Anthroposophy and its Opponents

GA 255b — 3 December 1920, Basel

Öffentlicher Vortrag

Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wert für den Menschen und ihr Verhältnis zu Kunst und Religion

Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich habe mir gestern erlaubt, im Verlaufe des Vortrages zu sprechen über einen der neuesten Beurteiler der hier gemeinten anthroposophischen Weltanschauung, über das Buch des Lizentiaten der Theologie Kurt Leese, der, wie ich gestern schon sagte, merkwürdigerweise vom Anfang bis zum Ende des Buches über Anthroposophie spricht, aber ausdrücklich sagt, daß er dafür die Bezeichnung «Theosophie» beibehalte, um dem allgemeinen Bewußtsein entgegenzukommen, daß er damit aber stets die anthroposophische Richtung Rudolf Steiners meine.

Nun möchte ich heute ausgehen von etwas, das gewissermaßen zu den Resultaten der Untersuchungen Kurt Leeses über Anthroposophie gehört. Nachdem dieser Mann, der, wie ich auch schon gestern bemerkte, so ziemlich alles, was öffentlich von mir erschienen ist, gelesen hat, nachdem er von seinem Gesichtspunkte aus die Anthroposophie und das, was zu ihr gehört, beleuchtet hat, kommt er auf einer der letzten Seiten seines Buches dazu, einen merkwürdigen Satz zu verzeichnen. Ich will diesen Satz zunächst vorlesen:

Was soll alles Reden vom Gottesdienst des Erkennens, von Lebensrätseln und ihren Lösungen, was soll aller Aufschwung der Erkenntnis in Urweltgründe und Urweltfernen, wenn der Theosoph ...

— also gemeint ist der Anthroposoph —

... nicht zu sagen vermag, warum es besser ist, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein, und warum denn eigentlich sieben Weltzeitaltern soviel an dem Werden und der Vollendung dieses Ich gelegen ist!?

Nun könnte man zunächst glauben, daß der Mann meint, nur der Anthroposoph wisse nicht zu sagen, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein, aber eigentlich geht aus dem folgenden hervor, daß er noch etwas ganz anderes meint, daß er eigentlich glaubt, niemand könne irgendwie herausbekommen, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein. Denn er sagt ja weiter:

Gegenüber solchen Welt- und Lebensrätseln ist auch der Theosoph ...

  • soll heißen Anthroposoph —

... nichts anderes als Positivist, der nicht mehr erklärt, ergründet, löst, sondern der das ethisch-individualistische Schicksal abendländischchristlicher Kulturentwicklung als nicht weiter zu rechtfertigende Selbstverständlichkeit hinnimmt, weil er sich ihm einfach nicht zu entziehen vermag.

Damit, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eigentlich nichts Geringeres als das folgende zugestanden. Niemand weiß eigentlich etwas zu sagen über die große Wertfrage des Lebens: Warum ist es nicht ebensogut, ein Nicht-Ich zu sein als ein Ich? - Und nachdem offenbar der Verfasser dieses Buches zugesteht, daß man das einfach als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen soll, daß man ein Ich ist, worüber man nicht weiter zu grübeln habe, meint er, daß auch die Anthroposophie darüber ja nichts zu sagen habe.

Nun, vergegenwärtigen wir uns einmal einiges von dem, was hervorgeht aus dem gestern Gesagten, und es sei mir dann erlaubt, mehr referierend daran zu knüpfen einiges von dem, was Sie finden können in der jetzt ja schon so reichen Literatur über Anthroposophie.

Indem der Mensch zunächst heranwächst, aus dem Unbewußten heraus immer bewußter und bewußter wird, gewissermaßen aus dem kindlichen Lebensschlaf und den kindlichen Lebensträumen heraus erwacht zu einem bewußteren Leben, fühlt er sich der Welt gegenübergestellt. Man darf wohl sagen, daß diese Gegenüberstellung der Welt zunächst eine solche ist, daß sie einem wirklich menschlichen Gemüte, einem menschlich vergeistigten Gemüte eigentlich Rätsel aufgibt, deren Lösungen aus dem Innern gesucht werden müssen. Während der Mensch so heranwächst, gehen ihm an der Welt selber die Rätsel auf. Er fühlt sich zunächst, man darf sagen in einer ganz unbestimmten Weise als ein Ich. Er fühlt gewissermaßen dieses Ich wie einen inneren Lebenspunkt, zu dem alles hinströmt, was er erfahren kann, von dem er auch weiß, daß alles ausströmt, was er tun kann. Aber er kommt darauf, und er muß nach und nach darauf kommen, daß das gerade die große Frage des Lebens ist: Wie steht dieses Ich zu der ganzen Umwelt, die uns eine solche Unsumme von Lebens- und Welträtseln aufgibt? - In dieser Frage: Wie steht das Ich zu der ganzen menschlichen Umwelt? verbirgt sich im Grunde genommen alles, was sonst an Lebens- und Welträtseln da ist.

Nun kann man sagen, in einer gewissen Weise lebensvoll zeigt sich ja schon auch im gewöhnlichen Dasein etwas von der Beziehung des Ich zu der Umwelt, indem dieses Ich mit der Umwelt in einer gewissen Weise zusammenwächst. Wir entfalten uns von der Kindheit an, was sich in irgendeinem späteren Lebensalter ja nicht bloß so zeigt, daß wir aufwachen zu einem vollen Ich-Bewußstsein, sondern wir entwickeln vor allen Dingen für unser Innenleben das ja gestern in seiner Bedeutung charakterisierte Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen, das uns unsere Erlebnisse zusammenschließt, das uns unser Leben als Ganzes erscheinen läßt, wenn wir zurückblicken bis zu dem Zeitpunkte, bis zu dem wir uns erinnern können. Wir dürfen sagen: Indem wir so stillhalten, zurückblicken in unser Leben, fühlen wir unser Ich verbunden mit alldem, was unsere Erlebnisse waren. Wir sind durch diese Erlebnisse hindurchgegangen, wir haben sie in unsere Ideen, in unsere Gedanken hereingenommen, wir haben Freude und Leid an ihnen erlebt, wir haben Glück und Schmerz durch sie erfahren, wir haben uns anregen lassen zu diesem oder jenem in unseren Handlungen, die dann herausgeströmt sind aus unserer Kraft in die Kraft des Lebens. Wir fühlen uns aber auch, wenn wir stillhalten und zurückblicken, mit dem verbunden, was in dieser Form unsere Erlebnisse waren, und wir können eigentlich keinen Augenblick unseres Lebens sagen, daß wir im Grunde etwas anderes sind als dasjenige, was uns in der Erinnerung zurückgeblieben ist von unseren Erlebnissen, von den Leiden und Freuden, die wir an diesen Erlebnissen gehabt haben, von dem Glück und dem Schmerz, die wir erfahren haben an diesen Erlebnissen, von der Befriedigung oder Unbefriedigung, die uns dadurch gekommen sind, daß wir aus diesen Erlebnissen dies oder jenes haben vollbringen können. Wir sind dasjenige, was wir erlebt haben. Es wird schon pathologisch, wenn im Menschen irgendwo dieser Gedankenfaden der Erinnerung abreißt. In der medizinischen Literatur sind die Fälle hinlänglich beschrieben, wo solche pathologischen Zustände eintreten, wo beim Menschen das zusammenhängende Bewußtsein der Erinnerung für dies oder jenes abbricht und er sich dadurch gewissermaßen ausgehöhlt empfindet, sein Wesen nicht mehr voll erleben kann.

Sehen Sie, da zeigt sich uns das Leben zunächst als eine Ausbreitung unseres Ich über dasjenige, was uns das Dasein seit unserer Geburt gebracht hat; es zeigt sich das Leben als ein innerliches Zusammenwachsen unseres Ich mit dem, was an uns herangetreten ist. Ich habe gestern gezeigt, wie nun der Mensch sein Übersinnliches in sich erweckt, indem er dasjenige, was in ihm über das gewöhnliche Erkenntnis- und Anschauungsvermögen hinaus entwickelt werden kann, in die übersinnlichen Welten hinein entfaltet und er dadurch zu einer noch weiteren Übersicht über die Welt kommt. Und ich konnte gestern einiges von den Ergebnissen anthroposophischer Weltanschauung andeuten. Ich konnte sagen, daß der Mensch zunächst dazu kommt, indem er sich zur imaginativen Erkenntnis erhebt, sein Leben nicht nur bis gegen die Geburt hin so zu wahrnehmen, daß er es als sein Eigenwesen empfindet - wie ein Meer, aus dem die einzelnen Erinnerungen auftauchen -, sondern daß er es wie ein Lebenspanorama, wie ein großes Tableau auf einmal überschaut, so daß er das Dauernde in diesem Erdenleben überblickt. Ich konnte aber auch darauf hinweisen, wie durch eine weitere Entwicklung des übersinnlichen Erkenntnisvermögens der Mensch zur Anschauung desjenigen kommt, was über Geburt und Tod hinausgeht, was das Ewige in ihm ist, was ihn also verbindet mit einer Welt, die umfassender ist als das, was er erleben kann zwischen Geburt und Tod. Und ich habe dann gezeigt, wie weiter diese Erkenntnis aufsteigen kann zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben. Da haben wir schon gesehen, wie dieses Ich nun hinauswächst über das gewöhnliche Anschauen des Ich, wie das Ich, das sich sonst im gewöhnlichen Leben verbunden fühlt mit den ihm zufließenden Lebensereignissen, wie dieses Ich sein Bewußtsein ausbreitet über eine weitere Welt.

