Awakening to Community

GA 257 — 2 March 1923, Dornach

Achter Vortrag

Die Stuttgarter Versammlung ist vorgestern abend abgeschlossen worden, und Sie werden wahrscheinlich die Meinung haben, daß ich Ihnen nun einiges von dem, was da in Stuttgart sich zugetragen hat, berichten soll. Es ist so, daß sich schon ein gewisses Ergebnis herausgebildet hat, ein Ergebnis, das angesichts der wirklichen Verhältnisse nicht anders sein kann. Um das, was da entstanden ist, völlig zu verstehen, wird es nötig sein, skizzenhaft eine Art Bericht über die Entwickelung der Dinge zu geben. Sie wissen ja aus den Andeutungen, die ich im Laufe der letzten Wochen gemacht habe, daß der Stuttgarter Versammlung wochenlange Vorbereitungen vorangegangen sind. Diese Vorbereitungen, die für alle Beteiligten eigentlich recht aufreibend waren, liefen darauf hinaus, durch das Ins-Leben-treten-Lassen der Bedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft dieser für die nächste Zeit eine Zukunft zu geben.

Berücksichtigt bei allen diesen Dingen muß ja werden, daß dasjenige, was sich in Stuttgart zugetragen hat, ganz unbeeinflußt, wenigstens seinen Ausgangspunkten, seinem Ursprunge nach, von den traurigen Ereignissen des Goetheanumbrandes ist. Denn daß irgend etwas zur Konsolidierung der Gesellschaft zu geschehen habe, war ja bereits Anfang Dezember von mir mit einem Mitgliede des Vorstandes besprochen worden, mit dem Auftrage, daß der ganze Zentralvorstand mit andern Persönlichkeiten sich mit der Sache befassen solle. So daß also das, was sich in Stuttgart abgespielt hat, in geradliniger Fortsetzung dessen steht, was am 10.Dezember von mir als Ergebnis der Beobachtung über die gegenwärtige Situation in der Anthroposophischen Gesellschaft zu Herrn Uehli gesprochen worden war.

In diese Ereignisse fiel als schmerzliche Tatsache der Brand des Goetheanum hinein. Aber auch, wenn wir heute noch das Goetheanum hier stehen hätten, wie es war, so würden sich alle diese Dinge in der ganz gleichen Weise haben abspielen müssen. Denn was lag eigentlich vor? Es lag dieses vor, daß die Anthroposophische Gesellschaft, wie sie sich seit zwei Jahrzehnten allmählich entwickelt hat, eine bestimmte Form und Gestaltung angenommen hat, eine Form und Gestaltung, die insbesondere modifiziert worden war seit dem Jahre 1919 durch die verschiedenen Unternehmungen, die ihr eingefügt worden sind.

Es könnte leicht scheinen, als ob, wenn man so etwas ausspricht: die verschiedenen Unternehmungen, die der Anthroposophischen Gesellschaft eingefügt worden sind - man ein abfälliges Urteil über diese Unternehmungen aussprechen würde. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Ich brauche nur die Waldorfschule zu nennen, die zu diesen Unternehmungen gehört, so wird Ihnen ja klar sein, daß es sich um etwas ganz anderes handelt, als um das Aussprechen irgendeines oberflächlichen Urteils. Gegen den Wert und die Bedeutung dieser Unternehmungen soll ja gar nichts eingewendet werden, auch nicht in bezug auf die hauptsächlichsten, nichts gegen die Führung, gegen die Leitung dieser Unternehmungen.

Was da verhandelt worden ist und verhandelt werden sollte, war lediglich die Anthroposophische Gesellschaft, ihre Gestaltung, ihre ganze Konfiguration als solche. Nun ist es ja schwierig, wirklichkeitsgemäß diese Gestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft, die weit verzweigt ist, zu schildern, aber ich denke, jeder von Ihnen weiß ja von einem gewissen Gesichtspunkte aus, was die Anthroposophische Gesellschaft geworden ist bis zum heutigen Tage, und er kann sich auch manches selbst schildern nach dem, was auch von mir hier im Laufe der letzten Wochen angeführt worden ist; er kann sich diese Schilderung dann ergänzen.

Nun ist eines der besonders wichtigen Ereignisse, die sich im Leben dieser Anthroposophischen Gesellschaft ereignet haben, dieses, daß den führenden Persönlichkeiten, oder wenigstens einer größeren Zahl der führenden Persönlichkeiten, für die Anthroposophische Gesellschaft aus dem, was sich aus ihr herausgebildet hat, ganz bestimmte, und zwar anthroposophische Aufgaben zugewachsen sind. Diese anthroposophischen Aufgaben harren seit 1919 ihrer Lösung. Sie waren eben nicht gelöst, und daher mußte am 10. Dezember des vorigen Jahres, als sich die Dinge nun, ich möchte sagen, mit aller Deutlichkeit gezeigt hatten, in der Weise, wie ich es eben getan habe, zu dem Zentralvorstand in Stuttgart gesprochen werden.

Eine der letzten Begründungen, die aus der anthroposophischen Bewegung herausgewachsen sind, ist ja die Bewegung für religiöse Erneuerung, die insbesondere viel zu der Krisis der Anthroposophischen Gesellschaft in der letzten Zeit beigetragen hat. Das ist eine Seite der Tatsachen, die im Leben der Anthroposophischen Gesellschaft aufgetreten sind.

