The Fateful Year of 1923
GA 259 — 7 February 1923, Stuttgart
Sitzung mit dem Dreissigerkreis
unter dem Vorsitz von Dr. Steiner [neu hinzugekommen ist Dr. Rittelmeyer]
Dr. Kolisko verliest das Rundschreiben [den neuen Entwurf des Aufrufs].
Adolf Arenson ist nicht dafür, daß die ganze Geschichte gedruckt in die Welt hinausgeht, sondern daß man sie nur der Delegiertenversammlung vorlege.
Dr. Schwebsch fragt Dr. Rittelmeyer, was er von der Sache, die vorgelesen worden ist, für einen Eindruck bekommen habe.
Dr. Rittelmeyer: Ich hatte den Eindruck, als ob rings um die Gesellschaft Feuer angelegt worden sei. Solche Diskussionen, wie die am Montag, sind unmöglich. Heute nachmittag bin ich dabeigewesen. [An dieser Besprechung hatte Dr. Steiner nicht teilgenommen.] Im ganzen würde ich wünschen, daß ein wärmerer 'Ton hineinkäme, daß das Positive, was die Gesellschaft will und kann, überzeugend ausgesprochen wird. Der Ton, der angeschlagen wird, soll bezeugen, daß jeder einzelne zur Ausübung seiner Funktion gebracht wird. Große Parolen müssen von Stuttgart ausgehen. Es sollte von jedem der Aufruf so angesehen werden, daß etwas Großes dadurch geschieht. Auch sollte dafür gesorgt werden, daß das anthroposophische Geistesgut richtig vermittelt wird. Man sollte sich dafür einsetzen, daß die rechte Art der Polemik und Apologetik geleistet würde.
Dr. Steiner: Die Gegner dürften es nicht erfahren, daß so ein negativer Eindruck von uns selber zugegeben wird.
Viele Redner sprechen: Dr. Hahn, Dr. Schwebsch, Alexander Strakosch.
Dr. Rittelmeyer: Worum es sich handelt, ist dies, daß wir zur Selbstbesinnung kommen angesichts der ungeheuren Schicksalsstunde. Wäre es nicht das richtige, um einen positiven Vorschlag zu machen, daß eine Anzahl von uns ganz für sich, ohne Rücksicht darauf, was bisher an Programmen vorgelegen hat, sich besinnen würde auf das tiefste Wesen des anthroposophischen Impulses und das von sich aus zu Papier brächten. Dann könnte das entweder so, wie es ist, verwendet werden, oder das Geeignetste, womit sich alle am besten verbinden können, würde hinausgeschickt werden.
Dr. Husemann unterstützt diesen Vorschlag.
Dr. Steiner: Ich würde es begreiflich gefunden haben, wenn Herr Dr. Husemann heute vor drei Wochen einen solchen Vorschlag gemacht hätte. Daß ihn Dr. Rittelmeyer macht, ist begreiflich. Aber daß Dr. Husemann in diesem psychologischen Moment uns zumutet, es solle für eine Gesellschaft so etwas getan werden, um die herum - wie Dr. Rittelmeyer mit Recht gesagt hat — Feuer gelegt worden ist, was ich ja auch schon immer betont habe -, wenn Herr Dr. Husemann uns so etwas zumutet, dann kann ich nur sagen, daß ich seine ganze Auffassung und Anteilnahme nicht begreifen kann. Sich wiederum hinzusetzen, um möglichst lange über nichts zu brüten, dazu ist der psychologische Augenblick nicht da. Es ist Zeit genug gegeben worden, seit den vielen Wochen, wo wir die Zeit immer zubringen mit Hin- und Herfahren zwischen Dornach und hier, um die Dinge, über die man hier verhandelt hat, zu erfahren. Man darf nicht glauben, daß man einem alles bieten kann, Herr Dr. Husemann!
Dr. Hahn äußert sich dazu.
Dr. Steiner: Das Beste muß in dem Aufruf zum Ausdruck kommen. Herr Arenson sagt, diese Fassung werde sofort in den Händen der Feinde sein. Den Glauben, daß dies nichts schadet, halte ich für die größte Naivität. Man muß sich klar darüber sein, daß man doch nicht die ganzen Vorgänge der Anthroposophischen Gesellschaft verschlafen kann. Man muß sich klar sein: Welche Fassung auch immer hinausgegeben wird, morgen wird sie in den Händen der Feinde sein. Also muß man sich darüber klar sein, daß man eine Fassung hinausgehen läßt, die in die Hände eines jeden kommen kann. Diese Fassung darf nicht beginnen mit dem Satz: «Für die Gesellschaft ist die Schicksalsstunde eingetreten». Wenn Sie in dieser Fassung die Sache hinausschicken, dann haben jene, welche das Feuer gelegt haben, die allerbeste Grundlage. Ich war befriedigt, daß heute gerade dies aus der Mitte der Diskussion heraus gesagt worden ist. Ich habe es ja selbst immer wieder betont. Man hört nur niemals hin auf das, was ich sage. Daß Ihnen dies bekannt sein könnte, muß doch jeder zugeben. Alle Dinge werden hier so gemacht, als ob eine Gegnerschaft gar nicht bestünde. Solch einen Aufruf können Sie nur dann hinaussenden wollen, wenn Sie sich durch Wände von den wirklichen Tatsachen, die bestehen, abschließen. Fast wörtlich so hatten wir diesen Aufruf schon gestern. Deshalb hatte ich gebeten, daß er bis heute beraten würde. Der Erfolg der Beratung ist der, daß derselbe Aufruf wieder erscheint.