Wenn Sie nun zu dem, was ich gestern andeuten konnte, hinzunehmen die anthroposophische Literatur, so werden Sie sehen, daß nun durch eine Ausbildung dieses Erkenntnisvermögens es auch möglich ist, den Zusammenhang des Ich mit dem ganzen übrigen Kosmos zu erfassen. Man mag spotten über das, was Anthroposophie über Welten und Weltenverwandlungen so vorzubringen hat, wie es zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» angedeutet ist, aber spotten kann eigentlich nur derjenige, der sich nicht versetzen kann in die Methode, durch die solche Dinge gefunden werden. Das Wesentliche, worauf es heute in dieser Betrachtung ankommt, ist aber, daß Anthroposophie nichts findet im Kosmos als das, womit das Ich seinem Wesen nach verbunden ist; das Wesentliche ist, daß Anthroposophie lehrt, den ganzen Kosmos, das ganze Weltenall so anzuschauen, daß das Ich in irgendeiner Weise mit allem, was in diesem Weltenall ist, mit diesem ganzen Makrokosmos als ein Mikrokosmos so verbunden ist, wie zunächst im gewöhnlichen Leben das Ich mit seinen Erlebnissen verbunden ist. Man möchte sagen: Anthroposophie bringt es dahin, das, was sonst nur die «kleine» Erinnerung in unseren Erlebnissen ist, zur Welterinnerung auszudehnen, zu einer Weltüberschau. So fühlen wir uns durch anthroposophische Erkenntnis erweitert, in dem ganzen Weltenall, in dem ganzen Kosmos drinnenstehend, wir fühlen das Ich in seinem Bewußtsein erweitert über diesen Kosmos, wir fühlen diesen Kosmos selbst als geistig und das Ich geistig mit diesem geistigen Kosmos verbunden.

Wer nicht fühlen kann, wie eine solche Erweiterung des Bewußtseins zurückwirkt auf das, was der Mensch sich in der Welt eigentlich ersehnen kann, der kann auch nicht über den Wert anthroposophischer Welterkenntnis für den Menschen urteilen. Dasjenige, was Anthroposophie geben kann, und dasjenige, was dann diese Ideen sein können für die Empfindung der Weltenseele, für die Sehnsuchten der Menschenseele, das muß eben von jedem einzelnen innerlich erlebt werden. Und es kann das so erlebt werden, daß es empfunden wird als Lösung gerade jenes Grundrätsels: Wie steht das Ich, das zunächst nur unbestimmt wie ein Punkt in unserem Inneren sich befindet, wie steht dieses Ich zu der Gesamtwelt? Wie tritt uns dasjenige, was wir selbst sind für unser Bewußtsein, aus der gesamten Welt entgegen?

Das, was in einer solchen Einwendung liegt — daß im Grunde genommen niemand sagen könne, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein —, das wird empfindungsgemäß dadurch beantwortet, daß gezeigt wird, warum eine solche Frage im Grunde genommen nicht richtig gestellt ist. Denn dasjenige, was wir wollen, ist nicht, aus irgendeiner Abstraktheit heraus diese Frage zu beantworten, sondern das, was wir eigentlich wollen, ist etwas, was unmittelbar dem Leben, dem Wachstum, der ganzen Entwicklung des Menschen selber angehört. Man könnte ebensogut fragen: Warum will das Kind ein großer Mensch, ein erwachsener Mensch werden? Es wird ein erwachsener Mensch. Es ist aber nicht selbstverständlich, daß man ein erwachsener Mensch wird, sondern man muß entwickeln dasjenige, was zum erwachsenen Menschen dazugehört. Das Kind hat gewissermaßen schlafend das Bewußtsein in sich; der Erwachsene dehnt das Bewußtsein über sich aus. Wer zum Bewußtsein kommt, dehnt das Bewußtsein, dieses Ich, über den geistigen Kosmos aus. Damit wächst der Mensch auf naturgemäße Weise in die Welt hinein. Damit ergibt sich für sein Fühlen die Frage nach dem Wert des Ich, denn dieser Wert des Ich wird empfunden an dem Werte der Welt. Und derjenige, der nichts wissen will über Weltenfernen und Weltenentwicklung, der kann auch niemals zu einem rechten Fühlen seines Ichs kommen, denn dieses Ich ist innerlich reich; es geht aus dem ganzen Welteninhalte hervor. Und nur, wenn man eine Empfindung hat für Weltenfernen und Weltenentwicklung, dann empfindet man aus diesen Weltenfernen und Weltenentwicklungen auch dasjenige, was das Ich als seine tiefsten Sehnsuchten hat. Aber man muß einen innerlich frischen, mutigen Sinn haben, um es gewissermaßen nicht zu unbequem zu finden, den Sinn in Weltenfernen und in Weltenentwicklungen zu senden, damit man die reiche, innerliche Empfindung von dem Ich haben kann und damit auch von dem Werte des Ich. Und es ist eine merkwürdige Frage, die Leese stellt: Warum sind sieben Weltenzeitalter notwendig, um dieses Ich zu entwickeln? Wer die Entwicklung dieser sieben Weltenzeitalter anschaut, der findet überall, wie sie Kräfte enthalten, die im Zusammenhang stehen mit der Entfaltung der menschlichen Iche, und er findet sich aus der Welt heraus begriffen, er fühlt, er faßt, er findet auch die Kräfte zu seinem Handeln aus demjenigen, was ihm aufgehen wird aus dem Bewußtsein seines Zusammenhangs mit dem Kosmos.

Meine sehr verehrten Anwesenden, es ist sehr merkwürdig, wenn Menschen alles das, was durch Anthroposophie erkannt werden soll, so beurteilen, wie sie es doch beurteilen müssen nach dem, was sie schon haben, wenn sie also nicht darauf eingehen, und dann, nachdem sie im Grunde genommen nichts verstanden haben von Anthroposophie, sagen: Ja, wozu ist das wert? Was erklärt einem das? — Ganz gewiß, das, was man nicht versteht, erklärt einem gar nichts, aber es liegt dann an denjenigen, die nicht verstehen wollen. Derjenige aber, der sich einläßt auf das, was anthroposophische Weltanschauung sein kann, der findet, indem er sich in Weltenfernen und Weltenweiten begibt mit seiner Seele, mit seinem Geiste, er findet darinnen eine volle Antwort. Im Verlaufe dieser Betrachtungen findet er eine volle Antwort für die Rätselfrage nach dem Werte des menschlichen Ich, denn es antwortet ihm die ganze Welt. Aber auch nichts als die ganze Welt ist geeignet, auf die Frage nach dem Werte des Ich zu antworten, und wer nicht will diese Antwort aus der ganzen Welt heraus, der wird immer zu einer solchen Rede kommen, wie dieser Beurteiler der Anthroposophie, der da sagt: Was kann uns das alles nützen, da es doch nichts entscheidet über die Frage, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein. — Aber das, was sich da mit einer gewissen Allgemeinheit ausdrückt, das drückt sich dann im einzelnen aus, wenn solche Beurteiler wie Leese herankommen an die besonderen Aufgaben anthroposophischer Wissenschaft. Da zum Beispiel muß ja gesagt werden innerhalb der anthroposophischen Wissenschaft: Wenn der Mensch dasjenige betrachtet, was gewissermaßen als eine Realität zusammenhält, was erscheint in Gedanken, Gefühlen und Willensimpulsen, so spricht Anthroposophie vom Träger der Gedanken, der Gefühle, der Willensimpulse, ganz gleichgültig, ob sie diesen Träger des Seelischen den astralischen Leib nennt oder nicht - wie gesagt, auf Worte kommt es nicht an, darauf braucht kein besonderer Wert gelegt zu werden. Nun kommt derselbe Beurteiler, der Lizentiat Kurt Leese, und sagt: Wozu ist es nötig, wenn man schon das Seelische beobachtet und beschreibt die Gedanken, die Gefühle, die Willensimpulse, wozu ist es nötig, einen besonderen Träger anzunehmen?

