Awakening to Community

GA 257 — 3 March 1923, Dornach

Neunter Vortrag

Gestern habe ich mich bemüht, Ihnen eine Art Bericht zu’ geben über dasjenige, was in Stuttgart vorgefallen ist, und ich sagte dann, daß ich im wesentlichen den Inhalt der Vorträge andeuten möchte, die ich dort zu halten hatte. Ich werde also zunächst diesen Inhalt der Vorträge heute hier angeben und werde dann morgen versuchen, noch einiges in Anknüpfung an das gestern Ausgeführte zu sagen.

Der erste Vortrag am Dienstag hat sich ergeben aus einem ganz bestimmten Bedürfnisse heraus, das sich im Laufe der Ihnen ja, ich möchte sagen, wenigstens stimmungsgemäß geschilderten Diskussion am Sonntag, Montag und Dienstag, also aus einem Bedürfnis heraus, das sich aus diesen Diskussionen gebildet hatte, klar gezeigt hat. Es war das Bedürfnis, das Wesen der Gemeinschaftsbildung zu betrachten. Dieses Bilden von Menschengemeinschaften durch die anthroposophische Sache, das ist ja etwas, was in der letzten Zeit innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft eine große Rolle gespielt hat. Namentlich die Jugend, aber auch andere Menschen, ältere Menschen kamen in die Anthroposophische Gesellschaft herein mit der ausgesprochenen Sehnsucht, innerhalb dieser Gesellschaft andern Menschen zu begegnen, mit denen zusammen sie gewissermaßen dasjenige finden könnten, was in der heutigen sozialen Ordnung das Leben dem einzelnen nicht geben kann. Es ist damit ja hingewiesen auf eine durchaus begreifliche Sehnsucht vieler Menschen in unserer Zeit.

Durch das Heraufkommen des Bewußtseinszeitalters liegt ja die Sache so, daß die alten sozialen Bindungen den rein menschlichen Gehalt und die rein menschliche Kraft verloren haben. Der Mensch wuchs ja immer in eine gewisse Gemeinschaft hinein. Er wuchs nicht zum Lebenseinsiedler heran, sondern er wuchs in eine bestimmte Gemeinschaft hinein. Er wuchs in die Familiengemeinschaft, in die Berufsgemeinschaft, in die Standesgemeinschaft, in der letzten Zeit in dasjenige hinein, was man die Klassengemeinschaft nennt und so weiter. Diese Gemeinschaften haben immer etwas für den Menschen getragen, was er als einzelner nicht tragen kann. Eine der stärksten Bindungen von Menschen im sozialen Leben untereinander hat ja in der neuesten Zeit die Klassengemeinschaft abgegeben.

Es entstanden aus den alten gesellschaftlichen Formationen heraus, aus Standesgemeinschaften, Volksgemeinschaften, sogar aus Rassengemeinschaften, die Klassengemeinschaften. Und es ist in der letzten Zeit ja so geworden, daß ein gewisser Zusammenhalt da war in den sogenannten höheren Ständen, denen des Adels, in dem Bürgerstande und dann im Proletarierstande. So entstanden Klassengemeinschaften, die sich hinübererstreckt haben über Volkstümer, sogar über Rasseneigentümlichkeiten und so weiter. Und vieles von dem, was heute vorhanden ist im ganz internationalen sozialen Leben, ist zurückzuführen auf solche Klassengemeinschaften.

Nun aber ist ja das Zeitalter der Bewußtseinsseele, das ja schon seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts sich immer mehr und mehr angekündigt hat, in der neuesten Zeit mit einer gewissen Vehemenz, mit einer inneren Stärke aus den Menschenseelen heraus zur Offenbarung gekommen. Die Menschen fühlen doch: auch innerhalb von Klassengemeinschaften können sie nicht mehr zu dem kommen, was sie über das einzelne Individuelle hinaustragen soll. Der Mensch fühlt sich heute auf der einen Seite stark als eine Individualität, und er möchte zurückweisen dasjenige, was ihm sein individuelles Fühlen, Empfinden, sein individuelles Denken irgendwie beeinträchtigt. Er möchte eine Persönlichkeit sein. Und das rührt ja aus gewissen elementarischen Untergründen her. Es steckt in den Seelen der Menschen, wenn ich mich des Ausdruckes, dessen ich mich auch gestern bedient habe, noch einmal bedienen darf, seit dem Ablauf des Kali Yuga, also seit dem Beginne unseres Jahrhunderts, wenn auch noch so unklar, heute etwas, das sich ausdrückt in den Worten: Ich möchte eine in mir selbst geschlossene Persönlichkeit sein. - Gewiß, viele wissen sich das nicht zu formulieren. Es kündigt sich dann an in allerlei Unzufriedenheiten, in allerlei Haltlosigkeiten des Seelenlebens, aber es ist doch dieses: eine Persönlichkeit, eine geschlossene Persönlichkeit sein zu wollen.

Aber nun kann der Mensch einmal im irdischen Leben nicht ohne die andern Menschen auskommen. Die historischen Bindungen geben nicht das her, auch die proletarische Klassengemeinschaft zum Beispiel nicht, was zu gleicher Zeit dem Drang nach Persönlichkeit Rechnung trägt, und auf der andern Seite doch wiederum Menschen an Menschen schließt. Der Mensch möchte sich heute durch das rein Menschliche an das rein Menschliche des andern anschließen. Er möchte gewissermaßen zwar soziale Bindungen haben, aber sie sollen solchen individuellen Charakter tragen, wie etwa persönliche Freundschaften.

Und unendlich vieles, was heute im Leben zwischen Menschen spielt, ist ein Drängen nach solchen Menschengemeinschaften. Dieses Drängen nach solchen Menschengemeinschaften trat besonders stark zutage, als einige jüngere Persönlichkeiten vor einiger Zeit an mich herankamen mit der Tendenz, eine Art Erneuerung des Christentums herbeizuführen, wobei sie glaubten, daß diese Erneuerung des Christentums nur herbeigeführt werden könne durch das Verlebendigen des Christus-Impulses auf die Art, wie es aus der Anthroposophie heraus möglich ist. Aus dieser Sehnsucht von jüngeren Theologen, die zum Teil eben in der Vollendung ihres theologischen Studiums waren, also vor der Aufgabe standen, den Seelsorgerberuf zu übernehmen, oder die noch in dem theologischen Studium standen, aus dieser Sehnsucht heraus ist dann dasjenige entstanden, was, ich möchte sagen, eingetreten ist als die jüngste Begründung durch unsere Anthroposophische Gesellschaft, die «Bewegung für religiöse Erneuerung».

