Awakening to Community

GA 257 — 28 February 1923, Stuttgart

Siebenter Vortrag

Allerdings hätte ich auch bei dieser Versammlung gerne, wie ich es in sonstigen Vorträgen vor den lieben Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft tue, über ganz speziell Anthroposophisches gesprochen. Allein der ganze Verlauf der Versammlung, alles dasjenige, was sich in diesen Tagen zugetragen hat, veranlassen mich doch, gerade solche Fragen hier zu behandeln, welche innerhalb des unmittelbaren Interesses dieser Versammlung liegen. Hoffentlich wird ja auch wieder Gelegenheit sein, wenn auch vielleicht nicht auf einmal zu Ihnen allen, so doch bei wiederholten Anlässen zu einzelnen Gruppen von Ihnen über Anthroposophisches im engeren Sinne zu sprechen. Aber es soll gerade in diesen beiden Vorträgen gezeigt werden, wie Anthroposophie wirklich eine Art Lebensweisheit werden kann, wie sie einfließen kann in die täglichen Absichten und in die täglich wirkende Gesinnung. Und so möchte ich gerade für dasjenige, was hier verhandelt werden soll, vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus gewisse Unterlagen geben. Ich habe gestern in diesem Stile gesprochen über die in der Anthroposophischen Gesellschaft mögliche Gemeinschaftsbildung, und ich möchte hieran anschließend einiges von der Art besprechen, daß sich zeigt, wie in der Tat die anthroposophische Auffassung der Welt dazu führt, das Leben in einer richtigeren Weise zu nehmen, als man es nehmen kann ohne diese.

Da möchte ich, gewissermaßen um das Gegenbild von dem zu zeigen, wovon ich gestern gesprochen habe, von etwas ausgehen, was diejenigen gut kennen, welche mit der Geschichte solcher Gesellschaften bekannt sind, die auf einer ähnlichen Grundlage ruhen wie diese anthroposophische. Ich werde dann später auch das Unterscheidende dieser Anthroposophischen Gesellschaft von andern ein wenig kennzeichnen; aber ich möchte zunächst darauf hinweisen, daß es ja in der Welt schon viele Gesellschaften gegeben hat, die ihr Leben begründen auf einer irgendwie zustande gebrachten Einsicht in die geistige Welt, selbstverständlich abgestuft nach dem, was möglich war in den aufeinanderfolgenden Geschichtsepochen der menschlichen Entwickelung, selbstverständlich auch abgestuft nach den Möglichkeiten, die nach dem Charakter, nach den Fähigkeiten der Menschen, die an solchen Gesellschaften teilnahmen, vorlagen. Man findet innerhalb der großen Masse solcher Gesellschaften alle Abstufungen von ernstesten, wirklich wichtigsten, bis zu denen mit scharlatanhaftem Inhalt. Aber eines wissen diejenigen, die mit der Geschichte solcher Gesellschaften bekannt sind, wirklich recht gut. Das ist, daß ja immer eine Art moralischer Atmosphäre in solchen Gesellschaften dadurch geschaffen wird, und zwar mit einer gewissen Notwendigkeit, wenn gewisse Bedingungen vorhanden sind, von der man sagen kann: Angestrebt wird unter den Menschen solcher Gesellschaften echte, wahre menschliche Brüderlichkeit. - So daß in der Regel in den Satzungen solcher Gesellschaften auch dieses sich findet, und zwar, wie gesagt, mit Notwendigkeit, daß auf der einen Seite Brüderlichkeit angestrebt wird, auf der andern Seite eine Einsicht in die geistigen Welten. Dasjenige nun, was Kenner der Geschichte solcher Gesellschaften wissen, ist, daß in diesen auf Brüderlichkeit und geistiger Einsicht begründeten Gesellschaften am allermeisten gestritten wird, daß am allermeisten Gelegenheit gefunden wird zu Zwiespalt, zum Auseinandergehen, zum Bilden von selbständigen Gruppen innerhalb größerer Gemeinschaften, zum Austritt von Gruppen, zum scharfen Bekämpfen derjenigen, die zurückgeblieben sind, von denen, die ausgetreten sind und so weiter, kurz, daß dasjenige, was man nennen kann menschliches Streiten, in diesen Bruderschaftsgesellschaften eigentlich am üppigsten wuchert. Das ist eine eigentümliche Erscheinung. Aber Anthroposophie gibt uns auch die Möglichkeit, aus ihren eigenen Erkenntnissen heraus diese Erscheinung zu verstehen. Und es gehört dasjenige, was ich in diesen beiden Vorträgen sage, auch, wenn ich mich pedantisch ausdrücken darf, zu dem System der Anthroposophie. Also es soll dennoch nicht ein allgemeiner Diskussionsvortrag gehalten werden, sondern doch - aber eben im Zusammenhang mit der Versammlung - ein anthroposophischer.

Wenn wir noch einmal zurückgehen nämlich auf dasjenige, was ich schon gestern erwähnt habe, so finden wir die drei Stufen des menschlichen Erlebens mit Bezug auf die menschliche Bewußtseinserscheinung. Wir finden den Menschen, der im tiefen Schlaf oder namentlich im Traumschlafe ist, der also für ein gewisses, meinetwillen untergeordnetes Bewußtsein eine gewisse Welt von Bildern erlebt, die er während des Träumens für seine Wirklichkeit hält. Wir wissen, dieser Mensch ist isoliert unter den andern Menschen, die mit ihm in der physischen Welt zusammenleben; sie haben mit ihm nicht gemeinsame Erlebnisse. Für dasjenige, was er erlebt, ist ein Austauschmittel nicht vorhanden. Wir wissen dann, daß der Mensch aus diesem Bewußtseinszustande eintreten kann in das gewöhnliche Alltagsbewußtsein, zu dem er erweckt wird, wie ich gestern ausführte, durch das äußerliche Natürliche, auch das äußerliche Natürliche an dem andern Menschen. Da erwacht einfach durch die natürlichen Triebe und durch die Lebensnotwendigkeit schon ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, dem dann ja durch die Sprachen entgegengekommen ist.

