Anthroposophy and its Opponents

GA 255b — 2 December 1920, Basel

Öffentlicher Vortrag

Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihre Ergebnisse und ihre wissenschaftliche Begründung

Meine sehr verehrten Anwesenden! Oft durfte ich hier in Basel schon über das Wesen anthroposophischer Geisteswissenschaft sprechen. Seit ich es das letzte Mal getan habe, sind draußen in Dornach im September und Oktober Hochschulkurse gehalten worden, an der Stätte, die dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft gewidmet ist, am Goetheanum. Diese Hochschulkurse hatten das Ziel, zu zeigen, wie diese anthroposophische Geisteswissenschaft, von der hier die Rede sein soll, befruchtend wirken kann in die einzelnen Wissenschaften hinein. Ungefähr dreißig Persönlichkeiten der Wissenschaft, der Kunst, des praktischen Lebens haben von ihren Fächern aus versucht, dasjenige vorzubringen in diesen Hochschulkursen, was sie vorbringen konnten gleichzeitig aus dem Geiste ihres besonderen Faches heraus und aus dem ganzen Sinn anthroposophischer Geisteswissenschaft. Es sollte eben gezeigt werden, wie gerade dann, wenn man streng fachmännisch zu Werke geht, diese anthroposophische Geisteswissenschaft in ihrer Bedeutung sich offenbaren kann.

Nun, allerdings, diese Hochschulkurse, sie haben ja manchen ganz merkwürdig berührt. Ich möchte aus der Reihe der Urteile, die gefällt worden sind, ein merkwürdiges aus den letzten Tagen hervorheben. Ein deutscher Hochschulprofessor der Pädagogik und Philosophie hat sich durch diese Hochschulkurse, wie es scheint, nunmehr gedrängt gefühlt, ein Buch von mir in die Hand zu nehmen und zu lesen, das 1894 zum ersten Mal erschienen ist, meine «Philosophie der Freiheit», die ich gelegentlich früherer Vorträge auch hier bereits erwähnt habe. Er ist darauf gekommen, nachdem er sich um diese «Philosophie der Freiheit» jahrzehntelang nicht bekümmert hat, daß dasjenige, was sich die Bestrebungen als Ziel für eine Neubelebung des Wissenschafts- und Volkslebens vorsetzen — wie es in den Hochschulkursen am Goetheanum in Dornach zum Ausdruck kam -, daß das erst bedürfe einer gründlichen Revision der ethischen Grundlagen, welche durch diese Philosophie der Freiheit in bedenklicher Weise, wie er meint, illustriert werden. Da haben wir - ich will nur referieren — von einer Seite ein Urteil.

Merkwürdig steht diesem Urteil ein anderes gegenüber. Man kann sagen, in der letzten Zeit wachsen sich ja die Broschüren, die anfangs gegen Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, geschrieben worden sind, zu ganz anständigen Büchern aus, und in den letzten Wochen ist ein solches Buch erschienen von 228 Seiten. Man kann wahrhaftig weder sagen, daß der Verfasser dieses Buches, der Lizentiat der Theologie Kurt Leese, Geisteswissenschaft irgendwie zu verstehen in der Lage ist, noch kann man sagen, daß er ein Anhänger derselben ist, denn das ganze Buch ist zwar — scheinbar wenigstens — von einem recht guten Willen geschrieben, aber es ist eben trotz dieses guten Willens durchaus von keinem Verständnis für die anthroposophische Geisteswissenschaft durchdrungen. Aber selbst dieser Gegner fühlt sich gleich in der Vorrede gedrängt, das folgende auszusprechen. Ich muß bemerken, daß das Buch, das «Moderne Theosophie» heißt, nur von «Anthroposophie» handelt; das drückt der Verfasser ja auch aus, indem er hier sagt:

Ist in den folgenden Ausführungen von Theosophie und Theosophen die Rede, so ist stets die anthroposophische Richtung Rudolf Steiners damit gemeint. Die Bezeichnung Theosophie und Theosoph wurde nur beibehalten, weil sie dem allgemeinen Bewußtsein geläufiger sind als die Ausdrücke Anthroposophie und Anthroposoph.

Also, wenn Kurt Leese von Theosophie spricht, so meint er ja lediglich Anthroposophie. Nun sagt er von seinem gegnerischen Standpunkte:

Hätte man es in der Theosophie mit den beliebigen Einfällen einer im Trüben fischenden Winkelsekte zu tun, so verlohnte es sich nicht der Mühe, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Insbesondere verlohnte es sich wohl nicht, solche Bücher darüber zu schreiben! Und dann am Ende dieses Absatzes sagte er, daß Anthroposophie

... die Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geist kraftvoll durchwehten Weltanschauung ...

enthält.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, von der einen Seite sagt man uns, es müssen revidiert werden die ethischen Grundlagen, von der anderen Seite sagt man uns, die ethische Grundlage ist vorhanden! Das bekräftigt dieser Kurt Leese noch in den letzten Betrachtungen dadurch, daß er sagt:

Auch ist des ethisch Förderlichen mancherlei in Steiners Schriften verstreut. Man könnte es als Weisheit zur Lebensführung aus der Umklammerung hellsichtiger Erkenntnisse herauslösen. Der Wert dieser Lebensweisheit würde dadurch nicht angetastet werden.

Er meint also, wenn man selbst alles dasjenige, was an Erkenntnissen der übersinnlichen Welt hier auftritt, über Bord werfen würde und nur herauswählen würde die ethische, sittliche Lebensweisheit, so bliebe für ihn noch genugsam übrig. Ich glaube, man könnte daraus schon ersehen, wie wenig die Urteile der Gegenwart geeignet sind, nun wirklich etwas auszusagen über den Wert desjenigen, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint ist. Der eine, der ein Akademiker ist, spricht ihr die ethische Grundlage geradezu ab, der andere, der auch ein Akademiker ist, hebt hervor, daß, wenn sie selbst in allem übrigen gar nichts wert wäre, so bliebe noch immer der Rest einer ethischen Lebensweisheit übrig, der durchaus auch nicht zu verachten sei.

Nun, man kann aber gerade aus diesem neuesten Buch «Moderne Theosophie» — wie gesagt, es sollte heißen «Moderne Anthroposophie» -, man kann gerade aus diesem Buch darauf kommen, worauf eigentlich der Mißklang beruht, der von unserer Zeitgenossenschaft ausgeht, wenn Anthroposophie, anthroposophische Weltanschauung beurteilt werden soll. Kurt Leese bemüht sich, wie er selbst sagt, nicht einen Standpunkt von außen einzunehmen, sondern er hat eigentlich alles gelesen, was von Anthroposophie öffentlich erschienen ist, und er bemüht sich sogar in seiner Art, von innen heraus diese Anthroposophie zu beurteilen. Aber an einer Stelle verrät er sich in einer höchst merkwürdigen Weise. Er redet allerdings an mancherlei Stellen davon, wie konfus diese Anthroposophie sei und dergleichen, aber an einer Stelle verrät er sich in einer merkwürdigen Weise, da nennt er dasjenige, was die Anthroposophie bringt, «ärgerlich und unleidlich». Nun, es ist ganz gewiß nicht ein Standpunkt, den man innerhalb der Wissenschaft einnimmt, wenn man von «ärgerlich und unleidlich» spricht. Wenn man ärgerlich wird, so bäumt sich gewissermaßen etwas im Innern auf. Man will dasjenige, was einem da entgegentritt, nicht aus der Logik heraus, sondern aus der Empfindung heraus im Grunde genommen nicht haben, denn sonst würde man nicht ärgerlich, sonst würde man widerlegen, sonst würde man logische Gegengründe und dergleichen vorbringen. Man darf da schon fragen: Woran liegt es, daß ein Gegner, der vorgibt, objektiv sein zu wollen, ärgerlich wird, ja, daß er anthroposophische Geisteswissenschaft «unleidlich» nennt?

Ich glaube, wenn man das Wesentliche dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft nimmt, wie ich es auch heute wieder darlegen will, kann man verstehen, warum gewisse Leute über sie ärgerlich werden, denn diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, sie geht auf der einen Seite völlig aus von allen wissenschaftlichen Gewohnheiten der Gegenwart, und sie hält darauf, diese wissenschaftlichen Gewohnheiten in die Erkenntnis des Geistigen, des Übersinnlichen hineinzutragen. Auf der anderen Seite aber wird diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gedrängt, von einer ganz anderen, wenigstens scheinbar ganz anderen Seelenverfassung, von ganz anderen Vorstellungen und Ideen auszugehen als diese gewöhnliche Wissenschaft. Damit werden die Denkgewohnheiten, die gerade sehr viele Wissenschafter haben, durch anthroposophische Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne ja gebrochen. Es dürfte demjenigen, der die neuere Geistesentwicklung der zivilisierten Menschheit unbefangen betrachtet, kaum zweifelhaft sein, daß das Bedeutsamste, das in dieser Geistesentwicklung heraufgekommen ist, die naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden und die naturwissenschaftlichen Ergebnisse sind. Diese naturwissenschaftlichen Ergebnisse, sie haben unser ganzes Leben umgestaltet. Diese naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden — das weiß derjenige, der sie vergleichen kann mit den sogenannten wissenschaftlichen Anschauungen der Zeit, sagen wir noch vom 12., 13. Jahrhundert -, diese naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden haben heraufgebracht eine gewisse methodische Disziplin des ganzen Forschens, der gesamten Erkenntnisuntersuchungen, eine wissenschaftliche Disziplin, gegen welche im Grunde genommen heute niemand sündigen darf, der sich nicht dem Vorwurf des Dilettantismus aussetzen will.

