vernünftigen Zusammenhang kennen, der allerdings sonst unbewußt abläuft. Man lernt sich sagen: Ich blicke von jetzt zurück. Vor dreißig Jahren, da habe ich etwas unternommen, was ganz ferne lag denjenigen Ereignissen, die ich heute erlebe. Aber wenn ich das, was ich damals unternommen habe, verknüpfe mit dem, was ich vor fünfundzwanzig Jahren unternommen habe, vor zwanzig Jahren, vor zehn Jahren, und dann die Strömung verfolge bis zu dem, was ich gegenwärtig erlebe, dann merke ich einen inneren Zusammenhang. Ich merke vor allen Dingen eines: Dasjenige, was mir sonst so scheint, als hätte nur ein äußeres, naturmechanisches Leben mich geschoben, das erscheint mir nun hervorgehend aus meinem Willen. Es war mir nicht bewußt, und dennoch war es der in mir selbst wirkende Wille, der schon vor dreißig Jahren Dinge unternommen hat, die in ihrem weiteren Fortgang zu meinen heutigen Schicksalserlebnissen führen. Ich erlebe das Schicksal in seinem Zusammenhang mit dem Willen. Das Schicksal in seinem Zusammenhang mit dem Willen der innersten Menschennatur enthüllt sich, aber so, daß man mit der Erkenntniskraft der Liebe jetzt zurückblicken kann in frühere Erdenleben. Man sieht: Aus vorigen Erdenleben rühren die Impulse her, die zunächst unbewußt geblieben sind und die machen, daß man nicht durch äußere mechanische Naturordnung hingeschoben wird zu seinen Erlebnissen, sondern daß man hingeschoben wird zu demjenigen, was in einen gepflanzt war im vorigen Erdenleben, was dann geistig weiter ausgebildet worden ist zwischen dem Tod und der letzten Geburt und was jetzt in einem lebt, was einen von Lebensereignis zu Lebensereignis führt, insofern diese Ereignisse solcher Art sind, daß sie einen unmittelbar ergreifen. Man lernt den Zusammenhang des jetzigen Lebens mit früheren Leben kennen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, solche Zusammenhänge lernt man nicht erkennen, wenn man nicht die Liebe zu einer Erkenntniskraft macht. Denn dadurch, daß man die Liebe zu einer Erkenntniskraft macht, gelangt man tief, tief in das eigene Innere hinein, da, wo die Ursachen sitzen, die sich sonst unserer Bewußtheit entziehen. Und diese Ursachen sind es, die uns aus diesem Leben heraus in frühere Erdenleben weisen. Es ist wirklich so, daß durch diese Erkenntnisfähigkeit, die verwandelte Liebeskraft ist, gewissermaßen aus uns selbst etwas bloßgelegt wird, so wie wir sonst im chemischen Laboratorium aus gewissen Substanzen durch Reagenzien etwas bloßlegen, was man eben nur durch diese Reagenzien sieht. Wenn der Geistesforscher dieses schildert, schildert er es durchaus aus so exaktem Denken heraus, wie er es sich angeeignet hat durch mathematische Gewissenhaftigkeit, mathematische Gründlichkeit und mathematisches Verantwortlichkeitsgefühl. Geradeso, wie diese Mathematik geschöpft wird aus dem menschlichen Innern, aber gültig ist für die Außenwelt, geradeso wird geschöpft [aus dem menschlichen Innern] dasjenige, was da auftritt als drittes Ergebnis, indem man zurückblickt in frühere Erdenleben. Das wird erreicht durch die Erkenntnisfähigkeit, die sich entwickelt durch eine Umwandlung jener Seelenkräfte, die sonst nur im äußeren Leben auftreten und da als eine praktische Kraft in das Leben sich hineinstellen.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Ihnen jetzt geschildert die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Anthroposophie. Indem man hinblickt auf dasjenige, was so geschildert werden kann, sieht man ja leicht ein, daß es sich da wahrhaftig nicht um etwas handelt, was bloß theoretisch ist, sondern um etwas, was den ganzen Menschen ergreifen muß, denn gerade diejenigen Erkenntnisse habe ich auch heute hingestellt, die sich unmittelbar auf den Menschen selbst beziehen. Gewiß, es kann nicht jeder ein Geistesforscher werden, ebensowenig wie jeder ein Chemiker oder ein Astronom werden kann. Aber mit dem gesunden Menschenverstand ist das durchaus zu begreifen, was Astronomie, Chemie, Physik lehren. Ebenso ist das mit dem gesunden Menschenverstand zu begreifen, was der Geistesforscher herausholt aus den Tiefen der menschlichen Seele, wenn man sich die Dinge nur nicht vermauert durch wissenschaftliche Vorurteile. Dann aber, wenn es herausgeholt und zu Lebensweisheit wird, dann wird es auch Lebenspraxis. Und ich möchte, weil ich es nicht liebe, in allgemeinen Abstraktionen zu schildern, an konkreten Beispielen zeigen, wie diese Dinge Lebenspraxis werden, wenn sie in den Menschen einströmen, indem er sich durchdringt mit den Erkenntnissen anthroposophischer Geisteswissenschaft.
