Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 25 May 1921, Stuttgart
Öffentlicher Vortrag
Anthroposophie und Dreigliederung, von ihrem Wesen und zu ihrer Verteidigung
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es war bisher nicht mein Gebrauch, nach Begrüßungen ein besonderes Dankeswort zu sagen. Heute will ich es aus dem Grunde tun, weil ich im Interesse der Sache Ihnen wirklich herzlich für diese Begrüßung danke. Wer an der von mir hier vertretenen Sache hängt, der darf ja auch seinen Dank dafür ausdrücken, wenn er sieht, daß diese trotz der Angriffe, die sie hier erfahren hat, sich ihre alten Sympathien bewahrt hat. Seit fast zwei Jahrzehnten halte ich hier in Stuttgart jedes Jahr Vorträge über die anthroposophische Weltanschauung, und in diesen Vorträgen ist alles das zur Sprache gekommen, was möglich macht, sich ein Urteil über diese anthroposophische Bewegung zu bilden. Seit kürzerer Zeit habe ich auch über Dinge gesprochen, die in einem loseren Zusammenhang stehen mit dem, was ich als anthroposophische Weltanschauung vertrete: über die sogenannte Dreigliederung des sozialen Organismus. Und ich glaube nicht, daß ich mit irgendeinem Wort, das ich im letzteren Zusammenhang gesprochen habe, irgendwie verstoßen habe gegen Gesinnung und Inhalt dessen, was ich, wie gesagt, seit fast zwei Jahrzehnten als anthroposophische Weltanschauung vertrete.
Heute aber stehe ich der Außenwelt gegenüber wie vor einem Zerrbild desjenigen, was ich selbst als anthroposophische Weltanschauung bezeichnen muß. Von den verschiedensten Seiten wird vermeintlich richtig geschildert, was diese anthroposophische Weltanschauung sein soll. Ich muß gestehen, die meisten dieser Schilderungen sind so, daß ich das Bild von anthroposophischer Weltanschauung, das ich hier gezeichnet habe, darin nicht wiedererkenne, daf3 mir alles erscheint wie irgend etwas Fremdes, genau ebenso, wie mir als irgend etwas Fremdes erscheint, was an zahlreichen persönlichen Angriffen von den verschiedensten Seiten erfolgt ist. Es wird daher verziehen werden, wenn ich heute abgehe von dem Brauch, den ich sonst fast immer hier eingehalten habe, ganz unpersönlich, rein die anthroposophische Weltanschauung sprechen zu lassen, und daß ich auch an einigen Stellen Rücksicht nehmen werde auf das, was an persönlichen Angriffen mir gegenüber erfolgt ist. Doch verspreche ich Ihnen, daß ich nicht weiter auf diese Dinge eingehen werde, als sie in irgendeiner Richtung mit der Sache zusammenhängen.
Zunächst, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich über Ursprung und Ausgangspunkt der anthroposophischen Weltanschauung sprechen. Dieser Ursprung und Ausgangspunkt liegt durchaus in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung der neueren Zeit. Wer die ja etwas lange Reihe meiner Schriften durchgeht, der wird sehen können, daß mein Ausgangspunkt nie in irgendwelchen religiösen Problemen liegt, wenn auch selbstverständlich Anthroposophie ihrem Wesen nach, wie wir sehen werden, an das religiöse Empfinden und an religiöse Anschauungen heranführen muß. Der Ausgangspunkt waren nicht religiöse Anschauungen, der Ausgangspunkt war die naturwissenschaftliche Weltanschauung, in welche ich in jungen Jahren hineingewachsen bin. Wer in diese naturwissenschaftliche Weltanschauung der Gegenwart hineinwächst, der wird zunächst eine außerordentlich große Achtung empfinden gegenüber dem, was Naturwissenschaft in der neueren Zeit geleistet hat, und er wird vor allen Dingen eine noch größere Achtung bekommen sowohl vor den experimentellen, den Beobachtungsmethoden naturwissenschaftlicher Forschung wie auch vor der Denkschulung, der methodischen Schulung, in welche die Naturwissenschaft der Gegenwart den Menschen einführen kann. Und ich muß meinerseits gestehen, daß mir, seit ich in die Naturwissenschaften eindrang, das Allerwertvollste an ihnen diese Denkschulung war, diese gewissenhafte Disziplin des Denkens und des Forschens. Und mehr als von einzelnen Resultaten der Naturwissenschaft bin ich ausgegangen stets von dem, was das naturwissenschaftliche Forschen in einem als Denkschulung heranerzieht. Dabei aber stellte sich mir eines immer klarer und klarer vor die Seele. Wenn ich — und ich glaube, dasjenige, was ich jetzt sagen werde, geht genügend aus meinen schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienenen «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» hervor —, wenn ich immer wieder hinschaute auf das, was in des Menschen eigener Seele lebt an Sehnsuchten nach der geistigen Welt, was in des Menschen Seele lebt an Anschauungen einer geistigen Welt, dann trat vor mich die Grundfrage: Wie kann das, was zweifellos den großen Triumph der modernen Zeit bildet, die naturwissenschaftliche Forschung, mit diesen Sehnsuchten, mit diesen berechtigten Impulsen des menschlichen Seelenlebens in Einklang gebracht werden?
Meine sehr verehrten Anwesenden! Diese Frage, sie hat mich zusammengebracht insbesondere mit Persönlichkeiten, welche, bekannt mit der naturwissenschaftlichen Denkweise der neueren Zeit, im Umgang mit derselben Frage ein tragisches inneres Seelenleben führten. Ein Beispiel: Es trat mir in frühen Jugendjahren eine Persönlichkeit entgegen, die, ich möchte sagen ganz infiltriert war von der naturwissenschaftlichen Denkweise - einer Denkweise, die auf ihrem Gebiete voll berechtigt ist und die da hinweist auf den Ursprung unseres Erdenplaneten, unseres ganzen Weltsystems als auf einen rein materiellen Urnebel, durch dessen innere Kräfte sich alles Wesenhafte nach und nach herausgebildet hat, zuletzt auch der Mensch. Im Menschen aber, so sagte sich diese Persönlichkeit, nahmen die Vorgänge dieser zum Festen geballten Nebelwelt ganz besondere Formen an; da steigen auf im Menschen Ideale, religiöse Überzeugungen, da steigt auf im Menschen die Sehnsucht, etwas zu wissen über dasjenige, was über Geburt und Tod hinaus liegt, weil ein Leben so sinnlos erscheint, das nur die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod umfaßt. Aber alles, was da erscheint im menschlichen sogenannten Seelenleben, das ist - wie sich diese Persönlichkeit ausdrückte — ja doch nur Rauch und Nebel, das ist etwas, was aufsteigt wie ein Dunst aus dem, was allein naturwissenschaftlich gelten gelassen werden kann. Und tragisch war das Seelenleben dieser Persönlichkeit, denn sie sagte sich: Es muß im Grunde genommen eine bloße Täuschung, ein bloßes Blendwerk sein, was da aus dem materiellen Leben auftaucht und sich dem Menschen als Gaukelspiel darstellt.
Man mag eine solche Denkungsart mehr oder weniger berechtigt finden, mehr oder weniger bekämpfen, sie war da in zahlreichen Fällen, und sie war da in solchen Persönlichkeiten, für die vergebens war die Einwendung: Ja, Naturwissenschaft auf der einen Seite, das ist exakte Wissenschaft, auf der anderen Seite die Welt des Glaubens, das ist die subjektive Welt. Aus dieser subjektiven Welt steigen unsere Ideale auf, aus dieser subjektiven Welt steigen unsere religiösen Überzeugungen auf. Man muß das eine wissen, das andere glauben, es gab eben zahlreiche solche Persönlichkeiten, die das nicht konnten, die sich sagten: Wenn es so ist, daß aufgestiegen ist das Menschenwesen aus dem, was uns Naturwissenschaft darlegt, dann sind ethische Ideale, dann sind religiöse Überzeugungen Gaukelbilder. Ich könnte vieles anführen, das in der Richtung dieses Beispieles liegt. Aber was ich damit sagen will, ist ja wohl hinreichend angedeutet. Und so gestaltete sich für mich aus dem Leben selbst heraus immer mehr und mehr die Frage: Gibt es denn nicht eine Möglichkeit, zwischen demjenigen, was im Inneren des Menschen lebt an Aspirationen nach dem Geistigen und demjenigen, was Naturwissenschaft sicher festgestellt hat, gibt es denn dazwischen nicht eine Verbindung, gibt es dazwischen nicht eine Brücke von dem einen zum andern?
Und nun, was mir vor allen Dingen die Möglichkeit bot, eine solche Brücke zu finden, das war zunächst nicht das Hinschauen auf innere, subjektive Schauungen; das war mir vom Anfange an klar geworden. Sollten subjektive Schauungen noch so überzeugend, noch so intensiv vor der Seele auftreten, man hat keine Berechtigung, sie irgendwie, durch ihr subjektives Auftreten veranlaßt, zur objektiven Geltung zu bringen, wenn man nicht in der Lage ist, aus dem naturwissenschaftlich Sicheren heraus die Brücke hinüber zur geistigen Welt zu schlagen. Diese Brücke, ich versuchte sie schon zu schlagen in meinen «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften». Ich verlegte mich dann besonders darauf in der Ausarbeitung meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» und meines größeren Buches «Die Philosophie der Freiheit».
Es ist ganz sicher, wenn naturwissenschaftliche Weltanschauung allein recht hat, dann sind wir als Menschen Werke einer Notwendigkeit, dann ist die Idee der Freiheit unmöglich, dann scheint selbst in dieser so überzeugenden Erfahrung unseres Innenlebens die Tatsache, daß wir einen freien Willen haben, nur wie eine Gaukelei vor unserer Seele zu stehen. Und so wurde für mich denn die Frage nach der Rechtfertigung der Freiheit eines derjenigen Probleme, eines derjenigen Rätsel, die mich intensiv als jungen Mann beschäftigten, und ich sah, daß es unmöglich ist, eine Grundlegung zu finden für die Freiheitsfrage ohne eine Grundlegung für das gesamte philosophische Denken. Das war es daher, was ich mir zunächst Ende der achtziger Jahre und zu Beginn der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts als Aufgabe stellte: eine Grundlegung zu finden für das philosophische Denken. Ich legte zunächst alles beiseite, was sich mir etwa ergeben konnte an Schauungen einer geistigen Welt. Ich wollte vor allen Dingen eine sichere philosophische Grundlegung haben, die im Einklang steht mit der naturwissenschaftlichen Forschung der neueren Zeit. Und von diesem Gesichtspunkt ausgehend, untersuchte ich vor allen Dingen die Natur des menschlichen Denkens. Ich versuchte alle möglichen Wege, um heranzukommen an die Beantwortung der Frage: Was ist seiner Wesenheit nach eigentlich dieses menschliche Denken?
Wer nun meine «Philosophie der Freiheit» durchliest, wird finden, wie diese Wege zur Ergründung der Natur des menschlichen Denkens gesucht worden sind. Und für mich stellte es sich heraus, daß nur derjenige das menschliche Denken richtig verstehen könne, welcher in den höchsten Äußerungen dieses Denkens etwas sieht, das sich unabhängig von unserer Körperlichkeit, von unserer leiblichen Organisation vollzieht. Und ich glaube, es gelang mir nachzuweisen, daß die Vorgänge des reinen Denkens im Menschen sich unabhängig von den leiblichen Vorgängen vollziehen. In den leiblichen Vorgängen walten Naturnotwendigkeiten. Was aus diesen leiblichen Vorgängen hervorgeht an trüben Instinkten, an Willensimpulsen und so weiter, es ist in einer gewissen Beziehung naturnotwendig bestimmt. Was der Mensch in seinem Denken vollzieht, von dem stellt sich zuletzt doch heraus, daß es ein Vorgang ist, der unabhängig von der physischen Organisation des Menschen abläuft. Und ich glaube, daß sich mir durch diese «Philosophie der Freiheit» nichts Geringeres ergeben hat als die übersinnliche Natur des menschlichen Denkens. Und hatte man diese übersinnliche Natur des menschlichen Denkens erkannt, dann war damit der Beweis geliefert, daß der Mensch im gewöhnlichsten Alltagsleben, wenn er sich nur erhebt zum wirklichen Denken, durch das er durch nichts anderes als durch die Motive des Denkens selbst bestimmt wird, daß er dann ein übersinnliches Element in diesem Denken vor sich hat. Richtet er sich dann im Leben nach diesem Denken, entwickelt er sich so, wird er so erzogen, daß er über die Motive seiner physischen Organisation, über Triebe, Emotionen, Instinkte hinaus Motive des reinen Denkens seinen Handlungen zugrunde legt, dann darf er ein freies Wesen genannt werden. Den Zusammenhang zwischen dem übersinnlich reinen Denken und der Freiheit darzulegen, das machte ich mir dazumal zur Aufgabe.