Mit diesem Faktum, meine sehr verehrten Anwesenden, mit der Bedeutung naturwissenschaftlicher Denkweise, naturwissenschaftlicher Gesinnung, naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit rechnet anthroposophische Geisteswissenschaft. Aber eben weil sie damit rechnet, kann sie unmöglich auf dem Boden stehenbleiben, auf dem äußerlich die Naturwissenschaft heute noch steht in ihren Untersuchungen, in ihren Beobachtungen, in ihren Experimenten. Es kann diese anthroposophische Geisteswissenschaft auf diesem Boden nicht stehenbleiben. Denn wenn sie das Übersinnliche, das Geistige der menschlichen Erkenntnis ebenso einverleiben will, wie die Naturwissenschaft das Sinnliche wissenschaftlich untersucht, dann muß die hier gemeinte Geisteswissenschaft, wenn sie sich auf ihrem ureigensten Felde, auf dem Felde der geistigen Tatsachen, der geistigen Wesenheiten bewegt - gerade weil sie ein echtes Kind, eine wahre Fortsetzerin naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit sein will -, in ganz anderer Weise vorgehen als die Naturwissenschaft auf ihrem Felde, auf dem sinnlichen Felde.

Und so muß denn diese Geisteswissenschaft den naturwissenschaftlichen Erkenntnisbegriff, gerade um ihm treu zu sein, in einer ganz wesentlichen Art erweitern, und wir werden sehen, es ist im wesentlichen diese Erweiterung, welche die Leute, die gern stehenbleiben möchten bei dem, was nun einmal da ist, ärgert, welche sie unheimlich finden. Wenn man dasjenige, wodurch Anthroposophie als eine wirkliche Wissenschaft in die geistige Welt eindringen will, wenn man das charakterisieren soll, so muß man sagen: Es verhält sich zu dem, was in der gewöhnlichen Naturwissenschaft geboten wird, wie ein Reales zu einem bloß Formalen. Wenn der Mensch in einer gewissen Weise reif ist, das heißt seine angeborenen Eigenschaften und das, was ihm die menschliche Umgebung bieten kann, durch seine Erziehung, durch seine Studien ausgebildet hat, wenn er also ein gewisses Maß verstandesmäßiger Fähigkeiten und Beobachtungsgaben entwickelt hat, dann kann er Naturwissenschafter werden. Er kann auch, wie man es ja heute wünscht, dieses naturwissenschaftliche Denken ausdehnen auf das geschichtliche und auf das soziale Gebiet. Aber es ist immer nur ein formelles Fortschreiten. Wie man anfängt, so setzt man die Arbeit fort. Man beobachtet, man zergliedert logisch dasjenige, was man beobachtet hat, man setzt es wiederum zusammen.

Etwas anderes ist das, was als Erkenntnisprozeß der anthroposophischen Geisteswissenschaft angegeben wird. Das ist etwas, was real in die Entwicklung des Menschen eingreift, wenn es auf den Menschen selber angewendet wird. Man kann zunächst vergleichsweise sagen: Derjenige, der ein Forscher ist, er gelangt gewiß weiter, wenn er fünf Jahre forscht, er wird auch geschickter in der Handhabung der Methoden, aber er kommt nicht dazu innerhalb dieser fünf, zehn, fünfzehn Jahre, eine andere Art des Erkenntnisvermögens zu verwenden; er verwendet immer dasselbe Erkenntnisvermögen. Der anthroposophische Forscher kann das nicht tun. Von ihm muß gesagt werden: Wie das Kind, wenn es ein gewisses Alter erreicht hat, irgendein Urteilsvermögen hat, irgendeine Fähigkeit hat zu beobachten, wie es dieses Urteilsvermögen, diese Fähigkeit der Beobachtung weiterentwickelt, wenn es fünf Jahre älter wird, wie es dann ganz anders zu den Dingen der Umwelt sich verhält - sowohl in bezug auf das Denken wie auch in bezug auf die Beobachtungsgabe -, so muß derjenige, der selber ein Forscher wird in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, sein Erkenntnisvermögen nicht bloß beibehalten wie der naturwissenschaftliche Forscher, es höchstens etwas geschickter oder minutiöser oder dergleichen machen, sondern er muß in derselben Weise real seine inneren Seelenfähigkeiten weiterentwickeln, er muß etwas anderes aus ihnen machen.

Es verlangt also die Methode der anthroposophischen Geisteswissenschaft, daß der Mensch nicht stehenbleibt, daß er sich in bezug auf seine Erkenntnisfähigkeiten weiterentwickelt. Dadurch gelangt der Mensch selber zu einer ganz anderen inneren Seelenverfassung. Und geradeso, wie das Kind, wenn es fünf Jahre sich weiterentwickelt hat, anders die Welt sieht, als es sie vorher gesehen hat, so sieht der Geistesforscher, wenn er die Methode geistiger Erkenntnis auf sich angewendet hat, die Welt anders, als er sie vorher gesehen hat, das heißt, er sieht sie nachher geistig, übersinnlich, während, wie man ja hinlänglich zugibt, die naturwissenschaftlichen Methoden nur die sinnlichen Tatsachen als solche sehen, ja, wenn man genau zusieht, nur diese sinnlichen Tatsachen sehen wollen. Daß aber an den Menschen, wenn er glaubt, schon fertig zu sein, nun noch Anforderungen gestellt werden, er solle sich weiterentwickeln, das ist etwas, was zahlreiche Menschen ärgert, die eben glauben, alles erreicht zu haben, was in der Wissenschaft zu erreichen ist; sie finden das unleidlich, denn sie stehen ja dem so gegenüber, wie das Kinde demjenigen gegenübersteht, der fünf Jahre älter ist.

Sehen Sie, man braucht dieses nur auszusprechen, und man wird begreifen, daß es die Zeitgenossen ungeheuer ärgert, denn es ist eine Forderung, die zunächst an diese Zeitgenossen herantritt. Diese Forderung allerdings — warum tritt sie an die Zeitgenossen heran? Auch da braucht man bloß hinzuschauen auf das, wozu es naturwissenschaftliche Forschung gebracht hat. Man braucht bloß aufmerksam darauf zu machen, daß ja diese Naturwissenschaft überall betont - und gerade ihre bedeutendsten Vertreter geben das zu -, wie sie an Grenzen ihres Erkennens kommt. Aber jenseits der Grenzen dieses Erkennens liegen ja gerade die großen Fragen, die die Menschenseele, die den Menschengeist vor allen Dingen angehen. Nicht weiter führt uns die Naturwissenschaft als zur Erkenntnis desjenigen, was zwischen Geburt und Tod liegt. Aber an den Menschen treten mit einer ungeheuren Kraft die Rätselfragen heran, die in den Tiefen seines Wesens begründet sind: Was liegt jenseits von Geburt und Tod? Was ist gegenüber dem zeitlich Vergänglichen das Ewige in der Menschenwesenheit? Was ist zugrundeliegend demjenigen, was wir als das menschliche Schicksal bezeichnen, was so rätselhaft dadurch erscheint, daß? mit Bezug auf dieses Schicksal das innere menschliche Empfinden mit dem äußeren Weltengange scheinbar so schlecht harmonisiert, so schlecht harmonisiert, daß derjenige, der innerlich gut ist, von dem Schicksal schwer betroffen werden kann, und derjenige vielleicht, der es innerlich zu keiner besonderen Güte bringt, von diesem Schicksale zunächst scheinbar sehr gut behandelt wird. Damit sind allerdings nur die wichtigen, die einschneidenden Fragen der Menschenseele aufgezählt, jene Fragen, die hereinreichen in jedes fühlende Menschenherz. Immer wieder und wieder muß Naturwissenschaft, die es ja zu solch ungeheurer Gewissenhaftigkeit gebracht hat, immer wieder muß Naturwissenschaft bekennen, wie sie vor jener Grenze Halt machen muß, hinter welcher vielleicht Lösungen für diese Fragen gesucht werden können.