Nun war natürlich für diese Bewegung für religiöse Erneuerung so mancherlei zu tun. Vor allen Dingen handelte es sich darum, in der Weise, wie das heute sein kann, den Christus-Impuls zu verlebendigen. Dazu war notwendig, ganz ernst zu machen mit dem, was ich ja oftmals betont habe, daß der Christus nicht nur im Ausgangspunkt der christlichen Entwickelung zu den Menschenseelen gesprochen hat, sondern daß er wahr gemacht hat dasjenige, was in dem Worte liegt: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten», das heißt, daß er jedesmal gehört werden kann, wenn eine Seele ihn hören will, daß also eine fortwährende Christus-Offenbarung stattfindet. Also von den aufgeschriebenen Evangelienoffenbarungen mußte zu den unmittelbar lebendigen Offenbarungen des Christus-Impulses geschritten werden. Das war ja die eine Seite der Aufgaben für die religiöse Erneuerung.

Die andere Seite war aber diejenige, die ich sogleich bezeichnen mußte dadurch, daß ich sagte: Aber eine religiöse Erneuerung muß herbeiführen Gemeindebildungen, religiöse Gemeindebildungen. Der Mensch kann seine Erkenntnis als einzelner pflegen, wenn er sie erst durch die Gemeinschaft erhalten hat. Aber jenes unmittelbare, nicht so sehr denkerische als empfindungsgemäße Erleben der geistigen Welt, das als Religiöses bezeichnet werden kann, das Erleben der geistigen Welt als einer göttlichen, das kann nur sich ausleben im Gemeinschaftbilden. Und so, sagte ich, muß eine Gesundung des religiösen Lebens durch eine gesunde Gemeinschaftsbildung entstehen.

Es waren ja zunächst evangelische theologische Persönlichkeiten, die diese Bewegung für religiöse Erneuerung unternahmen. Sie konnte man darauf hinweisen, wie gerade die evangelischen Bekenntnisse in der neueren Zeit immer mehr und mehr hingeneigt haben zur besonderen Betonung des Predigthaften und abgekommen waren von dem Kultusartigen. Aber die Predigt atomisiert die Gemeinschaften. Die Predigt, durch die ja die Erkenntnis von der göttlichen Welt durchdringen soll, fordert die einzelnen Seelen dazu auf, sich ihre eigene Meinung zu bilden, was sich ja ausgedrückt hat dadurch, daß das Credo, das Glaubensbekenntnis, am meisten angefochten worden ist in der neueren Zeit, daß gewissermaßen jeder sein eigenes Glaubensbekenntnis haben wollte. Ein Atomisieren, ein Zersprengen der Gemeinde und ein Hinlenken des Religiösen auf die einzelne Persönlichkeit ist eingetreten.

Das würde aber nach und nach überhaupt zur Auflösung der sozialen Ordnung nach dem Seelischen hin führen, wenn nicht die Möglichkeit einer wirklichen Gemeindebildung wieder da wäre. Aber die wirkliche Gemeindebildung, sagte ich, ist nur in einem Kultus gegeben, der nun wirklich aus den heutigen Offenbarungen der geistigen Welt heraus gewonnen wird. Und so ist denn jener Kultus auch eingezogen in die Bewegung für religiöse Erneuerung, der innerhalb derselben nun eben da ist. Dieser Kultus berücksichtigt durchaus die historische Entwickelung der Menschheit, trägt daher in vielen seiner Einzelheiten und auch in vielem, was in seiner Totalität auftritt, eine Fortführung des Historischen in sich. Aber er trägt überall auch die Einschläge desjenigen, was sich erst heute dem übersinnlichen Bewußtsein aus der geistigen Welt offenbaren kann.

Kultus bindet die Menschen, die im Kultus sich vereinigen, aneinander. Kultus schafft Gemeinden. Und Dr. Rittelmeyer hat im Verlaufe der Diskussionen ganz mit Recht gesagt: der Anthroposophischen Gesellschaft erwächst in der Bewegung für religiöse Erneuerung gerade durch das gemeindebildende Element des Kultus eine gewisse starke, vielleicht die stärkste Gefahr. Auf was hat er damit hingedeutet? Er hat damit auf das hingedeutet, daß ja heute viele Menschen doch, wie ich schon vorhin sagte, an die Anthroposophische Gesellschaft herankommen mit der Tendenz, den Anschluß an andere Menschen im Sinne einer solchen freien Gemeinschaftsbildung zu finden, daß mit der religiösen Färbung durch den Kultus dieses Gemeinschaftsleben gefunden wird, daß daher diejenigen Menschen, welche diese Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsleben haben, sie zunächst befriedigen werden innerhalb der Bewegung für religiöse Erneuerung. Und die Anthroposophische Gesellschaft müßte daher, wenn sie da nicht einer Gefahr entgegengehen will, danach trachten, auch ein gemeinschaftsbildendes Element zu pflegen.

Nun, damit warhingewiesen auf etwas, was gerade durch die neueste Phase unserer Anthroposophischen Gesellschaft von einer ganz besonderen Bedeutung ist. Es war hingewiesen darauf, daß erkannt werden muß von den Anthroposophen das Wesen der Gemeinschaftsbildung. Die Frage muß beantwortet werden: Ist diese Gemeinschaftsbildung, die in der religiösen Erneuerung auftritt, die einzig mögliche in der Gegenwart, oder findet sich auch eine andere Möglichkeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft für die Gemeinschaftsbildung? Diese Frage kann natürlich nur beantwortet werden, wenn man das Wesen der Gemeinschaftsbildung etwas ins Auge faßt. Es ist aber im Menschen der Gegenwart nicht bloß jene Tendenz zur Gemeindebildung vorhanden - sie ist stark vorhanden, aber nicht bloß vorhanden -, die durch den Kultus befriedigt werden kann, sondern es ist noch eine andere Art von Sehnsucht nach Gemeinschaftsbildung vorhanden. Und so kann es ganz gut sein, daß diesen zwei Arten von Sehnsucht nach Gemeinschaftsbildung, die in jedem Menschen heute vorhanden sind, für jeden einzelnen Menschen Rechnung getragen werden kann, so daß nicht nur in der Bewegung für religiöse Erneuerung ein gemeinschaftsbildendes Element vorhanden ist, sondern auch in der Anthroposophischen Gesellschaft.