Adolf Arenson und Herr Baumann sprechen dazu.
Dr. Steiner: Auf Seite 2 steht der Satz: «Dieser Auftrag wurde von Herrn Uehli nicht erfaßt. Solche Versäumnisse wurden offen zugegeben.» Seite 3: «Da Herr Dr. Steiner in allen Sitzungen darauf drang, daß man bis zur Erkenntnis der wirklichen Schäden vordringe, ...»; Seite 4 zum Beispiel der unmögliche Satz: «es fortan besser machen und Fehler rückhaltlos aufdecken....», «Die Personenfrage nicht in den Vordergrund treten lassen... .».
Wenn Sie zum Beispiel einen solchen Satz aufschreiben, werden Sie erleben, daß eine große Anzahl von Menschen, die darauf dringen, daß eine Reorganisation eintritt, sagen: «Diese Leute verstehen nicht einmal das Allerelementarste. Die machen Vorschläge, die Personenfrage zurücktreten zu lassen.» Auf die Personenfrage kommt es gerade an! Es handelt sich für draußen um Menschen und nicht um den Zentralvorstand.
Erst heute ist mir erzählt worden, wie böses Blut es gemacht hat, als hier der pädagogische Kurs tagte und die Einladungen zu besorgen waren. Die Sache ist mir so erzählt worden — sie dient bloß zur Charakterisierung des «Stuttgarter Systems», sie mag sogar korrigiert werden können -: Da handelte es sich darum, daß dieser Jugendbund, der den Kurs veranstaltet hatte, den Zentralvorstand einladen sollte; da soll ein Gespräch stattgefunden haben zwischen den Einladenden und Dr. Unger, wobei Dr. Unger gesagt haben soll, es läge ihm nichts an einer persönlichen Einladung, aber der Zentralvorstand müßte eingeladen werden. Die jungen Leute haben nämlich die drei Herren persönlich und einzeln eingeladen; aber den Zentralvorstand hatten sie nicht eingeladen.
Wenn man in dieses Feuer, das innerhalb der Gesellschaft existiert, jetzt diese Sätze hineinwirft, wird man sagen: Die haben nicht das geringste Talent, etwas zu machen, worauf es ankommt. — Dadurch beschwören Sie herauf, daß sich diese Schicksalsstunde in einer unmöglichen Weise verschärft.
Das Ganze, was als Kommende-Tag-Darstellung folgt, ist ein einziger Angriffspunkt. Zum Beispiel, daß ich auch denen, die außerhalb der Bewegung sich für Dreigliederung einsetzen, meinen Rat geben soll. Die Leute werden darüber lachen. Als wenn ich vorausgesetzt hätte, daß ich der ganzen Welt Ratschläge geben sollte! Das Verhältnis zur religiösen Erneuerung ist hier auch ganz schief dargestellt. —- «Die führenden Persönlichkeiten sind sich der Versäumnisse und falschen Methoden voll bewußt. Daß gerade von Stuttgart diese Methoden besonders ausgeführt worden sind...» Wenn in einem Aufruf solche Sätze vorkommen, dann werden vor allen Dingen die Leute, die jetzt gerne die Gesellschaft so haben möchten, wie Sie sie ja kennen - vor allen Dingen die außenstehenden Gegner -, die werden sagen: Das ist also alles; die waschen Schmutzwäsche nicht nur im eigenen Haus, sondern was diese Gesellschaft da tut, ist, daß sie vor aller Welt ihre schmutzige Wäsche aushängt.
Ich habe mich so sehr darum bemüht, auf dasjenige hinzuweisen, was dazu führt, daß man die Sache in einer plausiblen Art vor die Welt bringen kann. Das ist nicht berücksichtigt worden. Natürlich mußte man auch von den Schäden sprechen. Es wurde aber von den Schäden nur gesprochen, um zu positiven Dingen zu kommen.
Es sprechen mehrere Anwesende.
Dr. Steiner: Die Sache liegt so sehr auf der Hand. Man muß auf die Dinge sehen, die ich angeführt habe und die zum positiven Teil des Aufrufs gehören. Man könnte sagen: Es ist nun einmal so, daß seit 1919 die Tatsache eingetreten ist, daß hier in Stuttgart zusammengezogen worden sind die prominenten Persönlichkeiten, die wir in der Gesellschaft haben. Das hätte dazu führen müssen, daß also von hier aus ein mächtiger Impuls für die Bewegung ausgegangen wäre. Stattdessen haben sich diese Gründungen vollzogen. Es ist eine Waldorfschule entstanden. Die Waldorflehrer fühlen sich so: Was brauchen wir uns zu kümmern um das, was links und rechts um uns herum vorgeht, wir haben ja die Schule.