Geisteswissenschaft steht nun in bezug darauf auf dem folgenden Boden: Gerade weil sie in echtestem Sinne sich zu dem naturwissenschaftlichen Geiste der neueren Zeit bekennt, hält sie innerhalb des naturwissenschaftlichen Forschens die Grenzbestimmungen für richtig. Sie sagt: Mit den gewöhnlichen Fähigkeiten des Menschen, wie sie nun einmal in Gemäßheit der heutigen Menschheitsentwicklung ausgebildet werden, kann man nicht anders, als vor diesen Grenzen Halt machen. Aber diese Grenzen sind keine unbesieglichen Grenzen. Der Mensch ist fähig, über diese Grenzen des Erkennens hinaus sich zu entwickeln.

Zunächst soll auf zwei Seelenfähigkeiten hingewiesen werden, welche zu einer höheren Entwicklung nach einer ganz besonderen, übersinnlichen Erkenntnisart fähig sind. Zunächst soll hingewiesen werden auf dasjenige, was wir gewissermaßen wie eine Fundamentalkraft für unser gesundes Leben zwischen Geburt und Tod haben müssen: es ist das menschliche Gedächtnis, es ist die menschliche Erinnerungsfähigkeit. Von anderen Gesichtspunkten aus habe ich in den geisteswissenschaftlichen Vorträgen auch hier schon auf die besondere Entwicklung dieser Erinnerungsfähigkeit durch geisteswissenschaftliche Methode hingedeutet. Wenn nur irgendetwas in dieser Erinnerungsfähigkeit nicht intakt ist, so ist eigentlich das ganze menschliche Innere zerrissen. Wenn wir das, was wir erlebt haben seit dem Zeitpunkte der Kindheit, bis zu dem wir uns zurückerinnern können, unterbrochen fühlen, so ist unser Ich gewissermaßen nicht gesund. Wir fühlen uns in uns selbst desorientiert; wir finden uns in uns nicht zurecht. Wir wissen innerlich seelisch nichts Rechtes mit uns anzufangen. Diese Erinnerungsfähigkeit, sie bewahrt für die Zeit unseres Lebens zwischen Geburt und Tod dasjenige auf, was wir in diesem Dasein erleben. Das, was wir im Augenblicke erleben - es gewinnt Dauer durch die Erinnerungsfähigkeit. Hier setzt eine der methodischen Bestrebungen der Geisteswissenschaft ein, indem sie gewissermaßen diejenige Kraft der Seele aufgreift, welche zur Erinnerung führt, aber diese Kraft der Seele nun anders ausbildet, als sie sich gleichsam von selbst ausbildet, wenn die Seele sich selbst überlassen ist. Das, was Geistesforschung da anwendet, das ist von mir in meinen Schriften genannt die Meditation —- ein intimer Vorgang der menschlichen Seele.

Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, man muß sich durchaus damit bekanntmachen, daß die Wege in die übersinnlichen Welten hinein intime Seelenwege sind. Derjenige, der etwa in Schrenck-Notzingscher Weise glaubt, daß man durch Nachahmung der äußerlichen Experimentiermethode das Übersinnliche schauen könne, der da glaubt, daß man das Übersinnliche im Sinnlichen als Sinnliches schauen kann, der kann selbstverständlich an der hier gemeinten Geisteswissenschaft keinen Geschmack finden, denn diese Geisteswissenschaft muß von vornherein davon ausgehen, daß es ein Unding ist, das Übersinnliche in das Sinnliche hereinbekommen zu wollen, daß es ein Unding ist, das Übersinnliche sinnlich machen zu wollen. Es kann sich nicht darum handeln, die gewöhnliche naturwissenschaftliche Experimentiermethode anzuwenden, um gewissermaßen so, wie man im Laboratorium mit Stoffen und Kräften experimentiert, auch mit Geistern zu experimentieren, sondern es kann sich nur darum handeln, in intimen Seelenwegen zum Übersinnlichen hin sich zu bewegen.

Meditation ist ein solcher intimer Seelenweg. Wenn ich sie schildern soll, so kann ich das kurz in folgendem tun; ausführlich finden Sie sie in meinen Büchern, insbesondere in meiner «Geheimwissenschaft» und in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert. Kurz möchte ich diese Meditation in der folgenden Weise charakterisieren: Sie besteht darin, daß man nicht bloß seine Gedanken so faßt, wie sie folgen aus den äußeren Beobachtungen oder dem gewöhnlichen Leben, sondern daß man durch Willensentschlüsse in seine Seele hereinnimmt Bilder, Gedankenzusammenhänge, die man sich entweder von einem kundigen Geistesforscher raten läßt oder die man in irgendeiner anderen Weise an sich heranbringt. Während man sonst einen Gedanken nur denkt, solange die eigene Wahrnehmung dauert oder solange er durch unsere innere Organisation in der Erinnerung heraufgehoben wird in das gegenwärtige Seelenleben, während man also gewissermaßen im gewöhnlichen Gedankenverlaufe dem Unwillkürlichen sich hingibt, wird in der Meditation durch Willkür, durch eine wirkliche Entfaltung des Willens Gedankliches in die Seele hereingestellt, und man verweilt dann auf diesem Gedanklichen. Man hält dieses Gedankliche in der Seele fest. Dasjenige, was ich hier meine, läßt sich nicht etwa schnell erleben; es erfordert jahrelanges Üben in solchem Festhalten des Gedanklichen, wenn man zu etwas kommen will. Betont aber muß werden, daß diejenigen Methoden, die einzig und allein empfohlen werden von der Anthroposophie in dieser Richtung, die seelischen Verläufe durchaus in einer gewissen Sphäre halten. Und zu dieser Sphäre muß man eigentlich gut vorbereitet sein, bevor man irgendwie Brauchbares an geisteswissenschaftlichen Methoden ausbilden kann, und das, worin man gut vorbereitet sein muß, das ist gerade zu erlangen durch gewissenhafte Schulung innerhalb der modernen naturwissenschaftlichen Forschung. Da lernt man erstens, sich zu halten an das Objektive, nicht einzumischen beliebige Sympathien und Antipathien in das Objektive. Da lernt man aber auch, sich zu halten an den reinen gedanklichen Zusammenhang, an eine gewisse logische Folge der Gedanken, indem diese Gedanken zugleich den äußeren Beobachtungen folgen. Das, was man da gewinnen kann aus dieser Fähigkeit, logisch einem Gedanken zu folgen, das muß Vorbereitung sein, denn es darf nichts heraufgeholt werden aus dem Unterbewußten oder Unbewußten, sondern der ganze Vorgang muß so bewußt und willkürlich verlaufen, wie nur irgend etwas willkürlich verläuft, das man etwa im Laboratorium durch Experimentieren vollbringt.

Wenn man in dieser Weise sich durchgerungen hat zu einem logischen Denken, einem Denken, das dem strengsten Mathematiker, um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, Rechenschaft ablegen könnte, wenn man sich zu einem solchen Denken durchgerungen hat, wenn man also rein im Elemente des Denkens verweilen kann, dann kann man solche Gedanken vor sich hinstellen, um jetzt - ohne Zuhilfenahme der Erinnerungsfähigkeit, ohne Zuhilfenahme der äußeren Beobachtung, ohne irgendein Unwillkürliches - durch innere Willkür dieses Gedankliche festzuhalten. Was tut man dann, wenn man solche Übungen immer weiter und weiter fortsetzt? Dann setzt man innerhalb des Seelisch-Geistigen denjenigen Prozeß fort, den man unwillkürlich in sich hat verlaufen lassen, indem man die Erinnerungsfähigkeit ausgebildet hat. Das Kind, es wächst heran, und indem es körperlich heranwächst, bildet es zu gleicher Zeit die Erinnerungsfähigkeit aus. Der Geistesforscher, er bildet gewissermaßen ab dieses Dauerhaftmachen des Vorstellens im reinen Seelischen, indem er sich solche Gedankenelemente vorhält. Dadurch setzt er diesen Prozeß in Wirklichkeit fort, diesen Prozeß, der sich gewissermaßen heraufgebildet hat bis zur Erinnerungsfähigkeit. Und indem dieser Prozeß immer mehr und mehr fortgesetzt wird, gelangt man dazu, innerlich zu fühlen, wie sich etwas regt, was vorher nicht da war. So wie sich bei dem fünfzehnjährigen Kinde innerliche Kräfte regen, die beim zehnjährigen Kinde noch nicht da waren, so regen sich durch solche Übungen innerliche Kräfte, die vorher nicht da waren. Man wußte vorher nur mit Hilfe seines Leibes in der Erinnerung zu leben. Jetzt weiß man durch eine errungene neue Erfahrung im rein Geistig-Seelischen zu leben. Man erfaßt innerlich, in innerlicher Tätigkeit das Geistig-Seelische, und die Folge ist, daß die gewöhnliche Erinnerungsfähigkeit sich weiterentwickelt zu einer besonderen Kraft, deren Entstehung ich nunmehr schildern will.

