The Fateful Year of 1923

GA 259 — 24 February 1923, Stuttgart

Die sechsten und zugleich letzten Stuttgarter Verhandlungen vor der Delegiertentagung am 24. Februar 1923

Sitzung Mit Dem Dreissigerkreis

Dr. Steiner: Es kommt darauf an, daß die Anthroposophische Gesellschaft geltend macht, was sie will.

Emil Leinhas: Es soll vorgetragen werden, was zu den Referaten [über die verschiedenen Institutionen an der Delegiertenversammlung] noch zu sagen ist.

Mehrere: Heyer, Stein, Maier, Hahn, Stockmeyer, Rittelmeyer, Krüger und Leinhas sprechen über den «Bund für freies Geistesleben». Man solle ihm konkrete Aufgaben für die Jugend stellen.

Dr. Steiner: Der «Kommende Tag» kann die Dinge nicht mehr finanzieren. Bei den großen Ausgaben, die unsere Institute erfordern, wird es nicht möglich sein, derartige Dinge zu finanzieren. Dann muß sich aber zeigen, daß die Welt sich dafür interessiert. Der «Kommende Tag» könnte nur in der Lage sein, solche Dinge zu finanzieren, wenn er auf eine breitere Basis gestellt werden könnte. Es begegnet einem oft die Meinung, daß sich die Leute nicht dem «Kommenden Tag» anschließen wollen, wohl aber daran verdienen möchten. Solange dies nicht möglich ist, daß wir alles in den «Kommenden Tag» mit hineinbeziehen, so lange werden wir nichts erreichen können.

Eine große Anzahl von Rednern — Stockmeyer, Kolisko, Werbeck, Baravalle, Heyer, von Grone, Leinhas, Kolisko, Rittelmeyer — sprechen programmatisch über den «Bund für freies Geistesleben» und auch über die Zeitung «Anthroposophie».

Dr. Steiner: Wenn wir zufällig erfahren hätten, daß ein Referat über Eurythmie gehalten werden sollte, so würde man das natürlich deplaciert gefunden haben. Die Eurythmie hat ihren Inhalt in sich. Es handelt sich wohl darum, daß sich gar nicht die Notwendigkeit ergibt, über die Eurythmie zu sprechen. Denken Sie sich, wenn das Referat über religiöse Erneuerung die Anweisungen darüber enthielte, was die Leiter zu tun hätten, zum Beispiel beim Gottesdienst! Dagegen gibt es eine Menge von Agenden, die der Gesellschaft zufallen in bezug auf die Bewegung für religiöse Erneuerung. Auf die gleiche Weise müßten wir reden über solche Dinge wie die Zeitung [«Anthroposophie»] und den «Bund für freies Geistesleben». Dagegen unterhalten wir uns fortwährend über die Substanz der Sache. Das wird nicht die Aufgabe der Delegiertenversammlung sein, sondern es wird die Aufgabe sein, zu zeigen, was die Anthroposophische Gesellschaft als solche dabei zu leisten hat. Sie werden auch das Referat über die Waldorfschule nicht so gestalten [können], daß Sie über den Lehrplan reden, sondern darüber, was die Gesellschaft zu tun hat. Wenn man sich nicht an die Sachen hält, so werden die Leute auseinandergehen. Die Fragen müssen so behandelt werden, daß man in der Delegiertenversammlung den Eindruck bekommt: Diese Leute wissen, was sie mit der «Anthroposophie» machen, diese Leute wissen, was sie mit dem «Bund für freies Geistesleben» machen.

Nun handelt es sich darum, den Mitgliedern Anregungen zu geben, was die Anthroposophische Gesellschaft zu tun hat, damit die anthroposophische Bewegung durch sie gespeist werden könne. Auf diesen Punkt müßte die Erörterung konzentriert werden. Man müßte ein Bild geben, zum Beispiel beim «Bund für freies Geistesleben», daß er eine große Berechtigung im ganzen Geistesleben der Gegenwart hat. Man muß mit ein paar Strichen darauf hinweisen, wo die Faktoren sind, aus denen er seine Substanz schöpfen kann. Man müßte zeigen, wie die Gesellschaft das in sich aufnehmen will und was sie dabei tun kann.