Die andere Seite ist, daß Jugend herangekommen ist, Jugend mit inniger Begeisterung für die Anthroposophie, für alles das, was Anthroposophie enthält, namentlich auch akademische Jugend, mit ganz bestimmten Erwartungen, mit ganz bestimmten Vorstellungen von dem, was in der Anthroposophischen Gesellschaft gefunden werden kann, mit bestimmten Empfindungen, die man etwa so charakterisieren könnte, daß man sagt: Mit starken inneren Herzensimpulsen kam die Jugend an die Anthroposophische Gesellschaft heran und war besonders sensitiv für alles, was ihr entgegentrat aus den Reihen der Anthroposophen, nahm alles in einem zwar nicht verstandesmäßigen, aber scharfen Empfindungsurteil auf. Was lag denn da zugrunde?

Ja, meine lieben Freunde, die Jugend von heute hat eben innere Seelenerlebnisse, die in einem gewissen Sinne zum erstenmal in die menschheitliche Entwickelung hereintreten. Dadurch, daß man abstrakt und oberflächlich von dem Gegensatz der älteren und jüngeren Generation spricht, ist es nicht getan. Dieser Gegensatz war in einem gewissen Sinne immer vorhanden, und er war vorhanden insbesondere bei denen, die sich als starke Individualitäten in ihrem jugendlichen Lebensalter in den verschiedenen Bildungsanstalten heranbilden wollten für das Leben. Man braucht nur an typisch charakteristische Beispiele zu erinnern. Lesen Sie in Goethes «Dichtung und Wahrheit», wie er in Leipzig, statt in die Kollegien zu gehen, weil diese ihm furchtbar langweilig waren, zu der Bretzelbäckerin vis-à-vis hinging und da sich mit seinen Kameraden unterhielt, während der Professor Ludwig und andere drüben in den Hörsälen ihre gescheiten Lehren tradierten. Aber trotz dieses Gegensatzes, der ja immer vorhanden war, liefen ja auch diese, ich möchte sagen, etwas radikalen Mitglieder des Jugendtums immer ein in dasjenige, was eben von der alten Generation als Erbschaft vorhanden war. Auch die genialen Menschen liefen ein. Goethe ist ganz gewiß der unermeßliche Genius geblieben bis zu seinem Tode; allein in bezug auf das Sich-Hineinstellen in das unmittelbare Leben wurde er ja nicht nur der Genius Goethe, sondern auch der dicke Geheimrat mit dem Doppelkinn. Das ist auch eine Wahrheit.

Nun, diese Dinge muß man nur ganz unbefangen betrachten. Es war eben so bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, daß zwar der Gegensatz, von dem man auch heute eben oberflächlich spricht, daß der Gegensatz zwischen alt und jung schon vorhanden war, daß er aber im Sinne des Philisteriums ausgeglichen wurde, daß sich die Jugend eben immer mehr anphilisterte dem, was als die Erbschaft von dem Alten geblieben war, sie lief ein in diese Erbschaft. Das aber ist heute nicht mehr möglich.

Wenn man in der Terminologie, die aus der orientalischen Weisheit entnommen ist, sprechen wollte, müßte man sagen: Das ist nach dem Ablauf des Kali Yuga nicht mehr möglich, weil das Prinzip der Autorität nicht mehr in derselben Weise das soziale Leben durchströmt, wie das früher der Fall war. - Immer mehr und mehr macht es sich geltend, daß die Menschheit in das Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung eingetreten ist. Und das lebt auf eine allerdings nicht klar umrissene, aber instinktiv außerordentlich starke Weise in denjenigen Menschen, die in den neunziger Jahren oder vielleicht auch im Anfang des 20. Jahrhunderts geboren sind, oder später, und die ein Innenleben haben, das eben wirklich in liebevoller Weise von den Älteren angesehen werden sollte, wenn es verstanden werden soll. Und das kann nicht so ohne weiteres sein, denn unsere Kultur und Zivilisation hat solche Formen angenommen, insbesondere in unseren Bildungsanstalten, daß jene Ausgleichung zwischen alt und jung, die früher immer vorhanden war, jetzt eben nicht mehr vorhanden ist. Das fühlen die jungen Menschen der Gegenwart, das ist ihr inneres Schicksal. Das ist etwas, was, ich möchte sagen, den Duktus ihres ganzen Lebens ausmacht, und das gestaltet eine bestimmte Art des Verlangens an das Leben. Das bedingt, daß die Menschen, die jung sind, heute Suchende sind, aber Suchende in einer ganz andern Weise, als die älteren Menschen Suchende waren.

Auf allen Gebieten des Lebens, namentlich auf allen Gebieten des geistigen Lebens ist das so. Reagiert hat ja schon längst in einer merkwürdigen Weise die Kultur des Alters auf die Jugend. Ich habe ja nicht versäumt, auch hier charakteristische Beispiele dafür anzuführen. Ich erinnere Sie an den Vortrag, den ich über Gregor Mendel gehalten habe. Im 20. Jahrhundert trat unter den Naturwissenschaftern ganz sporadisch mit einer gewissen Vehemenz die Meinung auf, daß Gregor Mendel aus Mähren, der einsame Schullehrer, Gymnasiallehrer und spätere Abt, ein genialer Mensch war, der Großartiges geleistet hat für die Aufstellung der Vererbungsgesetze. Ja, wenn wir aber nun das Verhältnis dieses Gregor Mendel zu den Bildungsanstalten, in denen er war, betrachten, so müssen wir nicht vergessen, daß er, als er das nötige Alter hatte und seine Lehramtsprüfung ablegen sollte, glänzend durchfiel. Es wurde ihm dann eine Zeit gegeben, nach welcher er noch einmal diese Lehramtsprüfung ablegen konnte. Er fiel wieder durch. Nun war man dazumal in den fünfziger Jahren noch toleranter als später: Trotzdem er zweimal durchgefallen war in der Lehramtsprüfung, stellte man ihn als Gymnasiallehrer an. Und er wurde dann derjenige, der etwas ausgestaltete, was man eine der großartigsten Taten auf dem Gebiete der Naturwissenschaft der heutigen Zeit nennt.