Es tritt ein Zeitpunkt für den Geistesforscher ein, wo zu der gewöhnlichen Erinnerung durch solche Übungen etwas ganz anderes hinzutritt, etwas hinzutritt, was dann keiner Erinnerung mehr bedarf, in bezug auf welches eine Erinnerung im Grunde auch nicht mehr möglich ist. Indem man so innerlich sich erfaßt, tritt dasjenige hinzu, daß man von einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens an das bisherige Leben seit der Geburt oder wenigstens seit dem Zeitpunkte, bis zu dem man sich sonst zurückerinnert, wie ein Ganzes in Bildern verlaufend vor sich hat. Wie wenn die Zeitenströmung gewissermaßen gleichzeitig verlaufend wäre, so steht das Lebenstableau vor dem Geistesforscher.

Damit ist aber etwas Besonderes erreicht, meine sehr verehrten Anwesenden. Dadurch, daß der Geistesforscher dann das sieht, was sonst nur in einzelnen Erinnerungsvorstellungen aus seinem Inneren heraufquillt, dadurch steht er ja einer Wesenheit gegenüber allerdings jetzt seiner eigenen Wesenheit, wie sie sich entwickelt hat seit seiner Geburt -, der er in dieser inneren Geschlossenheit vorher nicht gegenübergestanden hat. Dasjenige, woraus die Erinnerungsvorstellungen aufgetaucht sind wie, ich möchte sagen einzelne Wellen aus einer Meeresfläche, das steht wie eine geschlossene Strömung da. Dadurch ist man aber mit seinem Ich außerhalb dieser Wesenheit, die man sonst selbst ist. Bedenken Sie, was da Bedeutsames eigentlich in der Menschenseele geschieht. Die Menschenseele ist ja sonst dieses Wesen, aus dem heraus die Erinnerungen auftauchen. Jetzt bleibt das Bewußtsein völlig intakt, aber die eigene Wesenheit erscheint objektiv, erscheint abgesondert von einem. Man überblickt zunächst dasjenige, was als fortdauernde Wesenheit uns durchzieht von der Geburt bis zum Tode. Aber derjenige, der nun wirklich geistiger Forschung sich völlig hingeben will, der muß auf dieser Bahn, die ich nun hier als Meditation bezeichnete, weiterschreiten.

Er muß vor allen Dingen nunmehr noch eine andere Fähigkeit ausbilden, die aber auch schon in der Seele veranlagt ist, er muß ausbilden, um weiterzukommen, die Fähigkeit des Liebens, des Liebens der Welt und der Weltwesenheiten — was geradezu wieder ärgerlich ist für viele unserer wissenschaftlichen Zeitgenossen, wenn man auf diesen besonderen Punkt hinweisen muß. Fassen wir einmal die Liebe ins Auge, wie sie sich im gewöhnlichen Leben äußert. Sie ist die Hingabe der Seele an eine andere Wesenheit, an einen Vorgang oder dergleichen. Was ist die Liebe, wenn sie im Leben auftritt? Wir dürfen sagen: sie ist gesteigerte Aufmerksamkeitsentfaltung. Der Anfang der Liebe, worin liegt er? Er liegt darin, daß ich, indem die Welt an mir vorüberzieht, einem Gegenstand meine besondere Aufmerksamkeit zuwende. Ich sondere einen Gegenstand aus; ich konzentriere mich auf diesen einen Gegenstand. Indem ich mich gewissermaßen auf einen Gegenstand konzentriere, lasse ich in Steigerung die Seele hinüberfließen in das Wesen dieses Gegenstandes, so daß die Selbstsucht zurücktritt. Indem man aufgeht in der anderen Wesenheit, folgt aus der Aufmerksamkeit dann die Liebe. Diese Liebe, sie muß aus einer Eigenschaft des gewöhnlichen Alltagslebens heraufgesteigert werden zu einer wirklichen Erkenntniseigenschaft. Das kann dadurch geschehen, daß man die Konzentrationsfähigkeit noch besonders erhöht, daß man jetzt sich des Willens immer mehr und mehr bewußt wird, geradeso wie man vorher Dauer in das Vorstellungsleben hineingebracht hat. Vorher hat man den Willen angewendet in der Meditation, jetzt sieht man nicht bloß darauf, daß man willkürlich meditiert, sondern jetzt sieht man sich selber zu, wie man diesen Willen entfaltet. Man sieht auf den Willen besonders hin. Man sieht, wie dieser Wille sich konzentriert auf dieses oder jenes, was man in das Bewußtsein hereingebracht hat. Und indem man diese innere Seelentätigkeit — es ist wiederum eine intime, innere Seelentätigkeit -, indem man diese steigert, gelangt man nunmehr dazu, ein neues inneres Erlebnis zu haben. Man gelangt dazu, indem man das zum Bewußtsein bringt, was sonst in die Dämmerung des Unbewußten oder Unterbewußten getaucht ist, nämlich das Wechselverhältnis von Wachen und Schlafen.

Der Mensch geht durch die Welt. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen entfaltet er sein Bewußtsein, das ihm die äußeren Gegenstände repräsentiert, die er dann innerlich durch seine Gedanken verarbeitet. Er unterbricht dieses Bewußtsein durch die Bewußtlosigkeit des Schlafes, aus dem höchstens die Bilder des Traumes herauftauchen. Dadurch, daß man in dieser Weise gerade auf den Willen und seine Entfaltung hin sich konzentriert hat, dadurch, daß man hingegeben hat, in Liebe hingegeben hat seine Konzentrationskraft an irgendetwas, das in das Bewußtsein versetzt ist, dadurch hat sich dieses innere Seelenleben nach und nach so erkraftet, daß jetzt der Mensch, indem er in einen bestimmten Zustand sich versetzt, weiß, er kann denselben Vorgang bewußt wiederholen, den er sonst wiederholt, wenn er einschläft. Und der Mensch weiß jetzt, durch unmittelbare Anschauung weiß er: Wenn ich einschlafe, gehe ich mit meinem Geistig-Seelischen aus dem physischen Leibe heraus. Ich bin vom Einschlafen bis zum Aufwachen ein geistig-seelisches Wesen außerhalb meines Leibes. - Aber bevor der Mensch solche Übungen, wie ich sie geschildert habe, durchgemacht hat, bleibt ihm der Zustand vom Einschlafen bis zum Aufwachen unbewußt: Dieses undifferenzierte, zunächst noch ganz unorganisierte Geistig-Seelische - das im gewöhnlichen Leben nur dadurch organisiert ist, daß es im Leibe sich befindet, vom Leibe die Formen, die innerlichen Kräfte bekommt -, dieses Geistig-Seelische wird durch jene Erkraftung, die ich geschildert habe, durch diese eigene menschliche Tätigkeit, durch Meditation und Konzentration, innerlich so organisiert, wie sonst nur der Leib organisiert ist. So wie der Leib mit seinen Sinnen innerhalb der sinnlichen Welt sehen kann, in der er ist, so wird das Geistig-Seelische, wenn es sich durch innere Kraft dazu organisiert hat, dazu kommen, daß es bewußt aus dem Leibe so heraus kann, wie es sonst unbewußt beim Einschlafen herausgeht; es wird dazu kommen, daß es wiederum sich bewußt in den Leib zurückversetzen kann, wie es sich sonst nur beim Aufwachen zurückversetzt. Und man bekommt jetzt eine Anschauung davon, wo man eigentlich sonst ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, man bekommt, weil man erweckt hat zu innerer Aktivität das Seelische, eine Vorstellung von diesem Seelischen. Jetzt steht man allerdings in einer anderen Weise dem gegenüber, was einem vorher wie ein Bildpanorama des Lebens seit der Geburt erschienen ist.

Indem man das geistig-seelische Leben durch Meditation entwickelt, bekommt man zunächst eine Bildrückschau auf das Leben seit der Geburt, aber man kennt sich noch nicht aus in der Bildrückschau. Sie ist zwar objektiv geworden, aber man steht ihr noch nicht bewußt gegenüber. Konzentriert man sich auf die Willensarbeit, wie ich es beschrieben habe, so macht man sich so tätig, daß man dasjenige, was sonst im Schlafe nur außerhalb des Leibes sein kann, nun außerhalb dieses Leibes halten kann. Dann sieht man einen Vorgang seiner wahren Realität nach, den man sonst eben nicht sehen kann, weil die Kräfte, durch die man ihn schauen kann, eben noch nicht entwickelt sind. Dann sieht man den Vorgang der Einverleibung des Geistig-Seelischen in den physischen Leib und den anderen Vorgang des Wiederhinausweisens des Geistig-Seelischen aus dem physischen Leibe. Kommt man dazu zu verstehen, bewußt zu verstehen, was Einschlafen und Aufwachen heißt, so kommt man mit diesem Wissen auch dazu, zu schauen und zu verstehen, was Geborenwerden und Sterben heißt. Denn geradesowenig, wie das Geistig-Seelische, das des Morgens beginnt sich zu entfalten, beim Aufwachen neu geboren wird, ebensowenig geht es beim Einschlafen zugrunde. Ebensowenig aber wird mit der Geburt oder mit der Empfängnis das geboren, was des Menschen Geistig-Seelisches ist, und ebensowenig geht es mit dem Tod zugrunde. Das läßt sich entscheiden durch wirkliches Schauen.