Die Frage der Finanzierung beantwortet sich durch die anthroposophische Bewegung. Wir haben nie uns um die Finanzierung der anthroposophischen Bewegung gesorgt. Wir haben gar nichts finanziert. Der «Bund für freies Geistesleben» wird am besten finanziert sein, wenn man ihn sich selbst finanzieren läßt. Wenn man fortwährend danach trachtet, Fonds zu schaffen, die man ausgibt in der unsachlichsten Weise, bis nichts mehr da ist, und nicht darauf schaut, daß die Sache selbst sich finanziert, so geht es nicht. In der Anthroposophischen Gesellschaft haben wir bis 1918 nicht über Finanzierungsfragen zu sprechen gehabt. Wenn man so reden muß, wie vorhin über Finanzierungsfragen geredet worden ist, so ist das darum, weil man nur an Fonds denkt.

Dinge, die innerliche Lebenskraft haben, werden sich selbst durchsetzen. Es darf die Gesellschaft am Mittwoch nicht so auseinandergehen, daß kein Ergebnis geliefert wird; daß über alles mögliche geredet wird, nur nicht über die konkreten Aufgaben der Gesellschaft, diese großen Aufgaben, die vorliegen für die Waldorfschule, für das Forschungsinstitut, Eurythmie, Kunst. Dann kommt die Erörterung über das Gemeinschaftsleben von selbst in die Diskussion hinein. Wenn wir uns so wie bisher weiter unterhalten, dann gehen die Mitglieder am Schluß wieder so fort, wie sie kommen werden. Es muß gezeigt werden, daß die Dinge da sind und was man mit ihnen zu tun hat. Wenn über die Aufgaben der Gesellschaft geredet wird, wird aus einer solchen Diskussion hervorgehen, daß auch die Zeitung ordentlich redigiert wird.

Es wird über den Verlag [«Kommender Tag»] gesprochen, Wolfgang Wachsmuth, Dr. Kolisko.

Dr. Steiner: Der Verlag des «Kommenden Tages» ist gerade eine Institution für ein freies Geistesleben, was wiederum eine Gabe der Anthroposophischen Gesellschaft ist. Die Gesellschaft müßte diese Tätigkeit fortsetzen.

Die Dankbarkeit muß dadurch zum Ausdruck kommen, daß das Geistesgut verbreitet wird. Aus dem Vorhandensein des Geistesgutes ergibt sich die Verpflichtung, das Geistesgut zu schützen.

Es wird über den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag gesprochen.

Dr. Steiner: Der Philosophisch-Anthroposophische Verlag kann zufrieden sein. Er wird seine Aufgaben erfüllen auch dann, wenn die Gesellschaft wirklich in Tätigkeit tritt. (Notiz von Dr. Heyer: «Er bekommt höchstens neue Aufgaben, wenn die Gesellschaft funktioniert».) An sich braucht man ihn kaum zu erwähnen.

Marie Steiner: Es war aber doch eine Zeit da, wo man ihn als überwunden hinstellte und über ihn hinauswollte. Es war eine Epoche da, wo er sich hat wehren müssen.

Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daß man das, was gut geht, richtig sich entwickeln läßt und auf den wirklichen Schaden hinweist. Der liegt in der Tendenz, daß man etwas tun wollte für den Verlag. Dieses Nicht-sich-Hineinmischen in etwas, was in sich solid begründet ist, das ist dasjenige, was die wirkliche Aufgabe ist. Auf eine allgemeinere Note muß man es stellen. Es ist schon früher so gegangen, da ist die Tendenz aufgetaucht, man müsse mit den Dingen etwas tun, die in Ordnung waren. Statt daß man sich bekümmert hat um die Dinge, die in Unordnung waren, hat man sich immer bekümmert um Dinge, die in Ordnung waren.

Marie Steiner: Man hat gedacht, daß die Damenwirtschaft abgetan werden sollte und die Sache weltmännisch werden müsse.