Ich habe es ja schon öfter erwähnt, wie diese anthroposophische Geisteswissenschaft nicht als Weltanschauung, sondern als Lebenspraxis Anwendung gefunden hat in der hier in Stuttgart von Herrn Molt gegründeten Waldorfschule. In dieser Waldorfschule wird nicht angestrebt, eine bestimmte Weltanschauung den Kindern einzutrichtern; wer das behauptet, verleumdet die Waldorfschule. Nicht um eine Weltanschauungsschule handelt es sich, sondern darum, daß durch die Fruchtbarmachung der geisteswissenschaftlichen Impulse der ganze Mensch ergriffen wird, sein Gemüt, sein Wille ergriffen wird; daß aus ihm durch die Anwendung geisteswissenschaftlicher Ideen auch das Gemüt, das Gefühl und der Wille umgeändert werden, erkraftet werden. Und um dasjenige, was pädagogische Kunst durch diese Gemütsumwandlung, diese Willenserkraftung gewinnen kann, handelt es sich in der Methodik der Waldorfschule. Wir wollen den Kindern nicht einen bestimmten [geisteswissenschaftlichen] Inhalt überliefern, sondern wir wollen, daß aus dem, was man durch anthroposophische Geisteswissenschaft gewinnen kann, Geschicklichkeit in der pädagogischen Kunst, Handhabung der Erziehung und des Unterrichts, also Lebenspraxis folge.
Nun, da möchte ich Ihnen eben an einem lebenspraktischen Beispiel zeigen, was für viele Gebiete, ja für alle Gebiete der Lebenspraxis in bezug auf Geisteswissenschaft gilt. Wenn das Kind in die Waldorfschule hereinkommt, so ist es gerade in einem Lebensalter, das für den Kenner eine hohe soziale Wichtigkeit hat. Dieser Lebensabschnitt des Kindes vom Beginn des Zahnwechsels bis zum Beginn der Geschlechtsreife, den wir gerade zu pflegen haben durch Erziehung und Unterricht in der Waldorfschule, er hat vor allen Dingen auch eine große soziale Bedeutung. Die soziale Frage wird nicht durch Institutionen gelöst. Diejenigen Menschen huldigen einem sozialen Aberglauben, die da meinen, man müsse nur dieses oder jenes im Leben so oder so einrichten, dann werde eine soziale Ordnung, die befriedigend ist, entstehen. Man kann nur mit einer gewissen Wehmut zuschauen den sozialen oder sozialistischen Experimenten, die bloß auf äußere Institutionen hinschauen. Nein, das menschliche Leben wird nicht durch Institutionen, durch irgendwelche äußeren Verhältnisse in erster Linie geformt. Dieses menschliche Leben wird geformt durch die Menschen selbst. Ob dieses menschliche Leben ein sozial befriedigendes Gebilde sein kann oder nicht, hängt nicht davon ab, wie wir die Institutionen machen, sondern davon, wie die Menschen sich innerhalb der Institutionen benehmen. Man sollte nicht sprechen von sozialen Instituten und Institutionen, sondern von sozial gesinnten [und sozial handelnden] Menschen. Darum handelt es sich vor allen Dingen, wenn wir ganz im Ernste und mit voller Verantwortlichkeit heute die soziale Frage ansehen als eine lebenspraktische Frage, daß wir die Wege finden, in die menschlichen Seelen hinein soziale Gesinnung, soziales Verständnis zu bringen. Darum fordert ja der Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus die Gliederung der sozialen Ordnung in ein selbständiges Geistesleben, ein selbständiges Rechts- oder Staats- oder politisches Leben, ein selbständiges Wirtschaftsleben, weil er der Meinung ist, daß, indem die Menschen anschauen diese drei Glieder des sozialen Organismus in ihrer Selbständigkeit, aus ihnen die Kräfte geholt werden, die sie zu sozialen Wesen machen. Aber das selbständige Geistesleben, dem ja in einem hervorragenden Maße besonders das Erziehungswesen angehört, das ist von einer ganz besonderen Wichtigkeit für die Gestaltung des sozialen Organismus.