Lernt man dasjenige erkennen in innerer Aktivität, was dem Menschen wirklich zugrunde liegt, dann lernt man es erkennen als das, was hinausragt über Geburt und Tod. Dann lernt man es erkennen als das, was sich durch Geburt oder Empfängnis mit dem physischen Leib verbindet, indem es diesen zugleich organisiert und sich mit ihm so verbindet, wie sonst - allerdings nun nicht umorganisierend, sondern nur teilweise, ich möchte sagen die Organisation ausbessernd — das Geistig-Seelische beim Aufwachen sich in den physischen Leib hineinbegibt zu einem Dasein, das des Morgens wiederum sich fortsetzt mit seinen Erlebnissen. So lernt man das, was den Menschen eigentlich organisiert, erkennen als etwas, was mit dem Tode wiederum in die geistige Welt hinausgeht. Man lernt auf diese Weise durch die Entfaltung der Seele zum Schauen das im Menschen bestehende Ewige wirklich hell zu durchschauen. Man kann nicht über dieses Ewige spekulieren, philosophieren - da wird man immer nur zu Sophistereien kommen. Aber man kann über dieses Ewige eine Aufklärung erhalten, indem man das, was als Ewiges sonst unbewußt ist, was als Unbewußtes für sich lebt ohne den Leib vom Einschlafen bis zum Aufwachen, man kann das, wenn man sich in innere Tätigkeit bringt, als ein Ewiges erkennen. Hat man es getan, dann erkennt man zu gleicher Zeit das, [was sonst unbewußt ist], als ein Ewiges.

Das zeigt Ihnen, wie Geisteswissenschaft eigentlich die reale Fortentwicklung der Erkenntnisfähigkeit auffaßt. Da handelt es sich nicht darum, daß wir stehenbleiben und nur logisch oder experimentierend, höchstens geschickter werdend, fortfahren, sondern da handelt es sich darum, daß wir wirklich, so wie es beim Wachstum des Leibes selber ist, unser Geistig-Seelisches zum Wachsen, zum Neu-sich-Entfalten bringen, so daß es hineinwächst in die übersinnliche Welt und erlebt das Ewige. Indem man dieses Übersinnliche erlebt, indem man gewissermaßen das Leben so überschaut wie sonst einen Tag und erkennt, was diesem Leben vorangeht und diesem Leben folgt, kommt man immer mehr und mehr dazu — gerade wenn man nun noch versucht, den letzten Rest des egoistischen Empfindens herauszutreiben aus der Konzentration; man kann die Konzentration so weit treiben, daß man ganz aufgeht, allerdings die Kraft behält, sich immer wieder zurückzunehmen; das Bewußtsein darf nicht verloren gehen -, kommt man immer mehr dazu, daß man ganz aufgeht in dem, worauf man sich konzentriert. Dann lernt man den Menschen auch seiner Wesenheit nach kennen in jenem Zustande, wo er eben außerhalb des Leibes ist. Ich habe gesagt, man lernt erkennen zunächst das Leben seit der Geburt in einer Art Bildrückschau. Man lernt dann dasjenige erkennen, was zu diesem Leben wird, was aus geistigen Welten zur Verleiblichung herabsteigt, was durch des Todes Pforte geht, um wiederum in die geistige Welt zurückzukehren. Aber indem man sich in das einlebt, lernt man erkennen: Ja, die gewöhnlichen Vorstellungen, die sind nicht da in diesem Ewigen; die Vorstellungen, die wir haben im gewöhnlichen Leben, sie werden nur erzeugt in der leiblichen Organisation.

Man wird erst klar darüber, was diese leibliche Organisation für den Menschen eigentlich ist, wenn man die Bedeutung der äußeren, leiblichen Organisation für das Geistig-Seelische kennenlernt. Da lernt man erst erkennen, daß der Mensch, um in der gewöhnlichen Welt Vorstellungen bilden zu können, in seinen Leib zurückkehren muß. Aber er nimmt die Kraft des Denkens, er nimmt die Kraft der Ideenfähigkeit mit in das Geistig-Seelische, und er nimmt, indem er ein neues Vorstellen für ein höheres, übersinnliches Bewußtsein entwickelt, von dem, was in seinem Leibe ist, nur einen Teil, ich sage, nur einen Teil des Fühlens und des Wollens mit; das gewöhnliche Vorstellen nimmt er nicht mit. Er muß für das Dasein außerhalb des Leibes ein ganz neues Vorstellen entwickeln. Aber er nimmt von seinem gewöhnlichen Dasein, das ihn erfüllt zwischen Geburt und Tod, einen Teil des Fühlens mit. Und das Wollen in seiner wahren Gestalt, dieses Wollen, es ist ja etwas außerordentlich Dunkles, etwas wie im Schlaf Erlebbares; man braucht nur an dasjenige zu denken, was die gewöhnlichen Seelenlehren und Psychologen über dieses Wollen zu sagen wissen. Dieses Wollen ist ja etwas Dunkles im Leben. Es wird zwar hell, indem der Mensch in der entsprechenden Weise sich zum Schauen erhebt, aber es wird zu gleicher Zeit erkannt, daß es verbunden ist mit dem Ewigen. Und wenn man es dazu bringt, durch ein liebevolles Konzentrieren nun auch noch diesen letzten Rest des egoistischen individuellen Fühlens wegzubringen - dasjenige also, was einen noch am Leibe hält wegzubringen - und so, wie man eine neue Vorstellung im rein Geistig-Seelischen entwickelt hat, nun auch ein reines Fühlen außerhalb des Leibes zu entwickeln, bleibt einem immer noch das Wollen, wie es im Leibe ist. Aber man lernt es jetzt durch das neue Fühlen und neue Vorstellen erst kennen; man lernt es erkennen so, daß man es ansprechen muß, indem man dafür vielleicht das Wort Begehren gebraucht. Man lernt das Wollen als ein Begehren, als eine Fähigkeit der Begierde kennen, als eine Kraft der Begierde. Aber jetzt, außerhalb des Leibes, nimmt es sich aus wie eine Kraft der Begierde, wodurch nun was begehrt wird? Es wird begehrt das Dasein im Leibe selber. Man lernt also jetzt erkennen die Kraft, durch die man eigentlich hereindringt von einem vorgeburtlichen Leben in dieses Leben im Leibe.

Man lernt erkennen diese Begierde als etwas, was der Welt angehört und was uns durchdringt, bevor wir zum Erdenmenschen werden, was uns wiederum bleibt, indem wir durch des Todes Pforte gehen. Und man lernt jetzt erkennen, wie diese Begierde etwas ist, was im Menschen waltet und was zum Inhalte des Begehrens hat das Menschwerden selber; man lernt jetzt etwas Merkwürdiges kennen, man lernt kennen in sich die Begierde nach dem Menschwerden als solchem. Man lernt dieses Leben zwischen Tod und Geburt kennen; man lernt in ihm das Ewige kennen. Man lernt kennen die Begierde, wiederum ein Leben zu leben, und man lernt den Willen, den man entdeckt hat, kennen als dasjenige, was einen vom Menschenleben der Vorzeit, das man selber vollbracht hat, in dieses [jetzige] Leben hereingebracht hat, man lernt den Willen in seiner Geistgestalt kennen.

Meine sehr verehrten Anwesenden, schaut man den Willen als solchen, den man herausgebracht hat aus dem Physisch-Leiblichen, dann lernt man erkennen, durchschauen die Tatsache der wiederholten Erdenleben, dann lernt man erkennen, wie der Inhalt eines Lebens durch die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt geht, rein geistig sich entwickelt, dann lernt man erkennen, wie aber dasjenige, was da rein geistig sich entwickelt, immer wieder und wieder aus sich erzeugt die Begierde nach dem Menschwerden. Dasjenige, was wir hier im Leben zwischen Geburt und Tod als Begierde entwickeln, wodurch wir Äußeres begehren, das wird durch übersinnliches Schauen erkannt als ein schwacher Abglanz derjenigen Begierden, die in uns leben und die uns hinübertragen aus einem Erdenleben in das andere. Dasjenige, was uns zum Menschen macht, was uns herüberorganisiert von einem Erdenleben zum anderen, das erscheint in einem schwachen Abglanze, wenn wir im physischen Dasein aus unserem Leibe heraus dies oder jenes begehren.