Aber sehen wir uns nun einmal die Vermischung dieser beiden Bewußtseinszustände an. Solange der Mensch in vollständig normalen Lebensverhältnissen ist, solange er scheidet, zeitlich scheidet durch seine normale Seelen- und Körperverfassung dasjenige, was er als isolierter Mensch im Traume erlebt, von demjenigen, was er mit andern Menschen zusammen erlebt, so lange wird er in seiner Traumwelt und in der gewöhnlichen Wirklichkeitswelt in einer für ihn und die andern Menschen angemessenen Weise leben. Nehmen wir aber an, durch irgend etwas, meinetwillen Pathologisches - so muß es ja in diesem Falle genannt werden -, ist ein Mensch in der Lage, daß er im wachen Tagesbewußtsein, also wenn er mit andern Menschen zusammen ist, nicht diejenigen Vorstellungen und Empfindungen erzeugt, die die andern Menschen haben. Nehmen wir an, daß er durch das Pathologische seiner Organisation in das wache Tagesbewußtsein eine Vorstellungs- oder Empfindungswelt hereinbringt, welche ähnlich der des Traumes ist. Statt logischer Gliederung seiner Gedanken bringe er herein eine Bilderwelt, die ähnlich der Traumbilderwelt ist. Wir nennen einen solchen Menschen geistig nicht gesund. Jetzt aber soll uns vorzugsweise das interessieren, daß ein solcher Mensch die andern nicht versteht, sie ihn, wenn sie ihn nicht gerade medizinisch, pathologisch nehmen, auch nicht verstehen. In dem Augenblicke, wo die Seelenverfassung dieses andern, meinetwillen untergeordneten Bewußtseinszustandes herübergenommen wird in einen, meinetwillen höher gearteten Bewußtseinszustand, in dem Augenblicke wird der Mensch unter Menschen ein krasser Egoist. Sie brauchen sich das nur zu überlegen, und Sie werden das finden, ein solcher Mensch geht nur noch dem nach, was er sich selber einbildet, er gerät mit den andern auseinander, weil sie seine Gründe nicht einsehen können; er kann bis zu den schärfsten Exzessen kommen, weil er nicht in einer gemeinschaftlichen Seelenwelt mit den andern lebt.

Nun gehen wir von diesen zwei Bewußtseinsstufen zu den zwei andern: zu dem Alltagsbewußtsein, zu dem wir durch den natürlichen Gang der äußeren Ereignisse geführt werden, und stellen wir ihm gegenüber den andern, meinetwillen höher gearteten Bewußtseinszustand, der, wie ich gestern ausführte, in einer gewissen Weise erwachen kann dadurch, daß man erwacht nicht bloß an dem Natürlichen der Umwelt, sondern an dem Inneren des andern Menschen. Man erwacht also, wenn das auch gewöhnlich nicht ganz klar gleich vorliegt im Bewußtsein, auf zu einem solchen Bewußtseinsniveau. Es gibt natürlich viele andere Wege, um in die höheren Welten hineinzukommen, das wissen Sie ja alles aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; aber man kann für diejenigen Augenblicke, die man so glücklich ist, mit den andern Menschen auf entsprechende Art zuzubringen, hineinversetzt werden in die Möglichkeit, Dinge zu begreifen, vor sich zu haben, die man sonst nicht begreift oder vor sich hat. Da ergibt sich nun eine Möglichkeit, zunächst zu leben mit demjenigen, was der Kenner der geistigen Welt eben bezeichnet mit Ausdrücken, die sich auf diese geistige Welt beziehen. Es ergibt sich die Möglichkeit, zu reden vom physischen Leib, vom Ätherleib, vom Astralleib und Ich. Da ergibt sich die Möglichkeit, zu reden von wiederholten Erdenleben, von karmischen Zusammenhängen der wiederholten Erdenleben. Ja, nun ist die Möglichkeit vorhanden, die ganze Seelenverfassung des Alltagsbewußtseins hineinzutragen in diese höhere Welt, der man da teilhaftig wird. Das ist auf einer andern Stufe dasselbe, wie wenn man die Konfiguration der traumhaften Bildlichkeit in das Alltagsleben hineinträgt. Man wird da auf einer gewissen Stufe zum Egoisten auf ganz natürliche Weise. Man wird es, wenn man sich nicht bewußt wird: Du mußt in einer ganz andern Weise ansehen dasjenige, was einer höheren, einer geistigen, einer übersinnlichen Welt angehört, als was in der sinnlichen ist. Du mußt umdenken, umempfinden lernen. Geradeso wie der Träumer in einen ganz andern Bewußtseinszustand hineinschnappen muß, wenn ich so sagen darf, wenn er im alltäglichen Bewußtsein leben will mit den andern Menschen, so ist es notwendig, daß man sich bewußt wird: Man kann nicht mit derselben Seelenverfassung die Dinge ansehen, die einem in der Anthroposophie gegeben werden, mit der man die Dinge anschaut, die einem im Alltagsbewußtsein gegeben werden.

Darin liegt ja die Schwierigkeit der Verständigung zwischen diesem Alltagsbewußtsein, das ja auch unser gewöhnliches Wissenschaftsbewußtsein ist, und demjenigen, was gegeben werden muß durch die Anthroposophie. Wenn da Leute kommen und hin und her sprechen, der eine mit dem Alltagsbewußtsein, also auch mit dem gewöhnlichen Wissenschaftsbewußtsein, der andere mit dem Bewußtsein, das wirklich gewachsen ist den Beurteilungen, die in einer übersinnlichen Welt statthaben müssen, dann ist das gerade so, wie wenn einer, der Träume erzählt, sich verständigen will mit einem andern, der ihm Dinge der äußeren Wirklichkeit erzählt. Und wenn mehrere Menschen sich mit demjenigen, was sie aus dem Alltagsbewußtsein haben, dann zusammenfinden und nicht mit der vollen Empfindung sich erheben zu der übersinnlichen Welt, wenn sich solche Menschen zusammenfinden, um einfach in der alltäglichen Seelenverfassung die Sprache der übersinnlichen Welt zu hören, dann ist eine unendlich große, eine unermeßlich große Möglichkeit gegeben, daß sie ins Streiten kommen, weil sie untereinander auf die naturgemäßeste Weise zu Egoisten werden. Dagegen gibt es allerdings ein kräftiges Mittel, das aber auch erst in der Menschenseele entwickelt werden muß. Das ist das Mittel der innerlichsten durchseelten Toleranz. Aber das muß eben anerzogen werden. Im gewöhnlichen Bewußtsein des alltäglichen Erlebens reicht für die Bedürfnisse, die die meisten Menschen haben, ein recht geringfügiger Grad von Toleranz aus, und vieles korrigiert ja einfach die natürliche Umgebung. Aber für dieses gewöhnliche Bewußtsein des Alltagslebens, da ist es ja so - wer Lebenserfahrung hat, weiß das -, daß eben, wenn zwei Menschen miteinander reden, es ihnen sehr häufig gar nicht darauf ankommt, den andern zu hören. Heute ist ja die Sitte so eingerissen, daß man überhaupt kaum mehr gehört wird, sondern immer, wenn man das eine Viertel des Satzes gesprochen hat, der andere anfängt zu reden, weil ihn das eigentlich nicht interessiert, was man sagt, sondern es interessiert ihn nur seine eigene Meinung. Das geht, wenn auch in leidiger Weise, in der physischen Welt. Das geht nicht mehr in der geistigen Welt. In der geistigen Welt muß unbedingteste Toleranz die Seele durchdringen. Da muß man sich dazu erziehen können, selbst dasjenige, womit man nicht im geringsten übereinstimmt, in aller Ruhe hinzunehmen, nicht nur mit einer hochnäsigen Duldung, sondern so, daß man in einer gewissen Weise es zuinnerst sachlich toleriert als eine berechtigte Äußerung des andern Menschen. Es hat in höheren Welten eigentlich nur einen ganz geringen Sinn, gegen irgend etwas Einwendungen zu machen; derjenige, der erfahren ist in den Erlebnissen höherer Welten, der weiß, daß über ein Faktum die entgegengesetztesten Anschauungen geäußert werden können zum Beispiel von ihm und einem andern. Wenn er in der Lage ist, die entgegengesetzte Anschauung des andern mit derselben Toleranz aufzunehmen - bitte, hören Sie das! — wie seine eigene, dann erst erwirbt er sich die notwendige soziale Seelenverfassung für das Erleben desjenigen, was in der Theorie aus höheren Welten heraus verkündet wird. Diese moralische Basis ist eben notwendig für ein richtiges Verhältnis des Menschen zu den höheren Welten. Und das Streiten in solchen Gesellschaften, wie ich sie charakterisiert habe, das beruht eben einfach darauf, daß die Menschen, wenn die Sensation da ist, zu hören: Der Mensch hat nicht nur einen physischen Leib, sondern auch einen Ätherleib, Astralleib, Ich und so weiter — sie dieses auf Sensation hin annehmen, aber die Seele nicht umarten zu der Art, die notwendig ist, um das anders zu erleben, als man in der physischen Welt einen Tisch oder einen Stuhl erlebt, die man ja auch in der physischen Welt anders erlebt als im Traume. Wenn die Menschen also ihren gewöhnlichen Seelenduktus hineintragen in ihr vermeintliches Verstehen der Lehre aus der höheren Welt, dann kommen sie aus diesem Hineintragen ganz selbstverständlich zu Egoismus und Streit.