Nun, hier an diesem Punkte zeigt sich eben die ganze Unfähigkeit des Mitgehen-Könnens mit derjenigen Betrachtungsweise, die aus dem gewöhnlichen Leben heraus in das wirklich übersinnliche Leben der Seele hineinführt. Zunächst — abstrakt genommen kann es ziemlich überflüssig erscheinen, ob ich dabei stehenbleibe, das Gedankenleben, das Gefühlsleben, das Willensleben zu beschreiben, oder ob ich noch von einem Träger spreche. Aber man kommt ja niemals zu einer wirklichen wesenhaften Anschauung über dasjenige, was in der Seele lebt, wenn man nicht übergeht von dem, was bloß erscheint als Gedanke, Gefühl, Wille, zu dem Träger. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wie ich gestern zeigen konnte, wenn die Seele sich ihrer übersinnlichen Fähigkeiten bewußt wird, dann wird sie sich bewußt dessen, was sie ist in denjenigen Zeiten, wo sie sonst in unbewußtem Zustande zwischen Einschlafen und Aufwachen ist. Und derjenige, der Geistesforscher wird, erlebt, wie diese Seele ebenso zum leiblichen Leben sich verhält, wie sie sich sonst im Schlafe verhält, nur daß sie nun nicht bewußtlos, sondern bewußt ist. Gedanken, Gefühle und Willen, das kann man nur während des wachen Lebens beobachten; vom Einschlafen bis zum Aufwachen kann niemand das beobachten, außer als Nachbilder, oftmals Zerrbilder des Vorstellungslebens in den Träumen; niemand kann das, was Seelisches ist, beobachten ohne das Geisteswissenschaftliche. Man kommt also zu dem Realen des Seelischen gerade dadurch, daß man die Seele beobachtet in den Zuständen, wo sie sich heraushebt aus dem gewöhnlichen Vorstellen, Fühlen und Wollen. Bleibt man im gewöhnlichen Vorstellen, Fühlen und Wollen mit seiner Beobachtung drinnen, so kommt man nicht darauf, das Wesenhafte der Seele zu ergreifen. Was ist denn das also, wenn der Anthroposoph sagen muß, man gehe über von Vorstellen, Fühlen und Wollen zu einem «Träger»? Es ist das, daß der Anthroposoph anregen will, sich loszumachen von dem, was niemals Aufschluß über das Wesen der Seele gibt, daß der Mensch sich einen Ruck geben soll, das zu begreifen, was Leben der Seele ist.

Und so zeigt sich hier das, was ich gestern erwähnt habe, wenn ein solcher Beurteiler als Ergebnis sagt: Anthroposophie ist eigentlich ärgerlich und unleidlich. - Er empfindet sie als ärgerlich und unleidlich, weil sie jeden Moment an ihn einen gewissen Anspruch macht. Er soll hinauskommen über das, was er in seinen Denkgewohnheiten und Seelengewohnheiten des gewöhnlichen Lebens hat — das mag er nicht, das empfindet er als eine Zumutung, die man ihm nicht machen darf. Und da sagt er: Wozu sprichst du mir von einem «Träger»? — Würde er diesen Ruck sich geben und von diesem Träger sprechen, dann würde er eben den Weg finden in die geistige Welt hinein.

Sie sehen, dasjenige, was zunächst so erscheint, als ob es bloße Gedankenspiele wären — so etwas wie die Zusammenfassung von Denken, Fühlen und Wollen in dem Träger dieses Denkens, Fühlens und Wollens -, das ist etwas, was etwas Reales will, was einen Anstoß geben will zur Entwicklung der höheren Fähigkeiten der menschlichen Natur, durch die das Wesenhafte im Menschen erkannt wird. Also selbst das, was wie ein Gedankenspiel erscheint in der anthroposophischen Weltanschauung, das ist eigentlich gemeint als etwas sehr Reales für den Wert des Menschenlebens. Aber an einer anderen Stelle dieses selben Buches zeigt sich noch mehr, worin der Wert anthroposophischer Weltbetrachtung für das gegenwärtige und zukünftige Wissenschaftsleben bestehen soll; ich will zunächst sprechen von dem Weltanschauungs- und Wissenschaftsleben.

Ich habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln» im Anhang darauf aufmerksam gemacht, daß ich seit einigen Jahren davon spreche, wie die menschliche Seele eigentlich zusammenhängt mit dem menschlichen Leibe. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man wirklich erkennen kann, daß unser Vorstellen, unser Fühlen und unser Wollen mit drei verschiedenen Wesensgliedern der menschlichen Natur zusammenhängt: daß unser Vorstellen zusammenhängt mit der eigentlichen Nerventätigkeit, daß aber nicht mit dieser Nerventätigkeit unmittelbar, sondern nur mittelbar zusammenhängt dasjenige, was wir als Fühlen entfalten, während unmittelbar dieses Fühlen zusammenhängt mit der rhythmischen Tätigkeit, namentlich mit der rhythmischen Tätigkeit in Atmung und Blutzirkulation, daß aber unsere Willenstätigkeit zusammenhängt mit dem Stoffwechsel. Ich will das hier nur referierend anführen. Ich habe gesagt in meinem Buch «Von Seelenrätseln», daß ich mich erst dreißig Jahre lang befaßt habe mit dieser Sache, bevor ich gewagt habe, das öffentlich auszusprechen, was sich als Ergebnis daraus gezeigt hat. Man glaubt gewöhnlich, das gesamte Seelenleben hänge mit dem Nervensystem zusammen. Das Neue an dieser Anschauung ist eben das, daß in Wahrheit die drei Glieder des Seelenlebens mit drei verschiedenen Betätigungen der menschlichen Organisation zusammenhängen. Nun war ich aber genötigt, bei dieser Darstellung etwas auseinanderzusetzen, was den heutigen Denkgewohnheiten ganz und gar fernliegt. Damit ich mich verständlich machen kann über das, was hier eigentlich gemeint ist, möchte ich folgendes vorausschicken.

Sehen Sie, man hat heute gerade auf philosophischem Gebiete oftmals ein sehr absprechendes Urteil über das, was sich in der Entwicklung des Geisteslebens als mittelalterliche Scholastik darstellt. Trotzdem von gewisser kirchlicher Seite Anthroposophie und meine eigene Persönlichkeit in der unsinnigsten Weise — ich will diesen Ausdruck wählen - angegriffen wird, kann mich das nicht abhalten, das zu sagen, was über ein gewisses Gebiet zu sagen ist, rein objektiv, auch wenn dieses Gebiet verknüpft ist, wenigstens heute scheinbar verknüpft ist mit dem aktuellen kirchlichen Leben. Derjenige, der nämlich sich wirklich vertiefen kann in die Blüteerscheinungen der mittelalterlichen Scholastik, namentlich der Hoch-Zeit dieser Scholastik, der Zeit des Albertus Magnus, des Thomas von Aquino, der weiß, daß diese Scholastik - sie wird ja heute so wenig erkannt -, daß diese Scholastik eines hat, wodurch sie im Grunde genommen größer war als bis heute jede Periode in der Entwicklung menschlichen Denkens. Sie hatte ausgebildet bei denjenigen, die zu ihr gehörten, eine Gabe feiner Gedankenentwicklung, feinster Gedankenzergliederung; und dasjenige, was da ausgebildet worden ist im 12., 13., 14. Jahrhundert als eine Fähigkeit feinster Gedankenentwicklung, das täte uns heute gerade beim Betriebe der Wissenschaft gar sehr not. Denn wenn zum Beispiel solch ein Philosoph wie Wundt ein wirkliches inneres Verständnis gehabt hätte für die feine Distinktion der Scholastik, es wäre etwas anderes bei seinen Untersuchungen herausgekommen, als herausgekommen ist. Denn nur ein Denken, das wirklich den Willen hat, in die feinste Distinktion einzugehen, nur ein solches Denken kann auch untertauchen in die Gründe der Wirklichkeit, denn diese Wirklichkeit ist kompliziert, und mit einem groben Denken kommt man nicht hinein in die Wirklichkeit. Man ist gerade dann, wenn man mit Wirklichkeitssinn vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus das eine oder das andere zu beleuchten hat, genötigt, zu solch feinen Gedankenunterscheidungen zu kommen.

Und so war ich denn genötigt, um das, was zugrunde liegt dem dreigliedrigen Menschen, dem Nerven-Sinnesmenschen, dem Menschen mit der rhythmischen Organisation, dem Menschen mit der Stoffwechsel-Organisation, um das zu charakterisieren, war ich genötigt, zu sagen in meinem Buche «Von Seelenrätseln»: Man kommt nicht zurecht gegenüber diesem dreigliedrigen Menschen, wenn man sich etwa vorstellt, daß diese drei Glieder so räumlich nebeneinander angeordnet sind, Kopf oben, der Zirkulationsmensch in der Mitte, und dann unten der Stoffwechselmensch, sondern ich habe gezeigt, wie diese drei Glieder einander durchdringen. Ich habe gezeigt, wie selbst im Nerven vorhanden ist der Rhythmus und der Stoffwechsel, wie aber eben bei der VorstelJungstätigkeit im Nerven eben nicht in Betracht kommen Rhythmus und Stoffwechsel, sondern eine andere Tätigkeit, während bei der Gefühlstätigkeit oder bei der Willenstätigkeit auch der Rhythmus und der Stoffwechsel im Nerven in Frage kommen. Ich mußte die feine Unterscheidung machen, daß man das, was man gewissermaßen herausheben muß, um den Menschen zu begreifen, in der äußeren Wirklichkeit wiederum ineinander sieht. Das liest sich ein solcher Mann wie Kurt Leese durch und findet darin ein Bravourstück des Denkens. Und gerade weil er darin ein Bravourstück des Denkens findet, sagt er: Gerade an solch einer Stelle wird einem die Anthroposophie ärgerlich und unleidlich.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, darinnen wird gerade aber der Wert anthroposophischer Weltanschauung bestehen, daß sie dasjenige heranerzieht, was solche Leute nicht wollen, daß sie heranerzieht nicht nur klares, sondern feinstes unterscheidendes Denken, in die feinsten Gliederungen der Wirklichkeit hineingreifendes Denken. Das wollen die Leute nicht; sie werden ärgerlich und unleidlich, und deshalb sagen sie: Anthroposophie ist ärgerlich und unleidlich. - Darinnen wird aber gerade der Wert anthroposophischer Weltanschauung für die moderne Wissenschaftlichkeit, also auch für den modernen Menschen bestehen, daß das Denken erzogen wird, der Wirklichkeit zu folgen - der Wirklichkeit, die ja die feinsten Unterscheidungen in sich trägt und der man nicht folgen kann mit einem so groben Denken, wie es gerade die Gegenwart liebt.

