The Fateful Year of 1923
GA 259 — 25 February 1923, Stuttgart
Bericht über die Delegiertenversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland
Die Versammlung wurde Sonntag, den 25. Februar 1923, abends 8 Uhr, durch eine Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, Herrn Emil Leinhas, Stuttgart, eröffnet. Herr Leinhas begrüßte in warmen Worten Herrn Dr. Rudolf Steiner und Frau Marie Steiner, sowie die Delegierten und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Er wies darauf hin, daß die Anthroposophische Gesellschaft an einem bedeutsamen Wendepunkt ihrer Entwickelung angelangt sei, und daß es jetzt darauf ankomme, daß jedes einzelne Mitglied die Aufgaben der Gesellschaft mit vollem Bewußtsein erfasse. Herr Leinhas knüpfte an die Empfindungen des furchtbaren Schmerzes und der "Trauer über den Verlust unseres Goetheanums an. Er wies dann auf die Aufgaben der Gesellschaft gegenüber dem vernichteten Goetheanum, gegenüber der neuen Kunst der Eurythmie, der Waldorfschule, dem «Kommenden Tag» und den anderen Unternehmungen, sowie gegenüber der religiösen Bewegung und auch gegenüber der wohlorganisierten Gegnerschaft der Anthroposophie. Er forderte auf, in der Kritik nicht zimperlich zu sein, sondern die Dinge frei und ungeschminkt auszusprechen, aber auch positive Vorschläge zur Neugestaltung nicht zu vergessen und in allen Stücken so zu sprechen, daß man fühlt, daß der ganze Mensch mit seinem lebendigen Interesse und mit seinem, von den hohen Idealen des Wahren, Schönen und Guten befeuerten Willen dahintersteht. «Wir vertreten die herrlichste Sache der Welt!» rief Herr Leinhas aus. «Eine Sache, die nicht zugrunde gehen darf, mag Europa noch so sehr den Niedergangskräften verfallen. Anthroposophie wird leben; denn Anthroposophie ist eine neue Welt!» Er wies in eindringlichen Worten hin auf den ungeheuren Ernst der Lage, auf die Verantwortung gegenüber der geistigen Welt und auf die Größe unserer Aufgabe, die nur durch Liebe und Begeisterung zur Sache erfüllt werden könne.
Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Referat über Die Lage der Anthroposophischen Gesellschaft
Wir sind in einem für unsere Gesellschaft außerordentlich wichtigen Augenblicke hier zusammengekommen. Es ist seit der Zeit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft die erste bedeutende Zusammenkunft, welche allein den Angelegenheiten der Gesellschaft gewidmet ist. Zwischen den Verhältnissen jener Zeit und heute besteht ein ungeheurer Unterschied. Damals war der größte Enthusiasmus für die Angelegenheiten der Gesellschaft bei allen Mitgliedern vorhanden. Die Führung wurde bei der Gründung von drei Persönlichkeiten übernommen, denen sich die anderen anschlossen. Es war damit ein Anfang gemacht, daß die Gesellschaft sich selbst weiterführen sollte. Die Aufgabe einer solchen selbständigen Führung war ihr damit schon damals gestellt.