So wird es verständlich, gerade aus dem Begreifen der Eigentümlichkeit der höheren Welten heraus, daß sehr leicht gerade in Gesellschaften mit geistigem Inhalt Streit und Zank entstehen kann und daß notwendig ist, sich für solche Gesellschaften in einer solchen Weise zu erziehen, daß man in einem unermeßlich weiteren Grade den andern erträgt, als man das für die physische Welt gewohnt ist. Anthroposoph werden heißt eben nicht bloß, Anthroposophie als Theorie kennenlernen, sondern Anthroposoph sein erfordert in einem gewissen Sinne eine Seelenumartung. Diese aber wollen gewisse Menschen nicht. Daher wurde es auch nie verstanden, wenn ich gesagt habe: Es gibt zweierlei Arten, sich zum Beispiel mit meinem Buche «Theosophie» zu beschäftigen. Die eine ist, es zu lesen oder meinetwillen es auch zu studieren, indem man mit der gewöhnlichen Seelenverfassung an es herangeht und es im Sinne dieser gewöhnlichen Seelenverfassung beurteilt. Dann ist der Seelenvorgang der Qualität nach ganz der gleiche, ob man eine «Theosophie» liest oder ein Kochbuch. Für den Wert des Erlebens ist dann kein Unterschied zwischen dem Lesen dieser «Theosophie» und dem Lesen eines Kochbuches, nur daß man, wenn man das tut, eben einfach im Lesen der «Theosophie» auf einer höheren Stufe träumt, nicht lebt. Und wenn man so von höheren Welten träumt, dann kommt aus den Impulsen der höheren Welten heraus nicht die größte Einigkeit unter den Menschen, das größtmögliche Tolerieren als eine Errungenschaft, sondern statt der Einigkeit, die gerade das Geschenk des Studiums der höheren Welten sein kann, immer weiter wirkender Streit und Zank. Damit haben Sie die Bedingungen des Streitens und Zankens gegeben in Gesellschaften, die auf einer Art Einsicht in die geistigen Welten beruhen.

Ich sagte, in die geistigen Welten hinein führen eben die verschiedenen Wege, die ich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zum Teil beschrieben habe. Nun, wenn jemand in einer intensiveren Weise damit beschäftigt sein muß, Erkenntnisse aus den höheren Welten zu suchen, dann wird das, wie Sie nun begreifen können nach dem, was ich gestern und heute für etwas ganz anderes ausgeführt habe, eine gewisse Seelenverfassung bedingen. Und so wird namentlich eine gewisse Seelenverfassung notwendig sein für den eigentlichen Geistesforscher. Man findet nämlich nicht die Wahrheit auf übersinnlichem Gebiete, wenn man fortwährend genötigt ist, der Seele dasjenige aufzudrängen, was in der physischen Welt in ganz berechtigter Weise sich abspielt, wenn man sich während des Geistesforschens fortwährend zu beschäftigen hat mit demjenigen, was von einem fordert, daß man im Sinne der physischen Welt denkt. Nun werden Sie zugeben, daß derjenige, der in verantwortlicher Weise seinen Mitmenschen etwas mitteilt aus den geistigen Welten, der also einfach nach dem Wortgebrauch, der für die übliche Wissenschaft vorhanden ist, sich einen Geistesforscher nennen kann, zu seinem Forschen viel Zeit braucht. Und damit werden Sie es gerechtfertigt finden, daß ich selber Zeit brauche zum Erforschen desjenigen, was ja jetzt nach und nach in immer erweiterter und erweiterterer Gestalt als eine Geisteswissenschaft, als eine Anthroposophie von mir vorgetragen wird.

Diese Zeit, die kann man sich nach seinem Schicksale natürlich dann schaffen, wenn man ganz allein dasteht. Denn derjenige, der ein wirklicher Geistesforscher ist und in verantwortlicher Weise seinen Mitmenschen mitteilen will dasjenige, was er in der geistigen Welt findet, der wird sich die Eigentümlichkeit aneignen - das ist eine ganz natürliche Sache -, sich um seine Gegner nicht zu bekümmern. Er weiß, daß er Gegner haben muß, aber ihm kommt es nicht darauf an, daß man gegen die Dinge, die er sagt, etwas einwendet; die Einwendungen kann er sich selber machen. Und so ist es eine natürliche Seelenverfassung, daß der Geistesforscher in positiver Weise seinen Weg geht und sich nicht um die Einwendungen viel kümmert, wenn nicht da oder dort eine besondere Veranlassung dazu vorliegt.