Man muß natürlich, wenn man über solche Dinge spricht, diese in Ideen kleiden. Aber dasjenige, was ich nun in Ideen entwickeln werde, ist eigentlich im gefühlsmäßigen Erleben der heutigen Menschheit vorhanden. Man macht sich nur die Dinge dadurch klar, daß man sie in Ideen gibt; aber das, was ich jetzt ausdrücken will, ist etwas durchaus im heutigen Menschen eben gefühlsmäßig Vorhandenes.

Die erste Art der Gemeinschaftsbildung, die, ich möchte sagen, gleich bei unserer Lebensanfängerschaft auf der Erde an uns herantritt, die ja eine selbstverständliche ist, über die gewöhnlich nicht sehr nachgesonnen und nachempfunden wird, das ist jene Gemeinschaftsbildung, die durch die Sprache gegeben ist. Wir lernen als Kind die Sprache. Und ein besonders stark gemeinschaftsbildendes Element ist ja durch die Muttersprache gegeben aus dem Grunde, weil die Muttersprache an das Kind herantritt und vom Kinde aufgenommen wird in der Zeit, in der der Ätherleib noch ganz und gar ungeschieden und undifferenziert in der übrigen Organisation darinnensteckt. Dadurch verwächst die Muttersprache ganz intensiv mit dem ganzen Wesen des Menschen. Diese Sprache ist aber etwas, was als ein Gemeinsames über Menschengruppen sich ausbreitet. Die Menschen finden sich zusammen in der gemeinschaftlichen Sprache. Und wenn Sie sich daran erinnern, was ich ja öfter hier ausgesprochen habe, daß in der Sprache tatsächlich ein Geistiges verkörpert ist, daß der Sprachgenius nicht bloß die Abstraktion der heutigen Gelehrten, sondern ein wirkliches geistiges Wesen ist, so werden Sie eben empfinden, wie die Gemeinschaft der Sprache darauf beruht, daß diejenigen, die in der gleichen Sprache sich verständigen, in ihrem Kreise, zu dem sie zusammengekommen sind, die Wirksamkeit des realen Sprachgenius fühlen. Sie fühlen sich gewissermaßen unter den Flügeln einer wirklichen geistigen Wesenheit. Und das ist bei aller Gemeinschaftsbildung der Fall.

Jede Gemeinschaftsbildung läuft darauf hinaus, daß unter denjenigen, die sich zur Gemeinschaft zusammenschließen, ein höheres Geistig-Wesenhaftes waltet, das gewissermaßen aus geistigen Welten heruntersteigt und die Menschen zusammenbindet. Aber wir können ja, ich möchte sagen singulär, im einzelnen noch anderes finden, was im eminentesten Sinne wie ein gemeinschaftsbildendes Element auftreten kann unter einer Anzahl von Menschen. Die gemeinsame Sprache, sie bindet die Menschen, weil, was der eine sagt, in dem andern leben kann, weil also gleichzeitig ein Gemeinsames in mehreren Menschen leben kann. Aber stellen wir uns einmal folgendes vor: Eine Anzahl von Menschen, die gemeinsam ihre Kindheit und erste Schulzeit verlebt haben, finden sich durch irgendwelche Veranlassung — so etwas könnte ja eintreten, ist auch oftmals eingetreten und herbeigeführt worden - nach dreißig Jahren wieder zusammen. Sie kommen dazu, nun als ein kleines Häuflein vierzig- bis fünfzigjähriger Menschen, innerhalb dessen jeder einzelne die Kindheit mit dem andern in der Schule, in derselben Gegend verlebt hat, von dem zu sprechen, was sie in ihrer Kindheit und Jugend miteinander erlebt haben. Da lebt in ihnen etwas ganz Besonderes auf, etwas, was noch in diesem Augenblicke eine ganz andere Gemeinschaft ist als bloß die durch die Sprache herbeigeführte. Wenn eine Menschengruppe, welche die gleiche Sprache spricht, nun während des Beisammenseins eben in dem durch die Sprache herbeigeführten Verständnis der Seelen sich zuammenfindet, so ist dieses Zusammenfinden doch etwas verhältnismäßig Oberflächliches gegenüber dem andern, das eintritt, wenn man tief innen im Seelenzentrum dadurch gepackt wird, daß man in gemeinsamen Erinnerungen lebt. Jedes Wort bekommt sein besonderes Kolorit, seine besondere Färbung dadurch, daß es hinweist auf gemeinsam verlebte Kindheit, gemeinsam verlebte Jugend. Es geht dasjenige, was da für die Augenblicke einer solchen Zusammengehörigkeit Mensch an Mensch bindet, tiefer in das Seelische hinein. Man fühlt sich mit tieferen Organen an dasjenige gebunden, mit dem man da zusammen ist.