In jener Zeit war ein starker Zusammenschluß vorhanden. Die Zyklenvorträge und Reisen Herrn Dr. Steiners, der durch sein unermüdliches Wirken zwischen allen Zweigen, Gruppen und auch den einzelnen Menschen stets ein vermittelndes Element bildete, hatten dazu beigetragen. Der Bau des Goetheanums, das uns jetzt entrissen ist, war ein lebendiges Zeugnis für den Enthusiasmus, der unsere Mitglieder verband. Damals hatte sich auch durch die gemeinsam erlebten Geburtsschmerzen der Anthroposophischen Gesellschaft zur Zeit der Lostrennung von der Theosophischen Gesellschaft ein intensives Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Jedes Mitglied lebte mit, was von der damaligen Gegnerschaft unternommen wurde. Jeder empfand es wie gegen seine eigene Person gerichtet. Was von einzelnen Persönlichkeiten der Gesellschaft als Leistungen vorhanden war, das kannte jeder, lebte es mit. In den Zweigen wurde an den verschiedensten Orten durch unermüdliche Arbeit eine intensive und stetige innere Arbeit geleistet. Kurz, neben vielen Unsitten und Sektiererischem, das noch als Tradition aus der Theosophischen Gesellschaft vorhanden war, erwies sich die Anthroposophische Gesellschaft in diesen ersten Zeiten als eine Realität. Und wir haben diese Realität wieder erlebt in der furchtbaren Brandnacht am 31. Dezember, wo alle so zusammenarbeiteten, wie es nur aus einem realen Empfinden dieses Verbundensein durch die Anthroposophie möglich war.
Eine neue Phase der Bewegung begann jedoch im Jahre 1919 durch die Gründungen, welche von Persönlichkeiten aus dem Schoße der Gesellschaft gemacht worden sind. Ich meine die Bewegung für Dreigliederung des sozialen Organismus, den «Kommenden Tag», die Waldorfschulbewegung, die Hochschul-Bewegung, die Forschungsinstitute und zuletzt die Bewegung für religiöse Erneuerung. Der ganze Enthusiasmus ist in diese Gründungen hineingegangen. Die Gesellschaft ist damals zur Tat übergegangen. Führende Kreise sind aufgetreten. Alles strömte nach Stuttgart. Was dagegen schwand, war der Enthusiasmus für die Angelegenheiten der Gesellschaft selbst. Es war eine ungeheure Verantwortung, welche jene Begründer der Institutionen auf sich nahmen. Blieben diese Persönlichkeiten nicht bei der Stange, so mußten die Folgen auf die Anthroposophische Gesellschaft zurückfallen. Durch diese Gründungen sollte einerseits etwas Allgemeinmenschliches gegeben werden, weite Kreise sollten hingeführt werden zur anthroposophischen Bewegung. Auf der anderen Seite aber mußte sich die Anthroposophische Gesellschaft mitentwickeln, sie mußte Schritt halten mit den Begründungen.
Aber in den führenden Kreisen der Gesellschaft war nicht das Bewußtsein vorhanden, daß die Gesellschaft in einer neuen Weise bewußt geführt werden müßte. Herr Dr. Steiner konnte nicht mehr, wie früher, selbst die Führung der Gesellschaft in die Hand nehmen. Die Leitung wandte alle Aufmerksamkeit auf die Vertretung der Tochterbewegungen. Die einzelnen Mitglieder fühlten immer weniger eine Unterstützung durch die Leitung, sie fühlten sich sozusagen allein gelassen, isoliert. Auch die Zweigleiter waren ohne Rückhalt von seiten der Leitung. Sie standen völlig allein. Die Mitglieder strrömten zu, aber niemand nahm sich ihrer an. Keine Maßnahmen wurden getroffen, um die Mitglieder zu tätigen Mitgliedern der gemeinsamen Sache zu machen. Eigentlich wurde die Peripherie durch die Leitung verlassen.
Schaut man auf die Entwickelung in den letzten Jahren zurück, so muß man sagen: Die besten Kräfte der Gesellschaft sind nach Stuttgart gegangen, haben aber nicht das, was sie selbst durch ihre Arbeit dort gewonnen haben, der Mitgliedschaft an der Peripherie zurückgegeben. Es kamen keine Informationen von seiten der Leitung hinaus zu den Mitgliedern der Gesellschaft. Man hatte kein Bewußtsein dafür, daß ein kontinuierlicher Strom von Nachrichten über das von Dr. Steiner vermittelte Geistesgut, über die Aufgaben der Gesellschaft, die Leistungen in derselben, die Gegnerschaft usw. hinausfließen müsse.