Ich habe gesagt: So kann man die Sache nicht weitermachen. Das ist etwas, was für die Gegner Wasser auf deren Mühle ist. Hat man sich je darum gekümmert, was ich da gesagt habe? So war es doch bei jeder Gelegenheit. Ich war heilfroh, als Dr. Rittelmeyer seine Rede gehalten hat. Er hat herausgehoben, daß dieser «Bund von nicht-anthroposophischen Kennern der Anthroposophie» gewisse Dinge von früher vorbringt. Das ist ein sehr wichtiger Hinweis, den man nun wahrhaftig außerordentlich gut ausnützen kann. War es denn notwendig, daß wir nicht schon durch Jahre hindurch die Verteidigung der anthroposophischen Sache selber in die Hand genommen haben? Daß wir nicht immer wieder auf konkrete Verleumdungen in einer entsprechenden Weise hingewiesen haben? Ich komme selber nicht dazu, weil andere Dinge notwendiger sind. Man war verpflichtet, den Gegnern nicht fortwährend neues Material zu liefern, sondern auch die Verteidigung der Gesellschaft in die Hand zu nehmen. Jetzt tritt man mit einem Aufruf hervor, in dem die Gesellschaft angeklagt wird. (Notiz von Dr. Heyer: «Der «Bund nicht-anthroposophischer Kenner der Anthroposophie bringt Dinge vor, die wir ausnützen müßten, um mit einem Keulenschlag auf die Dinge hinzuweisen —— die konkreten Verleumdungen hinzustellen -— Verteidigung der Anthroposophischen Gesellschaft —— Im Aufruf muß stehen: daß man jetzt tun will, was früher nicht getan wurde.»)
Herr Fink: Es sollen sich die einzelnen zurückziehen und etwas ausarbeiten.
Herr Stockmeyer unterstützt den Antrag, daß sich die einzelnen zurückziehen sollten, jeder einen Entwurf für den Aufruf macht und daß man sich dann wieder versammelt.
Dr. Steiner: Ich möchte kurz skizzieren, was Dr. Rittelmeyer gesagt hat. Erstens: daß überall in der Umgebung der Anthroposophischen Gesellschaft Feuer angelegt worden ist; zweitens: daß hier im Zweig zweimal hintereinander unmögliche Diskussionen stattgefunden haben; drittens: daß er wünscht, daß ein wärmerer Ton im Ganzen darinnen sei; weiter: daß das Positive stark betont werden solle; daß gewisse starke Parolen ausgegeben werden sollten; daß der sektiererische Geist zurücktreten müsse; daß das anthroposophische Geistesgut in sorgfältiger, nicht in entstellter Weise wie von den Gegnern der Welt vermittelt werde; daß er sich in den Diskussionen das Anstößige angehört habe und daß dann die Geschichte von dem Wolkengeheimnis [?] herausgekommen sei; daß er vor allem richtige Vermittler des anthroposophischen Geistesgutes vermisse.
Dr. Steiner (zu Frl. Dr. Röschl): Warum dürfte man nicht verraten, daß man die Schrift [des Bundes der nicht-anthroposophischen Kenner der Anthroposophie] kennt? [Darin steht doch:] «Es gilt einen Kampf auf Tod und Leben.» Sollen wir noch offen dokumentieren, daß wir uns um die Gegner nicht kümmern?
Dr. Noll: Dr. Goesch charakterisiert sich als Epileptiker. Zwei Absencen. Die
Leute lassen sich von einem Epileptiker an der Nase herumführen.
Dr. Steiner (zu Dr. Noll): Tun Ste es! Sie sind doch Arzt! Die Wochenschrift «Anthroposophie» wartet auf Material für ihre nächste Nummer. Die «Anthroposophie» ist so langweilig wie nur möglich, weil niemand einen Stoff liefert, und diejenigen, welche den Stoff kennen, liefern nichts.
Es ist der Antrag gestellt worden, daß wir uns vertagen.
Die Sitzung wird unterbrochen, und die Teilnehmer schreiben ihre Entwürfe. Nach zwei Stunden wird die Sitzung fortgesetzt.
Fortsetzung (Nachtsitzung, Beginn 22 Uhr 30)
Dr. Steiner: Dann kann also begonnen werden.
Eine große Anzahl der Teilnehmer lesen ihre Entwürfe vor, oder sie reden über die Schwierigkeiten der Gesellschaft: Dr. Noll, Herr Apel, Dr. Heyer, Dr. Röschl,
Dr. Stein, Herr Stockmeyer, Herr Maier, Herr Wolffhügel, Herr Strakosch, Dr. von Heydebrand.
Dr. Steiner: Zwölf Aufrufe! Ich bitte um Vorschläge, in welcher Form wir verhandeln wollen.
Dr. Rittelmeyer: Mir scheint, bei den Aufrufen ist das Phrasenhafte vorwiegend. Es wird viel zu wenig konkret aus der Situation heraus geredet. Von Ernst wird zwar gesprochen, aber er kommt zu wenig zu seinem Recht.
Ich stelle mir vor, es könnte etwa folgendermaßen lauten - ich habe es mir aufgeschrieben -: «Es ist uns das Bewußtsein davon erwacht, daß die Gesellschaft in der jetzigen Form nicht der rechte Träger des Geistesgutes ist. Sie ist zu sehr in die Absperrung, in das selbstsüchtige und genießerische Verhalten gekommen. Es hat an einem Zusammenhalten der Kräfte gefehlt. So ist es dahin gekommen, daß gerade die in der Jugend erwachende Sehnsucht in der Gesellschaft nicht die rechte Stätte gefunden hat, wo sie Befriedigung findet. Das überall vorhandene Bedürfnis nach Geisterkenntnis hat nicht das rechte Organ gefunden. Die Gegenwart ruft uns auf, unserer Pflicht eingedenk zu werden. Eine Gegnerschaft ist erwacht, die uns schon allerhand Proben gegeben hat. Wir müssen uns dessen voll bewußt werden, welch hohes Geistesgut in dieser weltgeschichtlichen Stunde uns anvertrautist. Wir tragen die Verantwortung dafür, daß das Geistesgut in einer richtigen Art vermittelt wird. Neue elastische, freie Formen müssen gefunden werden für das, was uns anvertraut ist. Überall handelt es sich darum, daß der Geist in voller Freiheit und reinster Klarheit bis in die Tiefen geführt werden muß, wo die Lösung der Probleme aufleuchtet. Wenn wir uns der Aufgaben bewußt werden, dann dürfen wir hoffen, daß es zur Lösung kommen kann.»