Dasjenige, was heranerzogen werden soll durch anthroposophische Weltanschauung - und damit werde ich den Übergang finden von dem, was aus Anthroposophie kommt für den Wert des Menschen in intellektueller Beziehung, in rein wissenschaftlicher Beziehung -, dasjenige, was heranerzogen werden soll durch anthroposophische Weltanschauung, was einem nun wirklich durch diese anthroposophische Weltanschauung so recht vor das Seelenauge tritt: das ist der Übergang ins Moralische. Indem das Ich sich immer mehr und mehr erweitert in seinem Bewußtsein über den Welteninhalt, indem das Ich sich fühlt als ein Angehöriger des Kosmos, herausgewachsen aus diesem Kosmos, fühlt es innerhalb seines Weltendaseins seine große Verantwortlichkeit. Es weiß dieses Ich, daß die Gedanken, die Empfindungen, die sich in ihm entwickeln, Teile des gesamten unermeßlichen Kosmos sind; es lernt dieses Ich, verantwortlich zu sein für dasjenige, was in ihm vorgeht, indem es sich erkennt als herausgeboren aus dem gesamten Kosmos. Wenn man diese Verantwortlichkeit gegenüber der ganzen Welt empfindet, dann gewöhnt man sich ab jenes leichtsinnige Hinsprechen über das, was die Welt erklären soll.

Ein solches leichtsinniges Hinsprechen tritt einem entgegen, wenn ein solcher Beurteiler wie der erwähnte Kurt Leese davon spricht, daß durch Anthroposophie versucht würde, die Welt als in Entwicklung zu verstehen, daß aber zu Hilfe genommen würde bei dieser Entwicklung nicht dasjenige, was er nun unter Entwicklung versteht - und er versteht darunter nur das Hervorgehen des Späteren aus dem Früheren -, sondern daß von Anthroposophie gesagt werde: im Laufe der Entwicklung, da kommt zu dem, was ein Hervorgehen des Späteren aus dem Früheren ist, hinzu ein Hineinfließen von etwas, das von einer ganz anderen Seite kommt. Zu seinem Schreck, sagt Kurt Leese, würde ich sogar davon reden, daß Wesenheiten, die sich entwickeln in gewissen Weltzeitaltern, etwas eingeimpft bekommen, und er tadelt es ganz besonders, daß ich in der «Erziehung des Kindes» sage, mit dem siebenten Jahre werde der Ätherleib des Menschen geboren, so wie der physische Leib des Menschen geboren werde mit der physischen Geburt. Das sei keine Entwicklung, meint er, denn das zeige nicht, daß der Ätherleib sich aus dem physischen Leib herausentwickle.

Meine sehr verehrten Anwesenden, bedenken Sie, was da eigentlich zugrunde liegt. Jemand kommt und macht sich einen abstrakten Begriff der Entwicklung — das Folgende müsse aus dem Früheren hervorgehen -, er tadelt, daß ich nicht darstellen würde, wie der Ätherleib aus dem physischen Leib hervorgehe. - Das tut der Ätherleib aber nicht, er geht gar nicht aus dem physischen Leib hervor! Wenn der Betreffende das auffassen würde, was dargestellt wird, so würde er darauf kommen, daß eben in vorliegender Entwicklung der Vorgang viel komplizierter ist. Wenn ich aber jetzt spreche vom Moralischen, so muß ich doch darauf aufmerksam machen, daß für den wirklichen Naturwissenschafter der Gegenwart heute die Entwicklung keineswegs so einfach liegt, wie es sich Herr Leese nun vorstellt.

Sie brauchen ja nur durchzulesen die ersten Seiten des in dieser Beziehung wirklich tonangebenden Buches von Oscar Hertwig über eine Korrektur der Darwinschen Deszendenztheorie, und Sie werden sehen, daß Oscar Hertwig genötigt ist, in die Begriffe der Naturwissenschaft hineinzunehmen: erstens Evolution, das Hervorgehen des Späteren aus dem Früheren, zweitens die Panspermie, das heißt das Zur-Wirkung-Werden desjenigen, was im Raume ist neben dem Organismus, und drittens die Epigenesis, das heißt, die Entstehung völlig neuer Wirkungen. So liegt der Entwicklungsbegriff in der Wissenschaft heute durchaus so, daß er sich fortentwikkelt, das heißt, er ist selber in lebendiger Entwicklung. Dasjenige, was in der Anthroposophie auftritt als Entwicklungsgedanke, das rechnet gerade in gewissenhaftester Weise mit dem Entwicklungsgedanken der Wissenschaft. Und Leute, die von solcher Seite her kritisierend kommen, die haben eben die wissenschaftliche Entwicklung nicht mitgemacht, sondern sie haben nur einige Brocken aus ihr herausgenommen und kritisieren von diesen Brocken aus. Und sie nennen dann das, was eben mit der vollen Wissenschaft arbeitet, «unwissenschaftlich», weil es mit ihren vorurteilsvollen Voraussetzungen, die sich aber keineswegs mit der vollen Wissenschaft decken, nicht übereinstimmt. In dieser Beziehung wird Anthroposophie gerade auf die innere Gewissenhaftigkeit, auf die Vorurteilslosigkeit des Menschen eine große erzieherische Wirkung haben können. Sie wird Kräfte im Menschen lösen, die gerade den Menschen der Gegenwart fehlen. Daher darf diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung den Mut finden, ins praktische Leben unmittelbar einzugreifen, denn sie will ein Denken, sie will ein ganzes menschliches Verhalten entwickeln, welches in das praktische Leben untertauchen kann.

Wir wollten das zeigen auf den verschiedensten Gebieten, zum Beispiel auf dem Gebiete des Schulwesens, in der Waldorfschule in Stuttgart, die von Emil Molt gegründet und von mir eingerichtet worden ist. Sie besteht seit mehr als einem Jahr. In dieser Waldorfschule in Stuttgart, da wird gezeigt, wie anthroposophische Weltanschauung praktisch in das Pädagogisch-Didaktische hineinwirken will. In dieser Waldorfschule handelt es sich wahrhaft nicht darum, die Kinder etwa in Anthroposophie aufzuziehen — die Waldorfschule will keine Weltanschauungsschule sein -, sondern es handelt sich darum, daß anthroposophische Geisteswissenschaft, weil sie unmittelbar untertaucht in die Wirklichkeit, pädagogisch geschickt machen kann, so daß das Pädagogische als solches von Geisteswissenschaft in einer gewissen Weise als eine pädagogisch-didaktische Kunst geschaffen wird. Und nach dieser Richtung hin hat das erste Schuljahr dieser Waldorfschule, ohne daß man damit renommieren will, schon einiges gebracht, von dem gesprochen werden darf. Vor allen Dingen haben wir in der Waldorfschule das gewöhnliche Zeugniswesen nicht. Wir haben in mancher Klasse eine recht große Schülerzahl schon im vorigen Jahr gehabt, aber trotzdem brauchen wir nicht jene merkwürdige Beziehung der Lehrer zu den Schülern, welche dadurch entsteht, daß der Lehrer herausfinden will, sagen wir unter zwanzig, dreißig, fünfzig Schülern, ob nun der eine oder der andere verdient in diesem oder jenem Gegenstand ein «fast genügend», «halb fast befriedigend» und dergleichen. Das alles, was in dieser Weise in ein abstraktes Schematisches hineingeht, das konnten wir vermeiden. Dafür, ich will dieses eine herausheben, konnten wir am Schlusse des vorigen Schuljahres jedem einzelnen Kinde ein Zeugnis mitgeben, in dem das Kind etwas sehr Merkwürdiges fand: einen Lebensspruch fand es — einen Lebensspruch, der ganz und gar für die seelisch-geistige-physische Organisation des Kindes empfunden war. Auch in denjenigen Klassen, wo an fünfzig Schüler oder darüber waren, konnten die Lehrer die Möglichkeit finden, so einzudringen, so unterzutauchen in die Individualitäten der Schüler, daß sie einen Kernspruch des Lebens ganz individuell, für das einzelne Kind angemessen in das Zeugnis hineinschreiben konnten. Dieses Zeugnis soll etwas sein, was nicht ein totes Papier ist, wo man mit «fast befriedigend» dies oder jenes einzelne beurteilt, sondern es soll etwas sein, woran sich das Kind erinnert mit einer gewissen Kraft, weil darinnen etwas steht, was, wenn es in seiner Seele wirkt, in ihm Leben werden kann. Ich wollte nur diesen einzelnen Punkt hervorheben. Ich könnte noch von vielem sprechen, was versucht worden ist, gerade an praktischer Betätigung aus anthroposophischer Geisteswissenschaft im Didaktischen durch diese Waldorfschule zu verwirklichen.