Und auch in Stuttgart hatte man für die Anthroposophische Gesellschaft kein Herz. Wir hatten gute Vertreter der einzelnen Tochterbewegungen, gute Lehrer, Vertreter der Dreigliederungsbewegung, der religiösen Erneuerung usw., aber fast keine guten Mitarbeiter in der Anthroposophischen Gesellschaft. Dabei wurde, wie es Dr. Steiner in einem seiner letzten Vorträge hier genannt hat, die Mutter, die Anthroposophische Gesellschaft, immer mehr vernachlässigt. Man trug in die einzelnen Tochterbewegungen seinen Enthusiasmus hinein, den man aus der früheren Zeit her hatte, aber man ging nicht dazu über, für die Gesellschaft selbst zu wirken und auf die Notwendigkeit hinzusehen, gerade das zentrale anthroposophische Leben weiterzupflegen. «Man kann auch ohne die Gesellschaft arbeiten.» Das war der große Irrtum, der ganz allgemein vorhanden war.
Diese Art hat sich ganz besonders in Stuttgart entwickelt. Die einzelnen Persönlichkeiten in den Unternehmungen trugen aus den Tochterbewegungen ein noch nicht völlig umgegossenes Wissenschaftsleben usw. in die Gesellschaft. Gewissermaßen unverarbeitet wurde viel Spezialistisches in die Zweige hineingetragen. Das anthroposophische Zweigleben konnte nicht Schritt halten mit den Begründungen. Gegenüber den meist erfolgreichen Kongressen und sonstigen äußeren Veranstaltungen war man nicht imstande, die Aufgaben, die sich für das Gemeinschaftsleben ergaben, auch wirklich zu lösen.
Das war «System von Stuttgart». In Stuttgart standen sich die Forscher, Lehrer usw. einzeln gegenüber. Es entstand ein Bureaukratismus in Stuttgart. Viele, die hierherkamen, fühlten das als eine gewisse eisige Kälte. Es war eben nicht gelungen, als es nicht mehr wie früher möglich war, Anthroposophie nur im Privatleben zu vertreten und seinen Beruf daneben zu haben, jetzt diese beiden Dinge in einem zu verbinden.
Eigentlich hätte die Leitung der Gesellschaft ihre Tätigkeit verdoppeln, ja verzehnfachen müssen, damit das anthroposophische Leben in der richtigen Weise und verstärkt weitergeführt werden konnte. Wenn die Anthroposophische Gesellschaft als solche nicht weiterkommt, müssen zuletzt auch die einzelnen Begründungen leiden; denn ohne die reale Anthroposophische Gesellschaft wären die Begründungen nicht möglich gewesen.
Dieses Verdoppeln der Sorge für die anthroposophischen Angelegenheiten ist nicht eingetreten. Es fehlte bei den Führenden und auch bei den meisten Mitgliedern das Bewußtsein davon, daß man die Gesellschaft auf ein Niveau bringen mußte, das der Fruchtbarkeit der Anthroposophie auf allen Gebieten gerecht werden konnte. Dagegen war überall ein Mangel von Zusammenleben zwischen Leitung und Mitgliedern der Zweige vorhanden. Schon zur Zeit der Dreigliederungsbewegung wurde nicht darauf hingewiesen, daß in noch ausgedehnterem Maße wie früher das zentrale anthroposophische Leben hätte gepflegt werden müssen. Man hörte von den Aufgaben der Dreigliederungsbewegung, aber nicht von den Aufgaben der Mutter, der Anthroposophie. Derselbe Mangel an Information zeigte sich auch, als die Bewegung für religiöse Erneuerung ins Leben trat. Auch da kamen zu den Mitgliedern keine Mitteilungen der Leitung, die hätten Aufklärung geben können. Auch schwand das Bewußtsein dafür, was Anthroposophie dem Menschen bieten kann, indem sie gerade zu einer Vereinigung von Wissenschaftlichem, Künstlerischem und Religiösem hinstrebt.