Paul Baumann: Man soll Dr. Rittelmeyer bitten, den Aufruf zu verfassen.
Jose del Monte ist dagegen, daß eine einzelne Persönlichkeit den Aufruf macht. Er solle durch Zusammenwirken aller zustande kommen.
Dr. Unger: Dr. Rittelmeyer soll mitwirken.
Dr. Stein: Dr. Rittelmeyer soll sich die wählen, mit denen zusammen er glaubt, es machen zu können.
Dr. Rittelmeyer: Ich bin eigentlich nur in der Lage, daß ich auch das von mir Verfaßte Ihnen zur Verfügung stelle. Ich brauche mindestens bis morgen vormittag, damit ich es vertreten kann. Ich möchte nicht, daß alles das verlorengeht, was in den einzelnen anderen Aufrufen stand.
Dr. Steiner: Wir sind soweit wie am ersten Tag. Die Situation hat sich tragisch gestaltet. Nicht wahr, bedenken Sie nur einmal: Gestern habe ich Sie gebeten, die einzelnen Institutionen zusammenzufassen. Aber sehen wir jetzt in diesem Augenblick davon ab. Was ging denn voran den Diskussionen, die begonnen haben über die Reorganisation der Gesellschaft? Es ging dem voran eine Polemik gegen ein nicht richtiges Verhalten der Anthroposophen zur «Bewegung für religiöse Erneuerung». Dann hat sich ein kleines Komitee gebildet, das in einem historischen Zusammenhang steht mit dieser Abwehr gegen das, was die Gesellschaft überwucherte. Es hat sich ein Siebenerkomitee gefunden, um die Reorganisation in die Hand zu nehmen. Und nun überträgt die Vertretung der Anthroposophischen Gesellschaft selbst die Reorganisation der Gesellschaft dem Führer der religiösen Erneuerung! Das ist die Tatsache, die Sie jetzt organisiert haben. Bedenken Sie nur einmal, daß noch dazu derjenige, der den Antrag gestellt hat, zugleich der Führer des Siebenerkomitees gewesen ist.
Wenn Sie glauben, daß wir auf diesem Wege weiterkommen, daß auf diesem Wege die Schritte, die wir einleiten, eine Bedeutung haben, dann liegt die Situation der Gesellschaft recht tragisch. Denn gestehen Sie sich ein, was es heißt, mit einer bloßen negativen Kritik einen Reorganisationsplan zu übergeben. Ich selbst habe gestern den Vorschlag gemacht, Herrn Dr. Rittelmeyer zu rufen. Ich habe das alles jetzt nur als eine Charakteristik der Situation gegeben, in die wir versetzt sind.
Marie Steiner: Jetzt ist die Anthroposophische Gesellschaft begraben, und es kann der Grabstein darauf gelegt werden.
Dr. Unger (springt auf): Wenn niemand anders sich dazu anbietet, es zu machen, dann will ich mich verpflichten, den Aufruf allein zu machen. Ich wiederhole das Anerbieten, diesen Aufruf zu machen. Er könnte bis morgen früh fertig sein.
Dr. Steiner: Bedenken Sie doch nur, welches der tiefere Sinn der ganzen wochenlang dauernden Unterredungen ist. Das ist der: Wenn etwas geschieht in der Gesellschaft, so muß doch auch der Wille von Menschen dahinterstehen. Es genügt doch nicht, daß man Gedanken ausspricht und die anderen dann sagen, sie seien damit einverstanden. Es ist nun einmal so, daß in Stuttgart die Menschen zusammengezogen sind, welche die Führung der Gesellschaft äußerlich in den letzten Jahren innehatten. Heute stehen wir an einem Punkt, wo es nicht mehr geht, bloß den Schein einer Führung zu haben, sondern wo die Führung mit einer realen Kraft in die Hand genommen werden muß. Wenn ich noch so viel sagen würde an Gedanken, es würde Ihnen ja doch nichts nützen. Nachdem all das geschehen ist, nützt es ja nichts, daß Gedanken überliefert werden, mit denen man sich dann einverstanden erklärt. Wenn man die Gesellschaft auf dem Standpunkt von 1918 gelassen hätte, hätte man keinen «Kommenden Tag» und keine Waldorfschule. Nachdem nun dies alles einmal da ist, handelt es sich darum, daß die Führung davon auch real in die Hand genommen wird. Dazu muß sich der Wille mit den Gedanken in denen, die führen wollen, verbinden, sonst liegt kein Wille und keine Kraft zugrunde. Man muß die Kraft aufbringen, um etwas zu tun. Diese Kraft muß ins Positive übergehen können. In sich selbst muß man etwas haben. Und, nicht wahr, wenn nun versucht wird, hier so etwas vorzubringen wie heute, so führt das zuletzt dazu, daß solche Vorschläge, wie der eben getane, gemacht werden. Es ist der ganzen Gesellschaft nicht eingefallen bis gestern, Dr. Rittelmeyer einzuladen. Von der ganzen Gesellschaft, die hier wochenlang beraten hat, was sie tun soll, von der wird nun Dr. Rittelmeyer aufgefordert, den Aufruf zu verfassen. Es darf nicht so aufgefaßt werden, als ob die ganze Anthroposophische Gesellschaft damit einverstanden wäre.