Nun, ich konnte ja hier auch schon öfter erwähnen, wie anthroposophische Geisteswissenschaft in einem bestimmten Zeitpunkte sich genötigt fand, die sozialen Folgerungen aus demjenigen zu ziehen, was aus ihrem praktischen Denken hervorgeht. Diese sozialen Folgerungen, sie sind zunächst gezogen in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage». Sie werden jetzt auch gezogen für praktische Einrichtungen. Über diese praktischen Einrichtungen schimpfen die Leute heute viel, weil sie gar keine Ahnung davon haben, wie die scheinbare Praxis, die aber in einer Welt von Illusionen lebt, gerade in die heutige Krise hineingeführt hat, und wie eine wirkliche Lebenspraxis aus einer Erneuerung des ganzen Denkens herausfließen muß. Es könnte einen, wenn es nicht auf der anderen Seite betrüblich wäre, eigentlich erheitern, wenn heute die Schulmeister der Praktik kommen und daran erinnern, daß man mit Idealismus und Zukunftsglauben nicht wirtschaften könne. Sie wissen nicht, daß es sich bei diesem Wirtschaften wirklich nicht um Idealismus und Zukunftsglauben handelt, sondern um ein unmittelbares Eingreifen in die Praxis mit einem Denken, das eben praktischer ist als dasjenige, das die letzten Jahrzehnte haben hervorbringen können. Durch das, was in einer Verbindung mit dem wirklichen Leben ein lebensgemäßes Erfassen dieser Wirklichkeit zustande bringt, wird sich praktisch bestätigen, was Anthroposophie ist, denn die Wirklichkeit ist durch und durch Geist. Und will man die Wirklichkeit auch praktisch meistern, so muß man sich mit dem Geiste dieser Wirklichkeit verbinden. Man begibt sich in Illusionen, wenn man sich nicht in den Geist dieser Wirklichkeit versenken will. Daher wird sich Anthroposophie in ihrem Werte für die Menschen dadurch zu enthüllen haben, daß sie den Geist wirksam macht gerade im praktischen Leben.

Aber die Zentralfrage des Lebens - sie ist es ja, die diesen Wert für das Menschenleben ganz besonders aus der Anthroposophie herausleuchten läßt -, das ist die große Frage: Wie hängen die sittlichen Impulse des Menschen, wie hängt das, was der Mensch innerlich an sittlicher Welt aufbaut, mit der Welt der äußeren Wirklichkeit zusammen? — Schauen wir uns da an, was die moderne Weltanschauung hervorgebracht hat: ein Weltall, das so gedacht ist, daß im Ursprunge ein planetarischer Weltennebel steht, aus dem heraus sich geballt haben Sonnen und Planeten, die sich durch Kreisbewegungen gebildet haben. Im Laufe der Zeit entstanden aus diesem, ich möchte sagen rein mechanischen Geschehen Zusammenballungen, was dann sich heraufentwickelt hat bis zum Menschenwesen, bis zum Impuls der Sittlichkeit im Menschenwesen, der als das Wertvollste empfunden wird von der Menschenseele. Dann aber wird der Blick hingelenkt auf das physische Weltenende, wo gewissermaßen das, was sich zusammengeballt hat, wiederum zurücksinkt in einen erstarrten Zustand, wo ein Weltengrab dastehen wird, und dasjenige, was der Mensch in seinem Innern entfaltet hat an seinen wertvollen sittlichen Idealen, das wird begraben sein in diesem Weltengrab.

Man braucht nur dieses Bild vor seine Seele hinzustellen, um zu sehen, wie diese moderne Weltanschauung nicht hat hervorbringen können einen Einklang zwischen dem, was der Mensch als Wertvollstes in sich empfindet, sein Sittliches, und dem, was ihn in der äußeren Welt umgibt und was er sich mechanisch-materialistisch begreiflich machen will. Man braucht nur zurückzublicken auf dasjenige, was ich gestern, wenn auch nur andeutungsweise, habe sagen können, um zu sehen, wie Anthroposophie gerade die Brükke schlägt zwischen dem, was äußerlich im Raume sich ausbreitet, und der Welt der Sittlichkeit im Innern. Da erfassen wir uns selber zunächst so auf der Erde, daß wir uns erkennen lernen im Verlaufe unseres Aufwachens als der physisch-sinnliche Mensch, herausgeboren aus dem physisch-sinnlichen Weltenall; im Innern entfalten wir unseren übersinnlichen Willen. Ich habe gestern gezeigt, wie in diesem übersinnlichen Willen gerade dasjenige liegt, was der gewöhnlichen Sinnesanschauung nicht zugänglich ist, was erst zugänglich wird, wenn die Seele sich leibfrei macht und erlebt den Willen außerhalb des Leibes. In diesem Willen haben wir ein durch und durch Geistiges. In diesem Willen aber ist zu gleicher Zeit drinnen enthalten als Kraft dasjenige, was unser sittliches Wollen, unser sittliches Empfinden, unser sittliches Ideal ausmacht und was bleibt in die Zukunft hinein. Wir wissen, in dieser Zukunft entwikkelt sich unser eigenes Dasein so, daß unser Leib von uns fällt, daß die Elemente dieses physischen Leibes zunächst zerstieben im physischen Weltendasein, daß aber, wie ich gestern angedeutet habe, hindurchgeht durch die Zeit, die da liegt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dasjenige, was nur als geistige Begierde im Willen enthalten ist; das baut in der Zukunft einen neuen physischen Leib auf. Wir sehen in die Zukunft hinein, sehen unsern physischen Leib wieder erstehen, aber aus dem Geistigen heraus.

Wenn Sie dazu nehmen wiederum die übrige anthroposophische Literatur, so werden Sie finden, daß das auch gilt für die Welten. Wir schauen hin auf die äußeren Welten, wir sehen in ihnen Licht und Farbe, wir hören in der äußeren Welt Töne, wir hören in der äußeren Welt eine ganze Fülle von Tönen; wir sehen die drei Reiche der Natur. Wir blicken im Geiste auf die Vergangenheit, sehen im Geiste in der Vergangenheit geistige Wesen. Wir wissen, dasjenige, was hier jetzt physisch ist, das ist aus dem Geiste heraus gebildet. Aber dieses Physische der Gegenwart, diese gegenwärtige Erdenschönheit, sie trägt Geistiges in ihrem Schoße, und wenn sie einstmals als Physisches erstarrt sein wird, so wird aus ihr das Geistige hervorgehen. Das Geistige ist jetzt aber nur vorhanden in demjenigen, was willensgemäß ist. Zukünftige Welten werden aus der gegenwärtigen Sittlichkeit aufgebaut, wie die gegenwärtige physische Welt aus den sittlichen Kräften vergangener Wesen aufgebaut ist. Wir sehen dasjenige, was uns als Sterne entgegenleuchtet, was uns als Sonne erscheint, als Ergebnisse von dem, was einst moralisch war. Wir sehen in dem, was jetzt moralisch ist, den Keim desjenigen, was in Zukunft als Welten leuchten wird, was in Zukunft den Wesen, die diese Welten bewohnen werden, als Welten erscheinen wird. Indem wir auf das Moralische sehen mit den Einsichten, die sich aber nur ergeben, wenn man die übersinnlichen Kräfte der Seele entwickelt, baut sich eine Brücke zwischen dem Moralischen und dem Physischen. Diese Brücke, sie kann nicht geschlagen werden, wenn man die Welt nur immerfort gemäß der heutigen Naturwissenschaft anschaut: Da fällt die Welt auseinander in die Welt des mechanisch-materialistischen Geschehens und in die Welt der Sittlichkeit, die aber dann in Illusionen zerfließt, während in anthroposophischer Weltanschauung das Sittliche den Keim des Kosmischen enthält, und dadurch wächst wiederum dasjenige, was wir Verantwortlichkeit nennen können. Wir wissen, nicht irgendeiner willkürlichen Schuldbemessung ist das zuzuschreiben, was aus unseren sittlichen Taten wird, aus unseren moralischen Impulsen, sondern in den Weltgesetzen selbst ist es gelegen, daß einstmals das Auge oder das, was das Auge ersetzen wird in Zukunft, dasjenige wird sehen müssen, was gegenwärtig moralisch empfunden und getan wird. Und schauen wir hin auf die Sternenwelten, die auf unsere Augen wirken, und wir erkennen in ihnen die physische Folge moralischer Impulse urferner Vergangenheiten. Wir fühlen uns darinnen nicht nur in einer physischen Welt mit moralischen Illusionen, wir fühlen uns in einer Welt physischer und moralischer Wirklichkeiten, indem das Physische die Metamorphose des Moralischen, das Moralische die Metamorphose des Physischen ist.