Ich konnte Ihnen nur skizzenhaft schildern, wie der Mensch hineinwächst durch eine intime Entwicklung seines geistig-seelischen Lebens in die geistig-seelische Welt selber, wie er da gewahr wird zunächst dasjenige, was er ist zwischen Geburt und Tod, wie er gewahr wird sein Ewiges, das jenseits von Geburt und Tod liegt, wie er aber auch gewahr wird, wie das, was zwischen Geburt und Tod in ihm lebt, ein Ewiges in sich schließt, das aber diese Hülle sprengt, durch den Tod geht, aber Begierde hat nach einem neuen Leben. Ich müßte nicht nur stundenlang, sondern wochenlang sprechen, wenn ich das, was ich jetzt skizziert habe, im einzelnen ausführen wollte. Man kann es im einzelnen schildern, aber hier soll ja nur gezeigt werden, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu ihren Ergebnissen kommt und zu welchen Ergebnissen sie kommt. Sie kommt dadurch, daß sie das Erkenntnisvermögen des Menschen über sich selbst hinaus entwickelt, zu Ergebnissen über das Wesen seines Eigenseins, über das Ewige, über das sich Wiederholende seines Erdendaseins.

Man kann sich vorstellen, daß das, was ich eben geschildert habe, gegenüber dem, was man heute in den Denkgewohnheiten hat, ungewohnt ist. Vor allen Dingen möchte ja der Mensch nicht zugeben, daß er, um zu erkennen, noch eine Entwicklung nötig hat. Er möchte stehenbleiben bei dem, was er schon erreicht hat, möchte höchstens die Grenze konstatieren. Aber auf diese Weise läßt sich die Wahrheit über die höchsten Angelegenheiten des menschlichen Seelenwesens nicht erkunden. Die läßt sich nur erkunden, wenn der Mensch die intellektuelle Bescheidenheit hat, sich zu sagen: Ich muß noch weiter vorwärtsschreiten, ich muß in mir selber das Übersinnliche zum Bewußtsein bringen, wenn ich ein Bewußtsein von dem Übersinnlichen entwickeln will und durchschauen will meine Angehörigkeit zu der übersinnlichen Welt.

Wenn diese Dinge ausgesprochen werden, dann kommen Leute und sagen: Ja, diese anthroposophische Geisteswissenschaft, sie will ja den Materialismus überwinden, aber sie ist selber nicht wissenschaftlich. Denn das, was sie da schildert als Bilder des Lebens seit der Geburt, was sie schildert als Inspirationen, durch die das Ewige erkannt wird, was sie schildert als Intuitionen, die die Begierde des Willens ergreifen, der von Leben zu Leben wirkt, das - so sagen manche Leute -, das läßt sich ja nicht objektiv rechtfertigen, das könnten ebensogut Halluzinationen sein. - Und sonderbarerweise kommt es vor, daß gerade diejenigen, die auf der einen Seite sagen, anthroposophische Geisteswissenschaft bemühe sich, den Materialismus zu überwinden — damit also eigentlich eine Sympathie für die Überwindung des Materialismus ausdrücken -, daß die gerade, indem sie die anthroposophische Geisteswissenschaft widerlegen wollen, sie herunterdrücken auf eine materialistische Stufe.

So konnte man neulich gerade hier lesen - ich kann, da ich, als das Betreffende gesprochen wurde, nicht anwesend war, nur nach einem Zeitungsbericht hier sprechen: Trifft es nicht genau das, was gesagt worden ist, so bezieht es sich eben auf das, was referiert worden ist, aber man kann durchaus auch über das, was referiert worden ist, sprechen in dem: Sinne, wie ich das jetzt tun werde. Da wird behauptet: Dasjenige, was nun intime Entwicklung genannt wird, das ist ja in Wirklichkeit nichts anderes, als daß Vorstellungsbilder gehemmt werden, gewissermaßen zum innerlichen Stauen gebracht werden, zunächst unterdrückt werden, so daß dadurch Nervenenergie gewissermaßen innerlich sich staut und daß dann durch diese unterdrückten, durch diese gehemmten und unterdrückten Vorstellungsbilder die ersparte Nervenenergie in diesen Bildern auferstehen würde, von denen der Geistesforscher spreche als von seinem Schauen.

Nun, verfolgen Sie genau dasjenige, was ich heute objektiv und wahrheitsgetreu geschildert habe als die Vorgänge, die der Geistesforscher mit seiner Seelenverfassung in aufeinanderfolgenden Zuständen wirklich vornimmt: Ist irgendwo die Rede gewesen von einem Hemmen und Einschränken der Vorstellungsbilder? Nein, vom Gegenteil ist die Rede gewesen. Es ist die Rede davon gewesen, daß die Vorstellungsbilder nicht herabgehemmt werden, sondern daß sie gerade heraufgehoben werden, daß sie gerade lichtvoll in das Bewußtsein hereingestellt werden. Vom Gegenteil dessen ist die Rede gewesen, was da eingewendet wird, um die Unwissenschaftlichkeit der Anthroposophie darzutun. Es wird einfach so gedankenlos hingesprochen, daß das, was der Geistesforscher erfahre, herrühre von eingeschränkten, von unterdrückten, von gehemmten Vorstellungsbildern. Es werden gar keine Vorstellungsbilder gehemmt, sondern sie werden gerade in lichtvolle, bewußte Gegenwart gerückt, sie werden gerade entfaltet. Wenn es sich darum handeln würde, daß diese Vorstellungsbilder gehemmt würden, daß da sich irgend etwas stauen, daß Nervenenergie gewissermaßen erspart würde und dann das sich entfalten würde, was der Geistesforscher in seinen Schauungen hat, dann müßte ja bei dem Geistesforscher dasselbe vorliegen, was eben gerade beim pathologischen Halluzinieren oder Illusionieren vorkommt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das pathologische Halluzinieren oder Illusionieren, das ist geknüpft an die Unterdrückung des gewöhnlichen Bewußtseins. Dasjenige aber, was beim Geistesforscher vorhanden ist, ist nicht geknüpft an das Unterdrücken des gewöhnlichen Bewußtseins. Dieses gewöhnliche Bewußtsein bleibt voll erhalten, es bleibt voll intakt. Daher kann der Geistesforscher jederzeit mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein ebenso denken, wie auch derjenige, der ihn bekämpft, wenn er wissenschaftlich sein will, mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein denkt. Wie kann derjenige, der diesen Tatbestand ins Auge faßt, behaupten, daß es sich hier um gehemmte Nerventätigkeit handelt? Derjenige, der angeblich unter dem Einflusse dieser gehemmten Nerventätigkeit arbeitet, der arbeitet ja nicht etwa bloß hinterher, sondern gleichzeitig ganz ebenso, wie sein Bekämpfer mit der angeblich ungehemmten Nerventätigkeit arbeitet.

Was vorliegt, das ist auch hier nichts anderes, als daß der betreffende Bekämpfer «ärgerlich» wird, weil ihm zugemutet wird, um in die geistige Welt einzudringen, nun selber sein Übersinnliches zum Bewußtsein zu bringen, und er deshalb sagt: Zwar sind diese Geistesforscher ganz gut, um den Materialismus zu bekämpfen, aber ... - jetzt wird der Mann, der nun so furchtbar Sympathie mit dem Kampf gegen den Materialismus hat, der krasseste Materialist, indem er dasjenige ins Unterbewußte hinuntertreibt, wovon der Geistesforscher ausdrücklich betont, daß es sich durchaus in der Sphäre des Methodisch-Logischen bewegt. Der Geistesforscher kennt ganz genau die Grenze, wo irgendein Unterbewußtes beginnt. Daß er überall seinen Willen hineinbringt, das ist gerade das Wesentliche.

Es liegt also einfach die Tatsache vor, daß hier ein Kampf gegen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geführt wird, ohne daß man sich bekümmert darum, was dieser Geisteswissenschaft wirklich zugrunde liegt. Ein Recht, zu sagen, da liege ersparte, gestaute Nervenenergie zugrunde, ein Recht zu einer solchen Bekämpfung hätte man nur dann, wenn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich auflehnen würde gegen die gewöhnliche Wissenschaft. Das ist aber gerade ihr Ausgangspunkt. Sie lehnt sich nicht auf gegen die gewöhnliche Wissenschaft. Auf dem Felde, das die gewöhnliche Wissenschaft behandelt, da denkt sie, da beobachtet sie, da forscht sie so, wie diese gewöhnliche Wissenschaft, sie durchdringt nur das, was diese gewöhnliche Wissenschaft erforschen kann, mit dem, was von ihr geistig erschaut werden kann. Sie nimmt nichts weg von dieser gewöhnlichen Wissenschaft, sie fügt nur etwas hinzu. Und so darf auch der Bekämpfer nicht behaupten, daß sie von den geistigen Fähigkeiten etwas wegnimmt, daß sie Vorstellungen staut, Vorstellungen beschränkt, hemmt, denn sie arbeitet mit den gleichen ungehemmten VorstelJungen wie er selbst, nur fügt sie etwas anderes hinzu.