Adolf Arenson: Ich betrachtete es als eine Erlösung, als vorhin Frl. Dr. von Heydebrand sprach.
Dr. Steiner: Wir hätten sagen können, wir selber wollen nichts, wir übertragen das Ganze Dr. Rittelmeyer. Man soll lieber alles aussprechen, wie es ist. Es bleibt nichts anderes übrig, als daß wir sagen: Der alte Vorstand bleibt, und dann wartet man ab, was die andern sagen, die man in dieser Weise aufgerüttelt hat. Das ist das Fazit: Es bleibt der alte Vorstand, nachdem man ja zu keinem Ergebnis gekommen ist; warten wir ab, was die Gesellschaft morgen dazu sagen wird. Wozu war der ganze Feldzug aber? Wozu ist das alles inszeniert worden?
Dr. Stein: Man wollte ein Kabinettstück aufführen.
Dr. Steiner: Wir haben damit begonnen zu sagen, der alte Vorstand sei ein Kindergespött geworden, und wir endigen damit, daß die Ergebnislosigkeit dazu führt, daß der alte Vorstand bleiben muß.
Dr. Blämel: Könnte nicht Dr. Steiner, als der okkulte Führer, diejenigen bezeichnen, die die Fähigkeiten haben, die Gesellschaft aus dem Chaos herauszuführen?
Adolf Arenson: Es handelt sich jetzt darum, den Aufruf zu verfassen. Emil Leinbas: Der alte Zentralvorstand kann nicht mehr funktionieren.
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daß die Anthroposophische Gesellschaft in ihren Führern etwas wollen soll; das kann sogar mit dem auseinander gehen, was ich selber für wünschenswert halte. Es muß hervortreten dasjenige, was die Gesellschaft in ihren Führern will. Die Sache ist von dem Dornacher Unglück ganz unabhängig. Ausgegangen ist sie von dem Auftrag, den ich Herrn Uehli am 10. Dezember gegeben habe. Ich habe Herrn Uehli gebeten, mit anderen Mitgliedern des Zentralvorstandes zusammenzutreten, verstärkt durch führende Persönlichkeiten hier in Stuttgart, um Vorschläge zu machen über die Meinungen, die bestehen im Zentralvorstand und im Komitee über eine weitere Fortführung der Gesellschaft. Aus der Sache ist nichts geworden. Denn es trat mir, als ich hier ankam, ein Ausschuß von sieben Mitgliedern, eigentlich unter Führung von Herrn Uehli, entgegen. Dieser Ausschuß gebärdete sich wirklich so, als ob er den Stein der Weisen in bezug auf die Reorganisation in Händen hätte; und seine Kritik gipfelte darin, daß der alte Vorstand ein Kindergespött sei. Seither wird verhandelt. Ich stellte auch den anderen Teil der Alternative hin: daß ich sonst gezwungen wäre, mich selbst an jedes einzelne Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zu wenden, um irgendwie die Gesellschaft selber in Ordnung zu bringen. Nun, wie gesagt, statt der Ausführung des Auftrages an den Zentralvorstand ist mir hier ein Komitee entgegengetreten, und die Taten dieses Komitees haben jetzt zu diesem Ergebnis geführt, das eben charakterisiert worden ist. Entweder erklärt die Führung der Gesellschaft: Wir geben die Möglichkeit auf, die Führung weiter zu machen -—, oder sie muß aussprechen, was sie will. Aber sie muß in irgendeiner Weise eine Garantie dafür bieten, daß die Gesellschaft einen Willen hat und nicht bloß schimpfen kann. Ein wirklicher Wille muß dasein.
Nun, nicht wahr, die Verhandlungen sind aus dem Grunde so weit geführt worden, weil ich ja natürlich die äußerste Chance bieten muß, daß die Anthroposophische Gesellschaft als Gesellschaft weiter handeln kann. Sie müssen die Dinge betrachten, wie sie sind. Was geschehen ist, können wir nicht ungeschehen machen. Was bedeutet das: die Dinge bis zum Jahre 1918 zurückzuführen? Ich will nur zwei Dinge nennen. Das eine wäre die Auflösung der Waldorfschule, das andere die Ausbezahlung sämtlicher Beträge, die für Aktien einbezahlt worden sind. Man muß sich von allem die Konsequenzen klarmachen. Tiraden reden ist leicht. Wir stehen in der Gesellschaft darinnen mit Institutionen, die weitergeführt werden müssen. Deshalb ist es keine einfache Sache, wenn ich mich an jedes einzelne Mitglied wenden muß. Man kann doch nicht die Waldorfschule auflösen! Man kann doch nicht die Aktien zurückkaufen! Das aber sind die realen Unterlagen für solch eine Aktion. Wenn ich nun doch genötigt wäre, dies zu tun, so würde das bedeuten, daß von der alten Anthroposophischen Gesellschaft nichts übrigbliebe als diese realen Institutionen. Der «Kommende Tag», der muß so behandelt werden, daß er seinen Ruf nicht verliert; die Waldorfschule muß bestehen bleiben. Die Anthroposophische Gesellschaft aber muß sich auflösen, und ich wende mich an die Mitglieder, um etwas Neues zu schaffen.