Oder nehmen Sie irgend etwas ganz Naheliegendes: Röntgen - kein Mensch wird heute bezweifeln, daß Röntgen zu den größten Geistern der Gegenwart gehört. Aus dem Gymnasium ist er eines Tages hinausgeworfen worden, er konnte es überhaupt nicht durchmachen. Es war auch nur mit großer Mühe zu erreichen, daß er überhaupt die Dozentur bekam, weil es, nun ja, nicht ging auf den Bildungsanstalten, weil er schon, wie gesagt, aus dem Gymnasium herausgeworfen worden war und später notdürftig auf einer Hochschule untergebracht wurde, auf der es dann ging. Aber da konnte er wieder nicht die Dozentur erreichen in dem Fache, in dem er sie erreichen sollte. Nun wurde er aber doch der Ausgestalter einer der epochemachendsten Taten auf dem Gebiete der praktischen und theoretischen Naturwissenschaft. Ja man könnte diese Beispiele ins Unermeßliche vermehren. Überall zeigt sich eben dieses Wetterleuchten des unüberbrückbaren Gegensatzes der Erbschaft von älteren Zeiten und dessen, was einfach in einer undefinierbaren Weise in der Jugend lebt.

Nun kann man sagen, etwas radikal gesprochen, dieser Jugend ist es ganz gewiß höchst gleichgültig, wieviel Königsgräber in Ägypten noch geöffnet werden, darauf kommt es ihr gar nicht so stark an. Aber dieser Jugend kommt es darauf an, etwas zu finden, was aus viel ursprünglicheren Quellen zur Anregung des Menschentums dient als die Offnung alter Königsgräber. Die Jugend hat das Gefühl, daß wir heute in einem Zeitpunkte der Menschheitsentwickelung sind, wo aus viel elementareren, ursprünglicheren Quellen geschöpft werden muß für das Menschtum.

Nun kann man durchaus sagen, vieles ist im Laufe der zwei ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts von der Jugend mit diesem Verlangen gesucht worden. Da lernte diese Jugend die Anthroposophie kennen, und da fühlte sie, man kommt da an dieses Elementare heran, es rührt das an die tiefsten Quellen des Menschtums. Und dann kam diese Jugend an die Anthroposophische Gesellschaft heran. Und einer der Vertreter dieser Jugend hat am Montag oder Dienstag in Stuttgart gesagt: Und nun war sie schockiert, denn als sie herankam, bekam sie einen wahren Schreck, wie die Anthroposophische Gesellschaft ist gegenüber der Anthroposophie. — Ja, nicht wahr, es ist eine der wichtigsten Tatsachen; sie läßt sich nicht hinwegdekretieren. Sie müssen nur bedenken, was schließlich diese Jugend, gerade die akademische Jugend alles erleben mußte.

Da wollten also, sagen wir in einem der geistig freiesten Lehr- und Lernzweige, zum Beispiel in der Literaturgeschichte, diese jungen Leute nun eben diesen Bildungsgang durchmachen, wollten dann ihr Doktorat machen. Wie war es denn im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts? Wie kamen denn die meisten zu einer Dissertation, zu einer Doktorschrift? Da hatte der Professor - man muß natürlich die Dinge zusammenfassen und sie radikal schildern - sich die Aufgabe gestellt, ein Buch zu schreiben über die romantischen Schulen. Nun hatte er seine Studenten zu seiner Auswahl: Da gab er dem einen eine Aufgabe über Novalis, der andere bekam eine Aufgabe über Friedrich Schlegel, der andere über August Wilhelm Schlegel, der dritte über Ernst Theodor Amadeus Hoffmann - wenn es gut ging. Wenn es nicht gut ging, dann bekam der betreffende Kandidat eine Dissertation über die Interpunktionen oder über die Klammern in dem Satzgefüge bei Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Das alles hatte dann der Professor durchzuarbeiten, und es ergab sich ihm dann daraus der Inhalt seines Buches über die romantischeSchule. Da war alles, ich möchte sagen, ins Mechanische hineingezogen. Der junge Mensch war ein Glied in einem Mechanismus, in einem geistigen Mechanismus geworden. Dagegen revoltierte nun dasjenige, was, wenn ich mich des Ausdrucks noch einmal bedienen darf, eben als etwas ganz Elementares nach dem Ablaufe des Kali Yuga in der jugendlichen Seele lebte. Natürlich wären noch unzählige andere Erscheinungen anzuführen.

Nun, diese zwei Dinge standen nebeneinander da: die Anthroposophische Gesellschaft, wie sie eben geworden war durch zwei Jahrzehnte — wie gesagt, ich brauche sie nicht zu schildern, jeder kann sie sich schildern von seinem Perspektivpunkte aus -, und auf der andern Seite die akademische Jugend. Aber im Grunde genommen war wiederum gegenüber der Anthroposophischen Gesellschaft diese akademische Jugend nur der schärfste, radikalste Repräsentant desjenigen, was sonst ja auch vorhanden war. Das trat gerade bei der Stuttgarter Versammlung sehr kraß zutage.