Und in was ist man zusammen? In Erinnerungen ist man zusammen, in demjenigen, was vor Zeiten gemeinschaftlich erlebt worden ist. In eine Welt fühlt man sich hineinversetzt, die jetzt nicht mehr da ist, in der man gemeinschaftlich gelebt hat mit jenen andern, mit denen man jetzt beisammen ist. Das gilt für irdische Verhältnisse, es soll nur veranschaulichen. Aber es veranschaulicht eben gerade das Wesen des Kultus, denn was wird denn angestrebt beim Kultus? Der Kultus, ob er nun durch Worte, ob er durch Handlungen sich offenbart, gibt in der sinnlich-physischen Welt etwas wieder, was in ganz anderem Sinne als dasjenige, was wir in der äußeren natürlichen Umgebung haben, unmittelbar Abbild der geistigen Welt, der übersinnlichen Welt ist. Gewiß, jede Pflanze, jeder Vorgang in der äußeren Natur ist Abbild eines Geistigen, aber nicht so unmittelbar wie dasjenige, was man in einer Kultzeremonie oder in einem Kultworte, das in der richtigen Weise ausgesprochen wird, offenbart. Da ist die übersinnliche Welt unmittelbar in Wort oder Handlung hineingelegt. Darin besteht ja der Kultus, daß in der sinnlichen Welt Worte so gesprochen werden, daß die übersinnliche Welt unmittelbar in ihrer Wesenhaftigkeit anwesend ist, Handlungen so vollzogen werden, daß in diesen Handlungen die Kräfte der übersinnlichen Welt anwesend sind. Eine Kultzeremonie ist ja eine solche, wo etwas geschieht, was nicht bloß das bedeutet, was da zelebriert wird, wenn man es äußerlich mit den Augen anschaut, sondern es geht durch die gewöhnlichen physischen Kräfte etwas, was eben geistige Kräfte, übersinnliche Kräfte sind. Ein übersinnliches Geschehen vollzieht sich im sinnlichen Abbilde.

Der Mensch ist also im sinnlichen Sprechen und im sinnlichen Handeln unmittelbar mit der geistigen Welt vereint. Es ist im richtigen Kultus so, daß die Welt, die gewissermaßen da in das Sinnliche hereingebracht wird in Wort und Handlung, derjenigen entspricht, aus der wir Menschen aus unserem vorirdischen Leben heruntergezogen sind. Wie sich, wenn drei, vier, fünf Menschen im vierzigsten, fünfzigsten Lebensjahre zusammenkommen, welche die Kindheit zusammen erlebt haben, diese versetzt fühlen in die Welt, in der sie als Kinder zusammen waren, so fühlt sich derjenige, der einen richtigen Kultus mit den andern zusammen mitmacht — er weiß es nicht, es bleibt im Unterbewußten, aber dadurch lebt es sich um so mehr in das Fühlen und Empfinden ein -, versetzt in die Welt, in der sie ja gemeinsam waren, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen sind. Denn so wird der Kultus gebildet. Der Kultus wird so gebildet, daß der Mensch im Kultus richtig etwas erlebt, was durchaus Erinnerung ist, Bild von dem ist, was er im vorirdischen Dasein, also bevor er zur Erde heruntergestiegen ist, erlebt hat, Und so fühlen diejenigen, die zu einer Kultgemeinde gehören, in einem erhöhten Maße das, was ich vorhin nur zur Verdeutlichung beschrieben habe, wenn man in einem späteren Lebensalter zusammenkommt mit einer Gruppe und Kindheitserinnerungen austauscht: sie fühlen sich versetzt in eine Welt, die sie gemeinsam durchgemacht haben im Übersinnlichen. Das macht das Bindende in der Kultusgemeinde aus. Das hat immer das Bindende beim Kultus ausgemacht. Und wenn es sich um religiöses Leben handelt, das nicht atomisieren soll, das also nicht in die Predigt das Wesentlichste legen soll, sondern in den Kultus, dann führt der Kultus eben zur wirklichen Gemeinschaftsbildung, zur Gemeindebildung. Und religiöses Leben kann nicht ohne Gemeindebildung bestehen. Daher ist die Gemeinschaft, die auf diese Weise eine Erinnerungsgemeinschaft in bezug auf das Übersinnliche ist, auch eine Sakramentsgemeinschaft.

Nun ist es aber nicht möglich, daß diese Form der Sakramentengemeinschaft, also der Kultgemeinschaft, stehenbleibt für den modernen Menschen bei dem, was sie ist. Gewiß, für viele wird es heute noch so sein; aber die Kultgemeinschaft selber würde nicht ihren Wert, ihren rechten Wert haben, vor allen Dingen nicht ihr rechtes Ziel erreichen, wenn sie eben eine bloße Erinnerungsgemeinschaft an das übersinnliche Erleben bliebe. Daher ist ja auch immer mehr und mehr das Bedürfnis aufgetreten, hineinzubringen in den Kultus die Predigt. Nur ist bei der Ausbildung dieser Predigt, wie sie hervorgetreten ist in der neueren Zeit in den evangelischen Gemeinschaften, eben das Atomisierende so groß geworden, weil die wirklichen Bedürfnisse der Bewußtseinsseelenentwickelung im fünften nachatlantischen Zeitraum dabei eben nicht berücksichtigt worden sind. Die Predigt der älteren Kirchen ist durchaus aufgebaut auf den Bedürfnissen des vierten nachatlantischen Zeitraums. Die Predigt formt sich in den älteren Bekenntnissen aus der Weltanschauung des Verstandes- oder Gemütszeitalters heraus. Der moderne Mensch versteht das nicht mehr recht. Daher sind die evangelischen Bekenntnisse auch übergegangen zu der mehr auf die menschliche Meinung, auf die menschliche Bewußtseinserkenntnis gebauten Darstellung. Das ist auf der einen Seite etwas Vollberechtigtes. Auf der andern Seite ist wiederum die Form dafür noch gar nicht richtig gefunden. Die Predigt, die innerhalb des Kultus auftaucht, ist ja ein Herausfallen aus dem Kultus, ist ein Hinneigen vom Kultus aus zu der Erkenntnis. Aber wenig wird dem Rechnung getragen in der Form, welche die Predigt angenommen hat in der sich fortentwickelnden Menschheit. Ich brauche Sie nur an eines zu erinnern, so werden Sie das gleich einsehen. Rechnen Sie diejenigen Predigten der neueren Zeit ab, die nicht gebaut sind auf irgendein Bibeltextwort als Thema, so werden Sie sehen, wie wenig bleibt. Überall, bei Sonntagspredigten, bei Predigten für gewisse Anlässe, überall wird ein Bibeltextwort zugrunde gelegt, weil eben verleugnet wird die unmittelbare lebendige Offenbarung, die in der Gegenwart auch da sein kann. Aber es wird durchaus nur an das Historische angeknüpft. Also es wird zwar die individuelle Predigt gesucht, aber die Bedingung dafür ist nicht gefunden. Und so strömt eben die Predigt ein in die bloße menschliche Meinung, in die individuelle Meinung. Das aber atomisiert.