Deshalb muß die letzte Chance ausgenützt werden. Ich habe, als sich die Anthroposophische Gesellschaft konstituiert hat, die ausdrückliche Bedingung gestellt, daß ich nicht ihr Mitglied bin. Sie haben lediglich darüber zu diskutieren: Wollen Sie Ihre Führung abdizieren, oder wollen Sie weiterführen? Bedenken Sie doch, daß ich mich niemals beteiligt habe an der Verwaltung der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Dinge müssen so genommen werden, wie sie sind. Man kann nicht so aus den Affekten heraus auftreten, wie Sie es getan haben, und sagen, der alte Zentralvorstand sei ein Kindergespött. Glauben Sie, daß es leicht ist, den Leuten entgegenzutreten und zu sagen, wir hätten wieder eine Nacht ergebnislos gesessen? O, das pfeifen uns schon die Spatzen von den Dächern entgegen: «Laßt’s uns aus mit allen euren Führungen!»
Marie Steiner: Es ist der Wille darauf gerichtet, Dr. Unger abzusägen. Es ist aber nicht der reine Wille da für die Reorganisation der Anthroposophischen Gesellschaft und für die Sache selbst.
Dr. Steiner: Man hat auch das Recht, einen abzusägen; aber man muß wissen, wen man dann an die Stelle setzt. Man denke sich nur einmal: Mit Recht ist das ein Kindergespött zu nennen, wenn hier beschlossen wird, nachdem drei Wochen verhandelt worden ist: Vertagen wir uns jetzt. Und das, nachdem zwölf Aufrufe entstanden sind! Nach zwei Stunden hatten zwölf Menschen beschlossen, etwas zu tun, nachdem sonst nur gewartet worden ist, daß der andere etwas tut. Ich kann nur sagen: Die einfache Tatsache, daß da zwölf Aufrufe nach zwei Stunden auftauchen, das bezeugt die Interesselosigkeit an einer Sache, die man mit einem Eifer vertreten hat, der seinesgleichen sucht. Was hätte geleistet werden können, wenn dieselben Intentionen, die in den letzten zwei Stunden entwickelt worden sind, früher vorhanden gewesen wären!
Daß nichts Erhebliches gesprochen worden ist, das ist nicht zu verwundern. Die Art und Weise, wie man denkt über eine im tiefsten Sinne ernste Sache, das ist das Charakteristische, das ist das «Stuttgarter System» bis in diese Stunde hinein. Die Anthroposophische Gesellschaft habe sch nicht zu reorganisieren. Ich habe mich an diejenigen zu wenden, die sich zur Anthroposophie gewandt haben. Die Anthroposophische Gesellschaft, über deren Schicksal entscheiden Sie! Es geht nicht, daß man morgen wieder zu den Leuten sagt: Seid so gut —— wartet, wartet!
Adolf Arenson spricht über die Reorganisation. Er gibt eine Zusammenstellung der Punkte, über die man mit den Freunden verhandeln will: Was ist nun das, was noch fehlt? Er findet nur die Notwendigkeit, die Freunde zusammenzurufen, um die schwachen Punkte zu starken zu machen.
Dr. Steiner: Nicht bloße Programme dürfen gegeben werden. Wenn man eine Willenskundgebung erlassen will, muß man darin etwas sagen. In den Worten muß eine Willensrichtung stecken. Der Vorschlag von Dr. Rittelmeyer war gut, aber es ist die tragische Situation, daß die anderen meinen, ohne das, was Dr. Rittelmeyer «starke Parolen» genannt hat, könnten sie jetzt überhaupt nicht mehr die Gesellschaft retten, an diese Parolen müßten sich die anderen alle halten. Was glauben Sie? Die Leute, die Sie als Delegierte herrufen, die wollen eine Führung hier finden. Es muß die Situation hervorgerufen werden, daß die Leute sagen: Jetzt treten uns die Stuttgarter so entgegen, daß wir ihnen folgen wollen. In Stuttgart muß man wissen, was zu tun ist. Die anderen lauern darauf, zu erfahren, was hier in Stuttgart gemacht wird. Sonst kommen wir in die reine Negation hinein.
Die Jugend ist nicht das Wichtigste. Was glauben Sie, wenn Sie heute zu keinen Parolen kommen, so wird morgen die Jugend sagen: Die wissen nichts; jetzt müssen wir es machen!- Die Jugend weiß auch nichts; die glaubt nur, etwas zu wissen, aber sie weiß nichts. Sie sprechen das Urteil über die Gesellschaft aus mit dem, was Sie Jetzt wollen oder nicht wollen. Das muß in Betracht gezogen werden. Man kann nicht sagen: Nun, berufen wir eine Delegiertenversammlung ein; die wird uns dann sagen, was wir wollen sollen.
Es sprechen Adolf Arenson, Frl. Dr. Röschl und Dr. Schwebsch.