Man hatte auf der einen Seite die führenden Persönlichkeiten der alten Anthroposophischen Gesellschaft überall, ich möchte sagen, engagiert für das, was sich da in festen Formen herausgebildet hatte. Der eine war Waldorflehrer, der andere war Bürochef im «Kommenden Tag». Ja, die Leute hatten — das ist durchaus mit vollem Ernste zu nehmen — ungeheuer viel zu tun. Ich möchte sagen, alles, was in der Anthroposophischen Gesellschaft an freier gestellten Persönlichkeiten war, war eingeflossen in diese Begründungen. Nun, ob mit Recht oder Unrecht, aber das führte auch in der Anthroposophischen Gesellschaft einen gewissen, sagen wir, Bürokratismus, Schematismus herbei. Da war eine unter diesen Gründungen der «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus». Er hatte zunächst von dem Momente an, als er begründet worden war 1919, ein Oberhaupt, und ich war genötigt, nach einiger Zeit, nachdem ich mit diesem Bund gearbeitet hatte, zu sagen: Das geht nicht weiter, da mache ich nicht mehr mit. - Und, wie ich mich in Stuttgart ausdrückte in diesen Tagen, ich mußte mit den Ellenbogen dreinschlagen und einfach eines Tages sagen: Das geht nicht, da mache ich nicht mehr mit.

Nun kam ein anderes Haupt, ein ausgezeichneter Mensch. Ich kam damals mehrere Wochen nicht nach Stuttgart, kam dann wieder hin, hatte also mich darüber zu informieren, was geschehen war. Man wollte disponieren über weiteres. Da wurde eine Sitzung gehalten, ich wurde informiert über das, was geschehen war. Man teilte mir mit: Ja, wir sind jetzt so weit mit dem Anlegen einer Kartothek. Da haben wir kleinere Zettel, auf die schreiben wir die kleineren Zeitungsausschnitte, da kommt der Inhalt ungefähr rechts unten, und das wird dann in Stellagen gelegt. Dann gibt es größere Zettel, mit etwas dickerem Papier; da stehen dann die größeren Journalartikel. Dann wiederum gibt es Zettel von einem andern Format, dahin kommen die eingelaufenen Briefe. - Und so ging es fort. Viele Stunden wurde diese Anlegung der Kartothek geschildert und geschildert, wie seit vielen Wochen mit ungeheurer Opferwilligkeit und Hingabe gearbeitet wurde, um diese Kartothek anzulegen, und was da alles drinnen ist, wie da alles in absolutester Ordnung da drinnen ist. Nun hatte ich vor mir im Geiste das Bild dieser Kartothek, in allen möglichen Formaten die Zettel, alles in wunderbarster Weise registriert, was in der Anthroposophischen Gesellschaft geschehen war, was von den Gegnern aus geschehen war. Alles wunderbar registriert! Die Haufen dieser Zettel, die da übereinanderlagen, mußten ungeheuer groß sein. Und die Menschen, die dasaßen, die verschwanden ganz zu Gespenstern; sie waren gar nicht mehr da, nur eine Kartothek war da. Alles war registriert.

Ich sagte: Ja, meine lieben Freunde, habt Ihr auch zu dieser Kartothek Köpfe? Mich interessiert ja die ganze Kartothek nicht, sondern nur, was in Ihren Köpfen drinnen ist. - Nicht wahr, ich will das gar nicht tadeln, ich will es nur erzählen, denn diejenigen, die das gemacht hatten, seufzten unter ihrer ungeheuren Arbeitslast. Aber auf der andern Seite, bedenken Sie doch nur wiederum, wenn da die herzbegeisterte Jugend mit den umfassendsten Zukunftsidealen hereinkam und man erzählte ihr von einer Kartothek!-Ich sage gar nicht, daß die Kartothek unnötig ist, ich sage auch nicht, daß sie schlecht war, ich sage, sie war ausgezeichnet, war auch außerordentlich notwendig; aber so geht es doch nicht. Es brauchte Herzen, die den Herzen entgegenkamen.

Daraus nun ergaben sich eben allerlei Unmöglichkeiten. Diese Unmöglichkeiten und vieles andere, die führten zuletzt das herbei, daß eben daran gedacht werden mußte: Die Anthroposophische Gesellschaft braucht eine Reorganisation. Sie braucht die Möglichkeit, daß in ihr menschliche Individualitäten ganz in ihrer Eigenart und mit der Möglichkeit, sich ganz auszuleben, wirklich darinnen wirkten und auch eine Atmosphäre fänden, in der sie, sich fortbildend, atmen könnten. Es waren also ganz fundamentale Probleme, die da an die Anthroposophische Gesellschaft herantraten. Es war eine Revision aller ihrer Lebensbedingungen notwendig. Und daß sie in ganz eminentem Sinne solche Lebensbedingungen hat, das geht ja einfach daraus hervor, daß eben die Jugend herankam mit dem innerlich strotzenden Leben. Aber die Gegensätze wurden immer größer.

Nun waren aber natürlich auch unter den Älteren solche Leute, die sich nie bekümmert hatten um die Kartotheken - die Kartothek ist hier nur der Repräsentant für ein ganzes System -, die also zwar vielleicht sehr alt waren, aber sich nicht um das, was schon einmal eine Notwendigkeit geworden war, bekümmern wollten. Es waren durchaus solche Mitglieder, die vielleicht schon 1902 oder 1903 Mitglieder geworden waren, die aber, wenn sie auch sonst vielleicht sich von der Jugend vielfach unterschieden, auch nicht näher herangekommen waren an dasjenige, was, ich möchte sagen, die Historie der Anthroposophischen Gesellschaft ist.