Wenn nun die neuerdings begründete Bewegung für religiöse Erneuerung, da sie ja im wesentlichen auf dem Boden steht, der aus der Anthroposophie kommt, mit der unmittelbar fortgehenden, sich fortbewegenden Offenbarung rechnet, also mit dem lebendigen Geist-Erleben aus der übersinnlichen Welt heraus, dann führt sie gerade ihre Predigt dazu, einzusehen, daß sie etwas anderes braucht, das nämlich, woraus unmittelbar diese fortdauernde lebendige Erkenntnis der geistigen Welt möglich ist. Sie braucht also anthroposophische Geisteswissenschaft, Ich möchte sagen: die Predigt wird immer das Fenster sein, durch das die Bewegung für religiöse Erneuerung wird aufnehmen müssen dasjenige, was ihr eine fortwährende lebendige Anthroposophische Gesellschaft wird geben müssen. Dazu bedarf es aber, was ich Ihnen eben schon in dem letzten Vortrag drüben im noch bestehenden Goetheanum gesagt habe in bezug auf die religiöse Erneuerung, dazu bedarf es, daß, wenn wachsen soll diese Bewegung für religiöse Erneuerung, auch in aller Lebendigkeit die Anthroposophische Gesellschaft daneben sein muß, das heißt das lebendige Leben der Anthroposophie durch eine Anzahl von Menschen. Die Bewegung für religiöse Erneuerung würde sich bald das Wasser abgraben, wenn sie nicht eben wiederum neben sich hätte eine Anzahl von Menschen - es brauchen nicht gleich wiederum alle Menschen zu sein, aber immer eine Anzahl von Menschen -, in denen lebendig das anthroposophische Erkennen lebt.

Nun kommen aber eben viele Menschen, wie ich Ihnen gesagt habe, zur Anthroposophischen Gesellschaft und wollen nicht nur die anthroposophische Erkenntnis in abstracto, sondern sie wollen auch in ihr, eben aus einem Drang der Menschen unseres Bewußtseinszeitalters heraus, Gemeinschaftsbildungen haben. Man könnte nun sagen: die Anthroposophische Gesellschaft könne ja auch einen Kultus pflegen. Gewiß, das könnte sie auch; das gehört aber jetzt auf ein anderes Feld. Ich will jetzt die spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung einmal ins Auge fassen. Es gibt eben durchaus noch etwas anderes im heutigen Menschenleben als dasjenige, was beruhen kann in bezug auf die Menschengemeinschaft auf einer gemeinsamen Erinnerung an die vor dem Erdendasein durchlebte übersinnliche Welt. Es gibt das, was heute wiederum gebraucht wird gerade auf die Art und Weise, wie es nur im Bewußtseinszeitalter sein kann. Da ist man genötigt, über etwas zu sprechen, was mit Bezug auf den modernen Menschen von den meisten heute noch ganz übersehen wird. Gewiß, man hat zu allen Zeiten von Idealismus gesprochen, aber heute ist der Idealismus, wenn von ihm gesprochen wird, auch bei den Gutmeinenden zumeist nichts anderes als Phrase, richtige Phrase. Denn es fehlt heute, in jenem Zeitalter, wo in der ausgebreiteten Zivilisation besonders stark die intellektualistischen Kräfte und Elemente aufgetaucht sind, es fehlt das Weltverständnis des ganzen Menschen. Gewiß, als Sehnsucht ist es insbesondere in der heutigen Jugend vorhanden. Aber gerade jene Unbestimmtheit, mit der es auftritt in der heutigen Jugend, zeigt, daß eben etwas lebt in den heutigen Menschenseelen, was noch nicht klar geworden ist, was noch undifferenziert ist, was nicht unnaiver wird, wenn es differenziert wird.

Bitte beachten Sie nur einmal folgendes: Versetzen Sie sich zurück in Zeiten, in denen religiöse Strömungen innerhalb der Menschheit sich ausgebreitet haben. Sie werden sehen, daß in abgelebten, in früheren Zeiten der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit der oder jener Verkündigung aus der geistigen Welt von vielen Menschen mit ungeheurem Enthusiasmus begegnet worden ist. Ja, es wäre gar nicht möglich gewesen, daß die heute vorhandenen religiösen Bekenntnisse die Menschen tragen, wenn nicht bei ihrer Verkündigung eine viel stärkere Affinität der Seelen für etwas, was aus der geistigen Welt verkündet worden ist, vorhanden gewesen wäre, als das heute der Fall ist. Man kann sich gar nicht vorstellen, wenn man die heutigen Menschen betrachtet, daß sie von so etwas gefangen werden könnten, wie oftmals in früheren Zeiten die Verkündigung religiöser Wahrheiten war. Gewiß, es finden heute noch Sektenbildungen statt; aber gegenüber dem Feuer, mit denen Menschenseelen früheren Verkündigungen entgegengekommen sind, haben die heutigen Sektenbildungen etwas Philiströses. Es ist nicht die innere Wärme der Seelen vorhanden für das Aufnehmen von Geistigem. Das hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sogar in rapider Weise abgenommen. Aus der Unbefriedigtheit finden sich heute allerdings noch Menschen, die dem oder jenem zuhören, auch zu einem gewissen Bekenntnis von dem oder jenem kommen; aber jene positive Wärme, die früher da war in den Menschenseelen und die einzig und allein möglich gemacht hat, daß man um Geistiges sein ganzes Wesen, sein ganzes menschliches Wesen eingesetzt hat, das ist gewichen einer gewissen Kühle, ja Kälte. Und diese Kühle und diese Kälte, die ist ja auch in den Menschenseelen vorhanden, wenn sie heute von Idealen und Idealismus reden. Denn heute ist eigentlich etwas die Hauptsache, was im Grunde noch lange nicht Erfüllung ist, was im Grunde noch lange Erwartung sein wird, aber als Erwartung in ungeheuer vielen Menschen heute schon lebt. Das kann ich Ihnen auf die folgende Weise charakterisieren.