Dr. Steiner: Das Komitee, das gestern zustande gekommen ist, hat heute getagt.1 Ein Sprecher hat den ersten Entwurf vorgelegt. Das ist der Aufruf des Komitees. Dann, nicht wahr, sind die anderen Aufrufe, die auch noch vorgebracht worden sind, da: von Dr. Unger, Dr. Heyer und so weiter. Das sind persönliche Aufrufe, genauso wie die anderen. Diese zwei Dinge müssen absolut verschieden betrachtet werden.2
Es ist die Sache so, daß dieses Komitee gestern den Entwurf von Dr. Kolisko als etwas Fertiges gehabt hat. Wir gingen auseinander: erstens, mit der Ernennung des Komitees; zweitens, mit der Bitte an dieses Komitee, den Entwurf ins Positive umzusetzen. Außerdem kann natürlich der Entwurf mit alledem, was er enthält, nicht vom provisorischen Zentralvorstand unterschrieben werden. Es war also zweitens der Ausgangspunkt für den heutigen Aufruf: daß seine negativen Punkte ins Positive übergeführt werden sollten. Der Fehler ist also der, daß keine positiven Punkte neu hineingesetzt worden sind, sondern daß nur die alten negativen Punkte weiter geblieben sind. Ich habe erwartet, daß die Negationen ins Positive umgesetzt werden würden. Materiell ist es wichtig, daß die zwölf Aufrufe an einem Übermaß von Phrasenhaftigkeit leiden; sie haben nicht genug Substanz. Diejenigen, welche den Aufruf machen, handeln nicht selbständig genug.
Früher hat Dr. Stein einmal gesagt: Wir sollten uns das Lebenswerk Dr. Steiners nicht nehmen lassen. — Es hat nun der Aufruf den folgenden Eindruck gemacht: Die Punkte, die ich selbst gegeben habe, sind zwar gehört worden, aber sie sind ohne innere Verknüpfung in dem Aufruf aufgetaucht. Es handelt sich darum, daß man eine solche Sache als etwas Eigenes macht. Ich habe deshalb diese Dinge noch einmal wiederholt. Nicht wahr, was Sie da hineingeschrieben haben, das hat nicht genug Affinität zu den Persönlichkeiten. Das ist schon das, worauf es ankommt.
José del Monte spricht.
Dr. Steiner: Dr. Rittelmeyer hat seine Rede damit begonnen, daß er dasjenige, was er gesprochen hat, innerhalb des Komitees ausführlich mitgeteilt hat. Ich wundere mich nur, daß davon in dem Aufruf des Komitees nichts steht, auch dasjenige nicht, was gestern als Auftrag erteilt worden ist: die Negation in ein Positives zu verwandeln.
Ich kann nicht die Punkte formulieren, die zuletzt die positiven sein sollen. (Notiz von Dr. Heyer: «Es wäre schädlich, wenn ich die positiven Punkte angäbe.») Das müssen diejenigen machen, die in der angegebenen Richtung zu arbeiten haben. Ich will nur das Folgende sagen im Zusammenhang mit dem, was entstanden ist. Vielleicht nicht auf Grundlage, aber in zeitlicher Aufeinanderfolge mit meiner Bitte an Herrn Uehli am 10. Dezember geschah, daß ein Komitee auftrat, als ich hier ankam. Dieses Komitee hätte in zweierlei Weise verfahren können gegenüber denjenigen Menschen, die sich heute für die Reorganisation der Gesellschaft interessieren. Dieses Komitee hätte versuchen können, sich dafür einzusetzen, daß etwas an die Stelle des alten Zentralvorstandes gesetzt würde, wenn der alte Vorstand nichts taugt. Oder es hätte sich dieses Komitee nach der Richtung hin einsetzen können, das Vertrauen zum alten Vorstand wieder in irgendeiner Weise zu befestigen durch ein arbeitendes Herstellen von möglichen Verhältnissen. Diese zwei Dinge wären möglich gewesen. Nun hat dieses Komitee das erstere gewählt, aber ist mit keinem wirklichen positiven Vorschlag gekommen.
Nun sind wir aus all der Misere gestern dazu gekommen, ein Komitee zu bilden, das ungefähr so ist wie dasjenige, was ich mir vorgestellt hatte, daß es der alte Vorstand hätte bilden können. Ich habe mir das so vorgestellt, daß der alte Vorstand ungefähr dieses Komitee gebildet hätte aus der Synthese der positiven Tätigkeiten in der anthroposophischen Sache. Es ist aus allen nötigen Antezedenzien zusammengesetzt. Dieses Komitee hat zu gleicher Zeit die Möglichkeit, die Schattierungen des Alten zu vertreten, und es hat durch seine beiden Mitglieder Herr von Grone und Wolfgang Wachsmuth, die jung sind, die Möglichkeit, vor der Jugend bestehen zu können. So daß ich schon heute morgen — weil man der Jugend eine Auskunft geben muß — sagte:3 Ich bin bloß neugierig, ob die Alten unter den Jungen akzeptieren werden die Jungen unter den Alten. Ich fragte also, ob die Alten unter den Jungen die Jungen unter den Alten akzeptieren würden. Man sagte mir, das würde nur davon abhängig sein, wie die uns entgegenkommen würden. — Das neue Komitee hat die Möglichkeit, als etwas Altes zu bestehen; und es hat zu gleicher Zeit die Möglichkeit, von der Jugend akzeptiert zu werden.