Dieser Mangel hängt auch zusammen mit den letzten Vorgängen hier in Stuttgart. Dazu muß die Vorgeschichte jenes Aufrufes berührt werden, der jetzt an die Mitglieder ergangen ist. Diese Vorgeschichte begann schon vor der Dornacher Katastrophe, hatte nichts mit ihr zu tun, denn sie lag begründet in der eben geschilderten langen Geschichte der Gesellschaft. Was auf dem Kongreß in Stuttgart (1921) beschlossen war, als der neue Zentralvorstand sich konstituierte, eine Vertrauensorganisation in der Gesellschaft zu schaffen, war nicht erfüllt worden. Im Zentralvorstand war kein richtiges Zusammenarbeiten vorhanden. Am 10. Dezember 1922 fand eine Unterredung zwischen Herrn Dr. Steiner und Herrn Uehli als Mitglied des Zentralvorstandes statt. In dieser Unterredung wies Herr Dr. Steiner darauf hin, daß entweder der Zentralvorstand durch Beratung mit anderen Persönlichkeiten eine Konsolidierung der Gesellschaft herbeiführen müsse, oder daß er sich über den Kopf des Vorstandes an die Mitglieder wenden müsse. Von Herrn Uehli wurde die Tragweite und der Ernst dieser Situation nicht erkannt. Infolge der Unstimmigkeiten im Zentralvorstand wurde dieser Auftrag nicht ausgeführt.1 Es kam dann nach der Dornacher Katastrophe aus der Initiative einiger Persönlichkeiten zu einer größeren Zahl von Besprechungen, in denen zum Teil eine sehr heftige Kritik der bisherigen Tätigkeit des Zentralvorstandes geübt wurde. Im Anschluß daran trat Herr Uehli von seiner Stellung als Zentralvorstandsmitglied zurück, Herr Dr. Unger bedingungsweise, falls die Initiative der genannten Persönlichkeiten zu positiven Zielen führen sollte. Dies geschah jedoch nicht. Herr Dr. Steiner hielt dann hier in Stuttgart eine Reihe von Vorträgen über die Probleme der Gesellschaft, und es fanden auch noch weitere Besprechungen statt. Schon in seinem Vortrage am 6. Januar 1923 in Dornach hatte Herr Dr. Steiner das «Stuttgarter System» charakterisiert, und dies geschah auch in der eindringlichsten Weise hier in Stuttgart.
Da zeigte sich, daß alle diese Fragen nur gelöst werden könnten, wenn man eine Versammlung einberief, in der die ganze Mitgliedschaft zur Mitarbeit aufgerufen würde. Es wurde zunächst nach dem Rücktritt von Herrn Uehli ein «provisorischer Zentralvorstand» durch Kooptation von Herrn Dr. Eugen Kolisko gebildet. Jedoch konnte diese Lösung nur eine provisorische sein. Nach langen Verhandlungen bildete sich dieses Komitee, das den Aufruf unterzeichnet hat, als eine Art Vertretung der einzelnen Institutionen. Es wurde durch den provisorischen Vorstand kooptiert. Man wollte dadurch zum Ausdruck bringen, daß eine solche provisorische Vertrauenskörperschaft nur aus den Institutionen gebildet werden könne und daß seitens dieser Institutionen die Absicht bestehe, der Anthroposophischen Gesellschaft zurückzugeben, was sie von ihr bekommen haben. Sie sehen aus der Zusammensetzung des Komitees, daß die wichtigsten Institutionen darinnen vertreten sind: «Kommender Tag», Waldorfschule, beide Verlage, die Zeitung, die Bewegung für religiöse Erneuerung, der alte Zentralvorstand, die zerstreuten auswärtigen Interessen.
