The Fateful Year of 1923
GA 259 — 13 February 1923, Stuttgart
Sitzung mit dem Dreissigerkreis
Dienstag, 13. Februar 1923 (nachmittags 4 Uhr)
Dr. Steiner: Nachdem nun der Aufruf glücklich zustande gekommen ist1 und damit die Geneigtheit dieses Kreises sich gezeigt hat, die Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft in Angriff zu nehmen, wäre es gut, wenn für die heutige Verhandlung nun aus der Mitte der Versammlung heraus eine Art Vorsitz dieser Versammlung gewählt würde. Dann würde das dem inneren Gang der Sache am besten entsprechen. Wir waren bisher gewissermaßen eine ungeordnete Gruppe von Menschen, und die soll jetzt in eine bestimmte Willensgemeinschaft hineintreten, was auch schon öfter betont worden ist. Deshalb möchte ich Sie bitten, daß ein Vorsitzender aus Ihrer eigenen Mitte gewählt würde, damit die Verhandlung heute recht fruchtbar ist und möglichst so verläuft, daß man sieht, daß aus der Delegiertenversammlung etwas werden kann. Es wird nur dann etwas daraus werden, wenn aus der Gruppe der hier versammelten Persönlichkeiten eine Art selbstverständliche geistige Führung und Direktion hervorgeht.
Es folgt der Vorschlag, Emil Leinhas zum Vorsitzenden zu bestimmen.
Emil Leinhas: Ich möchte nur zu bedenken geben, daß ich nicht genügend im Bilde bin.
Dr. Steiner: Da nun offenbar im Laufe der letzten Tage sich das Heutige vorbereitet hat, so würde es begründet sein, daß irgend jemand, der mitten drinnen steht, den Vorsitz übernimmt.
Herr Baravalle: Ich schlage Dr. Wolfgang Wachsmuth vor, wenn es Herr Leinhas nicht sein könne.
Dr. Wolfgang Wachsmuth und Dr. Kolisko werden vorgeschlagen. Emil Leinhas: Ich nehme die Wahl an, wenn es sein muß.
Dr. Steiner: Dann bitte ich diejenigen der verehrten Anwesenden, die für Herrn Leinhas sind, die Hand zu erheben.
Es wird abgestimmt und Emil Leinhas zum Vorsitzenden gewählt. Dr. Steiner: Ich werde jetzt um so aufmerksamer zuhören können.
Emil Leinhas: Das Rundschreiben soll an alle Mitglieder in Deutschland versandt werden. Herr Werbeck soll doch wohl teilnehmen? (Notiz von Dr. Heyer: «Aufruf ohne Unterschrift von Werbeck? Empfindlichkeiten gegen Werbeck?»)
Es sprechen dazu: Dr. Kolisko, Dr. Heyer, Emil Leinhas und Toni Völker.
Dr. Steiner: Außer dem vorgebrachten Grunde der Empfindlichkeit sehe ich nicht, was dagegen sprechen könnte. Die Tatsache, daß diese Empfindlichkeit eine solche Rolle spielt in der Anthroposophischen Gesellschaft, diese Tatsache ist die eigentlich ruinöse. Wir können die Anthroposophische Gesellschaft aufstecken, wenn wir auf die Empfindlichkeiten rechnen. Diese Empfindlichkeiten zeigen sich nicht nur in ihrer nackten Gestalt, sondern auch in allen möglichen Masken. Sie sind im Laufe der Jahre zu einer ungeheuren Gewalt gekommen, da sie kajoliert worden sind. So ist dies einer der Faktoren, die ruinös geworden sind. Wenn man gleich wieder mit den Empfindlichkeiten rechnet, ist die Neugestaltung vergeblich. Man muß anfangen, die Unwahrhaftigkeit abzulegen und mit Wahrhaftigkeit zu sagen: Wir können eine Philister-Gesellschaft gründen, dann können Empfindlichkeiten eine Rolle spielen. Wir werden dann aber die Anthroposophie aus der Gesellschaft heraustreiben. - Man muß sich Mühe geben, diese Empfindlichkeit zu überwinden.
Emil Leinhas: Man muß oft Rücksicht darauf nehmen.
Dr. Steiner: Das kann man in anderen Dingen tun. (Notiz von Dr. Heyer: «nicht in prinzipiellen Dingen»)
Emil Leinhas: Werbeck wird ins Komitee aufgenommen, und es soll später eine Erklärung abgegeben werden, warum sein Name nicht unter dem Aufruf steht.
Dr. Kolisko spricht.
Emil Leinhas gibt das genaue Programm der Delegiertentagung bekannt und stellt es zur Diskussion. Viele Redner sprechen dazu.
Dr. Steiner (2): Dann würden wir auf die Vorschläge von Schwebsch eintreten, der am meisten spezialisiert ein solches Programm vorgeschlagen hat.
Dr. Schwebsch: Ich habe mir einiges überlegt, wie Tagesüberschriften: 1. Lage der Zwerge; 2. Zweigarbeit; 3. Vertrauensorganisation; 4. innere Geschichte und
Geschichte der Institutionen; 5. Nachwuchs und Jugendbewegung; 6. Gegnerbehandlung.
Ein Redner meint, es solle gefragt werden, ob die Delegiertenversammlung damit einverstanden ist, daß dieses Komitee die Führung behält.
Dr. Steiner: Sie setzen sich der Gefahr aus, daß eine Zufallsführung kommt. Wie wollen Sie es verhindern, daß ein Zufallspräsident gewählt wird?
Dr. Kolisko: Die Leitung muß von da ausgehen, von wo die Einladungen ausgehen.