Nehmen Sie die zwei jedem Menschen ja gut bekannten Bewußtseinszustände, die vorhanden sind: den träumenden Menschen und den Menschen im gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein. Wie ist es beim träumenden Menschen? Beim schlafenden Menschen, der nicht träumt, ist es ja ebenso, denn traumlos schlafen heißt nur, daß die Träume so sehr herabgedämpft sind, daß man sie nicht merkt. Also wie ist es beim träumenden Menschen?

Er lebt in seiner Traumbilderwelt. Er lebt in derselben, indem sie oftmals für ihn viel anschaulicher, viel tiefer ins Herz gehend ist - das kann man schon sagen - als dasjenige, was man im Alltag beim wachen Tagesbewußtsein erlebt. Aber man erlebt es isoliert. Man erlebt es als die einzelne menschliche Persönlichkeit. In einem und demselben Zimmer können zwei Menschen schlafen, sie haben zwei ganz verschiedene Welten in ihrem Traumbewußtsein. Sie erleben diese Welten nicht miteinander. Jeder erlebt sie für sich; sie können sich höchstens hinterher den Inhalt erzählen.

Wacht der Mensch auf aus dem Traumbewußtsein in das gewöhnliche Tagesbewußtsein, so nimmt er durch seine Sinne dieselben Dinge wahr, die derjenige, der ihm zunächst steht, auch wahrnimmt. Eine gemeinschaftliche Welt tritt ein. Der Mensch erwacht zu einer gemeinschaftlichen Welt, indem er aus dem Traumbewußtsein in das wache Tagesbewußtsein übergeht. Ja, an was erwacht denn der Mensch aus dem Traumbewußtsein ins wache Tagesbewußtsein? Er erwacht am Licht, am Geräusch, an seiner natürlichen Umgebung - in dieser Beziehung machen auch die andern Menschen keine Ausnahme — zum wachen Tagesbewußtsein, zum gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein. Aus dem Traum heraus erwacht man an dem Natürlichen des andern Menschen, an seiner Sprache, an dem, was er einem sagt, und so weiter, an der Art und Weise, wie sich seine Gedanken und Empfindungen in die Sprache hineinkleiden. An dem, wodurch der gewöhnliche Mensch, der andere Mensch sich natürlich auslebt, erwacht man. Also man erwacht an der natürlichen Umgebung zum gewöhnlichen Tagesbewußtsein. In allen früheren Zeitaltern war es so, daß der Mensch aus dem Traumbewußtsein ins wache Tagesbewußtsein an der natürlichen Umgebung erwachte. Und dann hatte er an seiner natürlichen Umgebung zugleich das Tor, durch das er, wenn er es tat, in ein Übersinnliches hineindrang.

Mit dem Erwachen der Bewußtseinsseele, mit dem Entfalten der Bewußtseinsseele ist in dieser Beziehung ein neues Element hereingetreten ins Menschenleben. Da muß es nämlich noch ein zweites Erwachen geben, und dieses zweite Erwachen wird immer mehr und mehr als ein Bedürfnis der Menschheit auftreten: Das ist das Erwachen an Seele und Geist der andern Menschen. Im gewöhnlichen wachen Tagesleben erwacht man ja nur an der Natur des andern Menschen; aber an Seele und Geist des andern Menschen will der Mensch erwachen, der selbständig, der persönlich durch das Bewußtseinszeitalter geworden ist. Er will an Seele und Geist des andern Menschen erwachen, er will dem andern Menschen entgegentreten so, daß der andere Mensch in seiner eigenen Seele einen solchen Ruck hervorbringt, wie es gegenüber dem Traumleben das äußere Licht, das äußere Geräusch und so weiter hervorbringt.

Dieses Bedürfnis ist einmal ein ganz elementares seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts und wird immer stärker werden. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wird, trotz allem seinem chaotischen, tumultuarischen Wesen, das die ganze Zivilisation durchsetzen wird, dieses als Bedürfnis aufzeigen: es wird sich einstellen das Bedürfnis, daß Menschen an dem andern Menschen in einem höheren Grade werden erwachen wollen, als man erwachen kann an der bloßen natürlichen Umgebung. Traumleben, es erwacht an der natürlichen Umgebung zum wachen Tagesleben. Waches Tagesleben, es erwacht am andern Menschen, an Seele und Geist des andern Menschen zu einem höheren Bewußtsein. Der Mensch muß mehr werden, als er dem Menschen immer war. Er muß ihm zu einem weckenden Wesen werden. Die Menschen müssen sich näherkommen, als sie sich bisher gestanden haben: zu einem weckenden Wesen muß jeder Mensch, der einem andern entgegentritt, werden. Dazu haben eben die modernen Menschen, die ins Leben jetzt hereingetreten sind, viel zu viel Karma aufgespeichert, als daß sie nicht ihr Schicksal verbunden fühlen würden, ein jeder mit dem, der ihm im Leben als anderer Mensch entgegentritt. Wenn man in frühere Zeitalter zurückgeht, da waren die Seelen jünger, da haben sie weniger karmische Zusammenhänge gehabt. Jetzt tritt eben die Notwendigkeit ein, daß man nicht nur durch die Natur erweckt wird, sondern durch die Menschen, die mit einem karmisch verbunden sind und die man suchen will.

Und so gibt es außer jenem Bedürfnis nach Erinnerung an die übersinnliche Heimat, die durch den Kultus befriedigt werden kann, das andere Bedürfnis, sich erwecken zu lassen zum Geistig-Seelischen durch den andern Menschen. Und der Gefühlsimpuls, der da wirksam sein kann, der ist der des neueren Idealismus. Wenn das Ideal aufhört, ein bloßes abstraktes zu sein, wenn es lebendig verwurzelt sein wird wiederum mit dem menschlich Seelisch-Geistigen, dann wird es eben die Form annehmen: Ich will erwachen an dem andern Menschen. - Das ist schließlich ganz im Unbestimmten das Gefühl, das durch die Jugend heute sich einstellt: Ich will erwachen an dem andern Menschen. Und das ist es, was als besonderes Gemeinschaftsleben in der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden kann, was sich da auf die natürlichste Weise von der Welt einstellt. Denn, wenn eine Menschengruppe sich zusammenfindet, um gemeinsam zu erleben dasjenige, was aus der übersinnlichen Welt heraus durch die Anthroposophie geoffenbart werden kann, dann ist dieses Erleben in einer Menschengruppe eben etwas anderes als das einsame Erleben. Daß man erwacht an der Seele des andern in dem Momente, wo man zusammen ist, das gibt eine Atmosphäre ab, die nicht etwa in die übersinnliche Welt hineinführt so, wie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist, die aber das Verständnis der Ideen fördert, welche durch anthroposophische Geisteswissenschaft von der übersinnlichen Welt gegeben werden.