Wir müssen also die ganze Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft selbst richten. Denn, was ist denn die Lage der Anthroposophischen Gesellschaft? Wir stehen ohne innere Geschlossenheit einer Welt von Feinden gegenüber, von der die Mitglieder nicht einmal wissen, wie stark sie ist, und wie sie darauf hinarbeiten will, der gesamten anthroposophischen Bewegung ein Ende zu machen. Wir müssen uns darüber klar sein, je weniger für die Gesellschaft etwas geschieht, je mehr sich im Innern ein Vakuum bildete, desto mehr hat sich die Gegnerschaft draußen verstärkt und vergrößert. Es wird nötig sein, daß die Mitgliedschaft durch Berichte diese Gegnerschaft und ihre Motive kennenlernt, um durch diese Kenntnis zu wissen, wie man etwas dagegen unternehmen kann.
Und dann muß wieder ein Kontakt zwischen Leitung und Gesellschaft zustandekommen, damit jedes einzelne Mitglied an dem Anteil nehmen kann, was geleistet wird. Mit dem «Stuttgarter System» muß gebrochen werden. Nur wenn offene Ohren vorhanden sind für alle Bedürfnisse der Mitgliedschaft, kann wieder ein anthroposophisches Leben erstehen. Es wird ja Gelegenheit sein, daß die einzelnen Institutionen im Verlaufe dieser Tagung ein Bild ihres Wirkens und ihres Standes geben, damit dies auch den Mitgliedern bekannt werden kann.
Jetzt hat die Anthroposophische Gesellschaft die Pflicht, ihre inneren Aufgaben vor allem zu pflegen. Denn durch die Vernachlässigung der inneren Angelegenheiten der Gesellschaft hat sich das Gesamtbild der gegenwärtigen Lage ergeben. Dann wird auch die Gesellschaft nach außen nicht ein Hindernis bilden für die Verbreitung der Anthroposophie, wie dies bisher der Fall war. Dann werden in der Gesellschaft alle die befriedigt sein können, die nach Anthroposophie sich sehnen, dann werden die anderen, die außen stehen, nicht abgestoßen werden.
Die Delegierten mögen nun ein Bild geben über den Zustand des anthroposophischen Lebens in den Zweigen. Dann wird durch die Aussprache sich die Möglichkeit ergeben, daß die anthroposophischen Angelegenheiten richtig besprochen werden können, damit ein jeder mitarbeiten kann an der Neugestaltung des anthroposophischen Lebens.
Herr Emil Leinhas, Stuttgart: Es wird nun notwendig sein, diesen Bericht von Herrn Dr. Kolisko dadurch zu ergänzen, daß die Freunde sich darüber äußern, welches ihrer Meinung nach die Aufgaben der Gesellschaft sind. Darüber soll jetzt die Aussprache eröffnet werden.
Herr Kurt Goldstein, Berlin, regt an, in bezug auf die Aussprache nicht die sonst übliche chronologische Reihenfolge der Redner, sondern die logische zuzulassen. — Der Antrag wird abgelehnt.
Herr Prof. Hermann Craemer, Bonn: In den Zweigen draußen vermißt man vielfach diejenige Lebendigkeit des Geisteslebens, welche Kraft des Wollens und Klarheit des Denkens gibt. Die Kraft und die Stärke des Gemeinschaftslebens wird aber nicht nur, wie bisher betont wurde, vermißt mit Bezug auf das Verhältnis der Leitung zu den Mitgliedern, sondern auch unter den Mitgliedern selbst. Man muß Stuttgart als Ganzes nehmen und mit anderen Zweigen vergleichen, dann sieht man innerhalb der Zweige dieselben Erscheinungen. Dr. Kolisko meinte, die Übelstände in den Zweigen seien vielfach darauf zurückzuführen, daß die Zweige in den Dienst der Dreigliederung gestellt worden sind. Der wahre Grund für die Übelstände liegt aber darin, daß die Dreigliederung undurchdacht hereingetragen wurde. Halb unbewußt haben sich die Mitglieder gesagt: Ich nehme die Dreigliederungsgedanken nur an, weil ich ja sonst nicht als vollwertiges Mitglied genommen werden würde. — Man sagt uns, es herrsche bei uns noch ein starker Autoritätsglaube, so daß dadurch die Kraft unserer Bewegung aufs höchste gefährdet wird. Aber Dr. Steiner selbst gibt nie sogenannte «Vorschriften», nach denen man handeln soll. Trotzdem beruft man sich vielfach in einer solchen Art auf Dr. Steiner, daß man sagt: «Ja aber... Dr. Steiner hat da oder dort dieses oder jenes gesagt.» Dieses darf in unserem Leben kein Argument bilden.