Dr. Steiner: Man erwähnt ihn als in der Sache begründet, in nationalökonomischen Vorträgen als ein Beispiel dafür, das auf einer gesunden Grundlage basiert ist. Man hatte zuerst den Konsum, so daß er auf einer gesunden Grundlage basiert ist. Man muß ihn vom anthroposophischen Gesichtspunkt aus erwähnen. Gewiß, man kann auch zuerst einen Rahmen haben und dem nachher einen Inhalt geben. Im Grunde genommen ist der Unterschied bei diesen Verlagen der, daß der Philosophisch-Anthroposophische Verlag aus der anthroposophischen Bewegung hervorgegangen ist, und der «Kommende Tag»-Verlag ist deshalb entstanden, weil man einen Verlag gründen wollte in Opposition gegenüber dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag. Das ist etwas, was hier in Betracht kommt. Das eine ist etwas, was aus anthroposophischen Angelegenheiten heraus notwendig geworden ist; das andere ist etwas, was ungeheuer verknüpft ist mit den Dingen, die aus unsachlichen Gesichtspunkten gegründet worden sind. Alle diese Art Gründungen haben dadurch der Bewegung diese vielen Schwierigkeiten bereitet. Sie glauben gar nicht, welche Schwierigkeiten es jetzt macht, vor welchen berghohen Schwierigkeiten man jetzt dadurch steht, daß zum Beispiel die Schrulle aufgetaucht ist, die finanziellen Angelegenheiten des Goetheanum durch eine Stuttgarter Treuhand-Gesellschaft verwalten zu lassen. Das ist etwas, was einem wie Fesseln anhängt. Ich bin sogar genötigt gewesen, in den letzten Tagen den Experten zu sagen, man wolle jetzt etwas als vernünftig hinstellen, was ich für unvernünftig angesehen habe. Diese Dinge haben «die wirklich praktischen Leute» begründet, und sie stellen sich heraus als das unpraktischste Zeug, das es geben kann. Gewiß, wenn Stimmung der Persönlichkeit und Energie der Persönlichkeit dahintersteht, kann man in solche recht viel hineingießen. Davon muß in den nächsten Tagen geredet werden. Man kann die Dinge seit 1918 nicht aus der Welt schaffen; aber man muß erklären, daß man ihnen einen Inhalt geben will.

Dr. Krüger äußert sich dazu.

Dr. Steiner: Es liegt viel daran, wie die Dinge seit 1918 getrieben worden sind. Es muß der Wille ersichtlich werden, daß die Dinge nicht so weiter getrieben werden, daß sie nicht aus Gesichtspunkten gemacht werden, die zu der Anthroposophie heterogen sind. Es ist da der rein anthroposophischen Tätigkeit etwas von außen angeflogen. Es ist nicht die Anthroposophie, die einen von der übrigen Welt abschließt. Sie können sogar die Erfahrung machen, daß die Leute von der Anthroposophie durchaus alles mögliche wissen wollen. Die Dinge, die sich daran gereiht haben, die sind es, welche die Anthroposophie diskreditieren. Man muß die Dinge schon beim richtigen Namen nennen.

Ist es notwendig gewesen, daß man 1918 zum Württembergischen Staatspräsidenten gelaufen ist ohne mein Wissen, so daß einem nun diese Dinge angehängt werden? Ist es nötig gewesen, daß man etwas so Unanthroposophisches verquickt hat mit der anthroposophischen Strömung? Diese Dinge sind dasjenige, was uns in den Abgrund geführt hat. Man muß sich bewußt werden, daß die Dinge so nicht gemacht werden dürfen. Ist es notwendig, daß man diesen ganzen Kohl machte? Wenn in den nächsten Tagen nicht geredet wird von den Dingen, auf die es ankommt und bezüglich derer man sich sagen kann: Da sind Fehler gemacht worden — und die Fehler werden auf die Weise vermieden, daß man sich bewußt wird, in welcher Richtung die Fehler gemacht worden sind und wie man es also anders machen wird -, so kommen wir nicht weiter. Es muß gezeigt werden, daß es auf dieses positive Andersmachen ankommt (Notiz Dr. Heyer: «nicht pater peccavp»).

Ernst Uehli: Ich habe es übernommen, ein Referat über Eurythmie zu halten.

Dr. Steiner: Ich benutze nur die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, daß die Frage behandelt werden muß: Was hat die Gesellschaft zu tun in bezug auf die vorhandenen Probleme? Es kann dabei geredet werden über die Dinge, die von unseren anthroposophischen Bestrebungen abgeführt haben. Alle diese Bestrebungen hätten auch anthroposophisch geleitet werden sollen, wie es bei der Eurythmie der Fall war. Alle diese Dinge hätten auch im anthroposophischen Sinne gemacht werden können. Man hat sie aber im bürokratischen Sinne gemacht. Es wäre gerade so, als wenn man die Waldorfschulmethode dadurch verbessern würde, daß man allen möglichen Kohl hineinmischt. In den übrigen Gebieten ist es aber geschehen, daß man allerhand Kohl von außen her hineingemischt hat.