Das war wirklich etwas außerordentlich Schwieriges, was da zunächst in den vorbereitenden Verhandlungen einem vor die Seele trat. Es konnte einen mit ganz unermeßlich großen Sorgen beladen. Nun, zunächst brauchen wir ja über die Verhandlungen nicht zu reden. Die Tagung der Delegierten, zu der aufgefordert worden war — diese Aufforderung war das Ergebnis der Verhandlungen -, fand also am letzten Sonntag in Stuttgart statt. Zunächst handelte es sich darum, daß jenes provisorische Führerkomitee, das sich aus allerlei Erwägungen aus dem alten Zentralvorstand heraus gebildet hatte, daß also das Neunerkomitee von sich aus über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen sollte, daß dann die ganze Gesellschaft innerhalb Deutschlands und Österreichs zu Worte kommen sollte durch ihre Delegierten. Nun rollte also die Sache ab. Da ich Ihnen ja nur eine kurze Skizze geben möchte von dem, was schließlich zu dem Ergebnis geführt hat, will ich nicht davon sprechen, daß es also wirklich «hagelte» von Geschäftsordnungsanträgen. Kaum war irgendein Geschäftsordnungsantrag erledigt und man fing wiederum an, sachlich zu sprechen, flugs flogen wiederum zwei, drei Geschäftsordnungsanträge auf den Präsidententisch. Es hagelte nur so; da kam man gar nicht zu Ende mit dem Besprechen dieser Geschäftsordnungsanträge. Aber davon will ich nicht sprechen. Ich will darauf hinweisen, daß wirklich Ausgezeichnetes geredet worden ist, wirklich Eindringliches, tief Anthroposophisches ist gesprochen worden. Wunderbare, herzhafte, tiefgründige Worte hat Albert Steffen gesprochen. In genialer Weise hat Werbeck die Kategorien der Gegner und ihre Beziehung zur anthroposophischen Bewegung und zur ganzen Zivilisation geschildert. Lebendig ist von Dr. Büchenbacher geschildert worden, wie so jemand, der 1917 oder 1918 oder 1919 oder 1920 oder 1923 in die Gesellschaft eingetreten ist, gefühlt hat, nach dem, was da ihm entgegengebracht worden ist. Daß nicht alles gut war und wie manches war, was dazwischen lag - nun, Sie wissen ja, darüber schweigt vielleicht besser des Sängers Höflichkeit. Aber es rollte also Ausgezeichnetes, Großartiges, neben, ich will sagen, anderem, ab. Und trotz alledem verging Sonntag, Montag, Dienstag, und man war am Dienstagabend so weit, daß man sagen konnte: Wenn das morgen — und morgen war der letzte Tag - so fortgeht, dann gehen die Delegierten wieder auseinander, wie sie zusammengetreten sind. Denn es war eigentlich nichts von dem zum Vorschein gekommen - natürlich vieles Anthroposophische, denn es war Ausgezeichnetes gesprochen worden -, was im Saale in den Menschen lebte, in den zahlreichen Menschen, die anwesend waren. Es waren doch alles Menschen, aber - nicht daß die Reden nicht von Wirklichem gehandelt hätten, die haben alle von Wirklichem gehandelt -, aber es lebte nicht Realität in der Verhandlung, es lebte nicht Wirklichkeit, es lebte Abstraktion. Also es war ein Schulbeispiel von einem abstrakten Leben. Und es war ein wirkliches Chaos am Dienstagabend. Man redete ganz aneinander vorbei.

Nun konnte ich da nicht anders als mich entschließen, im Anschlusse an den Vortrag, den ich am Dienstag zu halten hatte, selbst eine Art von Vorschlag zu machen aus dem, was da im Saale war - und es saß ja in gewissem Sinne die ganze deutsche und österreichische Anthroposophische Gesellschaft da -, aber nun mußte man aus dem, was da als Wirklichkeit saß, etwas herausbekommen, was die Kräfte zusammenfaßte. Ich hatte gerade am Dienstag über das Gemeinschaftsleben zu sprechen, denn das hatte sich als eine Notwendigkeit ergeben aus vielem, was gesagt worden war. Ich machte dann einen Vorschlag, ich sagte: Man sehe ja, daß man hier aneinander vorbeiredet, daß dasjenige, was man redet, nicht dazu führt, daß nun die Wirklichkeit wirklich herauskommt an die Oberfläche. Wenn man von allem übrigen absieht, so hat man hier zwei Typen von Empfindungsweisen, Anschauungsweisen, Meinungen. Der eine ist die alte Anthroposophische Gesellschaft mit dem Komitee, das sich herausgebildet hat; der andere besteht aus Leuten, die im Grunde genommen alle gar kein Interesse an dem haben, was vertreten wird innerhalb des Verhältnisses zwischen diesem Komitee und der Anthroposophischen Gesellschaft, so will ich es genauer ausdrücken: lauter Leuten, die nicht das geringste Interesse an dem hatten, was das Komitee zum Beispiel zu sagen hatte, die aber ausgezeichnete Anthroposophen waren. Man kann sich eigentlich nichts Schöneres denken als das, was gerade bei dieser Stuttgarter Verhandlung aus der Jugend herausgekommen ist: Ein wunderbar, energisch Schönes. Großartig lebte sich die Seele der Jugend dar, mit einem stürmischen Drang, in das anthroposophische Leben hineinzukommen aber auch nichts von Interesse für das, was sich nun da in der Anthroposophischen Gesellschaft als Gesellschaft zeigte, was sich da geltend machte.