Notwendig ist daher das auf volle Verantwortung gestellte selbständige Handeln, selbst auf die Gefahr hin, daß wir uns einmal vergreifen. Und solange man nicht der Kritik selbst auch etwas Positives folgen lassen kann, kann man sich die Kritik sparen.
Frau Else Pfläumer, Dresden: Ich bin hierher gekommen auf das Schriftstück hin, das überschrieben war «Aufruf». Und aus alledem, was mir da entgegengetreten ist, aus dem, was überschrieben war mit «Aufruf» ist etwas wie Todesluft gekommen; als wenn man etwas organisieren wollte, was eigentlich ein Organismus ist, was der Leib werden will zu einem Menschen, zu dem Menschen «Anthroposophie». Und da finde ich, möchten wir uns doch wirklich einmal zuerst zu diesem «Menschen» bekennen, und dann anfangen, uns auseinanderzusetzen mit diesem Organismus.
Beim letzten Hochschulkurs hat Herr Dr. Steiner das Wort gesprochen: Anthroposophie ist ein Mensch. Als dieses Wort in mich hineinfiel, stand vor mir ein Bild: Johannes am Kreuz, in seinen Armen die Mutter Sophia. «Siehe, das ist deine Mutter. Und er nahm sie an sein Herz.»
Und so wie Anthroposophie hereingetreten ist in mein Leben, habe ich sie empfunden, daß sie Kraft der Katharsis ist, Kraft der Mutter Sophia. Und ich meine darum: Wir haben erlebt in der Neujahrsnacht, wie uns gestorben ist ein Mensch in unserem Bau. Und ehe wir daran denken können, daß uns wieder ein Bau erwächst, müssen wir gestalten, müssen wir unser Herzblut hineintragen, daß erstehen kann der Bau dieses Leibes der Anthroposophie. Dann erst können wir daran denken, daß Vitae Sophia daraus werden kann, mit der man etwas begründen kann, mit dem man hineingehen kann in die Wissenschaft, die man als Anthroposophie hineintragen kann in die religiöse Bewegung. Wenn man das, was Herr Dr. Steiner uns übermittelt, so wie er es uns gibt, hineinträgt in die Wissenschaft, ist es manchmal so, als wenn man etwas gestohlen hätte, wenn es nicht lebendig geworden ist, wenn es nicht einfach Kraft der Katharsis geworden ist.
Ich kann mich schlecht ausdrücken, aber so wogt und brandet es in mir. Und ich hoffe, daß die anderen Menschen, die es ausdrücken können, die die Kraft haben, es zum Ausdruck zu bringen, was ich eben aus der Empfindung heraus sagen konnte, es hinnehmen möchten und es befruchten, daß wirklich etwas wird aus unserer Zusammenkunft. Daß wir nicht nur sagen: Dieses oder jenes sind unsere Aufgaben, sondern daß wir einfach uns zu dem bekennen, was uns hineingetrieben hat in die Anthroposophie; daß wir uns zu unserer Sehnsucht stellen, die Keim geworden ist in der Anthroposophischen Gesellschaft, und daß, wenn wir diese Sehnsucht fassen, die eigentlich den Keim einer Anthroposophischen Gesellschaft heruntergeholt hat, daß wir diesen Keim zum Wachsen bringen lassen, daß dann eine Gesellschaft gewachsen ist und nicht organisiert.
Herr Otto Westphal, Hamburg, spricht zur Geschäftsordnung. Er will dazu beitragen, daß gleich von Anfang an des Zusammenseins Wachsamkeit walte.- Da er nicht zur Geschäftsordnung spricht, wird er unterbrochen.