Finden sich Menschen, die mit Idealismus in einer Menschengruppe zusammenleben, die sich, sei es durch Vorlesen, sei es durch etwas anderes, dasjenige gegenseitig mitteilen, was Inhalt der Anthroposophie ist, dann ist ein anderes Verständnis da. Durch das gemeinsame Erleben des Übersinnlichen wird eben gerade am intensivsten Menschenseele an Menschenseele erweckt, die Seele erwacht in ein höheres Verständnis hinein, und wenn diese Gesinnung da ist, bildet sich etwas heraus, das bewirkt, daß auf Menschen, die vereinigt sind im gegenseitigen Sich-Mitteilen und im Miteinander-Erleben anthroposophischer Ideen, ein gemeinsames, wirkliches Wesen sich herniedersenkt. Wie in der Sprache der Sprachgenius lebt, in dessen Fittichen gleichsam die Menschen leben, so leben sie unter den Fittichen eines höheren Wesens, wenn sie mit der richtigen idealistischen Gesinnung miteinander erleben die anthroposophischen Ideen. Was tritt denn da ein?

257-01
257-01

Nun, wenn dies (es wird gezeichnet) das Niveau ist, wodurch übersinnliche Welt von sinnlicher Welt sich scheidet, so haben wir im Kultus die Vorgänge und Wesenhaftigkeiten der höheren Welt (oben); wir haben sie im Kultus, im Kultuswort und in der Kultushandlung auch in die physische Welt herunterprojiziert (unten). Wenn wir einen anthroposophischen Zweig haben, so haben wir dasjenige, was in der physischen Welt in der anthroposophischen Gruppe erlebt wird, durch die Kraft des wirklichen Idealismus, der spirituell wird, hinaufversetzt in die geistige Welt. Durch den Kultus wird das Übersinnliche in Wort und Handlung heruntergeholt in die physische Welt. Durch den anthroposophischen Zweig werden die Gedanken und Empfindungen der Anthroposophengruppe hinauferhoben in die übersinnliche Welt. Und wenn in der richtigen Gesinnung erlebt wird der anthroposophische Inhalt von einer Menschengruppe, wobei Menschenseele an Menschenseele erwacht, wird tatsächlich diese Menschenseele erhoben zur Geistgemeinschaft. Nur handelt es sich darum, daß dieses Bewußtsein wirklich vorhanden ist. Wenn dieses Bewußtsein vorhanden ist und solche Gruppen in der Anthroposophischen Gesellschaft auftreten, dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem andern Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden. Man möchte sagen, wenn man bildlich sprechen will: Die Kultgemeinde versucht die Engel des Himmels zu veranlassen, herunterzugehen in den Kultraum, damit sie unter den Menschen seien. Die anthroposophische Gemeinde versucht, die Menschenseelen zu erheben in die übersinnliche Welt, damit sie unter die Engel kommen. Das ist in beiden das gemeinschaftsbildende Element.

Aber wenn Anthroposophie dem Menschen etwas sein soll, was wirklich in die übersinnliche Welt führt, dann darf sie nicht Theorie, nicht Abstraktion sein. Dann darf man nicht bloß von geistigen Wesen reden, sondern man muß die nächsten, die unmittelbarsten Gelegenheiten aufsuchen, um mit geistigen Wesen zusammenzusein. Die Arbeit einer anthroposophischen Gruppe besteht nicht bloß darin, daß eine Anzahl von Menschen über anthroposophische Ideen reden, sondern daß sie sich als Menschen so vereinigt fühlen, daß Menschenseele an Menschenseele erwacht und die Menschen hinaufversetzt werden in die geistige Welt, so daß sie wirklich unter geistigen Wesen sind, wenn auch vielleicht ohne Schauen. Auch wenn das in der Anschauung nicht da ist, im Erleben kann es da sein. Und das ist dann das Stärkende, das Kräftigende, das aus den Gruppen hervorgehen kann, die mit richtiger Gemeinschaftsbildung eben entstanden sind innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Es ist eben notwendig, daß das, was in vieler Beziehung doch vorhanden ist in der Anthroposophischen Gesellschaft, allgemeiner werde; und das ist es, was die in den letzten Jahren Eintretenden dann nicht gefunden haben. Sie haben eigentlich das gesucht, haben es aber nicht gefunden. Sie haben höchstens gefunden: Ja, wenn du richtiger Anthroposoph sein willst, dann mußt du an den Atherleib und an die Wiederverkörperung glauben und so weiter.

Ich habe es oft betont: Man kann ein Buch wie zum Beispiel meine «Theosophie» auf zweifache Weise lesen. Man kann so lesen, daß man da liest: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und so weiter, der Mensch hat wiederholte Erdenleben, Karma, das heißt, man nimmt Begriffe auf. Gewiß, das sind andere Begriffe als auf einem andern Felde, aber der geistige Prozeß, der sich abspielt, ist unter Umständen genau derselbe, wie wenn man ein Kochbuch liest. Denn gerade das habe ich ja oft gesagt, es handelt sich um den geistigen Prozeß, nicht um die Aufnahme von Ideen. Es ist ganz einerlei, ob Sie lesen, Sie sollen Butter in eine Pfanne gießen, Mehl hineintun, das durcheinanderrühren, Eier hineinschlagen, oder ob Sie lesen: Es gibt physischen Stoff, ätherische Kräfte, astralische Kräfte, die sind da durcheinandergemischt. Es ist ganz einerlei als Seelenprozeß, ganz einerlei, ob Sie Butter, Fett, Eier, Mehl auf irgendeinem Kochherde zusammengemischt haben oder ob Sie für die Menschenwesenheit physischen Leib, Atherleib, Astralleib zusammengemischt sich vorstellen. Man kann aber auch die «Theosophie» so lesen, daß man weiß: In ihr sind Begriffe enthalten, die sich zu der gewöhnlichen Begriffswelt des Physischen so verhalten wie die Begriffswelt des Physischen zur Traumwelt. Sie gehören einer Welt an, in die man ebenso aus der gewöhnlichen physischen hinein erwachen muß, wie man aus der Traumwelt in die physische Welt erwacht. Es ist die Gesinnung, mit der man liest, die dann das richtige Kolorit den Dingen gibt. Und diese Gesinnung wird eben für den Menschen der Gegenwart, durch verschiedene Mittel natürlich, lebendig. Die andern, die der Mensch für sich ausmachen kann, sind ja alle beschrieben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber für den modernen Menschen ist eben auch noch die Durchgangsphase, ganz abgegrenzt von der Anschauung der höheren Welt, notwendig: daß er erwachen kann an dem Seelisch-Geistigen des andern Menschen zu dem Hineinleben in die geistige Welt, wie er erwacht aus dem Traumleben durch Licht und Geräusch und so weiter in die physische Welt herein.