Man kann nun dabei stehenbleiben, einen solchen Gedankengang bloß theoretisch zu verfolgen. Wenn man aber einen solchen Gedankengang nicht bloß theoretisch verfolgt, sondern wenn er einem Erfüllung des ganzen Lebens wird, wenn man in ihm geradezu eine Offenbarung der menschlichen Natur selber sieht, dann verfolgt man ihn nicht bloß theoretisch weiter, dann verfolgt man ihn praktisch weiter. Was ist dieses praktische Weiterverfolgen? Nun, man lernt erkennen - hat man einmal die übersinnliche Natur des Denkens erfaßt -, daß der Mensch imstande ist, sich in einer gewissen Betätigung unabhängig von seiner Leibesorganisation zu machen. Man kann nun den Versuch anstellen, ob der Mensch außer dem reinen Denken noch fähig ist, eine solche Tätigkeit zu entfalten, welche nach dem Muster dieses reinen Denkens ist. Wer dasjenige, was ich als Forschungsmethode meiner anthroposophischen Geisteswissenschaft zugrunde lege, Hellsehen nennt, der muß auch schon das gewöhnliche reine Denken, das durchaus aus dem Alltagsleben heraufströmt in das menschliche Bewußtsein, das hineinströmt in das menschliche Handeln, Hellsehen nennen. Ich selber sehe qualitativ keinen Unterschied zwischen dem reinen Denken und demjenigen, was ich als Hellsehen bezeichne. Ich sehe die Sache so, daß der Mensch sich zuerst an dem Vorgang des reinen Denkens eine Praxis heranbilden kann, wie man in seinen inneren Vorgängen unabhängig wird von seiner Leibesorganisation, wie man in dem reinen Denken etwas vollführt, woran der Leib keinen Anteil hat. Ich habe 1911 auf dem Philosophenkongreß in Bologna auf eine ganz philosophische Weise auseinandergeserzt, daß schon das reine Denken etwas ist, was im Menschen vollzogen wird, ohne daß die Leibesorganisation daran Anteil hat. Und ich habe hier in einer großen Anzahl von Vorträgen dieses von den verschiedensten Seiten her bekräftigt.
Dann aber, wenn man den Vorgang kennt, durch den man zu solchem reinen Denken kommt, kann durch das, was wahre tiefergehende Philosophie gibt, etwas ausgebildet werden, was ich dann in der verschiedensten Weise als Erkenntnismethode für die höheren Welten dargestellt habe in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft». Geradeso, wie aus den gewöhnlichen Alltagsbetätigungen der menschlichen Seele zuletzt das reine Denken hervorgeht, zu dem man keine besondere Schulung braucht, kann man, wenn man diesen Vorgang weiter ausbildet, zu dem kommen, was ich in dem genannten Buch und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» die Stufen der höheren Erkenntnis — also Imagination, Inspiration, Intuition — genannt habe. Was sich im reinen Denken äußert, das wird uns Menschen einfach eigen dadurch, daß wir geboren sind; es ist uns in unserem jetzigen Stadium der Menschheitsentwicklung vererbt. Dasjenige, was nach dem Muster dieses reinen Denkens auftreten kann als Imagination, Inspiration, Intuition, das muß ebenso heranerzogen werden durch den erwachsenen Menschen, wie gewisse Fähigkeiten naturgemäß heranerzogen werden beim Kind.
Wenn es für manchen erstaunlich, für manchen paradox, für manchen sogar vielleicht kurios ist, was ich als Methoden in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angebe, so muß man sich darüber klar sein, daß, wenn der Mensch versucht, ein inneres Leben in sich selber zu entwickeln, er ja etwas anderes braucht, als was im Alltagsleben da ist. Daher braucht man auch andere Bezeichnungen. Wer in den Sinn dieser Bezeichnungen eindringt, ohne von vornherein hämisch zu werden, der wird sehen, daß nichts anderes beabsichtigt ist durch mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», als dem Menschen zu zeigen, wie er gewisse, in jeder Seele latente, das heißt schlummernde Fähigkeiten auszubilden hat: die Fähigkeit, gewisse Bilder im Bewußtsein gegenwärtig zu haben. Die Sache ist einfach so, daß durch jene Methoden - die ich heute nicht wieder schildern werde, ich habe sie sehr oft hier geschildert -, daß durch jene Methoden, die ich in den genannten Büchern beschrieben habe, der Mensch sich fähig macht, nicht nur solche abstrakte Begriffe zu erlangen, wie sie im reinen Denken enthalten sind, sondern daß er sich fähig macht, vollinhaltliche, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gesättigtere Bewußtseinsinhalte vor seine Seele hinzustellen, Bewußtseinsinhalte, die so inhaltsvoll wirken wie sonst nur die sinnlichen Eindrücke. Es ist im wesentlichen eine Verstärkung der gewöhnlichen Denkkraft, an die hier appelliert wird, und wenn man das hellseherisches Vermögen nennen will, so mag man es tun. Gewisse Übungen müssen zur Ausbildung solcher Fähigkeiten vollzogen werden, geradeso wie von dem Kinde zur Ausbildung gewisser Fähigkeiten entsprechende Übungen gemacht werden müssen.
Professor Wilhelm Bruhn, der in Kiel durch ein Semester hindurch über Anthroposophie und Verwandtes Vorlesungen gehalten hat, hat bemerkt, daß jene Vorbereitungen, die getroffen werden sollen, um zu einem solchen imaginativen und dann zu einem inspirierten Erkennen zu kommen, in einer gewissen Beziehung ethischer Natur sind, daß gewisse ethische Kräfte angewendet werden müssen, ausgebildet werden müssen, wenn der Mensch zur Erkenntnis der höheren Welten vordringen will. Und dieser Wilhelm Bruhn, der in der schärfsten Weise ein Gegner der anthroposophischen Weltanschauung ist, er betont den ethischen Ernst dieser Vorbereitungen, der unverkennbar sei. Allein Bruhn - und ich darf mich wohl hier gerade auf ihn deshalb stützen, weil man in seiner kleinen Schrift, die in der Sammlung «Aus Natur und Geisteswelt» erschienen ist, eine Art Kompendium alles dessen hat, was gegen Anthroposophie vorgebracht werden kann -, er macht insbesondere geltend, daß ich, indem ich den Menschen dazu veranlasse, seine inneren seelischen Fähigkeiten auszubilden, ihn ja dazu bringe, daß er zunächst bildhafte Vorstellungen habe, die man in Farben, Linien oder Figuren ausdrückt. Hier liegt eines der groben Mißverständnisse, die richtiggestellt werden müssen, wenn nicht Anthroposophie völlig verkannt werden soll.
Ich habe in meiner «Theosophie» ausdrücklich hingewiesen auf dasjenige, worauf es hier ankommt. Ich habe gesagt: Nicht kommt es darauf an, daß derjenige, der als Geistesforscher den Weg in die höheren Welten hinein sucht, genau dasselbe sieht, was man im sinnlichen Leben mit gelb und rot, mit spitzig oder stumpf bezeichnet, sondern ich habe gesagt: Derjenige Mensch, der ein etwas feineres Empfinden hat, der glotzt nicht einfach hin auf Gelb, auf Grün, auf Rot, sondern er hat ein inneres Erlebnis an dem Gelb, an dem Grün, an dem Rot. Man kann über diese inneren Erlebnisse an den Farben Interessantes nachlesen in Goethes Farbenlehre in dem Kapitel «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Wenn man nun dieses Erlebnis hat, dieses besondere spezifische Erlebnis an dem Gelb, an dem Grün, an dem Rot, an dem Blau, dann kennt man etwas, was rein seelisch ist. Und dieses Erlebnis bekommt man, wenn man sich zum imaginativen Erkennen aufschwingt. Man hat, indem man sich zum imaginativen Erkennen aufschwingt - so sage ich in meiner «Theosophie» -—, ein solches Erlebnis, wie man es an dem Gelb hat, ein solches Erlebnis, wie man es an dem Blau hat; das Erlebnis ist ein rein seelischer Vorgang. Will man Bezeichnungen dafür haben, dann drückt man sich so aus, daß man etwas erlebt, das durch gelb, durch blau verbildlicht ist, und man spricht ebensowenig von dieser Farbe Gelb und Blau als von einer Wirklichkeit, wie man, wenn man auf die Tafel aufzeichnet ein Dreieck oder ein Viereck, das etwas abbilden soll, dieses Dreieck oder Viereck verwechselt mit der Wirklichkeit, die abgebildet werden soll.
Alles, meine sehr verehrten Anwesenden, was in dieser anthroposophischen Schulung angestrebt wird, wird in voller Bewußtheit angestrebt; nichts irgendwie Unbewußtes oder Unterbewußtes waltet darin. Alles wird so angestrebt, daß man nacheifert denjenigen inneren Seelenvorgängen, die man sich an der mathematischen Schulung angeeignet hat. In solcher Bewußtheit, in solcher inneren Willensentfaltung wird dasjenige angestrebt, was hinaufführen soll in die höheren Welten. Man kommt einfach zu einem Vorstellen, das man verbildlicht durch Farben. Und ist man in einer gewissen Weise so weit vorangeschritten, daß man eine neue Welt, eine vollständig neue Welt vor sich haben kann, eine Welt, der gegenüber man gedrängt ist, sie durch Farben oder durch sonstige Versinnlichungen darzustellen, dann ist man reif, zum inspirierten Erkennen aufzurücken. Wenn man namentlich das Element der Liebe, das ja auch im gewöhnlichen Leben schon vorhanden ist, als eine innere Seelenkraft zur höchsten Entfaltung bringt, dann wird man in die Möglichkeit versetzt, solche Bilder nicht nur im Bewußtsein aufsteigend zu haben, sondern sie auch wiederum aus dem Bewußtsein wegrücken zu können. Man ist diesen Bildern nicht hingegeben wie ein Sklave, man ist diesen Bildern nicht hingegeben wie ein gewöhnlicher Hellseher, sondern man hat sie in seiner vollen Gewalt. Aber ebenso, wie man weiß, wenn man seinen Finger an ein heißes Eisen legt, daß man es nicht bloß mit der Vorstellung des Heißen, sondern mit einer Wirklichkeit zu tun hat, wie man das nur konstatiert durch das Leben, durch den Lebenszusammenhang, so ergibt sich, daß das, was man auf diese Weise im imaginativen Erleben innerlich erfährt, sich auf ein objektiv Geistiges bezieht. Und entwickelt man die Liebefähigkeit in gehöriger Weise, dann kommt man dazu, diese Bilder gewissermaßen aus dem Bewußtsein wieder zu tilgen und dann in reinem, innerem Erleben Geistig-Wesenhaftes vor sich zu haben.
Dieses Geistig-Wesenhafte, ich habe es, soweit es mir zugänglich ist, in meinen Büchern beschrieben, und ich habe zu gleicher Zeit die Methode befolgt, daß ich auf der einen Seite durch Bücher wie meine «Theosophie» und meine «Geheimwissenschaft» dasjenige beschrieben habe, was sich einer solchen Forschung ergibt. Und ich habe auf der andern Seite in einem solchen Buche und in einigen anderen Büchern wie zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» genau den Weg beschrieben, durch den jeder Mensch zu solchen Erkenntnissen kommen kann. Und ich habe ausdrücklich deutlich gemacht, daß jeder Mensch zu solchen Erkenntnissen kommen kann; ich habe aber auch deutlich gemacht, daß derjenige, der die innere Wesenheit des reinen Denkens handhabt, nicht einer Geistesschulung bedarf, sondern er kann, wenn ihm die Erkenntnisse, die durch solche Geistesschulung gewonnen werden, mitgeteilt werden und er sie ohne Vorurteil aufnimmt, sie ebenso innerlich als eine Überzeugung aufnehmen, wie er aufnimmt dasjenige, was die Astronomie gibt, ohne daß er selber Astronom wird.
Dies, meine sehr verehrten Anwesenden, ist die Methode, hineinzugelangen in die geistige Welt. Man gelangt da in die geistige Welt hinein als in eine Wirklichkeit, von der man dann weiß, daß sie eine Wirklichkeit ist wie diejenige, die uns durch die Naturwissenschaft überliefert wird. Blickt man wiederum zurück zur naturwissenschaftlichen Methode, dann sagt man sich: Du wendest im Grunde genommen in Wahrheit gar keine andere Methode, keine andere innere Seelentätigkeit auch gegenüber der übersinnlichen Welt an als die, die du schon, aber eben passend für sinnenfällige Außendinge, in der Naturwissenschaft angewendet hast. Ja, man sieht endlich ein, daß Naturwissenschaft gerade dadurch groß geworden ist, daß, ich möchte sagen auf der ersten Stufe dieselbe innere Denkschulung gebraucht worden ist, die dann zur übersinnlichen Erkenntnis verwendet werden kann.
Deshalb sagte ich, daß mich an der Naturwissenschaft besonders interessiert hat das, was als Denkschulung aus ihr hervorgeht. Ich habe gerungen mit solchen Problemen, wie sie etwa Du Bois-Reymond in seinen «Grenzen der Naturerkenntnis» darstellt, wo er zu dem Resultat kommt: Zum Übersinnlichen könne man nur kommen, wenn man über die Wissenschaft hinausgeht. — Aber ich habe gesehen, daß man einen solchen Ausspruch, wie ihn hier Du Bois-Reymond tut, nur tun kann, wenn man glaubt, daß das, womit man die naturwissenschaftlichen Tatsachen beherrscht, sie in Gesetze bringt, daß das nicht schon beherrscht sein kann von dem Denken, das gleichartig ist mit der übersinnlichen Erkenntnisfähigkeit.
Wie die Welt solche Dinge beurteilt, darüber nur ein paar Andeutungen. Von Wilhelm Bruhn muß ich zunächst sagen, daß er vieles an der Anthroposophie gründlich verkennt, mißversteht. Er macht mir zum Beispiel den Vorwurf, ich böte in der übersinnlichen Erkenntnis doch nichts anderes als eine Art filtrierter Sinnlichkeit. Gegenüber dem, was ich in meiner «Theosophie» an den angeführten Stellen sage und dem, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» sage, können solche Worte, wie sie Bruhn ausspricht, nicht gelten. Er sagt:
Jedenfalls lehrt auch Steiner ein zureichendes Erkennen der Wirklichkeit in irgendwie sinnlichen Formen.