An solch eine Erscheinung muß man glauben. Man muß sehen lernen eine solche Erscheinung. Man muß nicht blind sein. Man muß sich nicht die Augen verbinden vor dem, was real ist. Und so konnte ich nichts anderes sagen als: Da diese zwei Typen von Menschen hier vereint sind, ist ja jedes Reden über Verständigung, im abstrakten Sinne, unwahr. Die alte Anthroposophische Gesellschaft kann nicht anders sein, als sie ist; die andern können auch nicht anders sein, als sie sind. Daher wird die Anthroposophische Gesellschaft als Ganzes am besten weiterbestehen, wenn jeder seinen Weg geht: auf der einen Seite die alte Aristokratie — nein, also die Mitglieder der älteren Anthroposophischen Gesellschaft mit der Historie auf den Schultern und Rücken; auf der andern Seite die anstürmenden alten und jungen Leute. Nun gibt es einen alten Entwurf einer Verfassung der Anthroposophischen Gesellschaft. Was da drinnen steht, kann man beiden Parteien empfehlen! Jede kann wörtlich das ausführen, was da drinnen steht, aber jede wird etwas ganz anderes dabei herausbekommen. So ist es eben im Leben. In der Theorie ist es anders, aber so ist es im Leben.

Und so schlug ich vor: Die alte Anthroposophische Gesellschaft bleibt mit ihrem Neunerkomitee. Das charakterisierte ich so, daß ich sagte: Es sind darinnen die prominenten Persönlichkeiten von Stuttgart, die ausgezeichnet ihre einzelnen Unternehmungen leiten, furchtbar viel Arbeit leisten, eigentlich sogar in den Verhandlungen am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch als wesentliches Charakteristikon zeigten, daß sie von den vorhergehenden Anstrengungen müde Leute waren. Ich sagte: Wenn ich nach Stuttgart komme und irgend etwas soll gemacht werden - so war es, sagte ich, in den letzten Jahren -, brauche ich nur auf einen Knopf zu drücken. Ein feines Verständnis haben diese führenden Persönlichkeiten in Stuttgart, sie verstehen gleich alles, man braucht nicht viel zu reden. Würde man über alles furchtbar viel reden müssen, man könnte ja nicht die Zeit aufbringen; aber sie verstehen gleich alles. Es ist ihnen absolut alles klar, man braucht nur etwas anzuschlagen. Aber sie tun es meistens nicht. Dann sind die andern, das ist die andere Partei: voller anthroposophischer Seelenhaftigkeit, ganz bei der Anthroposophie dabei. Ich kann auch zu den führenden Persönlichkeiten dieser Partei sprechen: Sie verstehen zunächst nichts von dem, was ich sage, aber sie tun gleich alles.

Ja, da ist ein großer Unterschied, da ist ein gewaltiger Unterschied: die einen verstehen furchtbar leicht und tun nichts; die andern verstehen zunächst nichts, versprechen nur, alles zu verstehen, haben innere Kraft, Gefühl, Empfindung; aber sie tun gleich alles. Es wird alles getan, was nicht verstanden ist. Ja, da muß man zwei besonders geartete Zweige der Gesellschaft machen, wenn diese Gesellschaft eine Einheit bleiben soll; da darf die eine Partei die andere niemals beirren. Da ist die Partei, wie soll ich es nennen, nun, Ausdrücke muß man haben, Sie wissen, es handelt sich um nichts anderes als um eine Terminologie: die Partei der Gebundenheit, der Tradition, der festumrissenen — es muß ja nicht immer ein physischer Zettelkatalog sein - Glieder der Kartothek, auf den kurulischen Stühlen. Man ist da etwas: Präsident, Vizepräsident und so weiter, und man verwaltet die Gesellschaft. Man sitzt da und man geht so mit Systematik vor. Dort drüben sieht mich eben ein Herr an, der mich unterrichten konnte in den letzten Tagen, bevor ich abgereist bin, wozu manchmal solche Systematik führt. Da wurde herausgeschickt zum Beispiel eine Gutschrift für 21 Mark, glaube ich; der Brief mußte rekommandiert werden mit 150 Mark! Das ist alles ganz in der Ordnung, wenn man heute ins Ausland einen Brief schickt, kostet er 150 Mark. Wenn man also jemand schreiben will: Wir haben dir in die richtige Rubrik unseres Kassabuches diese 21 Mark eingeschrieben -, so gibt man dafür 150 Mark aus, um die Sache richtig hineinzufügen. So geht es eben heute, wenn sich die Sachen nach A, B, C gliedern. Also da ist die Partei der Gebundenheit, die alte Anthroposophische Gesellschaft. Man kann in ihr ein gutes Mitglied sein. Dann ist die freie Vereinigung von Leuten, die auf all das nichts geben, die ganz nur aus dem Menschlichen heraus eine lose Vereinigung haben wollen. Diese zwei Strömungen, die sollen jetzt da sein.

Ich habe das zunächst rein fadengezeichnet, also angedeutet. Es ist gleich eine Rede geredet worden am selben Abend, daß es ja das Furchtbarste sei, wenn dies nun geschehen müßte, denn die Gesellschaft würde in zwei Teile gespalten werden und so weiter. Aber so war eben die Wirklichkeit! Wenn man irgend etwas tun wollte, nicht nach dem, was sich die Leute dachten — denn das, was der Mensch denkt, ist ja in der Regel nicht so bedeutend als das, was er ist -, sondern nach dem, was da war, dann mußte man das eben so machen. Das war der Ausdruck für das Wirkliche, was da war. Wie gesagt, es wurde gleich eine Rede darüber gehalten, was für eine schreckliche Konsequenz es wäre, wenn das notwendig würde und so fort.

