The Fateful Year of 1923
GA 259 — 5 February 1923, Stuttgart
Sitzung mit dem Dreissigerkreis
Dr. Unger berichtet, man wolle sich in ernster Verantwortung zum Weiterführen der anthroposophischen Angelegenheiten zusammenfinden. Eine Erklärung gegenüber der Mitgliedschaft mit den Unterschriften aller hier Anwesenden solle endgültig formuliert werden. Für die Gründungen wollten einzelne die Verantwortung übernehmen.
Dr. Palmer sagt, Dr. Noll solle entlastet werden und bis zum 1. August für das Vademecum Zeit haben.
Dr. Noll hat die Hoffnung, daß die Hindernisse überwunden und das Buch geschrieben werden könne.
Dr. Peipers will sich verantwortlich fühlen für die Verbindung mit den Ärzten und für die Vorträge vor Ärzten usw.
Alexander Strakosch sagt, die 1920 gestellten Aufgaben sollten wieder im Mittelpunkt stehen. Dr. Maier solle die Arbeit mit dem Magnetfelde, Dr. Noll die Aufgabe des Vademecum, Dr. Streicher die Kristall-Lösungen und Pflanzen-Substanzen erledigen; Dr. Theberath betrachtet die Tag- und NachtAufgabe als abgeschlossen. Sie wollten sich alle bemühen, daß Dr. Steiners Kurse richtig bearbeitet werden könnten.
Es berichten:
Dr. Heyer über die Arbeit an der Wochenschrift «Anthroposophie»;
Dr. Theberath über seine wissenschaftliche Arbeit, das Vergleichen der Zersetzlichkeit lichtempfindlicher Substanzen bei Tag und bei Nacht;
Dr. Hahn über die Bearbeitung des sprachwissenschaftlichen Kurses und über das Verhältnis zur Jugendarbeit;
Dr. Kolisko über die Vertrauensorganisation;
Dr. Unger auch über die geplante Vertrauensorganisation;
Paul Baumann über die Arbeit in der Schule;
Jürgen von Grone will den Komplex der Gegnerschaft bearbeiten.
Dr. Steiner: Zunächst kann ich da keinen Punkt finden, der aus irgendeiner Beratung hat hervorgehen sollen. Daß verschiedenes versprochen worden ist, das steht in der Initiative der verschiedenen Persönlichkeiten. Der einzige Punkt, der mir aufgefallen ist, ist der, daß heute eine Beratung mit der Jugendorganisation stattgefunden hat. Dies könnte etwas Positives enthalten.
Dr. Unger über diese Verhandlung mit der Jugend. Dauernde Fühlung. Austausch.
Dr. Steiner: Was war Inhalt der Besprechung?
Dr. Unger: Mißtrauen der Jugend gegenüber den Älteren. Zusammenarbeit beschlossen.
Dr. Steiner: Das sind Formalien. Was das Konkrete?
[Hier folgt offensichtlich eine Lücke im Stenogramm.]
Dr. Steiner: Was soll der Delegiertenversammlung vorgelegt werden? Oder was soll im Rundschreiben darinnenstehen? Dann möchte ich fragen: Hat dieses Siebenerkomitee zu dem, was heute gesagt worden ist, seinerseits etwas zu sagen? Fühlt es sich befriedigt von dem Ergebnis der Beratungen der letzten Tage?
Dr. Kolisko: Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, mit dem ganzen Kreis zusammenzuarbeiten.
Dr. Steiner: Man könnte sogar, wenn man heute einen Aufruf machen wollte, unter Umständen einzelne Sätze, die von mir zur Aufklärung gegeben worden sind, in entsprechender Formulierung zusammenstellen. Es würde dann ein Aufruf herauskommen und das Bemerkenswerte vorliegen, daß man gar nicht bemerkt hat, daß ich ja schon in den letzten Wochen Ratschläge gegeben habe. Das ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß man fortwährend Ratschläge verlangt und sie dann nicht einmal bemerkt.
