Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 6 May 1921, Dornach
Schlusswort nach dem Mitgliedervortrag
Ja, meine lieben Freunde, das ist dasjenige, was ich heute voraussetzen wollte. Ich will, ein wenig angeregt durch einen Artikel, der mir heute überreicht worden ist, allerdings darauf hinweisen, wie wenig unsere gegenwärtige Zivilisation geeignet ist, in solche Vorstellungen sich hineinzufinden, denn, sehen Sie, in diesem Artikel werden eigentümliche Sachen behauptet. Ich will nicht eingehen auf all die verschiedenen Blödigkeiten, die über Anthroposophie da stehen. Aber ich will Sie wenigstens auf die Kritik, die hier steht über einen Abschnitt meiner «Theosophie», aufmerksam machen. Da sagt nämlich der Herr:
Im einzelnen weiß dann Steiner von seiner Geisteswelt die wunderlichsten Dinge zu berichten. Alle Dinge des Sinnenalls haben dort ihre Urbilder, die nur nicht sinnlich, sondern geistig sind. Es gibt einen «geistigen» Raum, in welchem sich jene geistigen Urbilder bewegen wie Stühle und Tische im physischen Raum.
Nun, meine lieben Freunde, daß sich Ochsen, Pferde und «Traubs» bewegen im physischen Raum, das habe ich schon gesehen, daß sich aber im physischen Raum Tische und Stühle bewegen, das ist eine Erfindung dieses Herrn 'Traub. Ich vermute aber allerdings, daß dieser Herr Traub, der Universitätsprofessor ist wie sollte er es auch nicht sein — vielleicht den Satz auf Seite 108 meiner «Theosophie» in der vorhergehenden Weise interpretiert:
Wenn nun der Geist des Menschen erweckt ist, dann nimmt er diese Gedankenwesenheiten wirklich wahr, wie das sinnliche Auge einen Tisch oder einen Stuhl wahrnimmt.
Vielleicht hat dieser Satz ihn angeregt zu dieser üppigen Phantasie, daß Tische und Stühle sich im physischen Raum bewegen. Bei den Spiritisten tun sie es, aber ein Spiritist will ja der Professor Traub von der Universität Tübingen ganz offenbar nicht sein. Bei wem [kommt das] sonst noch vor? Ja, bei dem, der den Hut «zweimal» gesehen hat, bei dem Betrunkenen; da bewegen sich Tische und Stühle auch. Ich könnte mir also nur noch diese andere Alternative vorstellen.
Eine andere niedliche Geschichte ist zum Beispiel diese, daß der Professor Traub sich eine ganz besondere Definition dafür bildet, was Wissenschaft ist. Und so drechselt er den niedlichen Satz:
Damit sind wir vor die entscheidende Frage gestellt: ...
Was vorher steht, hat eigentlich nichts mit dem zu tun, daher sagt der Professor Traub: Damit sind wir vor die entscheidende Frage gestellt —, was eigentlich ganz sinnlos ist. Professor Traub:
Damit sind wir vor die entscheidende Frage gestellt: Hat die Theosophie recht, wenn sie geflissentlich den Anspruch erhebt, Wissenschaft zu sein? Diese Frage kann nur rundweg verneint werden. Sie ist schon deshalb keine Wissenschaft, weil sie zugleich Geisteswissenschaft sein will. Das ist ein Widerspruch in sich selbst. Die Wissenschaft ist ihrem Begriff nach allgemeingültig. Sie sucht die Wahrheit und die Wahrheit ist für alle. Eine Wissenschaft, welche einen Teil ihrer Ergebnisse geheimhält, ist keine Wissenschaft.
Nun möchte ich wissen, wie eine Wissenschaft nicht etwas wissen und ihre Ergebnisse nicht auch geheim halten könnte; wenn man etwas weiß und das Wissen eine Wissenschaft ausmacht, so ist das ganz gleichgültig für das Wesen der Wissenschaft, ob man es nun im Pult verschließt oder jemandem mitteilt! Aber aus dem, was das Allergleichgültigste ist im Wesen der Wissenschaft, macht ein Universitätsprofessor der Gegenwart eine solche Sache. Im Grunde genommen besteht der ganze Artikel aus lauter solchen Niedlichkeiten, und man kann schon aus solchen Artikeln tatsächlich ein wenig zusammenfassen dasjenige, was man heute als die furchtbare Versumpftheit und Unfähigkeit der Zeitbildung bezeichnen muß, und die ist allerdings nicht geeignet, die Köpfe unserer Jugend in einer besonderen Weise zu erhellen. Denn wenn dieser Jugend die Dinge mit demselben gesunden Menschenverstand vorgetragen werden, mit dem man hier Stühle und Tische tanzen läßt durch ihre eigene Kraft im Raum - und es läßt der Artikel schon schließen, daß das andere alles auch in dieser Weise aus demselben Geiste heraus ist —, dann kann ja aus dieser Jugend wahrhaftig nicht viel werden.