Nein, das habe ich nie gelehrt. Jeder solche Ausspruch wie der von Bruhn ist einfach eine Verkennung dessen, was ich immer als Wesentlichstes gesagt habe. Wer so gründlich mißversteht, von dem erscheint es einem auch begreiflich, wenn er den merkwürdigen Ausspruch tut: Dasjenige, was ich da angebe als Übungen, um in die übersinnlichen Welten hinaufzukommen, das gleiche aufs Haar den Exerzitien, welche die Jesuitenzöglinge machen müssen. Nun, noch ein anderer evangelischer Theologe hat eine Ähnlichkeit gefunden zwischen dem, was ich in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» schreibe und den Exerzitien der Jesuiten. Aber ein katholischer Theologe, der Domkapitular Laun, weist das entschieden zurück und sagt, daß derjenige, der behauptet, daß meine Übungen denen der Jesuiten ähnlich seien, die Übungen der Jesuiten eben nicht kenne.
Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich muß in diesem Fall durchaus der Meinung des Domkapitulars Laun sein, wenn ich auch sonst ganz und gar nicht seiner Meinung bin, aber mit den Exerzitien der Jesuiten hat dasjenige wahrhaftig nichts zu tun, was ich Ihnen jetzt im Prinzip auseinandergesetzt habe. Kein Wunder, daß, wenn man so etwas in der angedeuteten Weise mißversteht, man dann auch zum Glauben verführt wird, ich schildere dasjenige, was sich nun als Inhalt der geistigen Welt ergibt, wie das Ablaufen von kinematographischen Bildern - so drückt sich nämlich Bruhn aus. Nun, wahr ist es: Wer sich also, wie ich es geschildert habe, zur geistigen Welt erhebt, der ergreift auch sein eigenes Geistig-Seelische, der ergreift dieses Geistig-Seelische so, wie es ist als Ewiges. Er dringt durch die Anschauung in die Rätsel des Todes und der Unsterblichkeit ein, für den gibt sich ein wissenschaftlicher Weg zu den ewigen Kräften desjenigen, was im Menschen lebt.
Betrachtet man aber die zeitlichen Kräfte, die im Menschen leben zwischen Geburt und Tod, was stellt sich da heraus? Nun, wir haben ja nicht nur ein Bewußtsein des Augenblicks. Wir blikken im gewöhnlichen Leben zurück bis zu einem sehr frühen Punkt in unserer Kindheit, und wir wissen, daß das menschliche Seelenleben krank wäre, wenn man nicht bis zu diesem Punkt in der Kindheit in einem geschlossenen Gedächtnisstrom zurückblikken könnte. Man ist — wenn man ehrlich ist, muß man sich das sagen —, man ist im Grunde genommen nichts anderes in diesem jetzigen Augenblick als dasjenige, was man geworden ist durch seine Erlebnisse, die durch den Gedächtnisstrom wiederum heraufgebracht werden können. Vertieft man sich so in sein Zeitliches zwischen der Geburt und dem gegenwärtigen Augenblick und enthüllt sich einem da, wahrhaftig nicht kinematographisch, aber im inneren Erleben die nächste Vergangenheit des eigenen Selbstes, dann wird es, wenn man diesen Vorgang in der richtigen Weise durchschaut, nicht mehr wunderbar erscheinen, daß man, wenn man sich nun einlebt in das Ewige, in das Unsterbliche der Seele, das vorhanden war bei allen Vorgängen, die selbst unserer Erdenbildung vorangegangen sind, sich auch einleben kann in dasjenige, was dieses Ewige der Seele erlebt hat. Lebt man sich ein in das, was das Ewige der Seele erlebt hat, dann hat man die kosmische Umgebung um sich, wie man seine persönliche Umgebung durch das gewöhnliche Gedächtnis um sich hat. Es ist dieses übersinnliche Vermögen des Lesens in der sogenannten Akasha-Chronik, das heißt in demjenigen, was man überblickt durch die Erlebnisse der Seele in bezug auf das Ewige der Seele; es ist nichts anderes, als daß sich in der Seele diese Erlebnisse darstellen, offenbaren, daß man gewissermaßen das gewöhnliche Gedächtnis, das sonst bis zur Geburt hin reicht — oder wenigstens bis zu einem Punkte nahe der Geburt -, daß man dieses gewöhnliche Gedächtnis erweitert zum kosmischen Anschauen.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, das können allerdings Leute nicht in seiner wahren Wesenheit durchschauen, welche hinhören auf gewöhnliche Mystiker. Diese gewöhnlichen Mystiker nehmen in der Regel das, was von anderen erschaut ist, und verbrämen es mit allerlei möglichst nebulosen Dingen. Und auf diese Weise ist auch das zustande gekommen, was ich nennen möchte die berechtigte Ablehnung oder auch die berechtigte Vorsicht gegenüber allem, was als geisteswissenschaftliche Resultate auftritt. Zu sehr haben nebulose Mystiker alle mögliche Zahlensymbolik und dergleichen herangetragen an dasjenige, was ebenso exakt beobachtet wird, nur unter Anwendung der entwickelten Seelenfähigkeiten des Menschen, wie zum Beispiel in der Physik der Regenbogen oder das siebenfarbige Spektrum. Derjenige, der wirklicher Geistesforscher ist, ist in der Lage, wenn er vom siebengliedrigen Menschen spricht, nicht anders zu sprechen, als wie man von dem siebenfarbigen Regenbogen spricht, und er meint nichts Geheimnisvolles damit, ebensowenig wie der Physiker etwas Geheimnisvolles meint, wenn er von dem siebenfarbigen Spektrum spricht. Dann aber kommen die Mystiker, die nebulosen, bringen allerlei Zeug an diese Dinge heran; dadurch allerdings ist vieles von ehrlicher Geistesforschung in Mißkredit gekommen. Und wenn man irgendwo genötigt ist, die Sieben-Zahl oder die Neun-Zahl zu gebrauchen, dann wird einem das übelgenommen.
Sehen Sie, Bruhn hat, wie gesagt, das Kompendium für die Gegnerschaft geliefert. Bruhn, der Kieler Professor, er findet eine Art Mythologie in dem, was ich darbiete, und findet, bekräftigt das, was er da über die Mythologie sagt, dadurch, daß ich solche Zahlen wie 7 und 9 und dergleichen gebrauchen muß. Ich finde das sonderbar von einem Herrn, der nun seinerseits zugibt: es gibt ein intuitives Wissen, es gibt intuitive Wahrheiten, übersinnliche Wahrheiten - und der nun das, was er übersinnliche Wahrheiten nennt, so aufzählt, und er numeriert es auch: 1. das eigene Ich, 2. das fremde Ich, 3. das Sein der Dinge im Raum, 4. das Geschehen in der Zeit, 5. das Schöne, 6. das Sittliche 7. das Göttliche.
Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, mir wird es nicht einfallen, Herrn Bruhn nun irgendeine nebulose Zahlenmystik vorzuwerfen, weil er just sieben Wahrheiten nennt. Allerdings, diese Wahrheiten sind, ich möchte sagen sehr mager. Und wenn von ihm zugegeben wird, daß dasjenige, was in diesen sieben Wahrheiten auftritt, auf eine intuitive, das heißt auf eine Weise erlangt wird, die ein rein inneres Schauen bedeutet, dann muß er eben auch die Möglichkeit zugeben, daß dieser Weg, der zu diesen einfachen, mageren Wahrheiten führt, vielleicht ausgebildet werden kann als ein ganz exakter Weg wie der mathematische und daß man dann eben auch zu anderen, reicheren, inhaltsvolleren Wahrheiten kommen kann. Stattdessen werden solche sieben Wahrheiten hingepfahlt, und das, was im Grunde genommen aus denselben Quellen geschöpft ist nur nachdem diese Quellen zuerst in der richtigen Weise aufgesucht worden sind -, das wird als Mythologie bezeichnet.
In einer eigentümlichen Weise setzt man sich zu dem, was hier als anthroposophische Weltanschauung auftritt, ja jetzt in Beziehung. Vor kurzem hat hier eine Zeitung sich an eine Autorität gewendet, damit diese Autorität, die einer benachbarten Hochschule angehört, ein autoritatives Urteil abgebe über Anthroposophie. Nun, unter den vielen Dingen —- und man kann sie wirklich nicht alle lesen -, die jetzt als gegnerisch erscheinen, habe ich gerade diesen Artikel zur Hand bekommen und gelesen. Ich bin auf eine Stelle gestoßen, wo der Verfasser sich aufhält gegen meine Konstatierung übersinnlicher Tatsachen und übersinnlicher Wesenheiten. Er sagt, bei mir bewegen sich im Geistesraume übersinnliche Wesenheiten so wie Tische und Stühle im physischen Raume! Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, stellen Sie sich die Logik einmal vor, die dazu führt zu sagen, es bewegen sich Tische und Stühle im physischen Raum von selber. Ich kenne ja Zustände des menschlichen Lebens, wo der subjektive Schein vorhanden ist, daß sich Tische und Stühle von selber bewegen, aber ich glaube nicht, daß der gute Theologe gerade auf einen solchen Zustand hat hinweisen wollen. Nun, durch eine ähnliche Art von Logik verrät sich allerdings auch Bruhn, von dem ich aber, nur damit ich nicht mißverstanden werde, ausdrücklich sagen möchte, daß die ernste Art, mit der er an die Anthroposophie herangeht, durchaus anerkennenswert ist. Man muß Bruhn ernst nehmen, deshalb nehme ich ihn ernst. Nun sagt er aber auch, daß ich an dem Grob-Sinnlichen hängen bleibe und das Übersinnliche, das Geistige doch nur als ein Sinnliches darstelle, weshalb man einwenden müsse, daß man durch solch eine Methode dem unbekannten Geistigen nicht näher komme. Ebensowenig komme man diesem unbekannten Geistigen nahe wie ein Bergsteiger — so sagt Bruhn -,, der sich von der Erde entferne und auf einen Berg hinaufkomme; er entferne sich zwar von dem, was unten ist, aber der Himmel sei noch geradeso weit über ihm.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, der Himmel, der sich da wölbt, er ist ja bekanntlich gar nicht vorhanden, man blickt ja hinaus in den unendlichen Weltenraum. Man sieht an den Versinnlichungen, welche diese Leute geben, wenn sie irgend etwas treffen wollen, was aus Geisteswissenschaft kommt, daß es gerade um ihre Logik in einer sonderbaren Weise bestellt ist. Und so möchte ich denn gleich auch darauf hinweisen, daß gesagt wird, in der Darstellung, die ich von dem Weltenverlauf durch übersinnliche Erkenntnisse gebe, könne man den Christus ebenso auffassen wie irgendeine andere, ganz besonders ausgezeichnete Persönlichkeit wie etwa Sokrates, Plato oder Buddha. — Das ist einfach eine objektive Unwahrheit gegenüber dem, was ich in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» dargestellt habe. Da habe ich gezeigt, wie alles in der vorchristlichen Zeit nach dem Mysterium von Golgatha hintendiert, wie aber nichts in der vorchristlichen Zeit zu vergleichen ist mit dem, was in dem Wesen des Christus-Jesus erscheint. Ich habe es konkret in dem Verlauf der Geistesgeschichte gekennzeichnet, und ich habe weiterhin gezeigt, wie alles das, was seit dem Mysterium von Golgatha geschieht, durchaus impulsiert ist von diesem Ereignis. Ausdrücklich habe ich gezeigt, daß Anthroposophie dazu führt, dieses Ereignis von Golgatha in den Mittelpunkt des Erdenwerdens hineinzustellen. Das ist es aber, was berücksichtigt werden muß, was nicht kritisiert werden muß oder darf, indem man einfach ganz andere, fremde Gedanken an dasselbe heranträgt.
Und so findet denn auch ein solcher Kritiker wie Bruhn, daß ich das, was ich als übersinnliche Schauungen hinstelle, eigentlich doch nur dadurch bekommen würde, daß in irgendeiner mir selber unbekannten Weise meine Gedanken wirkten, daß ich es mir aus Gedanken zusammenstellte, ohne aber zu wissen, daß das, was dann zum Bilde wird, nur im Unbewußten verläuft, daß also gewissermaßen die Schauungen doch nur Ideen seien. Bruhn sagt in seiner Schrift über «Theosophie und Anthroposophie», Schiller habe gegen Goethes Urpflanze schon diesen Einwand gemacht, daß Goethe mit dem Bilde von der Urpflanze, das er im Auge hatte, eine Idee habe und nicht eine Anschauung. Ich habe es in meinen Büchern und in meinen Vorträgen des öfteren dargestellt, wie Goethe sich gegen diesen Ausspruch Schillers wehrte, und Bruhn sagt, ich müsse wohl denselben Einwand hinnehmen. Nun, ich tue es gerne! Aber ich bemerke ausdrücklich, daß ein solcher Einwand durchaus der Tatsache entspringt, daß der Einwendende eben nicht erkennt, wie aus der abstrakten Idee die imaginative Erkenntnis, das Schauen, sich zu etwas Gesättigterem, zu etwas Vollinhaltlicherem erhebt, und dadurch erst das, was im Abstrakten noch ein formales Element ist, zu einem Verbildlichen von höheren geistigen Wirklichkeiten machen kann.
Wenn man dann in einer solchen Weise mißversteht, was durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft ausgedrückt wird, so kann man auch sehr leicht zu der Behauptung kommen, diese Geisteswissenschaft wolle ein Ersatz für Religion sein. Und dann sagt man, wie es ja auch Bruhn oft gesagt hat, die Religion dürfe nicht etwas sein, was man in klarem Erkennen erfaßt, sondern die Religion müsse etwas Irrationales sein. Bruhn drückt es, ich gebe zu, sogar sehr schön aus. Er sagt, es müßte sein ein seliges Genießen als Gottnähe und ein Heimweh als Gottferne, es dürfe nicht sein eine übersinnliche Erkenntnis, sondern es müsse sein eine Berührung des Göttlichen.