Louis Werbeck soll das Referat über die Gegner übernehmen.

Dr. Steiner: Man muß sich auf den Standpunkt der wirklichen Verhältnisse stellen. Es kommt darauf an einzusehen, daß die Verhältnisse schlechter werden, so daß wir damit zu rechnen haben, daß die Bücher auf dem Wege durch den Sortimentsbuchhandel boykottiert werden. Mit diesem Faktum muß durchaus gerechnet werden. Nun muß in den nächsten Tagen zu unsern Mitgliedern so geredet werden, wie das «Berliner Tageblatt» sich getraut hat, zu seinen Abonnenten zu reden. Die Franzosen haben es im Ruhrgebiet wegen bestimmter Artikel verboten. Das «Tageblatt» hat gesagt: «Wir werden trotzdem Mittel und Wege finden, daß alle diejenigen das Tageblatt weiter bekommen, die es vorher bekommen haben.» Wir können nichts erreichen nach der Richtung hin, daß die Sortimenter die Bücher verzapfen. Wir müssen die Mittel und Wege suchen, wie unsere Literatur verbreitet werden kann.

Dann wird es notwendig sein, daß sich die Zweige zu Verbreitern der anthroposophischen Literatur in realer Weise machen, aber so, daß man es merken kann, daß tatsächlich die Gesellschaft tätig ist für die verschiedenen Gebiete. Wir müssen neue Kanäle suchen. Das empfehle ich schon seit zwei, drei Jahren; nur ist es nicht viel berücksichtigt worden. Um neue Kanäle aufzusuchen, dazu muß man schon sein Hirnschmalz in Bewegung setzen. Zur Kritik gehört nur Gescheitheit. An Genies fehlt es uns ja wirklich nicht. Aber es fehlt am guten Willen. Beim guten Willen muß man das Hirnschmalz in Tätigkeit setzen. Das ist beim Geniewirken nicht nötig. Man kann zugleich ein Genie sein und ein bloßer Automat.

Es wird in bezug auf die Gegnerfrage über den Fall Goesch gesprochen.

Dr. Steiner: Sie brauchen sich nur das dicke Elaborat zu nehmen, das der Goesch geschrieben hat, kurz nachdem er ausgeschlossen worden war. Das brauchen Sie sich nur vorzunehmen: fortwährende Wiederholungen, Kleinigkeitskrämerei, Berührungsfurcht vor Händedruck und so weiter. Sie können ein absolut sicheres Krankheitsbild aus diesen Dingen zusammenstellen. Ich halte es nicht für richtig, aus seinen eigenen Äußerungen die Dinge zusammenzustellen. Das ist nicht maßgebend. Bei diesen Dingen kann man «Situationen» hinwerfen. Ich habe die Sache irgendwo erwähnt; man könnte das wissen, nachdem jeder Dreck nachgeschrieben wird. Zum Beispiel schreibt da der Goesch, daß die Kinder acht Tage vor einer großen Schlacht speien. Wenn Sie das Elaborat nehmen, finden Sie alle Symptome, die ein geschlossenes Krankheitsbild ergeben. Dieses klinische Bild habe ich in einem Dornacher Vortrag behandelt.

Die Hauptsache ist die, daß es sich darum handeln würde, daß die Anthroposophische Gesellschaft begreift, was ihre Pflichten sind. Der Fall Goesch ist liegengeblieben; er ist liegengelassen worden. Man hat sich nicht weiter darum gekümmert. Aber wenn die Anthroposophische Gesellschaft da ist und an einen Anforderungen stellt, so wäre sie verpflichtet, die Sachen zu verfolgen. Es handelt sich darum, aufmerksam zu machen, welches die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft in jedem einzelnen Falle sind.

Ebenso einfach ist es bei Seiling klarzumachen. Er ist Gegner geworden bloß aus dem Grunde, weil unser Verlag seine ChristusBroschüre nicht angenommen hat. Es nützt nichts, wenn das in einem Nebensatz steht. Das muß immer wiederum vor die Nase gerückt werden, es muß immer wieder gesagt werden. Die Archive haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Sachen einzusperren und in nichts eine Verantwortung zu übernehmen. So wurden auch die Vorträge, in denen so etwas steht, eingesperrt, so daß die Dinge jetzt zum Skandal geworden sind. Das gehört mit in den Rahmen des Ganzen. Man muß die Gegner richtig charakterisieren.