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, gibt dem Menschen Kraft, indem es seine Verantwortlichkeit stählt dadurch, daß es ihn hineinstellt mit seinem Ich in die ganze Welt. Indem also diese anthroposophische Geisteswissenschaft den Blick in das Geistige eröffnet und das Physische auch in bezug auf das Moralische im Zusammenhang mit dem Geistigen erscheinen läßt, kann diese Geisteswissenschaft entgegenkommen tiefsten Bedürfnissen der Gegenwart auf dem Gebiete der Kunst. Anthroposophische Geisteswissenschaft wollte das auf dem Gebiete der Kunst bewirken, soweit das im Anfange ihres Bestehens möglich war. Ich habe selbst versucht zu zeigen in meinen vier Mysterienspielen, die da heißen «Die Pforte der Einweihung», «Die Prüfung der Seele», «Der Hüter der Schwelle», «Der Seelen Erwachen», ich habe versucht zu zeigen, wie man von geisteswissenschaftlicher Weltanschauung aus künstlerisch das verkörpern kann, was sich der übersinnlichen Anschauung ergibt. Und in unserem Goetheanum draußen ist alles dasjenige, was dieses Goetheanum darbietet - in bezug auf die äußere Architektur, in bezug auf die plastische und malerische Ausgestaltung -, aus dieser geisteswissenschaftlichen Anschauung heraus selbst gestaltet.

Sehen wir nicht an der Kunstentwicklung der letzten Generationen, wie die Kunst nach neuen Impulsen sehnsüchtig verlangt? Man muß heute zurücksehen in die Zeit des Leonardo, des Michelangelo, des Dürer, und man wird sehen, wie in der Tat bis zu ungeheuerster Größe sich entwickelt hat jene alte Kunstauffassung, die aus dem Physisch-Sinnlichen hinaufstrebte, das Physisch-Sinnliche so darzustellen, daß dieses Physisch-Sinnliche das Geistige offenbart. Man braucht nur zu denken, wie bei der Sixtinischen Madonna zunächst menschliche Gestalten dargestellt sind, umgeben von natürlicher Welt, wie aber derjenige Geist, der dieses Bild verkörpert hat, hervorzaubert aus dem, was er sinnlich schauen konnte, geistige Geheimnisse, wie er heraufhob das Sinnliche so, daß dieses Sinnliche geistige Geheimnisse für den Menschen offenbaren kann.

Wir sind in einer Zeit des naturwissenschaftlichen Denkens, des naturwissenschaftlichen Forschens dazu gelangt, jene Empfindungen nicht mehr zu haben, welche erwa ein Raffael, ein Michelangelo hatten, indem sie hervorzauberten aus der sinnlich-physischen Wirklichkeit dasjenige, was wie ein Abglanz des Geistigen erschien aus dieser physisch-sinnlichen Wirklichkeit heraus. So sehen wir, daß im naturalistischen Zeitalter auch die Kunst naturalistisch werden wollte. Allein, was soll die naturalistische Kunst, wenn sie nicht unbewußt doch irgendeinen idealistischen Faktor in sich hat? Brauchen wir denn dasjenige, was uns die Natur draußen darbietet, noch irgendwie auf die Leinwand hinzubringen oder sonst irgendwie zu verkörpern, zum Beispiel im Drama? Können wir denn dasjenige, was an Geheimnissen die Natur umschließt, wirklich naturalistisch zum Abbilde bringen? Nein, das können wir nicht. Wer ganz Italien durchwandert hat und selbst die schönsten, die größten Werke hat auf sich wirken lassen und kommt dann von Italien, sagen wir auf den Gipfel des Rigi und beobachtet einen Sonnenaufgang, der weiß unmittelbar, daß größer ist dasjenige, was aus der Natur herausspricht, als das, was irgendein Maler, irgendein Bildhauer, irgendein Künstler aus der Natur heraus gewinnen könnte. Einzig und allein, wenn die Künstler, so wie Raffael, so wie Michelangelo und Leonardo das konnten, nicht stehenbleiben bei der Natur, sondern den Geist herauszaubern aus dem physischsinnlichen Anschauen, dann ist dieses künstlerische Bestreben berechtigt. Aber gerade diejenigen Künstler, die vielleicht am ernstesten zu nehmen sind in der Gegenwart, sie haben in sich die tiefste Sehnsucht nach einem neuen Quell der Kunst. Sie fühlen, daß derjenige Impuls erschöpft ist, welcher darin bestand, aus dem Physisch-Sinnlichen herauszuzaubern das Geistige. Wenn wir zurückschauen in alte Zeiten menschlicher Kulturentwicklung - wo der menschliche Blick hinsah, hat er in den Naturdingen überall das Geistige erblickt, im Quell die Quellennymphe, in der Luft die Luftgeister. So ist es ein letzter, ich möchte sagen zu einer gewissen menschlichen Höhe gekommener Aufschwung gewesen, wenn nun auch die Künstler hervorgezaubert haben aus dem physisch-sinnlichen Dasein ein Geistiges.

Heute stehen wir an einem Punkte der Weltenentwicklung, wo die Sehnsuchten gerade ernstester Künstlernaturen der Gegenwart darauf hinweisen, daß neue Quellen gerade für das Künstlerische eröffnet werden müssen. Und so muß das Umgekehrte heute in die menschliche Zivilisationsentwicklung hinein. Aus dem Physisch-Sinnlichen herauf haben das Geistige entzaubert die alten Künstler. Das Anschauen der geistigen Welt, so wie anthroposophische Geisteswissenschaft es will, muß das Geistige enthüllen. Aber so wie derjenige, der als ganzer, als voller Mensch das Physisch-Sinnliche empfindet, genötigt ist, wenn er künstlerischen Sinn hat, aus diesem Physisch-Sinnlichen das Geistige zu entzaubern, so hat derjenige, der das Geistige anschaut, wenn er künstlerischen Sinn hat, das unmittelbare, naive Bedürfnis, das Geistige in Formen zu gestalten, das Geistige ins Materielle überzuführen. Die alte Kunstrichtung hat das Sinnliche idealisiert, die neue Kunstrichtung wird das Geistige realisieren. Das wird kein Schaffen in Symbolik sein. Diejenigen verleumden den Dornacher Bau, die nur ein einziges Symbol darin finden. Es ist kein Symbol darinnen, sondern dasjenige, was unmittelbar angeschaut wird, das ist in Formen ausgegossen. Alles soll in künstlerischen Formen wirken. Diejenigen, die von Symbolik des Dornacher Baus sprechen, die zeigen damit nur, daß sie den Duktus, der sich in der Führung des ganzen Künstlerischen dieses Baues ausdrückt, nicht eigentlich ergriffen haben, daß sie nicht geschaut haben, wie gesucht wurde, im künstlerischen Schaffen dieses Dornacher Baues sich zu verbinden mit dem schaffenden Geiste der Natur selber, und dann in Formen, nach denen dieser Geist hinstrebt, auch künstlerisch sich auszusprechen.

Was in alten Zeiten idealisierend war in der Kunstentfaltung, es wird realisierend sein, wenn ihm solch eine Geistanschauung zugrunde liegen wird, wie sie von anthroposophischer Weltanschauung gemeint ist. Und naiv im besten Goetheschen Sinne wird dieses Kunstschaffen sein. Indem der Geistesforscher hineinsieht in das Weltenall, empfindet er die Geheimnisse des Daseins, und er empfindet tief dasjenige, was Goethe aus seiner Kunstanschauung heraus ausgesprochen hat: Wem die Natur ihre offenbaren Geheimnisse zu enthüllen anfängt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach ihrer würdigsten Offenbarerin, der Kunst. - Wem die Welt ihre Geheimnisse im Geiste offenbart, der kann diese Geheimnisse im Geiste nicht so lassen, wie sie sind, ebensowenig wie ein Kind im Alter von drei oder fünf Jahren bleiben kann; es muß älter werden. Was im Geiste erschaut wird, das will Form annehmen; es ist kein didaktisches, es ist kein symbolisches Schaffen, es ist kein Schaffen in strohernen Allegorien, es ist ein wirkliches Drinnenstehen im Leben, was da Kunst aus dem geistigen Anschauen heraus schafft. Und dieses Drinnenstehen im Geiste, es führt das menschliche Ich zusammen mit dem ganzen Kosmos. Ich habe heute darauf hingewiesen, wie im Menschen diejenigen Kräfte, die zu seinem eigentlichen menschenwürdigen Dasein führen, Verantwortlichkeitsgefühle gegenüber der Welt, ich könnte auch sagen Verantwortlichkeitsgefühle gegenüber dem sozialen Dasein sind. Und vieles andere könnte ich aufzählen, wie diese Gefühle erregt werden, indem diejenigen Vorstellungen entwickelt werden, die den Menschen zwar zunächst in Weltenfernen und Weltenweiten führen, die ihm vor Augen stellen all jene Entwicklung, die die Welt durchmachen muß, um am Gipfel anzukommen, am Gipfel des Ich. Wer solche Vorstellungen in sich aufnimmt, er nimmt, indem er sie seiner Seele einverleibt, wahrhaftig nicht bloß kalte Vorstellungen auf, er nimmt dasjenige auf, was Gefühl und Wille ergreift, was das Gefühl durchwärmt mit dem, was herausfließt aus der unermeßlichen Größe der Welt. Er nimmt aus diesen Vorstellungen das heraus, was ihm jede einzelne Handlung, die er vollbringt, unter Verantwortung stellt gegenüber der weisheitsvollen Führung der Welt. Faßt man das alles zusammen, dann kann man nur sagen: Aus dem, was in anthroposophischer Geisteswissenschaft als Vorstellungen, als Ideen überliefert wird, aus alledem fließt religiöse Stimmung.