Ich habe es öfter hier ausgeführt, wie das Kind bis zum Zahnwechsel hin vorzugsweise ein nachahmendes Wesen ist. Ich habe ausgeführt, wie die kindliche Natur strebt danach, besonders am Ende dieser Lebensperiode gegen den Zahnwechsel hin - es setzt sich das noch etwas darüber hinaus fort -, dasjenige nachzubilden in seiner eigenen Tätigkeit, was in seiner Umgebung getan wird, ja sogar dasjenige, was in seiner Umgebung empfunden und gedacht wird. Das ändert sich mit dem Zahnwechsel. Da bleibt zwar die Nachahmung bis zum achten oder neunten Jahr durchaus als eine Kraft bestehen, mit der der Lehrer, der Erzieher in der Volksschule zu rechnen hat, aber es tritt etwas auf, was von einer ganz besonderen Wichtigkeit ist. Es tritt das auf, was ich charakterisiert habe als die Wirkung eines naturgemäßen Autoritätsgefühls in der kindlichen Seele. Man kann sich streiten, ob man diese Autorität in der Schule pflegen soll oder nicht. Man kann, wenn man die naturgemäßen Notwendigkeiten des Daseins durchschaut, darüber ebenso streiten, wie man streiten kann darüber, ob man irgendwo etwas anzünden soll, wenn man ein Feuer haben will, oder ob man irgendeine andere unpassende Verrichtung dafür wählen soll. Wenn jemand das Anzünden nicht will aus besonderen Gründen und doch Feuer haben will, ist das etwas Unmögliches. Und wenn jemand die Kinder in einer gewissen Weise leiten will vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, dann muß er neben sie Lehrer und Erzieher stellen, die sie als ihre Autoritäten erleben, zu denen sie hinaufblicken als zu ihren naturgemäßen Autoritäten. Und alles Deklamieren von anschaulichem Unterricht ist weniger wert als das Durchschauen dieses Umstandes, was es bedeutet für das Kind, daß es sich hinneigt zu einer Wahrheit, zu einer Erkenntnis, zu einem sittlichen Impuls, zu einer ästhetischen Empfindung deshalb, weil der verehrte Lehrer und Erzieher nach diesen Impulsen hin orientiert ist. Aus dem Erleben des Kindes, dem Erleben des erziehenden, unterrichtenden Erwachsenen durch das Kind, entsteht eine Kraft, die ausgebildet werden muß zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahr. Sie muß, wenn das Kind gedeihen soll, so ausgebildet werden, wie das Leben während des Tages beleuchtet werden muß von dem Sonnenlicht. Das, was man da berührt, ist eben durchaus eine Lebensnotwendigkeit.
Was wird da ausgebildet? -— Um das zu erkennen, meine sehr verehrten Anwesenden, muß man das Leben in seiner Ganzheit durchlaufen. Man darf nicht jene künstlich geschürte pädagogische Weltanschauung oder Lebensanschauung haben, die nur auf das Kind hinsieht, sondern man muß eine solche Anschauung haben, die das Leben des ganzen Menschen überblickt. Man muß sich fragen: Wie hängt das kindliche Leben mit späteren Lebensaltern zusammen? — Geradeso, wie physikalische Gesetze studiert werden können und, wenn sie sich rhythmisch vollziehen, manchmal die Wirkung weit von der Ursache entfernt ist, so vollziehen sich auch die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung im menschlichen Leben. Aus dem, was da von der Kindesseele erlebt wird vom siebenten bis vierzehnten Jahr ungefähr - in den Jahren, in denen es naturgemäß Autoritätsempfinden hat gegenüber dem verehrten Lehrer und Erzieher, in denen es aufnimmt auf Autorität hin das, was er ihm vorbildlich vorlebt -, entwickelt das Kind etwas, was dann sozusagen in den Untergrund des Lebens hinuntertaucht und erst wiederum zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr hervorkommt. Und als was kommt es hervor? Verwandelt, metamorphosiert kommt es hervor. Dasjenige, was in der kindlichen Seele durch Autorität neben dem verehrten Lehrer sich entwickelt, das verwandelt sich, Element für Element, in soziales Gefühl in den Zwanzigerjahren - das wird soziale Lebenspraxis. Das, was wir uns an den einzelnen mehr oder weniger verehrten Lehrern angeeignet