Der Goesch ist ein Krankheitsfall. Er ist fachmännisch zu vernichten, weil er einfach ein pathologischer Fall ist. Viele Leute hätten über ihn eine Abhandlung schreiben können, haben es aber nicht getan. Ich begreife nicht, warum es nicht gelungen ist, diesen Fall Goesch interessant zu finden. Es ist ein interessanter medizinischer Fall. Da muß man wirklich sagen: Jedes einigermaßen psychiatrisch interessierte Journal würde diese Abhandlung übernommen haben, wenn statt «Goesch» «y» gesagt haben würde. Heute hätte man dann auf den Goesch hinweisen können. Dazu ist die Psychiatrie berechtigt. Es wird über die wissenschaftlichen Kurse Dr. Steiners «Wärme- und Lichtlehre» [GA 320, GA 321] und ihre Herausgabe gesprochen.

Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daß Sie selbst das machen, was Sie für notwendig halten. Bei den Kursen handelt es sich darum, daß ich sie korrigieren müßte, damit sie nicht verschiedenen Kohl enthalten, sondern sinngemäß sind. Wir kommen nicht mehr daran herum, daß alle diese Dinge einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Der eine Kurs hat gehandelt über Wärmelehre. Nun kann, mit Zugrundelegung dieses Kurses, eine Wärmelehre geschrieben werden, wie man gewohnt ist, eine Wärmelehre zu schreiben. Es kann eine Optik mit Zugrundelegung dieses Kurses über Lichtlehre geschrieben werden, so daß die Physiker sehen würden, daß es möglich ist, solche Kapitel auf diese Weise anthroposophisch zu behandeln. Dabei würde es sich zeigen, daß manche Dinge dort flüchtig behandelt worden sind. Man wird darüber nachdenken müssen, wie man dieses und jenes Problem von dem Gesichtspunkt des Kurses aus behandelt. Die betreffenden Kapitel wären so zu behandeln, daß man, mit Zugrundelegung dieser Prinzipien, eine Wärmelehre, eine Optik anthroposophisch schreibt. Das habe ich deutlich ausgesprochen.

Es kommt immer wieder vor, daß die andern ihre eigene Meinung sagen und dann behaupten, das wäre meine Meinung. Ich habe niemals geäußert, daß dieser Kurs bloß dazu dienen soll, Experimente zu machen. Das ist eine Aufgabe, die nie vollendet ist. Ich weiß nicht, warum man immerfort die eigenen Meinungen so an die Leute heranbringt, als ob ich sie gesagt hätte. Man kann den Dingen anhören, ob ich sie gesagt haben kann oder nicht.

Dr. von Baravalle: Das ist mir die liebste Antwort. Diese Aufgabe hätte ich in diesem Sinne gerne übernommen.

Dr. Steiner: Ich hätte nicht das mindeste dagegen gehabt, wenn nach der Zeit meines Kurses die Dinge auf diese Weise gebracht worden wären. Die Steffensche Wiedergabe des pädagogischen Kurses ist eine selbständige Arbeit. Aber warum zerbricht man sich immerfort die Köpfe, wie man meine Aufgaben lösen soll? Etwas ganz anderes wäre es gewesen, wenn jemand - in der Art wie Steffen im «Goetheanum» — in der «Anthroposophie» [über die Kurse] berichtet hätte. Die «Anthroposophie» muß von sich aus die Aufgaben lösen.

Es wird über die Verarbeitung des von Dr. Steiner gegebenen Sprachkurses «Geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtungen» [GA 299] gesprochen.

Dr. Steiner: Es kann sich nur darum handeln, eine kurze Sprachwissenschaft als selbständige Arbeit zu schreiben. Ein Zürcher Student hat in seiner Art die Probleme behandelt. Die Stuttgarter sind so faul, daß sie die Sachen im Archiv verstauben lassen. Es wäre eine entsprechende Terminologie zu finden. Wenn die Stuttgarter das leisten würden, was sie könnten, dann würde die Anthroposophische Gesellschaft die glanzvollste Gesellschaft der Welt sein. Die Dinge, die als Anregung gegeben werden, müssen von mir selbst durchgesehen werden. Ich habe gemeint, daß auf Grundlage des sprachwissenschaftlichen Kurses gearbeitet wird. Statt dessen ist überhaupt nicht damit gearbeitet worden.

Es wird vom Hochschulbund und der akademischen Jugend gesprochen.