Es liegt die Alternative vom 10. Dezember vor: Ich muß meinerseits bitten, ob - aus den Ereignissen der letzten Jahre heraus - der Zentralvorstand mit den anderen zusammen in der Lage ist, seinerseits zu sagen, was er tun will, damit die zerfallende Anthroposophische Gesellschaft weiterkommen kann. Sonst wäre ich genötigt, über die Köpfe hinweg das zu tun, was ich meinerseits für notwendig halte. Wenn zwei Dinge dieser Art, wie sie sich hier gegenüberstehen, in Betracht kommen, dann kann man nicht so sprechen, wie Sie heute wiederum gesprochen haben. Es kann sich nicht darum handeln, daß ich irgendwelche Direktiven gebe, die ausgeführt werden sollen. Denn ich habe angedeutet: Wenn ein Zentralvorstand einen Sinn haben soll, so muß er etwas wollen, was natürlich über die bloßen Formalien hinausgeht. Der Willensinhalt des Zentralvorstandes darf nicht gleich Null sein. Sonst können Sie noch so viele Versprechungen in bezug auf die einzelnen Institutionen machen, daß sie recht brav sein wollen, nachdem sie es früher nicht waren. Es würde alles nichts helfen. Es wäre wirklich notwendig, daß wir heute nicht bloß theoretisieren, sondern daß etwas Greifbares vorläge, was geschehen soll. Ich finde, daß in allem, was vorgebracht worden ist, das Wichtigste nicht gesagt ist. Denn die Jugend ist nicht das Wichtigste. Die Jugend sollte ein Echo für Sie sein, nicht umgekehrt. Die Jugend erwartet in Wirklichkeit etwas von den Alten. Impotent-—— — Was ist in Wirklichkeit in den letzten Tagen positiv beraten worden? Die nächste Tat müßte diese sein, daß ein Aufruf zu einer Delegiertenversammlung erlassen würde und daß die Dinge darinnenstehen, von denen ich dachte, daß sie greifbar behandelt werden müßten. Der Hochschulbund ist die sterilste und eine der schädlichsten Gründungen: steril, da nichts getan; schädlich, weil Kundgebungen, hinter denen niemand stand. Dadurch Unsumme von Gegnerschaft. Aus Hochschulbund Anzahl junger Leute: still für uns uns in Anthroposophie vertiefen; haben gar nicht gesagt, daß sie etwas tun wollen, in der Zukunft der Jugend etwas zu geben. Die erste Aufgabe wäre, daß wir die Tatsachen mit den richtigen Worten bezeichnen. Nehmen Sie die Haltung meines Kursus für die Jugend [GA 217].
Dr. Unger spricht über den geplanten Aufruf.
Dr. Steiner: Ich darf vielleicht noch fragen: Wie denken Sie sich die Fortsetzung der laufenden Angelegenheiten? Es wäre genug gewesen, wenn die Kundgebung verlesen worden wäre. Die Kundgebung war töricht durch die Tatsache, daß niemand dahinterstand; an sich war die Kundgebung gewiß gescheit.1 Die Jugend hat gar nicht erklärt, daß sie etwas tun will. Der Pädagogische Jugendkurs [GA 217] enthält Ratschläge, die nur nicht beachtet worden sind. Mit dem Brand des - Goetheanum hängt das nicht zusammen, was wir hier verhandeln. Das Goetheanum stand noch, als der Auftrag vom 10. Dezember gegeben wurde. Die Tatenlosigkeit ist fortgesetzt worden. Das erste war, daß ich von einem jungen Mann überfallen worden bin, der mir gesagt hat, daß die heutige Diskussion2 noch schrecklicher verlaufen sei als bisher und daß, mit Ausnahme einer Unterredung mit der Jugend, nichts wirklich geschehen sei. Ich werde noch einmal herkommen, weil ich erwarte, daß wenigstens die erste Tat getan wird: der Aufruf. Meinetwillen will ich auch morgen nachmittag eine Konferenz abhalten. Es ist nicht die Gesinnung dazu vorhanden, daß etwas Fruchtbares gemacht wird. Wenn man der Meinung ist, daß überhaupt etwas gemacht werden soll, so weiß ich nicht, warum nicht wenigstens der erste Ansatz dazu gemacht wird. Was ist der Inhalt der Kundgebung? Dieser Inhalt der Kundgebung mit der Konstatierung-— - [Lücke] ist etwas, was ich nicht verstehe. Die Art, wie das heute dargestellt worden ist, hat sehr ungünstig gewirkt. Daß dann Unsinn geredet wird, ist natürlich.
Dr. Unger hat gesagt, der Entwurf solle nicht früher gemacht werden, als bis nicht die wichtigsten Dinge vorgebracht worden seien.
Adolf Arenson: Dr. Unger hat es zwei Tage versucht, aber die Beschäftigung von morgens bis abends hat es ihm nicht möglich gemacht.