haben als Kinder, das übertragen wir auf unseren Verkehr mit den übrigen Menschen. Wer heute das Leben in seiner Praxis überschaut und wer überschaut, wieviel Unsoziales in unserer Gegenwart lebt — er sieht dieses Unsoziale, und er blickt zurück auf eine unzulängliche pädagogische Kunst, die nicht vermochte, in denjenigen, die heute im sozialen Leben stehen, in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife das zu entwickeln, was ich eben charakterisiert habe. Das aber wird derjenige entwikkeln, der seinen Willen und sein Gemüt hat anregen lassen von den Impulsen der Geisteswissenschaft. Das wird anregen derjenige Lehrer, der Geisteswissenschaft so in sich verarbeitet hat, daß sie in ihm zur Geschicklichkeit, zur Kunst, zur äußeren Handlungsfähigkeit geworden ist. So sehen wir, was auf einem eingeschränkten Gebiet, auf dem Gebiet des Erziehens und Unterrichtens für das soziale Leben getan werden kann, wenn man das Leben versteht — und man kann das Leben nur verstehen, wenn man es auch in bezug auf seine geistigen Untergründe versteht. Und so, meine sehr verehrten Anwesenden, so ist es auch in bezug auf die praktischsten Gebiete des Lebens - ich werde das noch im einzelnen zeigen.
Ich möchte zunächst anknüpfen an eine zeitgenössische Äußerung, wiederum nicht um polemisch zu sein, sondern um zu zeigen, wie dieser Zusammenhang von anthroposophischer Weltgesinnung und Lebenspraxis sich eigentlich gestaltet. Es ist merkwürdig - dieser Lizentiat der Theologie Kurt Leese wirft mir vor, gerade da, wo er sagt, daß Anthroposophie ärgerlich und unleidlich wäre, daß ich ein Bravourstück in Begriffen vollführt hätte. Nun, ich will die Sache nur kurz anführen - ich habe die Tatsache, auf die sich das bezieht, schon öfter auseinandergesetzt. Wer die Sache nicht gleich überschaut, kann die betreffenden Tatsachen auch nachlesen in meinem Buche «Von Seelenrätseln», wo ich sie im Anhang dargestellt habe. Ich war genötigt, nachdem ich eine dreißigjährige Forschung darauf verwendet habe, einmal zu zeigen, wie der Mensch als Wesen dreigegliedert ist. Das hat nichts direkt zu tun mit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Nicht soll mit solchen Dingen ein Analogiespiel getrieben werden - das habe ich ausdrücklich in meinem Buche «Die Kernpunkte» hervorgehoben -, aber es ist eine Tatsache: Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Er ist ein dreigliedriges Wesen, wenn wir ihn leiblich, seelisch und geistig anschauen. Er ist auch ein dreigliedriges Wesen in seiner leiblichen Konstitution. Er ist zunächst Nerven-Sinnesmensch. Das ist eine Organisation, die sich vorzugsweise im Haupte äußert, die aber über den ganzen Menschen verbreitet ist. In zweiter Linie ist der Mensch von einer rhythmischen Organisation durchzogen. Diese rhythmische Organisation äußert sich besonders im Atmungsrhythmus, im Herzrhythmus und so weiter, aber sie ist im Grunde wiederum über den ganzen Organismus verbreitet. In dritter Linie ist der Mensch ein Stoffwechselorganismus, der sich insbesondere im Unterleib und im Gliedmaßensystem äußert, wo er sich besonders in der Arbeit des Stoffwechsels und in der Muskelbewegung geltend macht; da zeigt sich dieser Stoffwechselorganismus, der aber wiederum über den ganzen Menschen verbreitet ist. Nun mußte ich sagen, daß, wenn man so etwas durchschauen will, man nicht so schematische Begriffe machen darf: Der Mensch ist oben Kopf, da macht man einen Strich, wenn man ihm auch nicht gerade den Kopf abschneidet; der rhythmische Mensch ist in der Mitte, dann schiebt man den dritten Teil noch an. — Weil das nicht möglich ist, weil gewissermaßen jedes einzelne der Systeme das andere durchzieht, muß man also eine andere Gliederung in die Gedanken aufnehmen als die Gliederung, an die der ans Schematisch-Pedantische gewöhnte heutige Gelehrte gewöhnt ist. Das sei, so sagt Leese, ein Begriffsbravourstück.