Dr. Steiner: Der Hochschulbund war der Drehpunkt der Sache, wo die Dinge angefangen und liegengelassen worden sind. Von dem Hochschulbunde hatte ich von vornherein gesagt, so etwas nähme man sich nur vor, wenn man es auch weiterführen wolle, damit es gelingt. Man hat es liegenlassen. Der Hochschulbund gehört zu den Dingen, die am wesentlichsten das illustrieren, was nicht zu geschehen hat. Dieses Phänomen des Hochschulbundes, von dem man wußte, daß uns dadurch noch die Privatdozenten auf den Hals gehetzt würden: mit aller Kaltblütigkeit hat man einen Schlag ins Wasser ausgeführt. Sie haben doch hier Möglichkeiten gehabt, mit einer ganzen Reihe von jungen Leuten zu verkehren und sich also zu überzeugen, was diese Leute sagen, um aus dem, was nun als die traurigen Trümmer geblieben ist, die Grundlagen für etwas Positives zu gewinnen.

Als ich hier, nachdem neulich die erlauchte Versammlung zu Ende war, mit den jungen Leuten zusammensaß [am 14. Februar], da haben die ihre wissenschaftlichen Schmerzen vorgebracht, wollten wissen, was sie als Anthroposophen gegenüber der Wissenschaft zu tun haben. Die jungen Leute sind völlig wild. Sie müssen ihnen das klarmachen: Die Möglichkeit muß geschaffen werden, daß eine solche freie Hochschule befähigt wird, Doktordiplome auszustellen. Das ergibt sich als eine der Aufgaben für die Anthroposophische Gesellschaft, daß etwas gemacht wird mit diesem «Bund für freies Geistesleben», daß er nicht Fiasko macht. Dazu braucht man die jungen Leute. Das können Sie nicht mit den alten Tanten machen, das können Sie nur mit den jungen Leuten machen. Dann müssen Sie auch die jungen Leute für die Anthroposophische Gesellschaft haben. Gegenwärtig ist kein Herz da für die Anthroposophische Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, den Jungen wäre es am liebsten, wenn es gar keine Gesellschaft mehr gäbe.

Nicht wahr, es kann sich das nur dann ergeben; wenn Sie imstande sind, mit Bezug auf diese jungen Leute wirkliche Begeisterung zu erwecken. Das große Fiasko war dies, daß keine Begeisterung erweckt worden ist. Sie müssen bei den jungen Leuten Begeisterung erwecken. Die Jugend geht mit, wenn Begeisterung erweckt wird. Die nationalistische Universitäts-Torheit hat die Jugend hinter sich, weil sie eben Begeisterung erweckt hat. Wenn aber die Genualität dazu verwendet wird, trockene Theorien vorzutragen, dann wird die Jugend nicht mitgehen. Schwung muß in der Anthroposophie sein! Warum ist das so in Stuttgart, daß die Genialität nicht benützt wird? Daß man sich sträubt, den Willen zu aktivieren, um den Kopf zu benützen? Warum ist das Sitzorgan das Wirksamste, und warum will die Seele nicht herauf in den Kopf?

Es wird über die Freie Schule und den Weltschulverein gesprochen. Dr. Hahn und Frl. Dr. von Heydebrand sprechen darüber.

Dr. Steiner(?): Gesundes Selbstbewußstein könnte der Gesellschaft bekommen.

Louis Werbeck: Die Gesellschaft sollte sich für die Zentralschule interessieren.

Dr. Steiner: Die Schwierigkeit ist diese, daß zunächst für den ersten Anhub die Leute, die irgendwo leben, nicht ein unmittelbares Interesse daran haben, eine Schule in Stuttgart zu unterstützen, in die sie ihre Kinder nicht schicken können, so daß sie sich sagen müssen: Wir unterstützen eine Schule, aber die Wohltat der Schule können wir unseren Kindern nicht angedeihen lassen. Das ist nicht anders zu überbrücken als dadurch, daß man die Sache zur allgemeinen Menschheitsangelegenheit macht. Daß man etwas fördert, was von mir schon oft betont worden ist: Die Idee der Freien Schule in der Form eines Weltschulvereins zu propagieren. Dann würden die Leute ihr primäres Urteil erweitern und sich sagen: Wir sehen ein, durch diese Methode können die Schulen besser werden, eine solche Schule als Musterschule muß dasein. — Dann würde man nicht so sehr auf die DetailWirksamkeit, sondern auf den großen Gedanken der Freien Schule bauen. So etwas müßte populär gemacht werden, an die Zweige herangebracht werden. Das müßte als eine allgemeine anthroposophische Angelegenheit aufgefaßt werden, daß die freie Pädagogik behandelt würde. Dann würde sich wirklich etwas erreichen lassen.