Dafür muß man sich Verständnis erringen. Es ist notwendig, Verständnis zu erringen für das, was Anthroposophie in der Anthroposophischen Gesellschaft sein soll: Ein Geistesweg soll sie sein. Dann findet sich auch die Gemeinschaftsbildung, wenn sie ein Geistesweg ist. Aber esmuß wirklich Anthroposophie ins Leben hinein. Das ist ein Bedürfnis, meine lieben Freunde. Daß es ein Bedürfnis ist, ich kann es Ihnen an einem ganz naheliegenden Beispiel veranschaulichen. Nachdem wir viele kleinere Versammlungen im kleinsten und im größeren Kreise in Stuttgart hatten, wo viel verhandelt worden ist über das, was man nun tun soll für die Konsolidierung der Anthroposophischen Gesellschaft, war ich auch einmal - es war nicht jene Versammlung, von der ich Ihnen gestern erzählte, die war erst später, sondern früher, es war aber auch in der Nacht - zusammen mit der Jugend. Es war akademische Jugend. Ja da redete man nun auch zunächst darüber, wie man es am besten macht, damit die Gesellschaft die richtige Form bekommt, damit alles richtig getan wird und so weiter. Aber nach einiger Zeit war das Gespräch abgeglitten zu dem Anthroposophischen selber. Man war mitten drinnen, weil die Studenten und Studentinnen das Bedürfnis hatten, zu fragen: Wie soll man in der Zukunft studieren, wie soll man seine Doktorarbeiten machen und so weiter? -— Das konnte man nicht äußerlich beantworten, sondern da mußte man durchaus in die Anthroposophie hineinsegeln. Das heißt, man fing an mit dem Philiströsen und kam gleich in das Anthroposophische hinein in seiner Anwendung: Wie macht man, wenn man Anthroposoph ist, eine Doktordissertation? Wie studiert man, wenn man Anthroposoph ist, Chemie und so weiter? Also es erwies sich die Anthroposophie dadurch als lebensfähig, daß ein Gespräch von selber in sie hineinlief.

Das ist es eben, daß Anthroposophie nicht bloß als Abstraktion da sein soll. Man kann natürlich die Sache so einrichten, daß man irgendwo Menschen zu einer Versammlung zusammenruft, welche zu beraten hat: Wie soll man die Gesellschaft konstituieren und so weiter, und dann setzt man als zweiten Programmpunkt ein Gespräch über Anthroposophie. Das ist äußerlich entwickelt. So äußerlich meine ich das nicht, sondern ganz innerlich, daß man eben einfach aus den alltäglichsten Bedürfnissen dazu kommt: Man muß die Geschichte anthroposophisch einrichten. Gerade daß so etwas sich zeigte, daß man über die Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft sprach und dazu kam - ganz notwendig durch innere organische Entwickelung -, auseinandersetzen zu müssen, wie sich derjenige die Embryonalentwickelung vorzustellen hat, der heute ein wissenschaftlicher Philister ist, und derjenige, der Anthroposoph ist, daran sieht man dieses Lebensimpulsierende der Anthroposophie. Das muß eben hinein, nicht eine doppelte Buchführung, wo man auf der einen Seite philiströs «Anthroposophische Gesellschaft» und «Bund für freies Geistesleben» und so weiter einrichtet, sondern wo wirklich das Lebendige geschieht, ohne daß man Abstraktling und Theoretiker wird, ohne daß man an den Haaren herbeizieht das Anthroposophische und immer sagt: Im Anthroposophischen muß Mensch zu Mensch sich finden und so weiter. - Diese Abstraktionen dürfen natürlich nicht eine Rolle spielen, sondern es muß das konkret Anthroposophische hineinführen in dasjenige, um was es sich handelt. Meistens sagt man dann gar nicht: Das ist anthroposophisch oder nicht anthroposophisch, sondern meistens spricht man dann das Wort Anthroposophie gar nicht aus. Das ist auch etwas, was schon notwendig ist, daß man die Sache nicht ins Wortfanatische hineinbringt.

Sehen Sie, meine lieben Freunde, es war keine Außerlichkeit: Ich habe zwölf Vorträge gehalten beim letzten Wiener Kongreß über die verschiedensten Themata und hatte mir zur Aufgabe gestellt, während dieser zwölf Vorträge niemals das Wort «Anthroposophie» auszusprechen. Es ist gelungen! Sie werden in den zwölf Vorträgen in Wien im Juni nirgends das Wort «Anthroposophie» oder «anthroposophisch» finden. Es ist gelungen. Man kann ja schließlich auch einen andern Menschen kennenlernen, ohne daß man sich dafür interessiert, ob er Müller heißt oder Kommerzienrat oder dergleichen ist; man nimmt ihn einfach so, wie er ist. Wenn man die Anthroposophie nimmt, so wie sie lebendig ist, ohne auf ihren Namen viel zu achten, dann ist es heute sogar am besten.

Nun, ich will über diese Dinge morgen weiter sprechen, und dann auch noch etwas, was einem Berichte ähnlich sein soll, Ihnen vortragen.

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