Nun, das heutige Denken könnte viel lernen von der Scholastik. Ich habe ja gewiß keinen äußeren Grund, nach dieser Richtung hin mich besonders freundlich zu zeigen, aber mir ist es auch nicht darum zu tun, nur Feindschaft mit Feindschaft zu vergelten. Trotz aller Angriffe von einer gewissen Seite her muß ich doch betonen, daß selbst die heutigen Philosophen außerordentlich viel lernen könnten von der inneren Denkdisziplin der Scholastiker. Wenn man von der Scholastik gelernt hat, wenn man gelernt hat, mit seinem Denken so elastisch zu sein, so innerlich beweglich zu sein, so unschematisch zu sein, wie die Wirklichkeit unschematisch ist, dann hat man etwas gelernt, womit man nicht nur wissenschaftlich schematisieren kann, sondern womit man untertauchen kann in das Leben, denn das Leben, die Wirklichkeit, die Praxis, sie verlangen ein elastisches, bewegliches Denken. Und wenn wir in die äußersten Ranken des praktischen, geschäftlichen Lebens, des technischen Lebens hineingehen — gedeihen kann das nur, wenn wir durch unsere Erziehung in dasselbe hineintragen können ein bewegliches, ein elastisches Denken. Wenn wir die heutigen Routiniers der Lebenspraxis anschauen, dann sehen wir, was in dieser Richtung von seiten des Geisteslebens versäumt worden ist.
Die heutige Naturwissenschaft, sie legt einen besonderen Wert darauf, daß man, wie man sagt objektiv werde, daß so erforscht werden die Dinge, daß der Mensch nur ja nichts dazusage oder dazubringe, wenn er die Tatsachen in Gesetze faßt. Also man beschäftigt sich, und das auf einem gewissen Gebiet durchaus mit Recht, mit einer äußeren Tatsache der Natur, indem man möglichst gar keine Rücksicht auf den Menschen nimmt, indem man alles Menschliche ausschaltet, wenn man über die Natur spricht. Und einzig und allein in bezug auf die Naturwissenschaft ist die Gegenwart groß geworden; man schaltet da alles aus, was menschliches Gemüt und menschlicher Wille ist. Aber heute muß man, weil die Naivität, das Instinktive des sozialen Lebens in seinem Übergang in ein Bewußstes ist, bewußt, mit Lebenspraxis an soziale Handlungen, an soziale Lebenseinrichtungen herantreten. Man hat gelernt und lernt durch alle populären Unterweisungen, die heute in das Volk hineingetragen werden, nur etwas zu wissen, was abseits steht vom menschlichen Gemüt, vom menschlichen Willen. Dann aber, wenn man nun nachdenken soll, bewußt nachdenken soll, wie das industrielle, das technische, das soziale Leben überhaupt zu beherrschen und zu behandeln ist, soll man gegenübertreten gerade dem Gemüte, dem Willen des anderen Menschen. Man lernt heute eine Wissenschaft, die groß ist, die gar nicht sich erstreckt auf das Gemüt und den Willen, und will sich dann hineinstellen in die Lebenspraxis. Aber da drinnen ist nicht das enthalten, was die Natur gibt; da im Leben stehen wir Menschen gegenüber, Menschen mit Gemüt und Willen. Und jetzt sind wir aus der heutigen Erziehung heraus gar nicht gewöhnt, nachzudenken über Gemüt und Wille.