Herr Josef Elkan, München, führt aus, er sei schon mit einem ganz bestimmten Programm hierher nach Stuttgart gekommen. Das wichtigste davon möchte er in Form einiger Wünsche aussprechen. Zunächst wünsche er, es möchte derjenige Zentralvorstand an die Spitze der Bewegung kommen, der sich der Aufgaben bewußt ist, die erfüllt werden müssen, um die Bewegung auf die entsprechende Höhe zu bringen. Dazu ist aber auch vor allem notwendig, daß einerseits von der Zentrale Richtlinien gegeben würden, anderseits die Autonomie der Zweige voll gewahrt bleibe. Mitgliederaufnahme, Art der Einführungskurse können nicht nach bestimmten Regeln oder Direktiven gehandhabt werden. Würden aber die Zweigleiter genügend orientiert werden vom Zentralvorstand, so würden sie in vollständiger Weise Vollstrecker des Willens des Zentralvorstandes sein können. Jetzt käme es darauf an, die Beratungen so zu gestalten, daß die Delegierten mit positiven Resultaten in die Heimat zurückkehren.
Herr Paul Knoop, Bochum, wünscht, daß man einen Aufruf an die Jugend richte, sich an der Bewegung zu beteiligen.
Herr Emil Leinhas, Stuttgart, erinnert daran, daß über die Jugendbewegung noch verhandelt werden soll.
Herr Dr. Wilhelm Zitkowsky, Linz, spricht zum Thema «Organisation der Zweige». Er warnt vor einer «Abkapselung der Zweige nach außen». Er schlägt vor, mehr als bisher die Schaffung von einzelnen kleineren Arbeitsgruppen ins Auge zu fassen. Besonders soll man sich mit der «Philosophie der Freiheit» in solchen Arbeitskreisen befassen, da ohne philosophische Grundlage Anthroposophie nicht an die Außenwelt herangebracht werden könne. Die Impulse des Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» müßten realisiert werden.
Herr Dr. Friedrich Rittelmeyer, Stuttgart, weist auf den ungeheuren Ernst der Lage hin gegenüber der sehr zahlreichen Gegnerschaft. Es habe eine Versammlung «Nicht-anthroposophischer Kenner der Anthroposophie» stattgefunden, in der die bekannten Vorwürfe wieder vorgebracht wurden, und durch die sie wieder durch Versendung des Protokolls weithin verbreitet werden. Das Hauptproblem, das der Gesellschaft jetzt vor allem auch durch die kultische Bewegung gestellt ist, sei die Frage, wie man in der Anthroposophischen Gesellschaft von den eigenen Geistesvoraussetzungen aus zu wahrer Gemeinschaft kommen könne. Man habe aus der Anthroposophie einen Egoismus gemacht und hätte eine große Menschenliebe daraus machen müssen. Man lebe auf einer Insel und müßte als ein weithin sichtbarer Wallfahrtsberg mit einer Menschenheilstätte in der Kultur stehen. Wenn das Wort Anthroposophie wirklich innerlichst zur Wahrheit wird, wenn aus dem Wissen eine persönliche erarbeitete Weisheit und durch sie wirklich ein neues Menschentum wird, dann und nur dann würde die Arbeiterschaft, würde die Jugend Vertrauen gewinnen können.