Diese Seelenverfassung kann man aber nicht aufrechterhalten, wenn einem eine Anthroposophische Gesellschaft zur Seite steht. Denn dann kommt zu der bloßen Verantwortlichkeit gegenüber der Wahrheit die Verantwortlichkeit gegenüber dem, was die Gesellschaft tut, welche sich, wie das so oft gesagt wird, zum Werkzeuge dieser Wahrheit machen will. Da muß man teilnehmen an den Verantwortlichkeiten dieser Gesellschaft. Nun, bis zu einem gewissen Grade geht das noch immer zusammen mit dem richtigen Verhalten gegenüber den Gegnern. So ist es auch bis zum Jahre 1918 mit mir und dieser Anthroposophischen Gesellschaft gegangen. Ich habe mich möglichst wenig gekümmert um dasjenige, was eingewendet worden ist, und zwar - so paradox es klingt — aus der Konsequenz jener Ihnen eben geschilderten Toleranz heraus. Warum soll ich denn so intolerant sein, immer wieder meine Gegner zu widerlegen? Es wird schon alles in das richtige Geleise kommen durch den naturgemäßen Fortschritt in der Menschheitsentwickelung. Und deshalb kann ich sagen: Zwar nicht ganz, aber in einem hohen Maße war diese Frage in Ordnung bis 1918. - Wenn aber die Gesellschaft dazu übergeht, Dinge in sich aufzunehmen, wie unsere Anthroposophische Gesellschaft seit 1919 sie aufgenommen hat, dann gerät man in Verantwortlichkeiten hinein gegenüber diesen einzelnen aufgenommenen Dingen, dann wird das Schicksal dieser aufgenommenen Dinge mit dem Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft verknüpft und wiederum das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft mit dem Schicksale des Geistesforschers. Und dann entsteht die Alternative: Entweder der Geistesforscher muß es nun in die Hand nehmen, sich gegen seine Gegner zu wehren, das heißt, sich mit lauter Dingen zu beschäftigen, die ihn von der geistigen Forschung abbringen müssen, weil man beides gleichzeitig nicht machen kann; oder aber er ist darauf angewiesen, weil er sich für seine Geistesforschung Zeit schaffen muß, die Behandlung der Gegner denjenigen zu überlassen, welche in einer gewissen Weise die Verantwortlichkeit übernommen haben für das äußerlich Begründete. Deshalb ist auch aus inneren anthroposophischen Gründen die Situation innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft seit 1919 eine wesentlich andere geworden. Deshalb muß, weil diese Gesellschaft sich entschlossen hat in einzelnen ihrer Persönlichkeiten solche äußere Begründungen zu machen und weil die Grundlage, auf der das alles ruht, ja doch die Anthroposophie ist, diese Grundlage gerade von denjenigen verteidigt werden, die nicht die volle Verantwortung tragen für die innere Berechtigung desjenigen, was von Tag zu Tag zu der Geistesforschung hinzugefügt werden muß durch wirkliches Forschen.

Ein großer Teil der Gegner ist ja eigentlich so geartet, daß er in irgendwelchen ganz bestimmten Lebenszusammenhängen darinnen lebt. Er hat zum Beispiel da oder dort dieses oder jenes studiert. Da ist es üblich, über diese oder jene Dinge so oder so zu denken. Dadurch, daß er so oder so denken muß, muß er ein Gegner der Anthroposophie werden. Er weiß ja gar nicht, warum er es werden soll, sondern er muß es werden, weil er unbewußt am Gängelbande desjenigen hängt, was ihn erzog, was er erlebt hat. So steht es innerlich. Äußerlich steht es so, daß natürlich um des Gedeihens oder Verderbens desjenigen, was mit der Anthroposophischen Gesellschaft begründet worden ist, auch solche Gegner in der entsprechenden Weise aus dem Felde geschlagen werden müssen.

Aber die eigentlich leitenden Persönlichkeiten in der Gegnerschaft, die wissen nämlich sehr wohl, was sie wollen. Denn unter denen finden sich solche, die gut bekannt sind mit den Gesetzen der geistigen Forschung, wenn auch von einem andern Gesichtspunkte aus als dem anthroposophischen, und die wissen, daß es das beste Mittel ist, denjenigen, der die Ruhe zum Geistesforschen braucht, fortwährend zu bombardieren mit gegnerischen Schriften und Einwendungen, damit er abgezogen werde von seiner Geistesforschung. Denn diese wissen sehr gut: die Widerlegung der Gegner läßt sich nicht mit der Geistesforschung vereinigen. Sie wollen einem Knüppel vor die Beine werfen, indem sie diese Dinge einem entgegensetzen. So ist einfach die Tatsache des Schreibens dieser Dinge die gegnerische Tat. Den Leuten, die eigentlich wissen, auf was es ankommt, kommt es gar nicht so sehr darauf an, was in ihren Büchern steht, sondern daß diese Bücher dem Geistesforscher an den Kopf geworfen werden. Und besonders viel liegt ihnen daran, durch irgendwelche Tricks und ähnliche Mittel ihn zu zwingen, daß er sich selber verteidigen muß.

Diese Dinge müssen in voller Objektivität angesehen werden. Sie zu wissen, ist auch die Aufgabe derjenigen, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft mit Recht sitzen wollen. Nun, das, was ich eben gesagt habe, das ist etwas, was viele Leute wissen. Nur ist es in den Kreisen von vielen, die das wissen, eben durchaus Gebrauch, daß man darüber nicht spricht nach außen hin. So etwas ist in der Anthroposophischen Gesellschaft, wie die Erfahrung zeigt, schon lange gar nicht mehr durchzuführen. Es wurden in der Anthroposophischen Gesellschaft Zyklen gedruckt, auf denen steht «Nur für Mitglieder». Man kann heute in Deutschland und auch anderswo in öffentliche Bibliotheken gehen und sich diese Zyklen ausleihen. Auch diejenigen, die nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, können alle Zyklen haben, und die Art der gegnerischen Schriften beweist, daß sie sie haben, wenn es auch manchmal schwierig war, sie zu erhalten. Aber diese Leute scheuen Schwierigkeiten viel weniger als manchmal Anthroposophen. Jene Art des Sekretierens, die heute noch viele Gesellschaften üben können, die ist eben bei der besonderen Art der Anthroposophischen Gesellschaft, wo jeder ein freier Mensch bleiben soll, wo er kein Versprechen gibt, sondern einfach eintritt, um ein ehrlicher Erkenner zu werden, die ist bei der Anthroposophischen Gesellschaft, die im allermodernsten Sinne konstituiert sein muß, gerade nicht möglich. Und ich strebe nicht danach, daß es möglich wird. Strebte ich danach, würde ich Ihnen jetzt nicht empfehlen, neben der alten Anthroposophischen Gesellschaft eine lose Vereinigung zu begründen. Denn Sie werden sehen, wieviel mehr Abzugskanäle - ich tadle diese nicht — für dasjenige, wovon ältere Mitglieder glauben, sie müssen es in ihrem Schrank verwahren, in die breite Offentlichkeit hinaus durch diese lose Vereinigung geschaffen werden. Aber derjenige versteht eben den innersten Impuls der Anthroposophie nicht, der sie nicht im Sinne des modernsten Denkens und Empfindens der Menschen einrichten will. Daher ist es um so mehr notwendig, daß man die Bedingungen für eine solche Gesellschaft erfaßte.