Dann würde man durch Beiträge die eine Schule halten können, und die anderen Schulen würde man so behandeln, daß man sagen würde: Ihr könnt sie gründen, wenn ihr das Geld habt, sie auf private Weise zu halten. Aber eine Angelegenheit der Anthroposophischen Gesellschaft ist die eine Musterschule, durch die einfach demonstriert werden soll das Praktische dieser Methodik. Es kommt bei allen Dingen darauf an, daß man sie vor die ganze Welt hinstellt. Dann würde es gehen. Aber die Begründung des Weltschulvereins ist in den Wind geschlagen worden. Ich sehe nicht ein, warum dieser nicht hätte gefördert werden können. Ich sehe nicht ein, warum der Weltschulverein nicht hätte entstehen sollen. Aber wenn es sich darum handelt, die Genualität in die Tat überzuführen, dann versagen die Kräfte.

In Hamburg ist die Sache verhudelt worden. Was war der Ausgangspunkt? Pohlmann war gekommen und hatte gesagt, er wolle eine Schule begründen. In dieser Sache ist er allein voll verantwortlich. Heute müßte Pohlmann verpflichtet werden, seinen Verpflichtungen nachzukommen: Er sollte als Privatmann seine Schule gründen. Ich dachte, diese Gemeinschaft würde eine gute sein, denn diese Gemeinschaft Pohlmann und Kändler scheint mir ganz gut zu passen, und das würde gegangen sein. Wenn man nur so etwas in unserer Mitgliedschaft gerade und nicht immer schief nehmen würde! Ich weiß nicht, warum diese Privatschule, die der Pohlmann als Steckenpferd haben will, warum man diese Schule als Zweigangelegenheit haben wollte. Diese Schule hat Herr Pohlmann übernommen, also soll er sie auch durchführen.

Es ist nicht möglich gewesen, den Weltschulverein zu begründen. Denn die Stuttgarter Untugend trat auch außerhalb Deutschlands zutage.

Es ist auch nicht eine Animierung der ausländischen Freunde von Deutschland aus geschehen. Die Schwierigkeit ist die, daß die Leute sich sagen: Wir können unsere Kinder nicht nach Stuttgart schicken. Deshalb müßte man diese Sache auf eine andere Karte setzen.

Louis Werbeck: Die Leute empfinden es als eine Weltangelegenheir.

Dr. Steiner: Sie können sicher sein: Wären dieselben Verhältnisse heute möglich wie vor dem Kriege — daß nämlich eine große Anzahl von Leuten mit Leichtigkeit ihre Kinder hergeben könnten -, dann würde eine große Anzahl von Eltern an verschiedenen Orten verstreut sein, und die Leute würden viel mehr Herz für die Waldorfschule aus primären Gründen haben. Man muß den sekundären Grund populärer machen: den Gedanken der Freien Schule. Für pädagogische Ideen sind die Menschen leicht zu begeistern. Von einzelnem Lobenswerten abgesehen, herrscht in unserer Gesellschaft das nicht, was Begeisterung genannt werden muß. Wie oft habe ich hier in solcher Terminologierungsweise meine Verzweiflung ausgedrückt, wie schwer so ein Dreißigerausschuß in Schwung zu bringen ist! Es herrscht da eine Zähigkeit wie in einem Strudelteig. Es wird alles herausgewürgt. Höchstens wenn geschimpft werden kann, dann herrscht Schwung. In den idealen Dingen fehlt der Schwung. Wenn dieser Schwung doch da hineinkommen könnte! Genialität ist da, aber Schwung und Begeisterung müßte in diese Genialität hineinkommen! Man urteilt nicht zu streng, wenn man sagt, daß Begeisterung und Schwung hier zu vermissen sind. Die Leute tragen den kurulischen Stuhl mit sich, auch wenn sie gehen. Es werden die Dinge so grenzenlos gescheit erörtert. Diese grenzenlose Gescheitheit, die herrscht auch in der Beurteilung des andern.

German original of The Sixth and Final Negotiations Before the Delegates' Conference · ← Previous · Next →