Nun, der Irrtum liegt darin, daß Anthroposophie durchaus nicht ein Ersatz für eine Religion sein will. Religion bildet sich allerdings durch ein persönliches Verhältnis zu dem Stifter der Religion. Dieses persönliche Verhältnis zu dem Stifter der Religion ist irrational, so wie in kleinerem Maßstabe ein jegliches Verhältnis, das wir zu irgendeinem Menschen haben, irrational ist. Das Verhältnis, das wir zu irgendeinem Menschen haben, ist etwas, bei dem wir selbstverständlich darauf verzichten, es in irgendwelche Vorstellungen, und seien sie auch noch so übersinnlich, zu bringen, weil wir ihm allen Blütentau abnehmen würden. So ist das Verhältnis, das man zu dem Christus-Jesus hat, so ist das Verhältnis, das man zu allem hat, was von dem Christus-Jesus ausgeströmt ist, etwas Irrationales, etwas, das nicht in Vorstellungen, auch nicht in übersinnliche Vorstellungen gefaßt werden soll, sondern das im inneren vollmenschlichen Erleben allein Tatsache werden soll. Auf der anderen Seite liegt ja gerade für denjenigen, der die Naturerkenntnis vor sich hat, die Notwendigkeit vor, übersinnliche Erkenntnisse anzustreben, um die Möglichkeit zu haben, zum Seelischen, zum Geistigen als einem Realen vorzudringen. Ist man einmal in der übersinnlichen Erkenntnis drinnen, dann wird man suchen, durch diese übersinnliche Erkenntnis das zu finden, was einem das Wertvollste ist in der Welt. Und so haben denn viele auch den Drang, das, was sie als irrationale Art haben, was ihnen seliges Genießen als Gottnähe, was ihnen Heimweh als Gottferne ist, in bezug auf seine historische und kosmische Tatsächlichkeit zu verstehen. Man kann es verstehen auf philologische Art; das ist durch die äußere Wissenschaft geschehen. Man kann sich ihm nähern auch durch übersinnliche Erkenntnis; das ist geschehen durch Anthroposophie. Nicht irgendwie soll gerüttelt werden an dem Irrationalen des religiösen Verhältnisses des Menschen, sondern allein ein Erkenntnisweg soll gesucht werden zu dem Christus-Jesus. Der Mensch, der es nötig hat - und das haben heute schon viele Menschen nötig, und immer mehr werden es nötig haben -, muß sich auf der einen Seite seine Anschauung an der Welt der Sinne und des Geistes bilden und andererseits an dem, was ihm religiös wertvoll geworden ist, um dann einen Einklang zwischen beiden zu finden.
Das ist dasjenige, was die Seele zerreißt, wenn man nicht in der Lage ist, seine Erkenntnis heranführen zu können an das, was einem religiös wertvoll geworden ist. Nicht eine Religion begründen will Anthroposophie. Anthroposophie ist weder ein Sektiererisches noch irgend etwas von Religionsgründung, sondern Anthroposophie ist Erkenntnis des Übersinnlichen; und da das, was sich verkörpert hat durch den Christus-Jesus im Mysterium von Golgatha ein übersinnliches Wesen ist, da das Ereignis von Golgatha selber ein Vorgang ist, in dem Übersinnliches lebt, so muß es einen Weg geben vom übersinnlichen Erkennen zu diesem Mysterium von Golgatha. Nicht ein Ersatz für die Religion soll geschaffen werden, sondern die Erkenntnis soll erweitert werden so, daß man einsehen kann auch dasjenige, was man religiös erlebt. Dadurch wird das religiöse Erleben nicht seichter gemacht, dadurch wird das religiöse Erleben nicht seiner Frömmigkeit entkleidet, sondern man kann in fester innerer Kraft durch Anschauen den inneren Seelenblick hinwenden zu demjenigen, was einem religiös wertvoll ist im Mysterium von Golgatha.
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich kann das, was ich über das Wesen der Geisteswissenschaft, der Anthroposophie, zu sagen habe und was ich zu ihrer Verteidigung zu sagen habe, im Grunde genommen nur beispielsweise sagen. Aber ebenso wie die Punkte, die ich berührt habe, könnten noch andere hier dargestellt werden, wenn ich in der Lage wäre, viele Vorträge zu halten und mich nicht mit einem Vortrag begnügen müßte. Daher will ich jetzt auf dasjenige übergehen, was in den letzten Jahren als die Anschauung von der sozialen Dreigliederung hinzugetreten ist zu demjenigen, was ich früher hier durch lange Jahre als anthroposophische Weltanschauung vertreten habe.
Daß diese soziale Dreigliederung überhaupt da ist, das ist zurückzuführen darauf, daß eine Anzahl von Menschen schon während der traurigen Kriegszeit und nach derselben zu mir gekommen sind und von mir wissen wollten, wie ich über den Fortgang des sozialen Menschenlebens aus diesen tragischen Ereignissen des Krieges heraus denke. Ich bin gefragt worden, die Leute sind zu mir gekommen, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich erwähne das ausdrücklich aus dem Grunde, weil es viel zu wenig gesehen wird, weil gewöhnlich die Dinge so dargestellt werden, als wenn ich irgendein fanatischer Agitator wäre, der die Dinge mit aller Gewalt an die Leute herantrüge. Ich habe auch in anthroposophischer Weltanschauung niemals etwas anderes getan, als Vorträge gehalten, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich habe appelliert an diejenigen Menschen, die zu diesen Vorträgen haben kommen wollen; sie sind gekommen - ob Leute aus der Aristokratie oder aus dem Proletariat, sie waren mir immer gleich willkommen. Und diejenigen, die dann meine sogenannten Anhänger geworden sind, sie sind es auf diese Weise geworden, daß sie mich gehört haben. Ich bin niemandem nachgelaufen - ich würde solches nicht sagen, wäre ich nicht dazu genötigt. Und wenn irgend jemand diese Dinge so darstellt, als wenn ich als fanatischer Agitator das eine Mal dem, das andere Mal jenem nachgelaufen wäre, dann muß gesagt werden, daß ich niemals mit irgendeiner Idee jemandem nachgelaufen bin. Die soziale Dreigliederung, sie wird heute sogar verwendet dazu, um dasjenige zu verdächtigen an der anthroposophischen Weltanschauung, woraus diese eigentlich ihre allerbesten Wurzeln zieht. Und hier möchte ich noch einmal auf Bruhn zurückkommen, der immerhin ernster als andere Kritiker zu nehmen ist.
Bruhn sagt: So etwas wie die Anthroposophie, so sehr er es auch bekämpfen müsse, habe seinen Ursprung in dem «Bankrott unserer intellektuellen Kultur», man müsse heraus aus dieser intellektuellen Kultur, und er schreibt mir zu, daß ich nicht auf dieselbe Weise herausgestrebt habe aus dieser intellektuellen Kultur wie diejenigen, die ich 1897 als die nebulosen Theosophen abgetan habe, sondern daß ich durch Goethe und Haeckel hindurchgegangen sei, durch den deutschen Idealismus mich hindurchgerungen habe, daß ich «abendländisch» orientiert sei, daß die Wurzeln meiner Anschauung in «westlich-germanischer Kultur» und in «wissenschaftlicher Durchbildung» ruhen würden.
Ich sage das wahrhaftig nicht aus Unbescheidenheit - Sie können es nachlesen in Bruhns kleiner Schrift, und sie werden finden, daß mir das schon wichtig sein kann gegenüber mancherlei Anfeindungen, die jetzt von den verschiedensten Seiten herkommen. Als junger Mann stand ich in den Reihen derjenigen, die in Österreich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen schweren Kampf zu führen hatten in der Verteidigung des Deutschtums gegen die anderen Nationalitäten. Ich habe, zwar nur für kurze Zeit, die Wiener «Deutsche Wochenschrift» redigiert. Ich habe sie kennengelernt, alle die schwierigen Kämpfe, die man insbesondere in Österreich durchzumachen hatte, wenn man dasjenige, was man ansieht als ein für die Menschheit Wertvolles, deutsches Wesen und deutsche Fähigkeiten, mit zum Inhalt der ganzen Menschheitskultur machen will.
Meine sehr verehrten Anwesenden, nur gedrängt weise ich auf solche kleinen Episoden hin: Als ich einmal in Weimar, wo ich in den neunziger Jahren war, aufgefordert wurde, bei einem Bismarck-Kommers zu sprechen, da schloß ich mit den Worten unseres österreichischen Dichters Robert Hamerling — dessen Werke braucht man nur zu kennen, um zu wissen, daß er in seinem Deutschtum nicht angezweifelt werden darf -, ich schloß dazumal, als ich in Weimar, in Deutschland als Österreicher beim Bismarck-Kommers sprach, mit den Worten Hamerlings: «Deutschland ist mein Vaterland, Österreich ist mein Mutterland!»
Meine sehr verehrten Anwesenden, von dieser Ansicht bin ich keinen Augenblick in meinen ganzen Leben abgewichen. Und diejenigen, die 1918 zu mir gekommen sind, um mich zu fragen, was Anthroposophie darüber denkt, wie es nun weiter fortgehen soll, die wußten sehr gut, daß dasjenige, was ihnen von mir geantwortet wurde, seine Wurzeln, seine Quellen in deutscher Geistigkeit hat. Ich habe - ich rühme mich dessen nicht, aber gegenüber den heftigen Angriffen muß es gesagt werden -, ich habe Vorträge gehalten von Bergen bis Palermo, von Paris bis Helsingfors, ich habe sie überall in deutscher Sprache gehalten. Ich habe im Mai 1914 - ich bitte das Datum zu berücksichtigen - in Paris einen öffentlichen Vortrag in deutscher Sprache, aus deutscher Geistigkeit heraus gehalten, nicht vor einer deutschen Kolonie, sondern vor Franzosen. Jeder Satz mußte hinterher übersetzt werden.
Nun, aus demselben Geiste heraus ist dasjenige entsprossen, was dann den Namen erhalten hat «Dreigliederung des sozialen Organismus». Ich möchte zunächst einiges anführen, wiederum von einem Gegner, damit man sieht, wie Gegner über die Dreigliederung denken, die eigentlich nicht einmal zu den allerernstzunehmendsten gehören, weil sie etwas übersehen, trotzdem sie immerhin im Denken geschult sind, wie zum Beispiel der Jenenser Professor Rein. Zunächst rennt er offene Türen ein, wenn er sagt: Alle Ideen sind unfruchtbar, wenn bei ihnen der Begriff der Menschheit eine entscheidende Rolle spielt. - Ganz einverstanden, denn der abstrakte, nebulose, mystische Begriff der Menschheit hat keinen Sinn. Die Menschheit besteht aus Menschen, aus Nationen, und derjenige, der für die Menschheit wirken will, muß selbstverständlich aus dem Nationalen heraus ins Allgemeinmenschliche hinein. Wie man das kann, da sollte jeder, der nur einige Unbefangenheit hat, zugeben, daß man eben aus seinen Voraussetzungen heraus eine bestimmte Meinung haben kann. Und nun sagt Professor Rein weiter, der Staat könne nicht ohne weiteres überwunden werden, denn der Staat sei bei uns Deutschen bereits zu einer solchen Entwicklung gekommen, daß man nicht wiederum in frühere Zustände zurückgehen könne. Wiederum einverstanden! Ja, sogar mit dem, was Rein nun anführt als einzelnes an staatlichen Forderungen, kann man ganz einverstanden sein. Er sagt: Dem Staat muß obliegen erstens die Fürsorge für Kunst und Wissenschaft, Sittlichkeit und Religion. Zweitens, muß er eintreten für Ausgleichung und Versöhnung der Gegensätze, für Zusammenarbeit der Stände und Berufe, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. —- Das alles, sagt Rein, müsse so zusammenwirken in dem Staate, wie beim menschlichen Organismus die drei Glieder zusammenwirken, von dem Rein sagt - bei einer Besprechung über Dreigliederung -, daß er ja auch dreigliedrig sei.
Nun, ich habe gerade, um klarzumachen, wie die drei Glieder im dreigliedrigen sozialen Organismus zusammenwirken sollen, den Vergleich gebraucht mit dem dreigliedrigen Menschen. Niemals ist es mir eingefallen, von einer «Dreiteilung» zu sprechen. Geradeso wenig, wie man beim Menschen den Kopf extra haben kann, das Zirkulationssystem extra haben kann, das Stoffwechselsystem extra haben kann, ebenso wenig kann man beim sozialen Organismus das Geistesleben, das Wirtschaftsleben und das Rechtsleben jedes einzelne extra haben. So wie das Blut im menschlichen Organismus alles versorgt, so bestehen selbstverständlich innerhalb des Staates Impulse, die in allen drei Gliedern alles versorgen. Und das war die Meinung, daß die drei Glieder des sozialen Organismus — Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben - dann in der richtigen Art zusammenwirken, wenn sie in einer relativen Selbständigkeit vorhanden sind, so wie die drei durch relative Selbständigkeit ausgezeichneten Glieder des menschlichen Organismus.