Ich führe jetzt etwas nicht aus einer eitlen Albernheit an, sondern als ein Beispiel, das ich entnehme aus meinem eigenen Erleben. Ich habe im verflossenen Sommer in Oxford einen Vortragszyklus über die Pädagogik, die in der Waldorfschule gepflegt wird, gehalten. In einem englischen Journale ist ein Artikel erschienen, ich zitiere nicht wörtlich, aber sinngemäß, der ungefähr folgenden Anfang hat: Wer einfach als ein Außenstehender hineingeschneit worden ist in die Vorträge dieses Oxforder pädagogischen Zyklus, der hätte, wenn er nicht gewußt hätte, wer der Dr. Steiner ist und daß der mit Anthroposophie etwas zu tun hat, gar nicht merken können, daß da der Vertreter der Anthroposophie spricht, sondern er hätte ihn halten können für jemanden, der über Pädagogik spricht, nur von einem andern Gesichtspunkte aus als dem, den man vielleicht selber hat. - Ich habe mich über diese Charakteristik außerordentlich gefreut, weil sie zeigt, daß Menschen da sind, die bemerken, was ich gerne erreichen möchte, daß man der einzelnen Ausführung, die ich gebe, nicht sogleich anhört: Das ist vom anthroposophischen Standpunkt. - Von dem ist sie ja doch. Aber man wird diesen nur dann richtig einnehmen, wenn er zur Objektivität führt, wenn er nicht zu Einseitigkeiten, sondern dazu kommen läßt, daß man jede Einzelheit aus sich selber heraus erkennt und beurteilt.

Und bevor ich diesen Oxforder Zyklus gehalten habe, also auch bevor dieser Artikel erschien, habe ich einmal ein Ihnen vielleicht sehr unbedeutend .scheinendes Experiment gemacht. Ich war ja auch auf dem Wiener Kongreß im Juni; ich habe da zwölf Vorträge gehalten in den zwei Zyklen. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt, in allen zwölf Vorträgen dürfe das Wort «Anthroposophie» nicht vorkommen, und es kommt auch nicht vor. Es kommt auch nicht so irgend etwas vor, wobei man etwa sagt: Die anthroposophische Weltanschauung sagt dieses oder jenes. - Natürlich war doch, und gerade deshalb, alles anthroposophisch. Ich will nicht in pedantisch-philiströser Weise sagen, man soll es zu einem Programmpunkte machen, daß Anthroposophen das Wort Anthroposophie nie aussprechen. Selbstverständlich will ich das nicht. Aber der Geist, aus dem heraus gewirkt werden muß, wenn man in einer richtigen Weise mit der Welt sich einstellen will, der Geist, der wird auf diese Art aufgesucht. Dieser Geist sollte auch frei wirken in den wirkenden und führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft. Sonst werde ich selbst wiederum verantwortlich gemacht für dasjenige, was innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft als etwas Unanthroposophisches getan wird. Und dann wird die Welt mit Recht das eine mit dem andern identifizieren. Also es handelt sich auch in solchen Dingen darum, daß der objektive Geist des Anthroposophischen in der richtigen Weise erfaßt werde, und vor allen Dingen auch, daß dieser Geist des Anthroposophischen ausgewirkt werde. Dazu muß man sich allerdings auch in einem gewissen Grade erst erziehen. Aber diese Selbsterziehung ist innerhalb der Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig; und in dieser Beziehung sind eben, und zwar mitbeeinflußt durch die Gründungen, unzählige Fehler in den letzten Jahren gemacht worden. Ich stelle das objektiv hin, ohne jemanden persönlich damit treffen zu wollen.

Wenn die Anthroposophische Gesellschaft gedeihen soll, so muß einfach ein Vollbewußtsein von diesen Dingen bei jedem einzelnen Mitgliede einziehen. Das kann aber nach der Natur des heutigen sozialen Zustandes nicht anders sein, als dadurch, daß ein lebendiger Verkehr versucht wird, wenn auch nur, sagen wir durch Mitteilungsblätter oder dergleichen, zwischen den einzelnen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft. Dazu gehört aber ein lebendiges Interesse des einzelnen Gliedes - ich sage nicht Mitgliedes - der Anthroposophischen Gesellschaft für die Angelegenheiten der ganzen Gesellschaft und vor allen Dingen für die Angelegenheiten des Werdeganges der Anthroposophie selber. Auch darinnen mangelt vieles. Wäre eine Anthroposophische Gesellschaft nicht da, so wären wahrscheinlich doch so und so viele anthroposophische Bücher da. Man würde sich aber gesellschaftsmäßig gar nicht zu kümmern haben um diejenigen, die sie lesen. Die wären in der Welt zerstreut, bildeten vielleicht auch Gemeinschaften je nach ihrem Karma; aber man brauchte nicht selber mit ihnen äußerlich verbunden sein. Das ändert sich nicht viel für den Geistesforscher, selbst wenn die Gesellschaft eine Artung hat, wie die unsrige bis zum Jahre 1918 sie hatte. Das ändert sich sofort, wenn für den physischen Plan geltende Verantwortlichkeiten mit der Anthroposophischen Gesellschaft verknüpft werden. Diese Dinge sage ich heute dezidierter als sonst, aber gesagt habe ich sie in dieser oder jener Form damals, als man am Ausgangspunkte der Begründungen stand. Ich konnte sie doch nicht jedem einzelnen anthroposophischen Mitgliede ins Ohr raunen, weiß nicht einmal, ob das sehr viel genützt hätte. Aber die Anthroposophische Gesellschaft war doch da und hatte führende Persönlichkeiten. Die müssen dafür sorgen, daß diese Gesellschaft in einer solchen Verfassung ist, daß sie die Dinge wirklich ohne Gefährdung der anthroposophischen Forschung in sich aufnehmen kann.