Auch äußerlich, räumlich-physisch hatte sich ein Chaos ergeben, überall gab es Gruppen, man kam nirgends durch, überall wurde man aufgehalten, überall sollte gesagt werden, wie das oder jenes gemeint war. Es war das innere Chaos nun auch ein äußeres Chaos an jenem Dienstag, als man nach elf Uhr das Versammlungslokal verlassen wollte. Ich kam dann nach Hause, man war wirklich etwas müde. Da, um zwölf Uhr holte man mich. Ich war noch nicht ganz zum Antritt des Schlafens bereit, noch nicht ganz, aber man holte mich: Unten in der Landhausstraße wäre eine Versammlung. Ich wurde noch auf dem Wege von der zweiten Etage nach der ersten Etage aufgehalten in einer Zwischenversammlung, dann kam ich so ungefähr um dreiviertel ein Uhr in der Nacht in diese Versammlung. Da ergab sich aber sofort: die Sache war doch verstanden, war ganz richtig verstanden worden. Man konnte sich über die Details wirklich sehr gut unterhalten; es war klar geworden, daß da etwas werden könnte, wenn man es in dieser Weise machte.

Da waren Zweifel geäußert worden - es ist ja natürlich, daß sich solche Zweifel äußerten -, da ist zum Beispiel gesagt worden: Ja, aber es gibt doch Persönlichkeiten, die sympathisieren mit der Jugend, die möchten alles dasjenige, was zum Beispiel die Jugend will, aber auf der andern Seite sind sie doch historisch in die alte Gesellschaft hineingestellt. Sie haben sogar ihre Posten in der alten gebundenen Gesellschaft, da wollen sie doch weiter arbeiten.

Ich sagte: Das löst sich sehr leicht. Da braucht man nur dafür zu sorgen, wenn sie in beide Zweige eintreten, daß sie nur einmal den Mitgliedsbeitrag bezahlen. Es ist nur ein technischer Modus zu finden. Es kann sich ja gar nicht handeln darum, daß man deswegen, weil man in dem einen ist, bei dem andern ausgeschlossen ist. Es muß nur die Möglichkeit vorhanden sein, daß die Realitäten zum Vorschein kommen. — Ich sagte, auch in den Institutionen ist durchaus die Möglichkeit vorhanden, daß beiden Richtungen Rechnung getragen wird. Ich kann mir zum Beispiel die Möglichkeit vorstellen: Da ist ein Waldorflehrer, der neigt zu der losen Vereinigung, dann ist er dort; der andere [Waldorflehrer] neigt zu der Gruppe der Gebundenen, der tritt also dort ein. In der Waldorfschule wirken sie selbstverständlich harmonisch zusammen.

Gestern trat noch der Zweifel auf, wie es nun in dem oder jenem Zweige ist. Ich sagte: Warum sollen nicht im Zweige auch nebeneinander sitzen die Gebundenen und Nichtgebundenen? Aber da muß die Möglichkeit sein des Auslebens der inneren Realität, die überall vorhanden ist. Wenn etwas aus der Realität heraus gedacht ist, so läßt es sich ja überall durchführen, und es wird dadurch erst die Einheit gebildet. Es hat sogar nur bis ein Viertel nach zwei Uhr gedauert am Morgen, da war es nun der Jugend wesentlich klar geworden - aber es waren weißhaarige Jünglinge auch da, die schon eine ganze Anzahl von Dezennien hinter sich hatten —, da war es dann dieser Jugend in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch klar geworden: die Sache geht.

Nun wurde der Mittwoch gewidmet der Auseinandersetzung über diese Intentionen. Und so hat sich dann am Mittwoch abend - ich will das jetzt resümieren, will dann noch einiges ergänzen zu dem, was ich als Bericht gebe — herausgebildet eine Realisierung dieser Idee. Da ist nun die alte Anthroposophische Gesellschaft mit dem Neunerkomitee, das ich Ihnen ja schon neulich angeführt habe, und da ist die andere, die losere, die freiere Anthroposophische Gesellschaft, die vorzugsweise darauf hinstrebt, Anthroposophie vor die Welt zu tragen, die danach strebt, das innerlich menschliche Leben zu vertiefen. Ich werde Ihnen morgen und übermorgen die wesentlichsten Inhalte meiner beiden Vorträge, die ich in Stuttgart gehalten habe, wiedergeben; die hängen innig zusammen mit dem Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft; denn der erste Vortrag handelte über die Bedingungen der Gemeinschaftsbildung, und der zweite Vortrag handelte über die Gründe, warum in Gesellschaften, die für die Brüderlichkeit begründet werden, so viel gestritten wird.

Für diese freiere Vereinigung hat sich dann zunächst ein Komitee gebildet — nicht wahr, da bedeutet der Name natürlich die Freiheit — aus Herrn Lehrs, Fräulein Dr. Röschl, Herrn Maikowski, Dr. Büchenbacher, Herrn Rath, Herrn von Grone, dem Rektor Bartsch aus Breslau und Herrn Schröder. Sie sehen, es sind nicht alle ganz jung, es sind ganz würdige Leute mit Patriarchenbärten dabei. Also es ist nicht etwa bloß jugendlicher Radikalismus da vertreten, aber er wird voll zur Geltung kommen können.