Was will zum Beispiel jemand wie Professor Rein, der das alles zugibt, dann aber sagt, er müsse dennoch die Dreigliederung bekämpfen? Er sagt zum Beispiel, schöpferisch könne der Staat nicht sein, sondern nur ordnend und kontrollierend. Was fordert er daher für das Geistesleben? Ein Kulturparlament! Und dieses Kulturparlament denkt sich Professor Rein bestehend aus Schulkammern, Landes-Schulkammern und so weiter; er denkt es sich bis zu einem gewissen Grade in Selbstverwaltung. Und prüfe ich objektiv, wodurch sich dieses Kulturparlament des Professors Rein von dem unterscheidet, was ich als Selbstverwaltung des geistigen Gliedes des sozialen Organismus angebe, so finde ich keinen anderen Unterschied, als daß der Professor Rein - und darüber läßt sich ja dann diskutieren - in sein Kulturparlament hineingewählt haben will die Eltern, ich aber die Selbstverwaltung übergeben haben möchte denjenigen, die Sachverständige sind auf diesem Gebiete, den Lehrern und den Erziehern selber. Ich will kein Kulturparlament, sondern etwas, was sich ohne die parlamentarische Geschwätzigkeit als ein sachgemäßer Verwaltungsorganismus aus Fachkennern heraus ergibt.
Merkwürdig sind ja solche Leute, welche wie der Professor Rein die Dreigliederung bekämpfen. Ich muß mich wirklich fragen: Warum bekämpft denn der Professor Rein die Dreigliederung und bezeichnet sie als staatsgefährlich? Nun, man darf sich schon fragen, warum er das tut. Denn in demselben Artikel, in dem er dieses tut, sagt er: Wir Deutsche haben alle Notwendigkeit, zu festigen Freiheit und Geschlossenheit des nationalen Staates. — So sagt Professor Rein, und dann sagt er: Die Dreigliederung, recht aufgefaßt, zeigt den Weg, wie dies geschehen kann - nämlich Freiheit und Geschlossenheit des nationalen Staates zu festigen. Und weiter: Dieser Weg wird vor allen Dingen auch denen willkommen sein, die darauf ausgehen, die politischen Parteien samt dem Parlamentarismus zu beseitigen, den sie als eine verderbliche Institution immer wieder hinstellen.
Ich habe gefragt: Was will dieser Professor Rein mehr, als daß die Dreigliederung diese seine ideale Aufgabe erfüllt? Ich kann nicht finden, aus welchem Grunde er sie bekämpft, da er doch sagt, recht aufgefaßt zeige die Dreigliederung den Weg, auf dem das geschehen könne, was er will. Ich finde — wenn Sie mir das auch übelnehmen, meine sehr verehrten Anwesenden -, ich finde keine andere Erklärung als die, die aus einigen Worten des Professors Rein hervorgeht: Er sagt, wie er diese Dreigliederung auffaßt, das habe er in der Neuauflage seiner «Ethik» dargestellt, die demnächst erscheinen werde. Es wird mich sehr interessieren, wann diese Dreigliederung in seiner Ethik erscheint, aber ich konnte doch nichts dafür, von dieser Dreigliederung früher zu sprechen, da ich um sie auch früher gefragt worden bin. Und mir scheint es dann fast, als ob solche Herren wie Rein nur deshalb so böse sind, weil ich ihnen etwas zuvor gekommen bin - dafür kann ich nichts.
Nun, auf einen Punkt muß ich noch zu sprechen kommen: Ich habe ja heute auch hier wiederum - und wie gesagt, seit 15 bis 16 Jahren - von übersinnlichen Erkenntnissen gesprochen. Ich habe von diesen übersinnlichen Erkenntnissen nicht nur als von etwas gesprochen, das gewissermaßen aus der Pistole geschossen wird, sondern ich habe von ihnen so gesprochen, daß ich genau im einzelnen die Wege angegeben habe, auf denen man zu solchen Erkenntnissen kommt. Und damit ist jedermann die Möglichkeit der Nachprüfung gegeben. Jedermann, der diesen Weg gehen will, kann zu der Nachprüfung kommen. Und es ist daher ganz unberechtigt, wenn heute aus den Denkgewohnheiten der Gegenwart heraus — den Denkgewohnbheiten, die ich eben in vieler Beziehung bekämpfen muß -, die Forderung entsteht, es solle dasjenige, was ich hellseherische Erkenntnis nenne, auf eine andere Weise geprüft werden, als auf dem Wege, den ich angegeben habe. Ich habe gesagt in meinem Buche «Theosophie»: Für alles dasjenige, was ich in diesem Buch darstelle, trete ich so ein, daß es für mich als eine Tatsache vorliegt wie äußere sinnliche Tatsachen. Der sie niedergeschrieben hat, will nichts darstellen, was für ihn nicht in einem ähnlichen Sinne Tatsache ist, wie ein Erlebnis der äußeren Welt Tatsache für Augen und Ohren und den gewöhnlichen Verstand ist.
Meine sehr verehrten Anwesenden, durch eine solche Methode soll wiederum der Weg gefunden werden, der eine Brücke schafft vom einen menschlichen Innern zum anderen menschlichen Innern. Vor allen Dingen soll damit ein pädagogischer Weg gesucht werden, jener pädagogische Weg, den wir in der von Emil Molt gegründeten und von mir geleiteten Freien Waldorfschule als Methode dem Unterricht zugrunde legen, jener Weg, ohne den ein wirklich freies, auf sich selbst gestelltes Geistesleben im dreigliedrigen sozialen Organismus nicht möglich ist. Ein solcher Weg soll gesucht werden auch zum Kinde. Ein solcher Weg liegt aber der heutigen materialistischen Zeit fern, ein solcher Weg liegt ihr so ferne, daß sie den Weg zum Kinde auf eine ganz andere Art sucht. Und das, was da heraufgezogen ist, ist eine merkwürdige Seelenkunde, die dann auch in die Pädagogik ihren Einzug halten soll nach der Meinung von vielen. Weil man nicht mehr durch innerliches Erleben den Weg zur Seele des Kindes finden kann, soll man nach den Methoden der experimentellen Psychologie das Kind allerlei Prozeduren unterwerfen, wodurch man feststellt, welche Fähigkeiten das Kind hat, zum Beispiel aus der Schnelligkeit, mit der es gewisse Worte aufnimmt oder mit der es Worte vergißt — ganz äußerlich, wie wenn man an einem Objekte herumexperimentierte, weil man es innerlich nicht mehr kann. Diese Fähigkeitenprüfung, sie findet eine besondere Anwendung in demjenigen europäischen Gebiet, das in sozialer Beziehung zur äußersten Ausbildung des sozialen Materialismus gekommen ist; es findet eine besondere Anwendung dieses Prinzip der äußeren Kinderuntersuchung - wie man äußere Apparate untersucht - im bolschewistischen Rußland. Das ist dort als Prüfungsmethode für die Fähigkeiten der Kinder offiziell schon eingeführt - im Grunde genommen eine furchtbare Prozedur, ein Armutszeugnis für die Fähigkeit der menschlichen Seele, eine Brücke zu schlagen hin zu den seelischen Fähigkeiten eines Menschen. Und es ist ganz charakteristisch, daß gerade der Bolschewismus, diese zerstörerische, alles Menschheitliche zerstörende Weltanschauung, zu dieser pädagogischen Praxis vordringt.
Nun, es gibt gewisse Leute, die möchten diese Methode nun auch auf jenes geistige Schauen anwenden. Sie stellen die Forderung, daß ich oder andere meiner Schüler sich solchen Prüfungen unterwerfen sollen, wie man äußere Apparate untersucht. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe dasjenige, was durch meine Methoden geschaffen wird, durch Jahrzehnte hindurch vor die Menschheit hingestellt. Ich habe die Methoden angegeben, durch welche es geprüft werden kann. Ich habe gezeigt, wie Menschen, die an solche Prüfungen denken, wie zum Beispiel der Professor Dessoir — der jetzt sogar eine Gesellschaft für solche Prüfungen bilden will -, sich dieser von mir gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft nähert. Ich habe nachgewiesen in meinem Buche «Von Seelenrätseln», wie er objektive Unwahrheit über objektive Unwahrheit über die Anthroposophie hingestellt hat. Nun, derjenige, der irgendwelche Wahrsager, Kartenleger oder Hexer prüfen will, der mag solche Methoden fordern. Ich habe niemals Wahrsagerei, Hexerei oder solche sogenannten Seelenfähigkeiten oder Hellsehereien hingestellt, von denen Professor Dessoir oder Professor Oesterreich oder ähnliche sprechen, die etwa auch mathematische Fähigkeiten in einer solch äußeren Weise prüfen möchten. Ich kann nur sagen: Wer solche Prüfungen fordert, versteht nicht das geringste von dem, was in anthroposophischer Geisteswissenschaft lebt. Und es wird mir nicht einfallen, mich auf dasjenige, was so aus bolschewistischer Gesinnung hervorgeht, einzulassen. Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, die Leute mögen sich noch so deutschnational gebärden - an ihren Früchten soll man sie erkennen! Wenn sie solche Forderungen stellen wie diese, dann lohnt es sich nicht, über diese Deutschheit mit ihnen zu diskutieren, und ich lasse mich auch auf eine weitere Diskussion nicht ein. Ich habe damit meine Antwort gegeben.
Nun komme ich zu etwas anderem. Und da müßte ich verlangen, daß derjenige Herr, welcher die Frage gestellt hat: «Welche Beweise können Sie für Ihre hellseherischen Fähigkeiten geben?», sich erst ausspreche darüber, wer der «Herr Winter» war, von dem ich 1900 zu Anthroposophie bekehrt worden sein soll, bevor er die Berechtigung erwirbt, an mich solche Fragen zu stellen. Meine sehr verehrten Anwesenden, der Herr, der heute an mich Fragen stellen will, hat seinen Zuhörern einmal das Märchen aufgebunden, ich wäre durch Vorträge eines «Herrn Winter» in Berlin 1900 zur Anthroposophie bekehrt worden. Er hat wahrscheinlich so genau gelesen, wie man liest, wenn man nur die ersten Worte meiner Schrift über diese Wintervorträge liest. Ich habe nämlich im Winter 1900/1901 in Berlin selber diese Vorträge gehalten, durch die ich bekehrt worden sein soll. Diese meine Wintervorträge wurden bei diesem Herrn zu Vorträgen des «Herrn Winter».
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich verlange ferner, daß nicht in irgendeiner heimtückischen Anspielung immer wieder und wiederum von meinem Judentum gesprochen wird, nachdem ich mich hier in genügender Weise ausgesprochen habe über meinen Stammbaum. Und ich verlange ferner, daß man mich nicht dadurch verleumdet, indem man sagt, ich hätte unter der Vormundschaft des Herrn Liebknecht gewirkt. Was ich erlebt habe am Ausgangspunkte dieses Jahrhunderts, ist aber, daß ich wegen meiner Vertretung einer geistigen Auffassung der Geschichte aus den Proletarierschulen, in denen ich gelehrt habe, herausgeworfen worden bin durch die Satelliten des alten Liebknecht; ich bin herausgeworfen worden aus den Arbeiterbildungsschulen, weil ich mich niemals auf [die materialistische Geschichtsauffassung] und dergleichen Dinge eingelassen habe.
Und ich verlange, daß zurückgenommen werde die Behauptung von irgendeiner suggestiven Beeinflussung oder gar von einer posthypnotischen Suggestion, wie sie von dieser Seite aufgeworfen worden ist. Und ich verlange ferner, daß das erst richtiggestellt, klargestellt werde, was von dieser erwähnten Seite ausgesagt worden ist über meinen Verkehr mit dem verstorbenen Generalstabschef, dem Herrn von Moltke. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe nicht nötig, Sie heute abend über diese Dinge zu unterhalten, aber einiges von dem, was hier in Betracht kommt, will ich dennoch sagen. Ich bin - ich habe es schon einmal heute abend gesagt — niemandem nachgelaufen. Ich bin niemals bei Herrn von Moltke erschienen, ohne daß ich eingeladen worden wäre, ohne daß ich aufgefordert worden wäre; und so habe ich im Hause des Herrn von Moltke fast wöchentlich seit dem Jahre 1904 verkehrt. Ich habe Herrn von Moltke schätzen gelernt, ich habe ihn so schätzen gelernt, daß ich ihn als einen der edelsten Menschen bezeichnen darf; darüber will ich keinen Zweifel lassen. Unaufgefordert bin ich niemals bei ihm gewesen. Ein Gespräch über irgend etwas Militärisches oder irgend etwas Politisches hat vor dem Ausbruch des Krieges zwischen mir und Herrn von Moltke niemals stattgefunden. Dasjenige, was besprochen worden ist, ging hervor aus dem Bedürfnis des Herrn von Moltke, die Geisteswissenschaft kennenzulernen. Das war seine persönliche Sache; ich bin ihm entgegengekommen.
Man hat mich in den ersten Tagen des August, da ich nicht in Berlin war beim Kriegsausbruch, aufgefordert, nach Berlin zu kommen. Ich habe es abgelehnt, in Voraussicht dessen, was von böswilliger Seite vielleicht über diese Dinge kommen könnte. Denn nur einmal, am 27. [richtig: 26.] August des Jahres 1914, war ich in Koblenz, aber nicht im Hauptquartier, sondern bei einer befreundeten Familie. Herr von Moltke hat mich dort auf eine halbe Stunde besucht. Meine sehr verehrten Anwesenden, es war dazumal wahrhaftig nicht die Veranlassung, über Kriegerisches zu sprechen. Man war mitten im Siegeszug drinnen; es war noch verhältnismäßig weit hin bis zur Marne-Schlacht. Kein Wort ist gesprochen worden über Kriegerisches oder Politisches in jener halbstündigen Unterredung, die Herr von Moltke dazumal mit mir hatte, wahrhaftig nicht in einer Zeit, wo er hätte etwas versäumen können, denn der Siegeszug dauerte auch hinterher noch an. Dann habe ich Herrn von Moltke nicht wieder gesehen bis im Oktober, lange nach der Marne-Schlacht. Keine Möglichkeit besteht, irgend etwas, was ich mit Herrn von Moltke vor seiner Verabschiedung gesprochen habe, in einen politischen oder in einen militärischen Zusammenhang hineinzustellen. Das aber, was zwischen Herrn von Moltke und mir gesprochen worden ist, das gehört zu denjenigen menschlichen Angelegenheiten, die sich kein Mensch von einem anderen verbieten zu lassen braucht; und es wäre traurig, wenn wir so weit gekommen wären, daß man die Schnüffelei in solchen Dingen heute für etwas Berechtigtes anschauen würde. Daraus ist dann die objektive Unwahrheit entstanden, als ob irgendwelche theosophischen Veranstaltungen in Luxemburg lähmend auf die Gesundheit des Herrn von Moltke gewirkt hätten. Nun, daß das eine objektive Unwahrheit ist, das hat auch Frau von Moltke selber festgestellt. Mich geht das eigentlich alles nichts an, ich habe darüber nicht zu sprechen.