Das ist, möchte ich sagen, der negative Anblick für die Gemeinschaftsbildung, während ich gestern den positiven vor Sie hingestellt habe. Ich möchte sagen, jeder, der eine solche Gemeinschaftsbildung anstrebt, wie ich sie ihren Bedingungen nach hingestellt habe in positiver Weise, der muß sich bewußt sein alles dessen, was in der heute geschilderten Weise mit dem Fortschreiten in der Anthroposophischen Gesellschaft und mit dem Leben der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenhängt. Und namentlich auf den einzelnen Gebieten des anthroposophischen Lebens muß das berücksichtigt werden.

In dieser Beziehung liegt ja zum Beispiel das Folgende vor, das, wie ich glaube, außerordentlich lehrreich ist. Ich komme da wiederum auf das tragische Kapitel des uns abgestorbenen Goetheanums zu sprechen. Wir konnten im September und Oktober des Jahres 1920 den ersten — wie man es genannt hat - Hochschulkurs in diesem Goetheanum durch drei Wochen hindurch halten. Ich habe schon gestern geschildert, wie dieses Goetheanum einen ganz bestimmten, aus der anthroposophischen Empfindungsweise herausgeborenen künstlerischen Stil hat. Dieser Stil, wie ist er entstanden? Er ist so entstanden, daß eine Anzahl von Persönlichkeiten, denen man dafür nicht genug danken kann, im Jahre 1913 es unternommen haben, dem, was im engeren Sinne für die Anthroposophie damals vorhanden war und was eventuell in diesem engeren Sinne aus dieser Anthroposophie noch hervorgehen konnte, eine Heimstätte zu bauen, das heißt, eine Heimstätte zu bauen dem Spiele von Mysterien, eine Heimstätte der dazumal noch keimhaften, aber durchaus schon für solche Dinge Aussichten versprechenden Eurythmie, eine Heimstätte vor allen Dingen den eigentlichen anthroposophischen Betrachtungen, die auf der Grundlage des geisteswissenschaftlichen Forschens Weltenbilder entwerfen. Das lag dazumal in der Intention vor mir, der ich der Beauftragte dieser Persönlichkeiten war oder mich wenigstens als solcher betrachtete. Für mich lag die Aufgabe vor, dieser Arbeit einen Bau zu errichten mit dem entsprechenden, dieser Arbeit künstlerisch entsprechenden Stil. Das wurde das Goetheanum. Dazumal gab es noch gar nicht die Gelehrten, die Wissenschafter in unserer Mitte. Die Anthroposophie war bis zu einem gewissen Punkte ins Wissenschaftliche vorgerückt. Aber dasjenige, was später eingetreten ist, daß die einzelnen Fachgebiete innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft behandelt wurden, das gab es dazumal nicht. Dasjenige, was auftrat, trat so auf, daß es in gerader Linie aus der Anthroposophie herauskam, wie schließlich die ganze Waldorfschul-Pädagogik; die ist ja das eigentliche Beispiel, wie etwas ganz aus Anthroposophie heraus gekommen ist. Für solche Dinge mußte der künstlerische Stil gefunden werden. Der wurde gefunden meiner Überzeugung nach in dem Goetheanum. Der Krieg hat den Bau des Goetheanums etwas verzögert. 1920 wurde dann jene Vortragsreihe gehalten, von der ich eben gesprochen habe. Sie wurde gehalten auf den Impuls hin, der schon ausging von den mittlerweile in so dankenswerter Weise in die Anthroposophische Gesellschaft eingezogenen Gelehrten. Er wurde auch arrangiert und mit Programm versehen von diesen Gelehrten. Mir wurde das Programm dargeboten. In der Anthroposophischen Gesellschaft herrscht gerade meiner Überzeugung nach absoluteste Freiheit. Viele Leute in der Außenwelt denken sich, in dieser Anthroposophischen Gesellschaft geht nur dasjenige vor sich, was sich der Steiner einbildet. Meistens gehen aber Dinge vor sich, die der sich ganz und gar nicht einbilden würde. Aber die Anthroposophische Gesellschaft ist ja nicht für mich da, sondern die Anthroposophische Gesellschaft ist für die Anthroposophen da. Und nun saß ich da, wirklich mit großer Aufmerksamkeit, in diesen Vortragsreihen vom September und Oktober 1920 - ich gebe nur ein Apergu, nicht irgendeine Kritik - und ich ließ nun meine Augen schweifen über das Innere des Baues. In der Wochenschrift «Das Goetheanum» habe ich beschrieben, wie zum Beispiel für die eurythmische Kunst die Linien des Goetheanums sich fortsetzen in die Bewegungen des Menschen; aber das mußte ja am Goetheanum nach den ursprünglichen Intentionen für alles der Fall sein. Ich ließ also meinen geistigen Blick schweifen über die Art und Weise, wie diese Innenarchitektur, Plastik und Malerei dem entsprach, was die Redner vom Podium herunter sagten. Und da fand ich - es war ja nicht nötig, den Leuten das damals an die Nase zu binden: Alles dasjenige, was, im besten Sinne des Wortes sei es gesagt, ein anthroposophisches Tableau war, wo aus der Anthroposophie im engsten Sinne heraus gesprochen wurde, es paßte wunderbar zum Baustil. Für eine ganze Reihe von Vorträgen hatte man aber das Gefühl: Ja, die dürften eigentlich erst gehalten werden, wenn das Goetheanum einmal dazu gekommen sein wird, eine ganze Reihe von Nebenbauten zu errichten, die in ihrem Baustile wiederum so eingerichtet werden, daß sie stimmen zu diesen Spezialstudien und Spezialbetrachtungen. Das Goetheanum in seinem fast zehnjährigen Schicksale hat wirklich miterlebt das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft, und es ist leicht zu bemerken gewesen an dem Durchfühlen der Harmonie oder Disharmonie des Baustiles mit dem, was da drinnen getrieben wurde, wie in der Tat erwas Unorganisches hineingekommen ist in die gerade Fortströmung der anthroposophischen Geistesbewegung.