Ja, und so wäre nun die Sache! Es handelt sich nur darum, daß sie in der richtigen Weise gehandhabt wird. Diese losere Vereinigung hat sich dann namentlich auch die Aufgabe gesetzt, engere Gemeinschaften zu bilden, gewissermaßen für die Arbeit der Anthroposophie im Großen exoterisch zu arbeiten und esoterisch zu arbeiten im kleinen für Gemeinschaften, die weniger durch eine schematische Organisation als durch eine Art inneren Karmas zusammengehalten werden. Also wie gesagt, das waren die beiden Gruppen. Ich werde morgen und übermorgen noch davon sprechen. Das also ist doch notwendig geworden! Das Lebendige läßt sich nicht in der alten Form, in der alten Schablone erhalten. Man muß mit den Einrichtungen durchaus einem Lebendigen nachkommen.

Sie wissen, ich habe, als ich von hier nach Stuttgart fortgegangen bin, gesagt: Eigentlich ist das ganze Problem der Anthroposophischen Gesellschaft ein Schneiderproblem. Die Anthroposophie ist eben gewachsen, und der Anzug, die Anthroposophische Gesellschaft - denn sie ist allmählich zum Anzug geworden - ist zu klein geworden: da geht der Rock nicht einmal bis zu den Ellenbogen und die Beinkleider nicht bis zu den Knien. Nun, ich will das nicht weiter ausführen; die Sache schaute eben grotesk aus, und das wurde bemerkt von denjenigen, die in der letzteren Zeit mit vollem Herzen hereinkamen.

Nun wird es sich darum handeln, ob dieser Versuch, nicht das alte Kleid auseinanderzuziehen, denn da würde es ja reißen, sondern ein neues Kleid, aber mit etwas größerer Zweckmäßigkeit zu machen, ob das eben gelingt. Innerlich hat es durchaus die Fähigkeit zu gelingen. Es wird sich darum handeln, ob die Menschen die Kräfte finden werden, in dieser Weise nun zu arbeiten. Geradeso wie im Leben alles anders möglich ist als in der Theorie, so ist es eben auch hier so: Es handelt sich wirklich darum, daß etwas Lebensfähiges geschaffen wird. Da haben Sie den Herrn von Grong; er ist Mitglied sowohl des einen Komitees der gebundenen Leute wie auch des freien Komitees der freien Leute, er ist in beiden Komitees drinnen. Und so wird es am besten gehen, wenn man jeden in seiner Art sein läßt, entweder einen Patriarchen oder einen jugendlich begeisterten Menschen, und wenn einer alles beides zugleich sein will, warum soll einer nicht auch ein Geschöpf mit zwei Köpfen sein können? Es ist also durchaus notwendig, daß wirklich sich die Kräfte in freier Weise entfalten. Manches geht ja natürlich nicht. Es wurde mir zum Beispiel erzählt, daß in einem der Zweige der Vorsitzende einmal die Überraschung erlebt hat, daß das Wort begehrt worden ist, und während der eine nun eine flammende Rede gehalten hat, hat ein anderer immer dazwischengeredet. Da sagte der Vorsitzende: Ja aber, liebe Freunde, das geht doch nicht! - Warum soll das nicht gehen? — war die Antwort. Wir wollen doch nach der Freiheitsphilosophie leben, da kann man sich doch nicht die Freiheit einschränken lassen, daß immer nur einer redet! Warum sollen da nicht mehrere zu gleicher Zeit reden? — Nun, nicht wahr, manche Sachen gehen eben nicht, aber manche Sachen werden auch nicht immer gerade verlangt.

Ich meinerseits bin nun vollständig überzeugt, daß es nun wiederum eine Weile gehen wird. Nicht immer; man kann nichts für die Ewigkeit begründen. Wir werden schon in einiger Zeit vor die Notwendigkeit gestellt werden, wiederum das, was anthroposophischer Organismus ist, mit neuen Kleidern zu versehen. Aber dieses Schicksal hat man ja als Mensch auch: man kann nicht immer dieselben Kleider anhaben. Und jede Organisation ist ja schließlich doch für das, was lebt, ein Kleid. Warum sollte man just in einem sozial organischen Gebilde für die Ewigkeit arbeiten wollen! Was leben will, muß sich wandeln, und eigentlich ist nur, was sich wandelt, lebensvoll. Daher müssen wir gerade für das, was im eminentesten Sinne lebensvoll sein soll, für die anthroposophische Bewegung eine Organisation haben, die eben auch lebt. Natürlich können wir uns nicht jeden Tag mit einer Reorganisation befassen, aber alle paar Jahre wird es schon notwendig sein! Sonst werden die Stühle, auf denen die führenden Persönlichkeiten sitzen, eben gerade dadurch zu kurulischen. Wenn auf der einen Seite die besondere Spezialität eintritt des Ruhens auf den kurulischen Stühlen, dann juckt es die andern, die nicht darauf sitzen. Und so müssen wir schon die Möglichkeit finden, daß es auch die auf den kurulischen Stühlen juckt! Also wir müssen eben anfangen, die Stühle ein bißchen zu schütteln. Aber wenn man die richtigen Einrichtungen trifft, so kann das alles auf die beste Art von der Welt gehen.

Meine lieben Freunde, ich wollte Ihnen einen Bericht geben. Es ist mir gar nicht spaßhaft gewesen, aber manches nimmt sich eben so aus, daß man nur mit Worten, die ein bißchen humoristisch klingen, gerade das Reale schildern kann.

German original of Lecture VIII · ← Previous · Next →