Sie sehen, meine sehr verehrten Anwesenden, es handelt sich durchaus darum, daß man einfach nicht will auf den Weg dieser Geisteswissenschaft eintreten; man sagt: Ich will nicht, ich mag nicht — dazu hat jeder das Recht. Aber daß man sagt: Ich will nicht, daher darf der andere auch nicht, und daher darf überhaupt niemandem etwas von dieser Geisteswissenschaft gesagt werden [dazu hat man nicht das Recht.] Man stellt sich hin vor ein Publikum, bekämpft diese Geisteswissenschaft, aber man kennt sie nicht, man bekämpft sie, indem man ihr ein materialistisches Gebilde andichtet, von dem sie ihrer ganzen Methode nach weit entfernt ist.

Nun, während jetzt die Bekämpfer wenigstens schon so weit sind, daß sie Bücher schreiben und sagen, es handle sich bei der Anthroposophie nicht um die «beliebigen Einfälle einer im Trüben fischenden Winkelsekte», sondern um etwas, dem man «Aufmerksamkeit zuwenden» muß, daß sie «Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geist kraftvoll durchwehten Weltanschauung» gibt, wird der Gang der sein, daß die Gegner, trotzdem sie «ärgerlich» werden, aus den Untergründen ihres Wesens heraus sich bequemen müssen, wenigstens den Ernst dieser Geisteswissenschaft anzuerkennen. So wird auch die Zeit kommen, wo all dasjenige, was aus scheinbarer Wissenschaftlichkeit heraus diese Geisteswissenschaft bekämpft, in nichts zerfallen wird. Bis jetzt ist ja im Grunde genommen nichts anderes geschehen, als daß man fortwährend der Geisteswissenschaft etwas andichtet, was man eben gerade selber erdichtet hat, und dann sein eigenes Zerrbild bekämpft - nicht dasjenige, was Geisteswissenschaft wirklich gibt.

Um was kann es sich denn eigentlich nur handeln, wenn von einer solchen «wissenschaftlichen Begründung» die Rede ist, die die gegenwärtige Wissenschaft allein zu geben beansprucht, auch für die Geisteswissenschaft? Wenn man bedenkt, welche Mißverständnisse von vornherein dabei walten, dann wird man mit der Sache auch ein bißchen zurechtkommen. Man kann doch nicht verlangen, daß das gewöhnliche Sehen wissenschaftlich gerechtfertigt sein müsse, sonst dürfe man es nicht anwenden; und so kann man auch nicht verlangen, daß man das höhere Sehen wissenschaftlich rechtfertigen soll, sonst dürfe man es nicht anwenden. Ebensowenig kann jemand verlangen, daß das Schauen durch Imagination, Inspiration, Intuition, wie ich es heute geschildert habe — die Imagination gibt das Dauernde des Erdenlebens in Bildern seit der Geburt, die Inspiration gibt das Ewige, die Intuition gibt die sich wiederholenden Erdenleben -, ebensowenig kann man fordern, daß dieses Schauen durch Imagination, Inspiration, Intuition erst wissenschaftlich gerechtfertigt werde, bevor es angewendet wird. Nein, so wie es sich das Auge nicht gefallen läßt, erst wissenschaftlich gerechtfertigt zu werden, bevor es schaut, so kann sich Imagination, Inspiration, Intuition nicht gefallen lassen, erst wissenschaftlich bewiesen zu werden, bevor sie angewendet werden. Das ist einfach eine Selbstverständlichkeit.

Etwas anderes ist es, wenn man von wissenschaftlicher Begründung der anthroposophischen Geisteswissenschaft spricht. Da kann es sich nur darum handeln, daß man - so wie man physiologisch das Wesen der Halluzination, das Wesen der Vision, das Wesen der Illusion, das Wesen aber auch der gewöhnlichen Sinneswahrnehmungen, das Wesen der Erinnerungen, das Wesen des Denkens zu erforschen sucht -, daß man ebenso physiologisch aus der Organisation des Menschen heraus zu begreifen versucht dasjenige, was nun zugrunde liegt dem Imaginieren, dem Inspiriertsein, der Tätigkeit der Intuition. Da muß man sagen - man könnte ebensogut noch physiologischer sprechen, ich will hier die Sache mehr populär wenden: Wer zum Beispiel auf die Halluzination hinblickt, weiß: sie ist Bildvorstellen, eine Bildvorstellung, gegenüber welcher die Willensfähigkeit so stark unterdrückt ist, daß der Mensch sich nicht in demjenigen weiß, was er halluziniert, daher das Halluzinierte für ein Objektives hält, während es gar nicht mit einem Objektiven zusammenhängt. Es handelt sich bei der anthroposophischen Geisteswissenschaft darum, daß der Mensch in sich orientiert ist. Wenn er in sich orientiert ist, wird er dasjenige, was als Halluzination auftreten will, in demselben Moment unterdrükken, indem er ihm entgegensetzt die innere Aktivität. Auf diese innere Aktivität kommt es an. Diese innere Aktivität wird gerade bei der geistesforscherischen Methode der Anthroposophie entwikkelt. Aber derjenige, der unbefangen das Seelenleben überblickt, weiß auch, es ist immer ein Rest da des Halluzinierens. Dieser Rest des Halluzinierens kommt eben gerade in der Erinnerung zutage; in der Erinnerung kommt nur die Bildlichkeit der Halluzination zum Ausdruck. In der Erinnerung sind noch Reste des Halluzinierens, nur sind sie durchdrungen von Aktivität. Wir hätten keine Erinnerung, wenn wir nicht gewissermaßen in der Anlage die Fähigkeit zum Halluzinieren hätten und dieses Halluzinieren in der richtigen Weise aufhalten könnten. Wenn ohne das, was untergeordnete menschliche organische Seelenfähigkeit bleiben soll, diese Fähigkeit zum Halluzinieren überwiegt, dann wird es pathologisch, dann taucht der Mensch aus jener Sphäre, wo er ein gewisses Gleichgewicht zwischen Leib und Seele hat - im gewöhnlichen Vorstellen, das zur Erinnerung wird -, er taucht hinunter in das Leibliche; er wird materieller, als er sonst ist. Er taucht hinunter in das Leibliche und wird damit zum Halluzinär. Ebenso entsteht die Illusion durch ein Untertauchen in das Leibliche.

Alles dasjenige, was zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition führt, das taucht nicht unter in das Leibliche, das steigt herauf aus dem Leiblichen. Daher kann man auch nicht brauchen irgendein Stauen von Vorstellungsbildern, irgendein Hemmen von Vorstellungsbildern, sondern man muß die Vorstellungsbilder so ins Hellbewußte heraufrücken, wie man sonst die Vorstellung der Mathematik ins helle Bewußtsein heraufrückt. Da kann ebensowenig die Rede davon sein, daß man halluziniert, wie die Rede von Halluzinieren sein kann, wenn man mathematisch vorstellt. Man lernt unterscheiden, als Mensch unterzutauchen in die Leiblichkeit, wie es beim Halluzinieren der Fall ist, und aufzusteigen von der Leiblichkeit, wie es beim Imaginieren, beim Initiiertsein und so weiter vorkommt. Diese Dinge ergeben sich der Geistesforschung gerade mit ebensolcher wissenschaftlicher Anschauung, wie nur irgendein Laboratoriumsversuch sich ergibt der äußeren sinnlichen Anschauung.

So kann man sagen: Gerade die physiologische, die psychologische Erkenntnis von so etwas, was die Halluzination ist, das führt auch zum Begreifen, zum rein physiologischen Begreifen der Imagination. So wie man das Sehen begreifen will, so kann man begreifen wollen Imagination, Inspiration, Intuition. Das ist dann wirkliche wissenschaftliche Begründung. Dagegen hat es nichts zu tun mit irgendwelcher Wissenschaftlichkeit, wenn man das Gerede anführt, es sollten, bevor die Imagination oder die Inspiration angewendet wird, diese erst «wissenschaftlich bewiesen» werden. Was ein wissenschaftlicher Beweis ist, muß man überhaupt vorher erst wissen. Und diejenigen, die heute von der Geisteswissenschaft vielfach fordern, sie solle «beweisen», die zeigen damit nur, daß sie überhaupt über das Wesen des Beweisens sich in Wahrheit gar nicht aufgeklärt haben, denn sonst müßten sie wissen, daß man beweisen nur kann, wenn man Tatsachen zurückführt auf andere, einfache Tatsachen. Selbst in der Mathematik beweist man so, daß man Kompliziertes auf einfache, unbeweisbare Axiome zurückführt. Dasjenige, woraus die Beweise geholt werden, das muß erst angeschaut werden. Angeschaut kann aber das Geistige nur werden, wenn wir uns erst das Übersinnliche, das Geistige in uns selber zum Bewußtsein bringen.