Nun, das ist wirklich nicht gesagt, um zu tadeln oder um zu sagen, irgend etwas hätte nicht so sein sollen. Natürlich lag eine Notwendigkeit vor, daß das alles so wurde. Aber auf der andern Seite ergab das die andere Notwendigkeit, daß nun Chemie, Physik, Mathematik und so weiter neu wiederum herausgeboren wurden, wiedergeboren wurden aus der Anthroposophie, um den geschilderten Ruck des Bewußtseins zu machen. Denn mit der gewöhnlichen Betrachtungsweise reicht man eben nicht aus, wenn anthroposophisch gesprochen werden soll. Dieser Ruck war nicht immer da. Am Goetheanum sah man es künstlerisch stilgemäß, an der Anthroposophischen Gesellschaft merkt man es an derjenigen Erscheinung, die sich zusammengezogen hat zu der Wolke, die uns in diesen Tagen bedeckt hat. Und die Aufgabe war da und muß als eine Zukunftsaufgabe dastehen, daß nun, nachdem schon einmal die Wissenschaft hereingeströmt ist - gedankt sei diesem Schicksale selbstverständlich -, sie wiedergeboren werden muß aus der Anthroposophie. Und da hat es keinen Sinn, sich in allerlei wesenlose Polemiken zu verlieren, sondern da ist die Aufgabe vor allen Dingen drängend, die einzelnen Disziplinen aus der Anthroposophie wiederzugebären. Eine Art Surrogat wurde geschaffen in der Zeit, in der man nach Ersatz überhaupt streben mußte. Ich wurde vielfach aufgefordert -— wiederum ging das aus einer Notwendigkeit hervor -, Vortragszyklen zu halten für diesen oder jenen Kreis über Dinge, die sich vielleicht in dem richtigen Tempo des anthroposophischen Fortlebens erst später entwickelt hätten. So waren diese Zyklen da. Für diese Zyklen hätte man nun vor allen Dingen die Notwendigkeit gehabt, sie zu benützen, um die einzelnen Wissenschaften aus der Anthroposophie wiederzugebären. Das war das anthroposophische Interesse. Und dieses Interesse wäre dasjenige gewesen, was durchaus der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft im eminentesten Sinne fruchtbar geworden wäre. Alle diese Dinge müssen gewußt werden. Sehen Sie, meine lieben Freunde, im Verlaufe der verschiedenen Seminarien, die in den Hochschulkursen da oder dort gehalten worden sind, habe ich immer wieder und wiederum Aufgaben gestellt, eine Aufgabe noch für mathematische Physiker in der letzten Ansprache, die ich halten konnte im kleinen Saale des Goetheanums bei dem naturwissenschaftlichen Kursus, der ja um die Neige des Jahres 1922 gehalten worden ist und nach Neujahr 1923 hätte im Goetheanum weiter fortdauern sollen. Da sprach ich noch, wie notwendig es wäre, die Aufgabe zu lösen, wie sich der Tastraum in mathematische Formeln fassen läßt gegenüber dem Gesichtsraum; und ähnliche Dinge sind immer wieder und wieder dagewesen. Im Speziellen war das schon da, wozu die Zeit gedrängt hat, aber all das mußte so anthroposophisch verarbeitet werden, daß es wirklich den breitesten Kreisen der Anthroposophie, die sich gar nicht weiter kümmern können um den Tastraum und Sehraum und so weiter, dennoch etwas geben kann. Denn es gibt solche Wege, auf denen das, was einer vielleicht nur machen kann, einer großen Anzahl in einer ganz andern Form, in die es gegossen wird, dann fruchtbar wird. So sind eben durch die, wie ich so sagen möchte, außerordentlich übereilten Einrichtungen, die seit dem Jahre 1919 getroffen worden sind, namentlich - es muß immer wieder betont werden - durch den Umstand, daß da Persönlichkeiten alles mögliche begründet haben und nachher nicht weiter mitgewirkt haben an dem, was sie selbst begründet haben, Schwierigkeiten über Schwierigkeiten erwachsen, und eben aus diesen Schwierigkeiten hat sich alles dasjenige ergeben, vor dem wir jetzt stehen. Aber in nichts davon liegt etwas, was ein Einwand gegen Anthroposophie selber ist.

Und das ist dasjenige, dessen sich die lieben Anwesenden bewußt sein sollen, daß ja überall im einzelnen gesagt werden kann, wodurch die Schwierigkeiten entstanden sind, und daß scharf betont werden kann, daß es keine Berechtigung hat, daß wegen dieser Schwierigkeiten die Anthroposophie selber irgendwie abgekanzelt werde. Deshalb möchte ich gerade im Anschlusse an diese tiefere Erörterung ein Wort richtigstellen, das gestern hier von diesem Podium aus gesprochen worden ist und an dem ich gerade aus dem Bewußtsein derjenigen Dinge, über die ich jetzt gesprochen habe, Anstoß nehmen mußte. Es wurde gesagt, man sei sich nicht bewußt - so ähnlich -, daß durch die Gegner die anthroposophische Bewegung zerstört werden könne. Das kann sie nicht. Durch die Gegner kann die größte Gefahr erwachsen der Anthroposophischen Gesellschaft, meinetwillen mir selbst persönlich und so weiter. Aber die anthroposophische Bewegung, der wird kein Leid geschehen können, die kann höchstens aufgehalten werden durch die Gegner. Und in dieser Beziehung und in manchen ähnlichen Beziehungen ist in den letzten Jahren hervorgehoben worden auch von mir selbst oftmals: Man muß unterscheiden die anthroposophische Bewegung von der Anthroposophischen Gesellschaft. Das ist nicht deshalb hervorgehoben worden, weil jetzt die Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr Berücksichtigung finden soll, sondern aus dem Grunde, weil tatsächlich die anthroposophische Bewegung und die Anthroposophische Gesellschaft sich verhalten wie Inhalt und Gefäß, auch für den einzelnen Menschen wie Inhalt und Gefäß. Und auch auf diesem Gebiete muß man sich, ich möchte sagen, klarer Ideen voll bewußt sein. Man muß weder zusammenwerfen Anthroposophie und Anthroposophische Gesellschaft, noch darf man verkennen, daß durch die Entwickelung der letzten drei bis vier Jahre die eigentlich äußere Entfaltung der Anthroposophie in ihrem Schicksale mit dem Schicksale der Anthroposophischen Gesellschaft für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft innig verwachsen ist. Die Dinge liegen scheinbar so nahe aneinander; sie sind dennoch scharf voneinander zu unterscheiden.

Theoretisch gesehen könnte eine Waldorfschule da sein, wenn niemals eine Anthroposophische Gesellschaft entstanden wäre; in Wirklichkeit nicht, weil die Menschen nicht dagewesen wären, die zu ihrer Gründung und Leitung und Versorgung und so weiter beigetragen haben. Die reale Logik, die Logik der Wirklichkeit ist also durchaus eine andere, als die abstrakte Verstandeslogik. Das ist wichtig, daß man das durchschaut als Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Als solches Mitglied muß man eben sich wenigstens einen, wenn auch noch so bloß gefühlsmäßigen Eindruck verschaffen davon, wie zum Erfassen der höheren Welten eben durchaus gehört ein Bewußtsein davon, daß das Übersinnliche auf eine andere Weise erfahren wird wie die gewöhnliche physische Welt. Deshalb kann etwas in der physischen Welt einem so richtig erscheinen, wie einem der Inhalt eines Traumes richtig erscheint, wenn man selber der Träumer ist; aber deshalb bleibt doch das Hineintragen des Traumzusammenhanges in den Zusammenhang des Alltagsbewußtseins eine unnormale, eine schädliche Erscheinung. Und so ist auch all das Hineintragen von Dingen, von denen man im gewöhnlichen Alltagsbewußtsein mit Recht überzeugt ist, in das Bewußtsein, das man entwickeln soll beim Begreifen geistiger Welten, eine Schädlichkeit.