Sehen Sie, da tritt Geisteswissenschaft ein, die nicht bloß einseitig auf dasjenige geht, was abseits vom Menschen ist, sondern die gerade den Menschen in die Mitte des ganzen Kosmos stellt, die den ganzen Menschen behandelt. Geisteswissenschaft lebt sich durchaus nicht etwa unintellektuell aus, sie ist durchaus iintellektuell, aber so, daß das Intellektuelle in Gemüt und Wille übergeht, Gemüt und Wille ergreift. Deshalb kann diese Geisteswissenschaft auch unmittelbar soziales Wissen und damit soziale lebendige Wissenschaft, das heißt soziale Lebenspraxis werden. Nun, noch ein anderes lernt man kennen: Man lernt das Geistige kennen; man nähert sich durch die geisteswissenschaftlichen Impulse dem Geistigen. Man ergreift damit den ganzen Menschen. Studiert man heute Naturwissenschaft, so lernt man erkennen den kausalen Zusammenhang in der Natur. Dem steht ferne dasjenige, was moralische Weltordnung ist, was sittliche Lebenskräfte sind. In dem Klassifizieren der Mineralien, Pflanzen und Tiere, in den Erscheinungen der Wolken, in dem Gang der Sterne über den Himmel beobachten wir heute nach unserer Wissenschaftsmethode keine moralischen Lebenskräfte. Beginnen wir nun die Lebenspraxis anzugreifen mit dem, was wir aus dieser Wissenschaft gewöhnt sind, dann stehen wir dilettantisch, gefühllos gegenüber unserem Nebenmenschen, denn wir können uns nicht hineindenken, nicht hineinvorstellen in Gefühle und Willen der Menschen, und wir können vor allen Dingen nicht hineintragen Ethisches, Sittliches, Geistiges in die Lebenspraxis. Aber indem Geisteswissenschaft den ganzen Menschen ergreift, ist ja im ganzen Menschen zugleich das Moralische darinnen. Und wir entdecken das Moralische mit dem Theoretischen zugleich. Wir gründen keine Weltanschauung, ohne daß wir sie durchtränken mit dem Moralischen. Wir sehen in der Anthroposophie nicht hinaus in eine Welt, die eine gleichgültige Naturordnung ist, sondern wir sehen in eine Welt, die überall zugleich von Moralischem durchzogen ist, nicht indem wir das Moralische in sie hineinphantasieren, sondern indem wir das Moralische aus ihrer eigenen Ordnung herauskommen sehen. Wir sehen das bei den vergangenen Erdenleben, wo uns das Moralische unmittelbar in seiner Ursachenwirkung auftritt innerhalb der Naturordnung, aber zu unserer Weltordnung gehörig. Das ist dasjenige, was als eine richtige Lebenspraxis aus der Geisteswisssenschaft herausquillt, wenn sie den Menschen durchdringt.
Das aber vertieft diese Lebenspraxis auch mit religiösen Impulsen, mit religiöser Wärme. Denn wenn das Intellektuelle zu den geistigen Tatsachen führt, wenn es ethisch durchsetzt wird, dann wird es zu gleicher Zeit von religiösen Impulsen getragen. Und wenn der Mensch aus dem Erfassen seiner eigenen Wesenheit mit geistigen, sittlichen und religiösen Impulsen an die Lebenspraxis herangeht, dann wird er allein gesundend auf das soziale Leben wirken können. Denn dann steht er auf dem Punkt, den ich öfter charakterisiert habe und den Geisteswissenschaft erreichen will, auf dem Punkt, von dem durchaus gesagt werden kann: Eins wird das moralische Leben und das theoretische, das wissenschaftliche Leben; sie wachsen durchaus zusammen. Und dadurch, daß das moralische und das wissenschaftliche Leben zusammenwachsen, haben wir nicht irgend etwas Geistiges, in das wir uns weltflüchtig begeben wollen, haben wir nicht eine nebulose Mystik, in die wir hinein entfliehen wollen — nein, wir haben das Geistige als lebendige Kraft in uns, so daß wir es in das materielle Leben hineintragen. Wir werden mit dem Geistigen in uns Besieger des Materiellen. Wir durchtränken das Materielle mit dem Geistigen. Wir werden nicht träumende, lebensfremde und damit lebenslügnerische Mystiker, sondern wir werden lebensfreundliche Geisteswissenschafter, die in die Praxis, in das Materielle des Lebens untertauchen mit demjenigen, was sie als Geistiges belebt. Denn nicht derjenige neigt dem Geiste zu, der von der Niedrigkeit der Materie spricht und ihr entfliehen will, um als nebuloser Mystiker in irgendein nebuloses Geisterreich zu entfliehen, sondern derjenige hängt dem Geiste an und macht, daß seine Impulse Impulse der Lebenspraxis werden, der bei jedem Schritt des Lebens den Geist hineinzutragen weiß in das Materielle, in die äußere Lebenspraxis.