Andere unwahre Dinge sind im Zusammenhang mit der Dreigliederung des sozialen Organismus aufgetaucht. Und man wird es berechtigt finden, daß, nachdem man mich in dieser Weise persönlich beleidigt - ich brauche das Wort persönlich sonst nicht -, nachdem man mich in dieser Weise persönlich beleidigt, ich es nicht würdevoll finden würde, mich einzulassen auf eine Diskussion gerade mit diesen Menschen, bevor diese Dinge nicht zurückgenommen werden - trotzdem ich mich auf jede andere Diskussion einlasse.
Daher habe ich auch einen eingeschriebenen Brief, der in diesen Tagen an mich gekommen ist mit dem Absender «General von Gleich» postwendend ungeöffnet zurückgeschickt. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich weiß nicht, wie sich der einzelne in einem solchen Falle verhalten würde; wie ich mich verhalte, weiß ich. Der General von Gleich schrieb daraufhin eine offene Postkarte - die ich selbstverständlich nicht zurückschicken konnte, weil sie in den Postkasten gesteckt wurde -, auf der er das wiederholt, was er in seinem Briefe gesagt hatte, und auf der er ausdrücklich bestätigt, den von mir zurückgeschickten Brief empfangen zu haben. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich kann - mit meinem Verständnis für das gegenseitige Verhältnis der Menschen zueinander eine solche Zudringlichkeit nicht verstehen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, es ist in dieser Zeit auch davon gesprochen worden, daß -— und sogar in einer bekannten deutschen Wochenschrift ist davon gesprochen worden -, daß der verflossene Minister Simons mein Schüler sein soll, daß er von mir inspiriert worden sein soll für alle die schauderhaften Dinge, die er in London angerichtet hat. Nun, es scheint mir doch notwendig, diese Sache ein klein wenig näher ins Auge zu fassen. Mir kam vor einiger Zeit das Interview eines französischen Journalisten zu. Dieser französische Journalist erzählte, daß er eben ein Interview mit dem Minister Simons gehabt habe. Der Minister Simons habe ihm von der Dreigliederung gesprochen und gesagt, daß er in der Dreigliederung ebenso wie in den Anschauungen des italienischen Ministers Giolitti irgend etwas Annehmbares finde. Mir schien die Sache gleich etwas zweifelhaft zu sein - ich habe vorher niemals den Minister Simons irgendwie genauer kennengelernt -, und für mich gab es nur eines, und das sprach ich dazumal vor vielen Menschen aus, sogar in öffentlichen Versammlungen, lange bevor hier die Anwürfe gegen Simons losgingen. Ich sprach aus, daß eher noch ein deutscher Minister als ein französischer Journalist etwas von der Dreigliederung wissen würde. Sie sehen, ich hatte, vielleicht aus einem Vorurteil, das aus nationalen Untergründen herauskommt, mehr übrig für einen deutschen Minister als für einen französischen Journalisten. Dann wurde ich allerdings gedrängt, einmal mit Herrn Simons zu sprechen, und siehe da, Herr Simons sagte mir, er hätte allerdings nichts von der Dreigliederung gewußt, der französische Journalist habe ihm erst davon gesprochen. Nun, dann sah ich Herrn Simons wiederum, als er hier in Stuttgart über die damalige Zeitpolitik sprach. Er wünschte die Waldorfschule zu sehen. Wie dieser Besuch verlaufen ist, das ist dargestellt worden hier in einem öffentlichen Anschlag.
Niemand, der das kennt, was dazumal abgelaufen ist, wird leugnen können, daß ich etwas anderes getan habe, als daß ich höflich gewesen bin gegen den deutschen Reichsminister des Äußeren. Höflichkeit scheint mir, und besonders in einem solchen Falle, nicht besonders strafbar zu sein. Und wer behauptet, daß ein anderes Verhältnis bestanden hat, der behauptet eine objektive Unwahrheit. In diesem Falle wundere ich mich allerdings nicht über diese objektive Unwahrheit. Denn als dieser öffentliche Anschlag angenagelt worden ist, wurde dann ein Brief produziert, der aus Köln geschrieben worden sein soll und in dem auseinandergesetzt wird, ich hätte mich in Köln gerühmt, hier in Stuttgart mit dem Minister Simons vor seiner Londoner Mission über die Dreigliederung gesprochen zu haben. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich war viele Jahre nicht in Köln, ich war in der letzten Zeit überhaupt nicht in Köln.
Bruno Roos: Hier ist der Brief!
Das mag sein. Der Brief kann nur eine Fälschung sein! Und das ist kein Wunder, denn mit gefälschten Briefen ist hier viel gearbeitet worden. Was der Brief enthält, ist mir gleichgültig. Die Wahrheit ist, daß niemals ein anderes Verhältnis, als ich es hier geschildert habe, zwischen mir und dem Reichsminister Simons bestanden hat und daß ich in den letzten Jahren, ich glaube seit vier oder fünf Jahren, überhaupt nicht in Köln war. Es ist also erlogen, daß ich in Köln irgend etwas gesagt haben kann. Irgend jemand mag Ihnen einen Brief vorlesen oder vorweisen -— wenn das drinnensteht, was in der Zeitung erschienen ist, so ist der Inhalt des Briefes eben eine dreiste Fälschung. Man hat nicht nötig, mit Leuten sich einzulassen, die sich solcher Briefe bedienen, um einen Kampf zu führen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, es ist noch manches andere in der letzten Zeit vorgebracht worden. Die Zeit ist vorgerückt, ich werde nur noch auf einzelnes eingehen können. Es handelt sich bei allen diesen gegnerischen Vorbringungen darum, die Dreigliederung ihrem Wesen nach zu entstellen und sie als fragwürdig hinzustellen, indem man mich verleumdet. So ist zum Beispiel immer wieder die Rede von gewissen Wandlungen, die ich in meiner Weltanschauung durchgemacht haben soll. Nun, derjenige, der das liest, was in meiner ersten «Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» enthalten ist über meine Auseinandersetzung mit Haeckel, der wird sehen, daß ich ein blinder HaeckelAnbeter in meinem ganzen Leben nicht war, daß ich aber allerdings in den neunziger Jahren damit gerungen habe, mich hineinzufinden in das, was auch in den Einzelheiten von einem so geistvollen Naturforscher wie Haeckel gesagt worden ist. Dazumal, es war ungefähr in der Zeit, in der Haeckels «Welträtsel» noch nicht erschienen waren, erschienen war aber seine Altenburger Rede über den «Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft». Dazumal hielt ich gegen diesen Monismus im Wiener Wissenschaftlichen Club eine Rede über meinen geistig gedachten Monismus. Und dazumal schrieb ich über ethische Fragen einen Aufsatz in der «Zukunft», und es war Haeckel, der sich dazumal, im Beginne der neunziger Jahre, an mich wandte. Ich beantwortete seinen Brief und sandte ihm später den Abdruck jenes Vortrages, den ich über den geistigen Monismus gehalten habe. Dann entwickelte Haeckel dasjenige, was zu seinem allerdings einseitigen Buche «Die Welträtsel» wurde. Dies führte einen scharfen Kampf gegen Haeckel herbei, namentlich von Seiten der Philosophen. Und ich gestehe heute noch: Derjenige, der dazumal der größere war, auf dessen Seite das hauptsächlichste Recht war, das waren nicht die Gegner Haeckels, das war Haeckel. Und ich trat für den ein, der relativ mehr im Rechte war. Und von daher muß man das verstehen, was ich oftmals gesagt habe. Wer geisteswissenschaftliche Forschungen machen will, der muß sich in alles hineinleben können. Das darf nicht bloß Phrase sein, man muß auch untertauchen können in fremde Weltanschauungen. Das war stets mein Bestreben: objektiv auch sein zu können gegenüber fremden Weltanschauungen. Das mag dann auch bei denjenigen, die von vornherein böswillige Meinungen vertraten, die Ansicht begründet haben, daß ich irgendwie selber auf dem Standpunkt gestanden hätte, in den ich mich hineingefunden habe; niemand, der sich nicht so in fremde Standpunkte hineinfinden kann, kann zu geisteswissenschaftlichen Anschauungen kommen. Dieser Vorwurf von «Wandlungen», der erledigt sich mit dem, was ich dargestellt habe in einer Nummer des «Reiches», wo ich auseinandergesetzt habe, wie ganz konsequent herauswächst aus meinen ursprünglichen erkenntnistheoretischen Anschauungen dasjenige, was ich als Geisteswissenschaft vertrete.
Indessen, auf diese Dinge will ich bloß hinweisen. Hat man doch sogar - und daran zeigt sich, wie man heute alles aufstöbert, was nur irgendwie zur Verunglimpfung des Trägers der Dreigliederungsidee führen kann -, hat man doch sogar behauptet, ich wäre in Verbindung gestanden mit einer okkulten Gesellschaft, die irgendwelche üblen Praktiken betreibt. Meine sehr verehrten Anwesenden, gegenüber alldem, was ich intern und äußerlich vertreten habe, gilt das, was ich in meiner «Theosophie» gesagt habe: Der sie niedergeschrieben hat - und ich muß sagen, der sie gesprochen hat, diese Reden -, will nichts darstellen, was für ihn nicht in einem ähnlichen Sinne Tatsache ist, wie ein Erleben der äußeren Welt Tatsache für Auge und Ohr und den gewöhnlichen Verstand ist. Daran ändert auch das nichts, daß mir einmal durch einen Herrn, welcher später in Berlin sogar der Leiter eines größeren Theaters geworden ist, eine Persönlichkeit als unterstützungsbedürftig vorgestellt worden ist, welche Persönlichkeit dann durch eine Art von, ich möchte sagen torhafter Gutmütigkeit jahrelang von mir Unterstützung bekommen hat. Keine andere Beziehung, als daß ich diese Persönlichkeit unterstützt habe, die sonst nichts zu beißen gehabt hätte, hat dazu geführt, daß wertlose Dinge, welche zwischen mir und dieser Persönlichkeit gesprochen und abgemacht worden sind, zu der Behauptung geführt haben, als ob ich irgendeine okkulte Beziehung zu dieser Persönlichkeit oder zu einem von ihr vertretenen Orden gehabt hätte. Niemals habe ich mit dieser Persönlichkeit ein geisteswissenschaftliches Gespräch geführt, schon aus dem Grunde nicht, weil diese Persönlichkeit nichts von Geisteswissenschaft verstand. Und wenn nun die dreiste Behauptung aufgestellt wird, ich hätte von jener Seite irgend etwas von dem Inhalte meiner Geisteswissenschaft bekommen, so bedeutet das, daß man nichts von dem verstanden hat, was meine Schriften, was meine Reden durchpulst.
Wenn solche Dinge aufgestellt werden, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn auch die Behauptung aufgetreten ist, es hätte sich das Undeutsche, das Unnationale der Anthroposophie in ihrer Stellung zur oberschlesischen Frage gezeigt. Niemandem, der irgendwie sich Rat bei uns geholt hat, ist ein anderer Rat gegeben worden als daß derjenige, der in unseren Reihen steht, für Deutschland votieren soll, wenn es zur Abstimmung kommt. Etwas anderes ist niemals gesagt worden. Was noch dazu gesagt worden ist, war allerdings dieses, daß man nicht nur diese Abstimmung herbeiführen, sondern ein solches Verhältnis für Oberschlesien als integrales Land herbeiführen müsse, damit es innerlich vereinigt werde mit dem deutschen Geisteswesen. Man wollte nicht bloß zur Abstimmung auffordern, sondern zu gleicher Zeit eine Nuance in die Agitation hineinbringen, welche nicht nur bis zu einem wertlosen JaSagen kommt gegenüber dem furchtbaren Entente-Willen, sondern welche dazu kommt, etwas zu begründen, wodurch Oberschlesien als ein Gebiet sich herausstellt, das durch sein inneres Gefüge, durch das, was es an deutschen Geistesimpulsen gerade in diesen schwierigen Kämpfen entfalten kann, seine innere Zugehörigkeit zu Deutschland, ich möchte sagen im Keim veranlagen kann. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, sage ich als Antwort auf alle diejenigen verschieden nuancierten und aus allerlei dunklen Untergründen hervorgehenden Vorwürfe wegen der oberschlesischen Frage.