Dr. Steiner: Es wird sich bloß darum handeln, daß die Frage vorher durch das Auftreten des Komitees verhindert wird. Es sollte gar nicht das Begehren entstehen, daß irgendwie ein Präsident gewählt wird. Es sollte dies Begehren nicht entstehen. Was ich fürchte, ist, daß eben nicht genügend vom Komitee und aus diesem Kreis heraus gesprochen wird, so daß wirklich von vorneherein ein neuer Ton da wäre. Also das ist dasjenige, was so stark als ein Mangel aufgetreten ist, daß man sich nicht bewußt geworden ist, was es heißt, eine solche Gesellschaft zu führen. Das kann bei dieser Delegiertenversammlung dazu führen, daß ein Zufallspräsident gewählt wird. Irgendein Mitglied, das vorgestern in die Anthroposophische Gesellschaft eingetreten ist und das etwas geschickt sagt, wird dann als Präsident gewählt. Das passiert namentlich, wenn sich solche Dinge wiederholen und wenn man sich nicht bewußt ist, daß sie sich nicht wiederholen dürfen. Dann geschieht alles mögliche.
Es ist gestern moniert worden, daß — wenn ich mich so ausdrücken darf — die Regie ganz und gar versagt habe. Ich konnte nur die Nachwirkungen wahrnehmen, weil ich erst spät angekommen bin. Gestern soll es so gewesen sein, daß im Grunde genommen während des ganzen Abends dieser Dreißigerausschuß überhaupt nicht in Aktion getreten ist, sondern durch geistige Abwesenheit geglänzt habe.2 Es kann schiefgehen, wenn dies bei der Delegiertenversammlung sofort wieder auftritt, daß kein Ton angegeben wird, daß man sich nicht bewußt ist, was die eigentliche Pflicht dieses Kreises der «Großköpfigen» ist. Wenn man sich dessen nicht bewußt ist, daß etwas getan werden muß, damit die anderen auch einen Grund haben, das Komitee anzuerkennen, dann kann es auch schiefgehen.
Mehrere, Dr. Unger, Dr. Kolisko und Emil Leinhas, reden darüber, daß die Mitglieder des Kreises sprechen sollten.
Dr. Steiner: Alle Mitglieder dieses Neunerkomitees sind ja in diesem Dreißigerkreis darinnen. Und ebensogut, wie diese Sieben aus dem Dreißigerkreis unterschrieben haben, könnten auch unter Umständen andere Sieben es sein und wiederum andere Sieben. Der Aufruf wird von den einzelnen Mitgliedern des Dreißigerkreises unterschrieben. Nur vom Dreißigerkreis selbst könnte er nicht unterschrieben sein, weil der Dreißigerkreis als solcher — was hinausgesickert ist-, eben in seiner Gesamtheit sich als ein Unmögliches hingestellt hat. Es ist doch so, daß dieser Dreißigerkreis etwas Furchtbares ist. Besonders schrecklich gewütet hat er in der Versammlung, wo sich der Kreis verstärkt hatte [siehe die erweiterte Dreißigerkreissitzung vom 22. Januar]. Wenn darunter geschrieben worden wäre: Dreißigerkreis, so wäre das unmöglich gewesen. Wenn seine Mitglieder aber gegenüber der Delegiertenversammlung als einzelne auftreten, so ist das nur eines jeden Pflicht und Schuldigkeit. Ich sehe nicht ein, warum sie nicht dabei sein sollten. Das ist doch tatsächlich gar nicht zu ergründen, warum erst ein Mandat geschafft werden sollte für diejenigen, die hier hätten das Interesse der Gesellschaft vertreten sollen.
Beachten Sie eine einzige Tatsache, die heute abend erwähnt worden ist. Man könnte eine zweite ebensogut kriegen. Das ist dies, daß die Mitglieder der einzelnen Zweige hocherfreut waren, als das zweite Mitteilungsblatt gekommen ist. Wenn nur die Mitglieder draußen überhaupt etwas hören von dem, was in Stuttgart vorgeht, dann sind sie froh. Das Schreckliche war nur das, daß der Zentralvorstand am 4. Dezember sich gesagt hat: Ich werde da ein Mitteilungsblatt hinausgehen lassen; und nachher hat er die Gesellschaft ignoriert. In der Zeit seither ist nichts geschehen. Als dann ein Lebenszeichen kam in der Form des Mitteilungsblattes, waren die Mitglieder heilfroh. Wenn nur jemand freundliche Nasenlöcher machen wird im anthroposophischen Sinne, dann wird die Sache schon da sein. Sie können nicht verlangen, daß durch die bloße Unterschrift — man kann die Nasenlöcher ja nicht dazu zeichnen -, daß ohne diese freundlichen Nasenlöcher die Mitglieder das mit entnehmen, was der Dreißigerkreis mit dem Aufruf geleistet hat. Die einzelnen Mitglieder sind nicht ausgelöscht dadurch, daß man sagt, der Dreißigerkreis als Ganzes sei eine Blamage. Um so mehr sollte man sich darauf präparieren, am besten vor dem Spiegel, die freundlichen Nasenlöcher zu machen. Hoffentlich konzentriert der Kreis die Aufmerksamkeit etwas auf die Nasenlöcher.
Ich muß morgen mit den einzelnen Menschen sprechen und Lehrerkonferenzen abhalten; abends ist es schon zu spät. Es müßte heute fortgesetzt werden können.
[Da die Sitzung wegen des Vortrages von Rudolf Steiner im Stuttgarter Zweig unterbrochen werden muß, soll später fortgesetzt werden.]