Das ist dasjenige, was gerade heute bei den meisten auf Widerstand stößt. Die Schriften werden ja nach und nach unzählig, welche gegen Anthroposophie geschrieben werden. In einer der neuesten Schriften lesen wir einen Passus, der so recht ihre Gesinnung charakterisiert. Da lesen wir, daß durch Anthroposophie und das, was ihr verwandt ist, die heilige Unberührtheit des Ewigen verhängnisvoll heruntergezogen werde in die Niederungen des Irdisch-Sinnlichen und daß damit der Mensch gebracht werde um die besten Kräfte für seinen sittlichen Aufschwung. Also diese Dinge werden heute vorgebracht. Das ist von einem Uhniversitätskatheder herunter verkündet worden. Es wird sogar gesagt, es wäre eine Sünde wider den heiligen Geist, wenn man auf diese Weise den Menschen um seine besten Kräfte bringen wolle. - Das wird heute den Leuten klargemacht, daß Anthroposophie sündige an der Menschheit, weil sie den ganzen Menschen zur Erziehung bringen will, weil sie den Geist hereinbringen will in jeden Schritt der Lebenspraxis. Sie wird nicht nachlassen, diese Anthroposophie, gerade darin ihre Aufgabe zu sehen, daß sie den Geist in die Lebenspraxis einführt. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wer heute nach dem sozialen Unheil hinschaut und es mit Verständnis zu durchschauen weiß, der weiß, daß gerade von solchen Ansichten, die «das Übersinnliche aus der heiligen Unberührtheit nicht in die Niederungen des irdisch-sinnlichen Lebens» heruntertragen wollen, das heutige Heillose in der sozialen Ordnung herrührt. Wir leben im sozialen Chaos, weil diejenigen die Führung gehabt haben, die in ein mystisches Nebeltum hinauftragen wollen die heilige Unberührtheit mit dem Geistigen, und die keinen Sinn und kein Herz haben für das Hineintragen des Geistes in die Lebenspraxis. Er ist daher auch an den wichtigsten Stellen dieser Lebenspraxis nicht darinnen.
Wenn ich mir dadurch auch wiederum den Vorwurf zuziehen sollte, daß ich polemisch werde, ich will doch an eine Sache anknüpfen, um wahrhaftig noch etwas anderes zu charakterisieren als dasjenige, was Angriffe gegen die anthroposophische Weltanschauung sind. Sehen Sie, in Dornach, ich habe es ja öfter erwähnt, wird eine Stätte der anthroposophischen Geisteswissenschaft gebaut. Da drinnen wird sein, wenn sie einmal fertig ist, eine neuneinhalb Meter hohe Holzgruppe, welche darstellen wird dasjenige, was das eigentliche Wesen des Menschlichen ist, aber durchaus ins Künstlerische umgesetzt. In der Mitte dieser Holzgruppe ist eine Christus-ähnliche Figur. Diese Figur - ich habe den Kopf dieser Figur in dem Vortrag, den ich hier im Kunsthaus drüben gehalten habe, im Lichtbild gezeigt, und diejenigen, die dazumal diesen Kopf gesehen haben, die werden auch gesehen haben, daß es ein wahrhaftig idealisierter Menschenkopf ist. Nicht Hunderte, sondern Tausende von Menschen haben gesehen, was in Dornach gearbeitet wird an dieser Gruppe, sie haben gesehen, daß man es eben zu tun hat mit einem durchaus idealisierten Menschenkopf - unten ist die Sache noch nicht fertig, es ist ein bloßer Holzklotz da; jetzt ist die Sache etwas weiter gediehen, aber es war noch ganz vor kurzem ein bloßer Holzklotz da. Nun, unter den mancherlei Dingen, die in der letzten Zeit erschienen sind, ist auch ein Büchelchen von nicht bloß einem Lizentiaten, sondern von einem Doktor der Theologie, der Johannes Frohnmeyer heißt. Ich würde das Büchelchen vielleicht nicht erwähnen, wenn nicht der Verlagsort Stuttgart wäre — «Calwer Vereinsbuchhandlung». Deshalb darf ich schon erwähnen wenn ich mich auch dem Vorwurf aussetze, daß ich diejenigen als Gegner bezeichne, die objektiv die Geisteswissenschaft charakterisieren wollen -, ich muß schon erwähnen, was sich auf Seite 107 dieses merkwürdigen Buches findet. Da wird gesagt - nicht etwa, daß dem Verfasser die Dinge von jemand erzählt worden sind, sondern als ob es sich um objektive Tatsachen handle:
Es wird gegenwärtig in Dornach eine neun Meter hohe Statue des Idealmenschen gemeißelt: nach oben mit «luziferischen» Zügen, nach unten mit tierischen Merkmalen.