Geisteswissenschaft hat von vorneherein nicht etwas sein wollen, was als eine moderne Religion neben irgendeine Religion hintritt, insbesondere nicht neben das Christentum hintritt. Von Anfang an wurde geltend gemacht innerhalb anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, daß das Christentum diejenige Religion ist, die alle anderen zusammenfaßt, und daß es für Anthroposophie darauf ankommt, das Mysterium von Golgatha in demjenigen Sinne zu erklären, wie es für die neuzeitliche Menschheit notwendig ist. Durch Anthroposophie soll aber nichts anderes Religiöses neben dasjenige hingesetzt werden, als was vom Mysterium von Golgatha her selbst der Sinn der Erde ist. Nur diejenigen, die in geistig-tyrannischer Weise wollen, daß nur in einem - nämlich in ihrem - Sinne das weltenweite Mysterium von Golgatha interpretiert wird, die können anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft verleumden als etwas, was diesem Christentum abträglich gegenüberstehen würde.

Aber ist es nicht notwendig, meine sehr verehrten Anwesenden, daß zwar nicht in das Wesen des Mysteriums von Golgatha, daß wohl aber in das Verständnis des Christentums neue Elemente aufgenommen werden? Man sehe hin auf die Art und Weise, wie sich das Wissen, die Erkenntnis von diesem Christentum im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Man braucht nur zurückzusehen in frühere Jahrhunderte. Derjenige, der die Geschichte nicht bloß abstrakt, sondern empfindend betrachten kann, der weiß, wie hingeschaut wurde zu dem Christus Jesus als zu etwas, das sich aus höheren, aus übersinnlichen Welten herein ergossen hat in die physisch-sinnliche Erdenwelt. Eine Verbindung der geistigen Welt mit der physischen Erdenwelt ist zustande gekommen durch das Mysterium von Golgatha. In älteren Zeiten hat man nach den Erkenntnisanlagen dieser älteren Zeiten dieses Mysterium von Golgatha begriffen. Allein als die neuere Zeit heraufkam mit ihren naturwissenschaftlichen Fortschritten, da ist für diejenigen, die es gewissenhaft ernstnehmen wollen mit den Fortschritten der Menschheit, das alte Verständnis allmählich unmöglich geworden. Und so haben wir das sonderbare Schauspiel erlebt, daß gerade die fortgeschrittensten Theologen des 19. Jahrhunderts den Christus als ein übersinnliches Wesen verloren haben und angekommen sind bei der bloßen Beschreibung des schlichten Mannes aus Nazareth; weil man naturalistisch dachte, konnte man nicht den Christus in dem Jesus sehen. Der Jesus wurde für die modernste Theologie zwar ein hervorragender, vielleicht der hervorragendste Mensch, aber daß sich in dem Jesus durch den Christus etwas vollzogen hat, was nicht begriffen werden kann bloß mit der sinnlichen Wissenschaft, das hat sich gezeigt in der ganzen theologischen Entwicklung der neuen Zeit. Wir brauchen wiederum einen Weg zurück zu einer geistigen Wissenschaft, um das Mysterium von Golgatha und das Christus-Geheimnis geistig begreifen zu können.

Was die Naturwissenschaft genommen hat dem Christentum derjenigen, die gewissenhaft diese Naturwissenschaft aufnehmen wollen, das wird Geisteswissenschaft dem Christentum derjenigen wiederum zurückgeben, die aus dem Tiefsten ihrer Seele heraus ein Begreifen dieses Christentums brauchen. Geradesowenig, wie alle Fortschritte der Naturwissenschaft dem Menschen der nachchristlichen Zeit das Mysterium von Golgatha nehmen konnten, ebensowenig werden geisteswissenschaftliche Fortschritte dem Menschen nehmen können dasjenige, was aus der religiösen Stimmung heraus, was aber gemäß den Anforderungen der neuen Zeit erhellt durch geisteswissenschaftliche Vorstellungen, zu dem Göttlichen, zu demjenigen, was auch über Christus gegeben ist, hinströmt. Der Mensch der neueren Zeit braucht für seine Kunst und er braucht für seine Religion eine zugrundeliegende geistige Anschauung. Diejenigen, die den Christus verloren haben durch die moderne Wissenschaft, sie haben ihn deshalb verloren, weil diese moderne Wissenschaft zunächst keine Geisteswissenschaft war. Und diejenigen, die heute vielfach verleumderisch davon sprechen, daß Anthroposophie dem Christentum etwas Abträgliches liefern wolle, die möchte ich nur an folgendes erinnern: Ist es mutvoll, gegenüber der alle anderen irdischen Kräfte und Geschehnisse überragenden Größe des Mysteriums von Golgatha zu sagen, dasjenige, was sich ernstlich bemüht, aus dieser oder jener Wissenschaftlichkeit heraus, dem Fortschritte der Menschheit gemäß, dieses Mysterium von Golgatha zu begreifen, das sei antichristlich? Ist es mutvoll?

Nein! Da steht immer wieder und wiederum jener katholische Theologieprofessor vor mir, mit dem ich befreundet war in den achtziger, neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, der, als er als Professor der christlichen Philosophie an einer theologischen Fakultät seine Rektoratsrede hielt über Galilei, Galilei vollständig gerecht wurde, indem er damals sagte: Kein Fortschritt der Wissenschaft sollte angefochten werden von denjenigen, die im wahren Sinne christlich sein wollen, denn in Wahrheit ist alles dasjenige, was Wissenschaft finden kann an Weltengeheimnissen, nur beitragend, um die Größe der Wunderwerke der göttlichen Weltenführung den Menschen mehr vor Augen zu führen, nicht weniger. Kleinmütig sind diejenigen, die glauben, daß durch irgendeinen wissenschaftlichen Fortschritt das Christentum wanken könne. Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, Geisteswissenschaft weiß: Wenn auch Millionen von Erkenntnissen auf physischen oder auf geistigen Gebieten kommen, dasjenige Ereignis, das der Erde ihren Sinn gibt, dieses Ereignis wird in immer höherem Glanze gerade vor dem geisteswissenschaftlichen Betrachten stehen.

Hier kann aber auch gesehen werden, wie wenig Unbefangenheit heute in der Welt ist. Während man einsehen sollte - und wenn man unbefangen wäre, auch einsehen würde -, daß dasjenige, was gewisse Menschen brauchen, um heute hingeführt zu werden zu dem Mysterium von Golgatha, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die Anthroposophie ist, verleumdet man diese anthroposophische Weltanschauung. Aber vielleicht rührt das lediglich davon her, daß bei denjenigen, die da sich der Religion annehmen wollen, zu wenig Religion da ist. Sollte es nicht so sein, daß man insbesondere das Religiöse der Seelenstimmung an den Früchten erkennt, an der Art und Weise, wie die betreffenden Menschen im Leben auftreten? Sollten heute nicht manche Erscheinungen dasein, die in intensivster Art zeigen, wie eine Erhöhung, wie eine Verinnerlichung auch der religiösen Stimmung notwendig ist? Dafür nur ein kleines Beispiel.

Unter den mancherlei Gegenschriften, die in letzter Zeit gegen Anthroposophie erschienen sind, findet sich eine, in der ein Satz steht, auf den ich Sie jetzt hier verweisen will. Ich will ihn auch vorlesen:

Weil das Sindenbewußtsein fehlt, ...

— nämlich bei den Anthroposophen, so meint man —

... fehlt in der Theosophie auch der Heiland der Sünder. Trotz aller Lobeserhebungen und trotz der Erhöhung Christi zum «Sonnen-Ich» ist uns der Christus von Dr. Steiner doch eine völlig fremde Persönlichkeit. Auch hier befremdet ein gewisser pantheistischer Einschlag. Die Anthroposophie geht vom Menschen aus, und ihr Ziel ist der Idealmensch.