Die Dinge müssen sich aus den realen Tatsachen ergeben. Das Komitee ist außerdem, wie schon gesagt, so zusammengestellt, daß es eine Synthese ist derjenigen positiven Tätigkeiten, welche die maßgebenden sind in der anthroposophischen Bewegung. Dieses Komitee ist aus der Sache selbst heraus gegeben. Wenn wir aber nichts zustande bringen, dann muß die Gesellschaft abdizieren.
Wenn nur das Komitee sich in der richtigen Weise betätigt. Dr. Kolisko gehört für die Jugend zu den Alten; er wird schon der «zweite seelenlose Dialektiker» genannt; Dr. Kolisko gehört zu den Jungen unter den Alten. Indem dieses Komitee zwei Prominente, noch ganz unbeschriebene Persönlichkeiten unter sich hat, braucht es sich nur nach der einen oder anderen Richtung hin in der richtigen Weise zu offenbaren. Ein Komitee muß so sein, daß es nach den verschiedensten Richtungen hin wirken kann. Das Komitee könnte nicht besser zusammengesetzt sein. Warum es nicht gehen soll, kann ich nicht begreifen.
Bedenken Sie nur: Wir haben hier eine gegenseitige Anschuldigung in ärgstem Maße angehört, bevor ich in der vorigen Woche weggefahren bin. Ich bat, als ich wegfuhr, es solle der provisorische Ausschuß die Sache so weit bringen, daß wir am nächsten Montag die Sache verhandeln könnten. Ich hatte im Gedächtnis dasjenige, was hier verlesen worden war. Es ist die Frage gewesen, ob man hier noch eine Montag-Sitzung abhalten soll. Wenigstens konnte der Aufruf vorgebracht werden. Was ist geschehen am Montag? Diese Sitzung am Montag war eine glatte Wiederholung der Sitzung, die schon war, bevor ich nach Dornach gereist bin. Es war dasselbe wieder geschehen. Natürlich kommen kleine Varianten vor; die macht schon die Zeit allein, weil man sich an den früheren Vorgang nicht mehr genau erinnert. Als ich monierte, daß eine genaue Wiederholung da sei, wurde mir gesagt, es sei mit anderen Untergründen. Man antwortete mir außerdem, daß man mit den Leuten verhandeln müßte. Nun waren wir gleich so weit, daß eine glatte Wiederholung stattgefunden hatte und man neuerdings begreiflich machen mußte, daß ein solcher Aufruf zustande kommen müsse. Wir können die Sache so fortsetzen. Von gestern auf heute ist es eine glatte Wiederholung, mit Ausnahme dessen, was die Gedankenpause hervorgebracht hat.
Wir haben gestern eine denkwürdige Abstimmung gehabt.4 Ich habe darüber abstimmen lassen, wer den Aufsatz von Herrn von Grone gelesen habe. Ich habe abstimmen lassen, wer ihn nicht gelesen hat: Das war die überwiegende Majorität. Wenn ich in die Waldorfschule hinaufkomme, liegen da die Zeitschriften viele Tage lang. Die Interesselosigkeit beginnt damit, daß man sich nur um sein eigenes engstes Gebiet kümmert. Man ist hier nicht mehr Anthroposoph nach und nach; man ist wirklich nicht mehr Anthroposoph. Man braucht drei Wochen, bis man zu dem Entschluß kommt, sich auf die Anthroposophie zu besinnen.
Aus alledem folgt das, was heute abend Dr. Rittelmeyer gesagt hat. Sie würden nicht in Abrede stellen können, wenn Sie bei den kleinen Komitee-Verhandlungen gewesen wären, daß diese Punkte alle schon vorgebracht worden sind; das meiste sogar ausführlicher. Um das hat man sich nicht gekümmert. Man hätte zurückgreifen können auf die Dinge, die hier wochenlang behandelt worden sind. Solange wir uns nicht bequemen, aus der Wirklichkeit heraus zu schöpfen und nicht aus einem Buch heraus Tiraden zu holen, kommen wir zu nichts. Der Leser spürt, ob etwas Reales in dem Aufruf steckt. Es muß der Geist hineinkommen, der mit gutem Willen auf die Tatsachen eingeht. Und dieser Geist ist es, gegen den man Opposition macht.
Nun weiß ich nicht, ob wir morgen abend abermals eine Kopie erleben werden. Wenn wir nicht alle Anstrengungen machen, dann kommen wir schließlich dazu, daß die Revolution in der Gesellschaft lichterloh brennt. Mindestens darüber müßte man sich klar sein, daß auch Herr Leinhas dableiben müßte, wenn wir dableiben und erst
Freitag früh fahren. Dann müßte die Zeit aber verwendet werden zur Arbeit.
Adolf Arenson: Ich wehre mich dagegen, daß es heißt, daß dieser Kreis jenen Vorschlag gemacht hat.
Dr. Steiner: Es kann sich jeder wehren, der den Antrag nicht gestellt hat. Die Tatsache liegt doch vor, daß heute abend aus diesem Kreis heraus dieser Antrag gestellt worden ist. Sie können nun entsetzt sein darüber, daß diese Tatsache aufgetreten ist. Mindestens über die fundamentalsten Dinge müßte ein solcher Kreis einig sein, so daß er sich nicht selbst ad absurdum führt.
Morgen also der Gesamtkreis.