Solchen Wahnsinn schreibt heute ein Doctor theologiae, nämlich der D. L. Johannes Frohnmeyer. Nun, mag mir vorgeworfen werden, daß ich durch das Vorbringen solcher Dinge, wenn ich sie ganz offen Lügen nenne, das Podium hier entheilige. Ich möchte einmal fragen: Was entheiligen denn diejenigen Menschen, die solche Unwahrheiten auf solchen Wegen in die Welt leiten? Ich möchte fragen - anknüpfend daran, daß dieser Mann außerdem Dozent und durch seine Missionstätigkeit der Lehrer von Unzähligen ist -: Wieviel von Wahrheit wird denn in der Lehrtätigkeit eines Menschen sein, der es so mit der Wahrheit hält? Es kommt heute schon darauf an, daß wir von unserer Geistesauffassung, von dem Durchchristetsein, den Geist der Wahrhaftigkeit in die Lebensauffassung hineintragen können.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dieser Frohnmeyer, dieser Kurt Leese und andere, sie kommen einem immer wieder und wiederum damit, daß in der Anthroposophie allerlei Erdichtetes sei, allerlei Phantasiertes, allerlei Mythen. Nun, Mythen dichten, wenn sie auch nicht besonders wertvoll sind, das scheinen unsere Gegner zu können, denn sie phantasieren das Unglaublichste gerade über die anthroposophische Geisteswissenschaft zusammen. Es ist eine Mythe, hier von dem, was oben einen idealisierten Menschenkopf hat, zu sagen, der habe luziferische Züge, unten gar tierische Züge - und es war unten doch ein bloßer Holzklotz. Wer das sieht in dem, was in Dornach steht, der erinnert mich an eine Anekdote, die ich mal gehört habe über die Art und Weise, wie gewisse Menschen, wenn sie abends nach Hause kommen, ihren Seelenzustand untersuchen. Sie legen sich ins Bett, und vor sich einen Zylinderhut. Sehen sie den Zylinderhut einmal, dann fühlen sie sich nüchtern, sehen sie den Zylinderhut zweimal, dann wissen sie, daß sie betrunken sind. — Ich glaube, daß man derlei Mythen nur dann dichten kann über anthroposophische Geisteswissenschaft, wenn man den Zylinderhut zweimal sieht. Und da möchte ich hinweisen darauf, wie gerade in bezug auf das Lebenspraktische betont werden muß der wirklichkeitsgemäße Grund der geisteswissenschaftlichen Gesinnung. Und wie wenig die Leute für dieses Wirklichkeitsgemäße Gefühl haben, zeigt sich an einem solchen Beispiel hinlänglich. Daher kann man auch in einem gewissen Sinn beruhigt sein, wenn dicke Bücher heute damit schließen:
Die Theosophie ...
- man meint die Anthroposophie, denn überall, wo Theosophie steht in dem Buche, ist ja die Anthroposophie gemeint, wie es im Vorwort heißt, der allgemeinen Verständlichkeit wegen —
Die Theosophie ist wie jede Mythologie ein Gedankentrauerspiel.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, lassen Sie es mich zum Schluß aussprechen: Derjenige, der forschen gelernt hat nach dem Muster strengsten mathematischen Erlebens und doch hinaufsteigend in alle Höhen des Geisteslebens und hinuntersteigend in alle Tiefen der Seele, wer so forschen gelernt hat, wie man in der wirklichen Geisteswissenschaft forschen muß, der wird mit einer gewissen Betrübnis sehen, wie vielfach heute der Geisteswissenschaft gerade die Wege zur Lebenspraxis hin verlegt werden, weil man ihr nicht mit Wahrheitssinn, sondern gerade mit Mythenbildung entgegenkommt, indem man Mythen über sie erdichtet, um sie verleumden zu können. Aber man kann auf der anderen Seite auch bauen auf das, was doch innig zusammenhängt mit allen wirklichen Fortschrittskräften der Menschheitsentwicklung: daß die Wahrheit sich zuletzt unbedingt durchringen muß gegen alle diejenigen, die selbst in einer Idealfiigur von dem Christus oben luziferische Züge und unten Tiermerkmale sehen. Es muß sich die Wahrheit durchringen. Und einstmals in der Zukunft - dem kann man mit Beruhigung vertrauen -, einstmals wird sich zeigen, ob Anthroposophie wirklich eine Mythologie und deshalb ein Gedankentrauerspiel ist oder ob alles dasjenige, was heute noch viele, manchmal sogar gutmeinende Gegner gegen sie vorbringen, sich enthüllen werde, zwar nicht als Gedankentrauerspiel, wohl aber als eine Gedankenkomödie.