Diese Frage ist ja - weil man weiß, wie das wirkt - ganz besonders als Verleumdung gebraucht worden, auch von jener Seite, die dann hinzugefügt hat: Man hat nicht den Eindruck, daß Steiners Muttersprache Deutsch ist. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe bis jetzt niemand Außenstehendem ein Dokument gezeigt, das ich gerade jetzt hier habe. Diejenigen, die mich kennen, wissen, daß ich mit solchen Dokumenten wahrhaft nicht irgendwie mich rühme oder irgendwelche Ruhmredigkeit betreibe, aber ich darf Ihnen doch hier einen Satz vorlesen aus einer Zuschrift, die ich vor vielen Jahren erhalten habe, unmittelbar nach der Veröffentlichung meiner ersten selbständigen Schrift «Die Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung»:
Ich kann hier nur sagen, daß Ihr Ringen, zwischen Idealismus und Realismus einen festen Standpunkt zu gewinnen, mir ungemein interessant ist, daß Ihr Büchlein mir ein sinniges Gedankenleben enthüllt hat, daß so manche feine und hübsche Bemerkung mich daraus angesprochen und daß Ton und Stil des Ganzen - trotz mancher inhaltlichen Anregung zu Einwürfen - mich vom Anfang bis zu Ende sympathisch berührt hat.
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe von diesem Dokument immer nur in meinen Gedanken Gebrauch gemacht, wenn die Leute über meinen Stil geschimpft haben. Ich habe bisher nicht geantwortet darauf, sondern mich daran erinnert, daß das, was ich Ihnen vorgelesen habe, mir aus Graz am 30. Januar 1887 der deutsche Dichter Robert Hamerling geschrieben hat, der wahrscheinlich auch etwas von deutschem Stil und deutscher Muttersprache versteht. Wenn also hier die Dreigliederung aufgetaucht ist, dann ist sie geboren - ganz im Sinne desjenigen, was der Gegner Bruhn «aus den Wurzeln der germanisch-abendländischen Kultur» nennt -, aus deutschem Idealismus, abendländisch orientiert, und sie ist geboren aus der Sehnsucht, das, was aus den Weltenkräften heraus in Goethe, Schiller, in der deutschen Romantik, in der deutschen Philosophie entstanden ist, vor die Welt hinzustellen als deutsche Schöpfung, als deutsche Kraft.
Meine sehr verehrten Anwesenden, glauben Sie, es war ein Leichtes, während der ganzen Kriegszeit an exponierter Stelle in der nordwestlichen Schweizer Ecke an einem nach Ansicht der Entente-Leute eminent deutschen Bau zu arbeiten? Glauben Sie, es war ein Leichtes, während der ganzen Zeit von den Franzosen, von den Engländern als Pangermanist, das heißt als Alldeutscher verschrieen zu werden? Das ist nämlich mir passiert: Jenseits der Grenze bin ich Alldeutscher, innerhalb Deutschlands bin ich bei den Alldeutschen und ihren Gesinnungsgenossen ein Feind, ein Verräter des Deutschtums. Nun, so stehen sich die Anschauungen gegenüber, geradeso wie die Anschauungen der evangelischen und katholischen Pfarrer. Ob ich den Leuten jesuitische oder widerjesuitische Übungen gebe - im Grunde genommen ist beides ein Zerrbild und hat nichts zu tun mit dem, was Dreigliederung wirklich sein will. Sie will gerade das, was echtes deutsches Geistesleben ist, zum selbständigen Dasein bringen. Daher will sie die Selbstverwaltung des Geisteslebens. Damit in der richtigen Weise Mensch zu Mensch sich verhalten könne, soll im Staate sich all dasjenige entfalten, was unter gleichen Menschen bestehen kann und was gerade die anderen beiden Glieder des sozialen Organismus tragen kann, die sich aus ihrem Fachlichen heraus in Selbstverwaltung gestalten müssen. Aus echtem deutschen Geistesleben heraus wird der dreigliedrige soziale Organismus in Deutschland ganz gewiß ein lebensfähiger Organismus sein, der, wenn er nur verstanden wird, seine Früchte tragen wird. Er wird so wirken, daß die deutsche Geisteskraft für die ganze Welt dasjenige wird, was sie durch ihr Wesen sein kann. Vieles von dieser deutschen Geisteskraft ist Jetzt erschüttert, und vieles wird verleumdet, was gerade aus dem tiefsten deutschen Wesen heraus wirken will.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man bringt es in dieser Beziehung ja ganz besonders weit. Und das neueste Produkt solcher Vorgänge, das möchte ich Ihnen zum Schluß noch mitteilen. Vor ganz wenigen Tagen ist in der «Chicago Daily News» ein Artikel folgenden Inhalts erschienen:
Chicago Daily News Die Deutschen haben eine blaß-rosa Theorie über den Verlust des Krieges. Die Marne-Schlacht wurde verloren, weil Moltke sich beim Studium der Wissenschaft befand. Von Georg Witte. Spezial Kabel: Chicago Daily News, Außendienst. Copyright. 1921. Von den Chicago Daily News Co. Berlin, Deutschland, 4. Mai. - «Anthroposophie», eine neue kommunistische Theorie von der blaß-rosa Varietät, leitet den Feinden des Außenministeriums (Foreign Secretary) Simons zufolge die Geschicke Deutschlands. Gestern kamen sie hervor mit der Bestätigung, daß er nur eine Puppe in der Hand seiner anthroposophischen Lenker gewesen sei. Die Vossische Zeitung, welche im Laufe der letzten Woche Dr. Simons fortgesetzt angegriffen hat, druckt das folgende: «Dr. Steiner der Schöpfer einer neuen Theorie. Kürzlich, während einer Versammlung von Gegnern der neuen Theorie wurde bestätigt, daß der Einfluß des Dr. Steiner, des Schöpfers der theosophischen Theorie, bis in die Wilhelmstraße und bis zu Dr. Simons gereicht hat, welcher, ehe er zur Londoner Konferenz abreiste, Dr. Steiner in Stuttgart besucht hat und auch bei Direktor Molt, dem Gründer der Waldorf-Astoria-Schule, wo Anthroposophie gelehrt wird, zu Mittag gegessen hat. Es ist ferner festgestellt worden, daß Dr. Simons in beständiger Berührung ist mit den Vertretern (Exponents) der neuen Theorie, denen der Zutritt zu seinem Hause niemals verweigert wird, sogar in dieser kritischen Zeit. War General von Moltke ein Opfer? Die anthroposophische Theorie wurde erstmalig in weitem Umkreis bemerkt, als ihre Feinde behaupteten, die Marne-Schlacht wäre verloren worden, weil General Moltke, der Chef des Stabes, verabsäumte, an die Front zu gehen, weil er zu tief versunken war im Studium der neuen Theorie, die alle seine Handlungen vollständig regierte. General von Gleich, der diese Anschuldigung macht, beschreibt die Anthroposophie als eine «sehr gefährliche Idee, welche dazu bestimmt ist, einen schädlichen Einfluß sowohl auf das Individuum als auch auf das Familienleben zu haben, indem sie die Autorität des Staates unterminiert und die nationale Einheit aufhebt.» Dr. Steiners Theorie, zufolge der Vossischen Zeitung, sieht eine Teilung der nationalen Kraft in drei Teile vor mit einem kommunistischen System unter anthroposophischen Auspizien als Ziel.
Nun, Sie sehen, wenn etwa derjenige, der solch eine Verleumdung in die Welt streut, daß General von Moltke die Marne-Schlacht wegen der Anthroposophie verloren habe, wenn der nachher eine schwache Rücknahme dieser Behauptung vornimmt, so hindert das ja nicht, daß diese Herabwürdigung der Persönlichkeit des Herrn von Moltke ihren Weg bis über den Ozean nach Amerika hinüber nimmt, und daß infolge dieser Verleumdung Herrn von Moltkes guter Name über das Meer hinüber in den Staub gezogen wird.
Ich mußte diese Tatsache auch noch hier erwähnen, denn ich bin von gewisser Seite gefragt worden, ob ich eine Schrift inspiriert hätte, welche gegen den Herrn General von Gleich von einer ihm nahestehenden Persönlichkeit geschrieben worden ist. Geradeso wie einstmals Hofrat Seiling zum Feind wurde und seine von lauter objektiven Unwahrheiten strotzende Schrift gegen mich geschrieben hat — weil eine Schrift von ihm von unserem Verlage nicht angenommen werden konnte und ihm zurückgegeben worden ist -, ebenso rührt im Grunde genommen diese ganze Anfeindung des Generals von Gleich davon her, daß eine ihm nahestehende Persönlichkeit sich mit jemandem verheiratet hat, den er wahrscheinlich nicht für ebenbürtig hält. Für diese Tatsache soll ich verantwortlich sein. Nun, ich kann nur erzählen, daß die Dame, mit der sich jene Persönlichkeit verheiratet hat, mit mir nur ein einziges Mal lange vor der Verheiratung gesprochen hat; würde sie mir heute vorgestellt werden, würde ich sie erst wieder frisch kennenlernen müssen. So wenig habe ich von dieser Verbindung gewußt, und diese Verbindung ist mir bisher durch keine Vermählungsanzeige angezeigt worden. Ich glaube, daß man in jenen Kreisen, wo man auf solche Äußerlichkeiten sehr viel gibt, sogar die Ansicht vertreten könnte, ich wisse überhaupt bis heute nichts von dieser Vermählung, denn sie ist mir objektiv niemals angezeigt worden. Und als jene Schrift, von der die Rede ist, abgefaßt worden ist, da wurde sie mir allerdings nach Dornach geschickt. Ich habe sie aber vergessen. Und als ich am Telefon nach dieser Schrift angefragt worden bin - es sind Zeugen dafür vorhanden -, habe ich gesagt: Ich habe ganz vergessen, diese Schrift zu lesen. - Das war schon unmittelbar vor dem Erscheinen als Druck. Ich habe nicht die geringste Beziehung zu dieser Schrift, wie ich überhaupt ganz ferne davon bin, irgendwessen Freiheit zu beeinträchtigen.
Meine «Philosophie der Freiheit», meine sehr verehrten Anwesenden, ist durchaus ernst und ehrlich gemeint, und deshalb rechnen Sie es mir nicht als Unbescheidenheit an, wenn ich - um zu bekräftigen, daß die Dreigliederung aus der Gesinnung hervorgegangen ist, die ich Ihnen heute dargestellt habe - hier Ihnen das Urteil eines Gegners meiner «Philosophie der Freiheit» anführe, denn zuletzt ruht die Idee der Dreigliederung auch auf meiner «Philosophie der Freiheit». Ich lese Ihnen zum Schluß, weil die Zeit schon so kurz ist und ich Sie nicht mehr behelligen will mit Eingehen auf allerlei Einzelheiten - vielleicht ergibt sich das dann noch in der Fragestellung -, ich lese Ihnen deshalb zum Schluß vor das Urteil eines scharfen Gegners meiner «Philosophie der Freiheit». In diesem Urteil steht gleich zu Anfang:
Ausschließlich dem Philosophen, nicht dem Anthroposophen Steiner sollen diese Zeilen gelten. Und zwar in der Hauptsache seinem weitaus bedeutendsten Buche, der «Philosophie der Freiheit», an das das spätere Werk «Die Rätsel der Philosophie» nicht heranreicht. Daß dabei die Person Steiners außer Betracht bleibt, ist selbstverständlich. Ich rechne mich selbst zu den entschiedensten Gegnern Steiners und habe dieser meiner Gegnerschaft auch öffentlich Ausdruck verliehen (in meiner Schrift «Der Denker»). Aber die Form, in der die Polemik gegen Steiner vielfach zu einer wüsten Hetze ausartet, ist mehr als unerquicklich. Und da muß gesagt werden, ...
— ich bitte Sie, rechnen Sie es mir nicht zur Unbescheidenheit an, hier steht es —
... daß ein Mann, der eines Buches fähig ist, wie es die «Philosophie der Freiheit» darstellt, unmöglich der kleine und niedrige Charakter sein kann, den man aus ihm macht. In ihrer Klarheit und vornehmen Ruhe gehören die philosophischen, nicht minder die anthroposophischen Schriften Steiners zu den der Form nach edelsten Erzeugnissen unseres neuen philosophischen Schrifttums.
Meine sehr verehrten Anwesenden, in keiner anderen Lage als in derjenigen, in der Anthroposophie und Dreigliederung heute sind, würde ich Sie, was so unbescheiden scheinen könnte, mit dem Vorlesen einer solchen Stelle irgendwie behelligen; heute aber scheint es mir sogar eine Pflicht zu sein, in solcher Art darauf aufmerksam zu machen, wie jemand ein Gegner sein kann, aber zugleich ein anständiger Mensch.
Man hat gesagt, daß ich wissenschaftlichen Diskussionen mich nicht aussetze. Meine sehr verehrten Anwesenden, nehmen Sie die lange Reihe meiner Schriften; sie liegen der Welt vor. Daß die internen Vorträge erst jetzt anfangen, öffentlich zu erscheinen, ist nicht meine Schuld. Sie wurden dringend verlangt, aber ich hatte nicht Zeit, sie durchzusehen. Nicht aus den verleumderisch vorgebrachten Absichten steht auf ihnen, daß sie nicht von mir durchgesehen sind — meinetwillen konnten sie nach der Durchsicht von mir jederzeit vor der größten Öffentlichkeit erscheinen -, aber ich habe bisher wirklich nicht die Zeit gehabt, sie durchzusehen, wie ich eigentlich wirklich auch nicht die Zeit finde, mich mit allen möglichen Gegnerschriften auseinanderzusetzen, die in der letzten Zeit von allen Seiten her in die Halme geschossen sind.