Frau Lili-Maria Eljakim-Werner, Wien, greift in bezug auf die Arbeit in der Außenwelt einiges heraus: wie nämlich eine bestimmte Art des Arbeitens uns genützt, eine andere Art uns geschadet hat. Das müßte mitgeteilt und ausgetauscht werden. «Abkapselung» zum Beispiel schadet insbesondere, wenn man den Menschen Anthroposophie bringen will. Will man dies, so muß man die Menschen kennen, wie sie sind. Dazu wäre es wünschenswert, sich auch mtit anderen Bewegungen zu befassen. Man dürfe solche Bewegungen nicht als inferior bezeichnen. Die Menschen dort haben einen guten Willen; die Antwort aber auf die Fragen, die sie bewegen, haben wir. Man müsse beachten, daß es ein Unterschied sei, ob Herr Dr. Steiner etwas sagt, oder wir. Wenn wir es nicht erlebt haben, so sei es Kenntnis und nicht Erkenntnis. Schädlich sei vor allem eine Kritik der Gegner von oben herab. Herr Dr. Steiner stelle Tatsachen hin, und wir hätten die Urteile, die wir uns daraus gebildet hätten, vor die Welt gestellt. Die anderen müßten einsehen, daß hinter der Anthroposophie etwas stehe, das man kennen muß. Zwischen der Welt und der Anthroposophie stehen wir Anthroposophen.
Herr Louis Werbeck, Hamburg: Man fordert hier Dinge, die überholt sind, oder Selbstverständlichkeiten. Seit dem Kongreß haben wir darauf gewartet, daß Tat würde eine Kooptation des Zentralvorstandes über Deutschland hin. Dieser Ausbau ist nicht in Erscheinung getreten. Es besteht die Notwendigkeit, daß der Zentralvorstand an vielen Orten seine Vertreter hat, die im Zusammenklang mit Stuttgart arbeiten. Die Dinge müssen aber reif sein. Die andere Notwendigkeit weist auf das Gemeinschaftsleben. Wir brauchen Formen des Verkehrs, wenn auch nicht gerade kultische. Die Dinge können so gegeben werden, daß sie jeder Mensch verstehen kann. Das Geistesgut kann im guten Sinne popularisiert werden. Die Zweige müßten sich auswachsen zu anthroposophischen Hochschulen. Jeder einzelne kann mehr leisten als er glaubt.
Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Die Schwierigkeiten in der Gesellschaft hängen damit zusammen, daß man die besten Kräfte hierhergerufen hat. Man könnte sagen, wenn man sie alle wieder zurückschicken könnte, dahin, woher sie gekommen sind, so wäre alles gut; hiermit war gemeint, daß alle diejenigen, welche heute in den Stuttgarter Institutionen arbeiten, früher in den Zweigen, zum Teil sogar als Zweigleiter, intensive anthroposophische Arbeit geleistet haben. Dann aber müßte alles ungeschehen gemacht werden, was mit den Gründungen zusammenhängt und wir können nicht die Verhältnisse von 1918 ohne weiteres wiederherstellen. Außerdem sind neue Kräfte, die von außen hinzukommen sollten, mehr abgestoßen wie angezogen worden. Die Gemeinschaftsbildung ist das allerwichtigste Problem, aber sie ist hier besonders erschwert. Denn wir können uns nicht wie bei der religiösen Erneuerung auf einen Kult stützen, der die Gemeinschaft bewirkt, sondern wir müssen von den Individualitäten ausgehen und trotzdem Gemeinschaftsbildung haben. Die Größe der Leistungen der Anthroposophie ist in der Gesellschaft gar nicht anerkannt worden. Was hätte nicht für die Eurythmie geschehen können ? Man kennt vielfach die Aufgaben gar nicht, die es zu lösen gilt. Leider hat sich bei der heutigen Diskussion kein Bild über die Lage in den einzelnen Zweigen herausgebildet: Wir können aber uns gar kein Urteil bilden, wenn nicht die Delegierten selbst uns ein solches Bild der Lage in der Gesellschaft geben. Schluß 11 Uhr.
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Der Hergang war so, daß Herr Uehli, nachdem er die Tragweite dieses Auftrags nicht erkannt hatte, auch keine Veranlassung nahm, Herrn Dr. Unger von diesem Auftrag Kenntnis zu geben. Erst am 24. Dezember fand eine Unterredung statt, in welcher unter anderem auch Schritte zur Reorganisation der Gesellschaft besprochen wurden. Daß ein Auftrag von Herrn Dr. Steiner vorlag, erfuhr Dr. Unger erst am 17. Januar. ↩