Nun, die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, sie wird ja gerade von Wissenschaftern vielfach angefeindet. Dann aber wiederum beklagen sich diese Wissenschafter, daß Geisteswissenschaft sich nicht ausschließlich an sie wendet, sondern, wie man sagt, an die «gebildeten Laien». Und gerade solche Männer wie Kurt Leese, die finden das unfaßlich und sagen - ich werde es Ihnen wiederum übersetzen, wie er es ja selbst übersetzt haben will, «Theosophie» in «Anthroposophie»:

Wissen aber alle diejenigen, die die anthroposophische Propaganda für Schwindel halten, der der psychologischen Aufklärung nicht bedürfe und der erkenntnistheoretischen nicht wert sei, daß der Anthroposoph eine in ihrer Art beachtenswerte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Philosophie, insonderheit Kant, Schelling und Hegel, vornimmt und eine erkenntnistheoretische Fundierung seiner Lehre sich ernsthaft angelegen sein läßt? Es kann der philosophischen Wissenschaft, wenn anders sie sich zur Führung des Geisteslebens berufen hält, keineswegs gleichgültig sein, was außerhalb des Gebietes ihrer Spezialforschung geschieht, wie und wozu man Philosophie und Philosophen verwertet, um die Welt der gebildeten Laien in tiefgehender Weise zu erregen. Die philosophische Seite an der Anthroposophie ist bisher viel zu sehr unberücksichtigt, wenn nicht gänzlich unbekannt geblieben.

Der Mann sagt also, es könne den Forschern nicht gleichgültig sein, was aus ihrer Philosophie - und er gibt zu, die beherrscht die Anthroposophie -, was aus ihrer Philosophie durch die Anthroposophie vor gebildeten Laien gemacht wird. Darin liegt eine Art Jammer, daß dasjenige, was Anthroposophie ist, sich nicht zunächst hinwendet nach dem Universitätskatheder und von da aus in dem betreffenden Jargon nur zu denjenigen spricht, die man eben von irgendeiner besonderen Seite als dazu berechtigt gelten läßt.

Nun, demgegenüber muß eines gesagt werden: Dasjenige, was jetzt, allerdings in ausführlicher, detaillierter Gestalt in meiner Anthroposophie vorliegt, das ist von mir zu schildern begonnen worden dem Geiste und der Gesinnung nach am Beginne der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts; das ist tatsächlich in bezug auf seine Richtung seit vierzig Jahren vorhanden. Das ist von mir zuerst ausgeführt worden, indem ich es angewendet habe auf eine Interpretation des Goetheanismus. Ich habe dazumal meine «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», durchtränkt von diesem anthroposophischen Geiste, geschrieben.

Was ist geschehen? Ich bin nicht gleich so schlecht behandelt worden, wie ich jetzt behandelt werde von den Zeitgenossen. Diese an Goethe sich anlehnenden Schriften wurden zum großen Teil anerkannt, aber sie wurden aufgefaßt wie etwas, was irgendein Literaturhistoriker oder irgendein moderner Historiker über Goethe schreibt. Man hat es aufgefaßt als etwas, was eben über Goethe geschrieben ist. Daß da etwas darinnen sein sollte, was an die Zeit gerichtet ist als eine Erneuerung des menschlichen Denkens im Geistigen, das hat man nicht gesehen. Warum? Weil man überhaupt in der Wissenschaft verloren hatte die Aktivität, weil man sich zwar noch aufschwingen wollte zu der Anerkennung, ja, Goethe habe dies oder jenes gedacht, weil man aber nicht den Mut hatte, Wahrheiten, die unmittelbar im Geistigen, im Übersinnlichen erfaßt werden müssen, nun selber anzuerkennen und mit diesen Wahrheiten sich zu befassen. Man fühlte sich entschuldigt, wenn man sagen konnte: Goethe glaubte dies oder das -, aber man hatte nicht den Mut, solche Wahrheiten auch unmittelbar anzuerkennen. Und so verfloß all das, was in weiterer Ausbildung des Goetheanismus damals von mir gesagt worden ist. Und schließlich meine «Philosophie der Freiheit» — diejenigen, die sie als «gebildete Laien» studieren, sie werden wissen, daß sie Nüsse daran zu knacken haben -, sie ist zunächst wahrhaftig so geschrieben, daß sie vorgelegt werden kann denjenigen, die sich mit Fachphilosophie befassen.

Nicht früher hat Anthroposophie sich an «gebildete Laien» gewendet, als sich gezeigt hatte, daß diejenigen, die berufen gewesen wären, sich mit ihr zu befassen, sie haben einfach links liegen lassen, sich nicht um sie bekümmert haben. Denn das ist ja der Dank der Gelehrten gegenüber der Anthroposophie: Erst haben sich die Gelehrten, die Wissenschafter der Gegenwart nicht um sie bekümmert; man mußte zu den «gebildeten Laien» gehen, weil die Wahrheit sich durchsetzen muß, gleichgültig auf welchem Wege. Und jetzt, da sie sehen, daß unter den «gebildeten Laien» sich doch manche finden, durch die ihr Gelehrtentum ein wenig ins Wanken kommen könnte, jetzt, da sie sehen, daß diese «gebildeten Laien» sogar nach Dornach gehen, um dort wissenschaftliche Vorträge von dreißig Dozenten zu hören, die anders sprechen, als an den anderen Unterrichtsanstalten gesprochen wird, jetzt fühlen sie sich - aber ohne sich mit der Sache befaßt zu haben, wozu sie Zeit durch Jahrzehnte gehabt hätten -, jetzt fühlen sie sich, ohne die Sache zu kennen, zum Widerlegen berufen.

Nun, es wird noch zu anderen Dingen kommen müssen. Das aber darf gesagt werden: Wenn Geisteswissenschaft sich an die «gebildeten Laien» gewendet hat, so war es, weil es notwendig ist, daß für die Wahrheit das Rechte getan werde. Die Wahrheit muß sich ihre Wege suchen, und wenn die zu ihrem Suchen Berufenen sich nicht um sie bekümmern, so muß sie sich eben an diejenigen wenden - na ja, die vielleicht von jener Seite für «unberufen» gehalten werden, die aber gerade dadurch zeigen können, daß sie die wirklich Berufenen sind. Und so wird aus dem gebildeten Laientum der Drang nach übersinnlicher Erkenntnis hervorgehen müssen, der nicht hervorgehen wollte aus denjenigen, die sich berufsmäßig mit der Wahrheitsforschung zu beschäftigen hatten.

Meine sehr verehrten Anwesenden, von dem, was ich Ihnen heute in mehr ideeller Weise und durch Aufzeigung der beobachteten Methoden, durch Aufzeigung desjenigen, was man übersinnlich erleben kann, dargestellt habe, von dem werde ich morgen zu zeigen haben, was es für einen Wert für das unmittelbare Menschenleben, für menschliche Sittlichkeit, für menschliche Zufriedenheit, für menschliches Schicksalsverständnis, für menschliche Ruhe innerhalb des Durchganges durch Geburten und Tode haben kann. Und zeigen werde ich, wie diejenige Geisteswelt, die sich in der Geistesforschung enthüllt, in der Kunst wirken kann und wie sie, eindringend in das menschliche Herz, den Menschen wirklich religiös machen kann. Heute wollte ich nur zeigen, welches die Wege dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft sind und wie man ihr Verhältnis zur Wissenschaft sich zu denken hat. Das wollte ich zeigen, daß der Mensch in sich selber gewissermaßen die Kraft entwickeln muß, um zusammenzuwachsen mit der die Welt durchleuchtenden Wahrheit.

Denn nur dadurch - lassen Sie mich das noch am Schlusse betonen -, nur dadurch, daß der Mensch in sich erweckt dasjenige, was in ihm selbst übersinnlich ist, indem er es zum Bewußtsein erhebt, erhebt er sich zum Schauen des Übersinnlichen, gliedert sich nicht nur wie sonst als Leib in die sinnliche Welt ein, sondern er gliedert sich als Geist und Seele in die geistig-seelische Welt ein. Der Mensch aber hat den Drang, sich als Geist, sich als Seele zu erkennen, aus dem dunklen Gefühle heraus, daß er selber geistigseelisch ist. Im Menschen sucht geistig-seelische Wahrheit nach geistig-seelischer Wahrheit. Und derjenige, der so das Verhältnis zur Wahrheit auffassen kann, der mag und kann beruhigt sein, daß diese Wahrheit durch ihre Widersacher nicht zugrunde gerichtet werden kann. Denn die Wahrheit muß ebenso sicher in der Zeiten Gang siegen, wie die menschliche Entwicklung selber vorwärtskommen muß. Der Mensch braucht die Entwicklung der Wahrheit, weil er sein wirkliches Wesen selbst nur aus dieser Wahrheit heraus wachsen lassen kann.

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