Gestatten Sie mir nach den heutigen Andeutungen und nach dem, was ja eine große Zahl von Ihnen in meinen vielen Vorträgen der verflossenen Jahre gehört haben, zu sagen: Das, was ich vertrete, vertrete ich aus dem Grunde, weil ich aus der innersten Kraft meiner Seele heraus nichts anderes als dieses vertreten kann und weil das, was ich vertrete, in mir so lebt, daß ich es vertreten muß. Ist es die Wahrheit, so wird es sich durcharbeiten - trotz aller Gegnerschaften. Ist es nicht die Wahrheit, was mir allerdings durchaus unwahrscheinlich ist, dann - dann wird es eben von der Wahrheit abgelöst werden, denn dasjenige, was Wahrheit ist, es findet selbst durch die größten Hindernisse hindurch seinen Weg. Aber derjenige, welcher glaubt, von irgendeiner Seite her die Wahrheit vertreten zu können, der muß es tun. Aus diesen Untergründen heraus bin ich stets vor Ihnen gestanden, aus diesen Untergründen heraus stehe ich heute vor Ihnen, aus diesen Untergründen heraus werde ich wirken, solange es mir beschieden ist. Wie auch die Angriffe sich mehren werden - gegen anständige Gegner werde ich immer auch anständige Mittel gebrauchen. Aber dasjenige, was in der letzten Zeit hervorgetreten ist, das kann nicht den Anspruch darauf machen, daß man sich mit ihm einläßt, weil es auf dem Umwege durch persönliche Verunglimpfung eine Sache zu treffen versucht.
Ich aber muß so denken, daß ich für diese Sache stehen muß. Ich werde dafür stehen. Das ist dasjenige, was ich heute zum Schluß dieser Auseinandersetzung vor Ihnen aussprechen muß, und ich habe das Vertrauen: Ist das die Wahrheit, was ich zu vertreten habe, so wird es sich durchsetzen, weil Wahrheit selber etwas Geistiges, etwas Göttliches ist, und dasjenige, was über alle feindlichen Mächte siegen muß, das ist doch zuletzt die göttliche, die geistige Wahrheit.
Nach vorhergegangener großer Unruhe im Saal.
Meine sehr verehrten Anwesenden, nach dieser Erhitzung möchte ich nun in aller Ruhe die mir vorgelegten Fragen beantworten.
Wie ist es möglich, wenn, wie sehr richtig von Ihnen bemerkt wurde, unsere Gedanken eine Resultante früherer Eindrücke in der Gehirnrinde, also Veränderungen eines Teils unseres Körpers sind, daß man sich mit seinen Gedanken von dem Einfluß des Körpers freimachen kann, wie Sie im Anfang Ihres Vortrages ausführten. Haben Sie die Fähigkeit zu dieser Freimachung Ihrer Gedanken?
Nun, ich habe mich ja über diese Sache ganz deutlich ausgesprochen; ich will nun hier noch einiges angeben, was aus der Geisteswissenschaft selber gerade für diese Frage folgt. Wir Menschen haben in uns in physischer Beziehung ein aufsteigendes Leben und auch ein absteigendes Leben. Diese, ich möchte sagen zweifache Strömung unseres Lebens wird in der Regel nicht genügend berücksichtigt. Alles aufsteigende Leben besteht darinnen, daß wir Wachstumskräfte entfalten und diejenigen Kräfte entfalten, welche die aufgenommenen Nahrungsstoffe nach allen, auch den feinsten Organisationsgliedern unseres Organismus treiben. Nun, neben diesen Vorgängen, die durchaus aufbauende sind, gehen andere vor sich, die abbauende sind, so daß wir fortwährend Abbauprozesse in uns haben — auch das ist etwas, was eben nur durch die Geisteswissenschaft festgestellt werden kann, was die gewöhnliche materialistische Physiologie noch nicht zur Genüge heute kennt. Nun hängen mit den organischen Aufbauprozessen zusammen alle diejenigen Erscheinungen, die unser Bewußtsein herabdämpfen, die uns in ganzen oder partiellen Schlaf versetzen. Mit den Abbauprozessen in unserem Organismus gehen nun parallel die Prozesse unserer Gedanken, und alle übrigen seelischen Prozesse wie instinktive Wahrnehmungen, Triebwahrnehmungen, die uns immer eigentlich in herabgestimmten Bewußtseinszustand versetzen, sind verbunden mit den organisch aufsteigenden Prozessen; mit den Abbauprozessen hängt das eigentliche Denkleben zusammen. Dieses Denkleben ist schon bei jedem einzelnen Menschen so, daß es sich unabhängig entwickelt vom Organismus, es muß nur gerade ein Abbauprozeß, das heißt ein Dissoziationsprozeß im Gehirn vor sich gehen, wenn das Denken in uns Platz greifen soll.
Wenn Sie das, meine sehr verehrten Anwesenden, ins Auge fassen, so werden Sie sich sagen: Bis zum Denken reichen unsere organischen Aufbauprozesse, dann gehen sie zurück, und das Denken ist gerade daran gebunden, daß die organischen Prozesse sich begrenzen. Man wird also mit seinem Denken frei von den organischen Prozessen, und dieses Freisein setzt man dann fort, indem man sich vom Denken aus zu den höheren geistigen Erkenntnissen erhebt. Es ist also durchaus so — wie in meiner «Philosophie der Freiheit» des breiteren ausgeführt wird -, daß das Denken, wenn es als reines Denken geübt wird, schon ein hellseherischer Prozeß ist. Wenn es auch die Menschen im gewöhnlichen Leben nicht anerkennen, so lernen wir gerade die eigentümliche wahre Natur desjenigen, was höhere Erkenntnis ist, dann kennen, wenn wir das gewöhnliche Denken seiner eigentlichen Wesenheit nach begreifen.
Warum waren Sie während des Krieges im neutralen Ausland und nicht in Ihrem Vaterland?
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe in Dornach meine Arbeit gehabt. Ich war während des Krieges wirklich, ich darf es sagen, mehr in Deutschland hier als im neutralen Ausland, und ich habe dasjenige, was von mir als Arbeit geleistet werden konnte was auch von den verschiedensten Seiten her anerkannt worden ist —, während des Krieges durchaus geleistet. Und derjenige, der darüber etwas wissen will, der sehe nach bei den Ereignissen. Es ist nicht richtig, daß ich während dieser Zeit nicht für das Deutschtum gewirkt hätte.
Ist es richtig, daß die Dreigliederungsideen sich zum Teil auf übersinnliche Erkenntnisse und dadurch vermittelte Einsicht stützen? Und welches sind diese übersinnlichen Erlebnisse und Erkenntnisse?
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe ausdrücklich deshalb gesagt, die Dreigliederungsidee hat sich etwas lose an die anthroposophische Weltanschauung angeschlossen, weil dasjenige, was in anthroposophischer Weltanschauung auftritt, ein Ergebnis übersinnlicher Erkenntnisse ist. Für die Dreigliederung und für alles dasjenige, was ich in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» dargestellt habe, braucht man kein Hellsehen. Sehen Sie sich die ganzen «Kernpunkte» durch, und sehen Sie, ob an irgendeiner Stelle an etwas anderes appelliert ist als an den gesunden Menschenverstand. Alles Zusammenbringen von Hellsehertum mit der Dreigliederung ist ein bloßer Unsinn, ist böswillige Verleumdung.
Wer die Methode nach Ihren Büchern «Geheimwissenschaft» und «Erkenntnisse höherer Welten» und so weiter befolgt, von demjenigen behaupten Sie, daß er zu übersinnlichem Erkennen beziehungsweise Schauen gelangt. Als Meister dieser Methode kann ich von Ihnen verlangen, daß Sie dies können. Und so frage ich Sie, sagen Sie mir das Gefühl, nicht das leibliche, welches ich durch Ihren Vortrag von Ihnen gewonnen habe: das Gefühl ist, so frage ich Sie, ist ...
Der Rest ist nicht zu lesen. Nun, was der Fragesteller fragt auf diesem Zettel, das ist nicht herauszubringen, nicht zu lesen.
Weshalb muß eine Lehre, wenn sie gut ist, sich verteidigen? Das Gute braucht sich nie zu verteidigen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, niemand wäre froher als ich, wenn ich nicht nötig hätte, mich irgendwie zu verteidigen. Und demjenigen, welcher fragt, warum sich das Gute verteidigen muß — falls er dasjenige, was ich eben vorgebracht habe, als das Gute ansieht —, den verweise ich an die Adresse meiner Gegner, denn dasjenige, woran man mit allen Fasern seiner Seele hängt, muß man, wenn es angegriffen wird, doch wohl auch verteidigen.
Wenn Anthroposophie nichts mit Buddhismus und Theosophie zu tun hat, warum werden dann die Sanskritworte Karma, Reinkarnation und so weiter gebraucht?
Reinkarnation ist nun kein Sanskritwort. Und Karma wird von mir gebraucht nur aus dem Grunde - auch nicht einmal von mir immer, diejenigen, die meine Vorträge öfters gehört haben, werden das wissen -, weil in einem alten, instinktiven geistigen Schauen eben einmal dieses Wort «Karma» gebraucht worden ist. Ich ersetze es aber sehr häufig dadurch, daß ich sage: das Schicksal, wie es sich durch die aufeinander folgenden Erdenleben hindurch abspielt. Ich lege auf diese Worte keinen Wert, aber sie werden von anderen und von mir selbst oft aus dem Grunde gebraucht, weil unsere moderne Weltanschauung ja innig zusammenhängt mit unseren Wortprägungen und man daher die Worte, die man bilden muß, oftmals weit herholen muß.
Eingangs der Rede sagte Herr Steiner, Anthroposophie habe nichts mit Religion zu tun. Weshalb verhält sich die Anthroposophie dann nicht neutral?
Meine sehr verehrten Anwesenden, das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt: Anthroposophie, wie ich sie vertrete, ist aus Naturwissenschaft entsprungen; sie hat ihre Quellen in der Naturwissenschaft. — Ich habe gesagt: Sie ist kein Religionsersatz. —- Und ich habe gesagt: Sie führt von der Erkenntnisseite her zu demjenigen, was irrational als religiöses Erlebnis in der menschlichen Seele ist. — Und da kann ich nichts anderes als sagen: Geradeso wie die äußerliche Philologie zu der Zergliederung der Bibel führt, so führt zu der Erkenntnis des Geistigen, das der Weltentwicklung religiös zugrunde liegt, eben eine übersinnliche Erkenntnis. — Ich habe nicht gesagt, daß Anthroposophie nichts mit Religion zu tun hat, ich habe nur gesagt, sie ist nicht aus ihr entsprungen und sie will nicht ein Ersatz für die Religion sein.
Warum wird die Neutralität mit der wahren und reinen Theosophie und dem Christentum nicht schärfer umrissen und klarer dargestellt?
Nun, ich habe es in verschiedenen Vorträgen, die ich hier gehalten habe, ja niemals an dieser Klarheit fehlen lassen für diejenigen, die überhaupt auf die Grundlagen anthroposophischer Weltanschauung eingehen können. Und derjenige, der etwa verlangt, daß nach irgendwelchen subjektiven Wünschen Anthroposophie sich müsse zu irgendeiner Religion verhalten, dem kann ich nichts anderes sagen, als daß nach dem, was ich erkennen kann, das Christentum dasjenige ist, was in dem Mittelpunkt der Erdenentwicklung steht, daß sich alle übrigen Religionen des Altertums zum Christentum hinbewegen, im Mysterium von Golgatha gipfeln und daß alles dasjenige, was wir seither an Zivilisation haben, von dem Christus-Impuls herrührt, von dem Christus-Impuls beeinflußt ist. Wenn jemand eine andere Neutralität wünscht, so kann ich eben mit einer anderen Neutralität nicht aufwarten. Mir stellt sich nicht aus irgendeinem subjektiven Wunsch heraus das Christentum in den Mittelpunkt der Erdenentwicklung, sondern aus dem, was ich glaube als objektive Erkenntnis vertreten zu können.
Ich unterscheide zwischen dem, was als Christentum, als Religion irrational im Menschen lebt, und demjenigen, was dann zur geistigen Interpretation des Inhalts dieser Religion führt. Mit dem letzteren hat es die Anthroposophie in dem Sinne zu tun, wie ich das ausgesprochen habe. Ich werde ebensowenig mich dadurch beeinflussen lassen, daß vielleicht Nicht-Christen keinen großen Gefallen daran finden, wenn ich das Christentum so in den Mittelpunkt stelle; für mich ist das nicht eine subjektive, für mich ist das eine objektive Tatsache. Wer nach irgendeiner Richtung anderer Meinung ist, der kann vielleicht bis zur Besprechung der religiösen Fragen mit der Anthroposophie mitgehen, er braucht ja dann nicht weiter mitzugehen.
Aber ich habe, wie ich glaube, ganz gewissenhaft das Verhältnis meiner anthroposophischen Weltanschauung zur christlichen Religion in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» vorgelegt. Und zu alledem, was ich gesagt habe, will ich nur das eine hinzusetzen: Wenn von böswilliger Seite gesagt wird, ich hätte irgend etwas entnommen aus anglo-indischer Theosophie, so liegt dagegen die Tatsache vor, daß ich ganz aus mir selbst heraus, bevor ich irgendwie ein Verhältnis zur anglo-indischen Theosophie hatte, bevor ich irgendein Buch gelesen hatte, das aus der Theosophischen Gesellschaft hervorgegangen ist, meine «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» geschrieben habe und daß ich aufgefordert worden bin, vor Theosophen Vorträge zu halten.
Ich habe im Vortrage gesagt: Ich bin niemandem nachgelaufen; ich bin auch den Theosophen nicht nachgelaufen. Sie sind zu mir gekommen, sie wollten mich hören. Ich habe Ihnen nichts gesagt, was ich von der Theosophischen Gesellschaft gelernt habe; ich habe das gesagt, was aus mir kam, und das werde ich in Zukunft überall vertreten, wo man es hören will. - Ich werde nicht fragen, welche Anschauungen, welche Art und Weise von Gesellschaften herrschen bei denjenigen, die mich hören wollen, sondern ich werde es als mein Recht auffassen, immer zu sprechen, wenn man mich in irgendeinem Kreise hören will.