Das kann ich Ihnen an einem ganz bestimmten Beispiele erörtern. Weil die Menschen in der neueren Zeit so ungeheuer ins Intellektualistische und Außerlich-Empirische verfallen sind, gilt heute schon als Schlagwort auch für diejenigen, die gar nicht in einer Wissenschaft besonders bewandert sind, daß sie sagen: Ja, wenn man irgend etwas sagt, so muß man es beweisen. - Und sie meinen damit eine ganz bestimmte Form der Anwendung des vermittelnden Denkens. Sie wissen eben nichts von der unmittelbaren Stellung, die die Menschenseele zu den Wahrheiten haben kann, die ein unmittelbares Begreifen der Wahrheit ist, so wie das Auge nicht beweist die Röte, sondern sie anschaut. Aber im Intellektual-Verstandesmäßigen ist es so, daß man ein Begriffsglied aus dem andern hervorgehen lassen muß. Für den physischen Plan ist es so gut als möglich, daß man gescheit wird, indem man ungeheuer viel beweisen kann, daß man eine gute Technik im Beweisen hat, daß einem das Beweisen nur so geht wie geschmiert. Das ist sehr gut für den physischen Plan, auch für die Wissenschaften, die für den physischen Plan arbeiten. Und auch für denjenigen, der Geistesforscher ist, ist es gut, wenn er in der physischen Welt viel von der Technik dieses Beweisens hat. Diejenigen, die sich näher bekanntmachen mit den Intentionen unseres Forschungsinstitutes, die werden sehen, daß für alle Dinge, wo das Beweisen in dieser Art anwendbar ist, es bei uns auch angewendet wird. Aber - lassen Sie mich das groteske Wort gebrauchen‘- für das Begreifen der höheren Welten wird man, wenn man dies Beweisen hineinträgt so wie den Traumzusammenhang in die alltägliche Bewußtseinswirklichkeit, dumm. Denn diese Methode des Beweisens in den höheren Welten ist genau dasselbe wie das Hineintragen der Traumzusammenhänge in die alltägliche Bewußtseinswirklichkeit. Nun hat man sich in der neueren Zeit hineingefunden, dieses Beweisen selbstverständlich zu finden. Auf manchen Gebieten ist es sogar furchtbar geworden, wie dieses Beweisen lähmend gewirkt hat.

Die Religion, die durchaus auf nichts beruht, in ihren älteren Formen auf nichts beruht, was mit dem intellektualistisch-verstandesmäßigen Beweisen zu tun hat, sondern mit Anschauen, ist zu einer rationalistischen Theorie geworden, die beweist. Sie beweist nach und nach in ihren extremsten Vertretern, daß die ganze Religion nicht wahr ist. Das ist im Grunde genommen selbstverständlich, weil, geradeso wie man ein abnormaler Mensch wird, wenn man den Traumzusammenhang in sein Alltagsbewußtsein hineinträgt, man abnormal wird für das Bewußtsein der höheren Welten, wenn man die in der physischen Welt mit Recht geltenden Zusammenhänge [in die höheren Welten] hineinträgt. Theologie ist entweder Realwissenschaft geworden, die einfach die Dinge hinnimmt, oder Theologie, die als beweisende Wissenschaft geeignet ist, nicht die Religion zu begründen, sondern sie zu zerstören.

Das, meine lieben Freunde, sind die Dinge, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft mit scharfem Bewußtsein erlebt werden müssen. Denn wenn das nicht der Fall ist, dann stellt man sich von vornherein [nicht] als ein allseitiger, für alle Weltenniveaus vernünftiger Mensch in die Menschenwelt, in das Leben hinein ...

Der Geistesforscher hat es nicht nötig, gegen seine Gegner mit Beweisen aufzutreten, denn alles, was eingewender werden kann gegen dasjenige, was ich sage, brauchen die Gegner bloß aus meinen eigenen Schriften zu holen, denn ich mache überall, wo es nötig ist, aufmerksam, wie das physische Beweisen für etwas Übersinnliches sich ausnimmt. Irgendwo findet man schon das Entsprechende, was der Gegner sagen kann, von mir selbst gesagt, so daß man eigentlich, um mich zu widerlegen, mich bloß abzuschreiben brauchte für das meiste. Aber das ist es, daß man über alle diese Einzelheiten im Gebiete der Anthroposophischen Gesellschaft ein Bewußtsein erwerben muß. Dann wird man in der Gesellschaft feststehen; man wird sowohl in der physischen Welt als auch in allen möglichen Welten feststehen, wenn man sich mit anthroposophischer Weltanschauung befaßt hat.

Dann wird man aber auch menschliche Liebefähigkeit, soziale Harmonisierung und alles, was zum sozialen Leben gehört, aus den anthroposophischen Impulsen ziehen. Dann wird nicht Streit und Hader, nicht Abspaltung und Sezession, sondern trotz aller Isolierung die wahrhafte menschliche Einigkeit unter allen Anthroposophen eintreten können. Und dann wird man, trotzdem man ein Bekenner der Anschauungen aus den höheren Welten ist, nicht wie ein Träumer in der physischen Welt herumgehen, sondern man wird sich wie ein Mensch, der mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht, verhalten können, weil man sich gewöhnt hat, nicht die beiden Dinge zu vermischen, wie auch Traumwirklichkeit und Wirklichkeit des physischen Planes im gewöhnlichen Leben nicht vermischt werden dürfen.

Auf die Aneignung einer gewissen Seelenverfassung, einer gewissen Bewußtseinsverfassung kommt es dennoch an bei allen denjenigen, die sich im vollsten, echten Sinne des Wortes als richtige Glieder der anthroposophischen Bewegung in der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenfinden wollen. Durchdringen wir uns mit dieser Seelenverfassung, durchdringen wir uns mit dieser Bewußtseinsverfassung, dann werden wir eine richtige anthroposophische Gemeinschaft begründen; und dann wird, weil die Möglichkeit durchaus in ihr liegt, auch die Anthroposophische Gesellschaft blühen und gedeihen können.

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