Ich habe eben gezeigt, wie das ganze Trachten der Anthroposophie nach dem Gegenteil hingeht; aber der Verfasser dieser Broschüre fährt fort:

Dieser und Gott decken sich offenbar. Es wird gegenwärtig in Dornach eine neun Meter hohe Statue des Idealmenschen gemeißelt: nach oben mit «luziferischen» Zügen, nach unten mit tierischen Merkmalen.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was in Dornach aus Holz geschnitzt wird, haben nicht Hunderte, sondern haben Tausende von Menschen gesehen. Derjenige, der gesehen hat, daß etwas gebildet wird, was «oben luziferische Züge, unten tierische Merkmale» hat — ich kann nicht anders, als gegenüber demjenigen, der das gesehen hat, mich erinnern an jene Anekdote, welche eine Anweisung enthält, wie jemand, der abends nach Hause kommt, unterscheiden kann, ob er betrunken oder nüchtern ist. Da wurde geraten, daß der sich ins Bett legen und einen Hut legen soll auf das Bett. Sieht er den Hut einmal, so kann er sich für nüchtern halten, sieht er ihn doppelt, so kann er sich für betrunken halten. Nun, an den, der den Hut doppelt sieht, erinnert mich derjenige, der sieht, daß in Dornach etwas gemeißelt würde - in Wahrheit wird es aus Holz geschnitzt -; der sieht etwas, was gar nicht da ist, denn oben ist ein vollständig menschliches Gesicht, nichts von luziferischen Zügen, ein rein menschliches Gesicht, unten, da ist überhaupt noch nichts gemacht, da ist noch ein Holzklotz, da werden auch menschliche Züge kommen, aber unten ist überhaupt noch nichts gemacht. Und dann kommt jemand, der nicht etwa erzählt, daß ihm das jemand gesagt hätte - da könnte man glauben, daß ihm jemand einen Bären aufgebunden hat -, nein, da kommt jemand, der behauptet dieses als strikte Wahrheit: Es wird gegenwärtig in Dornach eine neun Meter hohe Statue des Idealmenschen gemeißelt, nach oben mit luziferischen Zügen, nach unten mit tierischen Merkmalen. — Tausende von Menschen haben gesehen, daß dies eine objektive Unwahrheit ist, daß es überhaupt nicht einmal eine objektive Unwahrheit allein, sondern daß es eine der unglaublichsten blödsinnigen Entstellungen desjenigen ist, was da gewollt wird. Und dazugefügt wird, meine sehr verehrten Anwesenden:

«Dieser Idealmensch ...», sagte Steiner zu den anwesenden Beschauern, «... muß unbedingt das wahre Bild des Christus sein.»

Kein einziger von den Tausenden von Beschauern, die da waren, wird sagen können, daß ich diese Worte jemals gesagt habe. Es sind genug Zeugen hier in diesem Saale anwesend, die wissen, daß ich stets nichts anderes gesagt habe, meine Worte wohl wägend, als: Derjenige, den ich hier bilde, der erscheint mir nach geistiger Schauung als der, der in Palästina gewandelt ist. Ich kann ihn nicht anders bilden, als er mir erscheint. Ich dränge niemandem diese Anschauung auf. - Niemals, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das gesagt worden, was hier in Anführungszeichen steht: «... muß unbedingt das wahre Bild des Christus sein».

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, so hält man es mit der Wahrheit - das muß schon einmal gesagt werden. Vor dem Namen des Verfassers dieser Broschüre steht das ominöse «D.», das bedeutet Doktor der Theologie. Offenbar geht also auch hier, wie sonst überall, so etwas aus religiösen Empfindungen der Gegenwart hervor. Ist da nicht eine Erneuerung der religiösen Stimmung der Menschen notwendig, wenn aus der religiösen Lehre heute so etwas hervorgehen kann? Kann jemand einen Funken Wahrheit in solch einer Schrift suchen, wenn er ein solches Beispiel von objektiver Unwahrheit erblickt?

Oh, meine sehr verehrten Anwesenden, das, was heute zum Kampfe gegen das Wollen anthroposophischer Weltanschauung führt, das muß gesucht werden da, wo man es wohl vielleicht nicht suchen will: in den bequemlichen Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohnheiten der Gegenwart. Ich muß sagen, ganz abgesehen davon, was man empfindet, weil der Angriff gegen die eigene Sache gerichtet ist, es kann einem aus dem Kulturbewußtsein der Gegenwart heraus wehtun, recht wehtun, wenn heute Bücher geschrieben werden, die von einem solchen Wahrheitsgefühl getragen werden. Eine Erhöhung des Wahrheitsgefühles, des Wahrheitssinnes und damit gerade eine Erhöhung des religiösen Sinnes der Menschen brauchen wir heute.

Und zum Schluß, meine sehr verehrten Anwesenden:

Dürfen Menschen solcher Art davon sprechen, daß die Anthroposophen sich Ulusionen hingeben?

Nun, eine solche Illusion wird bei mir niemand finden. Man wird finden oben einen menschlichen Kopf, der nun gerade gar nichts Luziferisches hat, der bewahrt ist von allem Luziferischen, unten einen Holzklotz, der überhaupt noch nicht bearbeitet ist. Wer das mit einer solchen Illusion ansieht, daß er oben luziferische Züge und unten tierische Merkmale sieht, wer sich diesen Illusionen hingeben kann, der sollte wahrhaftig den anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaftern nicht die Neigung zu Illusionen zuschreiben. Die Illusionen liegen vielleicht gerade bei denjenigen, die Anthroposophie heute aus diesen ihnen sehr bequemen Ilusionssehnsuchten heraus gern bekämpfen möchten.

Im letzten Grunde hängt all dasjenige, was aus solchen Untergründen hervorgeht, zuletzt doch zusammen mit dem, was herangezogen ist als das materialistische Anschauen der Welt. Und über dieses materialistische Anschauen müssen wir hinauskommen. Mag anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft heute noch so unvollkommen als möglich sein, sie will ja nur ein Anfang sein, aber ein Anfang, der in sich die Keimanlage zu kräftigem Fortarbeiten auf dem Gebiete der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Kunst, auf dem Gebiete der Religion in sich hat, zu einem kräftigen Fortarbeiten, das den Menschen gerade auf diesen drei Gebieten dasjenige wird bringen können, was aus den tiefsten Sehnsuchten der Menschenseele heraus in der Gegenwart gefordert wird, was in der Zukunft immer mehr und mehr gefordert werden wird und was zuletzt auch als der Kern der so brennenden sozialen Frage zugrunde liegt. Hineinkommen in wahre Wirklichkeit müssen wir. Jene materialistisch vorgestellten Wirklichkeiten, die den Inhalt der Weltanschauungen der letzten Jahrhunderte und namentlich Jahrzehnte gebildet haben, sie sind nicht die wahren Wirklichkeiten.

Die wahren Wirklichkeiten müssen gesucht werden auf solchen Wegen, wie die sind, die die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wenigstens versucht; mag sie eben heute noch so unvollkommen wie möglich sein; denn die Wirklichkeit, in die der Mensch untertauchen will, wenn er selber Wirkliches schaffen will, er findet sie nicht, wenn er nur materiell strebt, wenn er nicht geistig strebt. Geistig aber strebt er nur, wenn er nicht hinstellen läßt an den Grenzen des sogenannten Naturerkennens einen dem menschlichen Erkennen feindlichen Geist, der da sagt: Eintritt verboten in die geistigen Welten -, nein, wenn er aus seiner eigenen Kraft heraus mutvoll sich erkämpft das Schauen der wahren Aufschrift an den Grenzen des Naturerkennens. Diese wahre Aufschrift, sie stammt von dem Geiste, zu dem der Mensch eigentlich gehört, und sie heißt: Willkommen der Einrritt in die geistige Welt an den Grenzen des Naturerkennens. - Denn wahr ist es, was aus einem bedeutenden Dichterwerke heraus demjenigen zutönt, der nicht will die geistige Tiefe der Welt sehen: Dein Herz ist zu, dein Sinn ist tot. -— Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will nichts anderes, als diejenigen Ratschläge für die menschliche Seele und den menschlichen Geist finden, die dazu führen, daß das Herz geöffnet, der Sinn belebt werde, denn durch das geschlossene Herz, durch den toten Sinn kommen wir nur hinein in die materielle Welt. In die wahre Wirklichkeit kommen wir nur hinein durch den Geist, wenn der Sinn sich mit dem Licht des Geistes durchleuchtet, wenn das Herz sich öffnet der wahren, von Geist-Erkenntnis herrührenden Weltenliebe, die das Ich in Zusammenhang bringt mit dem ganzen Weltenall und so den Menschengeist im Erkennen, Fühlen, Wollen zusammenbringt in rechter Verantwortlichkeit, in rechter Liebe zum Weltenall mit dem ganzen Weltensein - in der Erkenntnis, im Leben des Schönen, im sozialen Leben.

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